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Full text of "Deutsch Amerikanische Monatshefte Für Literatur, Kunst, Wissenschaft Und Öffentliches Leben 4.1867, Band 1 ( Jan Jun)"

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Pftttfd)-^mcrihatufd)c JMonatsliefle 

fui 

Literatur, Jumfl, ^iffenfeftaft imö 
offenffidjes <icßcn. 

Äcbtjjtrt ron 

9fu&p(pl> £egptp. 


IV. .Saljrgang. I. $atti>. 1867. ^anuar-jfjfft. 


51 n & i t ftftt. 

Sie SeutfcbsHmeritanifcfeen Monatshefte fallen ihren erften iafergang 
unter ber je^igen föebaftion ooHenbct unb beginnen mit biefer Stummer einen 
^Weiten. Sa« Unternehmen ging auf eine SBeife in unfere £änbe über, welche 
e$ §u einem in mancher SBejiehung burcfeauS neuen geftaltete. @S War 
leine eigentliche 23afiS borhanben, unb (Eingeweihte wiffen, was e$ beifeen miß, 
hier $u Sanbe mit einer 3eiti<buft »on born ju beginnen, währenb eS 
Uneingeweihten fefewer fallen wirb, fufe eine SBorftellung bon ben bamit 
berbunbenen Schwierigfeiten unb Unannehmlicfeteiten ju machen. Safe mir 
bis jefet einen SBortfeeil barauS gezogen, tonnen wir nicht behaupten unb 
haben eS auch nicht erwartet SBei ber Uebernahme leitete uns ber 2Bunfcfe, 
ber beutfehen intelligent in Hmerita ein Organ ju erhalten, welches fefeon biel 
©uteS geftiftet hatte unb ohne unfer Sa$wififeentreten untergegangen ober in 
Unrechte £änbe gerathen wäre. Sagegen tonnen wir fagen, bafe bie SBefcfeäf* 
tigung mit ben Monatsheften, bie Hufnahnte, welche fie in bielen Greifen ge* 
funben, bie ^Beurteilung, welche ihnen in Seutfcfelanb §u Sheil geworben, 
unb bie Hnertennung, welche uns bon manchen Seiten jutam, uns oiel greube 
gemacht hat Huf einen materiellen ©ewinn wirb für bie 3utuuft fo wenig 
wie jefet geregnet; wenn bie Unterftüfeung nur ber Hrt ift, bafe wir bem 3ielf 
welches wir uns borgeftedt hohen, näher rüden tonnen ohne gar ju grofee 
Opfer §u bringen, fo fühlen wir uns bolltommen befriebigt 

3n wie weit bie Monatshefte im lefeten 3afergang il;rer Hufgabe genügt 
haben unb in wie fern ihre Haltung währenb biefer 3eit einen gortfeferitt gegen 
früher bebingt — baS ju beurteilen, ift Sache beS ^ublifumS. 2Bir fmb 
uns bemufet, mit Siebe, nach beften tfräfteu, baS Unfrige getan ju haben, 
werben es auch ferner am ^Bemühen, neue unb tüchtige Kräfte heranjujiehen, 
nicht fehlen laffen, unb bie gefammelten (Erfahrungen berechtigen uns |u ber ©r* 
Wartung, bafe biefeS Streben eine immer allgemeinere Hncrteuuung finben wirb. 






Kittmoegs. 

Sleifrtilbcr wnVIfretflteittter. 

Stegen; unb StagenjernmUr. 

I. 

S)er ^orijont ermeitert fich in« ßnblofe. ©« ift al« blidte ba« 2luge in 
eine unermeßliche lichtblaue ©la«glode, au« melier magifch unbeftimmte ßon* 
touren langfam peroortaucben. 2fHe« ift blau: bie Suft, bie gerne. 3)a geigt 
ficb im bldifem 33lau ein tiefgefärbter, unenolich au«gebebnter Streifen, in 
meinem golbene glimmet aufblipen. Sta« ift ber ©obenfee. 2Bir nähern un« 
ihm minbfcbneH. ©alb rollt ber 3ug gleichfam mitten hinein in« tiefe, flüffige 
Element; man fteht taum ben Stamm, über ben er hinmegfept, um bie Stabt 
SU erreichen, bie auf einer 3nfel im 2Wittag«fonnenlichte gldugt. 2Bir finb in 
Sinoau. 

SDBir fliegen nur burch. ©n Heiner Stampfer märtet bereit« unb puftet 
ungebulbig. 2ßir nehmen unter bem 3eltba<be ©laß. Unmittelbar barauf 
toirb bie ©rüde meggenommen. Unb nun geht e« groifcben bem monumentalen 
Söroen unb bem netten Seuchtthurm hinein in bie fchimmernbe Spiegelfläche bc« 
fdjmäbifcpen 2Jteere«. 

2Jtan muh monatelang quer unb Irumm burcb finftere ©affen umberge« 
manbert fein, um ba« ©lüd eine« folchen 2Jtoment« recht ju empfinben. 2Bal« 
begrün, $llmmiefen, gelöabftürje, fchneebebedte ©ergbäupter, ade« ba« auf 
einmal mieberjufeben, nachbem man e« gefannt, geliebt unb lange oermifjt hat, 
ba« beglüdt, ba« befreitl <5« mieberholt fich in ber URenfchenbruft gleicpfam ba« 
©efübl 2tt>am’«, mie er gum erften SRale mit ftaunenben Singen in bie geftern 
gefchafjene ©otte«roelt blidt. 2Ran hat feine ftuhe mehr, man möchte mitten 
hineinfliegen unb in ffialb, SEBiefe unb Schnee toll mie ein flnabe herum« 
fpringen. 

S)er Steuermann hat bie Dichtung nach Süboften gegeben, mir nähern 
un« ©tegenj. 3)ie genfter jmeier ungeheueren ©ebäube hart am See glänjen 
im Sonnenfehein, babinter, eine Anhöhe hinaufgebaut, liegt ba« Stäbtchen, oon 
allerlei altem ©emäuer gefrönt; ben £intergrunb bilben mächtige, herrlich be« 
malbete ©erge. Seitmärt«, oon ber ernften, fchneebebedten Sllpenfette über*» 
ragt, behnt fich bie 9Rb«inebene. (5« ift ein ©ilb bon unau«fprechlichcr ©rächt. 
Stoch fchon fteuem mir in ben £afen. Sluf bem STOolo erblide ich Won oon 
fern eine mächtige ©eftalt, bie fich burchau« nicht in ber UJtenge verbergen fann; 
e« minft ein Stach — mein lieber greunb IRobert ©pr ermattet mich. Unb 
Won bin ich ber ßrfte am Ufer. 

3<h treffe bie Stabt in Slufregung unb feftlich gefchmüdt. 6« beginnt 
ba« greifdjie&en be« oorarlbergfchen Scpü&enaufgebot«. S)ie Käufer jinb be¬ 
flaggt, bie garben aller fünf ben See umgebenben Sänber flattern in ben 
fiüften. 34 fehe auch ein paar beutfehe ©anner. SBie auf einem 3<4roiarlte 



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babert fi<b alle «goltePfchen „Sagabunben" ein SRenbepoua gegeben. (Sin 
GircuS ift aufgefchlagen, unmittelbar gegenüber macht ihm eine SltrobatengefeH** 
föaft Goncurtenj. (Sin Glomn, ber auf einer 2Bange ein Sßiquev auf bet 
anbern ein Goeur^Slb aufgemalt bat, baranguirt bie Stenge non ber $5be einer 
Tribüne, bo<b feine SBorte bleiben faft unoerftänblkb, Denn auf ber anbern 
Seite fe$t ftcb unter gräulichen Xrompetenfanfarcn eine SReitergefedfdhaft in 
Semegung, um ihren phantaftifcben Urajug $u halten. Sie bat ein paar SBeiber 
bei ftcb, non beten braunen 3igeunergeji<btern unb beinahe fcbmarjen $änben 
ftcb bie turjen, bochaufgebaufcbten glotfleiber unb fleifchfarbenen Sricotg an 
Sinnen unb deinen gang tounberbar abbeben. 3)afj fie unmöglich nerfübrerifch 
fein tonnen, feben fte felbft ein unb bliden finfter unb ftreng. Gin 2Jtobr ber 
fthmärjeften Gattung fipt auf bem hoben $rapej, fchautelt ftd? nacbläfftg, beibe 
Sinne um bie Seite gefchtungen, fcheint aber tneniger barüber nacbjubenten, 
toelche golgSn ber Sieg ber UnionSftaaten für feine 9tace, ate nielmebr, tnelched 
(Srgebnifj biefer Umjug für bie GefedfcbaftSlaffe abmetfen merbe. 

Schaubühnen noch anberer Slrt ftnb aufgefchfagen, mit Sorgen, SWeer* 
Jungfrauen, SRiefenbamen unb SJtifcgeburten, unb loden bie 3Renge in ihre 
JRäunte. 3<h b 5re ®on fern eine Slnfpracbe an bie Schüfen richten, unb un* 
mittelbar barauf trachen bie 93511er, bie ben Seginn be$ greif cbiebenä lunbge* 
ben. 2)ie 2ftufif jahlreicber Schüpentapeßen ertönt au§ ben üffiirtbshäufern, 
nun tommt auch eine $roceffion mit frommen Siebern oon ber $öhe baher; 
ba3 giebt ein Ghao3 oon £önen, ein muftfalif(he3 Gharioari, halb fromm unb 
halb zeitlich, rote in einer aJteperbeer’fchen Oper, unb ich mürbe mich hei bem 
Gemühle oon Sanboolt unb Stäbtern in bem fonft fo ftillen Sregenj taum 
jurechtfinben, toenn ich nicht meinen gührer §ur Seite hätte. 2lrm in 2lrm mit 
ihm fteige ich burch bie getounbenen Gaffen in bie £öhe, bis ju einem cafted* 
artigen SBohnftpe, bem uralten #aufe berer oon 25euring, too ich im freunblichen 
gantiltentreife bie berjlicbfte Aufnahme finbe. 

2113 ich meinen greunb Robert 93pr jum leften dftale in $rag fab/ trug 
er ben hellblauen, golboerfdhnürten Slttila unb einen raffetnben Säbel an ber 
Seite. Gr mar £ufarenrittmeifter, batte eine IHeitfchule unter ftcb unb lag ber 
Pflicht ob, eine SRenge mehr ober minber ungelenter Sengel gu Weitem au$* 
jubilben. Gr burfte nur gan§ nebenher $oet fein. Snbefc hatte er feit lange 
fcbon, eilig, gteichfam im Sattel ftpenb, eine ganje SReibe oon Silbern au£ bem 
Solbatenleben mie mit farbigen GraponS entmorfen unb betannt gegeben. 3)iefc 
Silber mißfielen bem unb Jenem feiner Herren Sorgefeften. Sie lieben ihn 
ihren Umrißen fühlen, einen Unmtßen, ben fein Stof) nicht ertrug. Unab« 
hängig geftedt, nahm er feinen Slbfcbieb. 


So toar ber greunb lange oerfömunben. 3# muhte nur, bah er, 3er* 
ftreuunq unb Slblenfung oon traurigen Gehanten fuchenb, feit SRonaten im 
Sllpenlanbe umberftreife. S)a erhalte ich plüfltch einen Srief au$ Jöregenj mit 





„Seit btei SWonaten ^ict — gabrt im 93oot — Sturm — SebenSrettung 
— SiebeSerfldrung — SBerlobung — in bier SBocben ^oebseit.* 

Tamit waren aderbingS in Äurjern bie ßapitelüberfcbriften eine» SlomanS 
gegeben, bamit id) mir ihn nach belieben weiter auSmale, aber fein Verlauf 
fonnte boeb fo ober anberS gebaut werben. Slun, es ift 2IHeS $um 93eften 
gegangen, unb fann ich Don einem ÜDtenfc&en, ber ju allem SInbern noch eine 
liebenäwürbige grau gur Seite bat, benten, er fei ooHfommen gludlicb, fo ift es 
S3pr, ber Slutor ber „Oefterreidjifcben.Qarnifonen". Tabei möd?te ich ibn auch 
ben beftfituirten beutfeben ScbriftfteHer nennen, f(bon barum, weil er au£ feinem 
genfter einer SluSftcbt geniest, wie fein anberer Üßoet in fdmmtlicben beutfeben 
SBaterldnbern. ©r lann, ohne ficb wenben, bon feinem Scbreibtifcb bur<b$ 
genfter in fünf Staaten bilden. 

Tem ©ebbarbSberg, ju welchem ein bequemer SBeg binauffübrt, gilt am 
Slbenb meiner SUilunft, naebbem ficb bie Schwüle beS Tages germnbert, mein 
erfter Söefudj. Snnerbalb ber Ruinen be» alten SJtontfort’fcben Schlöffet 
Rannenberg bat ficb eine ©aftwirtbfebaft aufgetban. Welcher S3lid oom Slltan 
auf baS 9tbetntbal urib bie fiette beS Sdntis! Sie glübt im Purpur. To<b 
f<bon will bie untergebenbe Sonne in ben Seefpiegel taueben, tiefer glübt 
wie gefcbmolseneS ©olb; breite, bom glübenben Wotb ins pradbtoollfte Orange 
berlaufenbe gldcben rollen ficb auf unb breiten ft<b aus, noch weiterhin bli&t eS 
wie mit großen golbbellen Hugen auS bem SBaffer. ©S ift bie prdefctigfte ber 
RantaSmagorieen! Ta& auf biefer Seite bie Sonnenfcbeibe boll unb gang 
unmittelbar in ben See ju taueben febeint, baS ift, waS biefeS Ufer bot allen 
mir befannten au^eidjnet., 

Tags barauf ift in SJregenj 2WeS wieber ftill. geh ft6 c in bem Keinen, 
aber wunberfebonen ©arten, in einer Saube, an welcher bie^anb bc£ greunbeS 
biebte 3weige beS UtofenftodS binangejegen. Unten erbebt ficb terraffenfikmig 
ber weitgebebnte Steingarten. Ter füfje, refebendbnliebe Tuft ber blübenben 
Siebe Wurst bie 2uft. Tie glinten* unb 23511 erfdbüffe auf ber Scbiefjftdtte, beren 
Scheiben im See fteben, fmb berftummt, benn es ift eben Mittag. Sluf 23ücb* 
fcnfcbufjweite bon mir liegt in einem grünen ©runbe ba$ ÜRonnentlofter Thal* 
bacb; unmittelbar barüber erbebt fub ber f(hone alte Thurm ber Rarrfircbe; 
nur wenige Schritte baoon, auf einer anbern. Slnböbe, ftebt — welches Ueber* 
ntajj bon ©rbauungSmitteln! — abermals eine Kirche. Tafe fie einem ßapu* 
Sinerflofter angebßre, fagt bie SBinbfabne, bie nicht etwa einen £abn ober einen 
Reil, fonbern einen SBruber ßapusiner borftetfr. Tie ©loden unter bemfelben 
lauten eben jefet wie su allen Tageszeiten. Sie begannen febon um halb hier 
Uhr, unb ich fragte, mich im 93ette umwenbenb, was benn bie frommen gratreS 
. febon fo früh trieben unb ob benn ber Tag nicht zum Söeten auSreicbe, ba6 fie 
einen ermübeten Touriften noch in ber heften Scblummerjeit aufftörten ? ©nblicb 
febweigen bie ©loden. Sßeube Stille umher! SBelcber grieben! 2Bel<be Sibön« 
beit! SBeifee Segel beleben bie azurne gldcbe, unb bie Tampffcbiffe sieben bori* 
Sontale Slaucbftreifen non einem Ufer sunt anbern. Ta febe ich jenfeitS beS 


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Sees ein lichtes weißes ffiölfchen fidj am ©eldnbe gegen Sinbau fynabfdjtän* 
geln. ©S ift bet ©ilgug, mit welchem ich geftern getommen. 34 W« 4» 
nach, froh, baß ich nicht mit ihm weiter muß. 

2)aS Panorama beS ©ebbarbSbergeS wieberbolt ftch in weit großartigerem 
üftaßftabe bon ber Spipe beS Sfdnber. ©3 ift gurn Serwunbern, baß biefer 
SluSficbtSpuntt, welcher ohne Slnftrengung in jwei Stunben erfliegen werben 
lann unb mit ben fchönften im beutfchen Sllpenlanbe rioalifirt, nicht gasreichere 
Sefucber finbet. üöton überfiebt bie gange weite Dtyeintbalebene unb eine gange 
fiette fcbneebebedter Serge: S^weigerv Sirol«* unb 2llgduer*$tlpen. Sinbau 
auf ferner Snfcl, wie ein Heines Senebig, liegt fo täufcbenb nabe; man meint, 
man tßnne einen Stein hinein werfen. 3 n feiner blauen Sucht erfcheint San* 
genargen, wo ber beworbene Äönig oon ffiürtemberg eine grobartige Silla 
erbauen lieb; baS rafcb emporblübenbe griebrichSbafen ift im blauen 2)ufte 
fuhtbar; ein gutes Sluge erblidt fogar bie alte ©oncilftabt ©onftang, unbeimli* 
eben SlnbentenS, mit ihrem fünfter unb ber neuen SHbeinbrüde. $ort ragt 
ber ^obentwpl, wobin Siltor Scheffel feine fchöne ©ttebavbSjage oerlegte, 
drüben auf S4weigerufer SomanSborn unb Sobrfcbacb unb alle bie Ueinen 
Slieberlaffungen, bie ben See auf biefer Seite umfdumen. 3u ihnen geben, 
Oon ihnen tommen raftloS eilenbe Dampfer, Spmbole unb 3«*gen regen 2Baa* 
renoertebrS. ‘ 2Bie ber Slid buf alle biefe woblbabenben Stabte, biefe empor* 
blflbenben gabriten, biefe SiüaS unb Dampfer baS ©ernütb ergreift! 2Belch 
Ungeheuern Stritt aus ber SHobbcit unb 2Bilbbeit, aus ber ©eifteSnacht unb 
ber Sarbarei bat bie 2Belt feit jenem Sage gemacht, an welchem aus bem 2Bin* 
tel bort ber 2Biub bie Slfche £uffenS in ben See trieb! 

©in feltfamer 3ufall bat es gefugt, baß um ben See b«um fuh allerlei 
ejilirte, oertriebene unb abgebantte Souoeräne angeftebelt haben. 2Bie baS 
$uge mit bem gernrobr berumfpdbt, ftebt es biefe Sliple wie gu einem Senbej* 
oouS gufammengerüdt. Sei Sinbau in einer tleinen Silla wohnt ber jüngere 
©roßbergog oon SoScana, ber auch bereits regiert bat; baoor liegt feine Heine 
Slottille oor Sinter, benn ber Sring ift ein grober Schifffabrer, befjen £aupt* 
bergnügen eS ift, burch SBinb unb SBctter gu fteuern. Unweit baoon, in ber 
Silla beS bringen Suitpolb, wohnt beffen ©entablin, eine ^rin$effln oon Sto* 
bena. drüben, auf Schweigerfeite, auf ber Sabnlinie oon Diobrfchach nach 
©bnr, ftebt Schloß fflartegg, baS bis gu ibtem $obe ber Slufentbalt ber oer* 
Wittweten £ergogin oon Sartna war. So bat bie Seugeftaltung ber 2)inge in 
3talien allerlei gürftlicbleiten hierher gefcbleubert; ber Stann aber, ber biefe 
Jteugeftaltung beroorgerufen, bat feine Sßobnung am Sobenfee Idngft aufgege* 
ben, ber Surger oon Salenftein wohnt in ben Suillerien. 

Säge ber Sfänber in ber Schweig, bi« ftänbe gewiß ein großartiges £otel. 
SEBie eS nun eben ift, nimmt ein SBirtbSbauS befebeibenfter Slrt uns auf. ©in 
Schweiger bat achtgebntaufenb grancS für baS Heine Sefifctbum geboten; ber 
©igentbümer bat fie nicht angenommen, man rietb ihm baoon ab. 2)em Slbra* 
tben lag bie gurcht gu ©runbe, noch mehr Srotcftanten im Sanbe gu feben. 



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Stir mar fo mobl im alten dafieü betet bon Deuting, im ©artenjimmer, 
mo bie alten $o( 5 f<bnitte gingen, unb unter bem groben Kubbaum, bab ich 
taum ins Stäbtcben binablam. ^ödjftenS fheifte ich eS, toenn mit Kacbmit« 
tags eine Spazierfahrt im Aabn borbatten. Da fetteten mir baS Soot loS, 
[teilten, je nachbem bet SBinb mar, Segel auf ober griffen nach bem Kuber* 
unb pfeilfcbnell ging eS bann bie mächtig binanfleigenben, nubbaumbemalbeten 
Ufer entlang, bis mir bor irgenb einem an bet ©baujfee gelegenen 2Birtb$baufe 
anlegten, um bort ben Sonnenuntergang jur Küdfabrt abjumarten. 

©nblich fodte bocb ein SluSflug in ben Sregenjermalb unternommen 
merben. 

Heber uns lacht ein golbener Storgen. ffiir f(breiten ben leucbtenben 
©ebirgen 31 t. Stuf ben gelbem arbeiten fcbon Seute, bie Siefen fmb bell be¬ 
tbaut, ba blühen Millionen Slumen. Die Sögel fchieben burcb bie Suft, jagen 
bon Sufcb su Sufcb, als fpielten fie fangen unb Serftedfen. Sir fommen 
nach Schmarjacb, nach Sllberfchmenbe; baS fmb nette, reinliche Dörfer. Stau 
fiebt grobe Soblbabenbeit. Siele Käufer haben jmei Stodtmerte, SiebbauS 
unb Kebengebäube, bie ©iebelbalten geben in Kobtöpfe auS*, ni<ht feiten ftebt 
oben ein Areuj. Salb mutbet eS ben ffianberer an, als befänbe er fuh im 
meltoerlaffenften Hochgebirge. Seitbin gebebnte Kabelmälber ufnfangen ihn, 
er hört nur bann unb mann baS Kaufeben ber Saffer, baS klappern einer 
Schleif* ober Sagemühle, ben Schlag beS Seils. Hin* unb mieber oernimmt 
man ben mebmütbigen Sfiff beS ©eierS. 

Die Sonne bat faft bie StittagSböbe erfliegen, ©in lurjeS Steigen über 
bie „Soreine 41 , auf beten Abhang allenthalben bie blauen ©en$ianen aus hohem 
©rafe berauSfcbauen, unb eS öffnet ficb bem Slict eine ungeheure gemfubt über 
Statte unb Salb. Schmalenberg liegt in ber Diefe, ein frieblicbeS Dorf mit 
einem Aircblein in ber Stitte. Die Sonne brütet faft [entrecht über bem Dbal, 
bie Schatten fmb lurj, faft nicht öorbanben, bie giebtenmälber ftarren empor, 
in ber gerne flehen im Halbfreife mächtige ©ebirge, tbeilmeife noch mit ihrem 
Sintertleib oon Schnee. Das Silb ift fo fcbon, mir müffen laut aufjauebjen, 
unjer gübrer ftimmt mit echt tirolifchem „ 3 u<he 3 er" ein; fo eilen mir ben Serg 
hinunter. 

Hier, in biefern meltfemen ©rbenflecf, haben bie Stufen ein Ainb in ber 
Siege getübt, hier mürbe Slngelita Kaufmann geboren, oielleicbt oaS interejfan* 
tefte meiblidje Dalent, baS je ben ^infcl geführt. 3»« $otfe angelangt, trete 
ich in bie Airche, mo Arbeiter auf einem ©erüft befchäftigt pnb, unb febe mir 
ihre Starmorbüfte an. 

Stich interejprt Ungelita Aaufmann. 3m 3immer, baS ich als Anabe 
bemobnte, hing eine ganze Keibe ältlicher englifcber Aupferfticbe, ihre Zeichnun¬ 
gen jur „öbpffee 41 . Sie oft ftieg ich auf Aanapee unb Stühle, um fie recht 
genau ju betrachten! Die gute Stutter nannte mir jebe gigur, mer ber Sßrin| 
Delemach fei, mer bie ^rinjeffm Kaufitaa, mer UlpffeS unb mer Penelope; ich 


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mutte auch, bat bet |>unb Slrgug ^eite. Dtefe Silber gefielen mir gang 
auperorbentßch unb ich habe noch jebeS Rar im ©ebächtniß. 

Später fab ich Slngelita’S Süb, oon 2Rengg gemalt, unb noch weit fpäter 
lad i<h bon ihren wunberlichen Schidfalen. Die Dochter beg bifchöflichen ^of« 
ntalerg in (Shur, in Italien früh gu 9Xuhm unb Qlyctn gelangt, mar fte nach 
Gnglanb getonimen. Sie malte bie Döchter ©eorg’g II. ©n reicher Sann 
bot ibr $anb unb Setmögen, erhielt einen flotb bon ihr unb rächte ft<h furcht¬ 
bar, in ähnlicher Seife, tote in Diberofg ©jgählung ft<h Sabame be la $om« 
merape rächt, ©n fcb&ner junger Senfdj, hoch einer aug ber #efe fionbong, 
mürbe in ben Stanb gefept, fuh in Slngelita’g £aufe gu geigen unb ft<h um bie 
Äünftlcrin ju bewerben. © gefiel ihr, fte beiratbete ihn; nach ber Drauung 
entbedte ber berfchmähte Seroerber Singelila, roJchem Setworfenen fte ange¬ 
traut fei. Dte 6he rourbe gefchieben, SIngelifa lehrte nach SRom gurüd, roo fte 
fleh wieber bermählte. 5X1® halb barauf ber gweite ©aite ftarb, fab man fie 
big an ihr ©ibe nur für bie Äunft leben. (Sanoba hat 1807 ihren Seichengug 
angeorbnet. 

*ßach einem frugalen Sittaggmahl im 3Birt^#^aufe gu Schwargenberg eilen 
mir weiter. Unter Seg fuhrt über eine romantifche Srüde auf eine neue 
(Ehaujfee, welche bie Serbinbung im Salbe vermittelt. 

Sir tommen an eingelnen £äugdjen borbei; obwohl gang aug £olg, fxnb 
fie hoch fehmitef unb nett, bie Sänbe gegen bie Setterfeite hin mit gerunbeten 
Scbinbeln bejchlagen. Die ö»elen unb breiten genfter laffeit viel Sicht ing 
gnnere fallen; felbft bie ärniften Jütten haben weifee Vorhänge. Sor bem 
£aufe liegt gumeift ein Heiner (harten mit DbftMumen, bagwifdhen blühen 
9lofen unb Saloen; auch Sienenftöde fieht man häufig. Sir bliden burch 
ein halboffeneg genfter in eine niebrige Stube. Da ftpen grauen unb Säbcben 
am runben Stidrabmen, bie Danibourirnabel in ber feinen #anb, bie feine 
Sauernarbeit unb faum ein anbereg ©efdjäft ber $augbaltung oerunftaltet hat. 
3hr $eint ift gart. 'Die Slrbeit, bie fie liefern, wanbeit in alle Seit. Diefer 
Düü, tiefer Suffelin mit ber merfroürbig bunten Shtraengeichnung gehört für 
ben grellen ©ejehmad beg (üblichen Slmerita. Unter bem glühenben £immel 
ber Tropen, in ber brafilianifchen ober mejicanifchen Slgienba trägt bie (Gemahlin 
beg ^lantagenbefiberg bag Aleib, Dom beutfehen Salbtinb in ber Aühle unb im 
Dämmerlicht geftidt. Die Schweig ift eg meift, welche biefe Sefteüungen macht. 
ÜRorbamerifa, früher ber befte Soben für biefe gnbuftrie, hat feit bem Äriege 
beinahe aufgehört, ein Slbfafcort gu fein. 

Da lommen fdpöne Ainber ung entgegen, bereit Deint fo gart wie ber ber 
Stäbterinnen, mit bunflen Slugen, in einer eigentümlichen, aber tleibfamen 
Fracht. Sie haben feingefaltete, fchwarge, glängenbe Seinroanbfleiber, über ben 
grünen, rothgeränberten Unterrod aufgefchürgt; ein Seberriemen, bie Schnalle 
nach rüdwärtg, umfaßt bie gierliche DaiUe; bie Sruft umfchlie&t ein fefteg, in 
©olb unb Silber geftidteg lieber, in weicheg bunte feibene Slermel eingenäht 
fmb, woburch eine Heine &bwe<hfetung in bie fonft uniforme Dracht gebracht 




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lülrb. Sluf bem flopfe fifct eine bunfle WoHmüfce, bie mich in ihrer gorrn an 
ben £ut cbiitcflfcfccr Üttanbarine erinnert unb bie bennoch nicht untieibfam ift, 
wenn ein atlerliebfleS ©eftchtchen barunter hrröorlächelt unb freunblich grubt. 
©3 fmb Stiderinnen. 

Unwiüfürlicb bleibe ich bor einem offenen genfler ftehen, an meinem ein 
jarteS, f45ne§ 2)tfib(bengefi4t midb feffelt. 3$ blide in ein 3immer, licht, 
reinlich unb einfach wie ba3 Simrner ©retchen’S. 

„Sinb ba3 fchöne Stofen,* rufe i4, mit einem SBIicf auf ben Stidrahmen, 
„faft fo fchßn wie bie im ©arten." 

„SPaffirt," erwibert baS 2Jtöb<hen, ba§ fi<h rafch in biefe Situation finbet, 
inbem eg freunblich Idcfeetnb aufblidt; „aber mehr 2Jtühe lofchte fie mir, tuie 
bem lieben Herrgott." 

„So einen Schah toolU’ ich haben, ber fo fd&ön ftiden !ann!* fage ich 
unb faffe nach bem #änb<hen. 

„Wem ich toa$ ftide, ber muß e8 reblich mit mir meinen." 

„Unb foHte ich ba$ nicht? 34 !omme au3 bem 2anbe ber brauen 2eute, 
bie e£ mit ben UJUbchen gut meinen." 

„Wem ich toa§ ftide, ber muh mir’2 Srautfcbäppele bafür febenfen," ent* 
gegnete fchelmifch bad fefcone &nb, unb ich muhte mich entfernen, ba$ „SBraut* 
fchäppele" lonnte ich ihr unmöglich besprechen! £atte ich ja nicht einmal einen 
Haren begriff, ma3 für ein Sing bamit gemeint fei. Später habe ich erfahren, 
bap *3 ba§ ßrönlein ift, ba3 bie 3ungfrau bor bem Traualtar trägt. 

©egen Slbenb waren mir in 33e$au, einem weitgeftredten Sorfe mit hol* 
§ernen Raufern unb fteinebefebwerten Sächem, bem £auptorte be« 23ejirf$, 
angelangt unb ftärften un$ im WirtbShaufe jum ©ngel. Sa bie geringe 3*4e 
unfere SBerwunberung erregte, wir aber feinen Slnlab geben wollten, bah bie 
Wirtbin bei fpäter fommenben Souriften oon ihren Mechnunglgetoohnheiten 
abgehe, toechfelten wir ein paar Worte granjöfifch. 

„Vous avez raison. II ne fant pas trop 6clairer les gens!" 
hebt pl&blich ju unferm gröfjten ©rftaunen ein alter JBurfche an, ber bei einem 
©läfel ^Branntwein uns gegenüberft&t. Wir fragen ihn, wo er granjöfifcb ge* 
lernt hübe. 

„Sich ©ott!" erwiberte er, „ich bin au$ bem SKontafun, fünf Stunben 
uon hier, unb ba reben alle 2eute granjöfifch." 

Steuer ©Staunen non meiner Seite, bo<b ber Sitte erflärt mir fchon, wie 
fi<b baä uerbalte. Sie jungen 2eute in Wontafun fmb oorwiegenb Maurer 
unb flrautfehneiber. Sie ©rftern brechen im grühjahre auf unb wanbern in 
ben ©Ifab, wo fie reichliche Slrbeit finben. Sabei begleiten fie ihre SJiäbchen, 
bie ihnen ben Steifebufch auf ben $ut geftedt, unb tragen, einer alten, rühren* 
ben Sitte gemäh, ihre Ständen bis an bie ©renje beS ©ebietS. 3^ Winter, 
meift erft gegen Weihnachten, wo ber groft bem SBautn ein ©nbe macht, febren 
fie, wie auch bie im $erbfte auSgewanberten Ärautfchneiber, bie ba8 beutfehe 


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9 


Sauerfraut gehobelt unb eingeftampft, in bie §eimatp jurüd. Viele bringen 
ba« pirfcpleberne Veutelcpen t»o(l blanfer Napoleons beim. 

2)e£ Slbenb« waren mir in Steute. (E« ifl bie« ein fleine« grauenbab in 
grofcartiger, büfterer Umgebung unb eine gar eigentümliche Seit. 

dreißig bi« pierjig grauen, manche jung, manche tn ben mittlern gabren, 
manche btafe wie Xobe«bräute, trinfen ba« eifenbaltige Saffer, haben, fpajieren 
im Xhale, benn fie leiben alle mehr ober minber an $er$tlopfen. $a« (Etfcpei* 
.nen eine« SRanne« in biefer Kolonie i(l ein ©eignifj, bafj mit fcheuer Unruhe 
betrachtet wirb. „ 3 m grauenbab", ba« märe meine« brachten« ein ganjbüb* 
fcher Xitel für ein Suftfpiel, ba« mit bem Xitel jugleich gegeben ift. Xer Xoctor, 
um »eichen Sille« freift, Dem aber jefct nicht mehr »ie einft Sunberfuren ge* 
lingen, ber erwartete Slffiftent, ber enblich eintvifft, unb ein gan$er Kpor non 
tarnen, unter benen nun ein ärieg au«bricpt — ba« gäbe ein Suftfpiel in halb 
Sriftophanifchem ©eifte. 

©egen Einbruch her Stacht ftnb »ir »ieber in Vejau. Sine grobe Stube, 
in welcher Pier Söetten ftehen, wirb un« al« Stach tquartier angewiefen. Sogleich 
macht ficb ber greunb baran, bie VettfteOen ju meffen, unb wieber ftellt ftch ba« 
SRibgefchid perau«, ba« er fo oft im Seben erfahren. Xer Xifcpler, ber biefe 
«Betten baute, hat nur ben fogenannten Stormalmenfchen im Stuge gehabt, bie 
Statur be« greunbe« geht aber über helfen SJlafj weit pinau«. (Er hat beinahe 
ben Such« be« SJtanne« Pon ©ath unb tönnte wie biefer einen Speer feproin* 
gen, ftar! wie ein Sebebaum. Stur ein breite« ©eftell au« feftem ßi'tenbolj 
lann e« mit biefer Saft aufnehmen. (E« bleibt ihm nicht« übrig, al« Strohfadt 
unb SRatrafce perau«$unepmen unb auf bem Voben Vlap ju fueben. (Enbticp 
löfchen wir ba« Sicht, ba« Vtonblicpt blidt burdj« genfter, ba wirb nebenan bie 
Stube geöffnet, §wei ^erfonen trappen mit eifenbefchlagenen Schuhen umher. 
6 « fmb jwei (Englänber, Vater unb Sohn; bie bünnen $ol 3 Wänbe laffen un« 
jene« Sort, ba« fie fprechen, beutlich Pernehmen. (Enblich geben auch fie 3 U 
«Bett; ber Vater aber läßt fiep noch ein Kapitel au« ber Vibel porfelen unb un« 
wirb bie (Erbauung §u Xpeil, bie ganje ©efchichte porn Varabiefe anhören ju 
müffen. Xief ärgerlich fönnen wir nicht umhin, fie mit Kommentaren ju be* 
gleiten, bi« un« ber Schlaf bie Säftermäuler fcplie&t. 


Slm anbern ÜDtorgen machte ein wollenbrucpartiger Stegen unferm 2lu«flug 
ein (Enbe. Statt, wie wir e« im Sinne gehabt, über ben Scpröden in« Sllgäu 
hinüberjuwanbern, nahmen wir Vläfce im Stellwagcn unb lehrten nach Vre* 
genj jurüd. * 

Xag« barauf patte ich bie Stabt unb ba« freunoliche Vorarlberg Perlaffen, 
©nige Steflepionen ftnb unabwei«bar. SDer ©nbrud, ben man pen biefan 
fianbe mit fortnimmt, ift ein pöcpft poetifeper; aber e« fchlummert, unb wo ift 
ber 3 auberftab, ber e« jum Sebeu erwedt ? So oiel Safferlraft Pertof t in 
ber ©nfamteit, fo wenige Sßrobulte finben ben Seg nach au«wärt«. Xer 


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10 


Vretterbanbd ift bebeutenb, Vntter unb fläfe geben big ÄSln unb Verlin, man 
fiebt feine Armutb, aber eg fehlt bei aller inbuftriellen Sbätigfeti ber bin unb 
ber »erftreuten gabrifen ber behäbige ©inbrud beg SBohlftanbeg, ber in ber 
Schmeij bem Aeifenben allenthalben entgegentritt. 3)ie (Sdproeijer haben auf 
bie unmegbarften ©ebirgggrate prächtige Venponen bingefept, mo ganje (Solo* 
nieen non gremben unb ©tnbeimifchen bie 6omtnerfrif<he genießen; in Vregenj 
pnben ficb mäbrenb beg aanjen Summerg faurn bierjig gamilien ju einem 
längern Aufenthalte jufammen. 2)ie Itouriften tommen, befteigen ben @eb* 
harbvberg unb eilen Abenbg meiter. 2)ie übrigen um ben Vobenfee liegenben 
gänber fteben im regften Vertebr unter einanber, ©efellfcbaftgjüge non %ux* 
nern unb Sängern fallen halb hier, halb bort ein unb bringen geben in bie 
Orte; hier, am fünften fünfte beg Seeg, giebt eg nichtg baoon; bie 
operreicbifche Vafjförmlichteit labt bergleichen nicht auffommen. Unb mag bat 
bie Regierung für bag ganb gethan ? Sie bat jroei riepge Mernen, jebe grob 
genug, ein ganjeg Regiment aufjunebnten, ang Ufer bingebaut; fie muffen 
SWilUonen getoftet haben. Aber in fortipcatorifcher ^ßejiehung fmb fie unnüb, 
unb ße fteben auch feit ihrer (Erbauung leer; mag brauchte man SAilitär im 
frieblichen Vorarlberg ? $rei anbere Äafernen fteben gleichfadg leer, ffioju 
alfo fmb bie neuen ba ? 2Bobl nur, um ben Uferftaaten unb allen Vorbeirei* 
fenben ju Dertünben, bab Oefterreich für militärifcbe 3»*de ftetg Ueberflub an 
©elb habe! 

Aoch »ot einem Sabrbunberte mar Vregeng bie micbtigfte Stabt am So* 
benfee; jefct ift eg Don ginbau unb (Sonftanj meit überflügelt, (Sbenfo bat 
Vorarlberg alg gänbchen mit ben übrigen Uferftaaten nicht Schritt gehalten, 
©g ift eben eine fern binaug gerücfte Vrooinj, beren man fub in ber Veidjg* 
bauptftabt faum erinnert. 3*w ßifenbabn, bie eg mit Qnngbrud, mit ginbau, 
mit ber Schmei| »erbinben foll, ift nicht einmal ein Spatenftid) in Augpcbt. 
So niele Schiffe ben Vertebr auf bem Vobenfee »ermitteln, Oefterreich allein 
befifct feinen Dampfer, öfterreichifcb ift nur ber eine äabn, ben ich im $afen 
liegen fab unb auf meinem bie ginanjmacbe ihre nächtlichen Streifige unter* 
nimmt. 2>et @eift ber Sntoleranj, ber &rol fo häßlich entftedt, benPht in 
Vorarlberg im (Sanken genommen nicht mehr, fßroteftanten üben im ©emein* 

' berath; pc haben eine fdbßne Kirche gebaut, bie meitbin über ben See fichtbat 
ift, faft mie ein 2Babr$eicben. 2)urch bag ganje ganb jiebt im Vergleich mit 
bem mittelalterlichen £irol ein freierer ©eift, unb bennoch, melche oerfcbiebenen 
Stufen ber ©ntmidelung bieg* nnb jenfeitg jeneg fchmalen SBafferftreifeng, ber 
Vorarlberg »on ber Schmeij fcheibet — bieg* unb fenfeitg beg AltDaterg Abein! 
Vei aller Aehnlichfeit im SBefen unb im Gbarafter ber Vemohner, melche Ver« 
fchiebenheit! SJtöge ber Vann halb gehoben merben, ber noch immer auf biefer 
Vrooin) (aftet unb de Derbinbert, ber fchßnen 3nlunjt, für bie pe unleugbar 
präbeftinirt erfcheint, rafcfyr entgegen$ugehen. 





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<£ttropäird)e /t&crjridjaunjjen. 

Con #atl »Uab. 


Äifpfdjt Itföottttionebffhrebungm: (Ejarcnthum, 2U>d, Jauern uni 
politifdjr jöppofition. 

2 >er Serfuth bcS jungen it a r a! o f o f f, (eine Einrichtung, unb bie non 
bet ruffifchen [Regierung (o eifrig ungeteilten Nachforfchungen über bie $ 8 er* 
gweigung be* ©omplotte*, haben b'e Nufmerliamfett (Europa’* wiener ftaut auf 
bie 3aflanbe be* mo*tooitif<hen [Reiche* gelentt. $en eigenen Angaben ber 
Petersburger ©ehörben gufolge, beftehen ober beftanben in [Rufelanb mehrfache 
geheime ©efeflfehaften, 5 . 93. bie „Organifation", bie „Eölle", u. a. 
3n biefen SBereinen, heifct e*, feien auch p 0 1 i t i f d? e Senblinge thätig gerne* 
fen, bte als ÜRittelglieb groifchen ruffifdjen [Reoolutiou*beftrebungen unb benen 
ber weft*europäifchen 2 )emotraten oerfchiebener [Rationalität gebient hätten. 
S5ie $hat Äaratofoff’* will bie [Regierung be* Clären, ba e* ihr unbeguem ift, 
im eigenen heiligen 2 Ro*tooien einen „Rkrrätber* ergogen gu haben, turgweg 
ben Ginflüffen be*europäifcben[Reoolution** 2 lu*fcbuffe* gu* 
fchreiben. $>ie ©efchichte [Rufelanb* ift inbeffen, wie befannt, nicht arm an 
Säßen be* gewaltjam herbei geführten £obe* oon Surften; ba* [Reich ift oiel* 
mehr feit längerer Qtit eine w bur<h ben 2 )ol<h gemäßigte Slbfolutie" gewefen. 
Nur hanbelte e* ftcb bisher fiet* um Palaft*Neoolutionen. 2 )et SSerfuch Jtara* 
lofoff* ift ba* erfte ^eifpiel einer folchen, au* ooltemd&igereit Greifen heroor* 
gehenben Nction. 

©in Nücfblict auf bie feitberige [Regierung 2Ucyanber’*II. mag hier 
am pia&e fein. 9t i t 01 a u 3, ber Slügemaltige, würbe, wie man ficb erinnert, 
währenb be* Ärimtriege* wie burch einen SBirbelroinb au* bem Bereiche ber 
flebenben entführt. Sein plöfclicber, mebigiuifcb fcblecpt aufgeklärter £ob ge* 
mahnte faft an ba* Nerfchwinben eine* alUrömijcben, nach Niebubr mptbifchen 
Eertjchcr*. 3)a* ©erficht ging im fjrubling 1855 oielfach, e* fei bei bem 
Nbleben be* ©garen nicht mit rechten Gingen gugegangen. 3)ie englifche äqt* 
liehe 9Bod?enfchrift „Suncet* wie* 00 m Stanbpuuft ber 2öijfenfchaft ben Nlangel 
an Uebereinftimmung in ben angeblichen $rantbeit£fpmptomen nach. Sei bem 
wie ihm woüe: naebbem Nufelanb be* furchtbaren ©ebieter* lo* war, bejfen 
gtgantifche ©eftalt weit über bie anberen Surften (Europa 1 * hinausgeragt batte, 
athmete e* auf einmal freier auf. 2 )er Ärieg, ber mittlerweile gum anbauern* 
ben Nachteil be* ruffijchen Ecere* fortfpielte, hatte noch weiter bie [ffiirtung, 
ben Strahlentrang ber autolratifchen Unbefiegbarfeit gu trüben. 2lu* Süb* 
fRufelanb tarnen Nachrichten oon ber in offene SBiberfpenftigteit auSfchlagenben 
Unwißigteit ber SSauernbeoölterung, bie burch ben beitänoigen 2)urcbgug oon 
[truppen unabläffig gu SBorfparm* unb anberen Srohnbienfteu angehalten wor* 
ben war. S)em neuen Äaifer traute man — theilweife mit Unrecht, wie jich 
fpäter bei Unterbrüctung be* polnifchen Nufftanbe* oon 18ß4—65 geigte — 
ein geringe* 2 Jtafc oon 2 Bißen*ftärfe gu. So tarn e*, bah ein freierer %on fuh 



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geltenb machte, bafc in ber langgefnechteten Ration getoiffe SlbelSfcbicbten unb 
gemifje £beüe bcr bürgerlichen Veoölterung einiger Stabte fiep ju regen anfin» 
gen, tur$, bab eine Vemegung fubtbar mürbe, bie $mar norerft feine beutlich 
erfennbaren 3iele aufmieS, aber boeb offenbar aufGinfcbräntung ber 
f iü r ft l i <b e n Rtacbtoolllommenheit auSging. Unter ben Stabten 
ftnb hier SfloSfau, flieff, jum $beil auch Petersburg ju nennen. Unter bem 
Slbel oerfpürte man ein bumpfeS Streben nad) Einführung einer bem G$aren 
$ur Seite $u orbnenben ariftofratifeben Vertretung. Stoaraifcben hinein mirften 
gäbrenb bie gbeen ber jüngeren Generation au$ ben höheren älaffen, bie bureb 
perfönlicben Vertebr im SluSlanbe ober bureb baS fiefen verbotener beutfeber 
unb fran^öfifcber Schriften eine gemiffe Slufflärung erlangt batte, oft auch ju 
Pbantaftifcben Slnfcbauungen angeregt morben mar. 

Einige gefdjicbtlicbe Rotten merben hier bon Ruhen fein. 3 n ber 3eit 
Vor Peter I. hatte ber ruffifebe Slbel befanntlicb einige politifebe Vorrechte. 
Vei ber urfprünglicben Grmäblung ber Romanoffs$pnaftie maren fogar noch 
Vertreter anberer klaffen thdtig. Peter fe^te bie nadte monarebifebe Gemalt« 
berrfebaft nach afiatifcbem SJlufter ein, pfropfte aber (Elemente ber äuberlicben 
europdifeben Gultur auf ben rauhen Stamm ber moSfovitifcben Varbarei. 
SRehrmalS fuebten bie ariftolratifcben klaffen bei fclgenben Regierungen eine 
$heitnahme an ber Staatsleitung bermittelft regelmäbiger parlamentarifcber 
Ginricbtungen ju erlangen. Unter ber E^arina Slnna mollte man bie rufflfche 
Ärone fogar $ur SBablfrone machen. Valb blidte ber Slbel nach Scbroeben, 
balb nach Polen, balb fogar na<h Gnglanb, um ficb bon borther baS SJtufter §u 
holen. Sin bem 3wiefpatt smifeben höherem unb nieberem Slbel ging ber eini» 
gcmal gemachte Vcrfucb ariftofratifcb*parlamentaiifcber (Einrichtungen entmeber 
im ßeim ober fofort nach gelungener PalaftsRevolution mieber $u Grunbe. 
3m Saufe ber Seit mürbe ber Slbel mehr unb mehr jum böfifeben „Verbienft"* 
unb Rangabel; ber © 3 ar mollte nur$en noch alSGbelmann anerlennen, „mit 
bem unb fo lange er mit ihm fpracb." Unter Slleyanber I. brachten bie aus 
granfreicb unb 2)eutf<hlanb gurudgelehrten Offnere, bie mit befferen Staats« 
einriebtungen befannt gemorben maren unb vom „Sugenbbunbe" gehört hatten, 
mancherlei 3been mit nach #aufe, bie als Sauerftoff unter ber tragen rufftfeben 
SJtaffe mirften. GS banbeite ficb febon bamals, in golge ber in $eutf<hlanb 
eingetreteuen Vefremng ber Vauernfcbaft vom 3 0£ h ber ^örigfeit, um eine 
ähnliche Rtafjregel $u Gunften ber ^SD^ufchit^ - *. (Eine Partei tauchte in Ruf?« 
lanb auf, melcbe bie Gntbcbung ber Sanbbevölferung aus bem harten goebe ber 
fieibeigenfefaaft jurn Stidjmort nahm. 5)aS ruffifebe Volf hatte $u jener 3eit 
grobe Opfer an Seib unb Gut gebracht, um ben jremben Gröberer jurüdjutrei* 
ben; ruffifebe Solbaten maren jubem auf ihren 3 ä 0 en bureb Staaten getont» 
men, in betien üDtenfcbenmürbe etmaS mehr galt, als in ber eigenen £eimatb. 
Saju fam, bap Slleyanber I. felbft es liebte, bem innerlich entfebieben bespott* 
feben, nach Sluben hin unabldffig auf Vergröberung fmnenben Gharafter feiner 
Regierung einen Uberalifirenben Slnftricb ju geben. Gr 30 g eS vor, feine 



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13 


3»cde burch SDlittel unb SBerfjeuge ju erteilen, bic nicht Der SRuftfamnter ge* 
möhnlicher brutaler $prannei entlehnt maren. SöenigftenS im Anfang feiner 
Regierung umgab er fi<b gern mit ©erfonen, bie ben ^öftfe^en ©eift mit einer 
gemiffen unfcbdblicben fjalbfrei[innigteit oerbanben. Sobalb jeboch Oleyanber L 
ju merfen glaubte, bafj hinter bem Programm ber Bauern*©mancipation oiel* 
leicht noch eine anbere, bem autofratifchen ©runbfap gefährliche Dichtung ftedte; 
fobalb er ben Berbacht gefchöpft, bah einige Oberhäupter, gleichseitig mit ber 
greigebung ber Seibeigenen, eine Bode im Staat für f i <h f e l b ft bean* 
fpruchten: fo fchtaC er gufammen, blidte mit ungndbigem Ouge auf bie Berne* 
gung unb moüte nichts mehr bon ber Sache hören. 3)ie mit fcheinbar großer 
OuSfuht auf ©rfolg eingeleitete Ogitation berlief barauf im Sanbe. 

Sein Oacbfolger 9titolau3 ftieg befanntlich burch Blutlachen, über bie 
Seichen bon Oufftdnbifchen, jum Xhron hinauf, ©in töafernentprann bon 
Statur, mürbe er burch ben ©inbrud, ben bie ©teigniffe bon 1825 in ihm $u* 
rücftiefeen, in feinem jehroffen £aj|e gegen jebe auftlärenbe Dichtung nur noch 
beftärft. Ou eine fo meit greifenbe gefedfchaftliche Ummanblung, mie e$ bie 
Oufhebung ber Seibeigenfchaft ift, mar baher unter ihm nicht ju beuten. ©leid?* 
moht fchien e$, nachbem 9tifolau3 fnh in ber üDtacht befeftigt, als mode er eine 
fchrittroeife ©rleicbterung beS SoofeS ber armen gepeitfehten Dftaffe anftreben. 
S)er ©runb ju biefem ©erfahren ift übrigens in bem Söunfdje ju fuchen, etma 
auftauchenbe p o l i t i f d) e Begebungen ber ©runbeigenthümer n i e b e r 3 u # 
f<h reden. fDZan mid bemerft haben, ba& ©$ar OitolauS fogar in ber ©rmu* 
thigung aufrübrerifchen ©eifteS unter ben Bauern manchmal febr mcit ging, 
menn eS fich nämlich barum hanbclte, bie unruhig merbenbe Oriftotratie, bie 
an bem eifernen ©ebifj, baS ber dftüitärtpraun ihr angelegt hatte, ftumm nagte, 
3 u lopalfter Haltung surüdjufcheuchen. 

2Jtit gefchmächtem SfiimbuS bie Regierung antretenb, tonnte ber gegen# 
märtige Äaifer unmöglich baS bisherige Spftern in feiner gan$en fannjbalifchen 
SBeiie fortfepen. ©r mupte einige Soderung ber Berhältnijfe julaffcn. 2)ie 
natürliche golge mar, bah in ben burch bureautratifch^militärifche 3 n<ht bisher 
ftreng übermachten höhnen klaffen ber ©efedfebaft ber ©eift ber gronbe, ben 
auch bie eifernfte Outofratie nicht gans tobten tann, ftd? mieber etmaS geltenb 
machte. ge mehr fich biefe fronbiftifche Dichtung fteigerte, um fo rafcher mürbe 
ber neue ©jar auf bie BegierungSgrunbfäpe feines BaterS surüdgetrieben. gn 
ber burch ben OuSgang beS ÄrimtriegeS gefchaffencn neuen Sage mar es jeboch 
nicht möglich, einfach mit dJtapregeln ber Dtieberbrudung borsugehen. 2)aS 
©Sarenthum mufete, nach napoleonifcher Ort, bie SBidturherrfchaft mit moberner 
gefedfchaftlicher gortfehrittstenbenj oertuppeln. So entftanb bie ©olitit, bie 
Oleyanber bem 3meiten ben £itel eines Befreiers ber Seibeigencn eingetragen 
hat. Um bie Outotratie oor ben Ongriffen berjenigen BebölterungSfchichten 
3 u retten, bie mit ber Ärone bie SDIacht tbeilen modten, entfcblofe ficb ber ©$ar. 




14 


ber fdjeinbare ffiiberfpruch gwifdjen SHejranber bem „Sefreier“ unb SHefanber 
bem tprannifcben Schlächter ber Solen. 

Ster Entfchlu|j ber rufpfchen Regierung würbe noch burch eilten beamten«* 
werden Schritt ber polnifchen ©runbbepfcer, gerabe bezüglich ber ^Befreiung ber 
©auernfchaft, gepärft unb beförbert. 5)ie ©runbbepfcer oon ßomno, SBUna unb 
©robno waren eS nämlich, bie pch mit einer SBitte an ben flaifer wanbten, bie 
Slbfcbaffung aller Riefte bon hörigteit gepatten §u wollen, Verhehlt fod nicht 
Werben, bap biedeicpt ein geheimer Politiker ©runb wenigpen« einen £h«tf be« 
polnifcben Slbel« babei leitete. Ster ©eoanfe an eine SBieberpetpeflung natio* 
naler Unabbdngigteit war gerabe bamal« wieber aufgetaucht, unb ba biefer 
©ebanfe unter bem polnifchen Slbel unb ©ürgerthum (fo weit eS ein fokpe« 
bort giebt) lebenbiger ip, al« unter bem fianbbolf, fo tonnte man nur bann 
Hoffnung auf ein Gelingen haben, wenn bie gefedfcpaftlich h&h« fiehenben 
‘Schichten ber grofeen SPtaffe burch bie Spat geigten, bah fie bereit feien, ber 
SRenfcplicbfeit unb ber ©erecptigteit $u Sieb' ba« Unrecht bieler 3ahrh«nberte gn 
föhnen. 2Rit fcharfem SBlicf fanb Slleyanber n. biefe nationaUpolnifcpe Senbeng 
rafcp heraus. Slun beeilte er pch um fo mehr, bamit fchncd, burch einen groben 
Slft, ber hcranbrohenben ©efapr rufpfö*aripofratipher OppoptionSgelüpe unb 
polnifcber UnabhängigleitSbeftrebungen bie Spip: abgebrochen werbe. 

Ster rufftfche Slbel gab gleichwohl ba« (Spiel nicht fo balb auf. 3n feinen 
flomitatSslBerfammlungen weigerte er pch anfänglich, bie faiferlicben SSorfcpläge 
in ^Betracht $u sieben, fad« ihm nicht geftattet fei, feinerfeit« Storfcpläge eingu* 
bringen. Sogar ber ©ebante einer Einberufung ber fämmtlichen 2lbel«s$er* 
fammlungen Stuplanb« nach Petersburg tauchte einmal auf, worin bie Sftegie« 
rung, in ihrer be«potifchen JBeforgnip, natürlich ben tfeim einer bon ber SlriPo* 
fratie erftrebten SBerfaffung fap. Ser plan ber hauptfüprer unter bem ungtt* 
friebenen Slbel, namentlich im 8Hts2Ho«fomitifcben, lief offenbar barauf hinau«: 
al« Erfafc für ben SluSfad an Sttacpt unb Pepfc, ben bie Ebelleute burch bie 
greigebung ber hörigen erleiben würben, bie Einführung einer Gon* 
flitution ober wenigpen« eine« folchen „IReicWrathe« 11 ju forbem, wie er 
noch in ben etpen 3^ n ber SHomanofffcpen Spnaftie beftanb. 3*ber Schritt 
jeboch, ben ber Slbel bafür that ober bielmehr pi thun bereit fchien, gab bem 
Ggaren einen neuen Sporn, bie Seibeigenfchapsfrage in noch fchärferer Seife, 
namentlich burch gepfefcung eine« Keinen ©runb* unb Pobcneigenthum« für 
bie befreiten Säuern, gu löfen. Unb ba in SRuplanb, in golge be« alt*über* 
lommenen beSpottfcpen Spftem«, ein bebauern«werther Mangel an SWanneS* 
Würbe unb an entliehenem, Harem Auftreten gefcploffener Parteien perrfcht, 
fo gelang e« fcplie&lich bem Ggaren, bodfommen bie Oberhanb gu gewinnen unb 
gleichseitig mit ber Stetrehführung eine« für SRidionen äuperft wohlthdtigen 
Sille« ade Seftrebungen für politifche« Selfgooernment auf« Gntfcpiebenpe 
niebetgufchlagen. 

©ang wie unter Slilolau«, ip SRuplanb heute wieber abfotutipifdp regiert, 
unb gwar ohne Hoffnung auf Pejferung, ausgenommen burch einen gewaltfamen 





15 


Umfturg, bei meinem ftetS Pebachi darauf genommen werben mufc, tote man in 
DegierungSfreifen burd? bie SBegtäumung beS herrfdjenben Despoten eine Per¬ 
wirrung anrichten tann, währenb beren eS etwa einer OppofitionSpartei gelin¬ 
gen tonnte^ bie 3 ügel ber ©ewalt gu ergreifen ober wenigftens oon einem 
erfcbrecften £ofe Sugcfldnbniffe gu ertropen. 3n btefen Perhältniffen finbet 
bie $bat flarafofoff’S ihre (Erllärung. (ES unterliegt feinem 3weifel, *a 6 , 
wenn fte gelungen wäre, wenigftens ein Perfuch beS SlufftanbeS f«h unmittel¬ 
bar baran gefnupft hätte. Dumerifch ift bie liberale Partei in Dufjlanb 
aÜerbingS geringer als in irgenb einem anberen Sanbe (Europa’S, bie Sürfei 
ausgenommen. UeberbieS leibet fte, ba fie ftcb wefentlicb aus Slbelstreifen 
retrutirt, unter bem Dacbtheil, in ihren Leihen eine grobe 3ahl Solcher 3 U 
befipen, bie Oon loderen (Gewohnheiten unb ber Korruption fehr gugänglivh fmb. 
3nbeffen, fo wie bie Perbältniffe einmal liegen, (ann eine üffienbung nur burch 
bie reoolutionäre Fiction biefeS PruchtheileS ber Peoölterung erhielt werben. 
Pon eingetnen einflußreichen Perfonen würbe eS, im Salle eines (Gelingens, 
bann oiefleicht abhängen, ob baS Errungene feftgehalten unb flug erweitert 
werben lann, ober ob bem furgen Siege eine abermalige Dieberlage folgen 
müßte. 

Unter fchwerem beSpotifchem $)rud bilben ftch Parteien nicht Har heraus, 
unb bei ber Perfdjloffenheit, bie ben rufftf<ben 3uftänben noch anhaftet, ift eS 
baher nur möglich, allgemeine Dichtungen angubeuten. ©reifbare Xenbengen 
hat jene oben angebeutete Dichtung, bie auf Berufung einer Dotabeln-Per- 
fammlung ober einer „Stoma 11 ausgeht, alfo eines Parlamentes auf mehr ober 
minber weiter (Grunblage, mit gröberen ober geringeren oerfaffungSmäßigen 
Pefugniffen. (Ein grober Sheil beS DbelS unb ein paar Stabte würben ein* 
tretenben SafleS mit biefem Programme gehen. $ie Paueinfcßaft aber, in 
Dublanb an 3*bl ^öbet als irgenbwo fonft, ift politifch tobt, unb !ann gegen¬ 
wärtig leichter als guoor oon ber Degierung gegen jene Peftrebungen in’S 
Selb geführt werben. Deben berparlamentarifchen Dichtung giebt eS 
in Dublanb, namentlich unter jüngeren Leuten, eine fogenannte „n i b i li fli* 
f che", bie aus ber Seetüre focial-mifienfchaftlicber unb anti-religiöfer Schriften 
beS SEBeftenS ihre (Eingebungen erhält. 

Semer hat ftcb in neuerer 3eit, unter ber ruffifch-unitarifchen 
liberalen Dichtung, eine föberaliftifch-panflaoifche geltenb gemacht, 
bie aus anfeheinenbem ©ere<htig!eitSgefübl für Polen nicht bloß bie Softhaltung 
ber polnifchen ©ebictstheüe, fonbern auch noch bie $erbeigiehung anberer flaoi- 
fcher Stämme (in Ungarn, ber Xürfei unb in 5>eutf<h(anb) erftrebt. 

©ine anbere, pan-ruffifche Dichtung, bie namentlich in SDoSlau 
oertreten ift, bilbet fogufagen ben cäfarifch-bemotratifchen pionploniSmuS Duß- 
lanbS. 


Mt biefe Dichtungen fuib jeboch oielfach nur bunfel ausgeprägt, unb eS 
banbeit {ich, wenn man ben Prägern berfelben auf ben ©cunb geht, nicht 
fowohl um Parteien, als um Heine, oft nur ein paar Perfonen unb einen 



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unvernünftigen £öbe. Sie Keine Sobne von Soib unb SBebera, welche baS 
4>aupis3tfabrungSniittel ber Gggpter biltete, ftieg auf baS Sechsfache im greife, 
unb alles Slnbere in berafelben SBerhältnib* Sie klktgenährten 3ugthiere 
verfümmerten, unb ftatt ihnen gröbere Slufmerffamteit su kenfeu, vernaeb* 
Iaf)tgte man fie voUeubS. 2ftan lieb bie entnervten Shiere 2S5afJer ju bet foft* 
baren ^flanje fc^leppen # überbürbete fie, unb brachte eS babin, bab eine Sieb« 
feuebe auSbracb. Saufenbe von Shieren ftarben anfänglich ohne bab man 
barauf achtete; man butte ja an viel Nichtigeres ju benfen. Slber bie Sterblich* 
teit nahm auf entfefclicbe Neife $u, unb amtlichen ©eftänbniffen sufolge ftarben 
bamalg in (Egppten 600,000 Stüc! SJieb. Unter einem fv fataliftifchen SBolte 
tonnte eS nicht fehlen, bab tvieberum ein $anit auSbracb, welcher baS Uebel 
noch verkümmerte. Ser SBicetönig lieb Sßferbe, SDlamtbiere unb Ocbfen im 
SluSlanbe anfaufen unb fette fie su greifen, bie er felbft beftimmte, an bie 
gcflabS ab. Sieben Siebtel ber 2^:ere, welche man ihm fdbidtte, waren SluS* 
fchub. äJtarfeille, trieft, Sprien überfchwemmten ben egpptifchen 2Jtarft mit 
total auSgemergelten jßferben unb 2Raultbieren, welche, beS ÄlimaS nicht ge* 
wohnt, fcblecht genährt unb fofort mit Slrbeit überhäuft, bei #unberten bahin* 
ftarben. Sie Dchjen tarnen aus bem (üblichen jRuflanb unb brachten bie 
€teppen«$eft mit fich, welche in jenen (Segenben fortwäbrenb graffirt. SBiele 
ftarben jehon unterwegs; man beeilte fk, bie anbern fofort nach ihrer Sanbung 
ju verlaufen, unb fo tbeuer fte auch bejablt werben mußten, waren fie boch 
bitterlich wenig werth* 3 n ganj (Egppten gab eS weber epbareS gleifcb, noch 
SDtilcb! 

3n (Ermangelung von Saumtbicrcn, griff man jefct su Sampfmakincn. 
(Englanb beeilte fuh, Lobelie von Socomobilen unb jumpen nach (Egppten su 
kaffen; balb war ber 2Jtartt mit 2Hakinen überfüllt, vonbenen bie wenigften 
etwa3 taugten. Sie geüahS, welche fk ber suerft angetommenen bemächtigt 
hatten, mufcten nichts bamit ansufangen unb tauften halb gar feine mehr. .§ier 
trat benn abermals bie thatfräftige, wenn auch nichts weniger als uneigennüjjige 
Snitiative ber Regierung basroifeben. S^mail $aka lieb eine SJlenge von 
£ccomobilen mit ben beftfabrijirten centrtfugalcn ^tnnpen fommen unb fepte 
fie an bie ^ßflanjer ab. SaS war allerbingS GtwaS, aber eS blieben noch grobe 
Schwierigteiten sn überwinben. ©ne Santpfmakine fept eine inbuftrielle 
Organifation voraus, welche ber (EgpptenS weit überlegen ift. jUlan batte 
Weber fompetente SDtakiniften, noch <&ei}er, noch Nertftätten jur Dlcparatur. 
3lach nnb nach tarnen allerbingS einige 9)te<banifet jufatnmen; aber fte tonnten 
nicht einmal bie geile hanbhaben. 2Jtan tann fk vorftellen, waS unter folchen 
Sanben aus ben äJiakinen werben mubte. UeherbieS war es, felbft für bie 
ejorbitanteften greife, juwetlen unmöglich, fk ^Brennmaterial su ver* 
fchaffen. (Eine Sonne Del, welche am SlbfenbungSplape 12 granfen loftete, 
würbe für 75 bis 100 granfen verlauft. Sie ©fenbabnbeförberung war fo 
mangelhaft, bab oft eine ßoplentabung, welche im Slpril in SUeyanbrien antam, 
erft im SLuguft ober September ihren ®eftimmungSort erreichte, fo bab vier bis 

2 1 

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18 


) fünf Monate erforberfich maren, um fle übet eine Gtrede non etma fünfgtg 
Meilen gu fdpaffen! Unter btcfen Umflänben muhte man bie lofomobilen $um» 
pen nrieber neriaffen, ©n nenetiantfdjet Ingenieur, AamenS Sucooicb, batte 
bie glüdli(be 3bee, getnaltige £ebe*Apparate }u fonfhuiren, melcbe bur(b feft 
ftebenbe Mafcbinen non 50 bis 100 Sfcrbefraft in Semegmtg gefept mürben, 
moburcb bie nötbige Semäfferung ohne Mübe unb Gcbmierigteit ergielt rnerben 
tonnte. © batte fogar fcbon eine ©ontpagnie gut Ausbeutung biefeS SlaneS 
gebilbet. Aber baS ©oubcrnement mar bem Unternehmen ni(bt bolb; eS 
fürchtet AßeS, maS ben © nflufj ber Europäer im 3nnem beS £anbeS erhöben 
lönnte. liefet ©ntfcbluj* 3* ma il Safcba’S mar für ßgppten ein unberecben* 
bares Unglüd, benn eS hätte ber Sobentultur burcb bie neue ®nri<btung ein 
unberechenbarer Auff(bmung gegeben rnerben tonnen. Aber burcb bieS AßeS 
lieben fub bie fjellabs ni<bt entmutigen. Sie felbft fpannten f«b als 3 U 0* 
tbiere nor bie nötbigen ©efäbrte. 2Beber $ungerSnoth, no<b Siebfeucbe, no(b 
bie trüben ©rfabrungen mit ben Sampfmafcbinen, no(b ber geblfcblag ber Aß* 
Ueberf(broemmungen, non benen bie eine gu fcbma<b, bie anbere zu jtart unb 
reifcenb ausfiel, fcbredten bie auf fcbneßen ©eminn erpichten Arbeiter gurüd. 

S)ie armen gellabs! Mochten fte ftcb abmüben fo niel fle mollten, fie 
mürben baburcb nicht reicher unb glüdlicher. Aacbbem mir bie Sache non ihrer 
materiellen Seite betrachtet, müffen mir fte auch noch unter bem ©efichtspuntte 
ber Moral roürbigen. Xi e plöplicbe SBoblbabenbeit mar für ©gppten eine üuefle 
beS AuinS. 2BaS ber Sreßab fcbnefl nerbiente, gab er auch fcbneß mieber aus. 
© lief auf bie Märtte; Stlaninnen, Silberzeug, Schmudfachen, Mobilien, 
feine Speifen, AicbtS nerfagte er fleh, unb nachbem er AfleS burtbgebraebt, 
mar er armer als guoor, mäbtenb bie greife rings um ihn bet auf baS Siet' 
fache geftiegen maren unb ber ffiueber bie gierigen Arme nach ihm auSftredte. 
Septerer fehlte nur noch, um baS Mafj ber 2anbplagen noß gu machen. An* 
fanqS batte eine ©ompagnie ben Serfucb gemacht, eine San! gu grünben, 
melcbe gur Hälfte in ben $änben ©ingeborener fein unb ben 3*ßabS um einen 
mäßigen ßinS Sorfcbüjfe leiften foflle; aber 3Smail Safoba fürchtete mieberum, 
baf? ein folcheS Snftitut bem ©nflu& ber ©uropäer Sorfcpub leiften möchte, unb 
moßte oon biefer mobltbätigen ©inriebtung nichts miffen. Ser 3iuS ftieg auf 
60 Srocent; ber arme F*ßab mürbe baburch gu Soben gebrüdt unb hörte auf 
gu gablen, meil er nicht mehr gablen tonnte. Sie Aegierung fann auf Ab* 
hülfe, unb halb batte ber fcblaue SSmail Safcba ein Mittel erfunben. © erbot 
fub, aße burcb gute ^ppotpeten gebedte Schulben gu übernehmen unb baffir 
ohne meitere Formalität in aße Aecbte beS ©igentbümerS einzutreten. So gefebab 
es, unb .ber arme Schulbner fah fleh gugleich feiner Schulben unb feiner 2än* 
bereien lebig. SaS ift für bie meiften geßabS baS Ae j ul tat aßet ber Mühen 
unb Anftrengungen, melcbe fte bem Sauntmoflenbau gemibmet haben. — 
C.ipptcn beginnt fe^t gu merten, bah fein golbner Staunt ein gar fchlimmer 
mar. ©S ermacht, unb ficht gu feinem ©ntiepen, bafe eS meber ©etreibe, noch 


j ©cuiüfe, noch Sieb, noch Früchte, noch Srob ober F^ifch, fonbern ftatt aßeS 



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beffen höchfiend «Baumwolle tat. $ie Keinen 2anbeigenthümer finb ihred Ve« 
ftped beraubt ober ruinirt. 2)ad ift baß (Srgebnib einer fieberhaften ©ewinn« 
fuebt. 27tan fängt fept triebet an, betreibe unb ©emüfe ju bauen, unb ber 
Vaumwollenbau wirb auf ein vernünftiged Verhältnis rebucirt. ©r wirb min« 
heftend lieber ben Stanbpunlt erreichen, ben er vor bem amerilanifcben Kriege 
einnahm; foü er aber bauernb einen triftigen Mffchwung nehmen unb eine 
gefunbe Vlüthe entfalten, fo mufj bie Regierung eine aufgetlärtere Volitit be¬ 
folgen. 3)ie ©mte bed 3ahred 1866 wirb wohl eine 2Mion Zentner betragen, 
unb ba bad Terrain günftig ift, möchte bied ber burchfchnittliche Sufthub fein, 
ben man tünftig von ©gppten §u erwarten hat. 

3)ie franjöfifche Regierung hat fleh grobe Vtühe mit ber Veförberung bed 
©aumwollenbaua in Algier gegeben; aber bad SRefultat tommt taum in 
Setracht. Obgleich Voben unb ßlima biefem ©ulturjweig überaud günftig fmb, 
war boeb bad giadto leicht voraudjufehen. $ie Arbeit ift in Algier $u theuer, 
ald bab ber VaumwoHenbau fleh bort zahlen tönnte, unb fo wirb ed bleiben bid 
ber Vebuine feinem Vomabenleben entfagt. 3ept blieft er auf ben 2lcferbau 
mit ftoljer Verachtung, unb felbft ba, wo er fleh }ur VefteHung ber turnen 
Streden, bie $u feiner Ernährung unbebingt erforberlich fmb, h«beiläfjt, thut 
er bied nur mit ber langen Vtudtete neben ftch, bamit bei Seibe üRiemanb glau¬ 
ben tonne, bab er bad eble Jtriegdhanbmert bei Seite gelegt um Vauer §u 
werben. $ie übertriebenen greife feit bem 3ahre 1861 genügten taum, um 
bem Vflart^er einen nothbürftigen ©ewinn ju fiebern; jobalb bie Steuerung 
nacbliefe, war ed mit bem ©yperiment am (|nbe. 

3n Serien, wo fd?on feit langer 3eit von einer betriebfamen Merbaube* 
völterung bie Staube cultivirt würbe, hat fi<h von 1862 bid 1865 bie ©rnte 
verbreifacht, wad jwar im groben ©anjen nicht ben Mdfcplag geben tann, 
aber jebenfafld bem 2änbchen jur Öhre gereicht. 3 n Anatolien hat fleh wäh* 
renb betfelben 3rit ber Ertrag vervierfacht. 2)iefed 2anb liefert bie Sorte, 
welche im £anbel unter bem tarnen „Smpma" betannt ift unb bie bid jum 
3ahre 1862 nur §ur gabritation von 2ampen« unb 2icht-$ochten benupt 
würbe. $ie türtijehe Regierung ftcllte ben ©runbeigenthümern fremben Saamen 
jur Verfügung, welcher wefentlich jur Vereblung ber Slnatolifchen VaumwoHe 
beitrug. 3ept wirb bie „Smprna* fchon ju ©eweben benupt. Veibe 2änber 
fcheinen ed aber nicht barauf abgefehen ju haben, ben Vang, welchen flc fleh 
in golge einer turjen Vnftrengung erworben, *u behaupten. 2Rit bem gaUen 
ber greife verringerte ft<h ihre 2iefetung, unb balb werben fie nicht mehr pro« 
bujiren ald im 3ahre 1860. 

3)ie türtifchen Vrovinjen $u beiben Seiten bed SKeered von SRarmora, in 
Europa unb Slfien, bie 3a|eln ©ppem unb ©anbia, verbienen eine befonbere 
Erwähnung wegen bed ©iferd, welchen flc entfaltet. $er türtifchen Regierung 
mub ed §um 2obc nachgefagt werben, ba| fie, fobalb bie Vaumrooüentrifid 
audbrach, Med aufbot, um in ihrem SReiche einen eblen ffietteifer wachjurufen; 
von allen Seiten lie| fie Sämereien tommen, welche ben Voben unb ben tlima* 



20 


tifd&en berbdltniffen ber dürfet angepaßt fein foHten. Ginen befonbem borgug 
gab man bem egpptifdjen „btato", unb biefe barietdt !am an ben Ufern be$ 
boSpßoruS recht gut fort. Tie mittlere Temperatur ift jeboch bort etwas nie* 
briger als in Ggppten, unb bie gruebt gelangt nicht immer gur Pollen SHeije. 
Tiefe Scb»ierigteit »irb inbejfen nach unb nach, fo »ie bie bflange ficb mehr 
alflimatifirt, f<b»inben unb alSbann eine neue barietdt entfteben, »elcbe febr 
gut ju »erben oerfpri<bt. GS ift jeboch nicht gu ermatten, baß ber Saum* 
»ollenbau bort gur allgemeinen ©eltung fomrnt unb eine »efentlicbe bebeutung 
für Guropa erlangt. Segen ber fcbledjten 2age, ber fcb»ierigen Gommunifation 
unb ber mangelhaften Gilbung ber ©runbeigentbümer »erben bie türtifeben 
Plantagen ftets gegen bie anberer, beffer organifirter unb gebilbeter £dnber 
im üßacbtbeil fein, konnte bie Türtei in einer $z\t beifpiedofer Tbeuetung ber 
bauimoolle bureb große Slnftrengungen gldngenbe Dtefultate erzielen, fo batte 
fie nur mit Utebenbublern ju ringen, »elcbe mit ibr auf betfclben Stufe 
ftanben; treten aber bie bereinigten Staaten »ieber mit auf ben ßampfplap, 
fo »irb bie türtifebe Saare, als tbeurer unb fdjlecbter, fofort in ben £intergrunb 
gebrdngt »erben. UeberbieS »irb bort bie Grnte auf eine Seife betrieben, 
»elcbe ber giber f<babet unb ben Stoff merflicb Perjcblccbtert. Statt bie 
baumwoHe, »elcbe an ber reifen, offenen gruebt bdngt, abgurupfen, febneibet 
ber bauer bie gruebt ab unb ftedt fie in einen Sad, »aS ibm baS bequemfte 
ift. 2luf biefe Seife »irb bie Grnte ins Torf gebracht unb ohne »eitere Ums 
ftänbe auf einen Raufen ge»orfen. Sie ift ftets feuebt, »aS einen 3uftanb 
beginnenber ©dßrung gur golge bat, »elcber bie gafer fdpwdrgt unb ibr febabet. 
Ambulante Sluffdufer gießen mit Äameelen unb btaultbieren oon Torf gu Torf, 
prüfen ben Sertb, bestimmen ben breis nach ber Seiße, beinbeit unb Steife 
ber bauimoolle unb tranSportiren fie nach einer Gentral*9tieberlage, »o, oiel 
gu fpdt, bie Sonberung ftattfinbet. Tie Pöllig offenen unb reifen grüßte 
»erben forgfdltig ihrer feibenartigen £ülle entfleibet, bie anberen in bie Sonne 
ober auf ben Ofen gelegt unb ge»altfam mit ben gingern geöffnet. Tie bureb 
biefen brogeß gewonnene baumwolle ift turg, mürbe, »ollenartig, unb' ber 
Sortirer ertennt fie fofort. 

Tie Grnte muß täglich, fobalb bie Sonnenftrablen ben Tßau getrunfen 
haben, ftattfmben, unb gwar mit ber £>anb, ohne baß bie gruebt abgeriffen 
»irb. Sobalb bie ßapfel fub öffnet, ift bie giber entwidelt, unb man braucht 
fie nur noch, bis fie in bie Spinnerei »anbert, oor geuchtigteit gu fchüpen. 
So »irb in ben bereinigten Staaten unb in Ggppten bamit Perfahren, bcr- 
tauft man bie Baumwolle »ie bie Türfen, fo betommt man einen niebrigen 
$rei£ unb beraubt fi<b gugleicb beS 91u|jenS, »clcher aus bem Saamen gu gießen 
ift. Tiefer bringt in Sonbon einen $reis Pon 260 granten für bie Tonne, 
liefert ein treffliches brennöt^ unb aus bem 2IbfaU »erben Oeltuchen bereitet, 
bie ein febr gutes biebfutter abgeben. Gngldnber haben ben berfueb gemacht, 
ben fogenannten Gotton ©in, bie btafchine, »eiche bie gafer, ohne fie gu per* 
le|gen, auf bie leichtefte Seife Pon ben Äömem fonbert, in ber Türtei in Stuf* 


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21 


nähme $u bringen; aber bie Säuern »ollten nW&tS oabon »iffen, »ie beim 
überhaupt bie türfifcRe Bebölftrung ju fataliftijch unb phlegmatifcb ift, um mit 
frdftigen, mehr Rd) felbft ald bem Schidfal bertrauenben BölferRhaften gleichen 
Schritt halten ju tonnen. 

Sie europdifcRe Baum»oflen*3nbuftrie batte übrigend ihre fü^nften £off* 
nungen »eber auf ©gppten noch auf bie Xürlei, fonbern auf bad brittifebe gntien 
gerichtet. §ier füllten, ben entRuRaRifchen Berechnungen ber englifcben ^ßreffe 
jufolge, »abre SDunber bemirft »erben. SlngelfdchRfche Energie unb angel* 
fdchRfdjed Kapital feilten in gnbien einen unoergleichlichen SummelplaR Rnten. 
Schon fpradj man alled ©rnRed baoon, bad ganje Uniberfum mit Baumroolle 
ju berforgen. Btan rnuR ed ben brittifchen Spetulanten jum SHubme nach* 
fagen, baR Re Reh mit be»unbernd»e«her ©nergte and SBerl machten, ©roRe 
©ontpagnieen mürben gegrünbet, ungeheuere Streden bepRanjt, ©ifenbabnen 
concefRonirt unb in Singriff genommen, handle 3ur Bemäjferung gebaut, ©el* 
ber mit bollen £)änben audgeRreut. ©d banbette Reh barum, bie ttulturoer* 
hdltnijfe 3nbiend auf einmal total umjugeRalten; ed bot Reh eine anoerboffte 
©elegenReit, unb Re muRte beim Schopf ergriffen »erben. Jährlich, man 
blieb nicht auf halbem 2öege Rehen, fonbern ging bid jur lebten ©onfeguenj. 
Unb »ad ift ber ©rfolg aller biefer rieRgen Stnftrengungen ? ©in neuer Beleg 
für 3 »ei alte, Idngft befannte SBahrheiten: baR ed in allen Singen gefährlich 
ift, $u fchnett ju gehen, unb baR bie ©igentbumdbevhältniffegnbiend, an »eiche 
man in ber ©ile gar nicht gebacht, fo groRartigen Unternehmungen unüber* 
fteigliche £inbernifte entgegenftellen. 

Bor allen Singen ging man ju rafch j« SBerle. flopfüber ftürjte man 
Rdj in Steuerungen, »eichen bie SBeiRe ber 3*it unb ber ©rfaRrung fehlte. Sie 
$Ran§ungen »urben, »ie ed bei groRen ©ontpagnieen oR gefebieht, einer Slrmee 
bon Sireftoren, gnfpeltoren, SluffeRern, Beamten, ©ommid jeher SUt anoer* 
traut — lauter eifrige, felbftoertraueube, oom beften SBillen befreite SJtänner, 
»eiche aber nie bad ©eringfte bom Baummoüenbau berftanben hatten. Scu 
erften gehler beging man in ber SBahl bed Saamend. Bid jefct harte man in 
gnbien ftetd bie unter bem Slarnen gossypium lierbaceum belannte Sorte 
angebaut, »eiche, fur$ unb grob, nur $u groben ©erneben tauglich iR. ge$t 
»oüte man bie ge»5h»licben ameritanifchen Sorten, auf »eiche bie brittifchen 
Spinnereien einmal eingerichtet »aren, bort acclimatiRren. Sie Sheorie »ar 
bortrefRich; aber man hatte bie Äleinigleit bergejfen, baR Boben unb ßltma 
Snbiend burchaud leine Slebnlidjteit haben mit benen ber Bereinigten Staaten. 
Sie SeeinfeUBaummotte berbanlt ihre Stdrle, Sänge, 2öei<hhrit unb geinbeit 
ber »armen geuchtigleit, »eiche ihr burch bie SBinbe bom ©olfftrom jugeführt 
»erben. Ser jal^ige, fruchtbare Boben mag auch et»ad banvt $u tbun haben, 
aber nur in ^werter Sinie, 'oa bie BRanje ben gröRten SReil ihrer Stabrung aud 
ber Sltmofphare fchöpft. Sajfelbe gilt oon ben meiRen anoern ainerüanijchen 
Sorten, unb fo tommt ed, baR Re überall, moRin man Re berpRan^t, audarien, 
»ad in Schien f<hon bei ber $»eiten ©tute gefcbaR. SUd mau mertte, baR man 



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fich auf falfcbet Führte befinde, maren fd^oit gmei 3ahre in nufclofen GyperU 
menten petloren gegangen. 

2)iefe Schmierigfeit mar jeboch ntc^t bie einzige, mit melier bie ungebul* 
bigen Spelulanten gu fämpfen batten. 2)et 3uftanb bec 2Bege mar ein ab« 
fcheulicber, morauS ftcb bie IKothmenbigleit beS baueS non Gifenbahnen ergab, 
unb mit dcbt brittifcher Energie machte man fub barüber her, folcfce gu imptooi« 
fiten. Europa ftaunte über baS, maS in biefer Branche mie burch 3auber 
geleiftet mürbe, betrachtete man aber bie Sache in ber 9fähe, fo fcbmanb bie 
bemunberung. brüden, ©ebäube, Solomotioen unb bie Bahnen felbft, Alles 
geugte Pon übereilter Ausführung unb bis gum Gjtrem getriebener Sparfanifeit. 
GS fcheint als batte man mehr baran gebaut, einem augenblidüchen bebürfnig 
abguhetfen, als bauembe berbinbungSmege gu {(baffen. 2)ie meiften non biejen 
bahnen haben nur ein ©eleiS, bie Anzahl ber SEBagen genügt nicht, unb bie 
fiolomotioen ftnb fehlest. Auf bem einen ©eleiS lann natürlich nur eine 
befchränlte Anzahl Pon 3öQen fahren, unb bie einzelnen 3üge lönnen nur tlein 
fein, eben meil nicht piele SBagen Porfranben unb bie Solomotipen fehlest finb. 
So liegt butchauS leine Uebertreibung in ber ^Behauptung, bafj bie Gifen« 
bahnen mehr fchaben als nüfcen. Auf ber Oftinbifchen Dioute fmb bie Bahnhöfe 
burch baummoHenballen blodirt, mel(he bort fchon feit SJtonaten auf beförbe« 
rung harren, unb biefelbe blodabe geigt fleh meilenmeit auf beiben Seiten ber 
bahn. 2Bäbrenb biefer 3^it müffen bie Unglüdlichen, benen ber toftbare Stoff 
gehört, gmölf bis gmangig brocent auf baS Kapital gahlen, für melcheS bie 
baummoüe als $fanb bient. Sie gerfchlagen fich, mie bie £imeS fagt, bie 
bruft, raufen ftch baS £>aat auS, fluchen ben Gngldnbern, melche ihnen ben 
©lauben an ben 2Berth ber Gifenbahnen beigebra<ht haben, unb febnen fuh 
nicht ohne ©runb nach ber guten alten 3eit ber langfameu, aber fieberen be« 
f&rberung bureb Ochfengcfpanne gurüd. GS entfteht hierburch ein Spftem 
amtlicher Grpreffung. 2)ie StationSchefS taffen fich oon 2)enen begabten, beten 
baummoüe fie guerft beförbern, unb baburch machen fte ein Vermögen, mährenb 
bie Snbuftrie Perarmt. 3*W fab bie meiften biefer Gifenbahnen, SBagen unb 
Solomotioen gar nicht mehr brauchbar. SBäte eS nicht llüger gemefen, gleich 
etmaS ©uteS gu bauen? 

5)ie im Obigen namhaft gemachten Uebelftänbe fmb inbeffen nur perio« 
bifdher Aatur. 2Jtan hat fich in ben Sämereien geirrt, lann fich aber gerabe 
beShalb lünftig Por folgen Fehlgriffen hüten, unb bie falecpten Bahnen laffen 
fich burch beffere erfe&en. Qnoien hat in feiner üDlitte alle Glemente gu einer 
blühenben baummollengucht unb mirb, menn bie ^Bemühungen confequent fort« 
gefe#t merben, eS barin gemifj gu etmaS bringen. Aber nfirb ber gortfehritt 
ein fchneller fein? ffiirb 3nbien halb ben bereinigten Staaten eine 
brohenbe Goncurreng machen ? S)iefe Fragen müffen pon jebem Sachoerftän* 
bigen Pemeint merben. 

S)ie größte Scbmietigleit liegt in ben permidelten ©runb« unb hoben« 
berhältniffen, in benen ber Uebergang ber Souoeränüät Pon ber Oftinbifchen 


8 





23 


Gompagnic auf bie Arone feine Slenberung herborgebracht bat. ©3 berrfcht 
ein ©haoS, welches jeben Seßfc unpcher unb ben ©igenthümer abgeneigt macht, 
etwas ©rheblicheS auf fein £anb $u berwenben, weil er nicht wiffen fann, ob 
er nicht eines fronen SageS babon bertrieben tüfrb. Sebor eS hiermit grünb* 
lieb anberS geworben, lägt ftch ber Setrieb ber Saumwoßenjucht im ©rohen, 
bureb welche allein ©ropeS ju erzielen iß, nicht in Schwung bringen. Sie 
3nbuftrie ift auf bie tleinen dauern, bie fogenannten ryots, befchrdnft; biefe 
aber werben bermapen bon ben SEBucherem gebrüdt, bah ber rechte, in ber SU 
(herheit beS ©ewinnS liegenbe Sporn jur Arbeit fehlt. Set gortfehritt beS 
Saumrooßenbaus im brittifchen gnbien tnüpft fi<b an bie SorauSfefcung einer 
totalen Umgeftaltung ber bortigen focialen, rechtlichen unb politifchen Verhält* 
niffe, unb ein folcher Umfchtoung ift bekanntlich ba, wo ©ngldnber ben $lu£* 
fchlag geben, nicht bie Sache weniger 3ahte. 

Seit 1862 hat gnbien ©uropa bur<hf<hnittli<h 1,250,000 Saßen jdbrliih 
geliefert — etwa hoppelt fo biel als borher. tiefer gortfehritt, bietet jeboch 
feinen Stapftab für bie Scpdfcung ber $robuftion, ba baS 2anb borher oiel 
Saumwoße nach ©hina fanbte, welche je&t burch bie höheren greife nach ©u* 
ropa geworfen wirb. SaS erhielte Sefultat entfpridjt bei weitem nicht ben 
©rwartungen. Sie fehr mdhige ©rnte beS gabreS 1860 in ben Sereinigten 
Staaten überflieg ben ©rtrag aller hier inbifeben 3ahrc»ernten 3 ufammenge* 
nommen. Unb nimmt man ben ©rtrag in fdmmtlichen Sdnbern auherhalb Der 
Sereinigten Staaten, fo ergiebt ftch noch immer ein SluS j U ©unften ber fiejj« 
teren, welches einer ganzen gahreSernte bon Qnbien gleicbfcmmt. 

SSBerfen wir je&t nod) einen Slid auf baS mittlere unb füblicbe Slmerifa, 
wobei uns bie burch baS amerifanifche ©oubernement ungeteilten Sachforfchun« 
gen jum Seitfaben bienen. 

3n £onburaS eroffneten baS Älima, ber Soben unb ber Ueberfluh an 
Skffer bie günftigften SuSpchten; aber eS war unmöglich, bie ©inmobner jur 
Saumwollenjucht ju beranlaffen. Ser Slderbau pnbet wenig ©nabe bei ben 
Sachtommen ber alten glibuftier. Sie beuten ihre SBdlber aus, welche bie 
föftlicbften ©ffenjen für ben Sebarf beS SuyuS enthalten, unb auf Weitere« 
wollen fie ftch nicht einlajfen. Sie ©nglänber mochten ihnen in noch fo Der* 
lodenben garben bie ©ewipheit grober Seichthümer Dorhalten: fte blieben ihren 
alten Srabitionen treu, ©inige Smerifaner lieben ftch trojj aßebem bort nieber 
unb pßanjten Saumwoße. Slbgefehen Don ber Schmierigfeit, welche ihnen ber^ 
©harafter ber ©ingebomen bereitete, beflagen fte ftch über bie jur Unjeit eintre* 
tenben fünbßuthartigen Segen unb baS ©rfcheinen eine« Derheerenben SCBur* 
me$. Sennocp haheü pe fepöne ©rnten erhielt. SlepnlicbeS gilt Don Sicaragua 
unb Manama. 2Bo etwa« in ber Sichtung geleiftet würbe, gefchah es überaß 
butdj Hmertfaner. 

3n Sctu geftaltete ftch bie Sache anberS. £iet warf man p<h mit SegcU 
fterung auf bie fchon jur 3eit ber 3ncaS befannt gewefene Saumwoßenjucpt. 
Seit bie Spanier ben Sderbau beS 2anbeS ruinirt, wuchs bie Staube bort nur 


8 



24 


im wilben 3uflanbe. Tie 3W>ianer Brauten ble gruebt an bie flüfle, um fie 
an bic Curopäer $u pertaufen. Tie »übe ©aumwolle foftete bort im 3 ahre 
1812 30 bis 40 Centimes baS ©funb; bie jepige bringt faß einen granten. 
©alb ftrömte brittifcbeS Capital nach ©cru, unb baS reiche Thal ber Cbira, 
welches fich Pom SJleere bis §u ben CorbitleraS erftredt, würbe e in e große 
©lantage. Ter ©tato unb bie Seeinfel*©aum»oUe erreichten bie Höhe 
eines ©aumeS. Ter ©aumwotlenbau, fagt Herr SBinStown, ber ameritanifche 
Conful in ©apta, ift beftimmt, in ©eru eine große Stolle ju fpielen, forooßl 
»egen ber periobifepen Stegen, »ie »egen ber Seichtigfeit ber ©ewäfferung. 
3 n mehreren ©egenben »irb eS, um bie hetrlichfte ©ewäfferung 311 erjielen, 
nur netb»enbig fein, bie $um Tpeil tounberfchön angelegten unb faft Potlftänbig 
erhaltenen Canäle ber 3ncaS auSjubeffern. Tie ©eruoianifepe ©aumwolle ift 
gut, »enn and? et»aS reiflich fein. Ter größte Uebelftanb liegt in ber 
Tpeuerung beS Transportes, welcher Pom 3 n ^nb bis an bie ßüfte für einen 
©allen*ein ©funb Sterling foftet. Sobalb ber ©reis fintt, »irb fuh biefet 
Transport nicht mehr lohnen, unb baS SÄaulthier »irb burch baS Tampfroß 
erfept »erben rnüffen* 

Cnblich hat auch noch ©rafilten einige ©erfuche gemacht. Tie ©aummolle 
fommt bort fehr gut fort, namentlich in ben ©ropin^en SJtaranbam, San 
©aulo, Cora unb ©ernanibuco. Tie ©flanke bauert Polle fünf 3abre, unb 
liefert, namentlich in ben erften brei 3 a hren, einen reichlichen Crtrag. Cs 
febeint jeboep nicht, als ließen fich für bie 3 ulunft große Hoffnungen auf 
©rafilien bauen. Tie ©eoölferung hat fich auf anbere 3meige geworfen, welche 
gleichfalls einen reichen Crtrag liefern, unb ift wenig geneigt, fich mit Sieue* 
rungen ju befajfen. 3 m Sahre 1861 eyportirte ©rafilien 100 , 000 , im gapre 
1865 340,000 ©allen. TaS ift, trop aller Pon ber Regierung auSgegan* 
genen CncouragementS, ber ganje, burch bie günftigften 3eitPerhältniffe erhielte 
gortfebritt. 

gaffen wir nun SlüeS jufammen, fo finben wir, baß noch in langer 3 «t 
bie ©ereinigten Staaten ben ©aumwoUenmartt ber 2Belt controlliren »erben, 
unb baß Por ber $anb Pon einer beachtenSwerthen Concurrenj für fie nicht 
bie Siebe fein tann. 


jPag Ucrtingroeftn in Per 

» 0 « * * * 


ffiaS bie Monarchie von ber ERepubltt unterfebeibet, ift in ber Jomt bie 
(Srblid>teit beS ^54ften StaatSamteS, in fpinftebt auf baS SBofel unb SBcbe ber 
Staatsangehörigen jeboch weniger biefe Grblichleit an unb für fich, bie für 2111c, 
welche nicht felbft Staatsoberhaupt ju werben roünfdjen, giemlich gleichgültig 
fein tßnnte, als baS Don biejet Grblichteit unjertrennliche ^nftitut beS gut» 




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25 


flenbofeS, bet in bet OTonardjie faft als Hem be$ 6 taate$ betrachtet 
»erben barf, tn bet SRepublit aber gdttjüc^ »egfäHt. (SS mirb beut $u Sage 
Stöemanbem einfallen, ben $öfen ju Siebe baS gürftentbum »ieber einjufübren; 
es barf alfo getroft eingeftanben »erben, ba& mit ben £öfen ber gürften eine 
gemiffe geijtige Anregung oerbunben ift, bie auch ben IRepublifen ju gönnen 
wäre. 5)er ©ergletd) einer Reinen SRcjibenj mit einer groben ^robinjialftabt 
fällt immer no<& nicht auSfdjlie|U$ 3 « ©unften ber Septeren aus. 

$aS Mittel, »oburcb bie ©ärger ber IRepublif fi<b baSjenige ©ute ju ber* 
febaffen fudben, »aS mit bem §ofleben oerbunben wäre, ift baS ©ereinsleben. 
3 m ©erein mit feines ©leicben föblt ftcb ber inbisibuefle Souverän jugleicb als 
Honig nnb dS £ofmann, als SRittelpunft ttnb als Umgebung. 5>ie ©elfter 
plafcen anf etnanber, es fliegt bie SRebe, leuchtet ber SBi$, ringt ber < 5 ^rgei|; 
aber ber ©reis, bas gememfcbaftlidbe Spmbol ift ber ©eifaö, bie @unft, ber 
©ortbetl, nicht ©ineS £erm, fonbern Silier. $ie freien Stabte beS SRittelalterS 
batten fämmtlidb ibteVereine; baS ältefte ©vteinSroefen, baS beute noch beftebt, 
ift baSjenige ber dlteften noch beftebenben IRepublit ber ©rbe, ber Scb»eij. S)ie 
ältefte Scbüfcengefeüfcbaft ift bie Sdbrob 3 er, bie bis in baS 15. gabrbunbert 
binaufreiebt; 3üricb bat feit 1613 eine ©ibfiotbefgefeüfdbaft, eine Sftufifgefell* 
febaft feit 1679, bie militdrifebe ©efellfcbaft „ber Pförtner 41 feit 1713, unb bie 
©efeUfcbaft „ber Herren ©elebrten* unb bie naturforfebenbe ©efellfcbaft feit 
1746. 

©inen mehr als totalen SöirtungSlreiS erhielten bie Vereine ber Scbweij 
burdb 3faat Sfriin (g*&* 1728, geft. 1782) aus ©afel, ben ©erfaffer ber 
„^bilofopbifcbcu SRutbma&ungen über bie ©efebiebte ber aWenfcbbeit 11 (1768), 
bureb »eiche er Berbers ©orldufer »urbe, unb ber unter ben oorberberfeben, 
»efentlicb republitanifdb, gemeinnützig, nüchtern unb oolfstbümlicb angelegten, 
in Sefjtng gipfelnben, gübrern beS beutfeben ©eifteS eine nicht unbebeutenbe 
Stellung einnabm. Später bat bie in ihren SBirfungen auf bie allgemeine 
©nüoicfelung bieüenbt überfcbäfcte ^ofproteltion oon ©eimar biefe ältere Schule 
bureb eine böfifdbe, uomebme, überfcb»dnglicbe, tunftliebenbe, b. b- ornamen* 
tale Dichtung berbrdngen unb oerbunteln helfen. 3ur geier beS breibnnbert* 
jährigen gubiläumS ber baterftäbtifeben $ocbfcbule lub Sfelin 1760 feinen 
greunb Salomon $hr jd, SRatbfcbteiber bon 3üricb, ben Siebter Salomon ©ebner, 
unb ben Obmann Sdjüj bon 3üridb. $ie glüdlicben Stunben, bie fte mit ein* 
anber im SluStaufcb fruchtbarer ©ebanlen berlebten, führten $u bem ©erfpreeben, 
pcb am 3 . 2Rai 1761 in Scbmjnacb »ieber 3 u treffen unb auch anbere greunbe 
mitjubringen. Unter ben Sefcteren befanb ftcb ber fpdter berühmt geworbene 
Dr. 3 immermann bon ©rugg. 2)er ©orfdblag, eine bleibenbe Stiftung gu 
grünben, tarn 1763 an betreiben Ort $ur SluSfübrung, als ber Statut 3<>b* 
Hafpar #ir$el, ©ruber beS Salomo, #anb ans SBert legte. 3roar btp iebnete 
fein ©nt»urf als Aufgabe beS ©ereinS lebiglicb baS genauere Stubium ber 
baterlänbifdben ©ef<bi<bte; aber bie Urt unb Seife, »ie bicS auSgefprocben 
»urbe, eröffnet« ber ^bdtigleit ber ©efellfcbaft ein weites gelb, unb ermöglichte 


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26 


eine praftifcbe 2Birtfamfeit. ©$ mürbe nämlich auSgefprocben, bafc bie ®efeCU, 
fcbaft ftcb’S gur Aufgabe mache, „bie ©efefce unb bie Staatsoeränberungen ber 
©ibgenoffenfcbaft foroobl, als bie Sitten unb bie ©elebrfamteit ihrer Bürger in 
ben oerfcbiebenen 3eitaltern ber Republi! in ihr mabreS Siebt gu fefcen, u m 
ihre Bemühungen gu bem 93cften beS BaterlanbeS frudjt* 
bar g u machen 41 , moju noch bie meitere Beftimmung tarn, bafc bie ©efeH* 
febaft ficb bemühen follte, „aus fdmmtlicben Orten fnb folcbe Berfonen beigu* 
gefeHen, melcbe ihren Abficbten entfpreeben. 41 2)urcb biefe lepte Beftimmung 
mürbe ber herein, ber nun auch ben Ramen ber „^efoetia 41 annabm, gu einem 
SDlittelpuntte ©leiebgefmnter aus ber ganzen Gibgenojfenjcbaft, ohne Rüdficbt 
barauf, ob ftcb biefelben bis babin perjönlicb getannt batten ober nicht, unb 
erhielt babureb, ohne ba& eS in beftimmten Porten auSgefprocben mürbe, ja 
fogar ohne bafj ft$ "Sie Stifter beffen bemufct maren, eine politifebe Tragweite, 
bie aHmdiig immer flarer beroortrat. 2)ur<b bie £eloetifcbe ©efelifcbaft mürbe 
ber erfte Äetm gur Beränberung ber StaatSoerfaffung ber ©ibgenojfenjcbaft ge* 
legt, bie feit ihrer ©rünbung in ber ^bat nichts AnbereS mar, als ein Bunbnifj 
fouoeräner Staaten, bie nach Snnen unb Aufien ooHtommen felbftftdnbig 
maren unb feine ©emalt über ftcb anertannten. 

3n ben „Bemühungen gum Beften beS BaterlanbeS", benen ber Berein 
ftcb nunmehr toirtlicb untergog, bemdbrte ftcb ter prattifebe Sinn ber Scbmeiger 
in ber gldngenbften SBeife. 5)ie ©efelifcbaft hütete ftcb oor bem Abmeg, auf 
beftimmte SebenS* unbStaatSoerhdltuiffe bireft eittgumirfen; üielmebr befebränfte 
fte ftcb barauf, auf bie Mängel berfelben in allgemeiner Sßeife aufmertfam gu 
machen, in ben ©emügbern ben SBunfcb nach befjeren 3ufiänben gu ermeefen, 
bie Büttel angubeuten, bureb melcbe eine Befferung ergieit merben tonne, inbem 
fte eS anberen Kräften überlieb, bas auSgufübren, maS fte als münfcbenSmertb 
ober notbmenbig begeiebnet batte. Sie befebränfte ftcb mit einem Starte barauf, 
baS Beffere anguregen, unb gerabe babureb, bafj fte ftcb barauf be« 
fcbrdnfte unb nirgenbS tbatiäcblicb eingriff, gelang eS ihr, mit ber £dt eine 
oöllige Umgeftaltung ber Staatsoerbaltnifje beroorgubringen. Such fo erfebien 
balb Scbingnacb ben ariftofratijeben Regierungen als ein $erb beS Aufruhrs. 
Ster grobe Rath oon Sugern mar einmal auf bem $unft, ben Sertebr mit ber 
£efoetif<ben ©efelifcbaft bei Berluft beS Bürgerrechts, unb allen Briefmecbfel 
mit berfelben bei 800 £balern Strafe gu unterfagen. 3 n ben meiften arifto* 
fratifeben ©antonen oermieben eS moblbentenbe Btännet, bureb Beleibigungen 
unb Befcbtmpfungen eingefebüebtert, bie „anftedenbe ©efelifcbaft ber Bobmer, 
Baltbafar, £irgel, Sfelin, ©efener, 3imntermann tc. gu befneben. 41 

dennoch errang ihre AuSbauer unb Büijjigung bie gruebt ber bon ihr 
ausgegangenen Anregungen. ©S bilbete ftcb eine immer gröbere 3<*bl von 
Bereinen, melcbe bie Qbeen ins Seben gu rufen ftcb gur Aufgabe machten, bie 
im Scboofje ber ©efelifcbaft angeregt morben maren. So bie befoetif<b*militäa 
rijebe ©efelifcbaft (1779) unb bie febmeigerifebe mebiginifebe ©efelifcbaft, bie 
foSmograpbifcbsfcbmeigerijcbe ©efelifcbaft (1759); in 3üricb bie matbematifcb* 


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mifttärifcbe ©efeUfcbaft (1767), bie von Salomon ©efmer gegiftete Äünftlerge* 
fetlfcbaft (1777); in IBern bie ©efeUfcbaft ber 33aterlanb$freunbe (1784), bte 
naturforfebenbe (1786), bte biftorifebe unb bie militärifche ©efeUfcbaft; in93afel 
bie ©efeUfcbaft gur 93eförberung beS ©Uten unb©emetnnü^igen; in St. ©allen 
eine ©efeQfcbaft bet Sßoblgeftnnten gur SBerbreitung nützlicher Äenntniffe (1780); 
in ©enf bie Sociäte des arts et d’agriculture (1776), in Steuenburg eine 
Societe d’emulation für baS ©emcinmobl, u. f. W. 

So erwarb ftch ber SBeretn bei ber Station eine ungeteilte Hutung unb 
tourbe babureb unb bureb bie Oeffentlicbteit, bie er feinen Arbeiten gab, eine 
wirtliche SJtacbt. ©$ entging feiner Slufmertfamleit feine Seite beS bürgerli* 
eben, geiftigen unb Staatslebens, er 50 g mit gleichem (Stfet unb gleichem 93 er* 
ftänbnifj bie ffiiffenfcbaft unb bie flunft, bie ©etoerbe unb ben Sanbbau in baS 
©ercicb feiner SBerfammlungen unb regte in allen biefen unb anberen gurn 
gortfebritt an. 

• SDurcb bie febmeigerifebe Revolution unterbrochen, fanben erfl mit bem 
3 ahre 1819 toieber regelmäßige Rerfanimlungen ftatt; aber halb nahm nun* 
mehr bie ©efcllfcbaft einen ausgeprägten ©betratter an, ber ihr bureb bie 3 ßit* 
verbältnijfe aufgebrängt tourbe. 2 )te Reftauratton mar in ber Scbtneij mit um 
fo gröberen Slnjprücbcn aufgetreten, je geringer bie Sftacbt mar, auf bie fte ft<b 
ftü$en tonnte. 2 )ie ©ibgenoffenfebaft mar gur alten 3 erfp(itterung gurücfgefübrt, 
in ben©aittonen waren übermiegenb ariftotratifebe Regierungen eingefept worben. 
SlUeS febien oerloren, was feit ^798 errungen worben war. ©S ift begreiflich, 
bajj bie SMäitner, welche es ftcb gut Aufgabe machten, ihr SBolt gu fortfdjreiten* 
ber ©ntmidelung gu leiten, veranlagt werben muhten, ftcb gang befonberS auf 
baS politifcbe ©ebiet gu werfen, unb ihre SBirffamleit biefem auSfcblie&licb gugu* 
toenben. So erhielt bie $elvetifcbe ©efellfcbajt einen übermiegenb politifeben 
©barattcr, unb eS gingen ihre 93eftrebungen vorgüglicb bahin, bie Scvölterung 
ber ©antone für eine wahrhaft republitanifdzc greibeit hetanjubilben unb in 
ber gangen Station baS iöemu&tfein lebenbig gu machen, bah bie Schweig nur 
bureb eine engere SBerbinbung ber ©antone gu einem 93unbeSftaat micber eine 
ehrenvolle Stelle unter ben SBöltem ©uropuS gewinnen tönne. 3)iefeS 93e* 
ffreben bilbete feit Anfang ber breifciget 3 abre ben alleinigen 3 »edl ber ©efeH«* 
fchaft, ma§ febon barauS beruorgebt, bah im 3ahre 1835 ber ©ebante auftau* 
eben tonnte, fte mit bem neugebilbeten unb aus ihr hcroorgegangenen St a t i 0 * 
naloerein gu oerfcbmelgen. babureb, bah biefe befonbere grage aus* 
fchliefeltch als ©egenftanb ihrer übätigfeit h^rauStrat, war ber ©runb gut Sluf# 
löfung ber ©efeUfcbaft gelegt, bie auch ftillfcbweigenb erfolgte, naebbem mit 
ber neuen SöunbeSverfajfung von 1848 bie neue, befebränttere SJtiffton er* 
füllt war. 

SBir mühten ihren Untergang tief bebauern, wenn fte nicht gerabe in 
ihren wiebtigften ©lementen oollftänbig erfefct worben wäre. 2)ie „Schweige* 
rifebe gemeinnützige ©efeUfcbaft", im 3ab*e 1B10 bureb einen gweiten 3ob* 
ÄaSpar £irgel auS 3üricb, anfänglich nur gur SBerbefferung beS RrmenmefenS, 


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28 



gegrünbet, gog feit 1819 auch beit ©emerbfleife unb ba$ ©rgiehungSmefen in 
ben Kreis ihrer Serathungen, mürbe feit 1823 borgüglich burch Saul Ufeeri 
in bie bon ber ^eltetifchen ©efeQfchaft aufgegebene Dichtung gelenlt, unb 
fprach 1828 als ihren 3wcci aus „bie Beförberung ber ©ibilifation beS Sater* 
lanbeS." 3hre Serfeanblungen bilben rin Archib, in bem jeber greunb beS 
SaterlanbeS feefe SRatbS erholen, pd) feärlen unb beleben lann für gemcinnüfeigeS 
SBirlen. Son ihr mürbe bie Stiftung ber f<bmei 3 crifcben 2Jtobiliar*Affeluran3 
angelegt unb eingeleilet; fie befteQte eine ©ommiffeon für Scrbefferung beS 
Sollsunterrichts in bem fehweigerifeben Alpenlaube, liefe bie Armenfcfeulen un** 
terfuefeen, befebäftigte ftch mit ber Angelegenheit ber Heimatblofen, beforbertc 
bie ©rünbung non ©antonalbereinen, unb regte bie Bearbeitung einer Statifeil 
ber Strafrechtspflege unb beS ArmenmefenS an. Aoch fefct fte ihre Seferebun* 
gen mit ungefchmäcbtem ©ifer fort, unb Idfet leine Seite beS geifeigen unb ma¬ 
teriellen SebenS ihrer Aufmerlfamleit entgehen. 

2 )a bie ©emeinnüfcige ©efellfcfeaft fecb aller politifdhen SBirlfamleit enthält,* 
fo entfeanb, um ftch biefe Seite gur Hauptaufgabe gu machen, im Safere 1844 
ber „© r ü 11 i b e r e i n". ©r ife auf breiteren ©runblagen gegrünbet, als eS 
bie Heloetifche ©efeQfchaft mar, bie feefe nur aus ben gebilbeten unb einfeuferei* 
eben SDtännern beS SolleS ergänzte, unb fortmdhrenb bie höhere geifeige Silbung 
im Auge hatte, benn er umfafet alle Stäube, unb erftrebt bie ©ntmidelung aller 
Solfsfräfte, gu meinem Behuf er namentlich feinen QJtitgliebem in ihren grei- 
feunben Mittel gur Belehrung unb ©clegenfeeit gur ©rfeolung bietet, unb beibe 
unter ben berebelnben ©influfe baterldnbifcher Beftrebungen feellt. Um baS gu 
erleichtern, haben ftch feine 2632 2Jlitglieber, bie über eine halbjährliche ©in** 
nähme bon 22,340 granlen berfügen, in 10 Seitionen getfeeilt, melche fämmU 
lieh Sibliotbeten mit gufammen 11,094 Bdnben haben. 

Aehnlicber Aatur ife bie im Safere 1858 gefeiftete „Heloetia", welche 
bcrgugSroeife Stubirenbe gu ihren SJtitgliebem gäfelt. Shr 3wed ife in ben 
Statuten bahin auSgefprochen, bafe fee für Kräftigung beS nationalen Bemufet* 
feinS, für eine freifennige Solitil nach 3nnen unb Aufeen, für Bilbung beS 
BolleS unb bemolratifcfee Betätigung befetlben in eibgenöffefdjen unb cantona* 
len Angelegenheiten *u mirten fucht. AuS ber 3ufammenfe6ung bicfeS BereinS 
ergiebt ftch bon felbfe, bafe er meniger praltifd) eingreifen, als bielmehr Saamen 
für bie 3 uknft legen lann. 

Um bie Kerne, melche in biefen allgemeinen Serbinbungen gegeben fenb, 
hat ftch ein bielfach berfchlungeneS ©ebilbe, theilS lolaler, theilS auf fpegtelle 
3 mede gerichteter ©efeüfcfeaften angefefct, melche gufammen eine geifeige SReg- 
famleit beS gangen SolfeS geigen, bie lein anbereS 2anb ber ©rbe aufgumeifen 
hat. S)ie fcfeweigerifche naturforfchenbe ©efedfebaft, bie ben bermanbten ©e* 
lehrtenbereinen in $eutfcfelanb, 3*alicn unb grantreiefe gurn Sorbilb gebient 
hat, bie allgemeine gcfcfeicfetforfetcnbe ©efedfehaft ber Schweig, Stiftung beS 
burch feine „©efebiefete beS AppengetlerboltS“ berühmt gemorbenen Seilmager, 
unb Herausgeberin beS „ArcfeibS für fehweigcrifteSefcfeicbte 11 , bet eibgen&ffefche 



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39 


Scbübenpetein, Urheber bcr greifcbiefjen, bic 93afeler ©efeöfcbaft gur 93ef5rb> 
rang be« ©Uten unb ©emeinnüfcigen, hn Sabre 1766 oon Sfelin gegrünbet, 
bie bon Heinrich 3f4>otte errichtete ©efeüfdjaft für uaterldnbifche Gultur im 
Danton Slargau, ber e« gelang, bie Kämpfe gmifdjen ben ferner föeformirten, 
ben 23abener Äatbolifen unb ben gricftbaler Sofepbinern, melcbe burcb bie ©e* 
biationäafte fünftlicb SU biefem neuen Danton gufammengebacfen mürben, au3* 
gugleicben, melcbe bie £ülf«gefelif<baft für Slarau unb Umgegenb, bie natur* 
biftorifche, bie lanbrnirthfcbaftliche, bie biftorifche ©efeUfcbaft unb bie $aub* 
ftummenanftalt in Slarau, ja auch ein berartige« SnftUut in 3pfwgen unb ein 
britte« in ©aben, in« Sieben rief, bie 6t. ©allifcbe Slppengeüifcbe gemeinnü&ige 
©efeUfcbaft, bie bon Dr. gerbinanb Heller bon 3&ti<b geleitete ©efeUfcbaft für 
baterlänbifche SUtertbümer, melcbe u. 81. in Grforfcbung ber Seebauten fo 33e» 
beutenbe« geleiftet bat, unb „UJtittbeilungen" bon 2Jteper, GttmüUer, b. Dreüi, 
UJtommfeu, SBögelin, ©eorg b. ©p& unb griebrich b. ©pp berßffentlicht, unb 
bie antiquarifebe ©efeUfcbaft bon 23afel, ftnb burcb Umftänbe befonber« namhaft 
gemorben, ohne be«balb bon anberen, außerhalb ihre« unmittelbaren ^Bereiche« 
meniger befpro<benen, an effeftiber SRüfclicbfeit nicht erreicht gu merben. 

$ur<b folche Organe betbdtigt fub ein SBolt, bon bem man unter Slnberem 
ergdblen tann, bafc ber 25 Ouabratmeilen grobe, bon nicht gang 200,000 
Seelen bemobnte Ganton Slargau in feiner Keinen ^auptftabt bon nicht 5000 
Gtnmobnem nicht allein eine Ganton«bibliotbef bon 60,000 93dnben (auch in 
ben glecfen 3®fingen, Senjburg, öaben, finben ft<h nicht unbeträchtliche Samrn* 
lungen), fonbern auch gmei 93u<bbanbfungen bat, melcbe bie neuen Grfcbeinun* 
gen ber Literatur burch ba« gange Sdnbchen berbreiten, fo bah feine eingige, noch 
fo Keine ©emeinbe gtt nennen märe, bie nicht auf irgenb eine ©eife mit ihnen 
in SBerbinbung ftdnbe. Unb hoch finb noch anbere SBucbbanblungen im 
Ganton, unb boeb begieben bie an bie Gantone 23afel, 3öricb ober Sugem 
grengenben 2anbe«tbeile nicht menig au« ben bortigen S3u<bhanblungen. Unter 
ben 2iteraturjmeigen, melcbe au« Slarau in bie S3egirfe berfenbet merben, bilben 
gmar religioie, päbagogifcbe unb $olf«f<briften bie übermiegenbe UKaffe, aber 
auch lanbrnirthfcbaftliche, technologifche, militärifche, beßetriftifche, naturmiffen* 
fchaftliche, gefcbicbtlicbe, geograpbifche Schriften, ja eine nicht geringe 3abl bon 
©erfen in frangßftfcber, englifcber, meniger italtenifcber, aber bagegen fpani« 
fcher, Sprache merben getauft, unb Rheologie unb SMebigin ftnb ftarf bertreten. 

©er noch behaupten mollte, bafe bie Vereine n'cht fomobl Urfache al« 
©irfung bcr geiftigen Sftegfanifeit bc« $olfe« mären, ber müfete immerhin jebem 
anberen fifeien fianbe eine ähnliche ©irfung«maffe be« geiftigen 2eben« gum 
Slufgeigen münfehen. ®orh *3 giebt ja auch anber«roo Schulen unb Scbuibil* 
buttg be« Sßolte«, ohne gu biefer felbfieigenen SBetriebfamfeit gu führen, ©ie 
natürlich ift e«, in biefem Selfgooernment ber ^äbagogit, melcbe ja nicht« Slnbere« 
ift al« Uebertragung ber Sßeftaloggifcben ©ethobe au« ben Äinberftuben in bie 
Greife ber Grmachfenen, einen $auptfaftor jener Serfchmelgung ber mefentlichen 
mit ber formalen Freiheit gu Juchen, melcbe bie Scbmeig unter fdmmtlicben £dn* 
bem ber Gebe lenngeiebnet l 


8 



80 


/rci bis ans 2Uftr. 

Bon «lfrete*fi<ri»0. (©afötoetott.) 

3tt bem freien Sdjoofj geboren, 

Slug bet ero’gen gelten Zfyoxtn 
ffiom 6t. ©ottbarb fteigt er nieber, 

Ser SJteffiaS unfrer Sieber — 

$immel unb bie Gebe binbenb 
Unb ein einig Holt oertünbenb. 

©abnfrei! bonnert eg barein, 
grei foü fein ber ganje 9l^ein! 

ffienn bie beutfdjen Sdjranlen faden, 

Hur bie Äette bleib’ ung Sillen, 

Unfrer Ginbeit golbne 3<>ne, 
ffion bem Kiemen big jur Hbone 
Sdnber unb bie £er$en binbenb 
Unb ein einig SBolf oerfünbenb. 

Senn »nenn Ginbeit ung gegeben, 

SBer lann ung noch wiberftreben ? 
Seutfdjer (Seift ift ©eift ber Grbe, 
Seutfdjeg ÜBort fptad? jebeg SBerbe, 

$ütet Guer geu’r, ibr ©Otter, 

Senn ©rometbeug fanb ben Heiter! 

2 Bie !ommt berrlid) er gegangen, 

Sen bie £erjen längft oerlangen, 

Sen bie Sorlep ung gefungen — 

Gr, ber frei unb unbejnmngen, 

Gr, ber unbefledt empfangen, 

Gr, bem bie fötale Hangen. 

Groig jung unb etoig rein, 
GinbeiUSpiegel fod er fein* 


flübne ©urgen, grüne Heben — 
Some, bie gum $immel {heben —• 
Srop ber Seelen, geiftig Seben 
3 n ibr ©ilb bie glutben »eben* 
fleine ©rennen, auf unb nieber, 
Äenue je ber Hbeinftrom wieber, 
Unb (ein grcmbling bemm’ ibn ein, 
Seutfdb fod fein ber gan§e Hbcin. 


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31 


Sott beit Sergen, in ben (Sauen 
Set nur ein Sanier $u flauen, 

Son ber Schmeij bis §u ben Schleufen, 
SBaffermätten tapfrer ©eufen — 

SBo §ur ©acht 7 jmei Stämm 7 ibut ft^en, 
Seren Schmetter gretbeit blipen — 
ffiiegt ben jungen SRecfen ein. 

$e(b ber gulunft ift ber SRbein. 

Stur ein Deutfchlanb fott e$ geben, 
Stolj fott fich bie ©ruft uns beben, 
*34 bin Deutfcber, bin ein SWamil* 
Unb int Greife ber Nationen 
Sott (ein Deutfcber restlos mobnen. 
Dtäuenb fcbüpe bie Stanbarte 
Unfer glambetg fonber Scharte — 
Schmiegt ben Staden, Oceane — 

Steigt (Sud), ©ötter, unfrer gähnet 

©rob ber SDtenfcb unb grob bie Grbe, 
©tob bie em’ge SRacbt beS „SBerbc"! 
Schon umfchtingt bie Stationen 
Sitter 3ungen, aller 3onen 
Gine äette, unjerrijfen — 

Gine Seele, Gin ©emiffen — 

Gine Slber pulst im Stu 
Sitten Gin Gmpfinben ju* 


3UU ljunbtrt ß&\)re. 

Sine biftoriftb* 9temintSeen 3 . 

Son «. e*ott. 


SR 0 11 0 : GrtS föäittlt ihre Schlangen, 

9ULc (Bitte r fliein bmn, 

Unb bt$ Donners ©olfen hangen 
Schwer herab auf Sltotu 

3ft eS nicht als ob ein feltfameS SSerbfingttifj bie ©efebide unfereS beut- 
Wen SJaterlanbeS umnachte, bab gerabe ungefähr alle bunbert Sabre bie 
Schmetter feiner eigenen S5bne fich in brubermorberifebem Streit gegen einan- 
ber (ehren muffen? Die ©efchichte hat eS fo aufgejeiebnet, unb im Stoffe felbft 
lebt eine unheimliche Grinnerung unb jugleicb eine buntle Sage, bie auf tont« 
menbeS Unheil beutet« 


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2 H« vor etwa brei 3 afren gurüd bec VreußenÖnig mit feinen betreuen 
ba« bunbertjdbrige Slnbenten be« £ubert«burger grieben« feierte, ber ben fte* 
benjdbrigen ßrieg beenbigte (1763), ba erfüllte biefe« betlemmenbe ©efühl 
ba« gan 3 e beutfcbe Volt, unb e« moüte ihm faft bebünten, al« ob eine alte 
2öunbe mieber frifcb gu fcbmergen beginne. Sumpfe Scbroüle lagerte ficb fd?on 
bamal« über ben friebli;ben glurcn; benn ber politifcbe «£>immel batte fid? fcbmer 
umbüftert unb bie 3eitPerbdltniffe geigten eia brohenbe« ©eücbt. Sie granf* 
furter gürftenoerfammlung, bie ficb um Oefterreicb« flaifer fcbaarte, batie be« 
$ohengoüern alte Giferfucbt eben erft mieber in Poller Starte macbgerufen. Gr 
nahm eine berauSforbernbe Haltung an unb legte bie £anb an« Schmert, 100511 
ba« juft abgelaufene hunbeitjdhrige grieben«jahr unb bie babei gu oeranftaU 
tenben Äunbgebungen eine millfommene (Gelegenheit boten. Gute folcbe 
geier unter f 0 1 (b e n Umftänben tonnte jeboeb feinen freubigen 2£ieberhaH in 
ben ^er^eit be« beutfeben Volfe« erregen, ba« Se nur rote einen fcbrillen üttißton 
empfanb unb, ftatt tauten 3 ubel«, nur in büfterem 6 d?meigen te« ßunbertjdh* 
rigen Sanbfrieben« gebaebte, in beffen geier fi<& Scßmertetflirren mifebte. 

VBar e« ba« buntle Vemußtfein pon bem 3 lblauf eine« für Seuttd>lanb 
perhdngnißpollen 3 «traum«, ba« bamal« roie eine bange Slhmtng mörberifchen 
Unbeil« burd? bie beutfeben bergen gitterte? Unb Perfünbet un« nicht ba« un* 
glüdfelige Veifpiel pergangener gabrbunberte biefclbe traurige SBabrbcit? 

Senn roie graufam im Porigen gabrbunbert jener fiebenjäbrige Ärieg auch 
mütbete, roie piele ^unberttaufenbe beutfeber Sßbne er in feinen zahlreichen 
Schlachten binmprbete unb roie lebhaft toir noch beute bie tiefe 2Bunbe empfin« 
ben, bie er beutfeber Ginigfeit feblug — 10 a« roill ba« Me« heißen gegen ba« 
bluttriefenbe Scbaufpiel, ba« ficb uit« entrollt, menn toir mit bem gerngla« 
ber ©efeßiebte beroaffnet einen Vlid in bie frühere Vergangenheit gurüdmerfen 
bi« in bie entlegenften Sahrhunberte ber Vorgeit? Gine Veriobe um bie anbere 
nur mieber neue Scbredcn«fcenen, nur gefteigerte Gnttäufcbungen! Vorher*, 
Mittel- unb ^intergruitb bi« in bie graue gerne, mo bie S^fabe ber beutfeben 
©efebichte ficb in unbeftimmtem Stebel oerliercn, geigt immer bafjelbe Dtorb- 
gemübl, Seutfcbc gegen Seutfcbe in milber Siaierci. G« mar nie anber«, nie 
hörte Seutfcblanb auf, ficb felbftmörbcrijch gu gerfleifcßen; nur Grfcßöpfung gab 
ihm geitmeiligen grieben, um, fobalb e« mieber ttrdjte gemeinten, bie nie geheilte 
SBunbc Pon Steuern aufgureißeit. 

Ungefähr in hunbertjahrigen Stt>ii<ßcnrdumen gefebaben berartige SButb* 
au«briicbe in großartigem 2)toßftab. Sa« Heinere Ucbel, bie gabliofen Viirger* 
friege Pon minbereni Selang, bie mehr localen gebben, Unruhen unb Partei* 
ungen, bie bagmtfeben bineinfallen, Tuib gar nicht alle aufguggblen. Siur ba« 
größte unb fcbreienbfte Uebel, ba« mir gu perfebiebenen fcuriß innere 
3 mietracßt erlitten, fei hier in flüchtigen 3 ügen gefebilbert. 

Vom Vcginn be« fieben jährigen Kriege« (1756), um ßunbert 3abre gu* 
rüdgehenb, ftoßen mir auf ben breißigjährigen, beffen bloßer Siame febon 
Schweden unb Slbfcßeu einjagt unb alle Grinnerungen be« tiefften nationalen 


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ElenbS in fich fd&Iicgt. ES liegt ein 3eitraum non hunbert unb achtgabren zwifcgcn 
bem Enbe beS einen (1648) unb bem ^Beginn beS anbern großen SBürgerfricgS 
(1756), ober auch nur zweiunbneunzig, je nachbem man etwa fcgon bie erfte 
SBiebererneuerung ber geinbfeligfeiten im erften Scblefifchen flrieg (1740) mit* 
rechnen wollte ober nid^t. 2)ucchfcbnittSzabl: hunbert. 

2 )er breigigjährige Ärieg lägt ben fiebenjährigen in jeber ^Beziehung um 
ebenfo weit hinter fich zurüd, als er ihn an 3abl ber 3ahre überragt, unb bilbet 
überhaupt ben ärgften HuSbunb aller Scgreden unb ©räuel, bie 2)eutfchlanb 
jemals heimgefucht haben unb bie ftcb hi« in einem einigen, nie erhörten 2Bet* 
terfcglage zufammen zu brängen fcgienen, um eS in ben Hbgrunb feiner tiefften 
Erntebrigung ju fchmettern. 

©ern mochten mir non bem grauftgen Hnblid binwegfliehen ins fünfzehnte 
3 ahrbunbert zurüd; allein auch ba gerathen mir nur miebcr in eine anbere 
Blutlache; mir ftehen mitten in jener wilbbewegten 3rit, tno bie theolo« 
gifcge 3änlerei zweier Htönche baS ganze Holt ergriffen hatte, bag es ftch in 
mahnfinntger Seibenfcgaft bie ßöpfe gerfc^tug unb baS ganze Heid? in Htorb 
unb Hranb burcheinanber wogte. Unter allen biefen Scgredensfiürmen, zu 
benen baS $eiligthum ber Heligion ben fluchwürbigen Horwanb bilbete, mag 
jebocb bem Hauerntrieg, fowohl wegen ber augerorbentlichen 3agl feiner Opfer, 
als ber ©röge feiner hiftorifegen SBebeutung, bei weitem ber erfte $reis zuer* 
tannt werben. 2)erfelbe foH in ber tuqen griff einiger Sommermonate bie 
enorme 3&hl *on mehr benn einer ÜJttHion üHenfchenleben niebergetreten ha« 
ben, fo bag man bamals wohl mit Hecht einer alten Hropgezeigung häufig 
erwähnen hätte: 

23er im 3ahr 1525 nicht wirb erfegtagen, 

5)er mag wohl oon SBunber tonnen fagen. 

3wif<hen biefem grogen HerwüftungSjagr (1525) unb bem Anfang beS 
breigigjährigen Krieges (1618) lagen breiunbneunzig 3<4re. ES finb eben immer 
ungefähr biefelben 3*iträume, burchfcgniUlich um bie oerhängnigooßen £unbert 
herum, nach benen SDeutfcglanb bie jebeSmalige Erneuerung feiner SelbftmorbS« 
öerfuege berechnet. 

2B:eber um etwa hunbert 3<4re jurüd, in ben 3&bren 1416—32, fpieen 
bie entfeplichen #uffitentriege ihr miloeS geuer über baS'öftliche unb mittlere 
3)eutfcglanb. 3war ftanben bamals nicht gerabe ächte Seutfcge aus $eut’S 
Stamm auf jeber ber beiben Seiten, um (ich gegenfeitig abzufcglacgten;eS 
waren Höbmen unb 2)eutfcge, bie ftch feinblich betämpfien. Mein ein ärmli« 
^er Stroft ift bieS; auch bie Höhnten gehörten ja zum 2)eutf<hen Heich unb 
waren 2lboptto*fiinber berfelben unglüdlicgen Htutter, in beren £auS baS SBlut 
ber 3hrigen nicht zum erften 2Jtal umherfprifcte. 

ES war bieS namentlich auch hunbert 3ab*e früher wieber ber gaH ge« 
wefen, als fiubwig ber Haier fich mit griebrich oon Deftemich um baS Scepter 
©ermanienS fchlug (1313—22), bis biefer enblich in ber furchtbaren Schlacht 
bei aJtübfoorf (1322) ben Äußeren zog. ES mochte ein bezweifeltes Hingen 
r 3 


äwifchen ben bcibcn ©egnern gewefen fein, soll Schreden unb 93lutoergiehen, 
wenn eS auch freilich jept meiftenS oergcffcn im Schoope ber 3eiten ruht. 2)enn 
für uns ©pigonen tönnen bie gewaltigen ßaifertämpfe beS beutfchen 2JJittelal- 
terS nid&t mehr baS lebenbige 3ntereffe bewahren, lönnen uns nicht mehr in 
ben wilben Strubel tobenber ^arteileibenfchaften h*neinjieben, worin unfere 
Altoorberen, für welche unfere'^ergangenheit ©egenwart war, gerungen unb 
gelitten haben* 

$ 8 on jept an weiter jurüd tragen bie groben SBürgerfriege 5)eutf<hlanbS 
im ffiefentlichen ftetS benfelben ©paratter. 55ie ßaiferfrone war ber SßreiS, um 
ben man fuh auf $ob unb Sehen fchlug; als noch leine 2JteinungSoerf<hieben- 
heit in ^tebung auf bie himmlifdben 55)inge obwaltete, ba muhte bie irbifepe 
^errfepaft ben SBorwanb hergeben, bamit bie 2 )eutfchen fich nach alter Neigung • 
tüchtig jerraufen tonnten, unb ben groben AeligionSfriegen gingen baher bie 
flaifertriege ooran. Auch würbe man fehr irren, in jenen früheren Kämpfen 
lebiglicp bie Ausgeburten bpnaftifcher ^errfcpfucht ju erbliden, etwa blobe ©a- 
binetsfriege im Sinne ber Sleujeit; nein, ber triegerifche ©eifl beS SBolfeS felbft 
nahm eS bamalS als eine (E^renfacfec auf, ftch im Heerbann feiner £er$5ge $u 
fchaaren unb in beren Anfprücben zugleich bie eigene ©pre ju fchüpen; eS war 
bie ©iferfudjt ber oerfepiebenen Stämme, bie fi<h noch in ungebrochener, altger- 
manifcher Äraft gegenüberftanben unb um bie ©pre fchlugen, wer ben ßaifer- 
thron aus feiner 2 )titte befepen unb als „güprerooll", wie auch heute wieber 
bie JHebe geht, ben übrigen oorangehen bürfe. So oiel Unheil hat biefe güp- 
reribee fchon über 5)eut}chianb gebraut. 

3n eben bem 2Jtah aber, als biefe ßronftreitigfeiten jur 93olfSfadje wur* 
ben, muhten pe ftch auch ins ©rohe unb gurchtbare bebnen unb ju oerpeerens 
ben ©ewitterftürmen geftalten, unter beren 2Bucpt baS ganje Gleich eqitterte. 

33on biefer lepteren Art jeigten ftch befonberS bie in ber ©eiepiebte fo be¬ 
rühmten Sachfen- unb SBelfcntriege, bie ftch bom elften bis in’S breijepnte 
Saprpunbert hin$iepen, wenn man nicht gar bis auf ßarl ben ©rohen jurücf- 
geben will, in beffen gefeierten 3«gen gegen bie Sachfen fchon ber oerberblicbe 
©egenfap pcroorbrach, ber noch auf Sahrhunberte hinaus bie Stämme ber 
Sachfen unb granfen nebft Schwaben blutig entzweien füllte, ja, wenn man 
will, noch bis in bie neueften 3 eiten hereinwirtt. 

55er lepte grohe 3n)ammenftoh jwifepen biefen Stämmen fanb, wieber 
um punbert Sabre früher, ehe ftch ber öaier unb Oefterreicper fchlugen, unter 
Philipp bon Schwaben unb Otto oon Sachfen patt (1198—1209). 2ftit 
wechfelnbem ©lüd würbe mehrere 3apre lang geftritten. 55ie Stenge ber feften 
Surgen, bie in jener romantifeben 3 eit auf allen gelfen ber ©ebirge empor- 
ftarrten, unb bie unbehagliche Äraft ber ebenfo harten Aitterfcpaft, bie fte Per* 
theibigte, hemmten jebe nachhaltige ©ntfepeibung, bis enblich ber eble «£>open- 
ftaufe, oon aJtcucplerhanb getroffen, 31 t ©rabe fan! (1209) unb fpäter auch Otto’S 
©lud oor bem neu aufgehenben Stern ßaifet grtebricpS II. bon §openftaufen 
erbleichen muhte. 



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35 


©was titelt als um ein weiteres Sahrhunbert pnM, m ben fiebjiget 
Sahten beS elften 3ahrhunbertS, batte fchon ber franUfd^e Heinrich IV. bie 
gelbjüge gegen bie Saufen eröffnet, unb bie^ohenftaufen, beren Ahnherr, jum 
£obn für feine in biefem Äarnpf bewiefene Sapferleit, eine Sochter beS ÄönigS 
beimfübrte, batten beffen ©rbfehaft übernommen, mit ber Anwartfcbaft auf bie 
beutf<be $rone jugleich bie Aothwenbigteit, mit bem Schwert ft(b ben 2Beg 
babin $u bahnen unb bie 2Jla<ht ber ©egner 3 U beugen, an beren Spifce juerft 
Äaifer Sothar oon Saufen, bann ^erjog 2Belf non Baicrn ihnen entgegentrat. 
(SS war ein grobartiger $ampf, ben bie ^o^flicgenbcn $ohenftaufen unternom¬ 
men, berühmt burch man(be romantifche 3 wifchenbegebenheit — wer benft hier 
ni<bt an 2BeinSberg unb bie SSeibertreue — unb um fo furchtbarer, als hinter 
ber (Gegenpartei ft<h überbieS bie unangreifbare Sftacht ber Äird^e berfdbanjte 
unb beren ÜEBaffen erft bie rechte Schärfe unb SBeihe oerlieh. 9Jtan fann ft<b 
barauS ungefähr eine BorfteUung bilben, mit welch’ bitterer Seibenfchaft 
febon bamalS unfere groben Bürgerfriege gegenfeitig burchgefämpft würben, unb 
wie oiel Shränen unb S3tut febon in jenen jefct im ©lan§ ber Boefie fchimmern* 
ben Sagen bie beutfeben gluren getarnten haben mögen, llnfer herrlicher 
Ublanb entwirft uns in feinem „Subwig ber Baier" unb „^erjog (Srnft oon 
Schwaben" ein ergreifenbeS Bilb beffen, was er im Prolog bespricht: 

Unb Kämpfe, längft fchon auSgelämpfte, werben 

Bor Murern Auge ftürmifcb ftcb erneu’n. 

3n biefem 3eitraum ftofjcn wir auch sum erften 2M auf eine Art Aus- 
nähme bon ber gewöhnlichen hunbertjdhrigen Olegel, freilich eine traurige Aus¬ 
nahme, wenn fte überhaupt biefen tarnen oerbient; benn fte enthält nicht etwa 
ben begriff einer 2üde ober eines Ausbleibens beS in gewöhnlicher 3wifchen* 
periobe wiebertebrenben inneren Streites, fonbern im (Gegenteil einer nur noch 
häufigeren, noch fchnelleren 2Bieber!ehr, als bieS früher ober fpäter in folgern 
fDtdfcftabe jemals ber gall gewefen fein bürfte. Sicfe Ausnahme bilben eben 
bie welthiftorifchen Kämpfe swif^en ©hibellincn unb ©uelfen, borher jmifeben 
ben £obenftaufen unb Sothar bon Sachfen, welche, wenigftenS in Seutjdjlanb, 
in ber erften $älfte beS jwölften SahrhunbertS auSgefochten würben unb baher 
jwifchen bie ältem Sachfenlriege Heinrichs beS Vierten unb bie Philipps bon 
Schwaben gegen Otto bon Sachfen mitten hineinfallen. 

2)aS unglüdliche ©efchtd beS beutfehen BaterlanbcS erfcheint baburth nur 
in um fo grellerer Beleuchtung, als eS gerabe in ben glänjenbften Sagen feiner 
2 Jia<bt unb ©röjje am meiften an inneren Sßunben blutete. 3 e ftärfer fuh bie 
2 )eutfchen fühlten, um fo toller fielen fie im Barteifampf übereinanber her, junt 
neuen Beweis ber fchon weiter oben auSgefprochenen Anjicbt, bab überhaupt 
nur ©fchöpfung ober gänjliche Ohnmacht ber Furia Germanica ein 3iel 
fe&en tonnte. 


©n ähnlicher AbhaltungSgrunb mochte auch hunbert Sabre früher, ehe 
Heinrich mit ben Sachfen fchlug, im jehnten Sahrhunbert, obwalten, als wir 
mit ben wilben Ungarn um unfere ©yiftenj tämpfen mu&ten, bie enblich Heinrich 



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36 


5 ' 

bcr gintter auf bem Sechfelb entfäeibenb auf« £aupt fähig (955) unb bÄen 
$eufäredenfämärme bamal« unfcrc füblfäcn unb mittleren Sßrovinjen in einer 
Bkife vermüfteten, bah freilfä an teinen Bürgertrieg ju benlen mar. gürmahr! 
ein jämmerlicher £roft, wenn wirtlfä bic 3u<htruthe biefer fürchterlichen Bar* 
baren nötbig gewefen fein follte, um bie 2)eutfäen bavon abjuhaltett, ffä felbfl 
ju jerfleifäen. 

2 Bie fah e« aber um weitere hunbert 3färe jurüd, im neunten gahrhun* 
bert, au«? $amal« würbe ba« beutfäe Befä gegrünbet, inbem e« ffä unter 
fiubmig bem 2)eutfäen al« felbftftänbige« ©an$e bon bem groben granfenrefäe 
au«fäieb. Mein fäon biefe ©rünbung gefäab nicht bufä freie, friebtfäe 
Bereinigung, bie Segen unb ©ebenen batte bringen tonnen; Tie tarn nur auf 
bem blutgetitteten gunbamente eine« Stamme«triege« ju Stanbe, ber al« ba« 
erfte grobartige Beifpiel biefer Slrt, glefäfam al« Urgrobbater einer langen 

• Unbeil«familie, baftebt, wie er auch an 2tu«behnung unb gufätbarteit mit allen 
fpätcren ©Überholungen bi« jum breihigjährigen unb ftebenjährigen Äriege ffä 
würbig bcrglefäen barf. 6« waren bie breiunbbreibig 3 a hre faft ununterbro* 
eben fortgefepten ^eerjuge ßarl« be« ©roben gegen bie beibnifäen Saufen, 
beren er in einer einzigen Schlacht, wie un« berichtet wirb, einmal über achtzig* 
taufenb erfchlug. 2)enn e« ging auf Sehen unb $ob, auch bie grauten tdmpf« 
ten um ihren $erb unb ihre (Syiftent, unb e« war ein $rincipien* unb Beli* 
gion«trieg in be« ©orte« rabicalfter Bebcutung. SU« aber enblich ba« färner 
gebeugte Sachfenvolt, an ber üDtacht ber alten ©otter verjmeifelnb, ffä jum 
grieben neigte, ber ihm auch unter ehrenvollen Bebingungen jugeftanben würbe, 
ba bot ba« gan$e 2anb (ba« heutige Borbbeutfälanb) ben Stnblid fäauerlfäer 
Berwüftung unb menfäenleerer Ginobe. Stuf folche©eife muhte alfo ba« 
beutfäe Befä erft unter bem cifernen 3<fä be« gewaltigen ßaifer« jufammen* 
gefämiebet werben, auf bah e« ungefähr taufenb 3ahre lang, wenn auch unter 
Vielen Biffcn, nothbürftig jufammenhalten tonnte. 

$ie 3eit mit ihrem wohltätigen Schleier umhüllt jefct jene blutigen Bilber 
ferner Bergangenbeit, bie ffä un« ftatt beffen nur in einem lieblichen Schimmer 
Von $oefie unb Bomantif vor Bugen führt, gleich Bofengebüfä über büftern 
©rdbern. Selbft bie ernften Grinnerungen, welche bie ©efäichte bewahrt, 
fmb bleich unb grau geworben unter ben frifäen Ginbrüden ber ©egenwart 
unb in bem lebenbigen ©ebrdnge be« vormärt« eilenben 3ahrhunbert«. ©et 
möchte auch bie Opfer alle nachjählen, bie in ben grimmigen Schlachten ber 
Borjeit fielen, ober ba« 3Dleer Von Shränen unb gamrner beregnen, womit bie 
unbänbige gurie feiner Bürgertriege $eutfälanb« blühenbe gluren fäon fo oft 
überfämemmt ^at ? Unb wer vermöchte ben bfäten Borhang völlig $u ent« 
fäleiern, ben mitleibige ©otter, würbe Schiller fagen, barüber geworfen haben! 
Bur böcbft mangelhaft tonnte biefer Berfuch au«faüen; allein fäon in ben me* 
nigen flüchtigen Umriffen be« Schreden«bilbe«, oa« wir gefehen, tonnten wir 
wenigften« eine Bbnung gewinnen von bem, 

„39a« fie gnäbig verhüllen mit Bacht unb mit ©rauen*, 

2 



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37 


Stögen mit auch bie ernfte Sehre barin erlernten, b a 6 $ e u t f ch l a n b 
eigentlich nie einig mar» 

Son bem erften Serfuch an, bie gerftreuten Stämme in einem mächtigen 
(Sangen gu bereinigen, bis heute herab ermuchfen nur fchredliche Sürgerlriege 
aus biefem ©eflreben, ftatt beS reinen QbealS nur blutige ©arritaiuren ber 
beutfchen Einheit. Schon in unferm Stationalmappen, bem hoppelten SIbler, 
tragen mir baS Sinnbilb ber 3toietra<h*. 2Bie tönnte ft<h auch biefer gmeitöpfige 
Sogei, ber fletS nach gmei entgegengefefcten Sichtungen ftrebt, jemals gu höhe» 
rem gluge erfchmingen, ohne bab ihn ber geteilte SBitte in fernerem gatte 
immer mieber gur ©rbe hinabgmingt ? 

©S ruht überhaupt ein fernerer gluch über ber beutfchen Einheit, unb ein 
böfer 3auber hält fte umftridt. Sitte hunbert Sabre rüttelt fie an ihren gef» 
fein, bab baS Seich in feinem gnnerften erfeufgt; allein lein erlöfenber Sitter 
mottle bis jefct noch fuh finben, um ben finftern Sann gu fprengen unb ben 
gräulichen brachen gu erlegen, ber bie Pforte bemacht. 

Unb ift es nicht in ber $bat eine gräuliche Schlange, biefe emige 3n>ie* 
tracht, bie ben beutfchen ein mahreS SarabieS raubt ? Sehet biefeS fdjöne, 
herrliche 2)eutfchlanb, bon ber Satur fo reich beglüdt mit ber gütte ihrer ©a» 
ben! $o<h feines fchönften ©IüdeS barf eS ftch nicht erfreuen: holbe ©in» 
tracht, fü&er griebe, fte lönnen leine bleibenbe Stätte finben auf biefen fonft fo 
reigenben gluren. 2)er 3»ietracht giftiger Sffiurm lauert ftatt beffen hinter ben 
blühcnben ©arten, ben freunblichen ßornfelbern unb blumigen Sluen, um in 
töbtlicher ©ier oon 3eit gu 3*it herborguftürgen unb alle bie lieblichen SilbSr 
beS ©lüdS unb beS griebenS, melche bie unbermüftliche SebenStraft beS SolleS 
mittlermeile mieber gefchaffen, bom Slngefuht ber Sonne gu tilgen unb in geuer 
unb Sermüftung gu begraben. 

gm eigenen bergen nährt baS beutfche Sott biefeS abfcheutiche Ungeheuer. 
©S ift baS lleintiche Sonberbeftreben, ber neibifche Sarteigeift, ber feinen fonft 
fo eblen Sinn befcbmujt unb in bämonifcben SluSbrüdjen fein fchöneS Sanb 
bermüftet. 2ßaS brauste both ber mächtige Siefe jemals ben erbärmlichen 
gallifchen #ahn, ben ruffifchen ©roherer ober bie brittifche Suttbogge gu be» 
achten ? $aS märe ihm ja 2ltteS ßinberfpiel im Vergleich mit bem entfestigen 
©emürm, baS er in feinem 3nnern hegt! 

Üffiie eS aber tomme, bab baS tüdifche Unheil gerabe ungefähr in hunbert» 
jährigen ©pifoben, mie heute mieber, baS brohenbe, gefpenftifche £aupt erhebe, 
bleibt uns moht räthfelhaft, mie mir ja häufig in bem majeftätifchen Sauf unb 
in ben mertmürbigen Slnorbnungen ber 8Beltgef<bi<hte, gerabe mie in ber äußern 
Satur, eine gemiffe ©efepmäbigteit bemerfen, ohne beren tiefere Urfacben gu 
lennen. ©runbhafchenbe Sationaliften mögen fid> bietteicht auch mit. ber ©r* 
Härung tröften, bab es eben jebeSmal ungefähr breier Stenfchenalter beburfte, 
bis bie Seiben unb 2)rangfate eines oorhergehenben SürgertriegeS mieber fo 
meit in Sergeffenheit geraden maren, bab man mieber an einen anbem oenten 
tonnte. 


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WL 


88 


3m jefcigen Slugenblid bebarf es feiner rneitf(^meiftgen Erörterungen mehr 
über biefen traurigen ©egenftanb, unb fo wollen wir fcpließen mit ber unoer- 
tilgbaren Hoffnung, baß baS beutfepe Bolt enblicp jur bauemben Eintracht 
gelangen unb ben böchften Sriumph, ben Sieg über fiep felbft, erringen möge, 
bamit wenigflenS bem näcpften gaprpunbert baS Schanbmal erfpart »erbe, baS 
in ben Sorten liegt: 

*2Ule bunbett 3ahre. fl 


JÜtktfyrnngtn. 

Son ftrictrfcfc ®tünd>. 


ES ift naturgemäß unb recht, baß oom frühen 2lfter an mit ber ftetS er¬ 
weiterten Erfahrung unb Beobachtung unb ber burefe Uebung gefchärften Ur- 
tpettSfraft unfere 2Infi<ht ber Singe fuh mehr unb mehr berichtigt, alfo in 
Sfltoncpem eine anbere »irb, unb baß »ir, fo lange nur immer bie ©eifteSfraft 
ungefcpwächt bleibt, mit ber Berichtigung unferer Borfteüungen gar nicht an 
baS Enbe tommen. Unfer inneres Sefen ift niemals etwas oollftdnbig Slbge- 
fchloffeneS, fonbem — wie baS gan 3 e Seitall — ein fteteS Serben. 

Stoch oerlangt man mit 9te<ht Oon jebem oerftänbigen Blenfcpen, bah er 
um bie 3eit, ba er felbfttpätig in baS 2eben eingreift unb Urteile auSfpricht, 
bie auf Beachtung Slnfpruch machen, eine SebenSanficpt bei fiep auSgebilbct 
habe, welche ihm eine fiebere ©runblage giebt, für fein #anbeln fowohl als für 
bie Beurteilung ber Singe. MeS Scpwanlen in ben wefentlichftcn ©runb* 
fäpen unb gar bie Befehrungen oon einem Sleußcrften 3 um anbern machen 
einen wiberlichen Einbrud unb ftören mit JHecpt baS Bertraueu. 

£aben einem Btenfcpen früher SDlittel unb ©elegenpeit 3 ur SluSbilbung 
gefehlt, fo mag, wenn er fpäter folcpe finbei, bie Umwanblung ein ©lüd für 
ihn fein; in ben meiften gälten aber muß man fagen, baß plöfclich Belehrte 
entweber Oorbem eines fträflicpen SeicptfumeS fleh fchulbig gemacht haben, inbem 
fie ernfte gragen oom Anfang aÜ 3 u leichtftnnig behanbelten, ober baß fie mit 
gleich ftrdflichem Scichtfinn baS gewonnene Beffere gegen SlnbereS Oon 3 »eu 
felhaftem Sertpe wegwarfen. 9)ian foll mit ber in ben beften gapren beS 
SafeinS gewonnenen SebenSanficht auch für beffen Beft auShaltcn, bamit leben 
unb fterben fönnen, ohne baß ein oöüiger innerer Umfturj nöthig wäre. 

Sie Beweggrünbe beS fianbelnS unb bie lebten ©rünbe ber Ueber 3 eugung 
liegen hoch in bem Btenfcpen felbft. greilicp wirb unfer gnnereS bcftdnbig 
burch äußere Einbrüde angeregt; aber wie biefelbeu innerlich aufge* 
n o m m e n »erben, baS ift bie $auptfacpe, unb barin befteht neben einer ge* 
wiffen allgemeinen Slehnlicfefeit hoch eine enbloS grobe Berfchiebenheit im Ein- 
jelnen; oon ber Besoffenheit unb Stimmung beS inneren hängt bie Sirfung 
ber äußeren Anregung ab. Sie weiße Oclfarbe freilich heftet bie weiße garbe 
auf älüeS, was man bamit anftreiept, in gleicher 2lrt; fo ift es nicht mit ben 



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dufteren ©fnbrücfen auf bag menftfit* 3nnere. Gg ift, aut mo bag innere 
fit oöüig paffio, blog aufnehmenb gu oerbalten fteint, bot immer ein ge- 
toiffer ©rab oon Selbftthätigleit borhanben, ohne »eldjen überhaupt gar leine 
Ginmirfung oon außen möglit märe. 

$arum ift auch bie Abteilung in Solte, rnelte ihre ©runbfäfce beg £an- 
belng unb bie ©rfinbe ihrer Uebergeugurtgen au« fich felbft ftöpfen, unb in 
folte 2lnbere, rnelte fit butt Slutomtät, Bibelglauben, eingeprägte fiirten- 
lehren :c. beftimmen laßen, leine genaue. Bei jebem 2Jtenfteu mirlen Sleuße- 
reg unb inneres gufammen, nur nicht in gleicher 2Irt; ber eine ber beiben 
galtoren mag ftärler, ber anbere fchmächer fein, — immer aber ift unfer Renten 
unb Xhun bag Brobult oon beiben. 3e gröber bie innere Selbftthätigleit ift, 
befto ftärler ift auch bag Selbftgefühl unb befto gröber bie innere Klarheit; nach 
ben hierbei ftattfinbenben ©raben beftimmt fuh ber Unterfchieb in ben gahttojen 
Stufen ber Bilbung. 

Sluch bie 2Mionen, melche je$t noch bag lirtlite ©ängelbanb nicht ent¬ 
behren tonnen ober entbehren gu töntfen glauben, ftnb boch nicht abfolut 
Abhängige. 3cne« ©ängelbanb entfpricht ihrem inneren 3uftanbe unb befrie- 
bigt fie, rneil fie gu einem höheren ©rabe oon Selbftthätigleit fich noch nicht er¬ 
hoben haben, meil ein höherer ©rab bon Klarheit ihnen not nicht gum Be- 
bürfniß mürbe; fte nehmen bie fertige ßoft, melche bagegen Slnbere ftcb felbft 
gubereiten motten, obroobl auch biefeg Sefttere nur theilmeife gefdjieht, — nicht 
gang unabhängig oon 3eiten unb Umftänben unb gahttofen unberechenbaren 
Gmbrücfen. ÜEBir fmb im beften galle nicht Schöpfer, fonbern Bilbner unferer 
Sebenganfttt, unb jebeg menfehliche 3nnere hat feine eigentümliche Bilbungg- 
gefchichte, in melcher bag 2Rannigfaltigfte gufammenläuft, um bag heroorgu- 
bringen, mag 3*ber ift. Gtgiehung unb Sehre unb bie gange Umgebung oon 
Umftänben unb (Einflüßen, in bie mir bie SDtenfcben oon grühem an oerfefcen, 
oermögen oiel, um ihrer inneren Gntmidelung eine gemiße Dichtung gu geben, 
unb boch auch mieber nicht Sltteg. 2)ag innere SIgeng ober bag felbftthätige 
flkingip beg (Einen haben bie 2lnbern boch niemalg gang in ihrer ©emalt, unb 
bag Slefultat ber (Einmirlung läßt fich nicht mit ber ©enauigteit beg SRathema- 
tilerg, beg (Ehemilerg, beg 2Jletanilerg berechnen; 3)eg ttJienften 3nnereg iß 
boch leine 2)1 a f <h i n e. 

Unb fo untermerfen mir auch mit ooflem Siechte bie auffattenben Berän- 
berungen, melche mitunter in bem menfcblichen Snneren oorgehen, Belehrungen 
u. bgl. ihrem SBerthe nach unferer Beurteilung unb forften ben Urfachen ber- 
felben nat, ohne aber bie inneren Borgänge fo anfchaulich mie ein Dlechnungg- 
ejempel machen gu lönnen, ober ohne SiUeg nach bem gleiten 2Jtaßftabe mejfen 
gu bürfen. 

S)er gemöhnlite ©ang ber 3)inge ift bei ben ©ebilbeteren u n f e r e g 
Boßeg in unferer 3eit meifteng biefer: 

S)ie ©laubengfäpe ber einen ober anbern (Eonfeffion mürben ung in ber 
Äinbbeit eingeprägt; baoon tun bie SReiften attmälig mehr ober meniger ab 




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unb ergeben Reh gu einem gemiffen ©rabe bon greiRnnigfeit ober (Rationali«- 
irtu«, fo bab ber Jtirchengloube gurüdtritt unb ihr $anbeln nicht ferner beein¬ 
fluß. ©3 mag gefchehen, bab ber ©ine bi« jum 2ltbei«mu« (Seugnung einet 
höchRen bemühten 3ntettigenj) oorfchreitet, ber Stnbere bi« jum <Ranthei«mu« 
(bie Ännabme, bah ba« 21(1 ber (Dinge ba« ©öttlic^e ift), ober beim 2)ei«mu« 
(2lnnahme, bah ber lebte ©runb ber $inge in einer ihrem 2ßefen nach un« 
freilich unetforfchlichen, höchRen 3nteQige«j ju fuchen fei) Reben bleibt; mir 
finb, ba alle Spetulation über biefe fo f(bmierigen gragen noch ju feiner Pollen 
Klarheit geführt bat, bamit jufrieben, bah bie eigene SelbRRänbigfeit gemährt, 
b. b- ba« Genien unb #anbeln nicht non frember Autorität, non miülürlichen 
Safcungen unb firchlichen dRachtfprüchen abhängig gemacht mirb, fofern jugleich 
©eRnnung unb #anblungen eine« fo ©manjipirten auf 2l<htbarleit 2lnfpru<h 
haben. 2Ber e« anber« hält, gehört nach unferem Urtbeile ju ben befangenen, 
unb inbem un« ber gortfehritt non ber (Befangenheit jur greibeit al« ba« (Ri<h- 
tige erfcheint, erfennen mir mit (Recht in beut umgekehrten ©ange ein 3ei<hen 
geiftiger ©rtrantung. 

6 o erregte e« benn nicht geringe« 2tuffeben, al« im 2lnfange biefe« 3aß* 
bunbert« mehrere 2Ränner non b*>bent miRenfchafilichem (Rufe (griebridh Schle¬ 
gel, ©raf gr. Stolberg, £ie! u. 21. m.) in ben SchooR ber allein felig machen- 
ben latholijchen flirche übergingen, unb über unfern groben Iprifchen dichter 
Heinrich #eine, melchet am ©nbe feiner 3ah*e in ber bibel feinen £roft fuchte 
unb feine gefammte frühere Ueber$eugung, bie göttlichen (Dinge betreffenb, um- 
ftieb, urtheilt man nicht mit Unrecht, bab er entmeber früher e« mit ber be* 
trachtung ernfter (Dinge niel §u leicht genommen unb enblich feinen grctbum 
eingefehen habe, ober aber, bab ba« unfägliche Äörperleiben ben fonft fo ftarfen 
©eift am Schluffe feiner Sage gebeugt unb umnachtet hat, — ober auch, bab 
beibe« zugleich ber gall mar. 

2lnber« iR e« in ber (Regel bei ben 2lmerifanern. Sie fennen, ohne fdjon 
burch bie ©eburt einer gemiffen ©onfefRon anjugehören, im 2UIgemeinen bie 
Seftenlehren unb behaupten benfelben gegenüber — meiften« ohne genauere 
(Prüfung — eine 2lrt Pon neutraler Haltung, inbem Re jeboch, ma« fchon §um 
2lnftanbe gehört, ben Sonntag heilig halten, ben bibelglauben nicht antaften 
unb an bet ihnen, mie e« fcheint, ganj unentbehrlichen borfteUung, bab bie 
borfehung 2We« ober Doch bie $auptfa<hen giebt, orbnet, einrichtet unb 
nach ©efatlen lenft, nicht $u rütteln magen. Sie unterfcheiben jmifchen ge- 
möhnlichen borfommniRen unb ben 2lften ber borfehung; SRancbe« ift ihnen 
auch eine quaR ©otte«fügung, ober pretty near a providential dispen- 
sation, natürlich je nachbem bie Sache ihren (ffiünfcben entfpriebt, §. b. bie 
©rmorbung Sincoln«. ©in tiefere« unb auf golgerühtigfeit 2lnfpruch machenbc« 
©ingehen in biefe gragen trifft man feiten; höchften« mirb noch ein Unterfdjieb 
jnrifchen general unb special providence gemacht, unb entmeber nur an 
bie eine ober an beibe zugleich geglaubt. — (Doch babei bleibt e« feiten. ©« 
erfolgt entmeber eine gemaltige äuRete Anregung (ein fogenannte« revival 


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unb bergl.), ober bie ©etömbfung einer burch fein anbereg ©tittel $u bejah* 
menben Seibenfchaft fcheint eg nöthig ju machen, ober aber wirb burch bebeu= 
tenbere Unglüdtgfäüe ober auch burch bie Sähe beg £obeg unb ben ©ebanlen 
an ein 3enfcitg, bag eine (Eytra«©orbereitung erforbert, bag ®emüth umge* 
ftimmt; turj, meifteng finbet ju irgenb einer 3eit beg Meng, früher ober 
faäter, bie ,Annahme oon Religion" ftatt, toobei oft ber 3ufaH 
entfcheibet, ob eg ©tethobigmug, ©regbbterianigmug, ©aptigmug ober wag 
fonft ift; bo<h bebeutet biefe ©elehrung oon nun an immer Snfchlufj an eine 
!ir<bti<be Seite unb thätige, namentlich auch jahlenbe ©Utgliebfchaft. ©Serben 
bie ©eiehrten nun auch nicht ohne SBeitereg ju Heiligen, fo tritt hoch jefct eine 
gewiffe 3ähmung an bie Stelle ber früheren ©Silbheit, bag äufjerlich Snftöhige 
toirb gemieben, bag gamilienleben wirb frieblicher, unb ba man hier in ber“ 
Segel nur jwei filajfen oon ©tenfdpen hat, Sowbieg unb Seligiöggeftimmte, 
fo gewinnt felbft bag ©ublitum burch biefe Umwanblung, unb jebe Umgegenb 
fchäfct ftch um fo glücflicher, je mehr ©elehrungen barin oorlommen. 3)er alte 
©tenfeh foll begraben fein, ein ganj neuer auferfteben; bie alte Rechnung ift 
abgefchloffen, unb eine frifche beginnt. S)iefe SBiebergeburt ift (wie bie phb* 
ftfehe ®eburt), wenn nicht etwa ein bloheg Stüd oon Heuchelei, eine wirtliche 
Seoolution, beren früherer ober fpdtercr Eintritt ju ben Gingen gehört, bie 
man alg etwag Drbnunggmähigeg erwartet. Sicht gar ©iele bauern in ihrer 
unabhängigen Haltung aug big ang (Enbe. 

3)ec burch fein bebeutenbeg Silent, feine hob« Silbung unb feine ©er- 
bienfte um bie Sntijflaoereibewegungen in ©Uffouri in weiten Greifen betannte 
Senator ®raj ©rown war big Oor oier fahren Ieibenfchaftlich bem £runfe 
ergeben. (Ein Sieblingglinb ftarb ihm, unb jugleicb muhte bie fdjlimme Seiben* 
fchaft beflcgt werben, wenn barunter nicht bie öffentliche Stellung beg ©tanneg 
leiben foHte. (Er griff jum gewöhnlichen ©Uttel, febloh fi<h einer Äirchenge- 
rneinbe an, unb febeint barin fo oolle ©efriebigung gefunben ju haben, bah er 
allen weltlichen ©eftrebungen entfagt hat unb bie Senatorftelle oon ©Uffouri 
einem Snbern überläht. (Er ift fromm geworben unb für bie Oeffentlichteit 
Künftig nicht mehr ba* 

3n einem englifchen ©latte finbe ich, bah auch ber ebenfo betannte Se¬ 
nator SBilfon oon ©taffachufettg bei einem neulichen revival meeting ju 
Sati! belehrt würbe, unb, jum ©eben aufgeforbert, ftch augfprach wie folgt: 
„3$ jthulbe eg mir felbft, meinen greunben unb ber Sache beg (Erlöferg, einige 
©Sorte augjufprechen, obwohl mit ©Siberftreben. Seit mehr alg breifjig Sahnen 
habe ich an biefer Stelle an bem ®ottegbienfte theilgenommen unb mehr alg 
hunbert ©rebigten angehört; ich mar überzeugt oon ber Wahrheit ber oorgetra- 
genen Sehren, unb habe leine (Entfchulbigung bafür, bah ich lein thätigeg ©Ut* 
glich ber ®emeinbe würbe, obwohl ich nie eigentlich ein Ungläubiger war. Oft 
oon greunben jur ©elehrung gemahnt, habe ich boeb länger alg fünfjig 3ahre 
©ott oerleugnet unb ben Sooft nicht gelannt, welchen er allein geben tann. 
2 )o<h ben grieben habe ich enblich gefunben unb gäbe meine jefcigen Hoffnungen 


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auch ni<ht für bte böchften ©hren bet ©rbe hin. Sllled mad 54 habe unb bm, 
opfere ich meinem £ertn unb ERciftcr; benn fünbhaft unb oermetflicb mie mit 
ed $lHe finb, ftnbe ich enblicb Grbarmen unb Bettung am gube bed flreu'jed. 11 

2 Bit haben nicht ben geringften ©runb jum 3meifel, bab biefe örflätung 
eine emfte unb aufrichtige fei; unfere SJtenfchenfenntnib aber mürbe eine un« 
ooHftänbige bleiben, moUten mir folcbe Vorgänge unbeachtet (affen. 2Bie btel 
Unabgetlärted unb mirllich Äranlbafted ift noch in bem ntenfdjlicben Treiben, 
menn folche Belehrungen ju ben Gingen gehören, bie man gan§ natürlich 
finbet! ßann man mirllich fündig Sabre lang ,,©ott berleugnen 4 unb boch 
treu feine SJtenfchenpflichten erfüllen ? Ober, menn man bad Weitere gethan 
hat, mpr nicht gerabe bad bet ehrlichfte unb merthooüfte ©ottedbienft, unb fann 
man nicht mit folgern Bemubtfein getroft aud biefer SBelt fdbeiben ? — 3Wer* 
bingd befriebigt bie Eingebung an bie Rodungen bet Sinnenluft, ber ©elbbe* 
gietbe unb bed (Sbrgeijed nicht bauernb, unb mei( bad etliche Element im 
SJtenfchen nicht audjutilgen ift, rächt fuh bie Uebertreibung ju irgenb einer 3*it; 
unnatürlich ift ed aber, burch einen ganzen Xbeü bed Eingebrachten Sehend 
einen Strich machen ju müffen, unb fo hängt allen Belehrungen — gleichfam 
inneren Sludbrücben unb Grbftürjen — famrat ben ihnen folgenben frommen 
©rgiebungen etmad SBiberliched an. SBöie ein geregelter Strom fließe bad 
Sehen hin; bie ßataralte fmb in ber Statur feböner ald menn fie im menfcbli* 
eben Snnern borlcmmen. stäche bein menfcblicbe^ SGßefen unb beine menfeh* 
lieben Aufgaben frühe genug bir felbft llar, unb lerne üDtab halten in allen 
Gingen, bann merben geiftige Suftfprünge nientald nöthig fein. 


JUUrie. 

StottUc ton Ä a t t> i n f a 0. 


X>u fcaft mir ja ©ift ßf fl offen 
3n6 blübenbe ßcbeu hinein. 

$eine. 


*2iebe 6mma, lab mich in Bub’ mit deinen unerträglichen Bemerlungen 
über bie ©efährlicpteit $eined Betterd, ben ich meber tennen lernen mag noch 

milll SBei&t $u, mad man oon ihm ersählt, meibt 2)u, bab- u 

„$ab — bad BHed mahr fein mag, unb bab er bennoch meiner eifrigen 
greunbin, bie in moralifeber ©ntrüftung ben Stab über ihn bricht, bßcbft ge* 
fäbrlicb fein mürbe, unb menn fie ihn fennte, ich nicht mehr für bad ©leiebge* 
micht ibred £er$end unb ihred Äöpfchend einftehen möchte. 4 
„©nmal* 

*3a, SJtarie — tro| deiner aufgemorfenen Sippen, tro| deiner fchul* 
meifterlichen Beratung roll Büge unb Strenge, bleibe ich boch bei meiner 
Behauptung, bab 9Baj gan3 unb gar non ber Statur baju gefchaffen ift, burch 


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ferne Iieben$»ürbigen unb untiebenStoürbigen Talente ©ich/ Marie Sturbbeim, 
gut toöften Seibenfchaft gu entflammen! ©ein leicht erregbarer ©ttbuftaSmuS, 
©ein 25Mb, ©ein nach Originalität unb ©jcentricität hafchenber ©eijt — lurg 
©ein lebhafter ^^araftcr, ©ein ganges „geh" »ürbe fpmpatbetifch non ibm an* 
gezogen »erben! ©u beftpeft freilich ein ungeheures Ueberge»icbt über ibn ba* 
bureb, bab ©u ©baralter baft unb er nicht. 2iber ©u »ürbeft felbft baoon 
abfeben, — ©u »ürbeft fo »ie ich ©ich lenne, ibn ohne Ueberlegung ohne 
©rengen lieben lernen, — unb »eil i<b bie$ fürchte, beSbalb billige it ©einen 
©itfchluft n i d? t gu ber ©efeHfchaft feiner Mutter gu geben. — 2Bbgu bie ©e« 
fahr fuchen ?" 

©n lächelnbeS Hopffchütteln, ein oeräcbtlicheS Stchfelguden »ar bie emsige 
2lnt»ort auf meine Sßropbegeibung; — ein graciöfeS Hubhänbchen, unb Marie, 
meine fchöne greunbin mit ber lei<htbefch»ingten Seele — »ar fortgeflogen 
»ie ein Schmetterling, an ben fie mich ftets erinuerte. 

©er Slbenb !am, unb mit ihm bie ©äfte meiner ©ante, ©er 3ufaH 
brachte mich in bie Jtäbe meines ©ouftnS, ber aufs ©frigfte bemüht »ar, einer 
toletten 2Bitt»e ben $of ju machen, ©och plöfclich unterbrach er fleh im leb* 
bafteften ©efpräch, unb bie Slugen nach ber ©bür gerichtet, ber ich ben [Rüden 
lehrte, entfchlüpfte ein be»unbernbeS „2lb! »et ift bie $ebe?" feinen Sippen. 
^Beinahe hätte ich feinen SluSruf ber SBewunberung »ieberhott; benn als ich 
mich ummanbte, erblidte ich Marie fo fchön unb anmutbig, »ie ich fte noch nie 
gefeben batte, ©in »eibeS ßleib ohne allen Schntud, eine bunfle 9^ofe an ber 
33ruft unb eine anbere im £aar, baS bilbete bie ©oilette, bie gang befonberS ge* 
eignet »ar, ben eigentümlichen ©ppuS ihrer Schönheit gu beben, ©ie ©rfebei* 
nung Mariens an jenem für fte fo oerbängnijmoüen Slbenbe fch»ebt meiner 
Seele mit folcber Sebenbigleit oor, bah ich fte lurg gu febilbern nicht unter« 
lajfen fann. 

Marie »ar grob — ihre gigur unauSfprechlit reigenb, boH ©afticität »ie 
ihr 2Befen. geh habe böchft feiten eine folcbe gigur, folcbe gormen gefeben; 
nicht bab fte gerabe gang ooMomnten gemefen Ȋren unb oon einer beftimmten 
geregelten Schönheit; — ihr 9iei$ lag in ihrer Ueppigleft in ihrer £at* 
monie unb in bem garten $aucb beS „ä<bt gungfräuli<ben l, , ber über jebc ihrer 
[Bewegungen gebreitet lag. gbt Hafpfcber Hopf mit bem reichen bunflen #aar, 
ben 2lugcn, bie fo fchȊrmerifcb milb unb feurig leuchteten, hatte noch eine 
©igentbümlichleit, bie bei ben meiften Menfcben getabegu häßlich ift hier aber 
gut Schönheit »urbe, nämlich eine foraßenfarbene herunterhängenbe Unterlippe, 
©iefe Unterlippe, »ie reigenb fchmollenb formte fie ftch# »enn irgenb ©tmaS 
Mariens Ungufriebenbeit heroorrief! fo reigenb, bab man immer oerfuht »ar, 
Marie gu ärgern unb bann fich ihr gang unb ohne [Rüdbalt gu ergeben, benn 
fte »ar unwiberftcblich »enn fte fcbmollte. Sie »übte baS aut/ »ie fte über« 
haupt »übte, bab fte fchön fei. Sie geflanb baS mit einer fo aHerliebften 
SRaioetät ein, bab fte burcbauS nichts in ben Slugen ihrer greunbe baburch 
berlor. 


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5 



Site fie an jenem Sttenb fo baftanb in ber SKtte ihrer Semunberer unb 
mit ihrer felbftbemubten Schönheit fo ftolg unb imponirenb bie ©efellfcbaft übet* 
blidte — mubte ich gum gmeiten Stale meinem Setter Secbt geben, bem ich 
ftete au$ Sringip, meil Siemanb fonft e8 tbat, miberfptacb, — ate er mir gu« 
flüfterte: „Sein! nein, nicht £ebe! $a* ift eine guno, jebet 3oH eine Ab* 
nigin — SlHe* an ihr, bon ber gebietenben Stirn bis gu ben ftoI§ aufgemor* 
fenen Sippen! Steüe mich ibr bor", fügte er bittenb bingu. „Sein, icb habe 
leine Suft bagu!" mar meine berbtieblich« Antwort, bie fldber ber ftrengen Aritil 
meines anntabenben Setters nicht entgangen fein mürbe, menn nid^t fein ©eift 
fo gang mit meiner febönen greunbin befebäftigt gemefen märe! 

geh mar gum etften Stale im Seben unguftieben, Starie gu feben — hier 
3 u feben, benn nb fühlte mit abnungSboüer Seftimmtbeit, meldje traurige folgen 
biefe ihre gneonfequeng, allen Sorfäpen gum £rop bennoeb im Salon meiner 
£ante gu erfebeinen, nach ficb sieben mürbe. Stein Goujrn batte ftcb nach 
meiner abfdjlägigen Sntmort birect an feine SUtttet gemanbt unb mürbe bureb 
fte Starien borgefteüt. geh fab ba, Seibe ftid beobaebtenb. Starien* 3^9* 
mürben nicht bon bem fügen Säcbetn, ba« ibr fonft gemöbnlicb gu ©ebote jtanb, 
berflärt, ate ber junge elegante Stann bie ©onberfatton mit ibr begann; — 
aber icb lannte meine greunbin gu gut, um nicht gu bemerlen, bab eine gemijfe 
Seugierbe, eine febärfere Seobacbtung, ein ©efpanntfein, turg ein gntereffe, 

' menn auch ein antipatbifebe*, ihre Seele befcbdftigte. Sach lutger Unterbai« 
tung brach Starte biefelbe ab, flog gu mir unb flüfterte: „$u lieber ©ott! mie 
bab ich mich in 3)ent getdufebt! $a* ift ja ein gang gemöbnlicber Stenfcb, 
nicht mertb, bicrbcr^gelommen gu fein!" 

„©atum lamft $u benn überhaupt?" 

„Sßeil ich bon ber entfeplicbften Seugierbe geplagt mürbe, biefe* Gurio* 
fum, non beffen Unmiberfteblicbteit unb lofen Srincipien alle SBelt fafelt, gu 
feben, aber gang befonber*, meil ich 2)ir, meinet irrenben Stinerba, bemeifen 
mollte, bab 2)er mein £erg nicht fcbneller fcblagen macht!" 

So butte alfo meine Sorftcbtemabtegel gerabe ben entgegengefe&ten Grfolg 
bon bem gehabt, maß ich begmedte; ich ergab mich in mein Scbidfal, ba ich einfab, 
e* helfe nicht*, bie Sorfehung fpielen )u moüenl Slber beruhigen lonnte 
ich mich um fo meniger, ate ich febon nach lurger 3eit gemährte, bab Starien* 
Urtbeil mobl ein anbete* fein möchte, ate borbet. Unb lonhte ich e* bem en» 
tbufiaftifeben, für jebe* eble ©efübl glübenben Stäbchen übel nehmen, bab e* 
mit feuchtem Sluge auf 2)en blidte, ber ba ftanb mie ein „Safall be* Schönen" 
— ein ®ebtcht, bie Silie, beclamirenb mit anfeheinenb fo biel tiefem ©efübl, fo 
binreibenber Stobulation ber Stimme, fo ebler unb mobl angebrachter Segeifle* 
rung ? konnte ich ib* be*balb gürnen, mdbrenb ich felbft, miffenb, bab alT biefer 
Sufmanb ber erbabenften geiftigen Ardfte boeb nur ein erborgter, ein erlo« 
gener mar, meine Seele meid? unb traurig unb ergümt merben fühlte, je nach 
bem gnbalt be* ©ebiebt* ? 

gabre finb feit jenem Sbenb berfloffen — gabre, in benen ich biel gehört, 

s 



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biel gefehen, Diel erfahren habe, unb trop adebem habe i<b nirgenb in ber 2Belt 
trgenb melchen Vortrag gehört, ber jenem an Vortrefflichleit unb an feelenooüer 
Schönheit auch nur im ©eringften ähnlich gemefen märe! 

34 höre noch ben boden, melobifchen, glüddchen Älang ber Stimme, als 
er bom geheimnibbod ruhigen, träumerifchen Vlumenleben ber Silie fpra4, ehe 
ber mitbe See mit feinen ftürmifchen Hüffen um ihre Siebe gebuhlt! Unb als 
bie SUie $um Vemubtfein biefer Siebe gefommen, mürbe VtayenS Vortrag bureb* 
glüht bon ber Seibenfchaft, bann mieber ängftlich, hoffenb, bfertrauenb, hing^ 
benb, — unb enbtich, als ber fturmbemegte See bie Silie §um Opfer geforbert 
unb fie gelnidt hatte, mar fein £on milb, entrüftet unb brohenb, um enblich ben 
her^eneibenbften Klagen bod tiefer dBebmutb ju meichen. 

HlS er geenbet, maren ade «grätet zu tief ergriffen, um ftch in Sobprei* 
fungen ergießen zu lönnen. ©ine lautlofe Stide folgte — unb biefe Stide ift 
mohl jeber ächten ßünftlematur ber höchfte unb bodtommenfte Tribut für ihre 
Seiftungen. Glicht fo bei meinem ©oufm. ©r felbft ftng halb in ber luftigften 
Seife über feine $ec(amation zu fpotten an unb geißelte ganz unbarmherzig 
ben fentimentalen Inhalt, ben überfchmänglichen Vortrag unb bie eminente 
Empfänglichkeit beS HubitoriumS. Huf Marien hatte er entfehieben ben tiefften 
©inbrud gemacht — ihre meicbe Seele mar bon ben fonberbarften ©mpfmbun* 
gen burchbebt — fie blidte ihn mit ganz anberen ©efüblen an als früher — 
mit Vemunberung, greube unb ber Ueberzeugung, bah er ein jebenfads biel 
befferer, ober richtiger gefügt, intereffanterer dflann mar, als fie erft gebaut. 


2Bie ich gefürchtet hatte, !am eS. ©he brei SBochen bergingen, mar dJtorie, 
bie ftolze dRarie, um beren Siebe biele junge, mürbige ÜJtänner umfonft gernor* 
ben hatten, bon tieffter, unbegrenzterer Seibenfchaft für dflay entbrannt für 
biefen Sßarifer Eoue, biefen grunbfaplofen dRenfchen, befjen früheres Sehen 
ein fo gmeibeutige3 gemefen mar, bafj unfere ganze Heine Stabt bie uners 
hörteften ©cfchichten barüber erzählte unb beinahe jeber dRenfch berächtlich 
bie Schultern judte, menn bon ihm bie Hebe mar. Unb bennoch ntieb ihn 
eigentlich ÜRiemanb, benn er muhte fich fo ungemein liebenSmürbig zu 
machen, mubte fo gefd)idt bie S4mä4en feiner Buböret zu entbeden unb ihnen 
auf fo feine SGBcifc zu fchmeicheln, bab man adgemein bem Urtheil eines peban* 
tifchen alten 3unggefeden bestimmte: „©in nicbtSnufcigcS Subject, aber— ein 
charmanter ßerl, ber dRay.* 

$o<h mir moden borerjt ein Vilb biefeS Sujets geben. dRay mar Hein, 
aber büb;4 gebaut — häbli<h/ aber elegant. ©S lag eine Vornehmheit in fei* 
nem SBefen, feiner Sprache, feinen Veroegungen, bie mirllich geminnenb mar, 
ba fie anfeheinenb ade Hrroganz auSfcplob. dRan lonnte ftch leine bolllom* 
menere Journüre, leine feineren dRanieren, mit folcher graeiöfen Seichtigleit 
berbunben, benlen, als fie ihm eigen maren. Unb rneil er baS HfleS fhon als 
Jtinb befab, mürbe er burch oiefe vielleicht fonft unbebeutenben Vorzüge ber 
Siebling ber $amenmelt, unb als er bcranmuchS, ihr gröbter Sprann, 34 



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habe oft genug Oertounbert brein geflaut, wenn er mit beiftenber 3ronie bie 
Schwächen ber jungen, ihn oergötternben tarnen geißelte, bie Durchaus an 
feinen Sabel unb feine 3mpertinenz gewöhnt waten, unb halb ihre duftete 
©rfebeinung, balb ihr fflefen, bann wieber ihre flleibung, ober ibt Soeben, ober 
irgenb fonft etwa«, wo« ihn burebau« nicht« anging, tabelte, unb niebt aßein 
feinen ©erwei«, fonbetn noeb eine gefteigerte ©ewunberung baoontrug. 

Seine 3mpertinenj unb feine ©ngebilbetbeit wueb« natürlich mit biefen 
(Srfahrungen, unb ebe er zwanzig 3abre alt geworben, war er wo« bie grofte 
SBelt blasd nennt, im ooQfcmmenften Umfang. 2Bie er ber ©egünftigte oder 
Samen geworben, fo war er aueb ber einer in jeber ©eziebung oortrefflicben 
ÜDiutter, bie nur in ©ezug auf 'ihn wie mit ber ©linbheit ber Siebe geflogen 
war. Sie betete ben 3ungen an, ber in feiner ©erfebmifttheit fein SDtöglicbfte« 
that, fic zu überzeugen, baft be« ©ater« Strenge gegen ihn unb feine Stiebt«- 
nuftigfeiten bie fcbreienbfte Ungerecbtigfeit fei, unb ber fub unb ber 3bee feiner 
Unfehibarfeit im #erjen feiner ÜDiutter ben fuberften Scbufchafen gegen äße 
Singriffe feine« ©ater« unb feiner Sehrer baute. So würbe er im ewigen 
Äampf mit ber @rjiebung«metbobe feine« ©ater« ober irgenb einer anberen in 
ber SBelt ganz unb gar ber Saugenicbt«, ju bem feine böfen Slnlagen, fein 
Talent unb bie Stocbftcbt feiner 2Jtutter ihm (Gelegenheit, ficb heranzubilben, gege¬ 
ben hatten. Sein Talent, fagte ich — benn ba« hatte er fo eminent, baft man 
hoppelt bebauerte, ihn auf fo ungeregelten SBegen irren zu fehen. — 3a, ja! 
meiner Saugenidpt« wäre überhaupt wohl ohne Saleni? ©« ift ein unauflö«* 
bare« pfpcbologifcbe« Problem für mich, baft gerabe biejenigen Sttenfcben, beren 
©eift oft fo aufterorbentlicb frdftig unb frei entwicfelt ift, nicht oermogen, 
ihre thierifeben Seibenfdpaften zu fontroßiren, unb baft ihr ©eift, ftatt fte bem 
©otiöcben ndher zu bringen, wie im $albfd?laf e« ruhig ertrdgt, baft feine 
$üße ficb im Schlamme ber ©emeinheit wdlzt. 

2Jtay gerieth auch noch in leicbtfmnige ©efeflfdpaft, burcbfthtoärmte bie 
Stdcbte, fpielte unb machte Scbulben, bie fein ©ater zu beden hatte. Statür- 
lidp !am e« ju Scenen zwifchen ©eiben, bie zur ooßften ©ntfrembung zwifchen 
ihnen führten. Slbcr jeftt muftte auch bie ÜDtutter für ihre traurige Stocbfubt 
büften unb unter Schmerzen, bie oon bitterer Steue erzeugt waren, ertennen, 
baft ihr Sohn eine grenzenlo« oertehrte ©rz^hung genoffen habe. Slber wa« 
half ba« jefct ? — jeftt, wo er in ber fürcftterlicbften Slufregung zur ßJtut- 
ter gelommen war, unb hier zum erften 2Jtal au« Scham über feine be- 
Oorftehenbe (Entehrung Siohungen gegen fein Seben au«fticft? Sie arme 
Sßutter, §erqudlt oon Selbftoorwürfen, faß z u Sobe gedngftigt Oon ber 
entfetjlicben Slufregung ihre« Siebling«, lag oor ihm auf ben fötieen unb 
befchwor ihn, ficb zu beruhigen — fte woße ihn retten, ihm helfen. Unb fte 
that e«— aber wie, ba« weift man nicht. 2flau weift nur, baft be« eftrwürbigen 
©ater« £aupt merfwürbig fdpneß ergraute, baft feine ©eftalt, bie gebietenbe, 
eble, ficb frümmte wie unter fernerer Saft, unb baft nach furzer Seit, al« *Way 
plötzlich ohne SBiffen irgenb eine« anberen SWenfcben oerfebwunben war, ein 



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unerwarteter Bankrott ben früher wohlhabenben SDTann ruinirte. Bon Jener 
Seit an fchlich ftd? ber Sitte nach wie bor nach feinem Bureau, um feinen 
Pflichten als Beamter nach 3 ufommen; aber nicht lange mehr ertrug er baS 
Seben, ein geheimes Selb untergrub feine ©efunbheit, unb nach wenigen 9Jto* 
naten trug man feine Seiche ju ©tabe. 

ÜJtay taufte in Baris wieber auf unb führte hier baS Seben eines Site* 
taten. Stodjbem er alle $ülfSquetlen feiner ©Itern erfchöpft hatte, begriff er 
enblich bie SRothwenbigfeit, eigene §u erftnnen, unb es gelang ihm, wie ihm 
benn überhaupt SlüeS gelang, was er emftlicb angriff. Seine ©orrefponbenjen 
für biele ber angefehenften beutfehen 3eitungen würben (ehr halb gefucht, weil 
fie ebenfo pitant wie geiftreich waren. Sie fieberten auch in petuniärer Be* 
jiebung feine SebenSftellung. .gier in Baris nun bereicherte er feine SDtenfcben* 
lenntnib, wie er in einem Schreiben an feine 9Jtutter berfuherte. üDtenfchen* 
fenntnib errang er allerbingS; aber wo fuchte erfie? 3« hödjft jweifelhafter 
©efeUfchaft, im Umgang mit ber Demi-monde, mit SUteurS unb Sloentu* 
rierS, loderen Offneren une grunbfafclofen Stubenten; fur$, in einer ©efeUfchaft, 
wo man SllleS, ©eift, 2Bi&, Slmufement unb ©enub, nur feinen ©harafter 
fanb. £ier fühlte fich mein leichtfmniger ©oufm wohl unb befriebigt unb 
Pachte an leine anbere Slufgabe btfS SebenS, als jugenieben; geniefjen mit Sluf* 
Opferung feines befferen Selbft, feines ©elbeS unb feiner ©efunbheit. Uebri* 
genS hatten ihn feine gefeHfchaftlichen Talente auch in befferen Greifen, wo er 
fich ein$uführen gewußt hatte, fehr gefucht gemacht, ©r erlangte nicht 
allein 3utritt in fielen ariftofratifchen Raufern, bie ihm wohl taum gu* 
gdngtich gewefen wären wenn man fein äroeibeutigeS Seben gefannt hätte, 
fonbern fah fich feibfit hier in feiner (Eigenliebe unb Selbftüberfchä&ung burch 
bie Slufmerffamleit gefchmeichelt, welche man ihm erwies. 

3m #aufe beS preufcifchen ©efanbten machte er bie Befanntfcbaft einer 
intereffanten grau, ber SBaroneffe b. ©... 3« einem Schreiben an feine 

ÜJtutter fcpilberte er ben ©inbrud, ben fie auf ihn gemacht hatte, wie folgt: 
„3a/ 2Jtutter, eS war ein wunoerbar fchöneS, beraufchenbeS geft. 2)ie magifche 
Beleuchtung, bie 25eforationen, bie Blumenguirlanben ber herrlichen IRäume, 
bie 2Jtufil, lurj baS tout ensemble war fo entjüdenb, fo märchenhaft fchön, 
bab ich in einen ber lieblichften träume mich berfenft glaubte. 2lber auch bie 
Schönheit lann langweilig werben, unb nachbem ich biel bewunbert, biel ge* 
ftaunt hatte, fing ich hinter meinem £af<hentu<be recht arg ju gähnen an. 
Stoch bor ©rftaunen wäre ich balb augefuhtS ber befternten Herren unb bia* 
mantenbefäeten S)amen offenen ORunbeS flehen geblieben, als ich baS herr* 
lichfte Bilb einer grau in ber Xhür bes SangfaaleS erblidte. ©roh, gebietenb, 
mit brennenben Slugenftemen, bie alle diamanten im Saal glait$loS er* 
fcheinen lieben, ftanb bafrlöniglidje Sffieib ba, baS blaffe Slntlip mit ber ftoljen 
tömifchen Bafe bon langen Soden, fchwarj wie bie 9la<ht, umrahmt. Um 



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ihren ÜJtunb fpiette ein (alb lofette«, (alb oerächtliche« Sächeln, ba3 gu fagen 
festen: 3# forbere ®ud> 2UIe in bem Saal auf, (Sud? mit mir an IReig gu 
meffen, trobbem bie 3ugenb mir febon bie lebten 2Ibf<hieb«grüfge geboten bat. 
Unb mahrlich, fie lonnte ben Äampf tragen; fold? ein begauhernbe« ©entifch 
non engel- unb teufel(after Schönheit eyiftirt fteber nicht ein gmeite« 2Jtol auf 
6rben. 3ebe ihrer SBemegungen trat ooH ©ragie, jebe« Sächeln ooH oerfüh- 
rerifchen Dteige«. 3hte Siebe rnuf* £immel«fetigfeit gemähten, ihr £afj — 
hoch trie ein fat(otifd?er Sßfaff möchte ich mich burch SBelreugen frühen — ih¬ 
ren $a£ tragte ich nicht berau«guforbern. Unb biefcS 3Beib, biefe« oerlörperte 
3beal meiner fübnften Sßhantafteen, fprad? gut—ein Talent, ba« trenige grauen 
beftben, fo gut, bab meine Setnunberung unb mein erftaunen immer gröber 
trurben. Unb non biefer grau hatte ftd? ber SWajor n. ©... fcheiben taffen. 
SGBie mar ba« nur möglich ? $Bon biefer grau, für beren Sächeln ich bie gange 
ffielt in bie Schranfen forbem mürbe!" 

2)och mir moüen bem entbuftaften nicht meiter folgen unb nur erzählen, 
bab man balb allerlei über bie 93etanntfcbaft biefer Reiben munlelte. Garoline 
non ®... mar aderbing« f<hön, fogar fe(r fchön, aber lOgabte älter al«2)to|, 
unb non ihrem SJtanne gerieben, meil er nicht fleh felbft, fonbern eine Sßerfön- 
lidjfeit au« ben haften Greifen in ihrer ©unft glaubte — furg, (Sardinen« 
JRuf hatte gelitten. flein SBunber, bab iht oieHiebenbe« ®erg fleh enblich mit 
ber gangen oergmeifelten £eftigfeit ber lebten Seibenfchaft an 2J?ay hing, ben fte 
anbetete. Unb er ermieberte btefe tolle Seibenfchaft, unb unbefümmert um ©ott 
unb bie SBelt formirte fleh ein Sßerbältnib barau«, ba« feiner alten ÜJtutter beinahe 
ba« £erg brach, al« fie banon hörte. ffiährenb breier 3ahre befchmor fte ihren 
Sohn beftänbig, ber @... gefeblich feinen Jtamen gu geben — umfonft. 3)ann 
reifte fte felbft hinüber, um ihren petfönlichen ©influft geltenb gu machen, ge¬ 
mährte aber ju ihrem ©ntfeben, bab üDtay feiner „platonifchen greunbin" un- 
enblich mübe mar, ihre Siebfofungen mit ©eleibiguitgen ber gröbften Slrt ermi- 
berte unb eben in Begriff ftanb, ä tout prix mit ihr gu brechen. Me Ber« 
fuc(e meiner $ante, trob ihrer im meiblichen 3artgcfüht begrünbeten Slbneigung 
gegen biefe« fchöne, aber tabeln«merthe SBeib einen Bunb betgufteüen, ber 
Beibe gemiffermaben in ben Slugen ber 2Belt rechtfertigen foUte, maren oerge¬ 
ben«. S)ie fich gmifchen Reiben ftet« mieberholenben Scenen ooH Seibenfchaft 
unb IHohheit erfüllten fte enblich mit einem fo tiefen moralifchen SBibermiÜen, 
mit folgern Slbfcheu unb gerechten 3om gegen ihren Sohn, bab fte Bari« oer¬ 
lieb unb in ber traurigften Stimmung oon ber SBelt mieber gu £aufe anlam. 
2)er SBurm geheimer Bormürfe nagte an ihrer ©efunb(eit unb marf fte enblich 
auf« flranlenbett. 2Nay, ber ftch mirflich oon bem ftolgen, ihn bi« gurn (Syceb 
Uebenben 2Beibe trob ihrer Berfuche, ihn mieber oermittelft aller möglichen 
Sauberfünfte in bie alten Banbe gu fchlagen, lo«geriffen hatte, fam nach 
feiner £eimatb, um bie Irante Butter gu fehen unb ihr ein Seben«eli?ir in 
bem Besprechen gu bringen, ftch gu beffern. 3)*tn trob feine« bobenlofen 
Seichtftnne«, feiner moralifchen Berfumpfung, mar er, mie bie meiften folchen 


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27tenfchen, unbegrenjt gutmütbig nnb leicht gerührt, trenn feine Seibenfchaften 
eben nicht ins Spiel (amen. 2)aS 33ewufjt[ein, bie Utfache ber törpnfbeit feinet 
Butter, beS einzigen SßefenS, für baS er je etwas rote Siebe ober 2lnhänglichs 
!cit gefühlt batte, in fein, betrog ihn, 2lüeS in feinen Äräften Siegenbe aufju* 
bieten, um fein Unrecht in fühnen. Unb fie — bie arme ÜNutter, glaubte 
trieber an ihren Siebling, hoffte auf bie Erfüllung feiner ä>orfd(je unb genas. 

9iach wenigen SBochcn fah fie wieber ©efeüichaft bei fich, unb ba war 
e3, bap ÜDtay iUlarie $uerft erblidte, fie bewunberte unb auSjeichnete. 

2 lm folgenben borgen tarn er ju mir; ich wufte, warum, benn fonft 
fuebte er feiten meine 9iäbe, ba er mich, bie allein ben üttuth hatte, biefer 
überall vergötterten Salonhelben unauSftehüch ju finben unb ihm baS lühn 3 U 
fagen, natürlich mieb. 

„Grnnia! Seine greunbin ift reijenb!" 

w 25obl möglichl — ©ehft Su heute 2lbenb jur Oper?" 

»Um © tteS willen, fchweig gegen mich ron ber Oper — fte wibert mich 
an! — Sie ift fo ent 3 ücfent>, fo unenblid? anmutig!" 

„2BaS? bie Oper?" 

Gin ungebulbigeS Stampfen bcS gufjeS war feine einzige Antwort. 

9]ach einer Sßeile begann er ron feuern: „SiefeS Stäbchen mit ihrer un« 
übertrefflicfcen ©ra^e würbe bie 3 ierbe ber heften ^arifer 3 irfel fein!" 

„Gine größere 3ierbe als eine gewiffe Baronin ron ©..., über welche 
man hier häufig rebet?" 

Gine fliegenbe Dtöthe, ein ungewohnter ©aft auf ber Stirn meines Gou* 
TmS, erfchien momentan auf bcrfelben; er prefcte bie Sippen feftcr aufeinan* 
ber als gewöhnlich, el;e er antwortete. 

„ 3 $ werbe gehen, wenn Su mich }u beleibigen beabfichtigft!" 

„SaS wäre mir ganj gleichgültig" — war meine fühle Antwort. 

Gr ging aber hoch nicht, fonbern meine beleibigenbe S3emerfung ignori* 
renb, fuhr er nach furjem Schweigen fort: 

„Gmma, ich habe Sich ftetS geachtet"- 

„SBitte, rerfchone mich mit irgenb welcher Gonfiberation" — unterbrach 
ich ihn. 

*3<h achte Sich,* fuhr er unbebinbert fort, „weil Su mehr 2)luth unb 
mehr SBahrheitSliebe als bie meiften grauen baft; — fag’ mir, ich bitte Sich, 
fag’ mir, ob Mariens £erj noch frei. Senn, beim Seufel! fie foH unb wirb 
bie ÜReine werben, unb foüte ich fie ber 4>öüe abgewinnen muffen« $örft 
Su eS, Grnma?" 

„SlUerbingS höre ich — Seine entfefclkhe Suabe macht mich ftumm! 
Safe kleine rbetorijehen Uebungen; ber ©egenjtanb bcrfelben würbe fuh burch» 
aus nicht bon ihnen gefchmeichelt fühlen." 

„Unb warum nicht?" 

„2Beil fie noch geftem in ziemlich geringfehäftenber Sprache bon SDir re« 
bete unb —* 


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„$eute wirk fic föon ankeret Änficbt fein." 

— „Unk. überhaupt ein Sibdien non ju nielem Gbaraltet für Did) ift!“ 

„Dcfto keffer! Dergleichen liebe ich eben bei einer grau." 

„über fie liebt nicht ken 9Rangel an begleichen am SRannet" 

„Sei|t Du, meine bolbe Gouftne, ba| i<b Suft »etfpüre, Dir ju bemeifen, 
ka| ich Gharalter genug höbe, Dieb für Deine Lebensarten nerantmortlicb )u 
machen ?" * 

„Unk nie, mon ober — unk wofür? Gtma für mein Sob SWarienS, 
bab fte fo oemünftig ift, leinen Sann ebne Gharalter lieben }U tönnen ? 3ft 
eS nieUeicht in ker Sßarifer SEßelt ein Unrecht, feine gteunbe ju loben?" 

„GS ift kort, wie hier, ein Unrecht, feine böfe 3unge nicht |ügeln ju 
lönnen!" 

„Deshalb hafl Du mit Deinet gefchmeikigen 3»nge toohl fo unerhörtes 
©lüd gemacht?" 

Sohin uns unfere gegenfeitige Offenheit noih geführt haben mürbe, meib 
ich nicht, menn nicht eben kie eigentliche Urfache unfereS SorttampfeS in’S 
Simmer getreten wäre. -Sarie erröthete leicht, als fte meinen ©aft gemährte, 
unk mankte fich bann mit einer felbfl bei ihr ungewohnten Sebhaftigleit an 
mich mit bet Sitte, mit ihr am übenb kie Oper befuchen ju wollen. 3<h wil« 
ligte gern ein unk fügte hinju, bab mir Dteperbeer'fche SRufit nie jumiber fei. 
Sie bliefte mich unb kann ihn fragenb an unk fßiajc ertiärte ihr, bab ihn felbfl 
kie befte SDtuftl nur kann interefftre, menn feine Seele, feine ©ebanten unk 
fein $er| nicht auSf$lie|(i<h wie eben iefct oon einem einzigen ©egenftanbe 
ausgefüllt feien, maS er mir eben turg kor ihrer üntunft mitgetheilt habe. — 

„Unb maS ift eS kenn, maS 3hre ganje ©ebanten» unk ©efühlsmelt au« 
genblidlich fo befchüftigt?" fragte Starte unbebacht, unb fügte, als SDlaj fte 
mit einem brennenken, bemunbernken Slid anfah, für ben ich ihn hätte gei&eln 
mögen, hinju: 

„Sie inbiScret ich binl ©eben Sie mir }ur Strafe leine üntmort auf 
meine grage.“ 

„Sie Sie befehlen, mein grüulein," ermiberte 9Jtap mit einer tiefen Ser« 
beugung unb führte bann baS ©efpräch auf „Lobett ben Deufel" jurüd. Gr 
entmidelte nun eine fo höchft intereffante ©abe bet Sefchreibung keSfenigen, 
waS er in $ariS gefehen unk gehört, ein fo fcharfeS unb richtiges Urtheil 
über Suftl, Sheater unk flunft, fchilberte mit fo nielem geuer baS Auftreten 
berühmter Äünftler, ihre Sorjüge unk ihre Schwächen, unk mfirjte feine 
Siebe mit fo amüfanten ünetboten, ba| mir ihm mit bem grölten Vergnügen 
lausten. 

Die erfte $erfon, kie ich am übenk in einer bet unferen getabe gegenüber 
iiegenben Soge erblidte, mar 2Jtay, unb kie erfle $aufe führte ihn ju uns. Gr 
lehnte {ich über SatienS Stuhl, unk ka ich mit einem ankeren Sefannten re« 
bete, fo hatte er 3«t, ih* bie feinften Gomplimente ju fagen, maS er fo meifterhaft 
nerftank. ÜIS {ich enblich mein SBefuch entfernte, meil fich ker Vorhang }um 


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51 


jweiten Äfte hob, waren 2Jlarie unb 2Ray in ber Iebbaftepen ©onberfation be¬ 
griffen unb bemertten 33eibe nicht« bon bem, wa« auf ber Vühne borging. 
9Jlarten« langen waren leicht gerottet, ihr Äuge prahlte bon Vergnügen, unb 
Tie war tro& ihre« Vorfaje«, SJiay §u meiben, ibrn gegenüber fchon wieber in 
ibren alten geiler gefallen — mit ibrn ju coqucttiren. S« tbut mir (eib, e« 
fagen $u muffen — Sfltarie war coquett. Sie war e« ihrer felbft unbewußt ge¬ 
worben; ba pe fo viele Veweife ihrer 2)lacht über bie £ersen ber 2Jtänner er¬ 
halten hatte, fo lernte fte Weber biefe mühelofen Srrungenfchaften achten, noch 
fie fronen, unb tänbclte oft mit ihnen big jur abfoluten ©raufamleit. 2Bie 
febon früher, fo warnte ich fte auch jefct unb flüperte ihr §u: *S)a« geuer, 
mit bem SDu ju finden glaubft, wirb 2)ich berühren." ©in leichter Schlag mit 
bem gächer unb ein lächelnbe« Äopffchütteln war ihre einige Antwort, nach 
welcher Tie pep fchnell wieber meinem ©oupn jumanbte unb mit ihm plauberte 
unb phertfe. gfir mich unb bie Vorgänge im Theater epifiirten 33eibe an jenem 
Äbenbe nicht mehr. 2ttay begleitete un« natürlich heim unb erbat fi<h von ber 
Dberftin S., SDtarien« SWutter, bie mit un« im Theater gewefen war, bie Sr« 
laubnip, fie $u befuchen. 

Von nun an faben p<h bie Vetben täglich, halb in 2Jtarien«, balb in 
ÜDtayen« ©opnung, balb bei mir. ©ährenb weniger ©ochen fah ich in 93ei« 
ben eine Seibenfchaft emporlobern, wie pe beren fähig waren — bei ihm 
eine wifoe, ungejügclte, egoiftifch begehrenbe — bei ihr eine ihre gange 
Seele erfüllenbe, beglüdenbe, reine, bingebenbe, boH ber ebelfien, felbftouf* 
opferunggfähigften Siebe. 

Äocp einmal berfuepte ich, Starie non bem gefährlichen $fabe surüdjubal- 
ten, ben pe betreten — aber pe wollte bie Äbgrünbe, ju benen er führte, nicht 
{eben; pe fah nicht« al« bie blübenben, buftigen SRofen, bie jene Überbecften. 
Sie fah nicht« mehr, al« ba«, wa« üDtaj: ihr ju fehen borfchrieb; glaubte nicht« 
bon feinen gehlem, bon feiner Vergangenheit, al« wa« er ihr babon für wahr 
ju fallen ertaubte. Sie liebte mit ber unenblichen gnnigleit, beren ihr rei¬ 
che« #er$ fähig war, unb alle #inberniffe, alle 3*vcif«l i^rcr Verwanbten unb 
ihre« Vormunbe« überwinbenb, würbe pe Slawen« Vraut. 

* * 

* 

ÜDta* lam, mich babon ju untenichten. 

w Ste« fagp S)u nun, Goupncpen, ju meinen Srfolgen, an benen Su boch 
fo bermeffen ja zweifeln wagteft?" 

0 S)af* ich Starie bebauere! 11 

0 ©e«halb? — Vin ich benn ein folche« SWonfirum in deinen Äugen?* 

„geh bin überjeugt, pe wirb unglüdlicp burep 3)ich. S)u meipt nicht ihr 
eble«, weiche« unb jarte« ©emütp $u würbigen, fonbern nur ihre Schönheit, 
ihren ©ifc unb ihre anberen glänjenben Äeupedicb leiten.^ 

Wat trat mir naher, blidte mir tief in’« Äuge unb reichte mir mit ben 
©orten bie $anb: 


„Smma! S)u warft nie meine greunbin, aber ich achte SMcp unb be«balb 




62 


tmtt i<£ jefrt einen fflfid in mein SnnereJ merfen (affen. 34 führte ein 
milbeS Scben, i4 fefcte alle ©runbfd|e bei Seite, i4 tbat Unrecht, meil ich *u 
faul toar, um recht ju thun, aber ich achtete bennoch bie Xugenb. Marie ift 
baS einige Mefen, baS fie müh lieben lehren lann, unb fte foH mich enu 
porjieben aus bem Schlamm meiner Vergangenheit. Unb baffir min ich fi* 
heilig halten unb ehren unb, fo helfe mir (Sott! beglüden, menn üh eS bemog.* 

Er (prach » unb mar berf4»unben. 

ES bauerte lange &it ehe ich mich bon meinem Erftaunen ya erholen 
bermochte. 2Bar ba& mein unberbe{ferli<her fetter? bie bolle, bon ©efübl 
burchglühte, immer meicher merbenbe Stimme, bie bom $erjen tarn unb jum 
«fretjctt ging, bie (eine? ffiaren baS feine Morte? 

34 glaubte (eit jener Staube an bie Slüma4t ber Siebe. 

9ia4 einem 3ahre halte Moy feine Marie. 34 fah fie gule^t im bollen, 
teijenbcn 64muct einer Vraut, als fte ba$ emig binbenbe Mort auSfpra4 unb 
im befeligenben ©efühl ber Erfüllung aller ihrer Münf4e fo glüdli4 unb ber« 
trauenb ya ihrem jungen ©atten auf(4aute, bab au4 nicht ba$ gldnjenbfte 
$hgntafiebilb eines Malert ihr an S4önheit gleich tommen tonnte. 34 
mün(4te ihr ©lud unb (4ieb bann für lange 3ahw bon ihr, in benen ich {ehe 
menig bon ihr horte. 

2)aS Seben brachte mir man4e harte Erfahrung, aber au4 enblich ben 
füben grieben eine« ungetrübten gamütenglüdS. greili4 mar meine gugenb 
Idngft geftorben, ehe t4 bie Sübigteit beS SebenS $u lüften anfing, aber lange 
Entbehrung hatte mich hoppelt empfänglich bafür gemacht, Eines SIbenbS, 
als i4 allein in meinem 3immer mar unb bie Silber ber Vergangenheit unb 
ber ©egenmart befonberS lebhaft an meiner Seele borüberjogen, mürbe i4 
bur4 baS ßintreten eines Wieners in meinen ^Betrachtungen geftört. Er brachte 
mir eine fiarte mit ber Melbung, bab ihre Eigentümerin im Empfang^tmmer 
märte. 34 marf einen in golge ber Unterbre4ung meiner angenehmen £rdu* 
mereien betrieblichen Vlid auf ben tarnen. §err ©ott! nein, baS ift un« 
möglüh! rief i4 auffpringenb auS; unb bo4, meShalb follte eS nidjt fein ? 
S)a fteht es ja beutH4, grau SegationSrdthin Sauer. 3 tt freubigften Sluf« 
regung fliege i4 jurn EmpfangSjimmer, um meine 3ungenbfreunbin Marie ya 
umarmen. Slber in ber $hür blieb i4 mie feftgebannt flehen, ein ungeheurer 
Schmer* bur4jog meine Vruft, — tonnte eS möglich fein, bab 2)iefe meine 
greunbin mar, — biefe blaffe, (eibenbe grau mit bem beinah ergrauten £aar, 
bie fi4 mir je&t nahte? Unb bo4, fte mar eS; ein gmeiter Vlid labt mich bie 
grambur4fur4ten, aber bennoch geliebten 3ü9e erlernten; ein leichter Schrei 
— boH S4merj ober ? boH greube — unb Marie liegt in meinen Ernten. 
Marie, ni4t mehr bie hlühenbe, M*e, fonbern bie getnidte Sitte. 34 prebte 
bie £b*dnen, bie fi4 unmiHfürlüh in meine Bugen ftahlen, gemaltfam jurüd; 

. aber als meine Vlide plöftlüh auf einer auberen ©eftalt, bie i4 borher nicht bemertt 


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63 



batte, ruhten, wünf 4 te id ), fle wären tote geuertropfen auf bereu $aupt gefaden. 

Gg mar 2 Raj, berfelbe elegante dJtay non ebernaU, ber mb mit ber oodenbet* 
ften Slnmutb bie $anb tagte uno mich begrüßte. Sroanjig Sabre baten ibn 
wenig oeränbert, fein 2Ieugere3 taum, fein Snnere« gar nicht 34 erwiebetfe 
böfütb taft feinen ©rüg; aber Wartend Umarmung, bie ft4 mit einer 3nnigfeit 
unb ^eftigteit geltenb machte, bie mir no 4 mehr al3 ibr Ueugeted fagte, bag 
fle ttnglüdU4 fei unb ben mir gegifteten S4wur nicht gehalten habe, er« 
toieberte ich aufg $erjlichfte. Gg tbat mir fo toobt, fte wieber ju feben; nur 
hätte ich getoänfeht, e3 wäre anberg gewefen. 3 bre fiebbaftigteit unb ihre 
Schönheit toaren erlofdjen, ihre ©efunbbeit toar babin; um ihren SRunb lag nicht 
mehr ba& bejaubernbe Säcbeln, fonbern ein ungemein rübrenber fieibenB|ug; 
fte toar emft, febr emft geworben. Äur§, toenn fte fiüber bott 3 ugenbfreube 
unb grobfinn getoefen, fo toar fte jegt ein ©ilb notl Schmers unb öntfagung. 

Unb er, ber Urheber ad 1 tiefer traurigen ©eränbetungen, lag ba b&hft bequem ; 
in feinen Seffel geftredt, mit ber alten gewohnten SRebnetgabe bag Qntereffe 
meineg dRanneg, ber mittlerweile binjugetommen war, fejfelnb unb bon taufenb 
intereffanten Gingen fchtoagenb, aig ginge eg ihn nicht« an, bag feine grau 
§um Schatten ibreg früheren 34« b^abgefunten war. O, wie üb ihn 
bagte! 

dRarie unb ihr ©atte blieben einige Sage meine ©dfte, ehe fte na4 ihrem 
neuen Seftimmung3orte abreiften, beffen Sage i4 e3 bantte, bag fle unftte 
Stabt berührt unb un3 aufgefu4t batten. 

Ul3 bie Herren am §weiten Xage eine 3fo3flu4t ing Sanb unternahmen, 
bat mi4 dRarie, mit ihr babeim ju bleiben. Sie 30 g mi4 bann §u ft4 nieber 
auf ba3 Sopba, f4lang ihren Urm um mi4/ unb ihren üepf an meine ©ruft 
tehnenb, bra 4 fte in ein lrampfbafte3 ©einen au3. 34 ftrei 4 elte fanft bag 
einft fo f 4 öne £aar, f 4 log fte inniger an mi 4 unb wehrte nkht bem Uu3bru4 
eine« languerbaltenen S 4 nter 3 eg. dla 4 bem fte ruhiger geworben war unb i 4 
in ber 6 pra 4 e unb bem %on unferer 3 «genb ihr dRutb |ugefpro<hen batte, er« 
jdblte fte mir bie ©ef 4 i 4 te ber legten jwanjig 3 abre. 

*$u fabft meine Siebe, meine blinbe Seibenf4aft für Stop tntfteheft, 
(Emma! $u fabft, tote bie Uebergeugung, bag 9Ra| ni4t ber dRenf4 fei, tri« 
ben ihn fein dluf f 4 ilberte, in meinem $etjen immer mehr dtoutrt gewann, feit 
jenem berhdngnigbodem Ubenb,’ al3 i 4 ibu $uerft gefebn. O jener dlbeub! 
3 ener föftlühe, glüdli 4 e Ubettb, ohne beffen ©vmnenmg i 4 mehr al3 einmal 
am Sehen unb an dRaj bezweifelt w&re. SBenn t4 tn bie tieffte Xraurägfeit 
uerfentt war unb unter bitteren S^räiten ben £ob erfebttte, bann 30 g wohl oft, 
wie ein Xroft beg $immel3, ber ©ebante an feinen ©ortrag bnr4 meine Seele, 
unb ba er mir einft geftaitben, er fei ber ©erfaffer jeneg ©ebi4tg, fo baffte i4 
immer wieber batauf, bag er ehteg Xageg wieber fo benten, fo fühlen werbe, ■ 
wie 3 U jener 3ett, aig er baffelbe gef4affem 34 Hämmerte müh mit lim» 
bif 4 er ©läubigteü an biefe Hoffnung, big i 4 lernte mit ©itterteit barauf herab« 


jufeben. 



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64 


„VeineS, ungetrübtes ©lud habe ich nur furge 3*it, nur roährenb ber 
erften acht Sage unferer ©he, empfunben. SDlap mar alles baS, mofür icb ibn 
gebalten; mit ©tolg blicfte icb auf ibn unb mit Verachtung auf bie Melt, bie 
ibn fo arg »erleumbete. 2lber gurüdgetommen in feine alten Verbältniffe, 
gmifcfeen feine früheren ©enoffen, begann mein (Einflug auf ibn halb fcfemächer 
§u merben, unb mit Mifebehagen gemabrte icb aHmälig, bafe meine ©efeUicbaft 
tbm febr häufig entbebrlicb fchien. 3u anberer 3eit freilich mar er berfelbe 
glühenbe, leibenfchaftlich verliebte Ma$, mie als Vräutigam, unb cd) magte in 
einer Stunbe, mo ich feine ©ebanten auSfchliefeltch bei mir mahnte, ibm fanfte 
Vormürfe gu machen, megen feiner öfteren, mie mir fcbien, nicht gerabe notb* 
menbigen Slbmefenbeit. ©r antmortete mir aber mit einer fo ftrengen ßdlte 
unb fo turger Vefthnmtheit, ibn nicht mit Meiberlaunen gu langmeilen, bafe ich, 
tief beriefet, fchmteg. Unb hoch hätte ich micg glüdlicb fcbäfeen tonnen, menn 
Via; mir nur, mie in jener Stunbe, ungerecht unb hart erfcbienen märe; aber 
balb machte ich eine nod) fchmerglichere Erfahrung, nämlich bie, bafe feine mora* 
lifchen Vnfichten gang entfefelicb lodere maren. ©r tarn eines Mittags febr 
berbriefelich heim unb lünbigte mir einen Vefuch an, ben mir r ,bur<h Verhält* 
niffe gegmungen" feien, gu empfangen. 2luf meine grage nach bem tarnen, 
nannte er mir ben ber Varoneffe bon @.... 

„Unerhörte Qmpertineng! 11 unterbrach ich Marien, boü ©ntrüftung; „aber 
Su meigerteft Sich hoch natürlich, fie gu fehen?" 

„VllerbingS, aber ohne (Erfolg. Mein ganger meiblicber Stolg flammte 
auf bei biefem ungarten Verlangen. Mit bor $>oxn glübenben langen er* 
Härte ich, ihre ©egenmart in meinem $aufe nie gu bulben, unb gereigt burch 
meines Mannes Vichfteachtung meiner Morte (ermatte fuh anfeheinenb in ben 
Inhalt beS Moniteur bertieft) brach ich in Sbränen aus. 

„Mein liebes Ainb! ich mufe Sir ein für alle Mal fagen, bah ich Vichts 
mehr baffe, als Scenen. Unb ba Su mir anfeheinenb eine folcbe gu bereiten 
gebentft, fo mufe ich mich Sir, bis Su ruhiger gemorben bift, empfehlen. 11 
Vach biefen, in eifiger Mte gefproebenen Morten nabjn er feinen &ut unb 
liefe mich mit meinen berlefeten ©efüblen allein. Mie lange ich allein mit mei* 
nem ftummen Sdjmerg über mein fchnell bergangenes ©lüd brütete — ich roetfe 
eS nicht, ©enug, ich mürbe burch lautes Veben im Vorgimmer aus meinem 
Sinnen aufgefebredt. Vhnenb mer tomme, unb meines Mannes 3orn trofeenb, 
eilte ich fort in mein Scfelafgünmer, baS ich hinter mir berfchlofe. Vach menigen 
Setunoen tarn eine Sienetitv um mir meines Mannes Munich mitgutbeilen, im 
Vefuchgimmer gu erfcheinen, mo eine Same meiner harre. 3<b mich burch 
plöfelicheS Unmofelfein entfchulbigen. Mein Mann tarn bann felbft, unb als er 
bie Sbür oerfebtoffen femb, forberte er mich mit oor Verger gitternber Stimme 
auf, ju öffnen. Vber entfchloffen, in biefem fünfte nicht nachgugeben, ba fi<h 
baS mit meiner Selbfiachtung nicht »ertrug, »ermeigerte ich’* ihm. Ohne 
einen Saut beS 3omeS ober beS VormurfS entfernte er fuh hierauf fogieich» 

„3<h fchäme mich, eS Sir ju geftehen, ©mma! aber als ich Ma? fo baS 


r/>l 


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55 


erjie SDtal »erlefcte, füllte mi4 unfäglicfc elenb, unb e$ $atte ni4t »iel 
gefegt, fo ^ätte i 4 bennocfo, weinet Uebe^eugung jum 2 xofc, bie 3$ür 
geöffnet SRein meiblic&er Stolj ftegte; jebo$ war er nid?t ftart genug, 
nticb au 4 non bem Verlangen jurüdjubalten, einmal ba3 2 Beib ju feben, 
ba 8 je|t, td> fühlte e$, meine ©iferfuc&t fo entfeplicb bernonief. 3 $ flog 
an’3 genfter, unb hinter ben SSorbängen »erborgen, »artete i<b auf ibr 
©rfebeinen mit ben gemifebteften ©mpftnbungen, »on benen Neugier unb 
»erlebter S 0 I 3 mobl bie #aupltbeile toaren. 34 brauchte nicht lange bort ju 
fteben, ebe idj bie 2 )ame am 2 lrme ibreS ehemaligen SiebbaberS ju ihrem 
SBagen eilen fab. (Sin luqet SBIidP auf biefe fcblante, anmutbige ©eftalt unb 
auf ba$ blaffe, geiftreicbe ©eftebt lieb e£ mich begreifen, bafe 2Ray einft bei ibr 
2Ule3 fanb unb ni$t angeftanben batte, felbft feinen SRuf für fte aufs Spiel 3 a 
fefcen. Natürlich gefiel fte mir nicht, benn trofc all ihrer Cfleganj fab ich boeb nur 
ihre ©djamloftgfeit, bie fie bis 3 U meiner Schnelle j U tragen bie ungeheuere 
3 mpertinen 3 befab. 2Ray, als ahne er meine ©egenmart am Softer unb »olle 
mich für mein ÜRic&terfcbemen ftrafen inbem er mich auf 3*ne eiferfüchtig machte, 
überfchüttete fte mit $öfli<bteiten unb toarf ihr, als ber SBagen fortfubr, einen 
anmutbigen $anbbifi na$. 

(fjortfeftung folgt.) 


ßon Dr. ©. Cnnbtnat&er. 


„ 2 ßer ift eigentlich als bet glfidlichfte SDlenfch ju betrauten ?• fragte man 
einfi in einer SreSbener SlhenbgefeUfchaft, weither Subwig Sied beiwohnte. 
Sie Hnwefenben beantworteten bie grage Giner nad) bem Slnberen, gebet von 
feinem Stanbpunlt unb nach feinen Steigungen. „2BaS meinen Sie, Herr 
Hofrath ?* menbete fi<h enblich bie Same beS HaufeS an ben hoch bejahrten 
Sichter, ber heute, ganj gegen feine (Gewohnheit, einfolbig in einer 6 de beS 
SophaS fab. „Serjenige, bet achtzig Sahre att geworben ohne bah ihm je 
auch nut eine Selunbe bet flopf obet ein 3ahn weh gethan“, verfemte mit !o« 
mifehem Seufjet bet Herausgeber bet „Urania*, auf feine eigene fcbmerjge» 
faltete Stirn unb baS mit biden Suchern oerhunbene, näht minbet (eibenSbode 
(Gefleht feinet neben ihm (ifcenben greunbin, bet ©täfln ginlenftein, jeigenb. 

ßopffebmerjen unb 3abnf<hmerjen! Silan rechnet fte gewöhnlich ju ben 
Keinen Selben beS menfehtidjen Sehens; wenn man ahet bie Summe beS Un¬ 
heils sieben tönnte, welches Tie im fiaatlichen, focialen unb häuslichen Sehen 
bereits angerichtet, feit unfere wohlgeborenen Stammeltem, $ert Slbam unb 
grau Goa, obet beten leibliche SeScenbenten, jum etilen SDtal tum biefen tüdi« 
f^en HöUengeiftern gepeinigt würben, es mühte eine ganj enorme fein unb man. 
rnütbe an ihtet iDlatht unb ®töbe wahrlich nicht meht jweifeln. Äleine Urfa- 



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d&ett, große SBirfungen—bag ift ein Spruch, ber ftd) befanutlid) fdjon oft 
bewahrheitet bat unb wohl auch gang befonbere Slnwenbung auf bie genannten 
„Weinen 11 Seiben finbet. $ag fchiefe Senftcr |u fllein«3*ianon, welche* unter 
Bttbwig XIV. bie Seranlajfung jur Serheerung ber Sfal§ würbe, unb ba« 
non ber nicht aH$u jungfräulichen Königin Slnna umgeworfene ©lag Söaffer, 
bag ben Stm§ be* allmächtigen Herjogg non SJtatlborough herbeiführte, fmb 
biftorifcb geworben ; warum foHte nicht auch jenem bohlen Sahn fein Stecht 
werben, ber SJtaria $herefia juft um jene 3^it peinigte, alg ihr griebricb EL, 
nach Ablauf ber erften 3abre ber nerhängnißnollen Sieben, unter febr gänftigen 
©ebingungen ^rieben bot, ber ihr aber in folgern SJtaße bie Saune nerborben 
batte, baß fte bem Antrag tein ©eher gab unb in Folge beffen fpäter oiele 
SRiflionen unb jebe Hoffnung auf SEBtebererlangung einer ber herrlichften $ro* 
Pinien ißreg Steicheg nerlor ? Siefleicbt litt Fürft Äaunip gerabe barnalg an 
Äopffcbmerj; eineg befonbetg tlaren Äopfeg tonnte er (ich in jenem Moment 
gan§ gewiß nicht tübmen. 2)och wo|u fo weit jurüdgreifen, ba ung fogar bie 
atterneuefte ©efehiebte belehrt, welchen ©btfluß unter Umftdnben eineg ober 
bag anbere ber genannten deinen Seiben üben mag. Manchen Seuten giebt 
ber flopffchmeri gerabe bie heften Qbeen ein ; bei anberen führt er ben 5)ent* 
projeß ober bebt ihn gänzlich auf. $a ber ©lut* unb ©ifen*2)tiniftet an ber 
Spree unb fein faiferlidjer ©önner unb Stinale an ber Seine befanntlich beibe 
an unferem Uebel leiben, wäre eg am ©ubc gar nicht fo unmöglich, bafj baffelbe 
auf bie Herbeiführung ber ©reigitiffe ber jiingften Vergangenheit, bie jebenfallg 
nur bag ÜBorfpiel einer bebeutenben gutunft btfben, nicht oßneßinfluß geblieben 
Wäre. Vielleicht enthüllt bie 2)tcmoiren^Siteratur ber jweiten Halfte beg 19ten 
Sahrhunbertg unferen ©nfeln bag intcrcfiante ©eheimniß, baß 2)eutfchlanb feine 
fo lange nergeblich angeftrebte politifche ©inigung |ulc(jt— einem ^opffchmerj 
ber beiben hernorragenbften unb einzig tbatfräftigen ©erfönlichfeiten jener ©poche 
|U bahfen hatte. 

Söelche Störungen, welche Fatalitäten bag par nobile fratrum, Bahn* 
itnb flopffchmerj, im häuglichen Sehen hernor|ubringen nermag, wer wüßte 
banon nicht än Sieb |u fingen? SBie jahllog oft fmb fte fchon alg Freuben« 
unb Fnebjmgftörer aufgetreten, wie manche fonft glüdliche ©he ift burdj fie, 
wenn auch nicht in bag ©egentbeil nerwanbelt, fo bod? wenigfteng recht 
unangenehm getrübt worben. 2Bag wirb aug bem heften ©atten unb Vater, 
wenn er am Äopffchmeri leibet ? Me Seit ift ent|üdt non ber Siebengwüt* 
big feit biefer $ame — ein ©lücf, baß nicht 3^« 2lr|t ift unb ihr feine Vifite 
abjuftatten hat, wenn fie gerabe non ber Migräne geplagt wirb ! 

Obwohl nun ber Äopffchmeri in ben nerfchtebenften Sphären beg tnenfö* 
Ittben Sebeng eine fo wichtige Stolle fpielt, giebt eg bod? noch Seute, bie ihm 
nicht einmal bie ©hre antbun, ihn $u ben Äranfheiten |U rechnen. „ 3 $ bin 
non Hcrjentemgefunb, 2)oftor; Meg, wag mir fehlt, ift gelegentlich einmal 
ein Stechen Jtopffchmerj" —biefe Heußerung wirb wohlfcinem praftifdjen Strjte 
neu fein. S)ag Stächen flopff<hmet| ift hoch nun ganj gewiß fein 3eichen non 

1 

•crau.____. 


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m 


©efunbheit, unb Wenn er fich regelmd&ig unb häufig einftellt, würbe ed wohl 
immerhin fchon ber ©lühe lohnen, nach bet Utfache ju forfdjen unb biefelbe ju 
befeitigen, wenn anbetd bem bamit ©ehafteten baran gelegen ift, fein leibliches 
©Bohl §u fßrbem tmb einem in ber gerne brohenben Uebet no^ubeugen. dd 
ift wahr: bet Äopffcbmetj ifl feine felbftftdnbige firanfbeit, aber er ift bo<h bad 
6pmptom einer folgen unb mitunter fogar ein recht bebenfliched Spmptom. 3 n 
Dielen gällen ift er ungefährlich unb bebarf feiner befonberen ©eachtung, in 
anberen aber beutet er auf ein tiefered Selben ober erfdjeint ald ©orbote einer 
heranjiehenben Äranfbeit. ©tan fonnte ibn mitunter bem Sturmbogel uergleU 
<hen, beffen drfchetnen ben funbigen ©chiffer ftetd jur ©or(tcht mabnt. 

3m Allgemeinen ift ber flopffchmera mehr bem mittleren ald bem jugenb* 
lieben unb bem höheren Sebendalter eigen ; in jenem erfdjeint er ald gelegen!* 
Ikbe unb »orübergebenbe ©tßrung bed ©Bohfbefinbend, bie je na(b Anlage unb 
Sebendmeife häufiger ober feltener auftritt unb in ber ©eget nur geringer Auf* 
merffamfeit bebarf; in biefem biugegen ift er eine faft immer beachtendmerthe 
dtfdjetnung, bie fofort bem ©utaebten bei Ar 3 ted anbeimgegeben werben follte. 
©eün n>eibli(ben ©efcbledbt ift ber flopffebmerj burchfchnittlich häufiger unb 
heftiger ald beim männlichen. die ganje Organifation unb Sebendmeife ber 
grauen, ibr ©iangel an fßtperlicher ©emegung, ibr borjugdmeifer Aufenthalt 
in gefdjloffenen [Räumen bidponirt fte $u biefem Hebet, ©ei ÜJttmnetn pflegen 
Äopfftbrnerjen rafch, rneift innerhalb 24 ©tunben, borübet 3 ugehen; grauen 
»erben anhaltenber bauon gepeinigt, unb felbft nadb ©efeitigung bed Anfalld 
machen fub oft noch bad AUgemeinbeftnben ftörenbe ©acbmirfungen bemerflich. • 
S)»t Äopfjchmetj ift ein »iebtiged unb §iemli<h beftdnbiged ©pmptom bieler bem 
»eiblichen ©efeblecbt eigenen Seiben unb ftebt &u ben fpesieHen phpfiolo* 
gifeben ©errichtungen beffelben in inniger ©ejiebung. dd mürbe bie und hier 
gefteeften ®ren$en überfchreiten unb ju febr auf bad ©ebiet ber ftrengen ©Bif* 
fenfehaft hinübetfpielen, motlten wir und mit biefet Art bed ßopffcbmerjed aud* 
f&htli<her befaffen. 

Sfcanb, ©efihfiftigung unb Sebendmeife finb enblich noch bei unfe« 
rem Seiben non entfeheibenbem dinflufs. der bem mittleren Sehend* 
alter eigene Äopffchmerj finbet ft<h ungleich häufiger in ben höheren ald in ben 
niebetert ©tfinben ; er ift häufiger unb intenfmer bei ßopf* ald bei $anbar* 
arbeitem; er fueht am heftigften diejenigen beim, bfe in ihrer Sebendmeife bon 
ben natürlichen [Regeln am weitesten abroeichen, bie ftch burch ©achtmachen unb 
übermäßige Arbeiten, namentlich gelftige, fchmdchen, bie ihren ©lagen mit ju 
Dielet unb unnerbaulicher ©abrung überlaben ober auch ihm ju wenig nahrhaft* 
m bieten, bie ber ©egelung ber Unterleibdfunltionen im Allgemeinen leine 
Aufraerffamleit fchenlen, bie fi<b rüdftchtdlod jeber ©Bitterung audfefcen, ohne 
auf jwedmäßige Reibung bebacht §u fein u. f. m. ©Benn irgenb ein ßranf* 
heitdjuftanb bem ©tenfeßen burch bie fortfdjreitenbe dimlifatian, bie ©erfeine* 
rung unfern ©enüffe unb bie mancherlei ©üäjuhten, welche unfer gefelliged 
Sehen erheiföt, äufge$mungen mürbe, fo ift ed ber Äopffchmerj. ©«braucht 


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Stefcifl ba* Quantum ber confumirten Seife al* ©nrilifationömeffer, fo bürfte 
tootl bie Verbreitung unb £äufigteit im Vortommen be* flopff*merze* fo ziem* 
lieb biefclben Tienfte thun. ßm uolltemmen gefunber SJtenf*— unb ein 
folget lann immer nur derjenige fein, ber burebau* naturgemäß lebt, ficb non 
allen 2Iu*f*meifungen unb Unregelmäjjigleiten fern hält—mirb fteber niemal* 
tfopffcbmerj haben ; felbft ba* nur einmalige Sluftreten beffelben beutet barauf 
bin, bab irgenbmo in unfetem Organi*mu* eine Störung oorgelommen, bab 
eine* ber Dielen ©lieber, Stäb*en unb £ebel, mel*e bie complijirte 2Jtaf*ine 
unferc* Körper* bilben, in Unorbnung geratben. Tie 3nbianer unferer meft« 
lieben Territorien mufiten niebt* non £opfj*merzen bi* ihnen bie ffieijjen bie 
S3efanntf*aft be* geuermaffer* unb be* — ©nangelium* nerfebafften. Ta* 
©ine #erurfa*te ihnen ©ongeftionen nach bem £opf,ba*tlnbereÄopf§erbre*en; 
al* golge haben fie jefct eine* ber peinliebften unter ben „Keinen" Seiben uit* 
fere* cioilifirtcn Sehen* lennen gelernt. 

Um unfer Thema erf*ßpfenb unb zugleich fo zu behanbefn, bab ber Sefer 
einijjerma&en in ben Stanb gefefct mirb, ba* an ftcb felber unb feiner Untge* 
bung fo häufig zu beobaebtenbe Spmptom be* äopfj*merze* richtig ju beur¬ 
teilen, ficb einerfeit* nicht oergebücb beunruhigen }u laffen, anbecerfeit* aber 
auch eine mirfli* brohenbe ©efabr zu ahnen unb ihr rechtzeitig borjubeugen, 
muffen mir nun bie nach ihren Urfadjen fo flberau* oerfebiebenen Slrten be* 
fiopff*merzc* einzeln befpreeben. gueeft halten mir ben Unterfcbieb ber 211* 
ter*perioben feft unb betrachten ben $opff*merz im tinblicben, im mittleren unb 
.im höheren £eben*alter. 

©in Äinb mirb oerbrie&li* unb reizbar, e* runzelt bie Stirn, brüeft ben 
fiopf in bie Sophaecfe unb miU non feiner 3erftreuung miffen. Ter äopf ift 
oft nicht gerötbet, feine Temperatur nicht erhöht unb bcr SIppetit biedeicht ganz 
ungeftört, namentlich ernenn gerabe eine 2iebling*fpeife auf bem Tifcb fleht* 
„©ah, ein bi**cn Äopfmeh, mer mirb fo empfinbli* fein! $aft mohl gar ba* 
Scbulfieber, 3unge? Sticht* ba, ba* ©denlicgen taugt nicht; binau* in bie 
£uft — ba muh’* febon beffer merbenl" Sllfo belretirt pater familias in 
feiner höheren 2Bei*beit, unb ba* ßinb geht mifjlaunig unb meinerlicb zur Schule, 
mo e* fecb* bi* acht Stunben in einer mehr ober meniger beworbenen Suft 
Zubringt. ffienn e* Sta*mittag* ober Slbenb* nach £aufe fommt, ift ber 3u* 
ftanb berfelbe, nur baf bielleicht auch ber Appetit gefebmunben ift. 3n ber 
Stacht ftellt fi* gieber ein, ba* flinb febläft fehr unruhig, phantafirt biellei* t 
gar. Slm näcbften borgen ift e* nicht im Stanbe aufzuftehen, unb man 
fcfcidft na* bem Toctor. Tiefer *ucit bie Sl*feln, meint, e* fei beffer, 
menn er f*on geftern gerufen morben märe, benn fall* ihn ni*t Sille* trüge, 
feien SJtafern, S*arla*, $oden, ober etma* Terartige* im Slnzuge. Seine 
Vorherfage geht in ©rfüllung, unb f*on na* Verlauf einiger Stunben erf*ei- 
nen auf ber $aut be* Keinen äranien bie untrügli*en 3«i*en be* gefür*teten 
©jantbem*. 

Ter itopff*merz mar in biefem gatte ein fi*ertr Vorbote ber beranna* 


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| (elften Äranfbeit, gleichfam ein Sourier, ben bie Statut mit ber $epef<he bot« 
auSgefchidt, auf feinet $ut ju fein unb ftd? für baS flommenbe $u rüften. 
Äopffchraerg ift im Httgemeinen im finblicben Filter etmaS fo Seltenes, ba| 
man beim ßrfcbeinen beffelben nie gleichgültig bleiben foüte. ©lüdlicherroeife 
bat bie Statur biefeS Spmptom fo beutli(b gemacht, ba| eS feiner acbtfamen 
Butter, auch toenn baS Ämb noch nicht ju reben bermag ober feine JUage Vor¬ 
bringen fotite, maS manchmal aus digenfmn, 2Ri|ftimmung ober auch gurcht 
nicht gefchiebt, verborgen bleiben fann. Sobalb bet Säugling ober baS 
Heine ßinb mit halb gefchloffenen Hugen ober etioaS gerunzelter Stirn, baS 
Sicht fcbeuenb, bebanlich baS Köpfchen auf bie Schulter ober in ben Schoo| 
ber Butter brüdt, ftch alle üDtübe giebt, benfelben in ruhiger Sage zu halten, * 
unb bei jeber 33emegung auffcbreit, fobalb biefe ober ähnliche drfcheinungen 
bemerft merben, foüte man fofort bem ßinbe bie grölte Hufmerffamleü fcben« 
fen unb ohne Säumen bie 2)ienfte beS HrgteS in Hnfpruch nehmen. ©ne 
Butter, bie begleichen überfiebt ober fich mo|l gar mit bem Sroft abftnbet, ein 
menig ßopfmeh meroe fchon toieber borübergehen, ober fei leicht burcb ein bon bet 
Nachbarin an fich felber erprobtes £>auSmittelchen, burcb baS Söeiprecben eines 
alten ffieibeS ober burcb ähnliche Ouadfalberei gu befeitigen, hat ihren Seichtfinn 
fchon oft mit bem SBerluft beS im aüererften Stabium ber Äranfbeit burcb bie 
Äunft noch gu rettenben ÄinbeS ju bü|en gehabt. ©S mar nur ein „menig 
Äopfroeb", aber hoch gerabe genug, um baS blühenbe, gefunbe Äinb unter bie 
©rbe ju bringen. 

Äopffcbmerg bei Keinen fiinbern ift mitunter bie golge eines Schlages, 

6to|eS ober gaüeS auf ben Äopf, mobon vielleicht gar feine äu|eren SDterfmale 
ftchtbar fuib. 2)ie Äinber mögen noch gu Kein fein, um ben SBorfaü mittheilen 
gu fönnen, vielleicht verfchmeigen fie ihn auch aus gurdjt vor Strafe; baffelbe 
mag mit älteren ©efchmiftern ober 3)ienftperfonen ber gafl fein, bie 3«ugen 
ober mohl gar Urfache beffelben maren. ÜRan fuche baber unter folcben Um« 
ftänben ber Wahrheit auf ben ©runb gu fommen, um bie geeigneten 2Ra|regeln 
ergreifen gu fönnen. 

Saft noch feltener als bei gang Keinen Äinbern ift ber Äopffchmerg im 
Änaben«, günglingS« unb ÜÖiäbchenalter. £ier fmb es faft immer gang be* 
ftimmte Schäblicbteiten, bie benfelben beranlajfen unb bie baher fofort befeitigt 
merben foüten, um fcblimmeren folgen vorgubeugen. S)er Hufenthalt in 
fehlest gelüfteten Schlaf- ober Schulgimmern ift eine ber häufigften biefet 
Schäblicbteiten. 2)er jugenbliche, in ber ©ntmidelung begriffene Organismus 
bebarf, nächft einer reichlichen, gefunben [Nahrung, nichts bringenber, als einet 
unbefchränften 3ufubr frifcher, burch leine fchäblichen HuSbünftungen verpefteter 
Suft. 2)a(er fann nicht genug empfohlen werben, Äinber fich fo viel als mög« 
lich im greien, in einer burch [ßflangenvegetation gereinigten unb mit Sauer« 
ftoff gefchmängerten HtmoSpbäre tummeln gu laffen. &ut Schlaf- unb Schul« 
geit, mo ber Hufenthalt in gefchloffenen [Räumen nicht umgangen merben fann, 
müffen-biefelben menigftenS fo gut mie möglich gelüftet fein, unb nichts ift ber« 

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berblicber, all tiele flinber in Keinen Scptaflämmercben ober überfüllten Schul* 
jimmetn bie ganje üftaebt ober ben größeren Tpeil bei Sage! über jufammen 
ju pferchen. Tonnen bie jwei bil brei Stunben Aufenthalt im Jreien, bie in 
groben Stäbten oft uul anbermeitigen ©rünben ben tfinbern noch ftart ter* 
fümmert unb befepnitten merben, ben Schaben rnieber gut machen, ben ein 
21 bi! 22ftünbiger Aufenthalt in unreiner Suft anrichtet ? 

Ter bei fltnbern im Alter non 8 bil 14 Jahren auftretenbe ßopffcpnterz 
fleht nicht feiten mitbem Aulbruch ber zweiten bleibenben Jahne in SSerbinbung; 
et ift in folchem Jaüe torfibergepenb unb ton feiner weiteren $ebeutung. 
©Item unb Seprer halten mitunter ein ßinb für ftörrifcp, launifch unb eigenfin* 
mg; trenn fte ficb aber bie SDtühe nehmen trollten, etmal forgfältiger nachzu* 
forfchen, mürben fte fich tielleicpt überzeugen tönnen, baß el ein örtliche! 
Seiben ift, melcpel biefe unangenehme Seränberung im SEßefen bei Äinbel ber* 
torruft. 

S3ei befonberl begabten, intelligenten, fleißig lernenben unb nach Aul* 
Zeichnungen ftrebenben flinbem im Alter ton 8 bi! 16 Jahren gehört ein con4 
geftiter ßopffcpmerj, all Jolge bei anhaltenben 6i{enl unb ber geiftigen 93e* 
fcpäftigung, zu ben ziemlich häufigen ©rfepeinungen. 2Bo berfelbe habituell zu 
merben broht, ba foHte fofort eine SBerminberung ter Seprftunben unb ber 
Schulaufgaben angeorbnet, unb ba! flinb ftatt beren zu ermübenben förperlicpcn 
Semegungen in freier Suft, zu Turnübungen u. bcrgl. angcbalten merben. 
©Itern, Sehrer unb ©rzieper follten in biefer Beziehung fehr machfam fein unb 
ihren 3oglingen nie mehr zumuthen, all biefelben ihrer förperlicpen Organifa* 
tion nach zu Ieiften termögen. sticht! ift terfehrter unb gefährlicher all jener 
elterliche ober päbagogifcpe ©prgeiz unb Stolz, ber mit ben ßenntniffen ber 
ßinber zu prunfen fuept, unb bem fchon fo manche! zarte Sehen zuin Opfer ge¬ 
fallen! ©in öfter mieberfehrenber bumpfer ßopffepmerz ift bie erfte SBarnung; 
mirb biefelbe nicht beamtet, fo mag ©ehirnentzünbung ober Aertenfteber bie 
Jolge fein. Jn Teutfcplanb finb el bie Knaben, benen, befonberl in früheren 
Jahren, all bie Aotpmenbigteit förperiieber Uebungen, bie mit ber geiftigen 
Aulbilbung $anb in £anb zu gehen haben, noch nicht in folchem ÜDtaße er* 
fanat mar, oft Unmöglichei zugemuthet, bei benen burch übermäßige! unb 
fcblecpt regulirtel Semen ber fleirn zu töbtlicpen firanlpeiten gelegt mürbe; hier 
ZU Sanbe terfällt man nur zu häufig bei ben noch ungleich reizbareren, zarter 
organiftrten Dftäbcpen in benfelben Jepler, füllt ihnen gerabe in ben Jahren, 
mo ihre förpcrlicpe ßntmidelung bie größte Aufmerffamfeit erheifcht, ben fiopf 
mit gelehrten ©roden, ton benen fte all ihr Sebtage nicht fo tiel stufen haben 
merben, all menn fte eine fräftige Suppe zu lochen unb einen Strumpf fünft* 
gerecht zu ftopfen terftänben, unb enlmicfelt auf biefe Üffieife bie nur zu häufig 
torpanbene Anlage zu Aertenfranlheiten, zur Scpminbfucht ober zu fonftigen 
Seiben. AHerbingl ift bie Jugenb bie 3eit bei Semen!. Ter (Seift bei flinbel 
muß entmidelt unb mit nüßlicpen ßenntniffen bereichert merben, aber niemals 
foHte man bähet außer Augen lajfen, baß bie erfte ©ebhtgung einer münfcptofl* 


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wertben meitfcblieben (giften) förperlicbe ©efimbheit ift, unb bab ein gleicbmäbig 
gebilbeter, tbatfräftiger ©eift nur in einem gefunben Äörpet wohnen Kann. 

SBeit verbreitet unb Pom Perfcbiebenartigfien Gbarafier ift ber Äopffcbmerg 
im mittleren SebenSalter. der äJtcnfch bat feine Polle Aeife erreicht, er ftebt 
im SMgenub feiner ferpcrlicben unb geiftigen ürdfte — Ieiber begebt er aber 
jefct, tbeilS freiwillig unb nur bem Snftintt feiner Seibenfchaften folgenb, tbeilS ' 
bureb wibrige SebenSoerbältnijfe, bureb Sitte, $ertommen unb bie tprannifebe 
(Stilette ber ©efellfcbaft gezwungen, bie febwerften Sünben gegen ftcb felber unb 
gehrt in tboriebter Serfcbwenbung rafcb baS loftbare Gapital ber ©efunbheit auf, 
welches ibm eine gütige •Matur mit auf bie SebenSreife gegeben, um bamit bei 
toeifem ©ebraueb bis gu einem faßten glüdlicben ßnbe berfelben auSgufommen. 
Sinb eS bei ^Männern fibermäbige Anftreng ungen, geiftige Arbeiten, anbalten* 
beS denlen, ebrgeigige ober auf ©rwerb gielenbe $Idne, ungureicbenbe SeibeS* 
bemegung, Macbtwacben, Schwelgereien, was fte oorgugsweife gu Äopficbmerg 
biSponirt, fo wirb berfelbe bei grauen faft noeb häufiger tbeilS bureb ähnliche 
Urfachen, tbeilS burch häuslichen Hummer, ungwedmäbige SöeKeibung, aOju 
fclaoifcheS Unterwerfen unter bie diftate ber 9)tobe unb bergleichen mehr bett 
porgerufen. 3m Allgemeinen ftnb, wie wir bereits [oben, bie fiopffcbntergen 
biefeS Alters nicht Pon fokber Söebeutung wie bie früherer unb fpdterer Sehens* 
perioben, unb bei einigerraaben gwedentfpreebenbem Verhalten werben fte meift 
ebenfo rafcb uno ohne weitere fchlimme folgen potübergeben, wie fte burch beffet 
geregelte SebenSweife überhaupt gu Permeiben wären. 3ngwifcben lommt eS hoch 
auch in btefem Alter häufig genug oor, bab ber flopffebmerg als Aorbote einer her* 
annabenben fchwereren Äranfbett erfebeint. diejenigen, bie ihm am feltenften 
unterworfen finb, foUten baher bei feinem Auftreten am meiften auf ber $u* 
fein, ©in ruhiges, mäbig warmes Verhalten, AuSfe|en ber gewohnten Arbeit, 
Inappe diät, öeförbetung ber Abfonberungen, falte Umfchläge ober Keine 
SBlutentjiebungen, ledere natürlich nur unter ärmlicher Anweifung, wenn bie 
fftatur ihr wamenbeS dicUdad in ben Scbläfengegenben, ein ©efübl Pon 
Schwere, dtud tutb Schwinbel im ganjen Schäbel bemerllich macht, wären 
wohl gar manchmal im Stanbe, grobem Uebel oorjubeugen. 

Am bebenKichften ftnb Hopffcbntetgen ftets im höheren ober gar im ©reu 
fenaltec, befonberS für diejenigen, bie in früheren SebenSperioben baoon mehr 
pcrfchont blieben. 3« feiten« alte Seute überhaupt an fiopffchmerjen leiben, 
um fo gröbere 33erüdfttbtigung Perbient ihr Auftreten. 3bre Urfacfce liegt 
hier meift in untegelmäbiger dbätigteit beS ©efänfpftemS, in Permehrtem 
SBIutanbrang nach bem Hopfe. die ©anbungen ber ©efäbe haben nicht mehr 
bie geftigfeit unb ©lafticität wie in früheren 3abren, fie erhalten pielmehr eine 
gemiffe Spröbigleit, ©rücbiglett. ^löblicher SBlutanbrang nach bem Hopfe mag 
baher leicht Semibung ber ©efäbe, »lutauStritt ins ©ebirn, Schlagflub unb 
dob im ©efolge haben, 2Mit grober Sorgfalt foiUe in höherem Alter AUeS 
permieben werben, was ben Slntßrom nach bem gerate fo überaus empftnb* 
liehen ©ehim gu treiben ober feinen AAdjlub gu binbem permag. (htäbim* 


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gen, SDiätfehkr, lörperliche unb geijtige »njtrengungen, Gemüth«bewegun« 
gen, bie in früheren galten oft nur oorübergehenbe Störungen beroorrufen, 
öffnen im Sllter gleich greunb £ain ba« Sförtdjen. Son Iräftigen alten 2eu* 
ten hört man oft bie Sleufjerung: „Mein Magen ift gottlob noch gan§ gefunb. 
3m ßjfen nehme ich’« mit ben 3ungften auf." S)ao ift eine etwa« gefährliche 
Mayime. 2)et Magen mag oft noch bie Äraft §ur Verbauung haben, aber 
feine ftärlere Slnfüüung treibt in jungen wie in alten 3ab?en ba« Slut nach bem 
Äopfe, unb toer einmal ba« erjte halbe Sahrhunbert be« Seben« hinter ftch hat 
unb Verlangen nach einem zweiten oerfpürt, feilte lieber 3lde« thun, um e« 
oon bort wegzutreiben. (Sine Iräftige, aber eher etwa« Inappe unb ftet« leiebt 
berbauUche 9tabnmg wirb alten Seuten am heften befommen. ßbenfo febr tote 
bor 2)iätfeblern, haben fie fich bor Grlältung zu hüten. 3 n nicht feltenen gal* 
ten mag fchon eine zu bünne Sebedung ober plöpliche Gntblöfiung wäbrenb 
be« Schlafe« bie llrfache getreten fein, bah man Morgen« früh int Sette «ine 
Seiche borfanb. 

Mir haben nunmehr bie oerfebiebenen Jlrten be« flopffchmerze« nach ihren 
berfchiebenen Urfachen in« Sluge zu faffen. 3lm häuftgften entfteht ber Äopf* 
fchmer} burch einen bermehrten Slutanbrang nach bem Gehirn. Sterben träf« 
tig gebaute, gut lebenbe unb mehr zu ftpenber 2eben«weife neigenbe $erfonen 
bon bemfetben hrimgefuept, fo ift bie« meift ber fogenannte p l e t h o r i f ch e 
ober unter Umftänben auch congefHbe Äopffchmerj. 

Sei überhaupt boUblütigen Serfonen lann natürlich eine Ueberfüllung ber 
Gefä&e be« Gehirn« leicht eintreten. Güte folcbe mag mehr borübergehenber 
ober fte mag auch anbaltenber 2lrt fein. 3u ihter $eroorrufung bebarf e« 
leine« befouberen 2)iätfehler«, teiner Aufregung, feine« Mangel« an Sorficht; 
fte lann bielmehr burch ttimatifebe Ginflüffe, bucch Urfachen, bie gänzlich aujier* 
halb ber inoioibueden Kontrolle liegen, oeranlafct werben. 2)er Schmerz 
ift meift fehr heftig, tlopfenb; berÄopf ift ood, al« wollte er jerfpringen. 
Mitunter ift e« ber ganze üopf, ber fchmerzt, häufig aber nur bie Stirn unb 
Scbläfengegenb. 3ebe Scwegung, bie ba« Slut in Mallung bringt, ift 
fcbmerjbaft; ber Seibenbe jucht bie SKube unb brüeft ben flopf am liebften tief in 
bie fiiffen. Seibe 2lrten be« ^opffchmerje« (teilen fich bor§ug«weife zur grüh* 
ling«* unb ^erbftjeit ein, befonber« in ben erften warmen Sagen, wo bie 
$autthdtigteit noch nicht gehörig regulirt ift. 

€« giebt einen chrontfchen ober anbauemben plethorifchen Aopffchmerj, 
ber ffiochen hinburep währen lann. Gewöhnlich ift berfelbe auch mit ben fon» 
ftigen Spmptomen ber Sodblütigleit oerbunben: geröthetem Gefiept, ftarlem 
Klopfen ber Arterien ber Schldfengegenben, Schwinbel, glimmern oor ben Su* 
gen, gunlenfehcn u. bergl. Mitunter treten gleichzeitig Grfcpeinungen auf, 
welche auf Slutüberfüdung ber Sltpemorgane hinbeuten, wie namentlich Se* 
Hemmung unb furze« Slthmen. 3)er Appetit ift meift ungeftört, ber Schlaf 
gut, fogar fehr feft, bie Unterleib«funltionen ftnb jeboep unregelmäßig 
uno lönnen nur mittelft Ärzneien im Gange gehalten werben. $in unb rnieber 


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ereignet es ficß, baß bie Statut felber bic überfcßüffigen Säfte butch eine plöv* 
lieb eintretenbe Tiarrßoe, ein Stafenbluten obet einen ^ämorrßoibalfluß ab* 
leitet, morauf beräopffeßmerj augenblidlich nerfchminbet. grauen »erben mm 
biefet Art beS SeibenS burchfchnittlicß mebc ßetmgefucht als ÜJtänner; fie ift bei 
ihnen häufig mit Störungen bet Siegel berfnüpft unb fteßt fuß leicht jut 3«it 
be$ SBecßfelS ein. 

Tie Urfacßen beS norübergehenben plethorifcßen ßopffcßmerjeS, ber fuß 
meljt gegen borgen ober gegen Abenb einfteDt unb bann bis jut felbigen 
3eit beS folgenben TageS, jumetlen aber auch nur einige Stunben, anbauert, 
fmb febr mannigfaltig. SBitterungSnerhältniffe, plößlichet 9®ecßfel ber Tem¬ 
peratur, haben einen mächtigen (Einfluß; bann finb eS hauptfäcßlicß geU 
fttge unb förperlidje Anftrengungen, S3ü<fen u. bergl., maS ihn herborruft. 
Auch Sfacßtmacben, aQ^u große (Ermübung, (Einathmen [(hieltet Suft in über* 
füllten Räumen führen biefen flopffeßmer) herbei, flräftige ßßänner in ben 
mittleren gahreu, bie etmaS beffer leben als eS eigentlich nöthig märe, unter« 
liegen bemfelben häufiger als grauen. 

Ter congeftibe fiopffeßmer), gleicßfaßS bie golge einer ju ftarlen ©tut* 
anhäufung im ©eßim, ift babei hoch in feiner (Entftehung bon bem plethori- 
fchen ^opffeßmer) »efentltdj nerfeßieben. Gongeftionen im Allgemeinen finb 
meift bie golge bon Störungen ocS ©lutumlaufs. Tie Äranfen haben 
nicht ju biel, fonbem oft fogar ju menig ©lut; baS ©lut häuft ftch 
jeboch in mibematürlidjer ÜEöeife in einzelnen Organen an. Ter plethorifcbe, 
boüblütige SJienfcß fann babei ein Urbilb ber ©efunbheit fein, ber an Gongeftio¬ 
nen Seibenbe muß ftch ju ben firanfen fahlen. Tie SBirlung ift biefelbe, bie 
Urfache aber eine grunbberfchiebene. Ter congeftibe äopffeßmet) lommt nicht 
bei robuften, boßfaftigen, fonbem bei jarten, fehmäeßließen, oft blutarmen ober 
lacßectifdjen «ßerfonen bor. Tie firanfen fmb meift blaß, nerböS, bon Ipm* 
phatifcher Gonftitution, burchfichtigem Teint, blaffen, bläulichen Sippen unb 
melancßolifcßem Temperament. Sie leiben in ber Siegel an falten «jpanben unb 
güßen, bie Tarmfunftionen fmb unregelmäßig, unb troß ber bermeßrten ©lut- 
§ufußt nach bem ©ehirn fmb boch bie langen bleich, obwohl bie Schläfen* 
arterien ftart pulftren unb fonftige 3ei4en ber ©lutfüße beS ©ehirnS nicht 
fehlen. 

Ter Sehntet) ift in btefem gaße mehr brücfenb unb reißenb als flopfenb, 
unb er nimmt feiten ben ganzen fiopf ein, fonbem befchräntt ftch mehr auf 
(Sine Stelle. Ter ©ul$ trägt nicht ben Gharafter ber ©lethoca, er ift mebet 
Pofl, noch hart ober gefpannt, gleich einer Tarmfaite, fonbern bielmehr metch 
nnb feßmaeß, bem Trud beS gtngerS nachgebenb. Afle biefe (Erlernungen 
toeifen barauf hin, baß baS £etj nicht mit ber normalen Jfraft arbeitet, baß eS 
bie ©lutfdule nicht genügenb ftarl in bie £auptf<ßlagaber treibt, ober baß ftch 
ber gortbe»egung berfelben burep bie japllofen Kanäle unb Kanälchen #inbet* 
ttiffc entgegen ftelien, mache norgugsroeijc barin befaßen, baß es oen ffianbun* 


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gen bet ©efäße an bet firaft bet 3ufammcnsiehung gebricht, bie, nächi* bem 
£er$ftoße, bie Utfache beS ^ölutirei^Iaufö ift. 

(Sine £aupturfache bet ©ebirn* Gongeftton unb beS barauS rcfultirenben 
ÄopffchmergeS fuib übermäßige ©eifteSanftrengungen, oerbuuben mit ßbenber 
SebenSmeife, bei reichlicher Gattung, Steijbaren ^Jerfonen treibt oft jebeS 
lebhafte ©efpräch, febe Aufregung, jeber Berger baS Blut nach bem Stopfe; 
bie faft conftante ßälte ber ©liebmaßen beutet auf bie. ungleichmäßige Bertbei* 
lung beS Blutes, welches bie ©ftremitäten oerläßt, um ftch bem flopfe $u$u* 
wenben. fiongeftioe ßopffchmerjen fmb fo recht baS (Srbtheil ber ©elebrten 
unb ber grauen. Seiben Se&tere an Blutanbrang nach bem fiopfe, fo ift berfelbe 
weit häufiger eine golge oon Blutmangel, fehlerhafter 3ufammenfeßung beS 
93hiteS unb ©efäßfchwäche, als oon Blutreidjtbum. 

'45lethorifcher toie congeftioer Äopffchmerj !ann als Borbote unb ©arnung 
einet bebrohlichen Blutüberfüllung beS ©ehirnS auftreten. Bei allgemeiner 
Boüblütigfeit leibet baS ©efäßfpftem überhaupt an einem S5rud feines gnhaltS, 
bei Gongeftionen fmb nur bie ©efäße einzelner Organe überfüllt. 55iefer $rud wirb 
ba am heftigften empfunben, wo bie ©efäßtoanbungen am jartefien ftnb unb wo fte 
ber burcb ben äußeren ©egenbrud ber MuSfeln gemährten Unterftüpung entbehren, 
was oorjugSmeife im ©ehirn ber gaü ift. 3Die ©efaht ber ©efäßjerreißung liegt 
hier näher, als an irgenb einer anberen Stelle. $ie golgen einer folgen finb 
aber gleichseitig bie allerbebentlichften. Stimmt bet ßopffdbmerj an £eftigfeit 
rafcb gu, fteigert er ftch faft bis jur Betäubung, tritt Sdjwhtbel, tbeilwetfer 
Berluft ber Spraye, Staubfein unb ©mpfinbungSlofigfeit einjelner ©lieber 
binju, fo ift bie ©efahr, baß jene fchlimmften golgen eintreten mögen, eine 
bringenbe. 3wnwlen geht ber Slnfaü mit ftarlem Ohtenfaufen, 3rttent ber 
©lieber, ©efühl Oon Slufgebunfenheit beS ©eftcbts, Uebelfeit unb Erbrechen, 
toelcheS leitete meift als eine glüdliche ffienbung ju betrachten ift, oorüber; häufig 
enbigt er aber auch mit tbeilraeifer ober oBHiger Sähmung, wenn nicht mit bem 
$obe. *3)er Schlag hat ihn gerührt", pflegt man $u fagen, was nicbS Sin* 
bereS heißt als: er ift an einer ©ehirncongeftion, einem Blutaustritt in T S ©e* 
hirn unb baburch berbeigefübrter Sähmung ber Steroencentren geftorben*. 

©a$ foll man bet Äopficßmerj in golge oon Blutanbrang nach bem ©chim 
thun? Mancherlei. 3unächft gilt eS, ben plethorifchen oom congeftioen ßopf* 
fchmerj gu unterfcheiben. gur ben Saien ift baS unter Umftänben nicht gart} 
leicht, beShalb berathe man fleh lieber barüber mit. bem Slrgte. ©egen aüge* 
meine Boüblütigfeit foü man nicht mit Slrgneten gu gelbe giehen, hüchftenS mit 
gang milben, toie g. tühlenben unb abführenben Salden, ©in BraufepuU 
oer, hin unb toieber eine 2)oftS Bitterfalg mag man fchon als £auSmittel an«* 
toenben; toaS barüber hinausgeht, überlaffe man ärgtlidjer Slnorbnung. ©er 
§u oiel Blut hat, fchneibe gang einfach bie Sufuhr ab, b. h- et fe&e ftch auf 
etwas tnappere $iäi unb halte ftch an Speifen unb ©etränfe, bie baS Blut 
nidtf oermehren, eS otelmehr oerbüimen. Sin bie Stelle ber gfeifchbft (affe 
man eine Bflanjenfoft treten, b. h. mit Sh Uf chittß ber bie BluMtung faft noch 



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ntebr als gleich bcgünftigenben $ülfenirücbte, unb wenn eS juft am heften 
fdmiecft, höre man auf gu effen. GS ift t>a^ freilich leichter gefaxt als gethan, 
aber — bie ©efunbheit ift boch ein gar foftbareS ©ut unb fein Opfer füllte für 
fie ju grob fein. Obfit, grüne unb ffiurgelgemüfe, leichte SDleblipeifen, giicbe 
— baS ift für Glethorifcbe eine gefunbe Nahrung. Gier, Äaffee unb £hee 
muffen geftricben, ein leichter 2Bein barf nur fehr mäßig genofjen werben. XaS 
befte ©etränf, pon bem man nicht reichlich genug ©ebrauch machen fann, ift 
flareS frtfcheS Grunnenwajfer. Mancher unferer fiefer wirb ftcb fchütteln — 
einerlei, beffer als fpäter Pon gieber unb Äranfheit gefchüttelt gu »erben, 
Aalte ©afchungen beS AopfS rmb überaus bienlkh, namentlich follen fie 2lbeubS 
por Schlafengehen porgenommen »erben. SBäbrenb beS Schlafes ruht ber 
Aopf beffer auf einem mit Gferbehaaren als mit gebern gefüllten Äiffen. ©ut 
gelüftete unb im SBinter falte Scblafgimnier fmb fehr gu empfehlen. 2)a bie 
Glutencugung »ährenb beS Schlafes am ftärtften ift, barf biefer nicht allgu 
lange auSgebehut werben; auch foll man ftcb, gur Germeibung einer bie Gon* 
geftion nach bem ©ehirn beförbernben ©ebanfenjagb, nicht eher gu Gette bege* 
ben, bis man ftarfe Grmübutig fühlt unb fogleich nach bem Gemachen auf (teilen. 

2)ie Gehanblung beS congeftioen AopffcbmergeS ift natürlich eine nach ber 
Urfache Pon ber beS plethorifchen gang perfchiebene. 3)er Körper hat hier nicht 
gu picl Glut, fonbem baS Glut fammelt ftch nur, in golge einer nicht auSrei* 
chenben Srieblraft ber ©efäbe, PorgugSweife im Aopfe an. 2)ie etwa in s 2ln* 
»enbung gu giehenben Slrgneimittel fmb allerbingS wefentlich biefelben, welche 
auch beim plethorifchen Aopficbmerg nuplich fein mögen; bahingegen müjfen fie 
in aitberer Söeife gebraucht »erben, ^infichtlich ber Gefleibuitg unb Gerne« 
gung gelten gleichfalls bie obigen Gorfcbrijten; auch ber Schlaf barf nicht gu 
lange auSgebehnt »erben, boch mag er, ba baS Uebel oft mit allgemeiner 
Schwäche «f)anb in £anb geht, fchou etwas reichlicher genoffen »erben als bei 
allgemeiner Gollblüttgfeit. S)er wefentUchfte Uuterfchieb befteht hiufuhtlich ber 
£iät. 2Jhißtc biefelbe bort fnapp unb mager fein, fo fei fie hier nahrhaft, aber 
leicht, hageres gebratenes gleifch foll minbeftenS einmal im Sage genoffen 
»erben, boch gebrauche man fo wenig als möglich gett, Oel ober Butter, tfeicb« 
ter Sein, mäßig getntnfen, wirb niemals Schaben thun. grauen jolUen bie 
Slnwenbung beS GorjettS, mit bem ohnehin fo piel ilHißbtaucb getrieben wirb, 
lieber gang unterlaffcn; bei Scannern fann baS fragen enger, fteifer .palSbut» 
ben nachtheilig fein. Gin wichtiger ißunft ift bie Sorge für warme gujie. 2llle 
mit Gongeftionen Gehafteten leiben gewöhnlich an falten gaben, einem Uebel, 
bem fie burch »arme gußhefletbung, fleißiges grottireu, Slufftampfen ber güfee 
bis gut pölligen Grmübung abhelfen foüten. «&ei&e gufthäber, nach Umftän- 
ben mit Senf perjehärft, auch Senfteige, troefene Schtöpfföpfe an bie güße unb 
bergteichen fmb als augenblicflicbe GrieichterungSmittel empfehlenSwerth. Gor 
Grfültung unb ^urchuänung ber gübe hüte man fich fehr forgfältig, ebenfo 
fuche man etwa unterbrüefte gubfebweibe »ieber berguftellcn. S)ie Sitte, mit 
bloben güben aus bem Gette gu fpriitgen, auf bem falten Goben ober wohl gar 
auf inteufiP fältenbem Wachstuch umhergugehen, ift eine äuberft gefährliche. 

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Ueber eines ber bcliebtefleit SWittel bei öfter wieberlehrenbem ßopffcfcmerg, 
über Slutent$iehungen, fagen mir bi« nur wenig, ba mir biefem wichtigen %* 
genftanb bemnächft einen eigenen Ärtifel wibmen möchten. GS giebt Seute, bie 
bei SlutroaHungen, ^erjtlopfen unb ßopffchmerj nichts GiligereS ju tbun ba* 
ben, als jurn Sarbier $u laufen, um fi<b fo unb fo Diele Un$en, wenn nicht gar 
$fuube, beS überflüfftgeu SebcnSfafteS burch Slberlaß ober Schröpfföpje ab* 
gapfen ju (affen. 5)aS Mittel ift probat; leibcr lehrt baS Uebel fchon nach 
wenigen Monaten wieber, um natürlich auf biefelbe SBctfe gehoben ju werben. 
60 gebt eS fort, Qabr aus 3abr ein, bis fub bie oermeintlicbe SlutfüUe in 
wirtliche Slutarmuth mit allen ihren gefährlichen golgen, unter welken geftörte 
fiergthäligfeit, wenn nicht gar organifdje £erjfranfheiten, bie bebentlichften fmb, 
oermanbelt bat. Somit gleichen folche gegen ihren eigenen SebenSfaft wütbenbe 
Slutoergießer bem Serfchwenber, ber fein fcböneS Grbtbeil, auf beffen Uner« 
fdjöpflicbfeit er pocht, nicht febneü genug jum genfter hinaus werfen lann. ©ei 
pletborifchem töopffchmerg fmb bie Slutentgiehungen überflüfftg, weil ber Orga« 
niSmuS einmal barauf oerfefjen ift, eine beftimmte ©lutmenge ju beftfeen unb 
baS ihm gewaltfam entzogene binnen (ursefter grift wieber erfefct, wenn nicht 
gar Derboppelt. Sei congeftioem ßopffdjmerj fmb.Slutentjiehungen gerabeju 
fdjäblich, weil bie ohnehin geringe Slutmenge noch mehr Derminbert wirb unb 
fomit eine gefährliche Schwächung eintreten muh, hie ben Slutumlauf noch un» 
regelmäßiger macht als er ohnehin fchon ift. 

SBeit Derbreitet, an fein 2Uter unb feine Gonftitution gebunben ift ber 
gaftrifche Äopffchmerg. ffler hat fuh nicht fchon einmal in.feinem Sehen 
burch gu Diele ober unoerbaultcbe Nahrung ben Etagen oerborben unb in golge 
beffen an einem ßapenjammer gelitten, beffen wefentlichfteS Spmptom berßopf* 
fchmerg ift? greilich wirb biefer Äopfichmerg nicht immer ber richtigen Urfache 
gugefchrieben. 2)er SWagen, Don £>auS aus ein gebulbiger Patron, reooltirt 
nicht immer, fonbern läßt Ttcb bie ihm aufgebürbete Saft gebulbig gefallen: feine 
ftarfe SluSbebnung, feine Stnftrengung, ber ihm geworbenen Aufgabe gerecht 
gu werben, führt ingwifeben eine Unregelmäßigfeit beS SlutumlaufS herbei, 
welche fich in $opf*Gongeftionen äußert. „34 habe mich gu fehr angeftrengt* 
ober „5)aS ffietter ift wieber einmal unter bem £uub" pflegt man bann gu fa* 
gen, um für ben flopjfchmerg boch irgenb eine Grflärung gu haben. 3)er gaftri* 
feße ßopffeßmerg ift feiten heftig; er befteht überhaupt mehr in einer Sölle, 
Schwere unb Gingenommenheit beS JfopfS, als in eigentlichem Schmerg. Sielen 
Seuten bringt jebe reichliche ÜMablgeit ein Gingenommenfein beS Äopfs, unb bie 
Sichtigleit beS alten SprüchworteS: „Plenus venter non stadet libenter* 
hat ja 3eber, ber geiftigen Sefcbäftigungcn obliegt, an fich felber erprobt. 
Selten währt ber gaftrifche ßopffthmerg lange; in ber Segel geht er Dorüber, 
fobalb ber ÜHagen nach einigen Stunben fein üuantum bewältigt hat unb fich 
gu entleeren beginnt. GS fommt ingwifchen auch Dor, baß ber ßopfießmerg noch 
mehrere £age lang anbauert, nachbem bie 3 nbigeftion, bie ihn berDorrief, befei* 
tigt ift. ßerborgerufen wirb ber gaftrifche ßopffcßnierg faft immer burch einen 


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C . 3gle 


birelt naigumeifenben S)idtfchler, begünftigt aber burch ftpenDe SebenSmeife, 
geiftige Anftrengungen u. betgl. ES foll eine gorm biefeS UebelS geben, bie 
babur<b entfteht, baj$ fßerfonen, bie an eine üppige, fdjmelgerifcbe 2eben$meife 
gemöbnt maren, ficb plöplicb genötigt fahen, gu einer febr mä&igen unb ärm* 
lieben überjitgeben. 

3n Dielen gällen Don Derborbenem SJtagen unb gaftrifchem jfopffebmerg 
hilft ftcb bie Statur felber, inbem fie Entleerungen nach oben ober unten herbei** 
führt. 9®o bie Staturhülfe uicht auSrcicht, greift bie Äunft ein unb tbut baf* 
felbe. Unter ber beträchtlichen 3abl Don Hausmitteln bat ftch mit Stecht eine 
Sajfe fdpmargen ÄaffeeS ben größten sfuf erroorben. 

UeberauS mannigfaltig unb Diclgeftaltig in feinem Auftreten ift bet ner* 
Döfe flopfichmerg, ber fi<h feine Opfer bauptfächlid? in ber garten grauenmelt 
fucht. Er tommt — man meifj nicht »ober, er geht — man meife nicht mobin. 
SJtitunter fünbigt er fich Durch Schmere beS ßopfeS unb Steigbarfeit beS ganzen 
©efenS an; in anberen gdllen tritt er mit blipäbnlicbec Schnelle auf. 23on 
jebem anberen Äopfjcbmerg unterfiheibet er fic& Durch baS eigenthümlicb febarfe 
Stechen. „ES ift, als ob mir Stabein burch ben ßopf geftochen mürben", Ha* 
gen bie Äranlcn, bie übrigens meift gleichseitig auch an Schminbel leiben. 

5)er hpfterifche Äopffchmerj ber grauen ift Durchaus ncrDöfen UrfprungS. 
SJteift ift baS SterDenfpftem im Allgemeinen in SJtitleibenfchaft gejogen, maS fich 
febon beim Entftehen beS UcbelS !unb giebt, melcheS in ber Siegel mit einem 
brüdenben, frampfbaften ©efübl in ber Unterleibsregion beginnt, Don ba 
gum SJtagen, bann gum ßeblfopf unb gulefct gum (Gehirn emporfteigt. S)er 
bpfterifche üopffchmerj ift nicht fehr auSgebreitet; gumeilen befchrdnft er fub 
fogar auf eine gang Heine Stelle, nicht großer als eine Stageiluppe, bicht über 
ben Augenbrauen. 

Eine anbere gorm beS nerDßfen flopffchmergeS ift bie allbelannte, mit 
Stecht gefürchtete SJt i g r ä n e ober ber halbfeitige .fiopffchmerg. $ie SJtigräne 
binbet fich gleichfalls an lein Alter unb ©eicblecht, Doch ift fie im Allgemeinen 
bei SJfäbchen unb grauen etmaS häufiger als bei SJtännern, im jugenblicben 
Alter aber überhaupt giemlicb feiten. Sie ift ein tppifcbeS, an beftimmte fyit* 
perioben gelnüpfteS SterDenleiben, melcheS in ber Stegelmä&igleit feiner Anfälle 
unb ber 3)auer Diel Aehnlichfeit mit Dem ©edjfelfieber hat unb mohl auch, mie 
biefeS, Durch Uimatifche SBerhdltuiffe berDorgerufen unb begünftigt mitb. $ie 
SJtigrdne ift DotgugSmeife Don feuchter ©itterung abhängig unb gang befonberS 
in Sumpfgegenben beimtfeb. $ie ^auer beS Anfalles Ift Don fechS bis gu 
Dierunbgmangig Stunben. Ser Schmerg beginnt im inneren Augenminlel unb 
gieht fich über bie Stafenmurgel nach ber Stirn unb Dem Scbäbel empor. 3a* 
meilen befchränlt er ftch auf eine Heine Stelle, häufiger nimmt er bie gange 
jRopfhdlfte ein. 3 n manchen gäüen Derfept er bie fieibenben in eine Irantbafte 
Aufregung mie ber 3ahnfchmerg, in anberen macht et fie Dollig apathifch unb 
gleichgültig gegen Alles, maS um fie Dorgeht. 2)aS Auge unb baS Ohr ftnb 
babei gem&hnlich [ehr reigbar unb jebeS ©eräufch Derfchlimmert baS Seibeit. 


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$fld eine 3trt Don aJtigrdne ift ferner berflopffchmetg gu betrauten, ber manche 
ßeute beim ©ecbfel ber ffiitterung, hauptfächlich bei Dorhetrfchenbcm 9torb* unb 
SRorboftroinb, befällt unb manchmal nur wenige Stunben, manchmal aber auch 
fo lange anbauert ald biefer ffiinb webt. 

lieber bie ©ebanblung, bed neroöfen ßopffchmerged fagen mir nichts, ba 
biefelbe gang bem Slrgt überlaffen »erben muß unb bie hier roirljamen 3)tittel 
überhaupt gu bebentlicb finb, um Don Saien gebanbbabt gu »erben. (Sine re* 
gelmäßige, nicht gu üppige Sebendroeife wirb gur grünblicben Teilung bed Uebel^ 
ftetd unerläßlich fein. Seichte gleifchfpeijen mögen mäßig genojfen »erben, 
bagegen ftnb gette unb ©ewürge gu oemtetben. ©ei Kaffee unb Ztyt begnüge 
man ftd? mit einem gang fchwacben Slufguß. ©n leichted bittered ©ier, ein 
mouffirenber ©ein Don fehwaeßem SUcoßolgebalt ftnb guträglicß. $cr meift 
reizbare, empfinbliche Körper muh gegen bie ©uftäffe unb ben ©echfel ber 
terung Durch gwedmäßtge ©efleibung gefchüpt »erben, hoch hüte man fub Dor 
allgu grober ©erwößnung. Uebermäßige Slnftrengungen unb f<h»dchenbe ©e* 
»obnbeiten ftnb gu Dermeiben. Mte ©aber, lunftDerfiänbig angewenbet, tön* 
nen febr bienlich fein, ©on grober ©ießtigteit, »ie bei allen üRerbenleiben, ift 
ber ©enuß einer reinen, unoerborbenen, möglichft fauerftoffbaltigen Suft. 2)a* 
ber ftnb SReifen, ©abeturen unb ber Idngere Stufentßalt auf bem Sanbe oft Don 
entfehiebener ©irfung, nachbem alle anberen Mittel feßlfcblugen. 

9tur noch einige ©orte über ben rbeumatifchen Äopffchmerj, ber 
ald begleitenbe ©rfdjeinung bei überhaupt ju [Rheumatismen neigenben ©er* 
fonen, jeboch auch für fleh allein unb unabhängig Don anberen Ärontßeitd* 
©feßeinungen feiner (Gattung, auftreten tann. $Ud bdufigfte Urfache ift »obl 
eine ©fältung bed feßwipenben Äopfed anguneßmen. $n 3)eutfcßlanb mag 
j. ©. bie IXnfitte bed ^utabneßmend in ©inb unb ©etter nicht »enig baju 
beitragen, bad Uebel häufiger gu machen. gn ber $ßat ift biefe gorm bes 
ßopffeßmerged hier gu Sanbe feltener, obmobl Doch fonft bie liebeitdmürbige 
gamilie [Rheuma eine gang anftänbige ©erbreitung unter und gewonnen bat. 
©er Scßmerg ift halb reißenb, halb ftecßenb; er pflegt ftcb mehr auf bie Scßlä* 
fen* unb §interbauptgegenb gu befchrdnlen. © »irb heftig gegen Slbenb, 
allein bie ©arme unb [Ruße bed ©etted pflegt ihn bid gegen ©torgen meift gu 
Derfcheuchen. gn höheren Sebendaltern ift er häufiger ald in jüngeren. 3u 
feiner ©erhütung unb ©efeitigung bebarf eö bed gewöhnlichen antUrbeumati« 
feben ©erfahrend. 9Räßige ©arme, ©erftopfen ber Ohren mit ©aumroolle, 
gur Ableitung ein Senfteig* ober fpanifched gliegen*©flafter hinter bad Ohr 
mag unter Umftänb$n gang gut thun. ©or ©erbauungdftörungen h«te man 
fich gang befonberd, ba biefelben, bei rheumatifcher $idpofition, btefen ßopf* 
feßmerg gern berDorrufen. 3)ie ©iät fei tnapp. 2Ran effe »enig gleifcß unb 
Dermetbe geijtige ©etränfe. 

Somit hatten »tr benn unfere angenehme Aufgabe erfüllt, ben Sefer mit 
allen eingellten ©fiebern ber giemlicb audgebreiteten garnüie ber fiopffeßmergen, 
infofem biefelben einigermaßen felbftftdnbig auftreten unb nicht Mod begleitenbe 


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Symptome anbermeittger Äranfheiten finb, betannt ju machen. 2)er £opf* 
f(bmcr3 fpielt nämlich im !ran!en Organismus bic [Rolle beS Unoermeiblicben, 
bcm man faft überall unb in jebem SCugenblid begegnet. GS giebt faum eine 
afute ober felbft djronifcbe Uran f heit, bie nicht in biefem ober jenem Gntmide* 
lungSftabium, oorübergebenb ober länger, oon ^lopff^m r3 begleitet märe. 
£aS ©ebiru ift ja ebeubaS empfiitblicbfte uub fubtilfte aller Organe; mo irgeitb 
im Körper eine Storung eintritt, ba mad)t fte ficb aanj geroifs bemedlich. 
Slufrichtig leib thäte eS uns, menn ber geneigte Seiet je^t, ba er mit unterem 
Slrtifel gliidlich ju Gnbe ift, bebenflich nach ber Stirne fühlte unb bort fo etwas 
mie — Äopficbmerien oerfpürte. Um aber felbft in folcbem galle noch $u 
nü^en, mürben mir ihm fagen, ba§ bteS ein congeftioer $opff<&mcr| fei, unb ju 
feiner Befeitigung empfehlen — oorauSgefefct, ber Betreffenbe ^aU>igt ber 
UnfUte beS Rauchens — ftd) eine Gigarre anj^ünben, einen mebrftünbigen 
Spaziergang ins greie 31t unternehmen, ben Slbenb bei einem ©lafe Sein in 
heiterer ©efelljcbaft 511 oerbringen unb ficb mit bem ©iodeufcblag 3 ^h» auf’S 
rechte Ol;r 31t legen. 2lm anbern SDtorgen mirb ber töopf mieber bell unb fiar 
unb oon bem brohenben $opffcbmer3 nur bie (Erinnerung geblieben fein. — 
Probatum est! 


Jrabr 1866 . 

Bon $riebrid» £«{ou». 


GS gab im oerfloffenen 3(abre einen Moment, beffen ©rö&e jur Seit nur 
oon Ginem, unb oielleicht felbft oon biefem nicht einmal, empfunben mürbe, 
bem aber bennoeb ber ©ebanfe immer mieber jurüdfehrt. 2ln ber oben Äufte 
oon Balencia fab nächtlicher Seile ein 9 )taun, bem ungefähr eine ebeufo 
intereffante Aufgabe }u Xheil gemorben mie Ginem, melcher ba3U oerurtheitt 
märe, bie Schroingungen eines $erpenbifelS 3U beobachten ober unoermanbten 
BlidS auf einen $unlt hinsuftarren, ber für ihn nicht baSminbefte 3 ntereffe bat. 
Seit auf ber erften Selegrapbenfabrt beS ©reat Gaftern bie flommunitatiou 
mit bem Dtiefenfchiffe abgebrochen unb baS Unternehmen oorläupg gefebeitert 
mar, hielt man eS für nothmenbig, ben in ber Üflitte beS 03eattS abgebrochenen 
5 )raht fortioährenb, bei $ag unb b^i Dtacht, beobachten 31t laffcn. Oft befanb 
er jlch in ooller Shütigfeit; eine Botfcbaft folgte ber anbern, als hätten bie 
©eifler ber £iefe unenblidh oicl auf bcm ^erjen; aber Stientanb oerftanb bie 
fonberbaren Sorte — Sleufeerungen ber geheimnijjoollen Kräfte, welche am 
©runbe be$ ÜJteereS nicht minber thätig futb als im ©ehim beS Sütenfdjeu. 
$l 5 p(ich erfolgte ein 3uden, welches ben fchlaftrunfenen Beobachter ftufcig 
machte. Unmöglich tonnte hoch ein unterfeeifcher Operateur feinem Kollegen auf 
bem feften Saube baS junftmäfeige Signal jur »ufmerlfamfeit gehen wollen. 
Gin iroeiteS 3 uden, unb jefct reiht fich Buchftabe an Buchftabe, Sott an Sori, 


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in einer Sprache, melcbe jebem ©nglänber berftänblid? ift. 5 )a 3 , ma§ man 
für unmöglich gehalten, ift gefcbeben, baS berlorne ©nbe beS alten trabte« 
miebej aufgefunben unb au$ ber $iefe berborgebolt. 3 )er Blenfcbengeift bat 
über bie Blaterie einen Sieg erruugen, mie ihm noch lein äbnlicber ju $beil fl«* 
morben. 

S)er Ocean*$elegrapb oiebt nicht länger einen ©egenftanb $u überfdjmäng* 
liehen Betrachtungen ab. (Sr bilbet fein Banb ber Siebe sroifeben ben Belfern, 
garantirt nicht ben einigen grieben, fann im gaU eines Krieges für einen 5 beil 
febr unbequem merben, mirb tölpelhaft gebanbbabt, giebt baS SJtittel ju argen 
Ausbeutungen an bie £anb, unb fein prattifdjer Bußen ift bis jeßt nur 
noch febr befebräntter Art. Slber bennod? ift feine Bollenbung eines ber 
größten ©reigniffe beS Sabres 1866 , eben meil er bie Kontrolle be$ ©elftes 
über bie SJtaterie nernoüftänbigt unb einem gortfebritt non unberechenbarer 
Tragweite bie Bahn gebrochen bat. $er einzig richtige Btafeftab für Alles, 
maS ficb auf ber ©rbe ereignet, ift eben baS Bocmiegen beS Btaterictlen über 
baS ©eiftige, beS ©efitteten über baS Bobe, in ber ©rrungenfebaft, um bie eS 
fleh eben banbeit. 

Segen mir biefen SBafiftab an bie Befultate be$ nerfloffenen SabteS, fo 
finben mir, bafe bie neue SBelt mehr Urfacbe bat, mit Befriebigung auf baS 
Bollbrad)te äurüdjiibliden, als in ©uropa. 3 U ben Bereinigten Staaten haben 
mir entfebieben einen Sieg ber ©efittung über bie Bobbeit, ber ©inficht über 
bie Berblenbung nor uns, unb ebenio mufjte in Btepifo bie brutale ©eroalt 
beS importirten ÄaifertbuniS ber BaterlanbSliebc, meldje bei allen feinen geh' 
lern bem Bteyifaner nicht abjufpreeben ift, im ßampf ber fübamerifanifchen 
Bepublifen mit Spanien ber monarcfcifcfce Uebermutb einem aufgetlärten, tbat* 
fräftigen Patriotismus, unb enblid) am Paraguay ber Anbvang übermütbiger 
©egner ber unbänbigen AuSbauer unb ilübnbeit ber Baraguiten meidjen. Sn 
5 )eutfdjlanb bagegen mar bie Sittlichteit unb intelligente Sbatfraft beS BolteS nicht 
im Stanbe, ficb ber Brutalität gegenüber ©eltuug $u uerfchaffen, in Spanien 
beugt ficb eine cble, ritterliche Nation unter ben gufjtritten ber infamften, geift* 
lofeften Sprannei, unb im Orient fai.en mir eben erft mieber bie ©rhebung 
eines uerjmcifelnben BolteS bureb ben ©ifenbuf roher ©emalt niebergetreten. 
Säfet fub bennoch ftellenmeife ein eutfehiebener gortfebritt jurn Befferen nicht 
uerlennen, fo liegt bieS in ber allgemeinen ©rftartung beS ebleren BrincipS, 
melcbe fetbft bie Btänner t>on Blut unb ©ifen swingt, ihm Becbnung su tragen, 
unb feine bollftänbige Blifiad)tung als eine Unmöglichfeit erfebeinen lägt. 

SGßaS 2 )eutjchlanb, ben Sdjaupiaß ber nröfsten ©reigniffe, betrifft, fo ift eS 
noch immer nicht möglich, baS bort Borgefallene mit ungemiiebten ©mpfhtbmu 
gen 311 betrauten. 2ßer fid) mit bein ©efebebenen im Allgemeinen $ufrieben 
erflärt, tbut eS nicht ohne .inneres Sffiiberftrcben, unb mer über Alles fein Ber« 
bammungSurtheii fällt, muß gemaltiam einen Broteft jurüdbrängen, melcber 
in ihm auifteigt. Borbbeutfchlanb ift fo ziemlich eine tompafte Blaffe gemor« 
ben, aber 2)eutf<hlanb ift babei in brei Steile jerriffen. gurften futb betrieben 




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Worten, aber baS monarchifcbe ©rincip batbaburch leinen unmittelbaren Eintrag 
erlitten, unb ob bie greiheit etwas babei gewonnen, ift fraglich. #absburg ift 
gebemütbigt unb gefchwäcbt, aber ber ibm abbanben gelommene ©lanj auf 
4>obenjollern übergegangen. ES wirb |temlid? allgemein als ein ©lud an« 
erlannt, bab aus bem groben 3ufammenftob Oefterreicb niebt als Sieger her* 
borgegangen; aber barin macht fi<b eben nur baS ©ewubtfein geltenb, bab 
ber Sriumpb ©reubenS unter jwet Uebeln, bie notbmenbiger ©eife eintreten 
mubten, baS geringere war. Sic Einigung beruht ba, wo fte ju Stanbe ge« 
tommen, auf 3»ang; bie bereinigten fmb Unterjochte, ©eleibigte, Erbitterte, 
unb eine Einigung auf folcber ©ajis trägt nicht bie Elemente beS §etl^ in 
fi<h. Selbft bie Sieger tonnen ihres Siegel nicht froh werben, weil fie ftdh 
ber Smmoralität ihres ©orgebenS febr wohl bewubt fmb unb ben glud? ber 
bofen Ibat fürchten, unb in bie Sebnfucht nach ber ©iebervereinigung beS 
©anjen tritt ber ftörenbe ©ebanle, bab fic augenblidlich nur auf eine ©eife, 
nur auf bem ©ege einer neuen Stärtung, eines neuen Triumphes Seret 
möglich ift, bie ftch fo fchmachvoll an ber Nation vergangen. 2US troftlofed 
EbaoS erfcheint uns bie beutfebe ©olitif, unb beS ©efüblS tiefer Scham tann 
ftch ber Patriot nicht erwehren. SaS ©lut beS ©olteS ift in Strömen geflof« 
fen; aber bennoch liegt nichts vor, worauf baS ©olt ftolj fein tönnte. Einem 
gewaltigen Eonflitt pflegt fonft wenigftenS baS ©ewubtjein ju folgen, bab, 
nachbem baS, waS unvermeiblicb war, gefchehen, jefct wenigftenS für bie näcbfte 
3cit eine ©ürgfehaft beS griebenS gewonnen ift. Slber felbft biefe ©efriebi« 
gung fehlt im vorliegenben gall. Ser griebe wirb nur im Sicht eines ©affen« 
ftidftanbeS betrachtet, unb jwar mit ©echt. 3a baS ©efübi ber Entiebrigung 
ift bei vielen ber ©efiegtcn fo vorherrfchenb, bab fte fub nach einer Erneuerung 
beS HampfeS febnen, welche ihr Elenb nur vergröbern tönnte. ES ift baS 
traurige Schaufpiel politifcber Unreife in einer ©ation, welche fonft in g e i« 
fti ger ©eife unb fittlichem ©ertb über allen anbern fteht. Sie einzige golge 
beS beutfehen ©ürgertriegeS, auf bie wir mit ungetrübter greube bliden lönnen, 
ift ber ©ortbeil, welchen gtalien burch bie ©efreiung ©enetienS Daraus gezogen. 
Sraurig genug, bab beutfebe ©affen immer nur g rem ben bie greiheit 
bringen. 

©ölter müffen wie gnbivibuen nach i^rcr eigenen ga^oit felig werben. 
ES labt ftch barüber nicht ftreiten, unb Samentationen wären volIenbS tböridjt. 
©or achtzehn Sahnen batte eS bie beutfebe ©ation in ber £anb, ftch ihrer gür« 
ften ju entlebigen; fte bat eS vorgejogen, bieielben §u behalten, unb mub jefct 
bie golgen ihrer Shorbeit tragen. Sic wollte bamalS nicht burch baS hohe 
3hor ber greiheit jur Einheit geben; iejjt bleibt nichts ©nbereS übrig, als burch 
baS nichtige ©ortal ber Einheit mit getrümmtem ©aden, auf langen Umwegen, 
§ur greiheit ju gelangen. SamalS war ber ©eg gerabe, ber Schritt leicht 
unb elaftifch; jefct mub auf gewunbenen ©faben eine fchwere Saft gcfchleppt 
werben, unb ber fchlüpfrtge ©oben ift blutgetränlt. Ser ßrieg führte jnr 
Serretpung beS ©aterlanbeS; wir fönnen allenfalls einen Sroft barin fiuben, 


hIh 


72 


baß ba« jerriffene ©anb nur ein febr lodere« war. <53 febeint aber unmöglich, 
ba& bie Einigung fiep anbei*« al3 burch einen neuen ßrieg oollenben lafien 
wirb, uno bie 3‘if un ft be« beutfehen ©aterlanbe« jeigt fiich un3 baber in cU 
nem gar trüben Siebte. 

Unmöglich ift e«, ben Schleier ber 3 ufitnft 5« beben, oermeffen, ben Sauf 
ber Greigniffe oorber berechnen 3U wollen, galt uutrilglicb ift aber ber bimtle 
gnftinft eine« ©olfe«, bie Slbiiung, welche burch bie ©taffen gebt, unb in bie* 
fern fyaü mochte noch etwa« mehr al« eine Slbnung oorliegcn, beim leicht ift c«, 
bie llnbaltbarfeit be« ©efebaffenen 31t berechnen. Da« an ber Spipc ftehenbe 
monarchiicbe Glement ift im oerfloffcneu gabre in benfelben gebier verfallen, 
beffen fub ba 3 ©olf im gahre 1848 fcbitlbig machte* <53 blieb auf halbem 
SBege flehen unb fegte fuh baburch ber ©cfabr au«, ba« ©ewonnene rnieber 3U 
Verlieren. 511 « ©i«mard febon faft fein 3^1 erreicht batte, entfanf ihm ber 
©tutb. gm Anfang fegte er Sille« baran, um Sille« 311 gewinnen; febon war 
er bem 3 iel nahe, unb auf einmal würbe er ein anberer ©tenfeb. Sin feinem 
ffiiüen, ba« .£mu« Oefterreich für immer unfchäblich 311 madjen, fann füglich 
fein 3^eife( obwalten; blieb er vor ®ien fteben, fo muü mau ben ©runb ba* 
für in feiner gurebt vor bem ©erluft einer 3 d)lacbt fudjen, mtb boch war biefe 
©efabr nicht« im ©ergleicb 31t ben febon überftanbenen. Gbenfo wenig fann e« 
einem 3 ^eifel unterliegen, baf> er qan$ Dcutfchlanb unter preuinfeher Ober* 
herrlichfeit m bereinigen wünfehte. ©aebbem bie ©löglicbfeit einer Uutcrftügung 
burch Oefterreich ahgefebnitten unb bie Schlacht bei Schaffen bürg gewonnen 
War, beburfte e« faum noch eine« groben Treffen«, um bie ©ta.bt ber ©unbe«* 
regierungen vollenb« 3U brechen; ein burch et Ljt Scbarmügcl unterbrochener mi* 
litairifcher Spa3iergang wäre genügenb gewefen. Da« muhte 93 i«marcf flar fein, 
unb e« fonnte ihm beehalb nur bie gurebt oor bem S(u«lanbe §alt gebieten — eine 
gurebt, welche ihm bi« bahin oöflig fremb gewefen unb bie im legten Slugenblid 
burchau« unhegrünbet war. Gr fanf im entfebeioenben ©toment 311m Siiueau 
eine« gewöhnlichen europäifchen 8taat«mannc« herab. G« ift ber grobe gehler 
ber monarchischen Diplomatie, baß fie nie etwa« coufequent 3i.n1 Gnbc führt 
unb nie ein Slrrangement trifft, welche« nicht ben ßeim fünftiger, noch gröberer 
©erroideluugen in {ich birgt £ätte ©i«mard ben grieben in SBicn unb ©cün* 
eben biftirt, hätte er ben öftcrreichifdjen ßaifer 31W Abtretung ber beutfdjcn 
Dbeile feine« Dteidie« unb bie fübbeutfehen Regierungen 311 bemfclben Slrran* 
gement ge3Witngen, welche« er mit ben norbbeutfdjcn getroffen hat, fo fönute 
man ihm menigften« bie Slnerfenmmg ber Gonfequcns unb ba« Sob, bie G i * 
n i g u n g be« ©aterlanbe« herbeigefübrt 3U haben, nicht ftreitig machen, unb 
ba« Slu«lanb hätte ruhig 3ufehen muffen, gegt ift ba«, wa« er gefebaffen, nur 
ein gan3 gewöhnliche« Stüdwert, unb ba e« unmöglich ift, fuh mit bem 
©ewonnenen ju begnügen, ober e« auch nur 3U behaupten wenn nicht weiter 
gegangen wirb, fo muf$ ba«, wa« fegt fdpon hätte erreicht fein tonnen, auf oiel 
gefahrvollerem ffiege angeftrebt werben. 

©anj Guropa ift mit Lüftungen befchäftigt; bie etn$ige ©cwähr be« 


S 




78 


grieben* für bie nädßfte 3 ufanft liegt in ber$ßatfad)e, ba& tlUe noeß nießt $um 
großen GntfcßeibungStarapfe fertig fmb, unb in bem (glauben, baß b er ÜNann, 
welcher nur bureß bie Scßutb Vi*mard* mieber ju Riacßt unb (Einfluß gelangt 
ift, ba* von ißm in feiner ^auptftabt arrangirte Unternehmen ber 3Beltau*itel« 
lung nießt ftoren laffen will. SUle* ift in ber Schwebe, weit nießt bie Hölter, 
fonbern bie gürften bie Stimme ber Gutfcßeibung baßen, weil nießt bie Sitt* 
ließfeit, fonbern bie Rohheit mangebenb iß. 

3n Rusficbt fteßt in erfter fiinie ber Sfanbal eine* norbbcutf(ßcn 
^Parlament*, wobureß bie gehobene Stimmung 3)erer, welche bureß bie preußU 
feßen Siege ben ^nfammentritt eine* b c u t f cß e n Parlament* gefiebert wäßn* 
ten, einigermaßen beeinträchtigt werben möchte. 3 n 8 lu*fußt fteßt ferner ein 
allgemeiner ftrieg, bureß ben ber „3lu£ftetler* an ber Seine naeß beenbigtem 
©efebäft fein arg beeinträchtigte* Slnfeben ju reftauriren ßofft, unb bei bem 
aller vernünftigen Vereeßnung uacb Seutfcblanb ben Üampfplaß abgeben wirb. 
3u bc-ffen bleibt babei nur, baß bie gemeinfame Gefahr einer fremben Grobe« 
rung ober Vergewaltigung einem neuen beutfeben Vruberfriege Vorbeugen unb 
ba* jtßige Dilemma bureß eine nationale (Einigung auf volfstbümlicßer, bau« 
eruDer ibafi* 511 m Gnbe bringen möge. 3u ficßcrer 2lu*]icbt fteßt eublicß 
eine Revolution in Spanien, unb ßinter bem Sillen lauert bie crientalifeße 
grage, bei bereu bloßer (Erwähnung feßon jeben europäifeßen dürften unb 
Staatsmann ein 3ittern überfäüt. Slinerifa ßat feinen Grutib, Guropa ob 
feiner glänjcitben RuSficßten ju beneiben. VergleicßSwei|e glfmlicß erießeint 
nur 3 ta(ien, welche* bie leßte Spur ber grembßerrfcßaft auf feinem Voben 
vertilgt fießt unb fuß ber ßegrünbeten Hoffnung ßingeben barf, ba* 2 Berf ber 
Giitigung bemnäcßft bureß bie (Entfaltung ber Iricolore über bem Vatican 
vervollftänbigt ju feßen. G* ift bie* ein gortjeßritt unb ein Gewinn, ber nießt 
gering augeießlagen werben barf, unb tßöricßt wäre e*, $u behaupten, baß 
Italien bie* Glüd oßne fein Verbienft $u £ßeil geworben; namentlich un* 
2 )eutfcßen würbe biefe Veßauptung übel anfteßen. 2 )en Stalienem feßlen un« 
enoliß viele Vor$üge, welche uu* eigen unb auf bie wir mit Recht ftol$ fmb; 
aber baueben haben fie $ugenben, welche ben Seutfeßen abgeßen. Ruch fie 
hatten in ißrer üHajfe an ber Rtonarcßie feft; aber fie haben fieß feinen Rügen* 
blid befonnen, Xßrone über ben Raufen ju werfen, bie ißnen im SBege [tauben, 
leine Rieberlage feßredte fie jemal* von ber Grneucrung be* Äampfe* für bie 
Ginßeit unb greißeit be* Vaterlanbe* ^urüd, unb nie roauften fie im Glauben 
an ihren nationalen Veruf. 3)ie Schlacht bei Guftojia ging verloren, unb 
Vcnetien würbe befreit auf bem gelbe von Sabowa; aber wie ftdnbe es jeßt 
mit wenn nießt Garibalbi’* Obpffee vorausgegangen unb Guropa fuß 

nicht längft barüber flar gemefen wäre, baß ba* Volf ber $albinfel nießt mit 
fuß feßerjen laffe ? Rucß Seutfcßlanb wirb auf feine SBeife fein 3iel errei* 
eben; aber jugeftanben muß werben, baß ber bureß 3 tolien crwäßlte 2 Bcg ber 
lürgere ift. 

$er pofittoe Gewinn be* lebten 3^ßre* läßt fieß, fo weit SJeutfcßlaiib in 


M® 



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74 


^Betracht fommt, in wenigen Sorten zufantmenfaffen. Sie Stagnation hat 
einer Sewegung $lafc gemalt. Sie Drganifation, welche nur auf bie geffe* 
lung be« Solle« berechnet mar, ift gefprengt unb etwa« an ihre Stelle getreten, 
wa« nicht bie Elemente einer fünfzigjährigen Sauer in fich trägt, fonbern fchon 
binnen lurjer 3 e ^ einem Seffern weichen mufi. Ser Sunb machte Seutfcblanb 
bem Au«lanbe gegenüber ohnmächtig; jefct war fchon ba« Iräftige Auftreten 
eine« Srucbtbeil« ooni ©anjen genügenb, um ben grembling im Sfiefpeft ju 
halten. Sie Seit hat gefehen, wa« beutfdye Shatlraft felbft ba vermag, wo 
fie nicht oom ©eifte be« Solle« getragen wirb, unb bie Sichtung paart fich mit 
einer heilfamen gurdjt. ©rbebt fich ba« bcutfche Sol! in feiner Sacht jut 
felbftftänbigen Orbnung feiner innem Angelegenheiten, fo wirb rieb’« Aiemanb 
herau«nehmen, ihm barin binberlid) fein zu wollen. Seutjche unb Italiener 
haben aufgehort, natürliche geinbe ju fein, unb gegenfeitige Achtung wirb fie 
ju Sunbe«genoffen machen — ein Umfchwung, bejfen Tragweite nicht über« 
fcbäfct werben lann. ©ine beutfehe Shat hat bie Seit mit Staunen erfüllt, 
obgleich e« nur bie Sbat eine« wa ber Station oerachteten unb gehabten SU 
nifter« war. Am beutfehen Sol! liegt e§ jejjt, über feine gürften unb Siniftet 
hinweg zu einer Shat z u M^eiteii, welche c« über alle Söller ©uropa« [teilen 
wirb. 

Auf ba«, wa« unfer neue« Saterlanb im oerfloffenen gahre gelciftet, 
lönnen wir mit faft ungetrübter Sefriebigung zurüdbliden. Sie hi« mafjgebenbe 
ffiolitil oe« S o 11 e« hat fich ber fürftlicpen unenblich überlegen gezeigt. Siegte 
brühen ba« fiafier, fo triumpbirte hier bie Sittlidjfeit. konnte brühen ba« eble 
Sewufjtfcin be« Solle« nicht zur ©eltung lommen, fo ift e« hier mafjgebenb 
gewefen. Surbe brühen ein fauler griebe gefcbloffen, fo hat man fich hier 
Oor einem folcben gehütet. Slieb man brühen auf halbem Sege fteben, fo 
fchreitet man hier rüftig oorwärt« unb will fich nur mit bem ©anzen begnügen. 
Seugte man fich brühen ber ©emalttbat eine« ©inzelnen, fo genügte hier febon 
bie Anbrohung oon Uebergriffen, fchon ba« erfte Spmptom aufteimeuber $err* 
fehergelüfte, um ba« Soll auf bie ^ochwacht ber gretheit zu rufen. Surbe 
brühen Slut im Sürgerlriege oergoffen ohne bafe bie greibeit einen ©ewinn 
barau« zog, fo ift man fich hier Har barüber, bafi e« nur für bie Ooüe, ganje f 
ungefcbtnälerte greiheit geflofien fein barf. 2ie& man fich brühen bureb ba« 
Au«lanb einfchüchtern, fo hat man fich hier jeben fremben ©influfi energijeh 
Oom Seihe gehalten. Segte man brüben bie Saffen nur nieber mit ber fiebern 
Au«ficbt, fie halb auf« Steue ergreifen zu müffen, unb fchlofj man bort einen 
grieben, welcher bie Sürgfchaft neuer Kriege in fich trägt, fo zieht man e« 
hier oor, noch auf unbeftimmte Seit bie Segnungen ber innem Harmonie zu 
entbehren, um ber Söglicbleit einer Sieberholung be« bewaffneten Sufammen- 
ftofie« oorzubeugen. 

©« gilt in ©uropa al« Segel, bafi ein Sol! im grieben ba« wicber oer* 
fd?erzt, wa« e« im Kriege gewonnen; hier wirb bagegen ba« ©ewonnene mit 
eiferner ©onfequeuz feftgehaiten unb auf ber errungenen Safi« weiter gebaut. 


»lg 


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dl ift eine nur gu häufige drfcheinung, bab ein bolf, melchel im flampfe bie 
SBelt mit bemunberung erfüllt, nach bemfelben ben 3orn unb SBibcrroillen bei 
SJtenfcbenfembel erregte; bal amerifanifebe bolf bagegen ift fo grob im grie* 
ben mie im Kriege, unb hätte ein filopftodt ihm feine Oben gejungen, er 
brauchte fein ©ort baoon gu miberrufen. 

Tie politifebe Steife biefe! bolfel marb auf eine fernere Probe gefteflt. 
2Jtan appetlirte an feine alten Schwächen; aber ba fanb man, baft el nicht 
bie Feuerprobe eine! oierjährigen bürgerfriegel überftanben ohne geläu* 
tert barau! heroorjugehen. Tie amerifanifche drbfünbe ift bie Gompromijj* 
fitcht, bie Steigung, bem lieben grieben ein Ptmgipienopfer gu bringen; aber 
bielmal mürbe jebe berartige 3umutbung mit dutrüftung gurüefgemiefen. dl 
ift bem Slmerifaner eine oft bil gum dytrern getriebene ©robmuth, ein faft un** 
begroinglicber SBibermiüe gegen jegliche Slrt brüefenber ©emalthcrrfchaft eigen. 
Slucb hierauf mürbe oom berfueber gebaut; aber halb geigte el ftch, bab 
biefe löblichen digenfehaften ftch mit ber nötigen SBorflcbt paaren unb nur fo 
meit bie dntfeheibung geben, mie bie Klugheit unb Stüdficbten auf bal öffentliche 
2ßobl el gHlaffen. Ter Slmerifaner biug mit abergläubischer Verehrung 
am buebftaben ber donftitution, unb auch bamit fuchte man ihn gu ftrren; 
aber er ift mittlerrneile tief in ben ©eift biefel fo oft mi&banbclten gnftru* 
ment! gebrungen. dl mirb bem amerifanifeben bolfe ein befonberl ftarf aitl* 
geprägter materieller Sinn gugefchrieben; aber Tie, melche hierauf bauten, 
hatten ihre Rechnung ohne benSBirth gemacht; bal Steif mollte feine materielle 
Stertbeile burch ein Pringipienopfer erlaufen, unb jebe berartige 3umutbung 
bermehrte bie Ptajorität auf ber rechten Seite. Ter Slmerifaner hat eine grobe 
Pietät für Ten, melier all Slepräfentant ber gangen Station bafteht, unb mit 
ber SJtacht ift |tet! ein gemiffer Stimbu! oerbunben, melcher obenbrein ber mit 
ber ©emalt ber Slemteroerleihung oerbunbene dinflub gur Seite ftebt; aber el 
hat fuh jefct gegeigt, bab bie Pietät nicht meiter geht als bie Sichtung, unb bab 
ba, mo biefe fehlt, nicht nur ber Stimbu! feinen Slugenblicf mehr anhält, fon« 
bern auch bie Slemter nicht im Stanbe finb, bal unmürbige §aupt ber Station 
oor bem politifchen Tobe gu retten. 

Tie grobe Stepublif ift ficb felbft treu geblieben, unb baburch, bab ihr ge** 
maltiger Slrnt feinen Schatten über SJteyifo marf, ift bort bie monarchifche Ufur- 
pation gu Schanben gemorben. ©enug bei Stubme! unb ber 93efriebigung, 
genug oe! ©eminn! für bie gefammte SJtenfchheit in ber furjen Tauer eine! 
3ahrel, unb guoerfichtlich bürfen mir auf meitem Fortschritt rechnen, gühlt 
bal brittiiehe Proletariat fich burch bal Peijpiel ber bereinigten Staaten gur 
beanfpruchung feiner Stcchte angefeuert, fo bürfen mir uni ber freubigen 
#ofjnung hieben, bab bie! beifpiel auch auf b a I 2anb feinen beftim* 
menben dinflub nicht oerfehlen mirb, melche! oor. ber Statur beftiinmt ju fein 
fcheint, in einer ber amerifaniieben ähnlichen berfajfung fein ©lücf gu fiuben. 
Sinb mir gu fanguiniieb, menn mir in nicht gar gu meiter gerne bal bannet 
ber bereinigten Staaten Teutfchlaub! gu erblicfen glauben? 


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$tu|ikölifd)e Kamt 

Von $f>. 

Vor einiger 3 ^t lad mau in curcpaifchen Vlättern, Slidmrb SBagner habe 
eine fomifdie Oper cempouirt. Tie Nachricht erregte mit Jiecbt bie Slufmeut* 
famfeit Per mufifaüfcben ©clt. 9 )tan mar begierig 511 erfahren, mie ein lüiann 
oon fo grübelnbent, ernftem, unb trojj aller feiner Dleuerung^erfitcbe bennod) 
beetvinärem STefcu eine Aufgabe löfcn merbe, bie ganj anocre ©emütbdftim* 
nr.tngen ooraudfept, al» bureb Gr$ichung uitb VerbäUniffc einem IHiaini wie 
2 £agncr oerlieben mürben. 9 tun, bie Oper felbft baben mir foroobl, ald auch 
unfere flunftgenojfen in Europa nicht gehört; aber bad Vorfpiel baju tft und 
ju hören Pergönnt morben, unb ba bad Vorfpiel bem 2 ßagner ? fcben principe 
nad) ben ©eift unb (Sbarafter bed ganjen SBcrted reflettircn foll, fo haben mir 
auch roobl in gemiffent Sinne einen Üfiaiiftab bei* Veurtheilung für bie Oper 
felbft. Tiefem Vorfpicle nach 3U fcblie&en, map allcrbing» bie» Oper einen 
böcbft tomifeben ©i ;brucf Machen, meint and) nicht einen folchen, mie er oen 
Skgncr intenbirt mürbe. JGeun bad ganje 'liiert in bem fugicten, breiten unb 
träftigen Stple bed Vorfpield gebalten ift, bann bürfte bied in eine Breite aud* 
arten, bie ald unerhört auf bem (Gebiete ber fomi eben Oper bejeiebuet merben 
mujj. ÜUau ficht eben bicraud, mie jelbft em geiftreicber Dtenjcb ficb §u s 2lbfur- 
bitäten oerleiten (affen Eanit. Sßagiter mollte augeufcbcinlidj mit feiner SMufit 
ben (Seift unb bie mufiLlifcbcn ©rruugenfchaften ber Seit micbergeben, in melcber 
bie SHcifterfäuger oon Nürnberg ihr 2£cjeu trieben. 2lld menn eine moberne 
Vehanblung bed Stoff» nicht ebenfalls biefen (Seift ebaratterijiren tonnte! 

(fd mar in ber erften Spmpbouicfoiree bed £crrn Theobor Thoniad in 
3roiug ^all, in melcher und biefe neue Arbeit bed ©omponi.'ien geboten mürbe. 
3 unt ©lud tonnten mir und gleich barauf ben Tönen eined Veetbooen über* 
(affen. £err 2 Bili.am SDlafon fpielte itäiulicb bad ©entert in G dur, eined ber 
febönften unb jarteften fiicbcdgcbichte, meldje je in ber mufitaliichen Sprache 
oerfafct mürben. SDenn irgciDmo, fo tritt und hier bie SDfonnigfaltigfeit bed 
©eitied bed gro&en ÜReifterd entgegen. cht blöd bad ©emaltige mar ihm 
gegeben, foitbern auch bad poctifch 'JDiilbe unb Diührenbe. Tie jarteften 9 te* 
gungcit bed .§cr$end finb hier in einer aauberifeben 'JSeife angebeutet; gleich bem 
©emurmcl eine» ricfe(nben Vacbed flüftern bie Tene ©ntpfinbungen, bie und 
einen ©lief in bad tief innige Seelenleben bed ÜRcifterd tbun (affen, ^err 2 )tafon 
fpielte bad fchöue 2Bert mit jenem jauberifih melobifchen Slnfcblagc, ber ihm 
cigenthümlich ift, menn auch nicht mit jener Tiefe ber ©mpfinbuug, melche eine 
oollfommen genügeube Söfung ber Aufgabe bebingt. 

Tad ©ankert murbe bureb bie Vorführung ber C dur-Spmpbonie S<bu* 
bcrt’d bcfdjloffen. Schubert hat betanntlicb mehrere Spnipbonieen gefchrieben, 
bie mit anbern feiner SEßerte jahrelang oöllig beftaubt unb unbeachtet in ber 
flammet feined ©ruberd aufgefpeicbert lagen. ©nblid? tarn bie (iebenbe unb 
prüfenbe £anb Schumannd dtoifeben biefe Schäle, nnb ber SBelt murbe oon 




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allen feinen Spmphonieen minbefienS biefe eine C dar erhalten. freilich, bie 
anbern waren auch nicht ber 3lrt, bafe ein ÜJtarni wie Schumann fie für roürbig 
galten tonnte, ans SageSlfat gezogen $u werben. Sic entgelten Sängen, aber 
fehr wenige „göttliche", wie Schumann $u fagen pflegte, wenn er biefeS ßar* 
binalfehlerS Schuberts gebaute. 2Iuch biefe Spmphonie in C dur entbehrt 
ihrer nicht; bie 3ortn ift in allen gröberen SEerten biefeS 2Jteifter$ nicht fnapp 
genug, bie Gebauten fftönten fo gewaltig unb fd^netf, bafe ber arme Gomponift 
taum weife, wie er fie alle unterbringen foU. Unb hoch tann er fich nicht ent* 
fchliefeen, auch nur einen wegjulaffen, unb eben bteS perurfacht bann jenes 
übermäfeige 3IuSfpinnen ber Säfte, baS troft allen SDtelobieens unb namentlich 
SJtobulationSrefathumS buch am Gnbe ermübet. ES ift biefer Mangel an 
Selbfttritif, welcher Schubert perhinbert, fobalb Pon feinen gröfeeren SBerten 
bie Dftebe ift, als einer ber grofeen ÜJteifter unferer Xonfunft genannt ju werben. 

SDlit biefer Soiree würbe bie Gonzertfaifon in Qroing $aU gefchlojfen; 
aber halb barauf öffneten ftcb bie $h&ren ber grofeen Stetnroap'faen £atle. $ie 
lefttere ift fehr geräumig, bietet Sifte für 2500 $erfonen unb hot 9taum genug 
für mehr als 3000 3»hörer, wie eS fich in einer ber SonntagSconjerte ber 
öateman’faen Gruppe herauSftellte. Sluch bie Slfufti! mufe als genügenb 
bezeichnet werben. 2)er Saal macht in feinet Gröfee unb Einfachheit einen 
impofanten Einbrud, unb ber Erfolg beS Unternehmens tann wohl als gefiebert 
bezeichnet werben. ES war bie Söateman’fcbe Eonjerttruppe, welche ben Saal 
ein weihte. 2)ie Gruppe befiehl aufecr ber Sängerin Sßarepa unb bem Söioliniften 
Earl SRofa aus neun 9)titgliebern, nämlich auS bem ^ianiften S. $3. 3JtUl^ 
ben Sängern Srtgnoli, gerranti uub gortuna unb bem Slccompagniften 3. 2. 
Ration. Ueber Üftab. ffiarepa ift fchon fo oiel gefchriebeu worben, bafe wir 
mit unferm Urtheile wohl post festum tommen. Sie ift auf jeben Satt eine 
heroortagenbe Sängerin. 33egabt mit einer fchönen, triftigen Sopranftimme 
pon grofeem Umfange, in einer tüchtigen Schule gebtlbet unb babei burch unb 
burch mufitalifa, mufe eS ihr am Gnbe leicht werben, in ben mannigfachften 
Gebieten beS GefangeS fich auSzuzeichnen unb einen hoch ft güitftigen Einbrud 
§u machen. Sie ift tüchtig in ber 33raoourarie wie in ber einfachen SÖallabe, 
waS Tie unternimmt führt fie mit einer Sicherheit auS, bie nur baS ÜJlefultat beS 
SBemufetfeuiS eigener $raft fei.i tann. Sabei bat fie eine pollftäwbige fienntnife 
beS 9)tafeeS ihrer tfraft, Tie unternimmt feine Schwierigteit, bie fie niebt Polt* 
ftänbig bemeiftern tann. Slber troft alkr biefer SSorjuge läfet uuS ihr Vortrag 
fall. ES fehlt ihr jenes tiefe, poetifche Empfinben, baS nur einem reichen 
Seelenleben entfpringen tann. 3hre $unft ift beShalb auch nur bie beS 2lu* 
genbftdS, fie läfet nichts in bem 3ubörer jurud, an bem er fich noch ftunbenlang 
nachher erwärmen unb erheben tann. 3hre Sluffaffung ift eine burchauS prat* 
tifche, bem äufeerlichen Effeft hutbigenbc, mit einem SSort, fie ift eine fehr cor* 
reite, tüchtig gefaulte, aber etwas nüchterne Gonjertfängerta. 

S)ie übrigen 2Ritglieber finb ebenfalls tüchtige SRepräientanten ihrer Per* 
faiebenen gädjer. Obenan fleht ber $iani|i 6. S. lötillS, ber, »aS folibe, 


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nach aßen Seiten hin auSgebitbete £e<hni! anbetrifft, wenige SRibalen webet 
hier, noch in (Europa haben bürfte. Cr fpielt alle Strten iütufit gleich gut, mit 
SluSnahme ber [ogenannten Salonmufil, bie unter feinen gingern womöglich 
noch leberner Hingt, als fie ohnehin fdjon ift* 3)en heften Cinbrud macht er mit 
bem SBortrage ber Con$erte bon Chopin, Schumann, SBeethoben, ÜDtenbelSfohn; 
alle in biefeS ©ebiet einfchlagenben SBerle fmb ihm geläufig unb werben 
Den ihm tecfcnifcp boßenbet borgetragen. 2lucb Iaht {ich feiner Sluffaffung eine 
geroiffe SBerftänbigleit nicht ableugnen. Cs ifi 2tüeS barin recht hübfeh georbnet 
unb berechnet; eS fehlt aber fiberaß jene Sebenbigleit beS ©eifteS, jener Übel 
ber Cmpfinbung, jenes Seelifche unb ^oetifche, jener Schwung, ber ben 3«^# 
rer mit fuh fortreihen unb in eine gehobene Stimmung berfepen tann. 

$err Carl JRofa ift ein noch fehr junger SBiolinfpieler, Don pöchft berfpre* 
chenbem Talente. Cr hat ein ernfteS Streben unb bereits einen h$<hft erfreu« 
liehen ©rab ber SluSbilbung erreicht. Natürlich fteht er noch lange nicht auf 
ber £5he feiner J?unft, aber mir glauben eS auSfprechen ju bürfen, baß ber 
junge ßttann felbft babon burchbrungen ift. SWinbeftenS hoffen mir eS. 

3n betreff ber italienifchen Sdnger lagt ft<h wenig fagen. ©rignoli ift 
noch immer ber Ulte; er hat nichts gelernt unb nichts bergeffen. — 3a hoch/ 
er bat ein englifcheS Sieb gelernt, baS mir aber lieber bergeffen möchten. 

#err Sorrenti ift ein 33aßbuffo, ber bie Sßubienj burch feine Späße amü* 
firen muß. Cr ift ber Clown ber ©ejeflfehaft, unb würbe wahrfcheinlich auf 
ber 93übne in ber Oper ganj am $lape fein; aber in Conjerten machen berar« 
tige Imrlequinaben boch einen traurigen Cinbrud. 

$err gortuna ift einer bon ben $upenb*SBaritonS mit wenig Stimme, unb 
£ert galten ein befannter englifcher Jöaßabencomponift, ber ausgezeichnet ju 
begleiten berfteht. 

2)lit biefen flräften gießt §err Sateman, unterftüpt bon bem Orchefter beS 
£errn Xheobor $bomaS, feine Con^erte, bie uns aber bieSmal nicht fo befucht 
$u fein fcheinen, wie in ber hörigen Saifon. Unferer Slnßcht nach lönnte ein 
erhöhtes Qntereffe in bie Conjerte gebracht werben, wenn bem Orchefter mehr 
$ii tbun gegeben würbe. $iefe ewige Sotofingerei unb Solofpielerei wirb am 
Cube boch langweilig. 

5)ie ^hilharnionifche ©efeßfehaft gab ihr erfteS bieSjährigeS Conjert mit 


bem folgenben Programme: 

Spmphonie C-dar. Schumann. 

Scene unb Etrie für Sopran ^3nfelice".ßJtenbelSfohn. 

gräulein Natalie Stetig. 

Es-dur Conjert. Scethoben. 

$err Carl SBolffohn. 

SfiäcbtUcbcr 3ug, Cpifobe auS Scnau’S „gauft*.SiSjt. 

Slrie auS „SituS*.ßJtojart. 

Obligate Clarinettbegleitung bon $erm C. Soehm. 
gräulein SRatalie Seelig. 

Oubcttiire „ColumbuS".®. g. ®rifton. 



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Sttit Sudnahme bet S<bumann ? f<hen Sbrophonie unb bed Seethoven’fchen 
Älavierroerfed, bot biefed ßongert nidfctd Scffelnbed. Die Spmphonie unter 
Sergmann’d fieberet Seitungmtacbte wieber einen tiefen (Sinbrud. Sie ift un* 
bebingt bad Äräftigfte, Wad Schumann geschrieben bat, grobartig in bet An¬ 
lage unb genial in ber Durchführung. 

£err Solffohn fpielte bad Seethoven’fcbe Es-dur (Songert, im ©haralter 
febr Verfcbieben von bem aud G-dur, unb bewährte fib wiebet ald ber gebilbete 
flünfiler, ald welchen wir ibn fdjon feit längerer 3«it fennen. 

gräulein Seefig fang ihre Srien mit jener Routine, ber mir bei heutigen 
Sängerinnen, namentlich bei foldjen, melcbe ficb lange auf ber Sühne bewegt 
haben, oft begegnen. Sber fte tonnte webet in ber Donbilbung genügen, noch 
tonnte fte und auch nur einen Slugenblid oergejfen taffen, bab ed ihr an einer 
eigentlichen tünftlerifcben ©efangdmetbobe fehlt. Sir bähen hi« minbeftend 
ein Dufcenb Sängerinnen, von benen fte in ber Dedjnif bed Singend noch 
lernen fann. 

Die ©ompofition Sidjt’d hat, wie Süed, wad von biefem Serfaffer aud* 
geht, geniale 3üge; aber ed tommt barin nidjtd gum eigentlichen Durchbruche; 
ed ift ein ewiged fragen barin, aber wir warten vergebend auf bie Sntwort, 
bie und felbft am Schluffe nicht gegeben wirb. 2idgt hat in bcrfelben Spanier 
viel Seffered gefchrieben. 

3n Setreff ber Ouvertüre bed £errn Srifton, mit welcher bad ©ongert ge* 
fchloffen würbe, tönnen wir nur fagen, bab fte bad Ser! eined verftänbigen 
Sttanned ift, ber bad Orchefter recht gut gu behanbeln verficht, ber aber feine 
3been hat. Von SUIem, wad bem Programme gufolge in biefer Ouver* 
türe iüuftrirt werben foll, haben wir gar nidjtd bemerft; hätte ©olumbud fein 
anbered 3*ug gehabt, ald iit biefen Sönen liegt, bie ihn repräfentiren fotten, er 
hätte wahrlich nicht bie neue Seit entbedt. 

3u ben intereffanteften Greignijfen ber gegenwärtigen Saifon gehören 
tvohl bie Seetboven-SJtatineen, welche #err Garl Solfjobn in bem Heineren 
Steinwap'fchcn Saale giebt. Sefar.ntlid? hatte ber in ßnglanb lebenbe beutfche 
Sianift (Earl $aHe guerft bie 3bee, bie Seethoven’fcben ßlavierfonaftn in einem 
(Epclud von ßongerten bem Sublifuin vorgufübren. £err Solffohn hat mit 
lobendwerther Ambition biefetbe Qbee erfaßt,* unb bereite in brei ÜDtatineen 
neun biefer Sonaten gefpielt. Die Aufgabe, bie er ftdh geftellt hat, ift feine 
Heine. Sie fept grobe Seife bed ©enied, mufifaltfcbe Silbung unb Decbnit 
voraud, ©igenfchaften, bie nur bad ©igentbum »ehr weniger Siauiften ber Seit 
ftnb. Vielleicht giebt, ober vielmehr gab ed wohl nur einen JKavierfpieler, ber 
biefer Aufgabe voüfommen gewachfen war. Sir meinen natürlich feinen Sn* 
bem ald Sidjt, ber mit Secht ber ©ingige genannt werben fann. Seine ßraft 
ald $ianift ift natürlich jept gebrochen; aber noch heute würbe er burch bie 
Originalität feiner Suffaffung unb bad geuer feiner wahrhaft groben Äünftler* 
feele alle Diejenigen befchämen fönnen, bie bie Seit ald feine Sachfolgcc an* 
erfennt. Die Sonaten tecbnifcb gu überwinben, bagu lieben fich wohl noA 



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Einige finben— 33üloto, HrabeHa .©obbatb, SDlartier be gontatne; aucb il>rc 
geiftige 2ttacbt ju crfaffen, finb Mehrere im Stanbe, 33fiIoro »or SlQen; 
aber bal $oetiicbe, ©igantücbe, 33eetbooen 33erroanbte empfinben unb mie* 
bergeben, bal fonnte nur ©ner, unb biefer ©ne mar £iljt. gür 
mclcbe lefen föunen, giebt el (eine beffere £ebenlfchilberting 33 eetboben’l, all 
beffen Sonaten. S5ie jarteften mie bie mächtigften Erregungen feiner Seele, 
feine Scfcmerjen, feine greuben, feine Siebeäfeufjer, feine Slulbrücbe ber 33er* 
gmeiflung, ja üieüeicbt fogar feine Selbfhn orbgebanten — aüel ba! finben mir 
in biefen Sonaten. 2lber felbft vom rein !ünftlerif(ben Stanbpunfte au! be- 
trautet, tritt uni in ibnen verbältnifjmähig 33ebeutenberel entgegen, all in 
irgenb einem feiner anbern 2£erfe. 3n feinen Sonaten greift er feiner 3^it 
meit mehr boraul, all 3 . 33. in feinen Spmpbonieen. $ie erfte Sonate, bie 
er all 22 *jäbriger 3 ü.ngling ber Seit lieferte, bat weit mehr Setbftftänbigel, 
all j. feine erfte Spmpbonie. Seine Sonaten fteben beute no(b in SBetreff 
ber ©rofjartigleit ber Gonception unb bei 3nl;altl vereitelt im galten SBereicb 
ber fllavierliteratur ba. 2 Bir üttobernen haben aüerbingl bie gornt concentrirt, 
aber mit ibr auch ben 3 nbalt. 

SRacb biefem Sillen mirb el mobl laum befrentben, menn mir fagen, ba& 
$err Garl Sßolffobn feine Aufgabe bil jefct nur unboütommen löf’te. © bat 
manche gute Eigenfcbaften all Sßianift, ift febr ftrebfam, febr fleißig, unb jeigt 
auch in feinem Spiel bie unb ba ben benfenben Zünftler; aber, mie gefagt, bie 
Slufgabe ift vor ber £anb gu grob für ibn. 2 Bir moüen belbalb boeb fein 
Streben ehren; auf jeben gall ift cl anerfennunglmertb, bab ein junger Zünftler 
ftcb eine folcbe Aufgabe ftellt, mäbrenb er mit einer leichteren nicht blol ben 
2 >ant bei Sßublifuml, fonbern auch in vielen fällen ben ber Sßrejfe erringen 
I5unte. 

El liegt uni jefct ob, * einer ausgezeichneten Sluffübrung ber neunten 
Symphonie 33ectbovenl 31 t gebeuten, melcbe mir $eirn Sbcobor Sbomal, 
feinem Orchefter unb ber ÜJtenbellfobn Union 3 U verbanlcn haben. Siefelbe 
fanb in ber smciten Spmpbonie-Soitce bei £errn ^beobor $bomal ftatt 
unb mar mirflicb eine ber beften, bie mir noch gehört haben. 33e(anntlich 
bietet bal Sloerf grobe Scbmicrigfciteu in betreff ber Slulfübrung. Gl mar 
bie Icjjte jvmpboninbe Zhat bei groben Süteifterl, unb in 33etracht ber Gonccps 
tion mehl ba! Gkönte, mal er auf biefem ©ebiete gelciftet bat. Ob bie 33e- 
theiliguug bc! Gborl unb bei Soloquartetts im lebten Safte nicht noch 
grobem Gffctt hätte bervorrufen tonnen menn 33eetboven ein menig mehr bal 
ber menfchlicben Stimme Mögliche unb Slulfübrbare berüdfuhtigt hätte, ift eine 
anbere grage, bie fchon oft bilfutirt morben ift, unb beren Erörterung uni hier 
ju meit führen mürbe. $luf jeben gall ift bie SBolflmufif, bie er in biefem 
Safte intenbirt unb bie tbm auch vortrefflich in ber ^auptmelobie gelungen iff, 
mit bem nahe an bal Unausführbare ©re^enben einzelner 33otafßeOen unver¬ 
einbar. ffienn er bem Slulrufe: „Setb umfcblungen, Millionen; biefen Äujj 
ber ganzen SBclt!* mufttalifeben Slulbrud geben wollte, fo muhte er auch ba- 



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(ht tauften, ba| bie Seit ihm auf biefem Gebiete folgen tonnte. Stber abge* 
feben Don aller tecbniföen JBebanblung beg totalen in biefem Safce, ift ber 
Ginbrud beg Ganjen bocb ein fo gewaltiger, bafc er noch lange in ung fortlebt, 
nacbbem bie Söne bertlungen fmb. Unb fo mar e£ auch biegmal. Ser nach 
2 lnbörung tiefer „£pmne an bie greube" nicht mit erb&ften Gefühlen ber $rü« 
berlicfteit unb 2Renfchenliebe aug bem Gonjett fortgegangen ift, ben beneiben 
mir nicht um fein Safein; er ift ber Seit oerloreu. 

3um Schluffe muffen mir noch beg jweiten $bilharmonifdhen Gonjerteg 
ermähnen, bag oor einem nicht aUju jaftreichen $ublitum in Steinmap’g $aU 
ftattfanb. Unb bennoch hatte bag Stüd fiebenggefchicfte, meldjeg SBeetbooen in 
feiner oierten Spmpbonie nieoergelegt hat, mobljoerbient, non einem gröberen 
Slubitorium gehört ju werben. Seetbooen hat wenige Sette gefchrieben, in 
benen bie Ginbeit ber 3bee fo confequent feftgebalten ift. Unter Garl ®erg* 
mann’g tuchtiger Seitung Hang bag Ser! auggejeichnet unb machte wie immer 
einen guten Ginbrud. 

2JUIe. GamiHa Urfo fpielte bag aJlenbelgfobn’fcbe Siolinconjert, nament« 
lieh ben erften 6afc beffelben, fehr brau. Sie Huffaffung mar jebodh burch« 
gängig etwag ju tlein, auch beraubten mir Samte unb $oefte beg Slugbrudg. 

Sag Septere liebe ficb auch auf bag Spiel beg gräuleing Grofchel anmen« 
ben, welche ben erften 6a| beg D moll« Gonjerteg Don SJtojart oortrug. Sie 
junge Same, Softer eineg geachteten biefigen 2Jtufitlebrerg, hat einen fräftigen 
Slnfftag unb recht gute Sechnit; aber eg fehlt ihrem Vertrage oor ber £anb 
noch an inbioibuedem Seben unb an wirtlichem (Seifte. 

Sag Goncert mürbe mit ber Slugführung ber betannten Gpifobe Don 
SBerltoj “Le c&rnev&l Komain” gejftoffen. Sieg ift unbebingt eing ber 
heften Serie beg geiftreiftn granjofen. 


Uno-OotHcr Corrcfpan&tnj. 


9 t e w * 2) o r l, im Secember. Sie bie geier beg Seihnachtgfefteg nach 
beutfftr Slrt entftanben, ift betannt. 3eber meifj, baff, wie in fo manchen anbern 
Singen, fo auch hier ei« ftiftliftg ^fropfreig auf heibnifchen Stamm gepflanjt 
mürbe. Unfere Vorfahren feierten ihr 3uel (fo heift Seihnacht noch heute tn 
ben ftanbinaoifftn SDtunbarten) alg Grntefeft, unb ba man bo<h einmal jubelte, 
loftete eg leine grobe Ueberminbung, bie greube jugleid? auch für bie 
Geburt beg Grlöfetg gelten ju taffen. Sie alten Götter traten in ben hinter* 
grunb unb mürben nach unb nach ganj oergeffen, bie neue Gottheit befanb fi<h 
im unbeftrittenen 23cfifee beg batant geworbenen SRaumeg, unb fo mürbe beim 
bem Ghriftlinblein augfftieplich bie Ghre ju Sbeil, bie ihm big auf ben beuti* 
gen Sag geblieben ift. So mar ber Verlauf, über wer erfanb ben Seih* 
naftabaura ? Sarüber fchmeigt bie Gefftfte. Gine beutfebe Grfinbung ift’g 

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rajj 

jebenfalld, Darüber tarnt fein S^eifel obmalten. Sie Saune ift ein notbifched 
(Semäcbd, unb mad toir noch jept allein hegen unb pflegen, bad !ann und un* 
utöglicb oon Slnbern oerlieben fein» Staubigen mir und Darüber, baf* mir ben 
Grfinber nicht bei tarnen fennen. begnügen mir und mit ber moraltfcbcn 
®emifrbeit, ba| er ein Seutfcber oon achtem Schrot unb Horn mar. Sebbaft 
t&nnen mir ihn und oorftellen, mie er am falten Sintermorgen in ben beeif ten 
Salb ging, einen frdftigen Stbufc oon feiner fchneeigen Saft befreite, ihn ab« 
fcbnüt unb heimlich heimtrug. Ser Seutfcbe ift ja ein Sohn bed Salbed, unb 
nicht* lag näher ald ber (Gebaute, ein Stüdcben SBalb ind Bimmer gu oerfe^en. 
Seih unb Äinb foüte eine unermartete gteube bereitet merben. Sad Sannen* 
reid ftanb ba, frifch unb grün afd mär’d mitten im gfrübling. Biber Diel hüb* 
feber mufcte ed fich machen menn ed erleuchtet mar, uub Darum mürben tunft« 
ooll Sichtlein Daran befeftigt unb fonft noch Heine Sachen brogugefügt. Sad 
mar ein 3ubel! (Etmad Scb&nered tonnte ed ja gar nicht geben. Sie Nachbarn 
mürben herbeigerufen um Die ßerrlicbfeit gu flauen, fie machten ed na$, ed 
Oerbreitete fuh meiter unb meiter, unb fo ift Die lieblichfte aller Sitten, bie 
berginnigfte Offenbarung beutfehen ©emütbdlebend, bid auf unfere Sage ge* 
fommen. Sohin ber Seutfcbe giebt, ba mujs er feinen Gbriftbaum haben, unb 
mo man benfelben fchaut, ba nimmt man fuh oor, näcbfted 3ab* auch einen 
}u fehmüefen. So hat er in Blmerita bad ^Bürgerrecht erhalten, unb fo ift burch 
feine SSermittlung bie gange beutfdje Seibnacbtdfeier in ben fremben Selttbeil 
oerpflangt rnorben. Sie bied jugegangen. Darüber braucht man teine gef<bi<bt* 
liehe gorfebungen anguftellen, benn ed ift noch gar nicht lange her. Ser nur 
gehn 3ab*e hier ift, meifs noch gang genau, mie grobe Sühe ed ihm ntachte, 
ein Sannenbäumchen gu betommen, unb bafs Damald ber Seihnachtdtag fuh 
noch fe^r menig oon anDern Sagen unterfchieb. 3[eftt ftehen alle SDtörlte unb 
alle Strajjeneden ooll oon ber grünen Saare. Stur fünf 3 a h*e gurüd 
Oertaufte ein biefiged 3mportationdgefchäft etma gehn Sßfunb bunter Sadjd* 
tergen; jept oerabfolgt unb oerfenbet ed Saufenbe oon fßfunhen, nicht nur in 
Stem*f)ort, fonbern bid gu ben Blnpeblungen ber $interroälber, unb ber 25fte 
Secember ift hier ein fo regulärer gefttag mie in Seutfchlanb. 

3m ©efchäftdleben fptell bie geftrooebe eine bebeutenbe Stolle. 3« nach* 
Dem fie bie (Ermattungen befriebigt ober nicht, mirb bie Saifon eine gute ober 
f$le<hte genannt Sad gange 3afm hinburch mirb in ©efchäften ohne 3&W 
Darauf gerechnet, ba| ber lebte Sttonat fo Diel leiften mirb mie bie übrigen elf 
gufammen; fchlägt biefe (Ermattung fehl, fo giebt ed lange ©efubter unb .in 
fehr Dielen fällen einen Sknterott. Siedmal fcheinen bie SBetbältniffe befon* 
berd ungünftig gu liegen, tluf bie ßptraoagang, melche mähreub bed Hrieged 
herrfchte, ift eine Durch bie Umftänbe gebotene Sparfamteit gefolgt, melche 
gmat an unb für fich eine Sugenb, aber Doch für oiele Seute ein Salben* ift» 
Uebetbaupt herrfchte in Skm*$)ort feit langer Beit teine folche gefchäftliche 
Stille mie je&t, unb bie Stagnation ift ber Bltt, bab man fich vielfach nach Dem 
lange prophegeihten Bufammenfturg febnt, oon beut man ermattet^Pafr er mie 


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ein ©tarnt feie fgmüfe Sltmofphäre fäubem unb neues Sehen bringen wirb. 
Äuriofe Suftänbe, miberfprugSDott mie alles Slmeritanifge. SBäbrenb baS 
Sanb in Stog war, bat man gejubelt, unb je|t, ba bie 9log ein Enbe bat, 
gebt man betrübt einber. Slber obgleich ein VertaufSlaben neben bem anbem 
Dergeblig ber Junten harrt, obgletg £aufenbe non Arbeitern befgäftigungSloS 
ftnb unb ber Strem ber Einmanberung unaufbaltfam neue Äräfte, bie für 1 * 
Erfte leine Verwenbung finben, ans Ufer toirft, bürt man bog wenig non herc« 
fcbenben Vothftänben. Obgleich mir uns faftifg inmitten einer ÄrifiS befinben, 
ift bo<b nicht bie Siebe Don Slrbeüerbemonftrationen unb Suppenanftalten k la 
SmbenmflQer, melge früher bei ähnlichen Gelegenheiten auf ber SngeSotbnung 
toaren. S)ie gefammelten Erfahrungen fgeinen bie SJtaffe beS Volle* gefitteter 
unb oorftchtiger gemacht }u haben; wo früher bie grugt ber Arbeit, fcbalb fte 
geerntet mar, in Sau* unb VtauS oergeuoet mürbe, hat ntan jept einen Sgeii 
für fchlechte Seiten bei Seite gelegt. Slug baS Gefgäft ift im Slügeraeinen 
ein folibereS geworben. S)er ermattete 3nfammenbrug mag erfolgen, aber 
er mirb leinen allgemeinen Stuin, lein folge* Elenb mit ftg führen mie bei« 
fpielsweife im Sabre 1857, unb barauS erllärt es ftg benn aug, ba& man ihn 
nicht eigentlich fürchtet, fonbern ihm eher mit Hoffnung entgegenfiebt. 

Von 9iem«g)orter SBiberfprügen habe ig bie Sefer ber äJtonatSbefte fgon 
häufig unterhalten, mufc aber immer mieber auf bie* mterfgöpflige Sgerna 
jurüdfommen. Es giebt mohl leine gmeite Stabt in ber 9Belt, an ber man fo 
Diel auSgufepen unb fo oiel gu bemunoern hat. Vergegenwärtigen mir uns 
nur ben Slanbal ber lebten ffiablen! 3 m Vooember herrfgte ein Eifer, 
melger bie Abgabe einer beifpielloS groben Stimmenjahl gur golge hatte, unb 
baS Siefultat mar, bab 3)iänner als Vertreter ber üDtetropole in ben Eongreb 
gefanbt mürben, mit benen man im $rioatleben nigt gern gufammen gefeheu 
mirb, SRämter, benen ihre pditifge Vergangenheit unbeflreitbaren Slnfprug 
auf baS Vräbilat „infam 41 giebt; Männer, melge ebenfo wenig mie ber Graf 
ViSmard ein $ehl barauS magen, bab fie baS Gelb nehmen mo fte’S finben, 
ohne banag gu fragen, ob eS ihnen Don Siegt* wegen gehört ober nigt; 
SRänner, Don benen Einer ein notorifger Störer beS SanbfriebenS unb wegen 
einer Stege grober Verbregen unter Slnllage geftellt ift. Seute mürben gu 
Gefe|gebem erwählt, melge bie fgamlofefte Verlegung ber Gefepe }u ihrer 
Vtofeffton gemagt haben. 2)ie politifge Selbftproftitution bet Stabt Slem« 
gort ift fo himmelfgreienber Slrt, bab Don Seiten beS Staates eine ellatante 
Sühne erfolgen unb, um bie Sganbe ber Senbung eines SMorrijfep in baS 
WepräfentantenhauS gu milbent, greberid Douglas, ber hogbegabte, geniale 
Ghrenmann, bem unter bunller £aut ein grobes, für Ehre unb SRenfgenmobl 
glühenbeS $erg fglägt, gum Senator erwählt werben foüte. 3m S)ecember, 
bei ben Stabtmahlen, bot ftg bie Gelegenheit, ein gutes ffierl gu Derrigten, 
beffen SRogmenbigteit allgemein empfunben mürbe. 3)ie Ehancen waren ber 
günftigften Urt. S)ie ber Gorruption hulbigenben Elemente hatten ftg ge« 
fpalten; ber beffere 3gett ber Veoöllerung braugte ftg nur in hellen Raufen 



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an ben Stimmhaften gu begeben, um beS Sieges gewifc ju fein unb bet Stabt 
eine gute, ehrliche Verwaltung ju fiebern. Über biefe befiern Glemente blieben 
in ber 9)tebrgabl babeim; fie waren gu faul, um ftch ber geringfügigen 9[ftüb* 
Waltung in untergeben, ju träge, um ihrem eigenen gntereffe baS Keine Opfer 
eines Piertelftünbigen Ganges in bringen. Sie betlagen ftch bitter über bie 
faft unerfchwinglichen Steuern unb bie rucblofe Verfchleubecung berfelben; 
aber fie mögen nidjt baS Geringfte bagegen tbun. So fam e$ benn, baß bie 
Korruption abermals ben Sieg errang unb ber $öbclberrj$aft — ein milberer 
HuSbrud ift nicht angebracht — ein weiterer Termin gefiebert würbe. Unter 
ben Ganbibaten für bie ftäbtifcbe ginan Verwaltung errang derjenige ben Sieg, 
welcher ben wenigften Hnfprucb auf baS Vertrauen feiner ^Mitbürger erbe* 
ben tann. 

Unb bocb, obgleich SRem*?)ort baS SDtenfchenmöglicbe tbut, um ftch ju 
ruiniren, blübt unb gebeiht eS. Obgleich ber 3»fianb ber Stra&en — biejeS 
ftcberfte ßriterion für bie Verwaltung ber Stabt unb bie öffentliche 2No« 
ralität ihrer ©ewohner — ein wahrhaft grauenerregenbcr ift, ftnbet man in 
biefen Strafeen weniger, waS an bie Uebelftänbe eines großen $anbelSplapeS 
erinnert, als in irgenb einem groben europäifchen Sftittelptinft beS VerfehrS* 
Obgleich im politifcben Sieben bie rohen Snftinftc ben HuSicblag geben, ift in 
anberer Vejiehung $Rew»?)orl unenblich Piel beffer als fein Stuf, Ser auS 
fionbon ober Hamburg hierher tommt, wunbert ftch barüber, ba& bie Sitten* 
lofigteit fid? hier bei weitem nicht in bemfelben Grabe breit macht wie bort. 
Ser ben Hufenthalt in einer englifchen Stabt mit bem in 9iem*2)orf Pertaufcbt, 
fann nicht genug oon ben angenebmen Ginbrüden reben, bie hier auf ihn ein* 
ftürmen. Hbgejehen Pon ber Söglichfeit eines gelegentlichen SRaubanfallS, 
fann man am Hbenb burch bie Strafen Hero-'?)orfS wanbern ohne fortwährenb 
' auf wiberliche Scenen ju ftofjen, uub ber Samftag macht hierin feine HuS* 
nähme, Simmein in fionbon bie Strafeen oon Vetrunfenen, fo ift eS hier 
feiten, bah man einen folchen trifft. Serben bort unter bem Ginflufj beS 
ShiSfp Seiber in 2Jlegären, fo gehört eine trunfene grau hier gu ben unge« 
Wöhnlichften Grfcheinungen. $ann man in öonbon am Hbenb faum einen 
HuSgang machen ohne Seuge Pon rohen £anbgreifiichfeiten ju werben, fo 
lommen berartige Huftritte hier burchauS nicht häufig oor. 5)ie Sittenju« 
ftänbe 9Rew*?)ortS finb im Hllgemeinen fo gut wie in feiner europäifchen Seit* 
ftabt, unb eS muß ber Grunb hierfür hoch wohl in bergreiheit gejucht werben, 
Welche felbft bem SHobeften eine gewiffe Selbstachtung einflöfet, welche im 
ftrengften Sinn feinen StanbeSunterfchieb, feine unüberfteigliche Schranfen 
jtoifcbeit ÜDtenfcb unb Senfcb auffommeu läfet, welche 3ebem bie äHöglicbteit 
eröffnet, ftch gu ben bächften Stellungen emporgufchwiugen, unb ihm babureb 
einen Sporn perleiht, ber burch nichts HnbereS erfefet werben fann. SaS an 
9iew*?)ort gu tabeln ift, läfet ficb hauptfäcblich auf ben gefellfcbaftlicben Hbfall 
gurüdführen, ben bie brittifchen gnfeln hierher fenben; aber felbft biefer HuSrourf 
wirb burch ben Hufenthalt in Hmerifa gebefjert nnb oerebelt. S)a.rum bürfen 




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mir !eine«meg« an 9tcw*?)ot! oetjweifeln, bütfen nicht ber Hoffnung entfagen, 
baß e« fuß auch in politifcßet ©ejiebung au« (einet jefeigen ©efunfenheit em¬ 
porraffen wirb. 3u* ©arantie einet Seffetung fcßon wäßrenb be« Empor* 
wachfen« bet jefeigen jüngeren ©eneration fehlt nichts al« bie Einführung be« 
obligatorifcßen Unterricht« — ober, um mich eine« Sielen anftößigen 2lu«brud« 
ju bebienen — be« Scbuljwang«, benn bie Sitbung ift bet Urquell bet Sitte, 
©efeßenfte un« bet Eonoent, meldet laut Solfabefchluffe« ficb ju oetfammeln 
bat um bie Serfajfung be« Staate« ju reoibiren, mit biefer (Reform unb würbe 
ftc ftreng bureßgefübrt, fo batte (Rew*$orf halb in feinet ©ejießung ben Set* 
gleich mit irgenb einet anbern jffieltftabt ju febeuen. 

$er 3om übet bie Serfcßärfung bet Sonntag«feter bat jefet (einen fanati* 
feben Ebarafter oerloren unb, trenn et au<b nicht ganj perfeßwunben, boeß eine 
milbete gotrn angenommen. gebenfall« müffen bie gefammelten Erfahrungen 
3)enen, trelcbe biefe grage jum Slngelpunft ihrer politifcßen ffiirffamlett mach* 
ten, bie Ueberjeugung beigebraebt haben, bah nicht« babei berau«fommt unb 
man fi<b burch (olcbe $aftif nut felbft ((habet. Ohne (ich mit bem 3»ange 
ja perfoßnen, bat man hoch herau«gebra<ht, baß man au<h ohne ba« jefet Set* 
botene ben Sonntag auf. (ehr angenehme unb in hohem ©tabe gefittete (Seife 
verbringen fann. Unter ben erlaubten Sergnügungen ftehen bie Sonntag«« 
conjerte in erftet Sinie, unb fie haben (ich auf folcbe (Seife entwidelt, baß man 
barin mehr al« genügenben Erfafe für manche« Slnbere ftnbct. Ueberßaupt 
Petbient bet außerorbentliche Einfluß berporgeßoben ju werben, welchen bie 
ÜRuftl hier immer mehr auf ba« öffentliche Sehen gewinnt — unb wie fönnte 
man fub eine eblere greunbin unb Erzieherin wünfeßen? Stnfcßüfe, Serg« 
mann unb 2ßoma« — ich bin bet unmaßgeblichen Meinung, baß jebet 
von biefen Stännern hohen 5)anf perbient, unb erfreulich ift e«, baß bie Per* 
biente Snerfennung ihnen im reichlicbften 9Raße §u Sßeil wirb. Ohne ghrern 
geiftooöen mufifalifcben Sericbterftatter in’« ©eßege ju fommen, barf ich hier 
wohl von bem Hochgenuß (Rotij nehmen, welchen Sßoma« unb ber beutfehe 
©efangoerein 2Renbel«fohn Union un« burch bie Sluffüßrung bet neunten 
Spmphonie bereiteten. Ein fo anbdchtige«, fo burch unb burch entjüdte« unb 
begeifterte« ©ublifum wie ba« an jenem SIbenb perfammelte, hat wohl feiten 
einet Xonfcßöpfung gelaufcht, unb man brauchte nut nach bem Schluß be« 
Eonjerte« bie ©efichter ju betrachten, brauchte nut ben ©efpräcßen ju laufchen, 
um bie Ueberjeugung ju gewinnen, baß bie Äunft hier einen ihrer hertlichften, 
tiefgreifenbften Triumphe gefeiert. 2homa« ift ein 3)eutf<ßer, aber al« Äünftlet 
ein ächte« flinb $Rew*?)orfa. SU« et hierher fam, war et fi<b faum felbft be« 
in ihm fchlummetnben Talente« bewußt S)ur<h bie (Roth würbe et in ein 
bienftliche« Serbältniß getrieben, welche« ihm halb unerträglich war unb bem 
et fub nur burch bie gfueßt entließen tonnte. Er hatte nicht bie Stiftet, Unter* 
rieht ju nehmen, unb würbe fein eigner Sehrer auf ber Sioline, auf bet er e« 
bi« jut Sirtuofttät gebracht hat. Et befaß in jebet ©ejiebung nur bie notb* 
bürftigfte SUbung, unb jefet ift ißm feine in fein ga<b fcßlagen* Aufgabe ju 


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fchmierig. So$ Siel, melcbeg er ft$ geftedt, iß ble $oputarißrung bet flaffW 
Wen Wußt, unb mit unenblicßet Siebe, mit feurigem (Eifer mibmet er ßcb 
btefem eblen Serie. Wöglichermetfe märe eg Sbwnag in Seutfdtfanb leichter 
gemorben, fein Salent jur ÄuSbilbung unb Geltung $u bringen; aber bieU 
leicht märe baffelbe auch bort, unter gebrüdtern Serhältniffen, oerlümmert unb 
ber Seit Oerloren gegangen. 34 neige mW Iefeterer Annahme ju, be* 
ar.fprucbe ^beober ShomaS ab ba$ mußtalifche Äinb 9lem*?)orlg unb boffe, 
baß Sefctereg ibn ftetg feinem ooUen SBertbe na<b ju f (haßen miffen mirb. Ser 
Wenbftefohn Union fei ber Sani eineg Wußlfreunbeg für bie 9tobleffe augge- 
brüdt, momit be ben Weiftet ber Söne bei jener Gelegenheit unterßüßt hat. 

Wit Sejug auf bog Sheater feien mir einige Semerlungen geßattet, 
toelche nicht 3 ebem gefallen mögen. (Eonlurrenj ift in allen Stagen gut, unb 
feit langer Seit ift bog Wonopol bei Stabttheaterg, melcbeg bie Sireltüm in 
ben Stanb feßt, 3 u tbun mag ße miH, alg ein grober Uebelftanb empfunben 
morben. Siete befugten englifdje Beater, meit bag einige beutfcbe (Etablijfe* 
ment ihnen nicht gebet, unb bag miü ich ihnen nicht oerbenten. Sielen mi߬ 
fällt bie Sage unb Sauart bcg Stabttheaterg, unb bagegen läßt b<b au4 nicßtg 
fagen. gür bie gemünzte Gonturren§ ift jeßt geforgt unb babei auf alle 
gerechten Sef4»erben -9tüdß4t genommen morben. Unter tüchtiger, gegen bag 
$ublitum auoorlommenbet Sireltion ift am Sroabmap, atfo in einer Gegenb, 
melche gemiß nichtg ju münfchen übrig läßt, bag Heine Sbalia-Sbeater entftan- 
ben. Wan giebt ß4 bort große Wübe unb leiftet im feinen Sußfpiel, auf bag 
man ftch befonberg oerlegt, Sorjüglicßeg. Sag Sotat ift freunblich; man fühlt 
fuh bort {über gegen geuerggefabc, unb ebenfo gemütlich, mie man ßch im 
Stabttheater ungemütbtich fühlen muß. Äurj eg läßt ß 4 mit Secht fagen, baß 
but4 bie (Eröffnung beg Sbalia-Sbeaterg einem bringenb gefühlten Sebürfniß 
abgebolfen morben ift. Um ihr Gtabliffement in Aufnahme ju bringen, um 
bag Sßublilum bortbiu §u gieren unb ihm ju jeigen, mag geleiftet mirb, bringt 
bie Sireltion Opfer, melche ß4 launt mit ben Kräften eineg jungen Gtabliffe- 
mentg oertragen, unb engagirt Samifon für eine Seihe oon Gaßoorfteüungen. 
Sber mag ift ber (Erfolg? Sag $ublitum lommt nicht. $ebe oon Samifong 
Sorfteüungen ift ber Slrt, baß ße auf ben größten Sühnen (Epoche machen 
mürbe; aber laum eine berfelben ift im Stanbe, bag befchränlte Solal $u füllen, 
unb geht eg auf biefe Seife fort, fo muß bag (Etabliffement eingeben. Sag 
folgt nun bieraug? Sag Stabttheater mirb, fcßon meil eg in ber Witte ber 
am meiften oon minber bemittelten Seutfchen bemobnten Gegenb gelegen 
iß, oorjuggmeife oon .fogenannten Arbeitern frequentirt unb ift faft bei jeber 
SorfteHung gefüllt. Sag Xhalia*$heater rechnet mehr auf ben 3ufpw4 ber 
fogenannten gebilbeten Seoöllerung, unb eg ift fortmäßrenb leer. Wan lann 
babei ju teinem anoern Schluß gelangen, alg baß ber Arbeiter mcbr ba* 
Sebürfniß eineg geßtteten Sergnügeng, einer bilbcnber. Unterhaltung, eineg 
Äunftgenuffeg, empßnbet, alg bie JUafie ber Seoöllerung, mckßc man bie feine 
Seit ju neiuip pflegt. Sag Wmopol befiehl fort, meil bie Gonluvrenj nicht 



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unterflögt toftrb, nnb bie Hnfrechterhattang be$ SHonopolS legt einem triftigen 
Huffchtoung, einer gefunben ©ttttidlung beS beutfchen 93ühnen»efen8 unüber* 
fttigliche £inbenuffe in ben Seg. ®a$ ift traurig, aber »abr. Go »te bie 
Serbältnijfe je$t liegen, rnub man fagen, bab ein beutfcheS äunftmftitut, »el* 
$eS nicht auf bie SWaffe, nicht auf ben Hrbeiterftanb rechnet, ein tobtgeboreneS 
Äinb ift. fragen biefe 3eilen baju bei, bie „Gebilbeten" an ihre (Sbren* 
pfticbt ju mahnen, fo ift ihr $iot& erreicht. ®aS ®halta*®heater foHte unter 
allen Umftänben aufrecht erhalten »erben, unb ba Idftt eS ftch benn auch in 
ber 2$at nicht abfeben, warum ber Arbeiter nicht gleichfalls jum Stur$l be$ 
Monopols beitragen, toarum er ftch nicht im Vtoabwap ebenfo betmifch fühlen 
fottte tote in ber Vowerp. 3<b glaube, bab bte ®ireftion beS $balia*$beaterS 
bei niebrigeren greifen, affo bei einer Hppellatton an baS Hrbetter*©ement, 
fleh bet »eitern beffer flehen »ürbe als bei ber Spefulation auf bie Unterftüfcung 
{•genannter ©ebilbeter, »eiche ju bornehm ftnb, um ein deines, nicht oom 
hohlen «geiligenfchein ber ameritanifchen gafbton umgebenes Äunftinftitut $u 
befugen, §u gleichgültig, um baffelbe energtfcb ju unterftö|en. 

SBährenb ich baS Xhalia^heater aufs ®ringenofte ber Unterftüfcung em* 
pfehle, »iH ich §uglei<h bie ©emerfung nicht unterbrüden, ba& baffelbe »ob! 
baran tbun »irb, ftch ftreng nur ber Hufgabt gu »tbmen, bte eS fi<h urfprüng* 
lieh gefteüt bat, nämlich bent feinen fiuft* unb bem Schaufpiel. ®aS in mei* 
nem oortgen SBriefe enthaltene £ob, bab man ftch bort nicht mehr oornehme als 
man feiften fßnne, muft ich jept mobificiren, obgleich bamtt nicht gefagt fein 
fod, bab baS Gtabttheater nicht fehr oft in benfelben gehler oerfällt. ®ie Huf« 
führung beS Hamlet ging entfliehen über bie Kräfte beS &halia*®heaterS. 
Huber ber Hauptrolle (®a»tfon) unb Ophelia (gräulein £ej|e) »aren fämmt* 
liehe Hollen fchlecht befebt. ©nen tläglicheren ©olontus (turj juoor hatte er 
als SBirth in „Stoei Sage auS bem Seben eines gürften" Vorzügliches gelei* 
ftet) hat eS »ohl noch nie gegeben, unb bie $ame, »eiche im genannten 2uft* 
fpiel ben VerS bet Ueberreichung beS VouquetS aflerliebft hergeptappert batte, 
»ar als flönigm ©ertrub eine traurige ©Meinung. ®er SEBillc »ar gut, aber 
bie Jfräfte reichten nicht auS. 3ebo<h »urbe im oorltegenben galle bie über* 
grobe flühnheit gern beziehen, »eil fte ben Hn»efenbcn bie Gelegenheit gab, 
einen fo benfenben, geiftoollen Schaufpieter »ie $a»ifon als £amlet $u feben. 
®aS ift mm fretli$ feine ber Hollen, »eiche unbebingt für ihn paffen, gür 
ben jugenblichen Srinenprinjen ift er ein »enig ju alt; fo trefflich er auch bte 
SRaSfe ju »dhlen »eib, läbt ftch hoch btefer Htangel nicht ganz oerbeden, unb 
eS macht einen ftürenben ©nbrud, »enn bte Hiutter beträchtlich jünger ift als 
ber Sohn. $aS lieb ftch aber einmal nicht änbem unb man mubte barüber 
bin»egfeben. Ueber bie Huffaffung ber HoQe burch ®a»ifon labt ftch gleich« 
falls ftreiten. QS fommt barauf an, ob er nicht ben Schwächling gar ju fehr 
heroortreten unb ihn jum geigling auSarten lieb; l>a aber jeber Schaufpieter, 
jeber Äritiler biefen ßharafter in anbeter Seife begreift, fo labt ftch hierüber zu 
feinem Hefultat fommen, unb ®a»ifon’S Huffaffung hat {ebenfalls fo oiel für 


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Rdj wie irgenb eine anbere. Ucbet ®nS !ann jeboch fein S^^tfel obwalten, 
nämlich barüber, baR 3)awifon bie Kode fu wie et fte uerftebt, auf meiRerhafte, 
fiebt tünftlerifch nollehbete 2Beife burebgefübrt bat. Er fpielte gum Entgüden, 
Ophelia gum Entfepen febön. 

3n petuniärer SöegieRung barf man wohl $>awifonS Abftecber nach Amerifa 
als einen SucceR betrauten; jebocb glaube i<b nicht, baR feine Erfahrungen 
anbere beutfebe florpphäen ber bramatifeben Äunft aufmuntern werben, feinem 
Söeifpiefe gu folgen. 2)ie beutfebe $8ühne liegt hier no<b gu febr in ben 2Bin* 
beln, es läRt Rcb gar ju febroet ein gutes Enfemble erzielen, unb einen ßünftler, 
weither gewohnt iR, RetS uor Pollen Käufern gu fpielen, muR eS bebcutenb 
berabfiimmen, wenn er Reh gegwungen fleht, Por leere SBänfe gu treten. 
$ur<b bie SSerftimmung hierüber ließ $amifon fub einmal gu einem argen 
33erRoR RinreiRen, inbem er fich weigerte, por einem nicht febr gabireich 
perfammelten Sßublifum gu fpielen. Segt man bieS feiner ©ewinnfuebt gur 
£aR, fo tbut man ihm wohl Unrecht; ndber liegt bic Annahme, baR ber belei* 
bigte flünRlerftolj Rcb in ihm aufbäumte. Aber baS gereicht ihm nicht gut 
EntfcRulbigung. 3)aS Sßublifum bat ^icr benfelben AnfprucR auf Achtung 
Pon Seiten beS ÄünftlerS wie in $eutf<hlanb, unb wer Reh inunbefannte $er* 
bdltniffe hinein begiebt, muR eben baS AiRlo mit in ben flauf nehmen. SJiöge 
man jept aber, ba man ihn noch hier bat, bie 3eit benufcen; man wirb wohl 
nicht fo halb feines ©leicben wieber feben. 

SJePor wir non $awifon AbfcRieb nehmen, fei no$ eines $rojefteS ge* 
bacht, welches, gang eigentbümlicber Art, gur Ausführung getommen fein wirb 
bePor bieS $eft in bie #änbe ber Sefer gelangt. 2Jtau ftreitet Reh nielfach 
barüber, ob 2)awifon ober Ebwin S3ootb ein gröRerer Scbaufpielet ift — nach 
meiner Meinung ein Streit um beS üaiferS Start, weil 3eber von ihnen nach 
ben Anfprücben unb ber Gilbung feines $ublifumS beurtbeilt werben muR. 
Um aber ©elegenheit gu haben, Re neben einanber gu feben, ift man auf ben 
fonberbaren Einfall geraden, Re gufammen in Othello auftTeten gu laRen. 
5)a ergiebt Reh nun bie Scbwierigfeit, baR ber Eine bet beutfeben, ber Anbere 
ber englifchen Sprache nicht mdebtig ift; aber auch hierfür weiR man AatR. 
3)a, wo baS fßublitum Reh fcRon bar an gewöhnt hat, Starftellungen beiguwoh* 
nen, in welchen es Pom 2)ialog fein Atart Perftebt, fann biefe Äleinigfeit nicht 
Rören. $awifon foll ben Othello auf $eutfcb, Staotb ben 3ago auf Englifcb, 
grau SDlethuasScbeller aber, um bie foSmopolitifcbe Aerbrüberung pollftänbig 
gu machen, bie $eSbemona abwechfelnb — je naebbem Re bem gago ober bem 
Othello gegenüber Rebt — auf Englifcb unb auf SJeutfch fpielen. geh fürchte, 
baR 2)awifon, inbem er auf bieS Arrangement eingebt, Reh auf ein gefährliches 
Terrain begiebt. 55ie Amerifaner werben oorauSRcRtlicb bie Majorität beS 
$ublifumS bilben unb bie Schauftellung (baS möchte bie richtige 3)egeicbnung 
fein) als nationale $arteifa<be auffaRen. 2BaS bei begleichen hier gu Sanbe 
RecauStommt, hat Reh bei mancher ©elegenheit gegeigt. Reffen wir, baR eS 
ohne Unannebmlicbteiten abgehen wirb; {ebenfalls ift eS etwas, wofür in ber 


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Äunftgefcbicbte fein Scitenftüd aufouftnben fein möchte, unb ba8 ®anje bat 
einen reichlich ameritanifcben Anftricb. 

2)a mir einmal beim Beater ftnb, fei ^ier noch einer ganj neuen Art 
gefchäftlicber Anpreifung gebaut. 5)ie $ireftion von Aiblo’3 Sweater batte 
fi<b groben Aullagen unterzogen, um ben Blad Groof jur Aufführung ju 
bringen — ein fonberbarel 2 Jta<b»erf, gewiffermajien ein fallet mit Dialog. 
S)a »urbe benn ju einem originellen fiunftgriff gefcbritten. S)et #eralb erflärte 
in einer Aeibe bonnernber Artitel ben Blad Groot für ein burch unb burch un* 
ntoralifcbel SAachwerf, für einen Slanbal, toobei ber menfcbiicbe flörpet in 
abamüifcbem ßoftüm bem Sßublifum vorgefübrt »erbe. 3 ugleicb »urbe ein ©re* 
biger gebungen, um Sonntag für Sonntag von ber ßan$el berab fein Anathema 
gegen ben SBladt Grool, all eine Grfinbung bei Satan, $u fchleubern unb bie 
genauefte Beitreibung ber bamit verbunbenen Unfittlichteiten §u liefern. 3)er 
3 »ect »urbe erreicht. $al aufmertfam unb lüftern gemalte Bublifum ftrömte 
fchaarenweife berbei, um fi<b an bet ibm in fo verfübrerifcher Art angepriefenen 
verbotenen grucbt $u laben, unb ber Blad Groot wirb vielleicht fo viele 
Aufführungen erleben, wie einft Onlel 2om im Aationaltbeater ber Gbatbam* 
Street. Aicbt nobel, aber praftifcb. 

Am 2 )eutf<hen £ofpital mirb rüftig gearbeitet; feit man auf ben Ginfall 
gefommen ift, bie ©eiträge ju veröffentlichen, flie&en biefelben reichlicher all 
je juvor, unb el ift nicht feiten, in ber Sifte bte bübfdje Summe von 1000 
2 >ollarl figuriren ju feben. SSenn man ft<h nur nicht bal 3 ^el gar $u hoch 
geftedt hätte. 200,000 SoHarl »erben auf einen glügel verwenbet, ber auf 
80 Äranfe berechnet ift. $5er fünfte einer 2)tilUon für acbtjig ßrante! 
SSober »iß man, nachbem fcbon fo viele Opfer gebracht frnb, bal Betrieblfapital 
nehmen? Aber ba einmal ber Anfang gemacht tourbe, mu(j bie Sache auch auf 
biefer Sinie aulgefochten »erben, tofte el mal el »olle, unb bie beutfche Volonte 
Atoo*?)ortl ift benn auch reich genug, um eine SKiUion unb barüber herzugeben 
— wenn fie’l nur will! 

2ßie in manchen anbern gingen, fo bat bal jefct ju Gnbe gebenbe 3abr 
fleh in Ae»*?)orl befonberl auch burch feine geuerlbrünfte aulgejeicbnet. Am 
18ten «ourbe »ieber einmal ber $immet blutig gerötbet. S)ie ©loden (türmten, 
unb bie ©lutb »arf ihre geifterbafte Beleuchtung über ben leeren Aaum, ber 
von ber Bolijei abgefperrt »ar, über bie Saufenbe, »eiche fi<b an beiben Guben 
lufammengebrdngt batten, über bie benachbarten Käufer, beren Fächer gleich« 
faHI von 3 ufcbauern angefüllt waren, über bie fcbwarjen, teuchenbeu Unge« 
tbüme — bie 2 )ampffpripen, bie bann unb wann einen Schrei aulftofien, 
welcher ber Unterwelt anjugebören, bie einen Oualm von ftcb geben, ber aul 
ben ©lutben ber $ötle §u tommen fcbeint. Gigentbümlicb ergreifenb ift eine 
folche Scene, unb wie mir fcbeint, noch {(bäuerlicher, noch ergreifenber in 
Aem* 2 )ort all anberlwo. dauern {türmten mit bonnernbem ©etra$ ein unb 
jerfcbmetterten bie brettemen Behaufungen, »eiche baneben ftanben. Gin 
jehntaufenbftimmiger Angftfchrei — unb unmittelbar barauf eine lange, er« 


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toortungSPoHe SobtenfüDe. SSBie immer, mürben bie brennenben ©ebdube preis* 
gegeben unb nur bie benachbarten .jpäufer befpript. 2BaS hier brennt, ift Per« 
loren. 2)a$ Opfer ber glammen mar bieSmal ba$ neue VomerpsXheater, 
augenblidlidj baS größte VergnügungSlofal ber Stabt, unb e$ rife noch brei 
anbere Käufer mit fub ins Verberben. 2)aS mieoielfte grobe geuer bieS im 
Saufe beS 3ab*eS mar, !ann ich nicht fagen; bie äataftrcvhen biefer Hrt folgen 
fo fchnett auf einanber, bafs man ftc ju wählen Pergibt, unb bab fie faft fo menig 
©inbrud machen mie — nun, mie $um iBcifpiel eine €ifenbabn*ßataftropbe, 
bei ber etliche Xupenbe Pon SDtenfchen umS Seben tarnen, ober bie ©yplofton 
eines XampfteffelS, welcher tiefeiben unangenehmen golgen batte. Unb faft 
immer lautet ba$ Verbitt auf Vranbftiftung — Vranbftiftung pon unbe* 
tannter £anb. 2)er [Raub eines folchen tobeSmürbigen Verbrechens mar bie 
Äcabemie ber SJluftt unb ift jept baS Voroerp*2heater. QRiethSfafernen, 
Welche £unberte Pon ÜWenfchen, Xupenbe pon gamilien beherbergten, mürben 
Pon freoelnber #anb angejünbet, man holte pertohlte Seichen aus ben Xrüm* 
mern berpor, unb SlüeS mar ftarr Por ßntfepen ob folcber [Rucblofigteit. ?tber 
nicht ein einiges 3Ral ift eS oorgetommen, baf? ber Xhäter entbedt unb $ur 
[Recbenfchaft gezogen mürbe. 2)ie Vranbfttftung ift jmar nicht gerabe ein 
erlaubtes (bewerbe, aber boeb ein gebulbcteS, bem bie Strafloftgfeit garantirt 
ift. Xte SerftcherungSgefellfchaften [mb in Verzweiflung unb gieren baburch, 
baf* fte bie Prämien erhöhen, ben ganzen befipenben Xheil beS Voltes in 2Jtit* 
leibeufchaft. 2)ie Erfahrung lehrt, bafj, wenn man nur ernftlid? miß, ber 
Vollbringer faft jebeS Verbrechens entbeeft werben tann; aber obgleich 2We 
aufs Xringenbfte babei intcreifirt fmb, gefchieht hoch fo gut mie nichts, um 
ber entfepüchen Unficherheit ein ©nbe jn machen. Verruchte Vuben merben 
auch ferner Xheater unb anbere ©ebdube, bei beren Ginäfdjerung ein grobes 
menfchlicheS Vranbopfer §u ermarten fteht, ober fonft eine Vrcmbfadel anjünben, 
melche bie (Gelegenheit $um [Rauben unb Stehlen eröffnet, ohne babei baS ge« 
ringfte [Riftfo ju laufen. Unter ben Schattenfetten pon 3tem*?)ort ift bieS 
gemib biejenige, für melche fid> am fchmerfteit eine ©rtldrung ftnben laßt. 

©tödliches Neujahr, merther Sefer! üDtöge baS, maS fehlest ift, gut, 
baS ©ute beffer merben, im ©roben mie im kleinen, hier unb bort unb aller 
Orten* U nc a S. 


tUifmbe Agenten für bie .fUonai&btfte: 

Garl ®etanb* 

3uliuS ©of<h. 




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dritter SJaljrgang. Zweite 3&attö. 

1866« 


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Reger tmb Regerfelabett im Rltertbum. ©on Dr. 3of<bb £5»etib*rj. l 

3(1 ©tr<mf , 3 ßebeit 3eftt &tberlegt? Sa« G. ©. 11 

©cmcrfungett über €tyul* unb ®rjiebung$»efen, mit befonbercm Sejug auf bic 

(Brimbtma bcutf<$*ameri!atttWcr Rnjlaltett. ©on Vb. 3. Rlunb. 15 

Der Untergang eine« ©olfc$. ©on ©ietor Gro*. 22 

Heber bie Hrf*#« ber Äranljeiteu. ©on ***. 28 

©obtua. ©Ott «Urte .. •• 40 

Der Ricaragua Xran(tt. ©oit Dbeobar Itircb&off. ** 

ffreie ©emetnbett. ©on Dr # Rub. Duhm. 51 

©raf ©ibmartf. C$ara!ter|!ubte bo« Stiebet# £eco».... - 65 

Der ©rieffaltett ber SRabomta. ©oit 3utian Bcntet... 69 

Die ©ntoanbcrttttg unb ber ©übe«. ©on Rubotpft £econ>. 86 

Sauna. ©Ott ®. öatbog*®«I#o... 97 

9tao*9orfet (Eorrefoonbeitj........ ....... 89 


$crr ©anbmatt» auf betn btutf#e» Sbeater in Rcto*2torf. ©on Ubo ©ra#»ogel. 106 


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9>etöfl Son llbo ©raeftppget... * .109 

Da* Srob. Son Dt. 3nl. $pffmaitis.121 

Fulton-SWarft Son ^emawi Rafler..127 

Da* Seben in 9>ompeii. Son »ictor ©rnfl.186 

Der Nicaragua Dranflt. Son Dbepbpt ftircftbpff.• * - - 141 

©iebt e* eine >om ©epirtt unabhängige Seele ? Son Dt. ®. Sdjüaer.... 150 
©in flügger ©ang burcp ba* amerifaniföe ©eföaftöleben. Son ©etna**.... 160 

Der Srieffajlen ber SWaborata. Son 3u(ian «Berner.169 

ttnfcre Spmpatbie. Son FtiebrU* Sejp».184 

Semerfungcn über ©(pul* unb ©rjicbung^tocfen, mit befonberem Sejug auf bie 

©rünbung beutf^amcrifanifc^er Unflatten. Son 3* Äiunb.191 

$Pto|lfaIiföe SRewe. Son Dbepbpt $ag««.196 

Die XeufeWbrütfe. ©ine S<b»ei$erfage. Son 3. tk&ldpf«*,.. 201 

2iterarif<b*artif!if<be« Feuilleton. Son 3. ®.205 


97ctt*2Jorfer ©orrefponben*. 


5eptf tnbtr-$ t ft. 


SRerifo. Son ®. ... • • *.210 

©uropäifebe Feberjeiebnungen. Son Äarl ©Hni. .228 

ÄünfttemooeUe. Son ttbp ©rad>t>ogel.. 230 

Daoib Sitingflone im füblicben Bfrifav Son ©ictpt ©tnfl.287 

Sariationen über ba* Gpemo: Die SBiffenföaft unb bie ©runbfäfce ber Sitflidb* 

feit. Son Dt. Rtib. Dulon. 248 

ßuxu* unb ©etoerbe. Son Dt. Ftiebrkb gpffmamt.259 

Die Felblertbe, ber Sogei be* Sanbmanne*. Son $etm/*öfcbe.164 

Die religtöfe Sage im Siebte ber Scrnunft. Son <5. ÄfibeHng.274 

Der Srieffaflen ber SWabonna. Son 3uliais «Betört.. 278 

SBer im Kriege reich getoorben. Son Rubolpb £e«o».802 

3Rujifalif<be Sfteoue. Son *b. 808 

Da* Sabr ber Deutfeben. Son Ftfebtle* £etp».•.818 

We»»§Jorfer ©orrefpoubeu*.819 


ipm 

& 


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III 

30rt0ber-$tft. 


©eite. 




Heber ©olWttfrtbWafc ©on Carl ftümelin. .825 

(Reifebtlbcr au« ©fib»9lmerifa. Cor ©. «Banberer. 832 

Offene« ©Treiben an Dr. Ohtbolpb Oulon, betreffenb «ftrete ©emeinben". ©on 

»rlebrl* tDtfin*. 840 

Oft Ältmatoeibfel al« $eilmtUel. ©on * * *.845 

Oie ©olWfäuIe. ©on 6. »e*f<blag.852 

(Enoib 5frben. ©on ^ennpfon. 3m ©er«ma(j be« englifd&en Original« überfept 

bon ®*arle «Beftlanb.867 

Oabtb fiibtngftone im fühlten 2lfrifa. ©on »ictpr CErnf*.874 

Oer ©rieffafien bet SWabonna.' ©on 3nlian «Berner. 880 

©raf ©idmartf. ßtteiter (Hrtifel. ©on fcriebricb £ejo».892 

©eto*2Jorfer Correfponbenj.406 

2Rufl!ftTtf(be Sfccpue. ©on itbeobor Sagen..*.418 


Hovtmtirr-^rft. 

Oie ©ünben ber 5(Ierreicbif$en SKilitair-Scrfaffung. Sou ©bmunb Car! greift. 417 

Oexaner ©eiterlteb. ©on Sfteobpr itircbbpff.. •.. 481 

Oabib ßtoiitgfione im füblt^cn 91fri!cu ©on ©fctpr®rnfl.488 

©nSfiabl. ©on Tfcoiot **f*e.441 

Oer ©rtcffaflen ber SWabonna. ©on 3nlian «Berner.445 

JReifebtlber au« ©üb-Sfoierifa. ©on ©. «Banberer.475 

Oie 9retf<baaren in ©<ble«tt>ig*$olflctn. ©on $riebri<b £ejp».481 

Caocb Crben. ©on Jtennpfpn. 3m ©er«ma§ be« englifäen Original« fiberfebt 

bon «Äarie IBefHanb. 489 

(Ein ©eger. ©fijie au« bem ©onberbunb«friege. ©on Rubplpft £ejp».. •. 495 
SRnfttalifte ftebue. ©on Sb. $«0««.506 



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1Y 


Per* mbcr-lj e ft. 

©ritt. 

5Die $ttßenb$aften w brr SMitff. 33on <5. «. Scroat*—... .. 511 

<Eno$ Brbcn. 23on lemnjfon. 3m Scrämaf bcd cußlifcbeii Original^ itbcrfefci 

ton Otavic fBtftfanb.. 528 

£>a6 fteumtcrf ton ©antorin. So« »ictot rstyifi.582 

£>te ©unten brr bftrrret<bif$cn 9Wilitair.93crfaffunß. S3on ©bmitnb Carl greift. 587 

Der Srtcfföjlcn brr SWabonna. S3on 3ulian SBrrner. 558 

9te»*8lorfcr fcorrrfpnbcnj.. 602 


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O. F 1 . ADAE, 

J&wcmiffas 'gSatiß- mb 2$ed)fer-i>efd)5fi, 
®foffo#ati, ®bt«. 

COKSTJLAT fuer Preussen, Bayern, Wuerttemberg, Hannover, 
Sachsen, Baden, Oldenburg, Grossherzogthum und Kur- 
fuerstenthum Hessen, Mecklenburg-Strolitz und Sohwerin, 
Kassau, Sachsen-Meiningen und Altenburg und 
Frankfurt a. M. 

C. F. ADAE, Consül. 

HILLEE & CO., 

ÜKo. 3 (Pömfcerfft., $Reto=?)or!, 

gifett WMfttl unb CwbUWefc auf alle ßrüfjfrett (Europa’#, mfenbe« ®dbrr iw# lebem Orte 
DeutfäfonbS mittelfl M beiüföm ^oftoerbanbe«, unb befaßen ben Cinütß m Crbfcbaften unb $crm&* 
am »rrmitttlfl SoOsuubtra auf f^nellfle unb Mflißjle ©eifc. 


ISP Anfragen aus hem Janb* finben prompte $ead)tung. *=®1 


fit jurtf« Jtflofler its |r. JUlcoth. 


Stefe $fiafler toerben jeben tag mefr unb mefct bclannt. Sebermann, bet 
6<&merjen im SRüden obet in bet fflruft bat, wirb natfr 
i Situenbung eine? folgen fofoct geteilt. 



Teilung einet »etquetf<bten Stuft. 


®en 7.fltal 180«. 

»eint «men! -Sw ®e»m»«180*iMrbe minSrnfttnoHen von einem feerem Riegel ier. 

ÄM™ tt0 W 

ben. Der %n 
für eins von Ul 

ba an fübtte fab btffer unb »«rin etner ®o4« gtfunb, fret »on SdjmtTjen unb fabig, mein ©efödft mit. 
ber |u Morgen. Sebermann fanu tommen unb meine Srufl (eben, nnb i<b ttitt Um ein neue« ffinnber 
»on Hnlung »eigen. 3. fl. ®n<f, Wo. 2 ©outb gift* ©trett, SBiOiamObnrg, 91 . 9 ., Zic«. «Bcoit* 
Co., Äo. 4 Unoin Sanare. HanWoffiie ®r«nbret» »uilbhtg, 9te»»8lorf. 3n »erfaufen in Sto. 4 Union 
©gnare bei «Ben Hänblcrn nnb iebem tcfpeftafclen Zirnggijl. 


^oUoteap'a Jlillto. 

«l|t ein gattmn, bag Mt mebijinffcbe gatultft bi« jegt tein Heilmittel für $ro»f» gefnnben bati 
«ber banebra ift e« ein groge«, unbeftreitbare« gattum, ba§ HoBctoa»’« giiBen ein fofagc«, bnrtbau« 
W«w* Heilmittel barbitte»; eine groge, glorrefabe Igatfabe, bag fie bun* grünblfage »Intreinigung nnb 
JMftignng bc« ©»gern«, bnr<b Cntfemung ber UrfaHen be« Uebei« eine föneBe, befinltioe Heilung 
bemtbringen nnb in tanfenb fttten b« geholfen gaben, tto alle anbem Stittcl feglfiglugen. 

10 « 


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©<*9 

/riljlings- nnii Sowmtr-Jl|)tritiit. 


TAEEANT’S 

ßeibenbe an FrcrnFbaftem tfopffcbmerj, 
gcibenbe an llnverbauUdjfcif, 
geibcnbc an nerpöfcm ßopffcbmerj, 

EFFEEVESCENT 

gcibcnbc an oerfaucrtem 2J?agen, 
gcibenbe an btliöfem Ropfmcp, 
geibenbe an £artleibigfeit, 

SELTZEE 

getbenbe an Sootbrennen, 
getbenbe an 9>tle$, 
geibenbe an Seefranfyelt, 

APEEIENT. 

geberletbenbe. 
getbenbe an Snbtgeftionen, 

»erben burd) 

Tarrant’s Effervescent Seltzer Aperient 
Ottf «*ö«ub«u unb bauetnbe Weife biernn fo»ie bon äbnU<ben ßetbett geteilt »etbaL 


Allein angcfcrtigl ton 

TARRANT S GO., 

97S ©rccntt>id):2trcct, 9tett^ot(. 

19* 3» ^ a 6tn in ollen Äpot&etat. 



J. B. HOEKER, 

PEACTIOAL OJPTICIAJNT, 

312J FULTON STREET, 

Near Pierrepont, BROOKLYN. 


FANCY 


®taten 3 slan&. 

DYING ETABLISHEMENT. 

Somit, SHcpAcni & Co., 


Slo. 5 unb 7 Qofm Street, 
718 23roat>mcn?, 


| 3lett>*2)orl. 


Slo. 269 gulton», Gdfe »on %\Uat^ Street, 93roo!tyn, 
unb 9to. 47 91ort& 8 e Strafe, 9tytlabelp&ia f 


fahren fort, ®amem «ub ^errenfleiber ju färben unb ju reinigen; feibene, Sammet, Oterino nnb 
anbere «leiber, Wäntei, u. f. ». »erben mit (Erfolg gereinigt, ohne aufgetrennt *u »erben, «benfo 
petrenroae, 4>ofcn, Weften n* f. »• 


. ® ,B ‘«* B »W*“*« «nb ober Bereinigt. Sonst Crfobruns unb ®tf<WfWfetnttniiTe 

Mjrtn»«4ntltn, ibrt «Wetten mit (Erfolg ju betreiben. «Booten twrben »etfe»r«6 flt«oU 


©«mtt, ttepfte» Ä «o., 

5 nnb 7 3ob« Street, unb 718 »roabmau, Stan-gorL 
869 Sulton», Gtfc non XiÜaro Street, SrooftaL 
unb 47 S7ortb 8te Strafe, »bUabelpbUu 


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- Jlmerihanifi^t JKonatslirftr 

för 

cSiferafur, ^tffenfdjaft uni 
offettttidjes <4eßen. 

fRcbigirt von 

fffuftplpf» Segoto. 


IV. jfaljrgang. I. $anfc. 1867. «tfebraar-^eft. 


dm Beitrag jur <&rfd)id)tc 

ber SRetamorpbofe bet cingemanberten $eutfcben in Smetifaner. 

Sott «. *. Sensau*. 

©ne« bet intereffante|ten Sdjaufpiele auf ber toecbfeloollen Sübne bet 
27lenf<bbeit«gef<bi(bte ift bte 2Retamorpbofe ber oerfebiebenen ©nmanberungen 
nach ben Set. Staaten in ben ©efammtbegriff De« amerifanifeben Sott«. Sn 
biefent 6<baufpiele ift SHe« neu im (Segenbalt §ut ©itn>idlung«gefcbt(bte alte* 
rer Söttet. Za« aufnebmenbe Sott ift felbet ein (Songlometat. <§« ift ftifcb 
unb neu im Setgleicb mit alten anbetn Rationen. Zie ßommenben etobetn 
nidbt Da« neue Sanb, no<b unterjochen fie ba« angettoffene Sott, fonbetn alt 
unb abgenupt, im ®egentbeil, toie fie fmb, verjüngen fte fi<b biet erft miebet 
unb geben in ber botgefunbenen Ration febon na<b »erbältnifjmäjsig furjer 
3eit al« nicht mebt al« ftemb erfennbare Seftanbtbeile auf. 

Sange norber, ebe bie mobetne ©nmanberung begann, butte fi<b bie alte 
©nmanberung in ein cbarafteroolle«, febarf erfennbare« Sott erpftadifirt. Zie 
fletnen Ströme, bie ft<b bi« §ur SRitte be« nötigen Sabrbunbett« unb felbft 
fpdter no<b in ba« Rmerifanettbum ergoffen, mürben botttommen baoon ber« 
fcblungen. Zaufenbe bon Smerifanetn, bie jebe« Aaratteriftifcbe Äennjeicben 
biefe« groben Sette« an fkb tragen, ftammen fogat bon ben fo biel gefebimpf« 
ten Reffen ab *). 

9Rit jenem erften (SrpftalIifation«ptojef}e bube icb e« biet ntdjt gu tbun. 
Sielmebt greife i(b au« bet anfangs unb enblofen 3eit ben SRoment betau«, 
in bem icb felbet lebe, unb und e« berfueben, ein Silb be« Sterben« ju erba« 


*) dr(t vor fedfr* SWonaten, al* i<b in SRoMle in Ärfanfa« bie mätterUd^en ©roieltmi 
brr Äinber eine* in Sttanfa« erraorbeten 3u b en *u erferföen fuebte, entbetfte i<b, bei beren 
Slb«« bortbin am dnbe bc* vorigen 3abrbunbert« verfcblagcne Reffen maren. Zer 
©rojjvater biefet Jtinber toar ein ©taat*fenator unb fpdter ©uperintenbent ber ßffentU^en 
©$ulen | babei ©flavenbalter unb ein ttmerifaner bur$ unb Bnrcb, bet von bem erften, Beften 
„9ttga M au« dnglanb ober Scpottlanb batte abftammen bürfett. 

?--- \ 


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92 



frf>en, *ie & in unu»tetb»<hener Krbeit ben BetmaubiungSprogeli ber unter* 
gebenben (Smtüanbcrung in baS fich neu aufbauenbe ameritanifebe Statt net* 
mittelt. 

34 bemerte babei juDörberft, bafs mit eS hier ni$t mit fpejiöfen miften« 
f4aftli4en ober cutturhiftorif4en (SnttoicflungSflufen ju tbun haben, Don benen 
bie eine etwa baS aDancirtefte Deutf4tbum repräjentirt, tuäbrenb anbere bie 
berf4iebenen 3tmf4enftufen beutfeber Bilbung Don ber nieberften bis jur bö4* 
ften Staffel barftetten, unb bie fub bann im ©efühle i^rer Ohnmacht ber längft 
anfäffigen, mdcbligeren, ihrer £etmif4teU megen mit grÄjjeter Autorität auftre« 
tenben Dichtung ergeben« Stan etruaS Rebnli4em ift bei allen europdifeben 
ßimoanberungen nicht bie Siebe. Heine Don allen betritt biefeS Saitb mit ber 
ißrätenfion, bie Spipen ober ba$ SBefen, ober irgenb eine befonbere Stufe ber 
jurücfgelaffenen Gioilifation reprdfentiren ju rooQcn. Rur b&4ft feiten beruft 
ft<b einmal ein armer 3eitung$trämet in feiner groften Rath um ein Rrgu« 
ment im 6ntpuppungStampfe ber fremben Sarnen in baS neue ameritanifebe 
®ef4öpf auf ©ötbe, $egel ober ^umbolbt, ober auf bie gelben ber groben 
fran$öfif4en ReoolutionSepo4e, ober gar auf bie Gncptlopäbiften. Der leiiefte 
$inroei3 auf ben BilbungSftanb unb bie RbfUhteir per $uitberttaufenbe oon 
Stauern, ^anbtoerlern, Haufleuten, tagelöhnern, Dienftmäb4en unb Rbeu* 
theurern, bie aQjähr(i<h hier eimoanbem, unb bie naheju abfolute SBirtungSlofig» 
feit ber beutf^en ^hüofophie ober ftan$öfif4et Rnf4auung*n auf bie (SnU 
nnetlungSgef4i4te biefeS SanbeS macht bie je Renten in. ber Siegel plö>lfcb Der* 
ftununen. Da$ 2Renf4enmaterial, baS ftcb in immer mächtigeren Strömen in 
biefeS Statt ergie&t, ift bie burch bie Bahthunberte hiuburch gefchlicbene unb ge« 
fchleifte mittelfchlächtige eurepdijehe SHenfchheit, bie, jerbrüeft oon Despotismus 
aller Rrt, gebemüthigt burch jegliche Roth unb Bebrängnift, mibhanbelt unb 
nubachtet Don jebem officieUen Stanbpunft, eingepfercht burch Ueberoötterung 
in bie engften ©rennen, dot RUem auf Raum, freie Bewegung, unb Nahrung 
für ihren Seih auSgebt. Die nach Rmerita einmanbernbe ÜUienfchheit mag 
toohl hin unb mieber einen flüchtigen Ginbrud jener groben ®eifteSthaten ent* 
pfattgen haben, unb man mag nicht jugeben, bab ein $au4 Den 3nbißerentiS« 
muS auf all bem ©eifteSgeruntpel liegt, baS bie europ&ifche UeberfchubheDölte« 
rung mit hierher bringt, — aber eine Blasphemie todre es, behaupten ju mol« 
len, bab fie auber ber beutfehen Roth unb bem beutfeben BarticitlariSmuS, 
auber einem (Semengc Don beutfeben Dialeften unb ben aüeräuberlictften ©e« 
toobnbeiten beS SebenS, auber bem »heften Rohmaterial, aus bem taS beutfehe 
Statt fich fchafft unb erneut, in Skumbtfein, Reuberung unb Streben irgenb 
eine Stufe beS progrefftoen DeutfchtbumS reprdfentiren. SBaS fit barum in 
ihm Stoffe bringen, bas flnb beutfehe Sitten, aber ui4t beutfehe ßttcnntnifj 
unb beutfehe Biibung. Sie bringen beutfehe ©eroobnheiten, Rntagen unb $n« 
ftintte, nicht aber bie blüthenreichen Refultate biefer Bnftintte, unb e* fept 
einen ungembbnli^eti (Stab non S4arffuht DocauS, bamit ein Rmeritanes 
älteren Datums, ber bie beutfäen Rtittelfhifen nicht len nt, es begreift, wie aus 




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Wafern jetjaurten unb jerquetfdSten SWatenal Sltaförtt bint btt b8<bftm öul» 
turbcbcMtung jemal« beroorgeben fonnten. Uttb bod* fft es gerabe biefeS SRa* 
terial, baS fi<b am beften §ur Slmerifaniftrung eignet, baS bem ametitanifcbett 
©olle unenblid? mebt nüplkbe unb bauernbe öremente Jttfübrf, als bfe bünn 
gefäeten öinwanberer, bie man etwa als SRepräfentanten irgcnb eines 
höheren 3)eutf<btbumS anfeßen fömtte. ÖS fhtb gcrabe btejenigen SJtcnfcbcn, 
bie bon 2Wcm, »öS matt abfolut oetgeffen muß, ttffl flmerifaner jn »erben, 
am aHerwenigffen jtt oergeffen hüben. ffiobl habe« fle biel gelitten bon 9io* 
ntanti! unb biflorifd&em IRe$t; wobt ittögen fie tyn itnb wicber bie btlftem 
greuben mit empfmtben haben, burdj bie ftch gewohnte SRoth unb UnterbrÜdung 
ju troffen beftteben, aber fie haben ft<b wenfgftenS ni<bt in btt Sheode bet 
SRtfje ihres alten ölenbcS oertieft, nodj hü&en fte fi<b bergeftatt in einem nebet* 
baft unerreidbbaten $eutfcbthum berfangett, baß fte Slrnf uttb Jüße, äopf unb 
$aat bar au« ni<bt mebt ju befreien oermöcbten! $ie flurtberttattfenbe bon 
mittelfdjtätbtigen Seutfdjen, bene* bet Ocean, übet ben fie fommen, fcbon ibt 
gröbftes $)eutfd?tbum abgewaföen, unb bie et mit bet frifcben Saft beS ©eit* 
berleßrS aitgemebt, amerifanirtren ft<b unenblicb leistet, als jene wenigen pte* 
tentiSfen, bte ibte Slnteritoniftrung als eine in ihrem ©ewußtfeiit bollt 
bringen wollen. SluS einem OfterbauS, ber in $eutfd)lanb ein ftmpler 2tgenf 
einet Santpferlinte unb ein Sanbfrdmet in ^Hinois gemefen, ließ fi<b ein un* 
enblicb beffeter amertlanifcbet ®eneral ma(ben, als aus einem Sigel, ber mit 
ber Prdtenfion, ein großer bentfcber ®eneral gemefen ju fein, bie Hier bon 
tlmerifa betrat. Öln beutfdjer $albgelebrter mag hier ©trine Köpfen ober eine 
Parteileitung rebigtrcn müffen; ein beutf<ber Schultet ober Scbnetber, unb je* 
benfallS fein ©obn, Wirb je na<b X^dttgtclt unb Öapacitftt ein felbftftänbiget, 
moblßabenbet amerifantfcber ©fttger, maS in ber SRegel unenbtidfo mebt bebeu* 
tet, als ein beutfäet $albgclebrter ober ein ganzer ProfefffottSgelebrter in 
$eutfcblanb fein. 

$ie beuifdjen 3)urd)f4nittSmenf^en, icb »icbctbole eS, »eit es gtünbllcb 
oerftonben »erben füllte, ftnb ein öapitalelement bes amerifanif(ben ©olfeS. 
©ie bringen ehten gonb bon pbpftfcber unb moraltfcbet ®efunbbeit hierher, 
ohne ben bie amerifantfcbe @efedf(baft uiellei<bt fehtlrtlb berlottern mürbe. 
Sie bringen, unb i<b behaupte bieS bem Umftaitb jum Srofce, baß in poüttfdtcn 
Singen fleh bie $eutf<ben fo gern bet Partei bet abfotut Unjufdebenen an* 
fcßließen, gerabe bie Ölentente bet ÄnSbauet, beS SufmnmenfaffenS, ber be« 
grenzten Segterbe na<b öt»erb unb Grgentbum, bet 3ufammengebßdgteit bes 
üRenfcben mit feinem Ptobnplaje mit pierber, bie bem angelfä<bfif<ben 2lmeti* 
tanet bollfommen ftemb fhtb unb Die ben »obren Äitt großer, jutunftreicber 
Söller btlben. ®egen bie maffenbafte, unbewußte Sbdtigfeit all ber $unbert* 
taufenbe, bie namenllitb na(b ben neueren Staateneinmanbern, Petf<b»ht* 
ben Wie plabettbe ©eifenblafen bie mit pretentiöfem Pemußtfeln oort ßinjetnett 
oetfutbten SSetbetttfcbungSarbeiteit beS SlmeritanettbumS, unb es waren gan| 
befonberS güttflige locale Setbdttniffe notbtbenbig, bamit ein Kann wie &gaf% 



94 


ber einzige (furopder^ bem man eine bebeutenbe höhere Gulturroirtfamfeit ju* 
fprechen muß, einen feften £alt für bie gorm unb ben 3 nhalt feine Seftrebun* 
gen in ÜReuengtanb fiuben lonnte. 

So ift 3 . 33. bie praftifche «Rolle, welche bie fo genannten Elchtunboierjiger 
hier fpieTen, weiter nichts als eine 9toQe im ciSatlantifchen 9ta<hfpiel ber eu- 
r 0 p d i f <h e n SReoolution. 3ß rc SBirffarafeit ift baS (Enbe ihrer eutopäifchen 
iffiirtfamfeit. 3ftr Material ift nicht baS amerifanifche 33olt, fonbern eS fiub 
bie beutfchen noch unamerilanifirtcn fütoffen ber erften hier eingewanberten 
(Generation. Glicht ber leifefte £auch ihrer SBirtfamteit wirb bie amerifaniiche 
SBolfsfeele beklagen. DaS m a f f e n n> e i f e Auftreten beutfcher Sitten 
labt feine (Einbrüde aufs Sfmerifauerthum nicht oerfcnnen; eine bircfte ffiir* 
tung in boctriitärer Sbficht oertünbigter beutfcher SebenSanfchauungen foH mir^ 
erft noch nadjgewiefen werben. So hat bie Obferoanj beS Sonntags im 
SBeften, inmitten einer coSmopolitifdß gemifchtcn (GcfcHfchaft im (Gegenhalt 
ju ben homogeneren Staaten SleuenglanbS, fich wefentlich gednbert. Der 
Sertehr mit ^unberttaufenben oon rechtföaffenen, fittfanten Seuten, bie jeboi) 
ben Sonntag oon einem anbern (GefichtSpuntt auS betrachten all bie äUere 
93eoölferung, mußte mit SRothmenbigfeit gerabe fo fehr ben (Eharafter beS 
amerifauifcfcen Sonntags änbern, als ber beutfche Sonntag, SlngefuhtS ber 
mächtigen üffiirfungen eines befcbaulicben iHuhetageS auf bie raftlofe amerita* 
nifche SBcoölferung, eine anbere Sßhbfionomie annehmen muß. *ßrofeff orale, 
boctrinäre (Grünbe, antircIigiofcS 3«ngenbrefchen, ober gar baS SBergöttern bcS 
beutfchen SlthciSmuS hätten'baS Ucbel gewiß nur ärger gemacht, wenn biretter 
Slugenfchein bic SImerifauer nicht überzeugt haben mürbe, baß fpejiRfch beutfche 
antireligiöfe Denbenjen mit ber lajreu Obferoanj beS Sonntags auch nicht baS 
Slllergeringfte gemein haben, fonbern baß im (Gegenteil gerabe bie allerftrengfte 
Orthoboyie bie Urheberin beS heiteren Sonntags ift. 

Unter ben 2Mionen beutfcher (Einwanberer befinbet fi<h, wenn auch nur 
bünn oingefprengt, immerhin eine geroiffe 2 ln$ahl hoch gebiibeter, einiger Sttaßen 
unb oberflächlich gebiibeter Seute, SRufifcr, Siebte, 2 lpothefer, Sehrer, gnge* 
nieurS, nicht abfoloiitc Stubenten, (GlüdSritter oon mehr taleiboStopifcher 
Gilbung. 2lu<h biefe illaffe wirft ungleich mächtiger auf baS 2Imerifanerthum 
burch baS anfpruchSlofe SEBirfcu in ihren berufen unb burch ihr 33eifpicl, als 
jene Dogmatiler unb $rofeffor:n beS DeutfchthumS. Die Dogmatiter tonnen 
höcßftenS nachtheilig auf bie Slmerifanifirung ber beutfchen wirlen; ihre $rä* 
tenfion, bie Slmerifaner §u germanifiren, ift bis jept eitele fßrätenfion geblieben. 
Durch ihre fülle, unoftenfible Dhätigleit, ich möchte fagen, burch bie hanbmerts« 
mäßige Uebung ihres Berufs brachen $ene langfam, aber ficbcr manche ©reihe 
ins ameritanifebe Sehen. (Es mögen bie Ueberfepungen beutfcher Dichtungen 
unb fHomane, bie burch jene klaffe gebiibeter (Einwanberer oeranftaltet würben, 
aUerbingS auf bie geiftige Stiftung ber SImerifaner einigen (Einfluß gebalt 
haben; allein baran ift nicht §u benten, baß eS bie Deutfchen ftnb, welche ber 
ameritanifchen ffiijfenfchaftiichfeit oorftehen, ober ihr ihren (Eharafter geben, 


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95 


no>$ ba| bic heutigen centraliftrcnben Staat» tbeorieen oon ben Seutfcben 
ausgegangen wären. gut Siffenfcbaftlicbteit muffen bie SKaffen ber Seutfcben 
in ber Union erft wieber auf bem Umwege burcb’S Amerifaitertbum gelangen, 
unb toenri e$ auch in bet Statur ber Sache liegt, baß bie heutige europäiftrenbe 
Mittung be$ amerifanifeben 33olfSgeifteS ben im ©tauben an bie nothwenbige 
Allmacht beS Staates erlogenen SJtaffen ber eingewanberfen Seutfcben fpm- 
patifch ift, fo ift biefe Stiftung bennoeb eine einbeintifcb ameritanifebe, 
bureß ben flrieg erjeugte ©ntmidtlungSfranfbeit, nicht aber bie golge bireft 
importirter Zbeotieen. Sie importirten GentralifationSgebanten wimmern 
gan§ gewaltig, wenn fte suglcicb im Accorbe mit ben ©runbtönen angefcblagen 
»erben, aus betten ftcb baS cinbeimifcbe GentralifationSfpftem, hoffentlich ohne 
©rfolg, aufjubatten beftrebt. 

©in Setfpiel für meine Scbauptung liefert bie SirTfamleit ber beutfeben 
SWufifer. 83on einer höheren Seihe ber flunft, ober oon einem propaganbiftU 
(eben Seftreben ber Ausbreitung beutfeber SKitfif ift nicht bei einem unter 
taufenb SJhtfiflebrern bie Siebe. Sie betreiben Alle ihr ©efebäft als GrwerbS* 
jtücig ober runo heraus als £jaitbwerl. Uitbewujjt muffen fte ihr Streben 
ameritanifiren, unb baburch Wirten fte bann. Unb jwar wie bauptfäcblicb ? 
Saburch, baß fte ben Amcrifanertt bie Scbäpe beutfeber Sonroerfe erfcbloffen 
haben, »eiche bann nicht üon ben Seutjcben, fonbern non ben Ameritaitern 
auf acht bemotratifebe Seife berwerthet werben. Anterifanifcbe Sßrebiger unb 
Sorftänbe non Schuten haben auS biefem ihnen* eroffneten Schabe für ihre 
Äirchcn unb 33oltSf<bulen Stelobiecnfammlungeu gurecht gemacht, bie vielleicht 
bei manchem beutfeben Xccbniter unb Sßuriften Anftoß unb 2ä<beln erregen, bie 
aber an 3tocdmäßigfeit unb Steicbbaltigteit im gefegneten Sanbe beutfeber 
SEUufit ihres ©(eichen fuchen. Sie in unfern bieftgen SolfSfcbulen gebrauchten 
fiieberfammlnngen fmb in ihrer Seife großartige 3eugniffe bemotratifcher An¬ 
eignung beS heften was es giebt für ben alltäglichen ©ebraueb ber 9Jtaffcn. 

SaS Sbenta ber Amerifaniftrung ber beutfeben ©nmanberung tonnte un¬ 
möglich bebanbelt werben ohne baß oorber ber ©baratter ber eingemanberten 
Elemente feftgeftedt unb ohne baß auf ihre Sirtung auf baS oorgefunbette Soll 
SRüdfubt genommen würbe. ©S ift als roäl$e fich ein großer Strom burch ein 
unermeßliches ©ebtet. SaS ihm an ©emäffcru äufließt, nimmt er in ftcb auf. 
Säbrenb lurjer Strecfen fleht man eine jwiefaibe Färbung in golge ber ©in* 
münbung einer neuen glutb. Aber halb oermifchen ftcb bie ©renjen; auS bem 
Aebcn*einanber wirb ein 3iueinanber, unb wenn eS auch einem böcbft geübten 
tritifchen Auge gelingen mag, beim Ausfluß ins UJteer eine qualitative 33er* 
fchiebenheit beS SafferS an garbe, ©efchmac! unb chemifcher 3ufammenfe&itng 
m entbecten, fo tft hoch bie quantitative SJMchtigteit beS Stromes unb fein ©e* 
fammtcharafter baS Augenfällige unb Sefentliche für Alle. Offenbar tft ber 
ade in ihn münbenbe Aebengcmäffer aufnehmettbe £auptftrom ber angelfäcb* 
fifche AmetifaniSmuS. ©S fommt wohl bor, unb baS Seutfchtbum in gJettn* 
fploanien nicht weniger als in ben neueren wefllichen Staaten giebt baftlr 




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$eugni&, ba& ba# einmunbenbe Reinere ©ewäffer fich manchmal bartnädig 
gegen ba# Verfchlungenwerbeu wehrt; baft e# feint# jähen 3 ufammenhange# 
wegen fich länger unncrmifcht ethält, ja fogar lange 3 eit hwburch fich fchwep* 
fällig unb infelartig in bem großen Strome fortbewegt; aber enblich mub e# 
au# feiner Sfolirung herau#, unb feinem langen JBiberftano bat e# biete# jäh 
jufammenhaltenbe Seutfcbthum $u nerbanfen, bafi e# viel fpäter unb mühwtf* 
Ipr ba# gemeinfame, unausbleibliche &\el erreicht al# Rubere. 

2luf ber anbern Seite treten aber auch bem ©nmanberer leine uerfcbiebe* 
nen Sntroicflungeftufen ber Slmeritaner entgegen/ doh benen er eine ju betreten 
unb non welcher au# er weiter fortjufcbreiten hätte; benn im ©aujen genom¬ 
men fiitb fowobl gefedfcbaftlicbe klaffen al# auch Vifoung#ftufen hier fo wenig 
non einanber betrieben, bajj e# bem Stcmbcit fchwer fallen wirb, ähnlich« 
©renjlimen wie in ber alten £eimatb $u jieben, 3cber aufuterlfame Veobach* 
ter bat gewif? fcbon bie Vemerlung gemacht, bajj wenn Europäer jwiftben ber 
VilbungSftufe ihrer £anb#leute unb.ber einbeimifchen Vergleiche aufteilen, fie 
in ber Vegcl bie Slnieritaner mit ben böcbften ihnen belanntcn ober jugäiiglicbeu 
europälfcbcn ©eiellfcbaft#*«ober Vtlbung#fcbicbten jufammenftetleu. 2 )ie Ver¬ 
gleiche miifien bann natürlich 5 U ©itnften ber Europäer aUmfallen. Grft wenn 
man längere 3eit hier gelebt unb fich bie mittlere Vilbutig#ftufe ou# ben fo 
nahe aneinanber liegenben Stremen conftruirt bat, fiiibet ber Europäer einen 
mächtigen Unterfchieb }u ©unften be# ameritanifchen Volte#. 2Ba# bie Slme* 
ritane: nie! mertlicher al# ihr tbeoretifeber VilbuitgSftanb non einanber unter* 
febeibet, ift aufcer ihrer nerjdjicbcuartigcn rcligibfeu Dichtung vielleicht niel mehr 
geograpbijeber Statur al# irgenb etwa# 2 lnberc#. Xu Slmeritaner ift unb wirb 
eiu Slnberer je nachbcm er im Often, im SDefteu ober im Silben wohnt, unb e# 
wirb bie SchneHigteit, mit ber bie Vtetamorphofe be# 2 )eutfchen in# 21 merüa- 
nerthnm nor fich gebt/ niel mehr banon abbängen, w o er auf ben ihn jerjeben- 
ben 2 lmeritam#mu# ftöjjt, gl# auf welche VilDung#)‘chirbt inmitten eine# non* 
tiefen Stapon# er trifft. Xu ariftolrutifche Sübläuoer wirb ben gremben in 
ber ÜDtafje fo fehr abftojieu, bah .et fich fchwerer nationaliurt al# im Olten, 
mäbreub er im Sßcften $u gleicher Seit mit einer erft werbeuben ©efellfchaft 
rafcher feine SJtctamorphofe burchlebt. Stiemal# nerfucht e# ber Vpteritaner, 
tbeoretifcb unb bogniatijch auf ben Europäer ju wirteu; er beult nicht baran, 
feine ©genthümlichteiten bem $eutfchen plaufibel $u machen ober überhaupt 
nationalpropagaubiftifch auf ihn ju reagiren. ffia# wir 3)eutfchtbüiitclci nennen 
unb wa# im ©runbe weiter nicht# al# prppagaubiftifcher 3)ünfel unb Omenta* 
tion ift, banon giebt e# menigften# leine aggreffme anteritanifche Varietät. 
Xu freie, tenbenjlofe Vertehr, ba# anfpruch#(ofe Veifpiel, ba# naefc unb nach 
erlangte Verftänbnijj, unb hin unb wieber gemeinfam unternommene nationale 
Slrbeiteit, wie 3 . V. ber lefcte ßtieg ober allgemeine SSahkn, endlich ber ge* 
meiufchaftliche Schulunterricht in ben greifchuleu, vermitteln unb erleichtern bie 
Vietaniorphofe; .bireft unb abfuhtlich barauf hingearbeitet wirb taum non 
einer Seite, gewifi aber nicht im @ntfernUfteu non ben eingeborenen. 



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Such bk defepgebung bat a*&er ihrem allgemeinen eo«mopotttif<hen ©ha* 
«öfter fpecieB unb biwtt fich um biefe SNetamorphofe nicht betümmert, ttnb men« 
entgehe Staaten bie <Probegeit ber gu Naturaüfirenben non fünf fahren bi« auf 
fech« Senate petabgefept haben, fo mar cd ihnen babei um bie «fonomifche 
Nbfuht |u thun, frembe 2l*beii«fräfte angulpden, gemtö aber nicht, bie Omenta- 
nifuung ber ©ingemanberten gu bejcbleunigen? Die SBetameepbofe oedbringt 
fleh baher ftet« inbioioued, menn auch maffenmeife ber 3aM uwÄ/ ober burch 
Suftünbe uubBJetbältniffe bebingt, aber niemals na$ flategoriee« ober in golge 
beabftibtigtet Statrcgel« unb genetefler $ülfämittet. ©ingemanbecte 3nbhri* 
buen unb SRaffen oerroanbeln fuh gang auf bicfelbe ffieije in Jlmerilaner, mie 
etwa in früheren ©pochen fich hin unb mieber eingtlne frieblkhe, burch 3ufädig* 
feite« ober brnreh «ein prtoatioe ©rünbe beftimmte ©inma»berer au* einem 
Sanhe in ein onbere« begaben, ihre alten Sitten ablegten nnb [ich in bie neue 
Spraye unb in bie neuen Sitten hinemgem&bnten. Die moberne ©inmanbe* 
vung n«h btn Ser. Staaten nnterfcheibet fich bon jene» früheren fporabifch* 
inbioibueflen ©inmattberuitgen nur burch ihre erftaunliche SWenge unb burch bie 
menn auch oergki<h«melfe geringe SBitfang, melche ba« eingemanberte (Element 
«uf ba« bereit« anfäffige au«übt. Sie ift bie gortfepung ber erfien, urfprüng* 
Udjen Skfieblung biefe« Sontinent«, nur bah fte heute auf ein fefcon feft confti* 
tuirte« Soll trifft, ba« feiner ©baratteranlage nach nicht fo hiegfam ift mie bie 
Neuanbauenben, foubern ba« im ©egentpeil biefe auf Kart nnb nach unb na# 
fith felber affimilirt. 

Die eurepdif#e ©inmanberun« hat aderbing« beootgugte Staaten, in bie 
fie fi# ergiefit; im ©angen genommen trifft biefe ©eborgugung aber nur be* 
ftimmte 3*itrdume, fo bafi bei ihrem einftigen Nacplaffen öielleicbt mit Mud* 
nähme ber Neuenglanbftaaten ade Staaten nahegu gleichmäßig Po» ihr erfüllt 
fein merben. Sfflobh fie fich auch menbet, überall trifft fle auf eine au«* 
geprägte Nationalität, bie fich au« fich felbft heran« entmidelt unb bie ihrem 
SBefen nach unenblich weniger geneigt ift, bon fremben Elementen fich beeilt» 
fluffen gn taffen, al« e« bie gremben ben älteren ©inroohnern gegenüber finb. 
So geht ber Umrnanblungöprogefi aller biefer neuen (Elemente in eine einjige 
ftreng au«geprägte ameritonifebe Nationalität unaufvalifam bor fich* — 

Diefet ifi »odfommen friedlicher Natur, infofem e« bie oerfchiebe* 
nen europäifchen ßinmanbetungen unter fi# felbfi betrifft. Da finb ei 
nicht erobembe granlen ober Normannen, bie ben unterjochten ©afliem ober 
Sachten ihre Sitten aufbrängen, ober bk ba« Bolt kt ben heherrfchenben 2lbel 
unb in ben beherrfdjten Bafadenftanb gerfpalten, fonbern e« fammeln fich frei» 
midig unb ohne ©egenmehr in bemfelben ungeheuren Staatencomplej bie über» 
fchüffigen öeo&llcrungen oder Sdnber unb »erf#melgen fich in eine eingige 
grobe ametitqmfcbe Nation. 

Seboch ift biefe« adfeitige ©rgielen nicht« meniger al« abfotut ober oofl* 
lummen gleichartig Ober ba« gange ®ebiet ber Union oertbeilt. #ie unb ba 
taumeln fi# bk Ungehörigen ber ehgthe» Nationalitäten in gtf&eren, gleift* 


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artigeren 2Raffen an, unb es bebarf, um fte gtt ameritanifiren, 'tbeilS 
Wiebet ber angelfäcbftfcben Ginwanberung in i^rer 2Ritte, tbeilS einet lang» 
bauernben SBerübrungS* unb SBerfcbmelzungSprosebur. 3n einem folcben 
3 uftanbe befindet ftcb bie ältere beutfebe SBeoölterung non Ißennfplbanien, unb 
weniger ausgeprägt, bo<b immerhin ttnerquidlicb genug, gewijfe beutfebe 9 Ren* 
fcbeninfeln in 2Rijfouri, Obto, Qnbiana, ^tlinoiS unb SiSconfin. 3a iogat 
in 9tew*2)ort fepeint (leb eine gewijfe Kategorie beS SeutfcbtbumS pennfplbaitU 
firen zu wollen. Set Grunb ber fo äufserft langfam vor ftcb gebenben 9Reta* 
morpbofe in Sßennfplbanien liegt zum X^eil barin, ba| bie Seutfcben in jenem 
Staate auf eine Sorte bon Slmeritanern geftofien fmb, bie nicht flraft genug 
batte, baS beutfebe ffiefen oolltommen gu jerfepen. GS fmb bieg bie Ouäter. 
Sie Ouäfer, bon Anfang an nicht geftäblt wie bie übrigen erften Ginwanber* 
ungen bureb SertilgungStämpfe mit tübnen 3 «bianerftämmen, haben bie glüd* 
liebe Gntwidlung ^ennfploanienS auSfcblieblicb bem SSerbienfte ihre» principe* 
juzufebretben. Sie bertnö^erten habet inmitten ber allgemeinen ameritanijeben 
Gntwidlung. 3ft? ftabiler, tleinlicber (Eharatter war an ftcb biel 5 U beuticb, 
ibr Sefen biel in fcfconenb unb milbe, ihr ganzes Auftreten biel in Reinbür* 
gerlid?, als bafs fte baS beutfebe SQBefen aus ben Seutfcben hätten auStreiben 
lönnen. Sie pennfploanifcb-beutfcbe Ginwanberung in ber SRitte beS vorigen 
3abrbunbertg ift baber nur bem paf f iben Ginflufj beS SetglcicbeS 
mit ben Ouäfern unb ber gefammten allgemeinen SanbeSoerbältniffe unter« 
werfen gewefen; aus bem Stabium beS SBergleicbenS — bem Stabium jeber 
erften Generation ber Ginwanberung — ift fte habet nicht berauSgelomnten, 
fonbem fte ift in biefeS Stabium gerabeju eingerkftet. Samit fte in <$lu& 
lomme, muff erft baS ganze Ouädertbum bon ber allgemein ameritanifeben 
Gntwidlung uerfcblungen worben fein. 

Siefelben Grünbe, bie attd ber englif(ben, f<bottif(ben unb bol* 
•Idnbtfchen Ginwanberung baS jefcige ameritanifebe Glement erzeugt buben, 
mit SfoSnabnte natürlich heg als beenbigt angufebenben ffiertilgungS* 
lampfeS gegen bie 3nbianer, wirten auf alle anbem Ginwanberungcn in äbtt* 
lieber Seife. Surcb ben Äampf mit ben Glementen, mit boütommen freier 
Goncurrenz, bureb ben Äampf mit einem Sorte für eine neue Giften* unter 
neuen Umftänben wirb im Seutfcben gerabe fo febr, wie im Bngelfacbfen baS 
Gefühl ber Selbftftänbigteit unb bag »ewufctfein uon ber Stotbwenbigfeit ber 
3nitiatibe erwedt. Ser ftaatlicben SJerwanbfebaft, ber gürforge feiner früheren 
Gemeinbe, einer ihn auf Schritt unb Sritt beobaebtenben unb conrolltmuben 
Sßolizei, bem 3wangSgebot feiner ätaffe, feines StanbeS, feiner ffleligionSge» 
«offen, bem ftiüfcbweigenb brüdenben Srud einer engherzigen öffentlichen 
SReinung entgangen, ift er'auf einmal unter SRiHtonen freier 2Renf<ben auf 
feine eigenen güjje gefteüt, auf fein eigenes Urtbeil angewiefen, unb gerabe 
wie btefe SRillionen, §um Stange eines Schöpfers feines eigenen GtüdeS beför* 
bert. Gigene Grfabrung, eigenes prüfen unb Sßäblen, bie gröbere Siotbwen« 
bigteit ber Selbftbütfe, bie Sabmebmung bon allgemeinem HBoblftanbe unb 


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fixerem Auftreten ber filtern ©eoölferjmg geben feiner SeobGdjtungSgabe, 
feinen ©efüblen, Dann feinem £anbeln unb eitblid) feinem Renten eine 
neite Dichtung, imb auS btefen Umftänben erflärt fi<h bie SBabrnebmung, ba& 
trop aller nationaler ©erfchiebenbeiten alle Slmerifaner, wefj UrfprungS fte auch 
feien, etwas ©emeinfdbaftlicbeS haben, baS weniger bi« als j. 33« bet in Europa 
reifenben ober bortbin jurudgefebrten $eutfcbamerifanern auffällt. $ie 
©erfchiebenbeiten fmb noch immer fo bebeutenb, bafj baS ©leicbartige unter ihnen 
hier in Slmerifa nlc^t bemerft wirb ober boeb nicht befonberS auffällig erfebeint, 
mäbrenb ftcb in Europa baS ©leicbartige im ©buralter unb im Sluftretcn ber 
Slmerifaner aller ©erwanblungSftufeU auf bem fo wefentlicb Perfcbiebenen 
curopäifcben $intergrunbe Picl auffallenber abbebt. ©tan erlennt in ©uropa 
jeben Slmerifaner, web UrfprungS er fei, unb ob er auch nur wenige Sabre 
biet gelebt. 

3)o<b ift baS Sicb-^merifaniftren noch um manche Stufe Pom wirllicben 
Hmerifanifittfein entfernt. $ie gröbere £errfdjaft über bie englifebe Sprache, 
bie SBabl PorjugSweife amerifanifeber ©efebäftigungen, bie Slngewöbnung ber 
Slrt unb SBeife, wie Slmerifaner jebeS ©ef<bäft, jebe Untemebmung anfajfen, — 
bicS SlfleS fmb weitere Stritte $ur Slmerifaniftrung. ©tit ihnen beginnt baS 
£erantreten beS gremben an baS ©inbeimifebe unb feine eigene affpe ©etbeili* 
gung an bem SBerf feiner ©tetamorpbofe. 3« biefem Stabium tritt ber grembe 
aus bem ©ergleidjen beS ©euen mit bem Sitten heraus unb e n t f $ e i b e t ftch 
in ber ©egel für ba$ ©eue. 

Sn biefem Stabium werben’ bie Segriffe Pon beutfeber Solibitdt unb 
Sparfamfeit erfebüttert. Sie würben nicht mehr als Dualitäten beS ©barafterS, 
fonbern als Schwäche beS UrtbeilSpermögenS erfcheinen. 3 n biefem Stabium 
erfdbredt ber $)eutf<be nicht mehr über fünfjöllige ©lauern unb pierjollige Sßfei« 
l*r an ©ifenbabnbrüdten, noch f$eut er ftcb, in jeber Saifon aufs ©eue bie 
SluSgabe für einen anbern Slnjug $u machen. Seine 3iele erweitern ficb, unb 
er berechnet nicht mehr fo ängftlich, wie weit er’S mit feinen ©tittein bringen 
lann, fonbern fängt an barüber natbjubenfen, wie er $u weiter geftedten 
Sielen anberer fieute ©tittel, bie fnh gebrauchen lajfen, audb wirtlich befchaffen 
lönne. 3« biefem Stabium, mit einem Söorte, Petfucht eS ber $eutf<be, auf’s 
amerifanifche ©IgtteiS ju geben, ©och bat er ju lernen, wie man mit Slnftanb 
fällt unb fi<b fo fchnell wieber aufrafft, bap man barüber Pergifct, bafj man ge¬ 
fallen war. Sluch baS wirb er halb lernen. 

3m Stabium beS ©ergleictenS nämlich fmb bie $eutfcben, welchem Stanbe 
unb ©ilbungSgrabe fte auch angeboren mögen, hier nicht anberS, als fte in 
allen anbern Säubern fmb, nach benen fte bie aoentureufe ©ichtung ihres ©a- 
tionalcharafterS treibt. Sie fönnen ben elementaren unb focialen ©inwirfungen 
ber neuen 2age nicht entgehen, aber fte fträuben fleh gegen ben Untergang 
ihrer ©gentbümlichfeiten. 3)ieS Sträuben ift pon um fo lürjerer 2)auer, je 
jünger bie ©ingewanberten fmb, je mannigfacher ihre Schiebungen $u ben ©in- 
geborenen werben, unb je banbgreiflicbet unb auffälliger ber ©ergleich beS 


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Sitten mit bcm 9ieuen ju ©unften be! Sefcteren au!f<hlagen muß. $a! beut« 
fcfce Äinb, ba! mit ©ingeborenen in bie Schule gebt; lernt rafcb bie neue 
Sprache unb fprießt fie lieber al! feine Mutterfpracße. S«h! ameritanijebe 
Knaben in einer Schule, bie oon breiig beutfehen Änabcn befucht mirb, oeran* 
laffen bie ganje klaffe, fortmäßrenb unter einanber ©nglifcß ju fprechen. günf 
Millionen 2)eutf<he in ben SSer. Staaten haben noch leine fünf Xaufenb Slme* 
rifaner oeranlaßt, gehörig $eutfcb ju lernen. SBächft ba! eingemanberte beut« 
f(he Äinb unter fpeciftf<b*amerifaniicben Verbältniffen auf, — mirb e! §. 33. in 
ba! 5)ampfboot* ober ©ifenbahmoefen oericßlagcn,— fo mirb e! oielieicht immer 
noch einzelne Spuren feine! Urfprung! burch! gan$e Sehen bemabren, aber im 
©an$en mirb e! bie Metamorphofe in! Slmcrilanerthum feßon in ber erften 
©eneration bureßgemaeßt hüben. $ie SBirtung biefer Metamorphofe auf ba! 
gefammte Volt !ann begreiflicher fficife nur fehr unbebcutenb fein. Sie mirb 
nur bureb oerhältnißmäßig menige Snbtoibuen oermittelt; ha! ber Vecmanb* 
lung uutermorfenc 2)eutfcßthum biefer menigen 3 ,l bioibuen äußert ficß fo 
fhmaeß, bah e! feßon barunt mirfungüo! an ber Menge amerifanifcher 33erüh* 
rungspuntte abgleitet, unb e! bleibt nur ber numeri)<be £umacb! eine! ^übi« 
üi&uum!, beffen allgemein menfcßlühe Anlagen traft feine! Urfprunge! fich 
ohne jeben 3^eifel etma! anbei!, eirna! an! 2)cut)che erinnerlich enimicfeln 
merben, ohne e! barum oon ben Slmerifancrn auf eine SBeife ju unterfcheiben, 
bie feinen Urjpruug anbei! al! etma bureb ben fllang feine! tarnen! oerra* 
then bürfte. 

Sluf eine ähnliche SGBeife ameritanifiren fich, inmitten compatter beutfeher 
33eoölterungen, Saufenbe oon beutf<hen $ienftmäbcben in erftaunlich furzen 
3citräumen. Jtächft ben Äiubcrn lernen fie am fchnellften ben ©ebrauch ber 
engliiehen ©onoerfatlon!fpracße, unb nicht! ift gemütlicher, al! Tie fogar ficß 
be! höheren ftereotppen ©emohnheiüjargon! ihrer Sabie! bebienen ju hören. 
$a! beutfdje 2)ienftmäb<hen in ameritanifchen Käufern mirb unter jehn Malen 
neun Male jur Slmeritanerin, führt, felbft menn fie einen beutfehen heirathet, 
fo oiel al! möglich eine ameritanifebe £au!haltung, lleibet fich mie eine Slme« 
ritaneriu unb mirb ©nglifch mit ihren Jlinbern fprechen. £ie romantifhe Sin« 
ficht oon ber beutfehen Siebe, bie, in Verbinbung mit ben Scßmierigteiten, melcße 
in $eutfcßlanb bem ©ingehen Oon ©ben entgegenftehen, braußen fo häufig *u 
außerehelicher IRacßtommenfcßaft führt, oermanbelt fuh faft ohne' SluSuahme bei 
biefen Mäbchen in bie gefchäftliche Slnfhauung!meife ber prattifchen Slmerita« 
ncrinnen oon ber Siebe. Sie befommen ihre flinber erft in ber ©he; ^ann 
betommen fie beren aber genug, ba bie Slmerilanifnung in ber erften ©enera« 
tion fich unmöglich bi! sum ©räuel ber Vertilgung ber Seibe!fru<ht, ber in bcin 
ameritanifchen Mittelftanbe — menn man oon einem folcßcn reben tann 
— fo gebräuchlich ift# oerfteigen tann. 3m ^anbumbrehen hat e! ba! 
beutfehe $lenftmäbcßen in Slmerifa meg, baß e! feiner ^errfchaft nicht feine 
3eit oertauft hat, mie bie! in 2)eutf<hlanb ber gall ift, fonbern baß c! gegen 
eine fee monatliche 33e$ahlung nur bie Slu!führung gemiffer Slrbcitcn übers 



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nommeit. 63 bemüht f«b baber, um möglicbft oiel 3*ii für fkb felbft $u et* 
übrigen, (eine Pflichten auf jene ben Slmeritanern fo eigentümliche ejrpebitioe, 
fcbematiftifcbe SDBcife $u tbun. Seine ©rünblicbleit befommt baburdj oieüeicbt 
eine 33refcbe, aber e3 gewinnt offenbar an 6infi<bt< Seicbtigleit ber ©ewegung 
unb Selbftftdnbigfeit. 63 ift feine SJtagb mehr, fonbern e3 ift jur (Sebülftn in 
einem £au3balt gemorbem 63 tann bienen unb babei fo ftoI| fein, tote feine 
$errf<baft. Seine Arbeit förbert e3 burcb hoben 2obn, unb ber bohr £ob» 
unb bie greibeü feiner Stellung futb ibm bie äußerlichen ©emeife für bie 6b* 
renbaftigfeit ber Arbeit. 63 ift oieüeicbt mehr JDtogb in feinem eigenen #aufe, 
toenn e3 einen notb unamertlantfttten 3>eutf<ben ^eirat^et, al3 e3 in feinem 
Sienfte toar; aber e3 wirb e3 bem „grünfften" Seutfcben fcbon beibringen, baß 
bie Stellung ber grau in Slmerifa eine aitbere — unb äußerlich unb in ber 
SRegel gewiß eine beffere — ift, al3 in 3)ßutf<blanb, 

Sie i<b Be B<b entpuppen fab! 2H3 fcbmerfällige, plumpe trampeln la« 
men fte au3 ber Schwei j unb au3 unfern füb«beutfcben ©auernbörfern an! 
Ueberftbafft, mit frummen gingetn, mit gebeugtem IRüdgrat, ba3 ©efl<bt mit 
einer Sonnen* unb ffietterlrufte überzogen! ’3n brachten geftedt, an benen 
man atebalb bie 2lrbeit3brobnen je na<b bem Stod erfannte, bem fte entflogen! 

* SGßie B<b ba3 blutete, toie ft(b ba3 frei wachte! 6rft oon ben ferneren, eifen* 
befcblagenen Schuhen; unb bann oon ben ferneren, belieben 3ottc(mu&en. 
Unb bann mürben flleiber getragen, mie alle grauen unb SDtäbcben fte tragen 
Oon einem 6nb’ be3 Sanbe3 bi3 §um anbern; unb bann mürben bie $aare 
au3 bem ©efubt gefdmmt, unb gepflegt unb )ier(i<b gf orbnet, mie e3 $um nun* 
mehr frei gemorbenen flntlifc unb nicht gerabe ju be3 beimifeben 2)orfe3 Sitte 
paßte. 2fu3 ber £ra<bt in bie mebijdbe Reibung, unb ber äußerliche lieber* 
gang oon ber beutfeben 9Wagb inO ameritanifebe freie 2Beib mar entfebieben. 
S)ie ftrbeit, bie fte hier febafften, mar 6rbolung gegen bie einer beutfeben ober 
febmetjeriföen $au3magb; Br butten fortan 3rit# an Beb fclbfl, an ihren $uß, 
an ihre 3ufonft $u beulen; — nicht ein 3abr im $ienft, ba nabt Beb 6iner, 
noch 6iner, ein dritter, niebt um fie ju oerfübren unb bann ju oerlaffen, fon* 
bem um fte beim $u führen al3 £erttu in feinem $au3 ober auf feiner gar nt! 
$a ßnb ©egenben in 3ßinoi3 mit reichen Gtäbtcben, umgeben oon Saufenben 
oon praebtooflen garmen, mo in jebem $aufe unb in jeber garm eine wohl* 
babenbe $au$frau regiert, bie noch oor wenigen gubren eine emgemanberte 
3Ragb gemefen. ISie Br btaußen bid thnn, menn einmal ein ganj befonber3 
mit Schönheit begnabigte3 arme3 ©auemtinb oon einem görfter brimgefübrt 
wirbt Sffiie Br’3 in Romanen betreiben, baß ein ginbeltinb einmal eine gute 
Partie gemacht, unb wie B<b taufenb Uugen neben, weil bie arme 2Baife oon 
fladmoöb am 6nbe ben ©rafen oon IRocbefter briratbet! ©rafen fmb’3 freilich 
nicht, unb auch leine SRemanbelben; aber Xaufenoe oon reebtfebaffenen, woblba* 
benben ©ßrger3leuten oerwanbeln birr alljährlich ebenfo oiele beutfebe SWägbe 
in ameritantfte #au3frauen. 



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102 


$ag genoffene ©lüd unb bie ©rfüflung njeitf^Ttc^or Seftimmung ffnb eg, 
bie bet gahllofen fremben SJtdbchen mtb grauen bie 2lmerifaniftrung # beginnen. 

Saht 3bt jemals auf pfdlgifchen föübenfelbern ober auf ben ^flanjungen 
Pon SJtebiginalfrdutern in -ber Stdbe pon Hueblinburg «^unberte Pon grauen 
Sage lang auf ben flnieen liegen unb Unlraut augreifjen? Saht 3b* in ffieft* 
preufjen eine flub unb ein S5?eib gufammen an ben Sflug gefpannt ? Gabt 3b* 
bie Sinnen im SRbeingau fcbtoerc Saften non Junger auf ihren Äöpfen bie 
Serge beauftragen? SBifet 3fo wag 21 Ile3 eine OTagb im ßanton Sprich 
für 5 big 6 granlen per SMonat fefeaffen muh ? £abt 3b* in baierifcbcn 3)5r* 
fern bie Sdjaarjen Pon „unehelichen* 2)irnen gefeben, tie ffcb nicht auf bie 
Sdnfe fe$en bürfeit, fonbern am ©ingang ber ßircben ftcben bleiben muffen, 
weit fie einem außerehelichen Jtinb bag Seben gegeben? Seib 3br in beutfcben 
unb in frangöfifchen ©efdngniffen getoefen, unb wißt 3br, warum jene $au* 
fenbe non SBeibem unb SDtäbcben bann fcbmacbten unb bollenbg gu ©rtmbe 
gerichtet werben? flein SBunber, bab bie grauen ftch hoppelt fcbnetler alg bie 
SJtönner amerifaniftren! 3 m Saufe ber ©enerationen Perlieren fte Pielleicht bie 
Strammbeit ber Sflugteln, bie SRotbe ihrer SEBangeu, bie guHe ihrer Süften; 
fte tonnen pielleicht nicht mehr gwei gange Äirchweibnacbte hinter einanber mal* 
gen ohne unt 3 ufa(len, — aber wag ihnen bie Statur beg Sanbeg genommen 
bal bat ihnen bie ©efellföaft taufenbfdltig vergütet! Sticht ben togmopolitifch 
er 3 ogencn, woblhabenben europdifthen Stäbter mübt ihr fragen, nicht ben 
fupertlugen, beutfchftolgen Siteraten, wie bag 2lmeiifant)lrt-2ßerben tbut! 3 eu e 
SHillionen europdifcher 3fctlberitinen fragt, unb wenn fie’g bag fchnell Pergeb* 
liehe ©lud nicht febon hat gattj unb fpurlog perfebmergen laffen, bann werben 
bie ©ucb’g fagen, wie ftcb’g fo leichtweg untergebt, wenn man fo herrlich auf» 
guerfteben gewiß ift. 3ucrft haben fte bie alten brachten mit ben neuen allge» 
meinen SJtoben gewedbfelt; bann haben fte 3*it gewonnen, um Sorgfalt auf 
ihren Seib gu perwenben; bann haben fte flint unb intelligent arbeiten gelernt; 
bann haben fte greube an ftch felbft empfunben; bann haben fte fi<b alg freie, 
felbftftdnbige SBefen achten gelernt, unb frnb enblich, in eine ihrer mfirbige ©i* 
genthumg* unb gamilien*Sphdre Perfekt, gange, perfeite grauen geworben. 
Sbobbieg im kleinen, werben fte oielleicbt eine 3eitlang gu großen SBerth auf 
Sleußerlichfeiten legen. Slber nur für eine Seitlang« Schon ftebt ber grobe 
Shobbp, bab bie Kleiber wohl Seute, aber nicht gerabe bie beften Seute machen. 
Schon hat er ben gebildeten SBoblftanb gegwungen, auf höhere Mittel ber Slug* 
geichnung gu ftnnen, alg auffallenb retdhe Äleibertracht. 2luf ihrem eigenen 
Stipeau muffen bie entpuppten beutfcben grauen wohl auch burch biefe Shorbeit 
waten; aber ihnen ift fte ein unenblicber Segen, unb wahr unb wahrhaftig eine 
Schule ihrer Siloung unb Sßermenfchlicbung. 

©ang befonberg auffallenb ift bie Slmerifaniftrung beutfeher flinber in ben 
amerilanifchen greifchulen. 2)tan lann faft mit Seftimmtheit poraugfagen, 
wie je nach bem Sitter, in welchem ein beutfeheg ScbuÜinb in eine greifdjule 
eintritt, biefer $rogeß ftch Pollbringen wirb. S^i flinber pon benfelben ©Item, 


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103 


»on benen böS eine im Sitter non fieben, baS aitbere im Sitter non elf Sauren 
in bie amerifantfcbe Schule fommt, merben fid? baS amerifanifcbe SGBefen auf 
total nerfdpiebene SBeife aneignen, 55aS jüngere fiinb toirb fcbon nach ben 
erflen SBocben ameritanifirt fein. ©S roirb Sitten erfabrungSmäfng lernen, ftcb 
um Kegeln nicht befümmern, noch ficb um bie ©rünbe für baS So ober KnberS 
umfeben, fonbern neben einanber, mit 3u$iebung ber SßrajiS, taufenb oerfebie* 
bene SBorte buebftabiren unb bie mannigfaltigften Kennungen lernen. 3)abei 
toirb es im Umgang mit ben anbern jungen im ^anbumbreben ©nglifcb fpre* 
eben lernen, toirb bie Kamen aller $ampffpri|en, bie 3)ide unb Tragweite beS 
ÜBafferftrablS tennen, unb oicl ntebr überhaupt aus bem Umgang als non ber 
Sebre profüiren. Seine Sebrer toirb eS nicht befonberS refpettiren, fub um 
Sob nicht befonberS bemühen unb Strafen nicht befonberS fürchten. ©an§ an* 
berS bei bem älteren beutfeben Scbulfinbe. gür biefeS finb SBücber unb Sebrer 
bie Quelle aller feiner flenntniffe. S)er elfjährige Sunge ift bereits fo beutfeb# 
baff er ftcb na<b allgemeinen Kegeln umfjebt, too Erfahrung unb ©ebäcbtnifi 
für ben jüngeren auSreicbeu. gür ihn giebt es KuSnabmen non ber Kegel, 
toäbrenb baS jüngere beutftbe ifinb auf amerifanifcbe SBeife baS Kegelmäfjige 
unb baS KuSnabmSroeife neben einanber lernt, ohne ftcb um biefe Äategorieen 
iu tüntmern. 2)er jüngere lernt mit bem SBillen, ber Keltere bureb baS 
SBiffcn. 3>er Keltere ift offenbar im Kacbtbeil gegen ben 3üngeren. S)enn 
ba bie amerifanifcbe Sebrmethobe mehr auf bie niecbanifben, irainirbaren ©u 
genfdbaften beS KerftanbeS berechnet ift, als auf bie abftrabicenben Qualitäten 
beS ©elftes, fo bauert eS jicmlicb lange, bis er ben Sebrer unb bis ber Sebrer 
ihn oerftebt. Sobalb biefer KlitteU©runb gefunben ift, fängt baS ältere fiinb 
an, ficb auf bie Seite beS SernenS burd? blofje ©r jabiung $u neigen, unb bann 
gebt eS gleichen Schrittes mit ben übrigen ooran. 

Sin fpäteren SebcnSaltcr ift ein completer Uebergang oon beutfeber ©ei* 
fteSricbtung in bie amerifanifcbe noch oiel fchioieriger, unb auf bie $öbe beffen, 
toaS man etioa eine pbilofopbifche SebenSanfcbauung ber Kmerifaner nennen 
lönnte, tommen bie 2)cutf<ben erfter ©eneration boebft feiten, oielleicht niemals. 
Kiir ift loenigftenS nicht ein einziges SBeifpiel betannt, bajj in einem in fertigem 
Kfter ©ingeioanberten biefe Kictamorpboje ootlfommen ju Stanbe gefommeu 
märe. ©S ift mir fein beutfeher ^ournalift oorgetomnien, ber in feinen Kn* 
febauungen ein echter amerifanifeber $olitiler gemorben märe, ober ber bur<b 
feine Krbeiten bemiefen hätte, bajj baS ameritanifcb^bemotratif^eSBefen ihm in 
gleifcb unb 93lut übergegangen fei, 3$ tenne nicht einen einigen beutfeb* 
ameritanifeben ©eiehrten, ja ich ipeiji, bab feiner eyiftirt, ber ftcb bie amerifa* 
nifeben $crfettibilitätS*3been angeeignet, ober ber, um ein amerifanifeber grei* 
benfer ju merben, feine früheren pofitioen KeligionSanficbten erft im Sichte 
etma oon SmebenborgS Sebre oerblaffen lieb« $er beutfebe greibenter in 
Kmerita tann feine Schule bilben unb feine $ropaganba auberS als unter fei* 
neu Stammgenoffen machen. Seine greibenferei ift rein negatioer Krt, bat 
% feine S3afl3 in Sanb unb Seuten unb oerläuft ftcb ftets im gnbifferentiSmuS, 


8 



104 


Mltt ein Ginjfger bat fleh erfotgreic^ bemüht, We beutfdbe conffrattioe Sbilöft« 
pW« hier jur Geltung ju bringen, unb bet $eutf<be muff total untergeben, unb 
feine Nacbtommen müffen fleh oorbet total amerilantflren, bamlt fle erft wiebeo 
burcb ben NmerifaniSmuS ni(bt nur mit bern, »a« matt etwa amerilanijcbe 
$bifofopbie nennen barf, fonbern bamit |ie auch wicber mit beutfcber ?büofo* 
Pbie belannt »erben fönnen. ©an| baffelbe gilt non ber Jtunft urtb big ju 
einem gewiffen ©rabe fogat Oon ben elften SBiffenfcbaften. $a« birefte 
Sufpropfen beutfcber Jtunft unb ffiiffenfcbaftncbleit auf ’ba« ametifanifcbe SBefen 
ift abfolut unmöglich, ober ift bocb bi^^cr noch niemals geglücft. $cutfcbe5 
Wut, beutfdje* ©ebitn, beutle 3nftinfte unb gäbigWten »erben aber offenbar 
Ät bett folgenben ©enerationen mebt ober weniger »efentHcbe Seränberungeit 
itt aOcit ameritanifcben ©eifte«* unb ©emütbsbeftrebungen erzeugen. 3)ie 
©terüität ber beutfcben ©inwanberung in allen biefen Micbtungen bat baber 
webet etwa« ©tftaunlicbeS, no# £roftlofe« für mich. 3b** Aufgabe ift cSJoot 
Slllem, fleh sn ameritanifiren, bann erft wirb fl* in ihrer neuen ©eflalt bie ge« 
'meinfame Slrbeit biefe« Solle« weiter förbern helfen. Nucb bat biefe« oorgän* 
gige Uebergeben in Stmerifanismu« burebau« niübt« Sefcbämenbe« für ba« 
eingewanberte ©fernen!. <S« liegt im ©egentbeil fo oofllommen in ber Matur 
ber Sache, unb ift eine fo erllärlicbe ©ultumotbwenbigleit, baff bie Äategorieen 
be« Sefcbämenben ober be« beleibigten Nattonalftolje« al« eitel fentimentale 
Schwächen erfebeinen. 5)ie Arbeit, bte ba« amerifanif<be Sol! in bet SWenfcb* 
beit«ent»i(tlung ju oollbringen bat, ift oorberbanb no<b nicht in ber Sorm ber 
freien ©efeüfcbaft, fonbern noch einmal, unb boffentlidb jum legten -Wal, in ber 
tjmrm einer jtreng bejeiebneten Nationalität ju ooHbringett. $ie Nmerilaner 
flnb bi« jegt webet au« bem ©egenfafc jum Staat noch $ur Nationalität be** 
ausgetreten, ©be wir Staat unb Nationalität oerniebten unb burcb bie freie 
©efeüfcbaft erfepen tönnen, müffen wir oorerft Staat unb Nationalität in ihrer 
böebflen flraft unb Sebeutung berftetten. Um an biefer näcbflen Nrbeit mit« 
helfen ju lönnen, müffen wir oor Mttem ganj unb ohne Sorbebalt biefem 
StaatSwefen unb biefer Nation emgebören. 2)a« ift unmöglich, fo lange wir 
noch $eutf<be flno. Äein ©lement wirb nach Ooübracbter ÜRetamorpbofe in 
ber SfcfretungSarbeit oon Staat unb Nationalität tüchtiger mitten, al« ba« in 
ba« Mmeritanertbum oerwanbelte 3)eutf<btbum. ffier fo auferfleben, alfo in 
feinen Ma<btommen fortleben wirb, für $en foüte ber Xob leine Scbrecfen haben, 
uttb für Sen foüte ber al« Untergang be$ei<bnete 3wftanb ber ooübrachten N2e* 
tamorpbofe nicht« Schimpfliche« enthalten. Huch wehrten wir un« gerabe fo 
oergeblicb gegen unfern nationalen al« gegen unfern pbpftfehen £ob. Um ben 
einen nicht fterben ju müffen, burften wir nicht geboren werben; um bem an« 
bem auSjuraeicben, muhten wir nicht auSwanbern. 

Htterbing« ft5rt un« in biefem ©ebanfengattge ba« Auftreten einzelner 
( blüht jufammengebaüter ©ruppen oon Seutfcben, in benen ba« Seutfcbtbum 
l fleh mit flätlerem ober fcbwäihtrem Sewufjtfein gegen feine Stuflöfung in« 

, Mmerilanertbum fperrt. Stören mag e« un«, — aber irre machen foüte e« ' 


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105 


uns nkht* SiefeS Wale 3ufammenbaöen oethinbert bie ÜÄetamorpbofe nicht, 
foitbem es fchiebt fie nut weiter hinaus. 3ch rebe gar nicht baoon, baß baS 
(Segentheil münfchenSroerth wäre. 3)enn ba biefe^ .ßufamnunUben bisher 
ttirgenbS eine höhere Entwidlung beS 3)eutf<hthum$ jur golgc hatte; ba 
aller Sohlftanb unb SReichthum es nirgenbS gu einer höheren Stufe ber ©e» 
ftftung unb ©Übung im beutfchen Sinne biefer begriffe geführt hat, fonbern 
ba fkb höchftenS baS materielle Sebcn mit größerer güüe unb reicherem Gemfort 
umgab; ba fich Weber in fünften noch in Sijfenfcßaften, Weber in (Errichtung 
öffentlicher ^nftitute noch in Serien bet SDfcnfchenfreunblicbfeit bet fpejiftfch 
beutfche (Seift heroorgethcm, unb ba in biefer $infi<bt gerabe bie reichften beut* 
fchen (Scmeinben oor ber ärmften nichts oorauS haben, fo fann i$ ben SJortheil 
biefer fo permanenten ©erlnöcberung be« $eutfcbthumS burthanS nicht einfeben. 
3ugegeben bah bie beutfchen -UJtenfchemnfeln im Seften, namentlich in Sin» 
cinjwti unb St. CouiS, in einem höheren Stabium ber 2Retamorphafe oerfteinero 
»erben, als fuh bie pennfploanifchen Eeuffcßen oerfteinerten — fo ift bo<h$er 
ein atget Starr, ber, »eil er mit ©ortheil unb behagen unter $etrefalten' 
feines ©leichen athmet, fic noch immer fo feht geiftig mit bem $eutfchthum 
oerbiinben hält, bah fte hier auch noch mit ber ©emegung beS beutfchen (Seifte* 
jufammenhängen unb mit ihr fortfehreiten Idnnen. Sin neuer (Seift wirb ihnen 
eingehauebt »erben unb fie unter bie Sebenben turftdführen, aber biefer (Seift 
wirb ber amerilanifche fein* 

Soff ich ein ©ilb biefeS oorübetgehenben ffierfteinerungSprüceffeS ent» 
werfen ? Sie Xaufenbe oon beutfchen in gemiffen Stabttheilen unb in ge» 
wijfen SouutieS infelartig abgefchloffen bei einanber wohnen ?. Sie fie ihre 
Äinbet ju $aufenben in beutfche EonfefflonSfdhulen fchiden ? Sie fie ben 
beutfchen Sonntag als ein fpecififcheS UnterfcbeibungSmerfma! aufrecht erhalten ? 
Sie fte alljährlich mit fchlechteren beutfchen Schulen, mit erbärmlicheren beut» 
fchen Theatern fich begnügen ? Sie fie bie treffüchften ameritanifchen ©il» 
bungSanftalten nicht benußett, unb fich ju gut bafür büulen ? Sie ihre Za» 
geSblättcr fich in Snßalt, gorrn unb Sptachoerberbniß beit pennfploanifchbeut» 
fchen Journalen nähern? Sie oon beutfeber Seite ber Stanbpuitft beS 
©ergleicßeS ihrer felbft mit ben Slmerilanem geflijfentlich aufrecht erhalten mirb ? 
Sie in ihrer 3Jtaffe bie beutfchen auch nicht baS (Seringfte oon englifcß» 
amerifanifcher Siteratur lennen, unb außer ber 3ournaliftil abfolut nichts 
Erhebliches auf biefem gelbe beroorbringen ? Sie fte ftch in ber ©olittt 
gerabe in berjenigen Dichtung gefallen, bie am meitefien OOn allen amerilanifchen 
Stanbpunlten abweicht unb bie ftch ben mitgebrachten Gegriffen oon $errfchaft 
be* Staates über bie ©ürget am meiften näbert? 3$ gehe abftdjtlich auf biefe 
fünfte nicht näher ein, um bem ©orwurfe ber Sefbenfcßaftlichfeit leinen ©oc* 
wtmb in geben* Ser aber (Selegenheit hat, in Stäbten wie St. SouiS, 
Gincinnati unb Ehkago felche beutfche öingewanberte, bie in täglichem offenem 
©ertehr mit Stmerilanew leben, mit gleichgebilbeten beutfchen §u oergleichen, 
bie ihren regelmäßigen Umgang ln jener feftjufammengeballten beutfche» (Be» 


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106 



feUfcbaft fließen, ber wirb nicht nur finben, um wie oicIc-3 weiter bie Sehlem in 
ihrer 'Utetamorpbofe finb, fonbern er wiro auch fidjcrtid) barin mit mir 
fibereinftimmen, baß bet Silbung3grab unb ber Silbung«trieb berfelben ein 
höherer geworben ift unb baß fte biefen gortfcbritt nur ber in ihnen rai<ber »ot 
fuh gebeuten Slmeritanißrung »etbanlen. iöci tiefen werben bie Sergleicße 
fruchtbar, weil fie nicht mehr auf puren Sleußerlicbfeite» beruhen, fonbern bie 
Elemente ber Serfcßiebenbeit begreifen. Sei biefen faden fchr fcßnell jene 
angeblich moralifdjen SWaßftäbe weg, bie nicht etwa ben hohe» beutfcßen Se« 
griffen non achter Sittlicbteit, fonbern beutfdjen Schrullen, beutfcßen 3bio* 
fpnctafieen, beutfdjem Sparticulariämu« unb batau« heroorgehenbet beutfchet 
dnghetjigleit entfpringen. 

Met troß allem bem wiberftehen auch biefe im Serroften begriffenen 
Saßen nid^t auf bie Sauer ihrer Serwanblung in« Slmerilanerthum. So 
brängt fuh bie englifche Spraye feit ben lebten Sahren mit Sacht in ba« 
pennfofoanifche Seutfchthum, unb eine Senge reicher pennfploanifcher Säuern« 
föhne, beten eitern noch bamit prahlten, baß fte nur „baitfcß fcbwäße" lönn» 
ten, flehen bereit« mit heiben güßeu mitten in dcht amerilanifchem Seien. 3m 
ffieften »ergrößert f«h jwar burch bie jebe etwarhmg übertreffenbe Ginwanbe« 
rung bet 2Hu»terftod für biefe SerfteinerungSprojebur, aber bie Serüßrung«« 
puntte ftnb hi«* ft mannigfaltig unb jaßlreich, bie internationalen £eiratßen fo 
häufig, bie gemeinfamen Säuberungen nach bem fernen Seiten fo alltäglich, 
ba| in febem Sali ein feht bebeutenber Srojentfaß be« Seutfchthum« ber erften 
Generation im Seften fitb alljährlich amerifanifirt, währenb in ber brüten ©e« 
neration »ermutbUch nur wenig tet Mflöfnng gäßige« mehr übrig geblieben 
fein wirb. Senn fo oiel ift frcher, bah bet numerifche 3uwa<h« an Ginwan» 
berem }itr weitern Gntwidlung be« Seutfchthum« auf feiner eigenen Sari« 
nid)t« beiträgt, währenb bet numerifche Uebergang in« Slmerilanerthum ba« im 
Serroften begriffene Seutfchthum an biefer unglüdlicßen Urawanblung wenig« 
ften« einigermaßen hinbert. 

Sie« Me« ftnb äußerliche Stabien unb Grfcheinungen be« Uebergang«; 
tafch auf «inanbet folgenb unb umfaffenb, je nachbem ba« mächtigere Glement 
rafchet unb enlfchiebener unb allfeitiget an ben Gingewanberten herantritt, ober 
weiter au«einanbet liegenb unb weniger »ollftänbig, je nachbem fich ba« 
Seutfdrihum jwiebelartig mit feinen jahlreichen eigenen Schiften unb Schalen 
gegen ba« Steue abfcßließt. Senn fehr leicht tönnte ich eine Kategorie nach 
ber anbern burch biefen ihren äußerlichen Gntpuppungöprojeß »erfolgen. Sen 
fchimpfenben Sabinen Säuern, bem bie amerilanifchen Siedet nicht gut genug 
baliegen, ber f«h übet jebe Unfrautftaube ärgert, bie in ben taufenb Sinleln 
bet „Surmfenjen" wuchert, unb ber fnh »erfcßwört unb belreujigt, baß feine 
Kühe unb Schweine gewiß niemal« frei herumlaufen unb ihm ben SWift »ertra* 
gen follen; bem nirgenb« im Sanbe Orbnung unb ^ßolijet genug ift, unb ber 
e« gar nicht begreift, wie bie »errüdten Slmerttaner fich fo »iel mit bem 3«<* 
tung«lefen unb ber bummen Solitit abgeben tönnen, — bet aber gleich im 


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crfien 3% feine jenfeitige Sulturart, fo oiel et e« oetmag, mit ber.einheimi- 
mifeben oertaufebt, pcb fo rafd? al« möglich naturalipren läpt, unb ben Sag 
nicht abroarten fann, wo auch er an ben Stimmtaften geben unb für feinen be- 
Oortugtcn (Sanbibateu pimmen barf. Sen t ruifeben ^anbroerfsinann, bet ein 
Stiid nach bern anbern oon feinem üffierfgefd. irr megmirft unb bafür pcb an bie 
einbeimifeben gcroöbnt, tueil er mit ben alten breimal fo oiel 3eit al« mit ben 
neuen oerroenbet unb bie oerlangte Arbeit erft recht nicht fo gut $u Stanbe 
bringt. Sen beutfdjen 2lpotbefer, ber pch au« einem främelnben Ghemifer 
in einen Sroguen-, ©la«« unb garbenbänbler oerroanbelt. Sen beutjeben 
2lrjt, ber pcb baran gewöhnen mup, bem inquiptioen unb bentenben 2lmerifa- 
ner gegenüber ben mpfteriöfen Gbarafter feine« Stanbe« faden ju lafien, ober 
ber pch mit taufenb neuen ©riden unb Sbeorieen feiner Patienten oerföbnen 
mup, ebe er nur irgenb einen £alt an ihnen befommen ober p<h ihr Vertrauen 
criocrben fann. Sie Slde jufammen erft ba unb bort ein englifebe« ffiort er- 
c:»|d;cn, bann eine leichte Sßbrafe im ©efcbäft«oerfebr unb noch bäupget mm 
ihren Äinbern lernen, bann bie eigene Sprache mit englischen Beugungen unb 
SEorten beteicbernb oerun^ieren; bann gelungen ba« (Snglifche rabbrechen 
unb pch bepen enblicb gut üftotb bebienen lernen. Sie pch jtoar niemal« ganj 
oon bem ©ebanfen Io«machen fönnen, bap ber Staat unb bie ^ebörben ba 
feien um pe §u regieren, unb nicht, um nur gemijfe ihnen übertragene, adge> 
meine öffentliche ©efebäfte für pe gu beforgen; bie pch aber toenigften« barüber 
freuen, bap pe felbft pcb ihre Herren tüäblen, bap pe öffentlich über pe febimpfen 
bürfen, unb bie bann mit berjenigen Partei geben, bie ihren mitgebrachten, für 
liberal gehaltenen Gegriffen oon Staat unb Freiheit am ndcbften tommt. Stuf 
biefe 2£eife gebt e« uuabänberlicb mit aden einzeln §mifchen bie ameritanifebe 
Söeoölferung etngefprengten Snbioibuen unb nahezu fo mit maffen- ober menge- 
weife unter ihnen Sebenben. So ift j. 93. bie Uebergang«*93erfcberung beiber 
Sprachen nahezu biefelbe beim 3nbioibuum wie bei ber biepten Üttenge. Sau- 
fenbe fagen „ich gleiche e«" unb „ich habe e« geglichen 11 für I like it unb 
I liked it; Saufenbe fagen ftatt „e« bat geläutet", „bie 93ed bat gerungen", 
oon to wring the bell, unb nur toeil irgenb ©ner ben Anfang machen mufcf 
fällt e« auf, wenn mir in einer Gbicagoer beutfehen Seitung ftatt oon einem 
©aben*Gon$ert oon einem ©iftcougert lefen — benn bie dJJenge toirb 
pcberlich folgen, wenn pe erft fo weit amerifaniprt ift, bap pe für eine ä<ht ame- 
ritanifebe Prellerei auch ben ächten amerifanifcben 2lu«brud am bequempen 
pnbet. dflan fann febr bo<b hinauf fteigen, unb wirb immer noch ftatt: ich 
fühle mich urnoobl, „ich fühle umoobl", unb ftatt: oor breipig fahren, „brei- 
pig 3apre jurüd" baren. Sergeftalt pnb bie fremben dttaften gelungen, 
butcb ba« Slmerilanertbum erft wieber §u SEifienfcbaftlicbfeit unb eleganten 
Sprachformen $u gelangen, bap biefe engdprte 2lu«brud«meife unter ihnen faft 
immer für correft unb elegant gehalten wirb. $ür pe mag wobt bie e n g- 
l i i ch e Sprache feftftehenbe formen unb Regeln haben; bie b e u t f <h e Sprache 
aber hat ihr Stecht auf ©genlebigfeit oodftänbig oerlopen. Sie fchlottert fo 
bapin bi« pe au«gerungeu hat. 


8 



©et Uettfätitt M ©eutfcbtbum* in Dmerito liegt habet in feinet 2fleta* 
morpbofe in* Dmerifanertbum. ©agegen jträuben fid? Sentimentalität unb 
Domanttt oergeben*. Dur in bet erften (Generation ift biefet Uebergang nicht 
blo* praftifdher, fonbern auch pfpcbologifcber Datur, m&brenb genetifebe Urfa* 
eben bei ben folgenben (Generationen bie oormiegenben finb. £ier bet beutf<be 
©tunbcbaraltet bet ötfenntnifi bureb* ffi i f f e n, ba bet amerifanifebe ©runb* 
öug, fub ba* 2Bif?en*toertbe butcb Erfahrung unb 2ßillen*lrajt anjueignen. 
©aber gehört bie Seit bem ©eutfeben batcb Silbung unb Stetheit, bem 9lme* 
rsfanet bureb Deicbtbum, ÜWacbt unb Selbftftänbigteit. ©aber ift ber ©eutfebe 
im Sehen genügfam, aber unerfättlieb im gorfeben, bet Hmetifanet unerfättlicb 
in ©cnüffen unb unctmftblieb im Schaffen, aber befebeiben unb am im ©en« 
len. ©ie böcbfte iBoüfommenbeit bet SSBelt bat bet ©eutfebe in ft<b, bet Simc* 
tifatet um fub. <Gefe|t e* märe möglich, beibe Dichtungen in einem $olfe 
in einanbet ju oerjebmetjen — bie Seit be* Slmetifanet* §u burebgeiftigen, 
unb bie äBelt be* ©eutfdben §u oerroirRieben — »eiche ffielt mürbe bie* etfi 
feinl Unb ift bie* möglich, fo ift e* nur möglidb bureb ben Untergang nnb 
bie Sieberauferftebung be* eingemanberten ©eutfebtbum* in bem ©efammtbe* 
griff be* amewtanifeben Solle*! •) 

*) ®ttt Öerpügen räumten »fr bem torftebenben geifboHen Slrtifel ben erften in 
Neftm -Wte ein. 3n meUben SHmften unfere mn^ten ton benen be* $trrn Serfaffet« ab- 
»rieben, möchte feiner nähern ^ertorbebuita bebärfeiu 


CEMnlmrgl). 

^onmifrcb SÄellBtf. 

The heart cf Scotland, Britain’s other «7«. 

Johnson. 

Set JReiftnbe !ommt in ©binburgb auf ganj eigentbümliibe Seife an, 
tmgefdbr fo, wie bet ©eijt auf« 3$eafet ob« — um «in feiten« ©l«tcf)ni6 }u 
gebrauten t- bet Sein a\tf ben Xi|cb törnmt. 2Jtan (leigt au8 ein« Sferfen* 
Jung, ein« Ätt »o« Sdjadjt, empor unb »itb pl5&1i<b ju feiner ffteube gewahr, 
Pafj man ft* mitten auf ber beteuerten SSübne »oll tounberbaret 2)ecorationen, 
mitten auf b« fierauSgepulten Xafei ooH feftlid^ert SlompS befindet. 3JIan 
bat ndmlitb bie halbe Stabt nnfcritbifö pafprt unb fiebt f«b au8 bem Sunnel 
birett in ben betoegten Sotfo oerfefet. 

(Sbinburgb ift befanntli* eine b« fünften Stdbte SuropaS. Sie grob» 
artige $ra<bt ber ßdufetmajfen, bie 2lb»e<bfelung »on Serg unb Sbal, bie 
©egenfdpe b«8 ftinfletn, Hftertbümlüben, Drbnung8lofen unb be« gaablinigen, 
fommtttfflbeK Bleuen mitten «8 ju einem S3Ube obnegleii&en. Sion ber Sin. 
orbnung bet Stabt eine Soiftedung ju geben, ift nidbt leidjt. 3$ »etfmbe c8 


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109 


b©$; olferbing» wirb ein Slid in ein ftereoffopifche» Panorama ben Seferbefiet 
orientiren al» bie forgfältigfte Sefchreibung. 

3n bet 2Witte be» großartigften Stachetmeere» thürmt ftcb ein Sergrüden 
entbot, ben ein ganzes ©ewühl f(^mar§et häufet terraffenartig ^inanflettert. 
2)iejer ganje Stabttheil iftfcfcroarj, finfter, »itr, betfteinerte Sragif, berfteinertc^ 
©rauen. gettungSartige häufet jäbten nicht feiten jebn, jmölf, bierjehu 
Stodroerfe. Stet Söergtüden, bet biefe Stabt bet Sänge nach burd^iefy uitb 
fleh bem 2luge mit boßer gtont präfentirt, [fließt mit einet Plattform, wo 
ßbinburgh-CSafUe, ein weit au»gebebnter Ktan§ febroaräet dauern unb 3innen, 
hinau»lugt; bann faßt et mit {entrechten Wänben §u Xhal. 2)iefe Stabt auf 
bem 93ergrüden, bie Stttftabt, größtentheil» im fe<b»sebnten Qahrhunbert ent« 

- ftanben, hat bie ßighftreet gleicbfam jum ßtüdgrat. 2lu» ihrem 2)ächermeere 
tagen Kitcbtbürme, $atäfte unb Kuppeln bon (Soßegien majeftätifcb betbot. 
Sie berliert pcb in bem in bet Gbene gelegenen Stabttheil (Eanongate. 

2lm guße be» Sergrüden», biebt bot un», ein anbere» Sin weiter 
$art, mobern, prächtig, läuft im %\)a\ hin unb breitet ftcb weit and mit $Bo»quet», 
weiten ßtafenplägen, berfchlungenen Wegen. 2)abor läuft ißrinceßftreet, bet 
Soulebatb ©oinburgh», gerablinig, mobern, reich, bet Sip aßet £otel», Glub« 
häufet, ein früh unb fpät belebter Gorfo mit ben pracbtboflften $Bet!auf»ge« 
wölben. £ier flehen in grünet Cafe jwei mächtige ©ebäube, ba» ßtopal«3it* 
ftitution, ein SHufeum bon Slltertbümern, unb bie SBilbergaßerie. $ier erhebt 
ftcb thurmgletch au» blenbenb weitem ßWatmor ba» Stonument Waltet Scott'», 
bießeicht ba» reichfte unb prä(htigfte Stenfmal, ba» je ein Sanb einem Stanne 
gefegt, ber webet König noch fiegreicher ©eneral war. 

Unb wiebet fteigt bot ber sprineeßftreet unb ihren Square» ba» Setrain 
bergig hinan. 3 n bet diagonale bon ©binhurgh-Gaftle, ba» im Weften liegt, 
blidt un» im Often Galtonbiß entgegen, liefet 93ergfegel bon Galtonbiß ift faß 
bnnhweg bon monumentalen ©ebäuben beoedt. Sta» SRelfonbenlmal fteigt 
wie ein Seucbttburm in bie $öhe; ba» Monument Wellington’», eine moberne 
[Ruine, au» gtoölf rieftgen Säulen im Stil be» Parthenon» beftehenb, trönt 
bie $5be. 

Huf ba» SRelfonbenlmal muß man [teigen, um ba» großartige Silo ju 
überbauen. Ueber ben ftbwarjen $äuferterrajfen bet Hltftabt, bom Schloß 
bi» ßolproob au»gebehnt, hängt ein Wetter, wie im GinHang mit jenen 
Stauern, aber Sonnenlichter fpielen auf ben weiten grünen flächen im Sbal. 
©etablinig sieben ftcb bie Staffen ber 9teuftabt bi» nach Seith, bem #afen 
C&inburgh», beffen mächtiger Seuchtthurm in ben girtb of gortb hinau»f<haut. 
Kleine, grüne 3nfeln tauchen bort auf, Stampfer sieben au» unb ein. 3u 
wettet gerne, norbwärt», erblidt man bie KÜfte bon gife, bie Somonb* unb 
Ochißberge; öftiieh ragt, wie bet ßütet bet Stabt, bet Slrthurfig empor. Stet 
Jöibcort ^ortobeßo, bie 3nfel Stap jeigen ftch im SDuft bet Weite. 

. Sathbem wir ben aßgemeinen Slnbtid über bie Stabt gewonnen, gehen 
wir an bad Srnjclne. Buerft halten wir bot bem Walter-Scott« Stenfmal ftiß. 




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ß« ifl ein gotbijehet $bunn, $ubeffcn <Spifte jmei&unbertficbcruuibaAtjig Stufen 
fuhren. Slllenei uielnerjierte Sogen teilen ftch $u einanber, in ben Rifchen 
finb gigurjn au« Scotts Romanen angebracht; in ben hier untern erfennen 
wir ben Prisen ©harle« au« „©aberlch", Stegmerrilie«, bie Same Dom See, 
ben lebten Stinftrel, ©eorgt #enriot au« „Regel 11 . 3n ber Starmorballe, 
über welcher fnh ber Sburmbau erbebt, fipt, feine Schreibtafel auf bem Änie, 
bie Sleifeber in ber £anb, Sir ©alter Scott, ber Sater be« biftorijehen 9lo* 
man«, mit bem friebfertigen, gutmütbigen ©efiebt, ba« aübefannt. 3u feinen 
gü&en liegt fein £unb Sewi«, ba« ßinn jum ©ebieter erhoben. RrchiteUen 
pnben an biefem Stonument, ba« ein gewijfer ©eorge flemp au«gefübrt, Siele« 
au«sufepen; fie fabeln bie überlabene ©otbif, bie äteinbeit ber #auptftatuc 
unb noch Diele« SXnbere; im ©ansen aber macht ba« Stonument eine impofante 
©irfung. Sabei liefert e« ben Seroei«, ba| ben Schotten fein Sau ju ftattlich 
unb in feinen Simenfionen ju grof» fchien — ba« Senfmal hat an fiebenjebn 
Saufenb Pfunb Sterling gefoftet — wo e« galt, einen Stann unb spatvioten 
wie ©alter Scott ju ehren. 

Paffiren wir nun b:e ©aberlepbrüde, fo fnjb wir halb in ber ^ochftrafje 
unb Beben oor ber alten St. ©ile«*flatbebrale. Sor ihr ftanb einfl ba« ßreuj 
bon Stiblotbtan, unfern baoon ba« „Salboutb", ba« £otel be Dille be« alten 
©binburgb, §u Staria Stuart’« 3eit Parlament, Stabtbau« unb ©efängnip, 
ber Ort, Don welchem alle ©reigniffe ber Reformation ihren Anfang genommen. 

Soch wanbeln wir bie bie gan$e Slltftabt burchjiehenbe £ocbftraj$e hinan. Sie 
gleicht ber Prager Spornevgaffe in gröberem Stafjftab. 2In ber ©efe be« alten 
Starftplapc« fällt un« juerft ba« einft Don 3ohn $noj bewohnte $au« in« 

Sluge. ©« ift f<hwat 3 , toi« Don Safaltquabern erbaut, finfter wie fein ebema* 
liger Sewohner. fflorfpringenbe ©rler, wunberliche ©iebel, eine Stenge 
Rauchfänge geben ihm ein fcltfamc« Slu«fehcn. 

Ueber ber Sbür unb bem genfter be« erften Stocfioevl« lieft man in go ■ 
tbifchen Settern: Lovo. God. above. all. and. your. neigbbour. as. 
your. seif; Dorn, an ber ©de, ficht mau eine tfanjel unb bie gigur bc« pre* 
bigenben Reformator«, mit ber £>anb auf einen Stein jeigenb, wo ©otte« 

Rame eingefchriebcn. 

3mmer wunberlidber wirb nun bie Stabt, fein fchwerer Sraum fann un« 
in ein feltfamere« $äufergewimmel führen, ©ir fteigen hinan unb un« über* 
fommen Silber au« alter 3«it> bon Stönchen, Procefponen, Sanfetten in alten 
Ritterfälen, pre«bpterianif<hen Prebigten, ©efeebten. Sluf beiben Seiten laufen 
©äfjcben in ber 2ln$abl Don mehreren ^unberten herab, bie „©lofe« 11 von 
©binburgb, jept ber ffiobnpp be« herabgefommenften Proletariat«. Rüe Käufer 
fmb fepmars, feftung«artig. 3br oberfte« Stocfioerf bepnbet fich in ber ^och* 

(trabe, boch auf ber anbern Seite hat, be« jähen Sergabfali« wegen, bie« Stod* 
werf noch Jtoölf, breisehn, biersebn Stodwcrfe unter fich* 3n ben ©äfjcben 
felbft, bie tbeilweife fo eng finb, ba& jwei Stenfchen einanber bacin nur piit 
Stühe au«weichen, wimmelt — man fann e« nicht anber« nennen — menfeb* 

!_S& 




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111 


| li*e$ Unge§iefer. äBaS lönnen btcfe ©eftalten in Summen fein? 3m beften 
Salle Bettler,. Stra&enlebrer, Sumpenfammler, ©loalenfifcber. grauen unb 
S)irnen mit ungelämmten paaren, batfufc, laum belleibet, ftyen auf ben Sbät* 
fiufen; tober, fo Perraabrloft, mie faum bei uns bie 93rut einer 3igeuner- 
banbe, liegen auf bem ^flafter umher, raufen ftcb, balgen ftcb. 2Jtan mufj eS 
gefeben haben, um baran ju glauben. 

Ser gübrer geigt uns auf bem SBege baS $auS, too Sapib £ume, ber 
Senler, baS £auS, too SoSroell, ber greunb (unb Gdermann) Sobnfon’S, baS 
<&auS, mo Slllan JRamfap, ber fcbottifdje Qb^denbicfeter, gemobnt; aut bie 
SBobnung ber SDlarie oon ©uife, ber Butter 2Jtaria StuarfS, n?irb uns gezeigt, 
bot febon naben mir ber GSplanabe beS (*binburgb s @aftle. Siefe tone alten 
©emäuerS, einft ein uneinnehmbarer $unlt, erbebt fub impofant übet bie ganje 
Stabt, unb nranberbar gut ftimmt $u ihren alten ginnen ihre militärifte 23e* 
fajung. ©S finb lauter bofenlofe £ottänber in meinen unb rotben gadten, 
benen ber gewürfelte Äilt bis an bie nadten ßniee reicht. 3bre rotbgeftedten 
Strümpfe, mit rotben iöanbftleifen ocrjiert, geben bis an bie SDlitte ber SDabe. 
2Jtantc tragen ftmarje ©renabierntüfcen, Slnbere Wappen mit fttoaqen Straub¬ 
febern ; trep beS ÄrimlriegeS unb SebaftopolS ift SllleS an ihnen altertümlich, 
bis auf ben plumpen, mit einem tforbe oetfebeiten Säbel. SBegen jufäüiger 
Slnraefenbeit eines grinsen ift bie SMannftaft auSgerüdt, eine äWuftt feltfamfter 
SCrt erfcbaHt. 3uerft feblägt ein Heines 2JtufitcorpS mit öletinftrumenten eine 
wehmütige SRationalmelobie an, jept ftroeigt fie unb eS ertönt ber gellenbe 
fidrm oon wohl 3 ebn Subclfäden, weite eine unb biefelbe muHlalifte gigur 
— o, mufj idb fie muftlalift nennen? — unermüblicb wieberbolen. Gin 
Supenb Heiner 3ungen, jwölf bis breijehn 3<t* alt, in ähnlicher Uniform, 
bofenloS, aber mit flilt, Sßlaib unb 2Rüpe belleibet, unterftüfet baS Subeljad* 
tarioari mit bem grellen ©equiel oon ^idelflöten. 

Siefe für 2luge unb Ob* originelle Scene hielt uns eine ganje 2Beile fefl. 
„ajterlwürtig", fage ich ju meinem Begleiter, „auf bem Äopfe eine Sären- 
raube unb babei nadte 23eine — birelter labt fub bem Spricbmort nicht oppo- 
niren, ba& man ben Äopf fühl, bie güjje warm halten foH. 

©n junger Sieutenant, ber in unferer 9täbe ftebt, mag bie SBerrounberung 
auf meinem ©efubt lefen. 2Jtit einem gutmütigen Säcbeln auf bem breiten 
©eficbt entgegnet er, eigentlich bötft cpnift: „Sacht nur über unfere Fracht, 
bie 9Jtäbten haben fie gern. 11 

3m Schlöffe felbft finb eS befonberS jwei ©ernäter, weite Stufmerlfam* 
leit Perbienen. 3n bem einen, einem runben, fenfterlofen SRaum, jeigt man 
bei Sampenfcheiit auf einem fteinernen Siftc bie gnftgnien beS alten fehottifeben 
flönigtbumS: tone, Scepter unb SReitSftwert. Ginft mächtige, lebenbige 
Spmbole, fmb jept alle biefe Singe blofee 2Rerlroürbigleiten. Ser inbuftrielle 
Sßerftanb GnglanbS Hegte über bie alte ©aronialberrlitleit SchottlanoS, bie 
profaiiebe ^teugeit über baS ibeale diittertbum, baS Sachfentbum über bie alte 
celtifcbe SRace. Söalter Scott toar felbft ber lepte SJlinftrel ber untergegauge- 
nen SSelt, an weite biefe Stäpe gemahnen. 


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A 


(Sine anbere Seben«mürbigteit ift ba8 $ejna$, in melchem Sltaria Stuart, 
turj vor ihrer öntbinbung, al« befangene gemohnt bat. Sa« genfter gebt 
nad? ben Sali«burp Grag« berau«; man bat einen Slbgtunb bon mehreren 
Rimbert guh Siefe unter ben klugen. 2Bo einft baä 23ett geftanben, ift ba« 
fchottifche SBappen gemalt mit feinen Scoijen: In defence unb: Nemo me 
impune lacessit. Sa« bebeutung«oolle Saturn 1566 ftebt über ber %\)üx, 
Sin einer SBanb fteben folgenbe SBerfe, mie e« bei&t, bon Sltaria felbft ge* 
bicbtet: 

Lord Jesu Christ, tbat crounit was with thoms 
Preserve the birth of him who heir is borne 
And send his sonne succession to reigne still 
Lang in this Bealm, if that it be thy will. 

Als grant, o Lord, what ever of him proceed 
To be thy honour and praise, so beiet! 

19th 1VNU 1566. 

Ser Cicerone, ber bie gremben hier berumfübrt, behauptet, um biefem 
Hämmerchen noch mebr Stomantit ju berleiben, Sitaria Stuart fei hier entbun* 
ben unb ba« Hinb in einem Horbe bon bier binabgelaffen toorben. Sa« ift 
enticbieben faljcb. Sltaria lam mit ibrem flinbe in ber geftung Stcrlmg nieber. 
2Ba« bie 3*ikn an ber SBanb betrifft, fo fmb biefe toabr gemorben; Sltaria’« 
©ebet mürbe erbort. Sa« Hinb gelangte gu noch gröberer SJtacbt, al« feine 
SDhitter träumen mochte. Qalob, ber Sobu ber Hingerichteten, mürbe ber erfte 
Honig ber bereinigten Gleiche. 

Sodj menn man an Sltaria Stuart erinnert fein mid, muh man Holproob 
befugen; ich mibmete biefem $efu<h ben anbern SJiorgen. Sa« ältefte Scblofs 
ber flönige bon Schottlanb, mo fg biele gamilientragöbien gefpielt haben, liegt 
am 2lu«gange be« Stabtbiertel« Ganongate unb jft ein meit auägebehnter, bier« 
flugeliger, bon ftarten ddtbürmen flantirter $alaft. Ser urfprünglicbe Jöau ift 
uralt unb ftammt au« Hönig Sabib’« &tit; ÜDlaria unb Hart II. haben ihn er« 
meitert. Slian bunhfchreitet ben Hof unb mirb guerft in bie Hapelle (royal 
chapel) geführt. (Sine Ruine ohne Sach, aber bon böchftem arcbiteftonifcben 
3ntereffe. ©n Sburm au« borgothifcher 3eit, alte portale mit giguren unb 
Hopfen, Spifcbogenfenfter, Steintafeln mit balboerlöfchten gnfcbriften, Säulen, 
an benen ©toteren bie Gapitäler bilben — ba« ift Sille«, ma« noch bon bem 
prächtigen ©otte«baufe übrig, in melchem einft bie Hrönungen ftattianben. 
Stoch bU in eine fpäte 3eit hielten einige fcbottijcbe gamilien ba« Vorrecht auf* 
recht, hier begraben ju merben. Slrn ©nggng foll Sticcio liegen. 

Stach biefem furjen Slbftecher befeben mir ba« Schlofc. SBir treten guerft 
in ben fogenannten Sanfettfaal. Sie SJortrah« bon hunbert fdjottifchen Höni« 
gen, bon bem im Siebei be« $elben« unb Sagentbum« fchmebenben gergu« I. 
(350 b. Gbr.) bi« auf ben lebten Stuart, beden bie SBänbe. Siefe Portrait« 
fmb mertblo«, fämmtlich üDiachmerte eine« blämifchen Subelmaler«, Qame« be 
SBitt (1684), ber für feine Arbeit bermuthlich nach ber GUe 2eiumgnb befählt 


mürbe unb au<bni<bt beffet belohnt gu merken betreute, einedtbeild 6üpieen 
gmeifelbafter OtiginalbUber, bie ihm geliefert mürben, anberntbeil* blofee $ban* 
tafiejiüde. 3)ie|‘e gro&e, ©be Stube bat manebed geft gefeben; hier tafelte ber 
VcätenbeniQbarled, hier braufte ber Vad, ben Scott in „dBaoertety" betreibt. 
3n je|iget 3ek merben Verfommlungen bed hoben Äkrud hier abgebalten. 

Sieb Imld menbenb, betritt matt mm bad alte Slubienjgimmer unb eine 
dteibe ben 3inunern, belebe Sarnleb bemobnte. 3n bera einen fcbmüdt ein 
giemlüb erhaltener ©obelin bie SBanb, bie Äreugerfcbeinung Äonftantin’d bot* 
fteflenb; Vortraitd ftnfd H., äöilbelm’d III., 3alob’d VI., Sotb dtaleigb’d 
unb ber ©räfin Gafftlid beiden und »eilen. Vun aber nähern mir und ben 
Orten, mo bad gntereffe ein nodb lebenbigered »erben fod. Sie boranfdjrei« 
tenbe gübretin bei§t und eine enge kreppe binangeben, unb mir betreten gmerft 
bad 3lubienggimmer 9Jtaria Stuarfd. #ier ftebt ein Vett mit berblafjten, mot* 
tengerfreffenen Vorhängen, morin Äarl I» unb ein gabrbunbert fpäter ber $rd* 
tenbeut nefcblafen. 

©n gmeited 3»«««« bat böcbfknd gehn Sdjritte im ®ebkrt; ber $lafonb 
ift mit $olggetäfel betleibet, beffen feebdedige Vertiefungen bie bourbonifeben 
Silien unb rotbe, blaue, gdbene ^bijfren gieren. 3twi gen ft er, einanber febräg 
gegenüber, laffen ein gebämpfted Siebt herein. ©ne Xapete, ben Sturg Vbae* 
ton’d bon feinem Sonnenmagen barftedenb, bedt bie SBanb; Sßortraitd ©ifa« 
betb’d unb ^einricb’d VIII. bangen ba. Vom ©ngange linld ftebt ein brei« 
ted, niebered Vett, grün unb rotb bemalt, feb? murmftiebig, barüber ein £im* 
melbett bon toibent Xamaft mit grünen gtanfew. Unfern ftebt mau einen 
deinen Äamin; babor ftebt ein altertbümlitb nieberer Stuhl mit hoher Sehne. 
2luf einem Väbtifcbe ftebt ein elfenbeinerned Slrbeitdtaftcben; ein reigenbed 
dttiniaturbilb liegt barin; ed ftedt Sie bor, melrbe hier febdef: Vtaria Stuart. 

Socb bermeilen mir no(b einen Slugenblid. Siebft bu bort, in ber Sapete 
berborgen, bie Keine enge Xbür ? 6d ift bie, bureb mekbe Sarnkp unb feine 
(Senoffen eintraten, um IRkcio gu überfallen. 

2Jtoria Stuart! So biele Könige autb in biefext fallen geberrfebt, 2)to* 
ria’d ©eftalt bat fte ade in ben Schatten gebrängt. 3Uled bi er mahnt nur an 
fie, Stdedjprufct nur bon ihr. ffiie'bei Vajä in Väbcrn, $aläften unb Sem* 
peln Bgrippina, mie in gontainebleau Katharina bon 3Rebki, fo mattet hier 
SDiaria. ©eben mir weiter bureb bkfed Schieb/ mir finben überall Vilber ber 
febonen lüniglieben Vubkrin. £itr ftebt fie old ©raut bed frangöftftben örb* 
prtnsen nieber, ein ©efubt bod heiterer Sinnlicbleit unb ©oefte. 3bre äugen 
futb braun, bad laftauienfarbene #aat ift bon ber fdjönen Stirn gurüdgefcblagen, 
bk Stofe etmad länger ald bk Scböubeitdregel ed haben mid, aber ber ©e* 
fammteinbrud ift reigenb, ©n enganliegenbed Äleib bon febmaogem Sammet 
fteigt hoch bmauf; ben *gald, ber einft bem 6<bmerte berfaden fqflte, umf(bliebt 
ein kodier bon (Sbelfteinen; hinter biefem bebt fub ein ftarrer fragen mit ge« 
faltetet /kaufe ab. ©eben mir meiter, mir finben fte noch prunfpoder gelleibet 
ald ©emabün Satnkp’d, hoch f<bon mit einem feltfamen 3ug um ben dttunb. 


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114 


a 

ffin britteS ©ifb enblicb jeigt fie im einfachen grauen flleib Oon nonnenbaftem 
Schnitt als ©otbmelTs bleiches, reuegefoltertes SBeib — trofc Mein noch fo 
oerhängnifjooll fcbön, bafi mit ßbaftelart, Seicefter, ©iccio, ©otbmeU unb 
3)ougla$ in ihrer Siebe begre fen lönnen. SBelcbe SHufhcationen §u einem 
ereignifeoollen SebenSgange! 

3)o<h brfiden mir eine Jllinfe bi(bt neben ber oerbängnifiooflen Tapeten« 
tbür nieber, unb mir fielen in einem no<b meit Keinem 3intmer. 2>aS ift baS 
Soupercabinet (tupping room).. 63 bat feinen anbern 3ugang als ben 
bureb baS Scblafjimmer unb ift fo eng, ba§ tytt allerbingS nur eine ganj Heine 
©efellfcbaft ©lap haben fonnte. Slber benfen mir e$ uns bell mit 2Ba<b$fer$cn 
beleuchtet, ben $ifcb in ber Witte mit meinem Sinnen gebedt, mit glafcben unb 
©läfern unb Schöffeln belaben. ©an ftürmen bie ©erfebmorenen bereiif, ber 
£ifcb mirb umgemorfen, ©läfer unb Scbüfftln fliegen auf ben ©oben, bie 
$änbe greifen nach bem Staliener, ber ficb hinter bem Äleibe feiner $errin 
oerbirgt. 3n biefem Glofet brdngen ft<h 6reignijfe oon fpannenbftem 3nterejfe, 
ja oon tiefer fragil jufammen — eben ftnb eS breibunbert %c$xt gemorben, 
bah ftv ficb gugetragen. 

6$ mar Sonnabenb ben 9. 9Äärj 1566 gegen fieben Uhr. 3« jenem 
3immer, bad mir oorhin gefeben, mo bie Äreuserfcbeinung Äonftantin’S bie 
2Banb }iert, batte 3)arnlep bie greunbe ermartet. 2Bie unglüdlich mochte er 
fein! $alb ein Änabe noch/ taum jmanjig 3abre alt, in feine grau mafsloS 
oerliebt unb nach fechSmonatlicber 6be febon ihrer Siebe oerlujlig, in feinem 
@brgeij blutig getrdntt, ba ihm üDtaria bie SWatrimonialfrone oorentbielt unb 
ihn merfen ließ, baß fie ihn für unfähig halte, fie ju tragen, unb nun gu alle« 
bem no<b oon ©ferfuebt oergebrt! ©r, ber feböne, ftolge, junge 2)tann, eifet> 
füchtig auf jenen ältlichen, frfaflichen, häßlichen Italiener, ben ehemaligen 
Gameriere beS ©rafen Sa Worette, ben-mufifalifcben flammerbiener, jefct jum 
Secretär für bie auSmärtige Gorrefponbeng oorgetüdt! 2Bar es nicht um 
rafenb ju merben ? Unb biefer DJtenfcb mar, man tann fagen, jefct allmächtig 
in 6cbottlanb! Gr ftanb in ©egiebung gu allen tatbolifeben Wächten, cor« 
refponbirte mit ©om unb Wabrib, Subfibien maren auf bem SBege. GS mar 
fein SBerf, menn eS febien, als foHe ber ©roteftantiSmuS mieber auSgerottet 
merben in Schottland ©turrap, ber £afbbruber ber Äönigin, baS $aupt ber 
©eformirten, banfte ©iccio feine ©erbannung Starum mar biefer auch jept 
fo frech unb bttau*forbernb unb trug ben fiopf fo hoch« Gr hielt fi<b einen 
ganjen £au$ftaat. 

„34 bube entbedt", batte Starniep an feinen Goufin StauglaS gefebrieben, 
„baß biefer elenbe Staoib mein eheliches ©ett entehrt bat.* £atte er ba recht 
gefeben ? Unbeftreitbar mar, baß Waria bem ©iccio unbegreifliche ©ertrau- 
liebfeiten geftattete, mie er benn bei ihr im Scblafrod gefunben mürbe. Sieber, 
als folcbe Schmach ungeräebt ju tragen, hätte ficb Starniep mit bem Teufel 
felbft oerbunben, unb fo batte er ficb mit feinen ehemaligen ©egnem, ben oer¬ 
bannten ©arteigenoffen ©turrap’S, mieber eingelaffen« ßioei ©erträge, foge« 



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115 


I 


nannte Gonenantl, waren unterfeßrieben worben, ber eine bei gnßaltl, baß, 
ba bie Königin non nerberbten SJlenfcßen umgeben fei, man ßch biefer gu ^ Cs 
mächtigen unb im Stotßfafle fte nieberguftoßen hefte, ber gweite bei gnbaltl, 
Stornier in aßen geregten Streitigteiten belüfteten, greunb non feinen greun* 
ben, geinb non feinen geinben gu fein, ibm bie „ßftatrimonialtrone“ gu über* 
tragen, bie proteftantifeße Dtetigion gu fchüpen unb-ihre Gegner nieberju* 
febmettern. 

3tm Sbeitb bei 9. SJlärg batte $arnlep früher all gewöhnlich $u Slacbt 
gegeffen. Gr erwartete bie Serfchworenen: Norton, Siutnen, Sinbfap. Sie 
tarnen mit ungefdbt gweihunbert bewaffneten an. 2)iefe überfielen unb ent* 
waffneten geräufftlol bie geringe Seibwacße unb befepten bie 3ugänge. 

Sorb Stutnen, einer ber eifrigften greunbe non Stornier’! Goufin, 2>ouglal, 
war guerft bei 3)arnlep eingetreten, ibm folgten mehrere bewaffnete. Stun 
ging d bie Weine Geheimtreppe, welche in ber Sapetentßür bei Scßlafgimmerl 
münbet, hinauf, boran ging ®arnlep; in furgen 3roif<henräumen, bamit el 
nicht auffalle, folgten SHutnen, George Souglal, ber Gart non gauconfibe unb 
$atrid beßenben. 

gm Weinen Gabinet, bal ben 3ugang nur burebl Scßtafgimmer bat, wa* 
ren bie Gäfte luftig. Sie Ratten eben eigenhdnbig ben gebedten £ifcb gum 
Souper bereingerollt. $al 3intmercben war mit nielen flergen beleuchtet, im 
flamtn tnifterte bal geuer. Sieben ber fljnigin, welche im fiebenten SMonat 
fchwanger ging, faßen ihre natürliche Schwerer, bie 2abp non Slrgple, unb 
Slrtßur Gritine, ber S-ßloßcommanbant; ber Sairb non üeiib unbßticcio faßen 
auf eiriem Schemel, im ^aulWeib non 2)amaft mit $elg nerbrdmt, eine ü)tüpe 
auf bem Äopfe, eine ßette mit toftbaren guwelen um ben £all. 

8UI 2)amlcp eingetreten war, nahm er hinter ber Königin $lap unb tüüte 
pe. 2lber er war bewaffnet erfeßienen unb unter feinem ^oftleib blipte bie 
fthwere Stüftung hetnor. 

„ffiir woßten heute Slbenb unter uni fein“, fagte bie Königin mit belei* 
bigenber flälte gu ihrem Gemahl. 

„0, ich bringe noch anbere Gdpe mit! erwiberte 2)arnlep, unb feßon 
trat ßtutnen herein. 

„5Bai führt Guch her, SUttoen?“ fuhr bie fiönigin gornig auf. „2Bcr 
hat Guch ertaubt, hier unangemelbet eingutreten ?“ 

SRutnen war ein ÜJlann non fecßlunboiergig gaßren, hoch/ baßer, pnfter; 
er batte eben bal gieber unb war abgegehrt wie ein GefpenP. Gr wie! mit 
ber £anb auf Siiccio unb fagte: 

„tiefer $anib ip gu lange in Gurer 2Jtojeftät $rtnatgema<h gewefen; ge* 
faße cl Gurer SJtojeftät, ihn gu entfernen!“ 

„©elfte Sünbe hat er begangen?“ fragte ßJtoria. 

„Sie größte unb abfcheulichPe“, antwortete Stuften, „gegen bie Ghre 
Gurer SOtojeftät, gegen Guren Gemahl, ben fionig, gegen ben Slbel unb bal 
Sott!“ 



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Corb ©rgfine unb ber Satrb Den fleith Itoüten auf 9lut»en erbringen, 
aber bie Königin gebot ihnen föuhe. 

„$ätte man $aoib SRiccio etmag Dorjumerfcn 11 , berfebte fie, *fo mürbe 
ich ihn rot bie 2orbg beg ^arlamentg forbern. %ix aber, 9tutoen, befehle i<h f 
2)id? §urüd$ujiehen, bei Strafe beg ^ochberrathg!" 

Statt eingefdjüihtert ju mcrben, trat IRutben mitten burdj bie übrigen 
3uf<hauer biefeg Auftritts bor, um ftch SRiccio’g ju bemächtigen. 

tiefer, an allen ©liebem jittemb, marf fuh ber Königin §u gäben. 
„Wabame!" rief er, f ,icb bin tobt! 3uftijia, 3ufü$ia! IRette mein Scbeu! 11 

2)ur<h bie heftige ©emegung iRiccio’g unb JRutben'g nachbringenbe «jpanb 
itürjte ber £if<h mit bem 3fai<bteffen auf bie Königin, bie ihre fchübenbe £aub 
über ben 5)aliegenben augftredte. 

5)ie figrsen $egen unb ^iftolen richteten fuh nun auf bie Äönigin fclbft. 
fRiccio hatte Waria am bleibe gefaxt unb Hämmerte fleh mit aller ©emalt an 
fte; aller Wuth, alle Söefinnung batten ihn betlaffen. 

5)a rib ihn $arnlep mit fräftiger £anb felbft meg, unb mäbrenb ihn bie 
Sänfte ber SInbern padten unb fortfchleppten, mehrte er mit feinen eigenen 
Slrmen ber Königin, Dticcio $u folgen. 

Soll 2lngft um bag Soog ihreg ©eheimfehreiberg, laurn an bie eigene ©e* 
fahr benfenb, befchmor Waria ben ©emahl, SDlitteib gu haben. 

^gürchtet nichts, eg mirb ihm lein Uebel §ugcfügt merben", ermiberte 
$arnlep heuchlerifch. 3nbeb mürbe ber jitternbe Italiener aug bem ©ubinet 
binauägefcbleppt. hinter ber £bür ermarteten ihn eine Wenge 93erf<hmorene. 
SRiccio marb mit lautem ©efchrei empfangen. (Ein Streit entfpann ficb, ob 
man ihn big jum anbern Worgen leben laffen folle, um ihn bann ju hangen, 
mag Worten unb Sinbfap mollten; allein ©eorge Souglag, ber Ungebulbigfte 
ber Schaar, machte bem Streite ein fchneüeg ©nbe. 

# $a haft $u einen Äöniggftojj!" rief er, unb burebfta# ihn mit'bem 
Solche, ben er aug Sarnlep’g ©ürtel gerijfen hatte. 

Sa [türmten bie Hnbern herbei unb Durchbohrten bag Opfer mit fed>gunb« 
fünfzig Solchftichcn. Sie Seiche mürbe hierauf burchg genfter in ben £of ge* 
morfen. Ser Pförtner beg Sßalafteg nahm fte in SSermahrung. 

<Ro<h ficht man in einem engen ©elab, bag baburch entftanb, bab Waria 
ben Ort beg Worbeg bur<b eine SBrettermanb abtrennen lieb, breite jehmarje 
SMutfleden big jum heutigen Sage. Sehern Slefchplog bemerfte in feinem 
„Sobtenopfer", bab $lut ein Stoff fei, ber fuh am febmerften vertilgen laffe, 
menn er ftdb einmal irgeitbmo eingefrejfen. ©g ift aber auch 2bat)‘acbe, bab 
Waria bag 33Iut ihreg treuen Sienerg nie abmafchen lieb/ um eine eroige Wah* 
nung an bie erlittene Unbill bor fi<h ju haben. 

So<h mit biejem Worbe maren bie ©reigniffe bom 9. Wärj 1566 immer 
noch ni<bt bcenbet. Sie Königin hatte faum IRiccio’g Sobcgjchrei unb ben gall 
feineg flörperg in ben £of hinab bernommen, alg fie ben Dollen Strom ihreg 
Sorng gegen Santlep ergob. Sie marf ihm oor, bab er eine fo fchänbliche 


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<117 


$feat gutgebelfeen unb angeorbnet bal e, eine Zfyat, burch mefche fte in ben 2Iu* 
gen bc« 2anbe« unb Suropa« entehrt worben. 

„©lörber unb ©errätber!" rief fre, „au« niebriger Stellung jog ich $lcb 
empor unb gab 3)ir einen ©la(j am £brone. So banfft S)u e« mir! 0 

2)arnlep bagegen warf ihr oor, baft fie feit ©ionaten feine Öefeüfchaft 
ganj unb gar oermieben unb wie fie ihn oft in Diiccio’« ©egenwart au« ihrem 
3immer getoiefen habe. S« fei ihm oorgeloramcn, bafe fie (ich mehr Septerem 
al« ihm gewibmet. „Staber", fagte er, „habe ich meiner Sb« unb ©enug* 
tbuung wegen gutgebeifeen, bafe ibm fo geschehe." 

X\t jiömgin antwortetet ungeminbertem 3orne: „©Iplorb, Sbr feib ber 
Urheber bet Schmach, bie man.mir antbnt. 3<b bleibe (Euere grau nicht meb^ 
unb werbe nicht früher .rub^n unb nicht wieber sufrieben fein, bis (Euer ^erj 
ebenfo auf« 2leufeerfte betrübt ift wiejejt ba« meinige." • 

3>n biefem Slugenbltöe trat ber gefürchtete ©utoen wieber ein. Sein 
$enteramt war getban, feine £änbe waren noch rotb oqn ©lut, aber feine &raft 
war bahin, fo bafe ihn eine Ohnmacht anwanbelte. 5)ie töranlbeit, ber er me« 
nige ©Jochen fpäter erlag, fchütjelte ihn. Sr begehrte ein ©la« SEein, leerte 
e« unb fagte mit einer burch feine ßrautbeit noch gefteigerten ©Jifoheit jur Kö¬ 
nigin, man habe iHiccio jurn Sobe gebracht weil $r eine Schmach für fie unb 
eine ©eifeel für’« Königreich gemefen. „S)ur<h feinen Perberblichen Sinflufe", 
fchlofe er, „ift e« bahin gelommen, bafe bie heften pom ©bei flüchtig unb per* 
bannt leben unb bafe (Eure ©tajeftät, «m bie alte Religion Pon Schottlanb wie» 
ber herjuftellen, oerbammlidje ©ejiebung mit auswärtigen gurften unterhalten, 
©ntlajfen Sie ©othwell unb «jjuntlep au«.bem ©ebeimratb-" 

©taria, empört unb gebemütbiejt, erhob fich unb rief mit brobenber 
Stimme: „,S)ie« ©lut mjrb einigen pon Such/ glaubt mir, tbeuer ju ftehen 
fommen." 

„©ott Perbüte ba«!" antwortete Pulpen; „benn je mehr Gure ©tajeftät 
ftch beleibigt feigen, befto ftrenger wirb bie äBeltm ihrem Urtbeil fein." 

$ie Königin, pon ben Vorfällen tief erfebüttert, würbe beinahe obnmäch* 
tig. ©ei biefem ©nblic! ging ©utoen hinau«, Starniep folgte ihm. Keiner 
ber ©erfchworenen lehrte juri}d: man begnügte ,fi<b mit bem ©efebebenen unb 
trug Sorge, alle 5lu«g8nge befefct ju halten. 

3nbefe waren bie ©emofener Sbinburgb« burch ben Sumult, ben bie S> 
morbung ©iecio’« in £olprooo oenirfachte, in leine Heine ©ewegung geraden. 
Star ©roooft (©ürgermeifter) liefe bie Sturmglode gieren unb erfdjien an ber 
Spi$e pon fe<h«hunbert bewaffneten ©ärgern, um anjufragen, wa« im ©alaft 
Porgche. Sr begehrte Sinlafe bei ber Königin. S)ie ©erfÄworenen perwei» 
gelten'ibm biefen. Star ©roooft lünbigte an, bafe.er mit feinen Seuten ©ewalt 
brauchen werbe, darauf erllärten bie ©erfchmorenen, bafe er bie« bleiben 
laffen folle, benn fobalb er jur ©ewalt fchreite, werbe man bic Königin tobten 
unb ihren Seidmam über bie ©lauer binabmerfeu. Star König liefe zugleich 
melben, ©taria befinbe fi<h wohl, nur ihr ©ebeimfebreiber (ei getöbtet Worben, 



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unb fügte {linju, et Befehle bett Bürgern (ei Strafe bet ffiiberfeblicbteit, ftch ju» 
tQdjU}ie(en. liefet SJefebl mürbe angebürt unb bie Schaar (egab ftch nach 
$aufe. Sie KBnigin, o(ne fjreunb unb Seratber, felbjt öon i(ten grauen 
getrennt,. (lieb tiefe ganze fdjredliche Stacht binbur# mach, in ihrem 3imraet 
auf einem Stuhle ftpenb, in ihrem eigenen Sfklafte gefangen. 

Sie (Stofen non £untlep unb Sotbmetl, bie auch in ^olproob mahnten 
unb fuh nicht minbet als SRiccio bebroht glaubten, hatten baS SBeite gefügt» 
Sie hatten (ich mittefft eines Seils auf bie (Haffe (erabgelaffen. 

n. 

'6S giebt mo(l menige Stäume, bie auf bie ißhantafie fo mitten mie baS 
Schlafzimmer SJtaria Stuart’« unb beffen Stebengemacb. Set alte morfche 
Srübel ftimmt zur ©efdjidjte »on JDtorb unb S3lut. Slber bet zerfatlenbe lonig» 
liehe Kram matb mit noch unheimlicher, meil et uns Bon einet alten Same in 
Stauer gezeigt mutbe, bie mit ihtem mactelnben Kopf, ihrem hagetn Pergament« 
nen ©eficbt unb ihren gichtig BertrQmmten gingem, Bon halb aufgettennten 
f^marjen $anbf<buben Belleibet, mir mie eine übriggebliebene munifteirte 6h* 
tenbame bet fcbottifchen ÄSnigin etfehien. gn abgemeffenen, gleichfam feit 
gahrhunberten eingeletnten Sähen erzählte fie bie ©efchubte jebeS Silbe«, jeber 
Sapete, jeber Stiderei, unb lieb fuh butch eingemotfene gtagen fo menig mie 
ein äbfcbnuttenbeS Uhrmert ftßren. Sie alte Same muhte nicht, marum ich 
fte fo neugierig betrachtete unb ihr fo genau }ub3rte! gn ihtem 6nglif$ mit« 
terte ich feltfame SlrcbaiSmen, mie fee in 6hancet unb Spencet unb aut( noch 
in ben SBerten beS gSttlicBen Sffiilliam oorlommen. 

Slm anbetn IDtorgcn begab ich mich an’« 6nbe Bon 6anongate unb lieb 
mit ben Kirk of Seid geigett, einen Singer, Bon (Härten unb gerftreuten 
Käufern bebedt,* an melden ftch bie ©ef<hi<hte Bon Samlep’S tragifchem 
Sobe tnüpft. 

„geh metbe nicht eher ruhen unb mieber zufrieben fein, SJtplorb, bis g(r 
$etz auf’S Sleufterfle betrübt ift, mie je&t baS meinige", hatte SRatia Stuart zu 
Sarnlep in bet gefchilberten BerbängnifjBoHen Stacht gefprochen. Sie hielt 
furchtbat SBort, unb bie SBeife, mie fte Borging, enthüllt ihren Sharalter. 6in 
(Hemütb thut ftch #ot uns auf, in melchem Sinnlichleit, Sift unb grauftge Ser« 
rätherei hinter einet bet lieblichfien unb rcigooQfien SRaSlen Bon poetifchem, 
Zärtlich fcbmärmetifihem Slnhauth fpielen. 

Seit Sliccio’S SRorb mar Sarnlep als Künig SchottlanbS aufgetreten. 6r 
erllätte baS Parlament für aufgelüj’t unb befahl ben SJtitgliebern beffelben, 
6binhurgh zu »erlaffen. 6c mürbe aber Bon ben SSerfcbrootenen noch weiter 
getrieben. Sie beabfteptigten ihm Krone unb Regierung anzutragen, ben 
SSroteftantiSmuS ooüenbS im Sanbe einzufühten unb SJtaria fo lange gefangen 
ZU halten, bi« fte biefe SJtafjregeln gebilligt. Slber biefet ^5tan, geroife oor« 
trefflich unb zeitgemäß, ba er ja ein gabt fpäter Bon Slnbem ausgeführt mürbe, 
fcheiterte an ber grauentlugheit SJtaria’S, bie nicht umfonfl bei Katharina Bon 
SJtebici in bie Schule gegangen. 




119 


ft 


J Gie fucbte f«b nämlich au$ bet G<baat ihrer ©egnet gleich denjenigen 

( heraus, ben fie als ben S<bwä<bften ju lennen glaubte — es war ibt ©atte. 
(SS gelang ibt oottftänbig, feinen Sinn nach einigen Unterrebungen um juf ehren. 
Sie fefete ibm bie ©runblofigfeit feinet VerbacbtS gegen Sfticcio auSeinanber, 
fhilberte ibm bie ©efabr, bie fein Vorgeben über baS Sanb brächte, uitb fta* 
(bette feinen Stolj auf, ftcb nicht als aBertjeug für bie $täne bet SorbS brauchen 
• 3 U taffen«, datnlep war charalterfchwach unb liebte SMaria noch immer. 2Bie. 
jeber ©atte, begann et, naebbem bet erfte 3oxn fi<b gelegt batte, ftcb felbft ein* 
3 ureben, et fei in {einet (Siferfucbt $n rafch notgegangen; Veibe fprachen ein* 
anbet beleihen $u wollen, ttttaria bie ibj augetbane Sräitlung, datnlep bie 
Veleibigung feinet (Ihre. hierauf Wat bie Verftänbigung jwifeben Veioen 
ganj leicht. Sie befdfcloffen, bie Verfcbworenen ju täufeben. 

datnlep Jelbft bot nun bet Königin bie £anb $ur glu<bt au$ ßolproob. 
(St benachrichtigte feine ©citoffen, feine ©emablin fei Iran! unb bebürfe eines 
fiuftwechfell, fonft fei eine fausso couche $u befürchten, die Königin oer* 
§eibe SltteS unb fei bereit, bie Urtunben §u unterjeiebnen, bie bie Verfrorenen 
$u ihrer Sicherheit für notbig erachten mochten, die Verbannten wolle fie in 
©naben aufnebmen uitb ben 3)torb Viccio’S nerjeiben. die Verfcbworenen 
warnten darnlcp, nicht mit ihnen in eine gatte $u geraden; allein eine Slu* 
bien] bei bet Königin baff bie £ift oottenbeit. ‘ 

„Sepen Sie felbft, 2JlplorbS, bie Slrtifel barüber auf 11 , fagte SMaria, halb 
mit dem, halb mit Senem im 3 mxmet traulich auf unb ab gebenb. 

die Urfunbe warb aufgefefct unb darnlep übergeben. (Sr oerbürgte fid? 
für bie Unterfcbrift wie für alle weitern folgen. Sille feine ©enoffen waren 
befriebigt, nur bet alte Mutoen fcbüttelte ben flopf. die Äön gin war frei. 
Valb ftanben 9iojfe bereit, ba$ iionigSpaar nach dunbar 31 t bringen. Slls fie 
bort angefommen, war SWaria’S erfte dl;at, ihre ©etreucn aufjurufen; bie 
©rafen Voibwett, £untlep, Sltbott, SMarjbatt unb Slnbere erfebienen fogleidj 
mit ihren Scannen. 

Mun erlieg SMaria ^roclamationen gegen bie „Glenben", bie eS „gewagt, 
ihren Sßalaft mit Vlut 311 befleden unb fie gefangen 311 halten." Valb batte fie 
auch unter ihren gefaben felbft 3 n>ietracbt §u fäen gewußt, inbem fie einem 
dbeil berfclbcn SluSföbnung anbot unb nur bie eigentlichen SMörbet Miccio’S 
richten wollte. tttutuen, douglaS unb fütifunbfecbaig anbere SorbS würben 
00 t ©eri<ht gelaben — Sitte flohen nach (Snglanb. 

der SMcifterftreicb war auSgefübrt, SMaria !am als Königin in bie Stabt 
Suruä, in ber fie fidj noch oor wenigen 2Bo<ben bülfloS, befebimpft, gefangen 
gefeben. da bie £auptoerbrecber entwichen waren, lieb fie felbft SMitfcbulbige 
^weiten ©rabeS einledern unb gum dobe oerurtbeilen. die $rioatfecretär* 
{teile erhielt Viccio’S Vruber 3ofepb. 

darnlep feinerfeitS erklärte auf „©bre, dreue unb gürftenwort", bag et 
webet um bie abf<beuli<be Verfcbtoörung, noch um bie beabficbtigte (Srmor* 
bung ttttccio’S gewußt. 



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126 


$icfe Verrätberei $arnlcp’S Perfekte bie abmefenben Verbannten in bic 
pöchfte SButb. 2115 SRepreffafie fünften fic Maria Die gmei Urfimbcn -gu, bon 
2)arnlep untergeiebnet, taut bereu SRiccio getöbtet merben unb 2)arnlep bie 
Ärone erhalten foßte. Maria erfuhr, ba& ihr ®emapl nicht in 3*>m unb Sei* 
benfepaft, fonbetn oorbebaept gepanbelt. Sie oermieb ibn unb er ftanb fortan 
inmitten beS HofgeprängeS non Holproob mie ein StuSgeftobener ba. 

*$er Vetfepr mit ihm*, fcpiiebMefoid bamalS an Gfifabetp, „gilt als 
Verbrechen. -1 

19.3uli lam Maria auf bem Stoffe Stirling, mobin fte ftep ber 
Sicherheit megen gezogen, ,mit eineqi Sohne nieber, ohne ba|j biefer Vorfad 
eine Verföpnung ber hatten berbeigefaprt hätte. Maria’S $erg batte ft<6 in 
biefer 3eit ber Vebrängnifj immer mehr bem Grafen Sotproed gngetebrt, unb 
baib mar fle gang Pon jener unfeligen Seibenfcpaft erfaßt, bie fte bem Verberben 
entgegenfübten fotfte* 

Sorb Votpmett, einer ber mäcpttgften fcpottifchen Varone, bon normanni* 
feper Sbfunft, in ber Mitte ber 3)reiBig ftepenb, Perpeiratpet, mar eine rau^e, 
gemaltfame, berfd^Tagette Statur. Gr mar ^dtlid^ unb batte nur ein 2tuge. 
Xropbent mar Maria ibm halb in Hdem uittertban. Gr mattete nach belieben 
unb trieb bie Geliebte ihrem Verpängnijj entgegen, $arnlep mertte 2ltteS, 
aber bon fepmaepem Gparatter, tief ungtüdlicp über ben Verluft bon Maria’S 
Siebe, feiner Slcptung unb feiner Macht, babei fuplenb, ba& er bem fiampf nicht 
gemachten, fafjie er ben Gntfcplufc, Scbottlanb gu bertaffen. 

©otpmed mar inbeffen als Sorb*Sieutenant an bie fäböftficpen ®rengen 
gegangen, mo mächtige Häuptlinge in gepbe untereinanber lagen. Gr geigte 
groben Mutp unb marb giemlicp fepmer oermunbet in bie Grcmitage bon 3eb* 
burp gebracht. Sogleich flog Maria Herber, ibn gu pflegen. 

$ie Aufregung unb Sorgen gegen ibt, eine fernere flranfpeit gu. Sie 
batte heftige* giebet, Starrlrämpfe, Opnmaiten, man mar für ihr Seben be* 
forgt. Votpmed, eben erft genefen, ftanb an ihrem Säger. Such 3)arnlep 
erfebien, aber fein Vefucp mar falt unb furg. Gr ging mieber nach ©las* 
gom ab. 

3)ie ®enefung ging Tangfam PormärtS. Maria mar fortmährenb fepmeig* 
fam unb nicbergefcplagen. Sie mieberpolte punbettmat be$ SageS bie SBorte: 
„3<fr möchte geftorben fein! 11 Mefoifl fchrieb an Glifabetb: »Man pört bie 
fiönigin oft tief feufgen, unb ich fab, bab meber Sorb Murrap noch Sorb Mar 
fte bemegen tonnten, Sperfe gu fuh gu nehmen. 3)agu pat fte mehr als fchlimme 
®efeflf$aft gu biefer 3eit, benn ber Garl non Votpmetf bat fein eigenes 3iet, 
auf bas er loSgept. 1 ' 

Valb fanben fiep Verfonen, bie ben ®emöfbÖguflanb ber Königin gu ihren 
Smeden benupen modten. 3)er Perfcplagene Setbington erbot fiep im tarnen 
feiner Partei, bte Stpeibuftg Markte Pon S)amlep betbeigufübren, falls fte in 
bie SRüdtept bet Verbannten midige. Maria midigte unter ber Vebingitttg ein, 
ba& bie Scpeibung eine gefeplicpe fei unb bie SRecpte ihres SopneS nicht beehr* 


8 




121 


trächtige. Sttet ber päpflliche 2Jladjtfpru<h mar ferner ju erlangen; man 
mufjte etma gegen 2)arnlep einen $ro$eh megen ©hebruch* einteiten ober ihn me« 
gen £o<hoerrath* oerfolgen laffen Seiftet ginge es freilich, menn Vtaria 
SBittme mürbe. 

$ie &iufe fanb ftatt, Vothmed leitete bie Slnorbnungen, 3)arnlep, ber im 
©chloffe mohnte, lam nicht ba 5 U. Such bie proteftantffchen 2orb$ blieben au$. 
2>ie Königin modte f«h juerft unbefangen (teilen unb mar beqtü^t, bie $auf« 
gefeüfcbaft §u unterhalten, halb aber brach fie meinenb sufammen. „34 fürchte,* 
febrieb 2e Grop, ber franjöftföe ©efanbte, „bie Königin mirb un$ noch man¬ 
chen Summer bereiten, menn fie fo forgenooft unb nietancholifcb bleibt.* 

3)ie begnabigten Verbannten lehrten heim, Starirfep’S erbitterfte geinbe. 
SJiefer, Oon ©chreden erfaßt, reifste nach SlaSgom §u feinem Vater. Saum 
bort angetommen, belam er bie Voden, ba« Voll aber hielt ihn für oergiftet. 

Vlöplid) etfebien 2Jtaria an feinem Säger unb überhäufte ihn, ben fie 
ha^te unb oerabfeheute, mit Sieblofungen. Sarnlep mar erftaunt, lange 
batten, Vormürfe oon beiben ©eiten erfolgten, enblich oerföbnten fie fiep. 
Starnlcp, ber SDlaria immer noch liebte, febob feine Vergehungen auf feine 3u* 
genb unb Unerfahrenheit unb modte in 2lüe$ midigen, menn bie Sönigin ihm 
oerfpräcbe, mit ihm als ©attin leben $u mollen. SWaria fagte e$ mit 2Bort 
unb $anbjch(ag gu. 

Qi hanbelte fuh bannn, einen Ort ju mähten, an bem Starniep feine die« 
conoalcSceng abroarten fodte. 3 n ^otproob tonnte er beS jungen Vrinjen 
megen, ber angeftedt metben fßnne, nicht bleiben. Votbmed fchiug baS £au3 
feines guten greunbeS dtobert Valfour oor, baS unfern beS ©chloffes luftig im 
Kirk.of field oalag. Qi mar jmar fepr eng unb oermahcloft, aber Voth« 
med empfahl eS. 

Starniep betrat baS #au8 am lepten ganuar 1567. $ie Sünigin lieh ih* 
Vett im drbgefchoffe, gerabe unter bem 3immer ihteS Satten, auffchlagen, 
meihte fuh gan§ ber pflege beS VeconoaleScenten unb braute ihre Vtufifer unb 
©dnger herbei, um ihm bie 3eit §u oertreiben. 

2lm Slbenb beS 5. gebruar rief Vothmed 2Jtaria , $ oertrauteflen Wiener $u 
fuh. GS mar ein granjofe, dtamenS Hubert, nach feinem ©eburtSorte fcperj« 
meife grench VariS genannt. Uli Vertrauter ber Siebenben hatte er Vriefe 
hin unb her getragen. 

„Starnlep", begann Vothmed, „mirb urnlornmen. £iet frnb bie dlacp* 
fchtüffel ju feinem £aufe. 3mei 2Jtänner, $ap oon Sadom unb £epburn oon 
Volton, ftnb oon mir auSerfepen morben, bie Spat $u tpun. SBidft 3)utnir 
bepülflicbfein?* 

$ari3 blieb itamm unb blidte ju Voten. 

„dlun*, fragte Vothmed, „moran bentft 3)u?* 

„$err, ich bente an ba$, maS 3h* mir gefagt unk maS elne mieptige 
Sache ift.* 

„®aS hältfi S)u caoon?* 


ci 


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M 


„9Bo3 icb babon palte, $err Graf? Sie werben mir bergetpen, wenn ich 
e« in meiner (Einfalt perauSfage." 

„Su willft wieber prebigen —" 

„(Rein, SDlplorb, Sie werben porcn — a 
„(Run, fo fpricp!" 

„Siefe« Unternehmen wirb 3hnen gröbere Sturme bereiten al$ jemals 
ein anbere« gubor. ©eben Sie 3lcpt, 3*Permann wirb Sie anflagen —" 
„Unb meinft Su, Summtopf", fiel ©otbwell ein, „bafe ber Pan bon 
mir allein au«gept? 34 habe Setbington, einen ber tlügften Köpfe im Sanbe, 
ben ©rafen Slrgple, meinen Schlager, bann bie ©rafen bon Norton unb 
(Ruthen auf meiner Seite. Siefe brei banfen mir ihre ©eguabigung unb wer« 
ben mich nicht im Stiche (affen. ©3 ift ein Vertrag aufgefept worben, laut beffen 
Tie ftcb berpflicpten, Sarnlep gu tobten, weil er fiep gegen bie Königin aut uner¬ 
trägliche 3Beife benommen unb ein geinb bc3 SlbelS ift. Sa« $apier mit ben 
Unterfpriften ift in meinen £änben. Su aber bift ein Schwacpfopf unb nicht 
werth, bafj man fuh mit Sir bon folcpen Sachen unterhält." 

$ari« willigte ein unb war bermuthlich weit nachgiebiger, al« er fpäter 
bor ©eriebt betheuerte, ©r berfprach, ein gäschen mit (ßuloer in ba« £au£ 
SBalfour’3 fehaffen gu laffen, währenb fuh. SBaria bei Sarnlep befanb. 

Sie Dlacht be$ 9. gebruar tarn heran. Sie Königin hatte ein 33ett mit 
Vorhängen bon neuem Sammet au« bem 3inuner tel König« fortnehmen unb 
burch ein alte« erfepen laffen. 3lucp eine toftbare Sede bon ÜRarberfcHen lieg 
fie entfernen. SBäprenb fie mit Sarnlep traulich unb fcheinbar (iebeboll plau* 
berte, fchleppten bie SRänuer (ßulberfäde herbei, bie bon (pari« unb Den beiben 
£auptberf<bworenen, $ap unb $cpburn, bie fiep im £aufe ©alfour*« berftedt 
gehalten, in (Empfang genommen würben. ÜDtan häufte fie auf bem Soben 
be« ©rbgefepoffe« unmittelbar unter ber Stelle an, wo fiep ba£ Seit be« König« 
befanb. 

311« 21 De« fertig war, ftieg pri« bie Steppe hinauf unb erfepien im ®c* 
mache. Sa fiel es ber Königin ein, bafj fie berfproepen habe, einem (Kasten- 
feft in ^olproob beiguwopnen, ba« gut geier ber #o<pgeit einer ihrer Kammer« 
frauen mit ihrem frangöfijcpen Siener .Sebaftian gegeben würbe. Sie nahm 
bom König 3lbfcpieb, ber, als ob er eine ©efapr ahne, plöfcticp traurig gewor« 
ben war. 

©in ©efolge mit gadeln, bie ©arl« bon Slrgple, ^untlep, ©affili«, 33otb* 
well geleiteten üDiaria. Sie war heiter. 311« fie in £olproob eintrat, begeg* 
nete ihr einer bon 93otbmeH , 3 Sienetn. „3Ba« rieepft Su fo fepr nach $uloet?" 
fragte bie Königin. Sie erhielt eine auSweicpenbe Slntmort. 

Sarnlep patte ingwifepen bie Sibel aufgefeptagen unb la« ben funfunb* 
fccpgigften Palm. Sein piae Saplor fab bei ipm. Srei Sage gubor patte 
er bou (Robert Stuart, bem jungem Oruber ber Königin, eine 3Rapnung er¬ 
halten, auf feiner £ut gu fein. 3lber bei einer Slufforberung, feine Slngaben 
gu wieberbolen unb gu betätigen, patte (Robert 3lu«flücpte gefuept. 


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3n $olpcoob broufte ber Soll, bie flbnigin tankte, Vothmell batte ficfc 
inbef; verloren, feine reichen Aleiber mit unfcheinbaren vertaufdjt unb mar, von 
vier greunben, barunter ißariS, begleitet, burch ben ©arten für 6tabt hinauf 
gegangen, mobei er vom fßfbrtner angerebet mürbe. So tarn er an baS $au£ 
SBaljour 7 *. ©ine lange Sunte mürbe in baS ebenerbige Schlafzimmer geleitet, 
bann zogen fich bie Verfdjmbrer zurücf. ©ine lange &\t verging, ohne bafe 
man etmaS vernahm. Spannung, forgeuvode ©rmartung bemdebtigte fich Silier, 
VothmeH ging im anliegenben Aloftergarten ungebulbig umher. 2)ie Minuten 
fchienen ihm ©mtgfeiten, unb er tonnte nur mit 2Rüho abgehalten merben, gu* 
rüdjulehren unb natyufehen, maS ber Sante fehle. 3)a machte eine furchtbare 
©yplofion ber Spannung ein ©nbe, baS £auS 9klfour 7 3 plante mit entfefcliiem 
©etrach, bie Steine flogen meit hinaus. VariS fiel ohnmächtig nieoer, unb . 
felbft ber muthige VothmeH murmelte: „SJtancheS hab 7 ich mitgemacht, aber fo 
mar mir noch nie zu SRuthe!" 

3nbe& jeigte c$ fich fpäter, ba& Stamlep unb fein $age nicht burch bie 
©jplofion |U ©runbe gegangen, fonbem fchon früher von $ap unb #epbum 
ermorbet morben maren. SWan fanb 3)amlep 7 S Seiche, nur mit einem $embe 
betleibet, im nahen Obftgarten; fein $el) lag baneben, er unb ber Vage maren 
ohne Vranbmunben — man hatte fie erbroffelt unb burchS ftenfter hinauSge* 
morfen. 5)Ufe leptere $bat mar ein SBerfe^en ber SRbrber; baS $au3 mürbe 
ja eben in ber Slbficht in bie Suft gefprengt, bie Spuren beS 2)torbe3 zu ver* 
mifchen. 

ffiar UWaria SRitmijferin? Sie hidt fich in ihren ©emächem verfchloffen 
unb mar nicht §u fehen. Um elf Uhr beS anbern $ageb fchrieb fie ihrem ©e« 
fanbten in $ariS, bem ©rzbifcbof von ©laSgom: „^er Vorfall ift fo gröblich 
unb fo befrembenb, mie man es niemals in irgenb einem Sattbe erlebt hat. 
Sticht ein Stein iji auf bem anbern geblieben — es muh burch ©emalt, burch 
eine SJtine gefchehen fein. SBei bem ©ifer, ben ber StaatSrath ber Unteriu* 
chung meiht, gmeifeln mir nicht, bap bie Sache halb aufgeflärt fein mirb, unb 
ba ©ott eb nicht sutaffen tann, ba| begleichen verborgen bleibe, hoffen mir baS 
Verbrechen mit folcher Strenge zu beftrafen, bap eb zur SSarnung vor folcher 
©raufamteit in allen ^ahrhunberten bienen foß. So viel fteht feft, bah, mer 
auch ber Später gemefen, feine Sbficht fomohl auf uns als auf ben Aonig ging/ 
benn mir fchliefen faft bie ganze le|te 2Boche in feinem $aufe, maren noch am 
Xage, begleitet von mehreren SorbS, bis gegen ^Mitternacht bei bem Abnige 
unb mürben nur burch eine zufäflige SJtoSterabe abgehalten, bie Macht bort ju« 
Zubringen. Slber es mar tein 3ufaü, fonbem ©ott felbft, ber uns eingab, baS 
$au3 zu verlafjen." 

3n biefem Briefe mirb ©ott smeimal genannt unb angerufen, ber Vrief 
hat auch eine lutrauenermedenbe Matürlichfeit. Stäre nur nicht fpäter bei bem 
Wiener VariS ein ftlberneS Aäftchen gefunben morben, morin Vothmcfl bie 
©riefe ber Äbnigin an ihn unb allerlei ©ebichte, von ihrer eigenen $anb ge« 
fchrieben, vermährte! ©in verhängnisvolles Sicht fällt barauS auf bie ©reig* 
%. 9 


IS i ; 






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124 


h 


nijfe, bie mit fo tbett berichtet, itnb auf eint ganje ©ergangenbrit jurüd. So 
febreibt f«e au« SlaSgow, wo fit A4 belanntlüb fo f>(3|(i4 «nb järili4 mi* 
Darnleb au«f3bnte „Sit* üb ben Ott, wo mtin #erj jurüdgebticben, oerlaffen 
batte, urteilt, wie mir ju fDfutbe wat, ba i4 mit oortam wie ein Seib ohne 
Sette!“ SBeitet fagt fie übet bie Steife: „34 fab ibn noch nie A4 fo gut be* 
tragen, fo fanft fpteeben! SBüflte i<b nicht au* (frfabrung, bafj fein $erj fo 
wticb ifi wie 2Ba4* unb meines hart wie Diamant, icb glaube, i4 bitte mit 
ibm flßitleib haben muffen. 3bt braucht inbtffen nichts ju fürchten. 3b* 
iwingt mich“, fchreibt fle weiter, „ju fo grober ©erftettung, bofl ich barfiber 
Sntfehen fübie. ©ergeht es nie, bab ich, ohne oon bem SSunfche, Such ju 
gefallen, getrieben ju fein, liebet ftütbe, als foldje Dinge ju begeben. SEir 
fmb oerbeirathet, 3br unb ich, mit techt baffenSroertben ©etfonen. SOtöge bie 
■fjäile biefe Seffeln brechen unb bet ^iramei und HeHkbert ©aube febmiebtn, 
bie nübt« mehr jetteiben tann. SJiöge er au* un* ein fßaar machen, treu unb 
jättiieh, Wie e* nie bagewefen.“ SnbKch erwähnte fie ein Attentat terrible”. 
Die liebenSmürtige gtonj&fin belommt bttylüh bie grauenhaften 3üge bet Sab? 
üRacheth, inbem Tie in ©ejug auf ihren fraufen Satten an ©otbweO fchreibt: 
„Denlt nach, ob A4 nicht irgenb ein Sebeimmittel fänbe, ba* man ihm at* 
Strjnci eingeben fönntt." 

Stu* jener 3eit, wo fie bie Sefe0f4aft floh, um einfam ju weinen, fcheinen 
alle bie Sonette ju flammen, bie A4 fpäter in ©otbioelt’* itäflehen fanben. 
Sin* babon lautet: 

$ab’ SDtitteib, Sott, ju bem ich einfam weine, 

Unb fag’, welch 3ri4«n ihm bie AummerooOe 
®on ihrer Sieb’ unb Sreu’ noch geben foQe, 

SEeich 3ü<hen, ba* ihm eilet nicht erfdjeine? 

* Den Seib gab ich ihm bin, ba* #erj bat feine 
3hm ftembe SHegung; bet ©etwanbten Srotle 
Seflt’ ich mich aus, bamit ber gteunb nicht febmotte, 

Unb geh in Schanbe unter als bie Seine. 


SO meine ftreunbe will ich gern vermiffen, 

Unb SuteS mit oon meinem geinb oerfprtchen. 
Die ßbte gab ich tbm unb mein Sewiffen. 

Srflr ihn wiQ ich mit ÜBelt unb 3Renf4en brechen, 
Unb feinen fRubm mit meinem Dob beflegeln; 
2Ba* bteibt noch, um ein treues $erj ju fpiegetn? 


SDie biefe« Ootflehenbe Sonett eine «ngemeffene $ingebmtg auSfpricht, 
welche oor nicht« jurfctfdbredt, fo flnbet A4 im fotgenben bie Siebe tat bfohflen 
SRafle bet Seibenfcflaft, mit 4m Qual, ihrem Stüde, ihrer 8iferfu4t unb ®e* 
gebrticWtit: 





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136 



Stein $etj, mein lötet, mein Freuub, OueU meiner Sorgen l 
Su gabft Sein SDort jurn $fanb, jtn mir zu tommen, 

Sie 9fa<ht mit mir ;u tofen bis }um (Morgen — * 

fflaS läffeft Su mich fcbmacbten tiefbeUommen? 


3<b f^r meiit $eq von SobeSangft geftocben, 
3<b feb’ müh fern vom ütaufcbe meiner SBtmnen, 
3<b jittre, ba| Sein $ei) mit mir gebroden. 

Sab Äälte unb Sergeffen Sieb umfponnen. 

3<h glaub’, baff böfer 3ungen Gift uns trenne, 
Unb meine Siebe in ,ficb felbft verbrenne. 


SBie in viefen mitgetbeiiten Sonetten, if bie Abnigin auch in allen übrigen 
bem geliebten (Wanne gegenüber vetfebwunben; nur ein von Siebe ergriffenes 
2Beib ift ba, baS in ttnterwürfigleit MlnblingS folgt, toobin ©otbioetl eS fübrt. 
Sie fübtt ba$ (Stauen, baS bet (Rann vor ibt haben raub, unb ergreift jebe 
Gelegenheit, ficb fo Uublicb ju {teilen als möglich. 91 ur um feinetmiilen tann 
fie begleichen Singe tbun, b. b- nur in biefem epeeptiouefien Falle fo ban» 
beln, nur-mit biefem einigen SDlanne bie Sünbe begeben, nur mit ibm unb für 
ibu fo lügen unb trügen! 

SSon bem Sage an, an welchem bie Slutbenticität bet im ftlbemen Häftchen 
gefunbenen ©riefe dJlaria’S feftgefteUt unb fomit ihre Sbeiinabme am (lUoibe 
ibreS Gemahls erwiefen würbe, ift (Watia’S ©trojefi vor bet Gefebidjte verloren 
gewefen. Gr hätte aber aueb nie fo lange gebauert, ihre Schuft» wäre nie be« 
jtritten motben, wenn nicht ibt Unglüd in neunzehnjähriger #aft, bie (Barbarei 
ihrer Einrichtung unb ber hochherzige (Ruth, mit bem fie bas Scbaffot beftieg, 
es ber tatbolifcben unv jalobitifcben Partei ermöglicht hätte, an baS ©emütb zu 
avveUiren. $bre Unfchulb tann natb bet SarfteUung Saing’o in feiner „TTi- 
story of Scotland ’ Riemonb mehr behaupten. 

Sie grojje (Raffe ibrerfeits belämmert ff<b toenig um bie Setails ber Ge« 
febiebte, felbft ihrer intertffanteften $erför.(icbteiten, »enn biefe breibunbert 
3abre tobt fmb, unb fo ift benn beim (ßublitum jene GbaratteriftÜ (Raria’S bie 
feftftebenbe, weiche eS bureb ScbiHet’S Sragöbie erhalten. Gs war ein 3Beib 
Zu fchilbern, naiv unb graufam, tinblich unb ftenlich, zurrft bie Setberberin, 
ber fchöne, lächelnbe ffiürgeugel vieler Blänntr, zulept baS Opfer eines rohen, 
aber entrgifeben Gewaltmenfcben. GS war eine SEBelt voll Fanatismus, Srug, 
Gewalttbat, Seibenfchaft unb Heuchelei zu malen; aber bie SarfteUung folch 
einer (Belt mutbete Schiller nicht an, ben Sichter, beffen eigentümliches ifflefen 
bie (Begeiferung für allgemeine {Rechte, jugenblicher Freibeitsbrang unb tosmo« 
politifcbe (Renjcbenliebe waren. Gine (Bethrecberra pi malen mit ber SWene 
ber Unfchulb, eine Frauennatur, in welcher ficb Gptreme nufchen, baS lag au« 
berhalb ber Grenzen feiner tünftlerifchen äbfeebten, vielleitbt auch anherfmlb 
ber Grenzen feiner bichterifchen Schöpfetbaft. So. zeigte e» unS bloS bie bul« 


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benbe, böchftens ihren Seichtfinn büjienbe grau, beren ganje erfchüttcmbe Ser« 
gangenheit er nur mit $wei ©erfen oberflä<hU$ berührt: 

3Äi baft ben Sänger beglücft, 

Unb jener ©othweß burfte dich entführen. 

©ne ganje Seit bon Gingen ift in Schillert dichtung übergangen wor* 
ben, um uns blo$ einen rührenben Slbfchieb oom Stehen §u jeigen. . 

der intcreffanteftc bramatifche Stoff fäeint fomit noch immer ber poeti* 
fcben ©ewältigung borbebalten. ©jörne SBjornfon bat barauS ein herrliches 
bramatifcheS gragment aufgebaut, baS aber leiber nur gragment geblieben» 


^mcriho's JFcftc. 

©on etutoipb £erou> # 

der Smerttanet ift in gar bielen Gingen ein recht fonberbarer flauj; bo<b 
in nichts offenbart fich biefe Sonberbarleit lebhafter, als in ber Ärt ber geier 
feiner gefttage. ©iel babon mag wohl auf ^Rechnung be$ alten ©uritaniSmuS 
gefchrieben werben bürfen, ber äße gefttage ignorirte, aber um fo einbring* 
li(bet bie ßeiligbaltung be$ ©ubetageS befürwortete, unb um afle greifet 
über bas, wa$ er unter ßtube berftanb, ju befeitigen, bie gewöbnlicbften unb 
unoermeibli^ften häuslich*« ©errichtungen als grobe ©erbrechen fhmpelte unb 
ftrafte, wenn man fub ihnen an Sonntagen hingab. der fromme ©fer ift 
freilich im ©erlauf ber gabre abgetühlt, aber es bleibt noch genug bon ihm 
übrig, um demjenigen, ber nicht unter pietiftifchen ©nflüffen erjogen ift, ben 
Sonntag §u einem entfefclich langweiligen dage §u machen, benn ber ganje 
Organismus amerifanifcber ®ejeßf<haft fcheint an biefem Sage fülle $u ftehen, 
unb ftattbeS elaftifchen, thatträftigen ©olfeS fleht man nur flüfternbe, fchlei* 
chenbe grömmler um fuh, bon benen Mancher wohl ben Schelm im ©aden 
tragen mag, aber fkh hoch alle erbcnfliche 9Rühe giebt, ben Hnfcbein $u erjeug n, 
als gebe er fuh ber inneren Slnfchauung mit ber größten ®enugthuung hin. 
Slber befagter Schelm wirb §uweilen recht ftürmifi, unb man muh ihm nolens 
volens einen Keinen SWungStreiS einräumen, wenn man nicht ®efabt lauten 
miß, feine fortmäbrenben 3uffüfterungen in ber Enormität fulminiren ju 
fehen, bah baS amerifanifche ©olt feine Sonntage auf rationelle Seife feiert. 
So öffnet benn biefer drang periobifch ein Sicherheitsventil, aus welchem ber 
luftige Äobolb mit leichtem Sab bcrborfpringt, in bierunb;wan 3 ig Stunben bie 
fchnurrigften dinge voflbringt unb bann rafch wieber feinen 3uffucbtSort auf* 
fmht hinter ber fteifen puritanifchen ^alsbinbe, wo er bann Soeben lang fcbmeU 
gestb hodt, als ob er ftd> ber dinge fchäme, bie feilte £anb angejettelt. die 
©erioben, in welche bieS Oeffnen beS Sicherheitsventils fdflt, fmb ber noch 
grö&ern Sicherheit halber burch ziemlich gleiche 3*iträume bon einanber ge* 
trennt, ©tan fennt fie als ben 4. galt, ben dantfagungStag, baS 9teujabrS* 


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fefr Uttb ben Süß« unb Settag, ber, wenn el fich anftänbigermeife fo entrichten 
läßt, auf SRfaf ober Slpril anberaumt wirb, grübet jäblte man ju btefen 
greubentagen noch ben 22. gebruar, all ben ®eburtltag 2Baf^ington 9 d # unb 
ben rauben Sfamembertag, ber nach bem Stebolutionltrieg bie „lebten 3^* bei 
englifchen Heewl bie ©eftabe bei enblicb freien Sanbel berlaffen fab. Seibe . 
finb jept aul ber Sifle ber folenncn greubentage getrieben, ffiafbington’l 
Snbenten wirb noch auf ernftere unb entfprechenbere SBeife gefeiert, berEvacu- 
ation Day aber bat jebe Sebeutung verloren unb tft über bie jweite Rettung 
bei Saterlanbel ganj bergeffen. Seiner all bal Sbgeben !5nnte bal kom¬ 
men ber ©nglänber bei ben jepigen ©mpfinbungen unferel Solfel gegen biefe 
Nation noch ben Snlaß $u einem ftebenben geiertage geben, immer boraulge* 
fept, baß Heiner bon ihnen wieber binaulfäme. Zocb fcheint mit jenen hier 
gefttagen bem Verlangen bei Slmerifanerl, }u beftimmten Briten über bie 
Stränge fcblagen ju bürfen, bollftänbig genügt §u fein. Zie jüngere ©eneration 
mag noch rege ffiünfche bogen, bie Zage bei Sich*geben4affenl bermebrt ju 
feben, unb feuf^t bietteicht nach bem Zobe grober ÜDtönner, um bann ihren 
©eburtltag feiern §u lönnen. Sielleicbt, .bab in biejem Sinn febon auf bal 
balbtge seitliche Sbgeßen ©rant’l fpetulirt wirb; aber feine gefunbe flonftitutien, 
fein Sflegma unb ber Umftanb, bab er jefct leichtere ©igarren raucht, broben 
biefe Hoffnungen gu tdufchen. ‘Der Sag, an welchem unfer Sincoln geboren/ 
wirb erft in fpäteten 3eiten bon bem Seite, unb bann hoffentlich inbetwürbtgen 
Seife gefeiert werben, wie jefct ber feinel groben Sorgängerl, ffiafbington. 

Zie bon uni bejeiebneten nationalen gefttage berfaüen wieberum nach 
ber Slrt ihrer geier in jwei Alaffen, unb barin offenbart fich eine noch gröbere 
Sonbetbarfeii bei Slmeritanerl. 8m Suß« uub Settage unb am Zantfa* 
gunglfeft ift er ein * ganj anberer Sienfcb, all an bem ebenfaül bureb fechl 
3Ronate bon einanber getrennten bierten guli unb erften ganuar. Glicht etwa 
bab er am Subtage bftbte ober am Zanlfagungltag bantte, benn, wie bem Sefct 
betannt, lomrat bte Sube erft nach bem Subtage, unb jwarmitben SRetta*» 
inationen, bie ber SWagen bann gegen oie Sbftrafung erbebt, welche ihm an biefetn 
Zage geworben, unb bal Zanten tommt aul ähnlichen ©rünben erft n a <b 
bem Zantfagungltage, fowie auch bafür, bab er borüber ift. flurj, biel finb 
Zage, an welchen fich ber Smeritaner einer SCrt törperlicher Selbftpeinigung 
bingiebt—wabrfcheinlich bie Eingebung bei Scbelral, ber baburch wohl Ser« 
gleiche berborrufen will mit brr geiftigen flajteiung am Sonntage, gmmerbin 
ift unfer 3eitgenojfe an bejag:en Zagen, fo weit el Snbere betrifft, ein barmlofer 
SWenfö, unb nur ftch felbft ein geinb, wdbrenb er an ben beiben anbern halb« 
jährlich fich wieberbolenben gefttagen gefährliche ©genfebaften entfaltet unb 
Scßreden berbreitet wo er fich feben labt. Skr ift nicht ber ©ycentricitäten bei 
4. gult eingeben!; wen übertäuft nicht ein Schauber bei ber ©rinnerung ber 
Zinge, bie an biefem Zage im tarnen ber greibeit gefcheben unb ihr $u ©bren 
betrieben werben? üWan flieht bon $aul ju Hof/ benn felbft im einfamen 
Stübchen iftfl nicht geheuer ; überall bal ©etnatter bei geuerwertl unb ber 1 

M -—-% 

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AitaK bon Sd&ießwaffen, bie häufig mit Steinen ober Ale! geloben, ober mit bet 
größten Unbefangenheit, ohne §u feben, wohin man trifft, abgefeuert werben. 
9lur fein offene! genjter, benn fonft Riegen Seudbttugchi unb Haleten in’! 
Simmer; nur leine offene Aederlule, benn man ridtirt, baß ba! ganje $ftu! 
bon ben Dingerchen, bie ba! pTogreffibe Sbina un! fenbet, in bie Snft geblafen 
werbe; unb hoch flieht man, wenn bet 4. 3uli auf einen Samftag fällt, bot 
gerabe ben fieuten, bie am näcbften Dage fcbon mit gefenttem ©lid in bie Airche 
wanbern unb ein 2lu!feben tragen, al! ob ber Dob einer glebermau! ihnen 
unfäglicbe! $erjweb bereiten lönnte. Der Schelm bat auftgetobt unb miifc f«b 
für fo unb fo biele SWonate rubig berhalten. — Hber mit bemHeujahrStagetritf 
er wieber beroot. Seiber verbietet bann bie ffiraterlälte ba! glichen in bie 
2BaIbe!einfamteit, unb ber eilige Aetter ift lein lodenber 3uRu<ht!ort. 2Ä an 
unterwirft ficb bem Unoetmetblicben unb öffnet mit cbrtfHicher Ergebung fein 
$au! ben $orben, bie nur barauf warten. ©om frühen borgen bi! in bie 
fpäte Bacbt ift bann ber gemütlich« $erb nicht! a(! eine Aneipe. Druppweife 
fontmen Re babergegangen. Da füblt ber Hmerilaner ftd> in feinem fünfter« 
(Sine Rücbtige ©elanntf^aft berechtigt |um Now-Years Call, unb Diejenigen, 
benen man ein Aunbe ift, würben ftcb einer febweren Unterlaffung!fünbe 
febuibig glauben, wenn fie nicht lämen. Da! Sinfübren non einem halben 
Duftenb grennbe, mehr ober minber einlabenben Hn!ieben!, macht ba! ber 
^auptperfonage werbenbe SBidlommen um fo wärmer, a(! biefe! halbe Duften* 
bie Sifte ber ©efuebenben um fo viel oerlängert unb bureb ihre ©efammtjabt 
, bie gefellichaftliche Stellung be! betreffenben £aufc! beftimmt wirb. S! ift 
eine böcbft fchmeichelhafte Hu!jci<bnung, e! bi! auf fünfhunoert ja bringen; 
hoch erjäblt man Rcb, baß oor fo unb fo bieleit fahren Semanb ber ©efucbcr 
faft aebtbunbert jählte, unb einen beneiben!werthen Dob in golge ber baburch 
hecoorgentfenen Hufregnng mit obligatem Sein unb Auchen erlitt. 6* be« 
ginnt benn ba! 3aftr mit einem 3)lärtprerthum, unb wer bie ©öderei ohne Trant 
ju werben burchmacht, unb feinen $lrm bureb bie Dortur be! £änbefcbütteln! 
nicht gu ferneren Dienften untauglich gemacht ftebt, ber hat bie! weniger beut* 
(Eifer feiner gteunbe, al! fein er lörperlichen SäbigWt ju oerbanlen. 

©einahe hätten wir bergeften, einer Keinen glanlenbemonftration gu ge* 
benlen, beren Qeuge bie gemütliche £äu!licb*tit an biefem Dage ift. Sährenb 
oben in ben ©arlor! bie „feine 44 Seit häuft, entfaltet fuh im örbgefcbol bie 
Strategie ber Aöchin, be! 3immermäbchen! unb ber Särterin. £err So unb 
So |ieht oben mit bem Schwung einer jabnärgtlicben $anb an ber Aüngel, um 
bureb ba! laute Scheden bie hohe Sichtigleit feiner ©erföndebteit anjubeuten; 
3ad, 3im unb Sri! Hopfen unten an, aber enthalten ftcb be! lärmeitben Huf* 
treten!, benn ba! feine Ohr bon ©ribget unb ihrer Aoilegin hört ba! 
leifefte Alopfen viel leichter aü ba! lautefte Scheden« 3m ©ofement ift 
ein Dijcb gebedt, gerabe wie oben im ©arlor, benn bie Aönigin ber Aficbe 
würbe ficb bcrleftt fühlen, wenn bie Dame be! $cmfe! ihren @dfleit weniger 
böte al! ihren eigenen* greiUcb f*nb c!, wie unten fteif unb feft behauptet 


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129 



toirb, nur Stüber, Bäter nnb Gouftn« bev ®Ub(ben, bie fle befugen, aber 
ifere Slnfprücbe jtnb bie be« erfahrenden Seinfcbmeder«. 3im toiegt fich in bem 
»eichften S*ühftüd«feffel, 3ad behnt fleh gemüthlich auf bem Sofa au« unb 
lafct bort bie Spuren feiltet gctfen jurüd, unb (Sri« bewert Sir ein Jlnbenfen 
iit bet Sabadtöjauche, mit bet et bie »unberUchflen giguren auf Seinem Seppich 
Seichnet, ju»eilen gat in äeilfcbrift ben Flamen Siibgct'« auf bemfelben einä^t, 
al« bletbenbe« Seichen feinet hohen Belehrung. Beoor e« $lbenb »itb, he« 
mädjtigt {ich bet Stauten unten eine grobe Bergefslidbteit bet $fU<bten, bie fic 
oben pi erfüllen haben; ba« Schellen mnfs »ieberholt »erben, unb toitbbie 
Shüt enblich geöffnet, fo fiebt 9Barp au« al« ob fte mit bem Sefuchei tra* 
fehlen toode unb loitft bie $au«thüt mit bonnetnbem ©eiofe $u. Sie« führt 
bom (Sinen jurn Änbern, unb nicht feiten ereignet e« fuh, ba& bot SWitternadit 
ber $au«eigenthümer feine ffiohnung bon bem Sienftperfonal betlaffen ficht, 
ba« et tbährenb be« Sage« gaftlich unterhalten« 6« ift ein »ürbiger Schlafs 
bet Seiet unb eine logifche Goufeguenj jener praftifchen 3lnmcnbung bet @(eich« 
beteebtigungStbeorie, bie fflribget neben bet $enfcbaft ihre Gtafte empfan¬ 
gen Iie|. 

©rfabtungen biefet 2fet in bet guten, beffem unb beften ©efeflfehaft — 
benn übet biefe brei Straten bet ©efuramiheit erftredt fich bie eben bejeichnete 
Seiet be« 9leujaht«tage« in bet Stabt 9fe»-2)otl — tiefen in un« febon lange 
ben SBunfd) »ach, einmal ba« ©ebabren bet unteren Schichten an kiefern 
Sage beobachten $u tonnen. (Sin gteunb, bet baffelbe Setlangen hegte, bot 
un« feine ©efellichöft an, unb froh, bem (angmeiligen GeremonieU baheim 
entrinnen $u Önnen, traten »it fpdt am 9teujahr«abenb ben 2Beg nach ben 
Regionen an, bie unfetem gorfdjergeift ben bcbeutenbften ffiirfung«ftei« ju 
eröffnen besprachen. 2luf bem 6tation«baufe be« {»eiten Bejirf« bot« 
gehenb, fudhten »it bort einen paffenben Gieerone auf, unb erhielten einen 
folgen hi bet ©eflalt «ine« ftämmigen Sergeanten in Gioil, eine« SKanne« bon 
breiter, gutmütbiger ©eficht«bilbung, aber, »te man nn« berfnherte, bon „allen 
£*uben fchon geb^t* unb “ up to snuff ”, ein 2lu«brud, bet auf jenem 
flafftfcben Boben bet fcbmeichelhafteften Bnerlennnng bet geiftigen $oten{ be« 
Betrcffenben gleicbfommt. Sem Sit. S. »odte bie 9(u«fühtung unfetet $lbfi<ht 
gar nicht einleuchten, unb et fuchte un« unter bet Behauptung baoon absuhrin* 
gen, bah bet „(Slephant" an folchen Sagen gar nicht ju fehen fei, inbem Bitte 
ba« Neujahr feierten; aber ba« roat ja getabe ©affet auf unfete Stuhle, unb 
ba« betfühtetifebe Verbieten au«fcblagenb, un« am nächften Sage Böe« in 
ben fchtramentbßen Satben {eigen ju »ollen, fchritten »it bm<h ba« Schnee« 
geftöber unferm 3*ele |u. 


Sin jiemlkb breiter £oftaum führt un« an ein fünffBdige« Unterbau«, 
eine Siatrofenherberge in Gherrp-Street. 

„Sanft iff« hier lebhaft", ertläit S., „aber »ie hh 3b«eu fagte — 




Stur bet untere Stod ifl (eil erleuchtet, unb old wir bic Thür'öffnen, befin« 
ben mir und in einer großen Stube, in welcher bet Tabaddqualm fo bicbt ift. baß 
wir bie Vermittler befjelben laum fchen lönneu. ©ne 2Renge letniger ©e* 
ftalten fifct um einen unbebedten Tifcb, auf bem eine toloffale ©unfchbowle 
bampft. 2Ran fie(t biet bie fchwarjen Slugen bed Spaniers unb 3talicncrd # 
bad glachdhaar bed Tänen unb Sieben, bad platte @eflc&t bed Rinnen uno 
ben ftruppigen fiopf bed Srlänberd. ©in HRettfcb, auf bcffcn $nt(i& alle gar* 
ben bed {Regenbogen* flimmern, fommt und grinfcnb entgegen; ed ift ©barlep, 
ber ffiirth. ©r muß mit T. gut betannt fein, benn biefer fdjüttelt ben £aten, 
ben ©harlep ftatt einer £anb am rechten Slrmftumpf trdgt, unb münfcbt ihm 
fröhlich Neujahr. „3to. 49, 50 unb 51!" {(breit hinten eine noch junge grau, 
mit ber ©harlep in morganatif(her ©he lebt, unb bezeichnet auf biefe SBeife und 
brei ©efucher triumphirenb auf ihrer Tafel. Tann folgen ©rllärungen. Ter 
Schenttifch eyiftire an folgern Tage nicht, meint ©harlep, inbem er auf bie ge« 
fchloffene Sar bintoeift; bie ©owle aber fei gratid für Sille ba, unb Tie fei gut. 
ba er felbft ber ©erfaffer. SWan labet und ein, am Tijch $1 a& ju nehmen; 
wir thun’d unb lauf(hen ber Unterhaltung. „ Tad ift bie größte Tprannin ge¬ 
gen ©tatrofen, bie auf zwei ©einen geht, 11 flüftert 2Rt. T. unb blidt nach ber 
SBirtbin hin. „Sie fdjinbet fie bei lebenbigem Seihe — lein $aud bcrfauft 
mehr betrunlene Seeleute an bie Sioerpooler ©adetfahret ald bied.* — Tie 
gabrt auf biefen Schiffen ift ber Scbreden aller ©tatrofen, unb um fie ju be¬ 
mannen, wirb nicht feiten bie ganze ©efapung in bewußtlos beraubtem 3u- 
ftanbe au ©orb gebracht, um auf ber untern ©ai burch träftige 3u}prache cined 
Tauenbed zur ©rtenntniß ihrer Sage unb ©rfuHung ihrer ©flicßten gebracht zn 
werben. Stber heute ift grau ©(arlep (3<hft leutfelig. Sie beobachtet neu¬ 
gierig einige beutfche SDlatrofen, bie Querhölzer an einen Stod geheftet ^aben 
unb barauf bie ©nben oon Talglichtem brennen, um fuh nachträglich bad 2Beih* 
nacbtdfeft zu oergegenwärtigen. Sie fingt fogar auf allgemeine* ©erlangen 
ein Sieb unb labet bann §n erneuertem Trinten ein. „Sinb Sträflinge im 
^aufe?“ fragt ©tr. T. ben ffiirtb. tiefer weifet auf zwei trübfelig audfe* 
henbe Siebte (in, bie neben ber grau fipen unb ihr ©lad anfcheinenb unbe¬ 
rührt laffen. „konnte fie bo(h nicht oben hoden laffen — fmb ja hoch auch 
©lenfchen, unb an folcben Tagen ridürt man, baß berartige ©tenfcben aii rei¬ 
ner ©erztoeiflung zum genfter hincutdfpringen, toad mir achtzig ToHard loften 
toürbe. 11 — Unfer ©icerone ertlärte und toad bad bebeute. Tie beiben 
©tatrofen, bie ihm bezeichnet toerben, waren in ber Verberge tief oetfcbulbet, 
unb nicht gut genug ald Seeleute, um burch ben immer im ©oraud bezogenen 
Sohn bie {Rechnung bed 2Birt(ed zu beden. Stur an bie Sioerpooler ©adetfab* 
rer tonnten fie zu einem entfprechenben ©reife Oerbanbelt toerben, aber bagegen 
fträubten fie ficb unb tonnten auch nicht oermocht toerben ftch zu beraufchen, um 
bann ohne ihr 3ugeben ©harlep’d {Rechnung zu tilgen. So tourben fte benn 
Sträflinge, b. h* ©ngefperrte, bid fie mürbe mürben, toad bei fchmaler Äoft 
unb fteten Trohungen nicht fehr lange mährt; aber an biefemTage fchmoll felbft 


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131 


Ghatlep’S H*r| Don ©rofjmuth gegen fie, ober auch hoffte er, bah bet Der* 
lodenbe $unf<h unb baS 3ureben ber flameraben baS 3htige tbun würben. 
Süd wir geben wollten, öffnete fich plöplich bie Xhür unb ein auf ben deinen 
nicht fehr fefter SRatrofe taumelte herein. „Sto. 52!" hörten wir noch bie 
SBirthin freifefcen, ünb bann folgte ein Xumult non Stimmen, unter weitem 
wir ben Stficfyug beroerffteßigten. 

„3<b habe cd ghnen fdjon getagt", warf SJtr. 3). entjcbulbigenb ein, „eS 
ift hier nichts lod. 6onft tan$t man hier, aber beute fehlen bie SRäbchen." 

2Bir bebauerten bieS niebt, unb folgten unferm gührer. „Tont comme 
chez nous,” wagte greunb SR. ju bemerfen; „nur in ber Oertlicbfeit, ben 
©erfonen unb bem üerttlgbaren Stoff etwas Derfchieben." — (Sin ftrafenber 
©lief genügte, feine lofe 3unge Derftummen $u laffen, unb weiter ging es in 
bie febneeige Stacht hinein. 

StbermalS war es ein Hinterhaus, baS wir befugen füllten. (Sin tanger, 
enger ©ang führte $u bemfelben, ber 3). rnteber einige ©emerlungen entlodte. 

' „3)iefer ©ang", fagte er, „führt ju Derfcbiebenen Häufern unb fteht eben 
nicht im beften ©cruch. Sehen Sie, er ift fo $ng, bah man faft mit 3)enen, 
bie oeS anbem SEBegeS tommen, jufammenftohen muh, unb ba liegt bann im« 
mer bie ©roDotation bor, bdS SReffer ober ben Knittel ju sieben, hauptfäcblich 
wenn man eine foicbe fuCht." — 

„3a, aber weshalb foßte baS gefdjehen?" fragte SW. unfchulbig. 

„Stun, Derfteht fich, beS ©lünbernS wegen— wo$u feilten bie3)irnen 
benn fonft wohl SRänner hierher locfen?" — 

SR. mochte wohl eine ©änfehaut überlaufen. gn bem trüben Sicht fab 
ber gute Sergeant mit feinem langen Stod aufs Haar wie ein SBeib aus. SR. 
blieb flehen. 

„Stur weiter, mein Herr," rief SRr. 3).; „in meiner ©efeßjchaft fmb Sie 
Dollfommen ftcher, unb überhaupt ift am SteujahrStage nichts ju befürchten. 
3)ie ©efdjäfte ruhen; ich hab’S 3hnen ja gefugt." — 

„3a, aber in foicbe ©efeöfchaft...." meinte SR. unb hielt bann plöfclich 
inne. „Unb Sie tennen biefe Seute unb biefe Söcher", fragte er rnieber, „unb 
Derhinbern es nicht, bah foicbe Xhaten hier uoßbracht werben?" — 

„©, ba müßten wir ja allgegenwärtig fein, ober bie Hälfte ber untem 
Stabt niebetreihen unb baS (Srbauen Don engen ©dfuhen unb ©dngen Derbie* 
ten. Stur mir nach, meine Herten." — 

S)aS ©nbe beS ©angeS ift erreicht, unb Dor uns liegt ein hohes, baufäßi* 
geS HauS, joon beffen genftern Diele erleuchtet ftnb. Saute Stimmen laffen 
ftch hören; fchaßenbeS ©elächter bringt bis auf ben einfamen Hof. 3u bem 
buntein Xbüreingang regt fnh etwas, reiht fehneß bie Xhür auf unb macht fie 
^ wieoer §u. 

„So", fagt ber Sßolijeifergeant, „hier ift alfo 3emanb im Haufe, ber 
lieber Don ©efuchern meines Schlages nicht gefehen werben wiß. geh wette, 
bie Xbür ift Derftyoffen." — 



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Sie ifl toitllicb ^erfd^Ioffen» inanen ift ed plitylicb ftider gemotben, boch 
fummt cd bort »ie ein fernem Stimmenmeer. Sie Zfyüt tourt) toieber geöffnet 
unb ber Aopf eined Seibed lommt sum SSorfchein, um bie Situation su erqtit* 
tcln. 3ablreicbe flöpfe erfebemen auch an ben genftern, unb fdbft bid nach 
oben muß bad ©erficht bed unerwarteten SBefud&e# gebrungen fein, benn auch 
bort beugen fich ©eftalten weit über bad ©efimd ^inaud über ben buntein £of. 

„W 3Wr. S.l" fpriebt enblkb bad Seib, uaebbem ed ben Sergeanten 
recognodcirt bat, aber immer noch und ben Seg oertcetenb; „womit Uhu üb 
bienen?" — 

„Sollen Gtftr Steujabrdfeft mitmacben." — 

„Unb Sie ba?" fragt fte, nach und jeigenb. 

„©rüne." — 

greunb 2Jt. macht eine gauft im Sacf über bad GompHment unb hätte 
gern# gern feinen ©ütgerfebem oorgejeigt, um bie Sludfage bed Sergeanten $u 
entlräftcn. Slber baju mar feine 3eit. 

„(Mt, tote üb mich erfebroden habe!" ftöbnt bad Seib. „SÜfo nur ber 
©rünen wegen tommen Sie ber — all fair and square, Sergeant?" — 

„3a wohl — ber Schweden mag übrigend wo# feine guten ©riinbe ge* 
habt haben." — 

Sir geben hinein. Gin Saal, grob unb luftig tote ber ber SRatrofenb«** 
berge. Gine grobe SWenfcbenmeuge, aber nicht bie ternige ©eftalt bed SBatrofen 
ober bad 2lbanbon feiner Aleibung. Sftan f&nnte ft^ unter einer feinen ©e* 
feUjchaft wähnen, benn bist fmb grobe Soiletten, hier funteln Steine auf lafter* 
befchtoerter öruft, unb oon ben SBännern tragen oicie bie toeibe ^aldbinbe bed 
mobernen Salond. Ser oorherrfchenbe Sppud ift ber araeritanifdbe, bodb unter 
ben „Herren" ftebt man auch hin unb toieber bie edigen ©efuhtdjüge bed gr* 
län&etd. Um bie genfterrahmen unb ben Spiegel fchlängeln fi<b ©uirlan* 
ben aud ben ©lättem bed milben Sorbeer, unb oon ber Sedc hängen Aränje 
aud bem Saub bed Sebendbaumed herab. Gin mächtiger Sifdj ftebt in ber 
fernen Gde unb ift mit Selitatejfen unb Seinen belaben, bereu ein $atrijier 
fich nicht su febämen brauchte, greunb SK. fühlt fleh, toie er fpäter erHärte, 
gan§ „aud bem Seim." Gr weifr nicht recht, ob er ftcb oerbeugen unb gebern, 
toie ber $audrrau indbefenbere, feinen ©lüdtounfeh gum gahredtoecbfel ab« 
ftatten, ober fich, n>ad bieGtitette betrifft, auf bie Stoße eined ©rüneu bcfdpän* 
len fod. Seine £anb liegt an bem SRanbe feined $uted, tote bie gemanoed, 
ber f«b nicht ficber fühlt, ob er ihn aufbehalten ober abnehmen fod. Gin Keiner 
Stippenftofc genügt, um ihn su Grfierem px betoegen, unb er gewinnt baburch 
ficbtlicb an Selbftoertrauen. 

Sad etmad mürrifche ©efkht uttfered Gicerone Kart ft<h auf. „8em ©e« 
fchäft ift jwar nicht bie Siebe am Steujabrdtage", fagte er, „aber hier feben 
mir boch mehr oon bem Glephanten old ich erwartet hafte. SKutter geuningd 
ift boch ’ne Kuge grau." — 

diejenige, oon ber er gefprochen, fleht läcbelnb Oor und. Sie ifl nicht 


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133 


mehr jung, bo<h ihre 3&ge tragen jtoch lebhafte Spuren früherer S^önheit, 
Seibene Kleiber frnb für fie nicht §u tbener, nod> Id&t fie [\d> ddpte Spifcen ab** 
geben. Bn ber fetten £anb flimmern 3u»elen, unb $aar unb Jadeit pnb 
mit ©olb belaben. gür und bat fie taum einen iöltdE, für 2Jtr. 5). bad leutfe* 
ligfie Sächeln. 

*5)a fag* mir nun noch ©»er, bab ich nicht begünftigt biü", hebt fie 
an. „Siffen Sie, »eiche Stummer Sie tragen, Sergeant? — Siyp, belebe 
Stummer?" — 

„ßunbertbreiunbfiebsig", trabt eine giftelftimme vom ^ifdbe ber. 

„£unbertbreiunbfieb$ig! Unb »ad batte SBollp nebenan?" — 

„Um jebn Ubr erft bunbcrt$weiunbbrei&ig",— antwortet biefelbe Stimme. 

„2)ann bleiben mir um menigftend funfunbjwanjig voraud. 2ij$p fdjreib 
nteber, Sergeant SB., bunbertbreiunbpebjig." —- 

Sir betamen, mir waren teine Bummer! 

2>ie fette grau »ifl gndbig unb aufmertfam fein, »iü und BHe ;u Xiföe 
führen, aber 5). febtägt ed ibr ab. 

„Saften Sie und nur aüein »irtbfehaften, SButter ^enningd", fagter, 
„mir ftnb bitr nur um *u feben." — 

(Sin j»eifelnber 3üid trifft ihn, aber 5). nidt bejabenb unb bamit ift bie 
6a<be entfc&ieben* Sir befinben und auf neutralem Stoben. ßin ilopfniden 
. bat beit Sinn ber ©erechtigteit gefejfelt, unb fortan wirb ed Gebern leicht umd * 
$er$ unb B : emanb fümmert fwb um und. 

„Sie möchten je&t etwad Bäbered über bie ©efeüfchaft hier hören, 1 * fagte 
unfer gübrer. „3<h »erbe fie 3bnen jeiebnen, unb Sie bürfen ben Seuten, 
fo lange Sie bei mir frnb, breift in bie Bugen feben ; aber braunen, wenn Sie 
aüein, mürbe ed Streit geben, faüd Sie fie flirten." 

Sir ertldrten und mit Bflem einverftanben. 

„Suerft alfo bie Sirtbin," fuhr 3). fort. „Sie ift eind ber verklagen* 
ften Seiber, mit benen mir }u tbun haben; fie »eib Batb für feben ihrer 
fiunben, gleichviel wie bebrdngt bie Sage fei, in ber er ficb beftuben mag; meib 
mm Büem $ei<beib, mad fefcon non biefen 23anben voflbracbt ift unb no<b 
beabfubtigt wirb; meib taujenb Serftede, mo man bie 93eute ficber unterbringen 
fann, unb mürbe M eher in Qoietetted jerfebneiben (affen, ald bab fte ein 
®ebeimnib veirictbe ober einen ihrer Itunben, gleichviel »ie nieberträchtig er fie 
auch bebonbeln mochte, in’d $ecb führte. 3fre heutige Bugft ift mir uner« 
tlärlicb, unb ed mub fr« irgenb eine febr anrüchige $er[önlicbleit im £aufe 
fteden, fonft hätte Slutter 3onningd ficb nicht fo geben (affen — ab, [eben 
Sie ben (leinen Äerl in Scbmarj bort ?" 

Sir unterschieben ihn in ber SMenge an bem prüfenben ©Iid, welchen ber 
üktreffenbe in bemfelben SBomtnt auf ben Sergeanten marf. ßd mar ein 
üeined, ftasted SBdtuuhen mit golbener SBriüe, bie in Serbinbung mit einer 
breiten ©lafce, ernften, faft feierlichen ©eftcbtdjügen unb meiber £aldbinbe ihm 

ein faft ebrmürbiged Btidfehcn gab« 

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„2>aS ip ber 2mcrn?ett5*Sörge, Ä fuhr 2). fort, „ein Xaufenbfafa non 
einem Serl. Gr pebt uns mehr im 2Bcge als irgenb ein Anbeter." 

„So, als Strobbürgfcbaftftetter, nicht mabr?" 

„Strobbürgfcfcaft! ja, baS märe nett, bann mürben mir ihn fchon faffen; 
nein, eben meil er ein reifer Saug unb feine ©ürgfcbaft fo gut tfl mie bie oon 
Wpor ober ©anberbilt, mirb er uns fo gefährlich. Sehen Sie, Sie tönnen alle 
biefe 3Renf<hen hier als eine grobe gamilie betrachten. Sie hängen Sitte 
gufammen mie bie Kletten, unb pafflrt Ginem maS SWenfchlicbeS, b. h* füllt er 
in unfere £ätibe, fo pellt Dntel 2)aop bie Kaution, unb alle biefe gamilicn* 
©lieber tragen ebrlicb ihr £beil bagu bei, ihn ju entfchäbigen unb ihm noch 
obenbrein ein bübfcheS ©onuS gu geben. 2)ann mirb ber Uebeltbüter pld^licp 
unpchtbar, Onfel 2)aop mirb oom öffentlichen Wnmalt gur 3ablung ber Kaution 
gegmuitgen, unb Butter Hennings mit ihren flinbern lacht pch ins gäuftchen. 41 

„Slllerliebft — aber mer ift jener SWenfch mit ber Gigarre im ttRunbe unb 
ber Schmarre auf ber 2Bange? Gr pebt aus mie ein fleblabf chneiber! 11 

- GS mar ein fpiubelbürrer, aber gäh unb ftarllnochig auSfebenber Wtenfch, 
nach bem mir geigten. 25aS ©rutale feinet ©epchtSgüge mürbe noch taufenb« 
fach Durch baS füfeliche Säbeln erhöbt, mit bem er gu einem ber Wläbchen fprach. 
Unfere grage mürbe meniger burch bie gemäblte Stilette ber Sefcteten, als burch 
bie pnftern ©liefe angeregt, bie mir ihren ©egleiter bi« unb mieber auf uns 
2>rei merfen faben. 

„21b, bieSmal buben Sie ben Wichtigen getroffen, 11 antmortete 2)., „ob* 
gleich oon Seblabfchneiberei nicht bie Webe ip; — folche Seute tommen bi« 
nicht, mobl aber nebenan, mo mir fpäter bingeben. 2)iefer Serl, Der mie ein 
©ebantenftricb auSpeht, ift ein mürbigeS Seitenftüd gu ben beiben Wnbem. Gr 
ip einer ber bebeutenbften gebier unb ber ßauptlunbe ber ©äfte oon OJlutter 
SenningS. Seine Schmelgticgel pnb £ag unb Wacht im ©ange, unb tommen 
mir nur jebn SWinuten nachbem bie ©eute ihm überliefert ip, fo pnben mir pe 
in Pfiffigem Silber ober ©olb Oor, unb gadffon lacht uns in’S ©eficht. Slber ber 
fierl pebt mir fo bös aus biefen Wbenb, bafs ich mir immer mieberbolen muh, 
eS fei hier etmaS im Sßerle, maS um fo fonberbarer ip, als ich unter ffiaffen« 
ftittftanbsPagge hierher getommen bin." 

Sffiir ©rünen maren natürlich biefe glagge. 2Ö>er bieS ©emuptfein ftörte 
uns nicht in ber Wnfchauung ber Scene, bie pch mit jebem Wugenblic! lebhafter 
gepaltete; bie Stimmen erhoben pch inbefs feiten über ben in feinen Salons 
üblichen UnterbaltungSton, unb in manchem ©atlor ber b&betcn ©efettfebaft 
gebt eS am WeujabrStage lauter gu als in bem ber ÜWutter genningS. 

„Unb bie übrigen SWänner ?* fragten mir. 

„Wun, Sie tönnen pch benten," mar bie Hntmort, „Saben* unb 2afchen* 
biebe, $änbler mit falfchen Woten unb ©ott meip maS fonp, aber Sitte bem 
Upper Tendom folchen ©elichterS angebörenb, unb hier ip deiner, ber Pch 
fo meit oergeffen mürbe, $anb an gemanben gu legen.* 

„Unb beute nimmt Seiner oon biefen eine Sör[e ?* 


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„Sei Selbe nicht* S)ad ©efchdft ruht; ed ift Ja Neujahrdtag. Ghat* 
mante Seute!* 

#©ewift; unb biefe Nldbchen geboren wohl bet leichtfertigen Älaffe an ?" 

*Srhls e f4offen. 3cbe ift natürlich bie greuitbin eine! biefer Sfltenfdjen, 
aber gegen Stnbere feufcb lote eine Ophelia. (Sin lofed SBort non 3b^cn gegen 
biefe 2Jtdbchen, unb ich würbe Sie taum febüfen tönnen, unb... * 

2Br. 2). würbe bureb bad plöfcliche Grfcheinen eined Negerd in halb he* 
trnntenew Buftanbe unterbrochen, ben wir auf ÜDtutter 3*nningd gugeben fahen, 
mit ber et bann eine lebhafte, bon ben wunberlichften Geftifutationeu begleitete 
Unterrebung hielt. SBir fahen fte 3ornglühenb ihn am Äragen ergreifen 
unb ju und be^erren. 

^Sehen Sie, 2Rr. 2)., bad nieberträ^tige 9}olt, biefe 2)ienftboten # -1 buh 
fte an; „ba haben fte ben ganjenSag geklemmt, unb jefct, ba fte trunten ftnb, 
lajfen fte mir fagen, baft fte herauftontmen mosten um §u tanjen. SBoUen Sie 
ben Sagebieben nicht einmal ihren Stanbpunlt flar machen ?" 

“Tont cohune chez nous,” flüfterte ber unberfchdmte 3Jt. und aber* 
mald $u. „Sehen Sie, mein Sieber, bon ben Toiletten herab bid auf bie 
2)ienftboten Hlled baffelbe. 11 

(Sd hatte fich ein flreid um und gebibet, anfchetitenb um bem fatomonifchen 
Sludipruche bed Sergeanten §u horchen, thatfdchlich aber gu einem ganj anbern 
Bwecf. Äaum War 2)’d Slufmerlfamteit gefeffelt, ald hinter ber Neihe gepulter 
Stäbchen eine leichte, bebenbe Geftalt in gebüdter Stellung bie 2bür gu erreichen 
fuchte. 2)em rgfehen Sluge bed Sergeanten war fte nicht entgangen. (Sin 
Slndruf freubiger Ueberrafchung, ein Sprung rüdwdrtd, unb bann fchoft 2). 
wie ein ©lifc hinter bem glüchtling brein. SBir hörten noch einen SBarnungd* 
ruf ber SDlntter Senningd, unb bann erlofch urplötzlich bad Gaslicht. 2obcnbe 
Elemente umtreiften und; SUled brdngte fich ber 2hÜr §u, unb fo erreichten 
auch wir bad gteie. 2)ort brannte bad Gad luftig fort, unb §u unferer nicht 
geringen greube erblidtcn wir ben Sergeanten, ber ft<h eben bon einem böfen 
. goß erholte. SBon ber Verberge her tönte la uted Sachen, woburch bie Stints 
mung bed 2Jtr. 2). wahrlich nicht gehoben würbe. Gr gog und mit ftcb fort, 
bid er tobenb unb fluchenb bie Strafte erreichte. 2)anr. ertldrte er und ben 
SßorfaH* 3a ber Geftalt, bie an und borbeihufchte, hatte er einen 2Renf<hen 
. erfannt, ben bie Wiener ber Gerechtigteit feit mehteren Sagen perfolgt hatten, 
unb ber ihnen immer entwifcht war. Sie Grüfte ber SBerfuchung, fleh biefed 
3nbibibuumd gu bemächtigen, hatte S. bie Neutralität bed lobend oergeffen 
laffen; hoch erhielt er feine Strafe baburch, baft einer ber Gdfte bon üRutter 
3enningd, bie SRöglichfeit einer folcben SBergeftlichfeit ahnenb, brauften gewartet 
nnb ihm por bem buntlen Gange ein S3etn ftellte, woburch ber Sergeant febr 
unfanft gur Grbe geworfen würbe unb ben Flüchtling berfchwinben fah. 

„3c&t weiter, meine Herren,“ fchloft er feine Grgdhlung. „34 hin nun 
eben in ber Saune, unb ed fann lodgehen. 11 

SBir proteftirten um fo lebhafter, ald ber etwad nerböfe £dnbebrud bon 

m -? 


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ftreunb 3)1. uns fa^te, ba| er fich tetueSmegS ln btt SBetfaffung beftnbt, noch 
weitere Abentheuer 311 fucben. 2 Bic bantten baber unb gingen nach #aufe. 

„Sßäcbftes $abr noch einmal?" fragten tote St, als mir und trennten. 

*9lieinal3 lieber. 3)a$ lefcte Keine ^ntermeföo ausgenommen, gebt e$ 
eigentlich in biefen Spelunfen gerabe fo }u, mit anbetfmo} aber ich merbe 
boeb lieber babeim $um SR&ctpier." 

3 m ©runbe batte er Stecht, unb mir belieben ibm ben fo profan fcheU 
nenben Sergleicb. 3)afur ftimmte er aber auch fpätec unferer Uebe^eugung 
bei, bajj bei ber SMenfcbenüaffe, bie mir an jenem Slbenb aufgefucht, ber natio* 
nale gefttag eine ungleich murbigere geier finbe als bei ben übrigen, unb ba| 
ed fo übel nicht fei, menn für fte jeber 2 ag 9kujabr3tag märe. 


gutymn* C-moH. 

San Sdnri* SMNt. (Snmffntt a. 9t.) 

Die C-moll-Spmpbon ie ftamrnt au* btra gab» 1807. <f$ 
war ba* 3^* bet tiefften (Srniebriguug für Deutf^ianb. 1806 war, 
unter Sßreu&en# Bvfeften, Oefterreicb von Kapoleon jufammengefdjlagtn 
ttorben; 1806 bae beutfebe 9tei<b, ba8 mit Oejterreub* Wiebetlage leinen ein« 
beitlicben Sufammenfcatt mehr Tratte, in Drümmer gegangen; beutfebe dürften 
Ratten mit bem eroberet einen 33 unb gef «bloßen. 6nbe 1806 unb Anfangs 
1807 mar bae übermütig gewefene, aber nun oerlaffene tßreuften in etfebred« 
lieber Seife geftraft morben. 60,000 feiner Söhne waren in ber einen Schlacht 
bei get&btet, oerwunbet ober gefangen worben; in feebä Soeben war bae 
ganje peeufüfebe Sano erobert, turj barauf auch fein S)unbe»genojfe SRu&Iaub 
aufe fjaupt gejebiagen. Der Kaifer SUepanter raubte um grieben bitten, unb 
ber König Oon SfJreu&en würbe bebanbelt, wie im 3<»bte 1866 bie Keinen 
dürften Deutfeblanbe oon bem preufjifcben König— er würbe niebt einmal ber 
Gbre ber perfönlkben grieben*oetbaublung getoütbigt. Der Sieget bittirte: 
2700 Ouabratmeilen Sanbee mit fünf SMiouen SBeiöobnet faden an grant» 
reieb, unb nur aue Hdbhmg für ben tuffifiben Kaifer wirb ber König wm 
SfSreu&en im 93cfift feiner nod» übrigen Sänbet gelaffen. 

Kein beutfeber gürft badjte mebt an einen Kampf gegen ben Untefbrüder; 
fte beeilten f«b, in feiner @unft fub ju etbalten, unb jogen tä oor, efer ein 
Knedbteöleben ju führen, aU bie wertblofe Krone auf* Spiel ju fegen. 91ur 
e i n gürflenbau* wagte jum vierten 2M ben oerjroeifelten Kampf, ba« alte, 
ftolje £au* ber 0 e ft e r r e i d> e r. Drei gab» .na<b ber eignen Btiebertage, 
)wei gabre na<b bet Demütbigung $reufieu3, erhob ti bie Soffen unb rief bie 
33511er Deutfcblanb* in ben Kampf. „Die greibeit Suropa’8 bat 
fub unter bie gähnen Oeftetreicb* geflüdbtttl " IDtit biefemSofung?« 


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137 


wort entfeffelte cS bie gebunbenen ©öfter GftbbeittfcfclanbS unb führte fie 
begeifterungSboll in ben ßampf gegen ben Tjemeinfamen Unterbrucfer. $ie 
ßr^crjbge Hart gobann unb gerbinanb brangen mit ihren feeren in ©aiern, 
Sptol, gtafien unb ©ölen ein. $1 nbreaS $ofer, ber Ganbwirtb bom ©affepet, 
übermannte bie Maiern unb jagte btegranjofen bon bannen. Ueberaü ftanben 
bie ©Mfet auf }U bem großen ßampf ber ©errttebtung wiber ben geinb ber 
Nation. 

S)aS öfterreiebifebe fiaiferbauS führte ben Äampf für bie greibeit ©uropa’S; 
e$ War in ber 2bat ein Äampf um bie greibeit, wenn aud) um bie greibeit 
ber gürßeto, bo(b sugleidb um bie greibeit ber ©ölfet. SBet aber war es, ber 
biefen ©ebanfen juerft gebaut, juerfl ibti auSgefprodjen batte V Äein ®e* 
fdbtcbtSmerf bat e$ no<b erjdblt; benn feinet bat bis jept ber Äunß bie Gtel- 
lung in ber @efcbi<bte jugewiefen, bie ibr gebührt. 25aj$ Seetbobenmit 
ben gürften JUnSfp, Sicpnowsfp, Sobforoip täglich berfebrte, bap er ber Sebrer 
unb greunb beS (SrjberjogS SRubolf war, ba& er bei bem ÄaiferbauS in grobem 
Slnfcben ßanb, ifl 2tßen, bie feine ©efebiepte fennen, betannt. 5)afc tiefe 
©tönner non feiner Äunft mächtig ergriffen würben, bab fie ganje Mächte in 
bobir ©egetßetung mit ibm au^bielten, wirb unS erjäblt. Hber nirgenbS 
wirb unS berichtet bon feinem ©inffnß auf baS politifdje Seben ber bebeutenben 
SJMnnet feiner &t\t. SBer aber aus betannten Sbatfadjen bie ©eföicbte aus* 
julegen berftebt, ber tnuf$ etfennen, bab fein 5lnberer bie gbee ju jenem Sluf* 
ftanb für bie greibeit ©uropa’S erbaut haben tonnte, als © e e t b 0 b e n. 
®enn es lebte fein 2Rattn in jener Seit, ber baS Gcpidfäl feines ©aterlanbeS 
mehr am #er$en getragen hätte, wie er; feiner, bet ben ©eift feiner Nation j 
beffer auSptfpredben bermöcbt batte,-wie er; feiner, ber in SSabrbcit eine fo 
grobe geißige $bat boübraebt &dtte, wie ©eetboben in feiner C-moll* 
S p m p b 0 n i e* gn ber Sbat, bie C-moll'Spmpbonie ift nichts SlnbeveS, 
als baS ©orfptel für ben © 5 If e rfturm, ber jwei gabre naebb« begann; 
er iß biefet Sturm in feinem geiftigen ©ebalt felber! 

Siet gabre jubor, als er feine £elben«Gpmpbonie (©roica) 
fcbrfeb, batte er nod? an ben politifdjen Reformator ©uropa'S, ben jugenblicben 
©ürgergeneral (©onaparte) geglaubt, ber mit tübner $bat bie morfeben Xbrone 
geßürjt, bie berrotteten ©orurtbetle auSgetrieben unb ein frifcbeS Sehen in bie 
©ölfer gebracht batte, gn aufrichtiger ©erebrung batte er ihm feine gelben* 
Gpmpbonie gewibmet. Slls Rapoleon bie Äaiferfrone bom $ifcb beS $etrn 
nahm, jertifj er bie SBibmung unb fdjleuberte baS SBerf bon fid? mit bem Stuf: 
„Huch 2)er ein Jprann! 1 * 2JIU biefem Slugenblid war jeber ©ebanfe an 
eine gewaltfame ©ölferbeglüdung bon Oben in ihm jerftört. gept erfannte er 
nnr eins: felbß bie £anb ans Gdjwert gelegt! damals febon bat er bielleicbt 
in feinem 3<*n bas fflort gerufen: „ g e p t i ß eS au S! * (baS SMotib 
ber Sturm*6pmpbonie). Srei gabre fpäter follte eS $ur Sbat werben, gn 
bec C-moll-Spmpbonie erbebt er ben 9tuf mit einem gellenben ©ebrei, ber 


bureb alle Sanbe ballt. ff gept ift cS auSi gept iß eS aus! - fo but<b)u(ft ber 


ne 


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138 


SButp. unb S<pmergen«fdjret alle SJölfer; ein Sdjreden padt ben ruhigen 
33ürget, ben frieblicpen Söauer, et greift Jur ^fhtgidjar, gur Senfe; ber Stacp« 
bar gefeilt fiep gum nätpften, e« rotten fub bie Scpaaren jufammen, fie lommen 
gezogen in Raufen, braufenb toben fie heran — w ba« Soll ftebt auf, ber 
Sturm brupt lo«!“ 

SBa« bie o ftbeu tf <p en Sänger, 51 r n bt (au« Sommern), Scb cn • 
t e n b o r f (au« Oftpreupen) unb ft 5 r n e r (au« Sacpfeit), bier, fünf 3apre 
fpäter in SBorte faxten, ba« batte ber meftbeutfepe SSeetpoben, ber mit 
fübbeutfibem Geift genährte Stpeinfranle, ihnen längft in feiner 
SturnuSpmpponie borgefungen. S)er £oftpeater*2)i(pter flörner hat fog’ar 
unmittelbar au« biefen Älängen in SBien fein grobe« ©ebiept geholt, beffen 
SBorte mir oben citirten. „$a« SJolt fleht auf, ber Sturm bridht lo«!“ 2>a« 
ift bi« auf ben Stpptpmu« ©eetpoben naepgebieptet. *) 

©in geiftooöer Sleftpetiler, bem mir einft ben ©ebanlen mitiheilten, fagte 
treffenb: „©emip. Sene (3lcnbt, Scpenlenborf unb Äötner) maren nur bie 
einzelnen trompeten, fßofaunen unb £örner, unter bie fiep jumeilen noep 
glöten unb ber filingllang ber Seiet mieten; S9eetpooen aber repräfentirte, 
mie immer, ba« grobe Drcpefter. Gr leitete ba« SBöllerconcert, in bem 3ene 
nur ein eingelne« 3njtrument $u fpielen patten. . 

Stur ©iner patte Per tpm unb mit ipm ben ©ebanten fepon au«gefprocpen, 
ba« mar S <p i 11 e r in feinem £ e U. 2)ie C-moll*Spntpponie ift ber $ett 
in SDhtfil gefegt, ober bielraepr bie ©rgänjung gum SeQ. $et erfte Xpeil 
be« X e 11 föilbert bie 9t o t p b e« SS o l! e«: mie bie Xprannen ber dauern 
Güter rauben, in $au« unb $of bringen, SBeib unb Äinb nkpt feponen unb 
bie gräpli(pften grebel an meprlofen. ©reifen begehen. 2)a« Ungeheure ift ge* 
fepepen. „ffielcp 2fcuperfte« ift no(p gu fürepten, menn ber Stern be« Sluge« 
in feiner $5ple niept mehr fuper ift?“ fo ruft ber unglüdlupe SRelcptpal au« 
3ammer über ben geblenbeten SSater. 2)ie bret Scanner, SBalter gürft, SBer* 
ner Stauffacper unb 2lmolb SJielcptpal, fcpmören Statpe unb bereinigen fup in 
heiligem SSunb. SBa« ipre Seele fühlt, ba« burtpgiept ba« gange Sanb; ein 
Stuf ber Siacpe bringt bur<p alle £päler uub tönt mieber bon ben fernjtcn 
Sergen. 

liefen Stuf pat Seetpoben im er ften $auptftüd feiner Spmpponie 
au«gefprocpen; e« ift ber genannte: *3*6t ift e« au«!“ **) SBie er al« Scprei 
ber ©ntrüftung au« ber geprepten Seele be« Patrioten entftürgte, fo teprt er in 
taufenbfa<pem ©epo mieber, feinen anbern Stebengebanfen gulaffenb. SBie aber 
ba« Serouftffetn ber straft in biefem Stuf liegt, fo fommt au<p ba« Sieggefüb* 
bagu; ber Stuf münbet be«pafb in ein froplodenbe« ©ejubel, ba« SSorgefüpl be« 
lünftigen Siege«. ’ 

*) Sticht btefer Spmphonie, aber bem »cethüben’fchen Sthbthmu«, ober ber ©eetpooen* 
S$iatr’f$en <3pred»»eife. 

**) Um nicht mijfoerftanben gu »erben, fageti »ir e« auebrüdltcp, ba§ Seethooen fiep 
buT(pap* nicht an ben Seil anlehnte; bie Situation ift aber hier gang bie nämliche, »ie fie 
©eethoven fiep gn biefem fxuiptjiüd gebaut haben mag. 


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139 


Sen gme\ten Xheil beS Seil bilbet bieSerfchmSrungim[Rütli. 
Son ben brei Ur=Gantonen roaren bie ÜRänner nächtiger. Seile auf ber heim* , 
lieben iZBiefe am Ufer beS Siermalbftäbter Sees gufammengetommen. Sort, 
wo fte „auf eigenem Grb' unb oäterlicbem IBcben oerftohlen sufammenjcblicben/ 
holten fte fid) ihr gutes [Recht. Sa laufcblen fie ber weifen [Hebe beS moderen 
Stauffacber non bem großen SSoIfe, „baS bom [Horben nach ber SRittagfonne 
bureb beutfcheS 2anb mit bem Schwert ficb gefcblagen bis an baS «gocblanb bie« 
fer Salbgebirge," mo fie ben Salb gerobet, Käufer gebaut uub gewirthfehaftet 
haben. Si$ auf ben Sag fmb fie beS gemeinfamen UrfprungS gebend aber 
auch beS [Heftel unb ber Sbaten ihrer SSätcr, bie ba$ [Hecht bertheibigten. 

„Aein Aaifer tarnt, was unfer ift, berfchenten, unb mirb uns [Hecht ber« 
fagt bom [Reich, mir töunen in unfern bergen auch beS [Reichs entbehren. So 
fprachen unfre Sätcr! Soden mir beS neuen Joches Schänblichleit erbulben, 
erteiben bont fremben Anecht, wa$ uns in feiner ÜKacht fein Aaifer burfte bie« 
ten?" — So bon Stolg erfüllt auf ihre IRebte, ertennen fie fleh nicht als bie 
menigen dRänncr — „bie Seften fmb gugegen, baS H**S beS gangen Solls ift 
hier." So ziehen fie ftolg bon bannen im Hochgefühl ber großen Shat, gu ber 
fie jefct ben Aeim gelegt. Ueber ben Häuptern ber heimathfiäen Serge erglüht 
baS dRorgenroth, baS Sicht beS jungen SageS, ber ihnen bie Freiheit bringt. 
„3nbem fie gu brei betriebenen Seiten abgeben,* föreibt ber dichter am 
Schluß, „fällt baS Orcbefter mit einem praebtooden Scbmung ein; bie Scene 
geigt baS Scbaufpiel ber aufgehenben Sonne über ben Gisbergen. 11 — 

SaS ift bie dRufit bom gmeiten Hauptftüd ber Spmpbonie. Qn 
pokern, leicht hüpfenbem Schritt beginnt ber ©efang, bie hobe^reube ^ er fccn 
groben ©ebanlen, eine grope Hoffnung berfünbenb. 3um ernften Sert ge« 
giemt ein ernfteS SBort; fo erhebt ficb ber leicht hüpfenbe ©efang 3 ur breiten 
Hbmite, gut geier beS Opfers, baS bom Sol! im ®eift begangen mirb. Sie 
Hbmne fcbliejst mit bem Aufruf gurSbat; baS „Hont bon Uri 44 ertönt mit bem 
[Ruf: „2luf gur Schlacht!" in ben bie gange SoItSmaffe jubelnb cinfädt. 

Sen britten Shell beS Seil bilbet biefe Jefreienbe 2:bat, 
guerft beS in Sanben geworfenen Helben, bann beS gangen Sol!eS. 
Ser Sichter hat biefe Sbat in brei Sitten bargeftedt. gür ben HRufiter mar es 
nur ein eingiger SUt: ber Sluflauf gum Sturm tonnte nur ein eingigeS ÜRal ge« 
febeben. Soden mir beShalb bie Grtlärung gum britten Hauptpüd ber 
Spmphonie finben, fo muffen mir ben Anfang gum fünften Sltt beS 
Seil auffchlagen. „Seht ihr bie geuerfignale auf ben Sergen? §ox t ihr 
bie ©loden über’m Salb ? So ift ber Stier bon Uri? Steigt auf bie Hoch« 
macht, blaft in euer Horn, -bap es weitfchmetternbin bie Serge fchade unb, 
jebeS Gd?o in ben gelfenfiüften aufmedenb, febned bie SWänner beS ©ehirgeS 
gufanimen rufe! 41 So beginnen in ber S p m p b o n i e gmeimal in bumpfem 
Aufruf bie Säffe, unb mie ein Gcho antmorten bie Siolinen, gagott, Glarinette 
unb giften. Sann erhebt fich ein bed tlingenber Sedruf ber Hinter, ber ftch 
gum frohen SiegeSgefang fteigert. Gine Schaar ift fepon hcrangegogen; bie 



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Stufe ertönen *m Steuern unb wtdtn au? anberen Oden bie SRänncr heraus; 
eine jwehe, eine britte Schaar etfdeint. nutet btm frSblidjen ©etümmel btt 
ffläffe im £rio febtn tmt bie Staaten j<$ jufamratnfdplielen unb mit ben 
frttyiufeen Stufen babmjKben. 

finige Stugenbtide bet feiernden ©title »erftnben ba? ferne ßampf*©e* 
ttoumel. Set flampf ift nut tut); beim e? gilt nut ben einen ju »erjagen. 
Set ffiäebtet auf bet $bcbmacbt minlt un? mit freubigem 3<i*« n i*t; baS fie« 
genbe Seif teilt jutilef, ba? (Sctämmel tommt immer nfilper — auf einmal 
triebt StteS in einem £riumpl»@efang berein (Vierte? $auptftfld). Sa8 
ift ein ®ejube(, ein ©ejaucljt, ein grobloden ebne ßnbe. $iet erfebeint jebe 
Sicfrtimg bürftig gegen ba?, maS bie SWnftl vetmag. Sie Sdjmeijet rufen nut 
ein iSial: „©S lebe Seil, bet unb bet errettet!“ Sie üJtufit beginnt 
bnnbertmai ihren Mgefang, unb als märe eS niebt genug mit bem Sriumpb, 
fo beginnt fte Hiebet mit btm Siedruf, um neut unb immet neue Staaten 
berbeijuboten jum jubeluben ©efang, bis HUeS, StQeS een bem 3au<bjtn unb 
grebfedtn bingetifftn wirb. 

Ser Sdjlub (oa? eiette 4>aupt#ad) ift bet grofiattigfle Strampb*©efcmg, 
een Seetbooen jemals anftimmte. 6t bat nut ein Stal etwas HebnlicbeS ge* 
febaffen, was biefem an Steinbeit, Stätte unb ©eroalt bet 3bee gleicbtommt, 
baS ift bet 3ubel9tjang am 6<btu| beS «gibtlie*: „ffier tin foldjeS ffieib 
errungen, ftimm’ in unfern Qubef ein!“ Set Stnlag jum 3ubel ift au<b bet 
gleiche; bi« wie bort wirb bie betrlicbfle Sbat befangen, b.e tWenjcben soll* 
führen ISnntn, bie Sbat betSefttiung! — 


Streut (gafeamis. 

<§ra SrauenbHb mr« ber Steboftrtion. 
Xfen Cictot CSrttft. 


3m twrigen 3ahrgang *** 9Jlonat$hefte würben ben Sefetn $wei gfeanen 
bet fltcootutum borgejfihrt. SBit metben fie jefct mit einer britten betannt 
machen,. »eiche »eher mit $h«tfoHe Gotbap, noch mit ber Ißrinjeffin SambaHe 
Slehnli^teit tytt, «her *ro#bem tfirjUch btrrch einen jungen ©cbriftfteUer, Slrfene 
^onfiape, unter bem tarnen 9lotre*$ame be ^tmibot jnm ©egenftanb einer 
Sfyotheofe gemacht,würbe unb jebcnfall« eine mtereffante Grfcheinung ift. 

Xerejia Gaboren« würbe im 3ahre 1776 m ©aragoffa geboren. 3hr 
SSater flammte au* Baponne, war nach Spanien übergeftebelt unb oom Könige 
flarl bem dritten an bie ©pipe einer ©an! gefleßt Worben. Sereiia oerlebte 
ihre 3ugtnb tbeil« in ffltobrib, theif* auf ber ©eftpungGaraoanchel, welche jept 
ber Gräfin SWontijo gehört. 3« Soßenbung ihrer Gtjiehnng würbe fie nach 
Bari* gefanbt ttnb einemgrennbe ihre« ©ater* §nr Obhut übergeben. ©obalb 
fte in ber Barijer (SefeQfchaft.ecfchien, würbe fie burch ihre Änmutb unb Schön* 


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beit ©egenftonb ber ©cmunberung. (Ein Mann, Ut tfoat Diel älter als ft«, 
Abtx fehr reich mar, hielt um fte an unb mur&e angenommen. Sie jähUe ba« 
malS erft jecbSjehn 3ah*e. ©alb maren bie geflüchteten auf bem Schlöffe gon* 
tcnap roeit unb breit berühmt, unb bie junge, vetfuhrerifche Marquife $äblte 
unter bie Sterne erfter ©röfce. (ES mar bamals bie ©lüthejeit ber Revolution, 
b i e 3^1/ in ber SldeS in golbeuen Xräiunen vou greiheit, ©leicfcbeit unb 
Menjchenmütbe fchmelgte pno ftdj babuvcb geiftig unb futlicb gelben fühlte. 
$em fchönen Mahn follte ein fcbredlidjeS (Ertpachen folgen. ©egen (Enbe beS 
3abreS 1793 rooßte bie Marquife mit ihrem Manne eine 3uflucfet in Spanien 
fuchen; aber im ©egrifj, ftch einjufchiffen, mürben fte in ©orbeauy perhaftet. 

2)icfe Stabt befanb ficb bamals unter ber Eerrfcbaft SaUien’*, meldet 
bort feit Dttober 1793 bie SchredenSherrjcbaft eingeführt hatte. Sin ben 
(Eonveitt {(brieb er: *$ie (Entmaffnung mirb mit unglaublich«* (Eile in’s Mert 
gejept, unb ei giebt für unfere lieben SanSculettS eine Menge trefflicher Raf¬ 
fen. Schon haben mir glintcn gefunben, bie mk ©olb eingefaßt ftnb. 2)aS 
©olb geht in bie Münje, bie Muffen erhalten bie greimidigen, unb bie göbc« 
raliften lammen unter bie ©uidotin«." fie&tereS 3nftrument hatte ber erft 24« 
jährige ©toconiul unter ben genftern feines $otel4 auffted«n laffen. 811S 
Mitglieb beS GonventS zeichnete er fid? burch eine Sprach« ans, melche felbft 
bie leibenfchaftlichften Republitanjr begoutitte. SBährenb b.eS ©ro$effeS JBub« 
migS Ui Sechzehnten hatte bie ©erfqmmlung befcbloffen, bah ber flönig uu* 
gehinbert mit feiner gamilie perlebrcn bürfe. Salden rief non ber Tribüne 
anS: „3h* mögt ei immerhin befchlie&en; mid bie Gommüne ei nicht, fo mirb 
hoch nichts barauS." Unb als baS SobeSurtheil über ben unglüdlijben Mo« 
narchen gefprochen mar, verlangte Lilien, unter bem ©otmanbe, biefieiben beS 
©erurtbeilten abjulürjen, bah bie Einrichtung noch an bemfetben Sage ftattftnbe. 

SaS mar ber Mann, vor meinem bie feböne Marquife je&t als ©efangene 
erfchien, unb ber burch ihre Ret$e gefeffelt mürbe. Sic gehörte ju ben grauen 
— fagt Samartine — beren Schönheit eine, Macht i|t, unb beren bie Ratur 
ficb, mie ber Cleopatra ober Sheobora, bebient, um 2)ie unterthan §u machen, 
melche bie Mell unterjochen, bie Seele ber Sprannen ju tprannifiren. Sofort 
fahte ber ©roconful, vor bem 2ldeS filterte, ben Gntfcblnb, ße erft ihrem ©e* 
mahl, bann b«m Aerter }u entreihen, ben Marquis be gonlenap jur glucht 
nach Spanien $u gingen unb aus ber Marquife, ber berühmten Slriftotratin, 
«ine republilanifche Siegesgöttin |u machen. Sie hatte nur jmifeben Salden 
unb bem Sobe ju mahlen, unb entfehieb ficb für Radien. 3ft man fchiffbrüchig, 
fchrieh fie fpäter, fo zaubert man nicht lange, bie RettungSplanle |u ergreifen. 
.(ES ging jefct plöplich eine mpnberbare ©eränberuug mit ihr vor. Mie burch 
einen 3auber mürben ihre Manieren, ihre Sprache, ihre Äleibung völlig 
umgeftaltet. SluS ber Schönheit ber Salons beS gaubourg St. ©errnain 
mürbe eine begeifterte ©esfhwiu ber Evolution. Sie Repubüfgnec jauchjten 
ihr in ihrer neuen Rode .eutbpftaftifcbeii ©cijad ju. $Us Slmayjne, baS E&1* 
«heu mit ejpem breifarhigen $eb«ehuf<h buchte fte ber Rcpublit ihre 


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Wulbigitng bar. Salb fährt fie, anmuthig in altgrfe<hif<he» floftüm geliefert, 
in einet glänjenben Gquipage burch bie Stabt, halb erfcfteint fie, ftrahlenb 
non jugenblicher Schönheit, im Stagen aufrecht ftehenb, bie ©ife in bet 
Wanb, bie rothe ®tüpe auf bem Waupt. Uebrigen» muh man ibr bie ©erefe- 
tigleit wiberfahren laffen, ba& fte ihren Ginfluh im Sntereffe bet Humanität 
geltenb machte unb bet ©uidotine manche» Opfer entriß. WobeSpierre fahte 
SWihtrauen gegen Stadien, tief ibn nach ©ari» ptrüd, unb Serejra Gabarru» 
folgte ibm bortbin. 3m Wtonat Stärj 1794, währenb be» ©rojeffe» Stonton’» 
unb ^ebetfg, führte Stadien ben Sorftp im Gonoent, aber fcbon mar fein 
Untergang befchloffen. $a» aufjkhenbe ©ewitter traf juerft $erc 3 ia. Sm 
22. SWai 1794 würbe fte arretirt unb in bg» ©efängnih bet Boxet gebracht. 
Grft für fUb allein gefept, bewohnte fte fpäter eine mit acht anbem 
grauen, unb in biefet fchtecflichen Sage geigte fte nicht nur ©eifte»gegenwart 
unb 9Jtutb, fonbetn felbft Weiterleit. Sud ber Sthenienferin toar eine Spar- 
tanerin geworben, welche bie Seiben»gefährtinnen burch ihre Seelen ftärle auf¬ 
richtete. Solche SBetfpfele waren übrigen» nicht feiten. Zit Stmofpbäre ber 
Weoolution theilte S)enen, welche in ihr atbmeten, eine Srt Sieber mit, ba» fte 
allen Gefahren trogen unb bem Stabe läfeelnb in’» Buge bilden lieb. 

6» gelang ihr, fleh mit Stadien in fchriftliche ©erbinbung $n fepen; aber 
er bemühte fid? umfonjt, fte ju retten, unb ber GntffeeibungStag lam heran. 
Sm SJtorgen be» 7. $bermibor theilte ber äerlernteifter ber Bürgerin Gabarru» 
mit, bah fte ftch halb nicht mehr ber Stühe $u unte^ieben brauche, ihr Wafetlager 
in bereiten. $a fchrieb fte an Stadien bie mit stecht berühmt geworbenen Starte: 
„So eben oerläpt mich ber Sbminiftrator ber ^ßoltgci. Gc lünbigt mir an, bab 
ich oor bem Tribunal ju erfcheinen, alfo ba» Schaffot ju belteigen habe. 5)a» 
erinnert febr wenig an ben Staaum, ben mir bie oerfloffene Stacht gab. Wobe»- 
piene eyiftirte nicht mehr, unb bie ©efängniffe waren offen. $anl deiner 
geigbeit, wirb e» halb Wiemanben mehr in granfreich geben, ber biefen Sxaum 
jur Wahrheit machen lann. M % 

G» unterliegt feinem 3meifel, bab biefe» lafonifche ©idet Radien ben 
SWutb 3 um Gntf<beibung»lampf einflöbte. Gr begriff febr wohl, bab ba» einzige 
Mittel, Sterejia Gabarru» unb ftch felbft ju retten, ber Stur} Wobe»pierre T » fei, 
unb fein Gntfcblub war gefabt. S5em ftnb nicht bie Detail» ber Sipung oom 
9. Shermibor gegenwärtig ? Zit früher al» gewöhnlich oerfammelten $epu- 
tirten liefen tumultuarifch burch bie ©aderieen. Stadien ftanb, feine ©unbe»- 
aenoffen ermuthigenb, neben einer ber Spüren be» Saale» unb rief, al» Saint- 
3uft auf bie Tribüne jufchritt: „Star Sugenblicf tjt gelommenl tretet ein! 41 
S)ie ängftliche Äufregung )o oieler Menfchen, welche um ihren Äopf fpielten; 
bie Spannung, womit ba» Subitorium bem Wiefenlampf folgte; ba» tiefe 
Schweigen, welche» bem Sturm oorberging; bie brohenbe Webe be» Saint- 
3uft; bie Antwort Stadien»; ba» 3ögern ber Staputirten; ba» admälige Sn- 
fchweden ihre» Stutbe»;, ipr erft fchüchterner, bann enthuftaftifcher Wpplait», 
al» Radien rief: „3<h verlange, bah ber Soleier gerriffert werbe!* Unb 


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alb er, vor Suth unb Ra$fu$t jitternb, bie für Robebpierre tübtlichen Sorte 
fpracb: „914 ich bie Rrmee beb neuen Gromwed fich bilben fab, habe i<b mkh 
mit bem Solch bewaffnet, bet feine ©ruft burchbohten fod, wenn eb bem Gon« 
oent an Suth gebricht, ihn unter Rnllage |u fteden!" ba erfchaden bie 
Rerwünfchungen von allen Seiten. Gnblich wirb befchlojfen, bie beiben DiobeS» 
pietre, Gouthon, 6aint*3uft unb Sebab nutet SnQage ju fteden. Uber no<b 
jegt flöhten biefe Sdnner eine foltbe gurcht ein, bah bie ©erichtbleute bet 
Rtrfammlung eb nicht wagten, fte in SBerbaft ju nehmen. „SBot bie Sdjran» 
len!" rief eb burcb ben Saal. Unb enblich ftiegen bie fünf Slngellagten b>nab. 

Sie Shat beb 9. Shetmibor war lein Grlöfungbwert. Sie, welche Robeb» 
pierre ftflrjten, waren nicht beffer, fonbem fchlechter alb er. Such würbe bie 
Schredenbhenfchaft nicht mit bem Sturje Robebpierre’b, weichet ihr eben ein 
6nbe machen wollte, abgefchloffen, fonbem eher verfcbdift. bloch am Sage 
barauf, am 10. Shermibot, würben fiebrig SKitglieber bet Gommüne ohne 
weitere gormalitdt en masse <h>ngerichtet. Rn bemfelben Sage ertldrte 93a« 
rite im Gontont, bet Stur) bei Sprannei müffe bie Sacht bet Revolution*« 
Regierung vetjehnfachen, unb verlangte bie Rufrechthaltung aller bratonifchen 
©eiege. $atte bab ©lutvergiejien halb ein Gnbe, fo torbantte man bieb nicht 
Sallien unb feinen ©enoffen, fonbem bem ©nfluh bet non Vergleichen ©eenen 
fiberfättigtm öffentlichen Stimmung, blicht aub Silbe, fonbem um feine ®e» 
liebte ju befreien, fprach Sallien bie Sorte: „San tlage bie in Freiheit gefegten 
3nbivibuen alb verbdchtig an, unb fie werben fofort mieber in ben Aerter man» 
bem. 3<h meinerfeitb lege hier bab ©eftdnbnifs ab, bah ich lieber jroanjig 
Rriftolraten in Freiheit, alb einen einjigen Patrioten im Aerler (eben will. 
Sie, bie Republit mit ihren jwölfhunbert Saufcnb bewaffneten Bürgern fodte 
ftch vor einigen Slriftolraten fürchten? btein, bafür ift fie ju gtofj; überall 
Wirb fie ihre geinbe ju finben unb ju treffen wiffen." 

9m 12. Shetmibot (30. 3uli 1794) verlieh Serejia Gabarrub ben 
Aerler, in bem fie gwei Sonate unb acht Sage jngebracht hotte. Sie heirathete 
jegt SaQien unb öffnete ihren berühmten Salon. Sallien war in biefer Seit 
einer bet populdcften Sdnner von tßarib, unb feine grau gab ftch bem Sraume 
hin, burch ihn bie Seinen bet Revolution in Rergeffenheit bringen }u laffen. 
Seber ber Sann, noch bie grau war einer fclchen Rode gemachten; aber bie 
noch immer bejaubemb fepöne Sabame Sallien erwarb ftch wenigftenb'bab 
Serbien ft, bie franjöfcfcbe ©aftfrennbfehaft, ben Rarib eigenen gemüthlidh gefel« 
ligen Son, mieber in Rufiiahme ju bringen. 6b war bieb eine Rufgabe, welche 
unaubführbar fchien, benn nie hatte eb fo viele Streitpunkte, nie fo vielen Rn« 
Iah }um $ah unb ©rod gegeben, ©obalb bie Rebe auf politifche ©egenftdnbe 
lam, fchrie Rdeb roilb butcheinanber. Sie Aünfte waren verp&nt, ber Reich« 
theem wagte nicht, fi<b ju geigen. 6b tarnen aber boch f<hon mieber einige 
Rbelige jum Rorfchein, welche grantreich nicht verlaffeu hotten, unb hier unb 
ba geigte fi<b ein Aieferant, welcher bie Strmge beb Sohlfohrtbaubfchuffeb 
nicht mehr fürchtete* Sie Sheater waren noch gefchloffen, unb bie Schaufpieler 




bet ßomfebte eJturtgatfe fafcert im Gfefdirgvrffe; abee ed gab b«h fehmt Sencerte, 
unb Der Sdnger ©arat mürbe mie tof! betlatfcht (5« mochte fid? immer mehr 
btt* Vebütfmfj geltenb, nach ben tbefcftmbeneft Sehreden fleh in beit £aurnel 
bbd Vergnügend ju ffürjen, **b ba gab ed beim febtoffe, grelle ©egenfäfre. 
35er alte ärtchhof non Saint Sulpice mürbe in einen dffentlichen ©aßfaal ner* 
Wandelt, tmb neben bet Iateimf^ett 3#f4tift bed ^vteb^of^ lad matt bie SBorte; 
Bai des Zdphyrtf. Steile Stoben tarnen in Stnf nähme 3)ie grauen ent* 
fagten bem $uber unb bem Steifeodf fie trugen gtiechifebe (Sewdnber, Vinben 
um bad $dar unb Sanbafaf. 

3)ied mar bie ©lanjepoebe ber 5ran Saften 7 *. 2>fe ^erifkffe ber Sie* 
bblatioit wollten ihn Stfpaffen haben, unb aüe Sinteren überftrahlte bie ^elbitt 
bed 9. Sbemtibor. Q$ etfftüfe fte bad SBebftcfftife 3 u gefallen, ber SBunfcb, 
Slnbern bietflidh ju fein, eine glelcbtnd&ig heitere Stimmung, ber mftinftioe 
3auber/ welcher tiebendfcfiebigen Statuten eigen ift. Sie fuehie eine Öhre 
berrtn, bie Vertreter ber entföiebenfiten politijcben Qptreme, Starronjfcn unb 
©irondijlen, ^afobiner unb dmigrirte in ihren Scriond ja oereimgen. S)eut* 
lieb fönnen mir fie und mit ihrem febönen fehwatjen $aar, ihren fünften, 
gldnjenben Singen, ihrer lebhaften, nerführetifeben Vhbfiognomie uorfteüeii, mie 
fie für 3eben ein SBott ber Verjdhnung unb Beruhigung hatte unb Sobfeinbe 
bemcg, einander bie #anb |« brüden. dtned folgen ffiefend bebuefte ed, um 
felcbe ffiunbet ju bewirten, nnb nicht immer gelang ed ihr, oft lieben bittere 
$emfltbigungen tmb VeleibigimgeK fie für ihre Stiumphe bftfien. Uebrrgen« 
herrfchten inmitten bed Sßieberermachend ber ©efelligfeit in Varid traurige 
3 uftdnbe. 3)*d Ißapiergelb mar auf ben tauicnbften $heil feined Slennwetthed 
gefüllten, ber junger richtete in ben Slrbeitermerttln feine Verheerungen an, 
bie Shflren ber Vädet unb gleifdher waren Sag unb Stacht non wehtlagenben 
unb wuthf<hnaubenben üffidbetn belagert. 3 u biefem bftftern ©emätbe ftanben 
bie Selen ber Radien in einem Soniraft, ber nicht unbenterft blieb. ülHan 
flagte fee an, bie Seihen bed Voffcd jn uertnehren, mit ben SHutfaugern unb 
Slrifiotraten unter einer $ede ju fpielen, unb Lilien fanb ed nothmenbig, fie 
öffentlich s« bettheibigen. 3m 3anuar 1795 fagte er im dontoent: „SÄan hat 
bon ber Bürgerin dabarrud gefprocheu. ffiohlan, ich erltdre hier in ©e* 
genwart meiner ©Pflegen, in Segenwatt bed Volte*, welche? mich hört, bah 
biefe Statt meine ©attiti ift. 34 tonte fie bor achtje&n Monaten in Vorbedu? 
lennen. 3 $t ttnglüd unb ihre Xugenben machten fie mir theuer. 3 **r Seit 
ber Unterbtfldung nach 9 Md gelotumen, würbe fie tnd ©efdngmj geworfen. 
Qm ©mijfdt bed fcprttnnen mürbe jU i|r gefanbt unb fagte ju ihr: Schreibe, 
bap 2 >u Sattieu ald fchtohten Bürget getonnt haft, unb man mirb 5Ht nicht 
nur bie Freiheit, fortbem auch einen $a& 3111 Steife tn’d Sludlanb geben. SPtit 
dntrüftnng Wied fie bied niebertrdchtige Slnfinneu jurQd, unb erft am 12 ten 
Xhermibor »erliefe he bad ©efdngnifr. 3)ad, ©ärger, ift meine (Salti *. 41 

ffidhrenb ber fünfiehn Vtonate, welche tmifchen ben 9ten Xhermdior unb 
bem (Snbe bed donbtntd (26« Ottober 1795) berfloffen, übte Xadien noch im« 



145 


oer einen gemiffen ^Lnflufe au*, mürbe aber na4 unb na4 bcibenSheifen bet« 
bädtfig. Gine* Sage*, a(* er non ber Stvibüue au* Gambon, ben ginanper« 
maltet be* Gönnen**, angriff # warf btefer ihm bie oerni4tenben Sorte entgegen: 
„Sa*, Xu txtgft meine Neblichfeit }u oerbä4tigen? Sohtan, fo werb’ id) 
Xit bemeifen, bafr Xu ein Xieb unb ein 2Wörber bift. 34 hübe bie Belege * 
bafür in $änben, bab Xu bem Secretair ber Kommune feine 9te4enf4aft ab« 
gelegt, unb Xu bafi 1,500,000 graulen für einen 3wed oerlangt, ber Xi4 
mit S4unbe bebeden wirb. Ueber Xeine Vermattung in Votbeauj fehlt au4 
no4 bie Äe4enf4aft**2lbtage. Von bem Verba4t ber 3Bitf4ulb am Septem« 
ber*Verbrechen lann Ni4t* Xi4 reinigen; Xeine eigenen Sorte buben Xi4 
berfelben auf eine Seife überführt, mekbe Xi4 für immer ptm S4weigen oer« 
urtbetfen foüte." Xaliien wu&te barauf ni4t* ju antworten. 

Um fi4 bei ber Vexgpartei wieber in Aufnahme p bringen, forberte er 
gegen bie Gypcbition non öuiberon (Juli 1795) bie entf4iebeuflcu Vtapregeln 
unb oeranlapte, bafi ec a(* Gcmmijfait an Ort unb Stelle gefanbt mürbe. Xie 
öwigrirten ergaben fi4 jmar ohne förmliche Kapitulation; aber bie Solbaten 
batten ihnen jugerufen, e* foße ihnen ni4t* gef4eb*n, unb ber (General $ocbe 
mar jmeifelbaft barüber, ob er ba* Ne4t bube, fie, at* mit beu Soffen in ber 
$anb ergriffen, füfitiren $u taffen. Stuf Xaüien’g Vefebt mürben alte biefe 
711 befangenen erf4offen. G* fdjeint ni4t, bafe feine grau bic*mal ihren 
Giiijtufr ju bunften ber Viitbe geltenb machte; oietuiebr tbat fie fi4 bei ben 
geften, metebe Xattien na4 feiner Nüdlebt oon Guibecon gab, befonbet* her« 
bar. Veim ©aftmabl tum e* an biefem Sage ja einem politif4en ©efprä4, 
mel4e* fi4 pm heftigen be^dnl geftaltete unb in blutige Gonflitte auSjuarten 
bcobte. Xa bef4mi4tigte fie ben Sturm burch ben no4 eben pt rechteu ßeit 
gefpn>4enen Xoaft: „34 bringe biefe* blad bem Vergeben, bem Vergeben, 
ber Verhöhnung alter granjpfenl" 

Sdhrenb be* Xirectorium* begann ber Stern ber Vürgerin Xaüien pi er« 
Uei4en. 6ak>nba*te unb nichts weiter,' lonnte fie ni4t auf längere 3eit ®e« 
m&thec feffetn, bie non wichtigeren Xingen in 2lnfpru4 genommen waren, 
lieberbte* belam fte eine gefdhrti4e Nebenbuhlerin in ber grau non Stael, 
Wtl4e im Sluguft 1795 mit ihrem Spanne, bem f4mebif4en befanbten, na4 ~ 
$att* puüdgetebri mar unb bur4 ben überlegenen ©lan$ ihre* beifte* bie 
au*gejei4nctftcn $erfdnli4leiteu um $4 nerfammette, mdhrenb bie befeQf4af« 
ten ber Xaöien immer weniger befu4t mürben, gn ben SWemoiten ber $er» 
jogin non Sbrante* befinbet fith fotgenbe be$ei4neube Slnecbote. gunot über« 
reichte bie in Italien eroberten gähnen bem Xireborium unb mürbe mit @lanj 
empfangen. Veim $inau*gehen bot er Vlabame Vonaparte, ber grau feine* 
benerat*, ben einen, Vlabarae XaUien ben anbern $trra, unb führte fie fo bie 
Xreppe be* fiiqrembourg hinab. Xa* Voll rief: G* lebe bie Vürgerin Vona» 
Parte! „Xa* ift JNotre-Damedes victoires!* fagte eine grau. Xu baftN*4t, 
fagte etne Hnbere, unb bie am anbervt Ärm be* Offizier* ift Notre-Dame 
du Septembre! — (Sine unoerbiente, aber für bie f4»inbenbe Vopnlarität 
ber XaUien 4arafte»jtif4e Veletbigung.j 




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146 



Son Radien ließ fi<h tagen, baß er, bor bet 3*it gealtert, fnh fclbft über* 
febt habe. Sie ©erfipmörungen waren fein Slement; als bie &\t berfelben 
borübet mar, mußte er nichts mehr mit feiner ©erfon anjufangen. 3ur nn* 
bantbaren Mode be$ ©atten einer Mlobe-Same paßte er nicht, feine Mittel 
reichten für bie Stnfprücße einer folgen ©emahlin nicht aus, feine ginanjen 
tbaren aufs 2leußerfte jerrüttet, unb überbieS lebte er ftetS in ber ©eforgniß, 
mie fo biele feiner früheren ©enoffen, nach ©apenne beportirt $u werben. SieS 
HdeS flößte ihm baS lebhafte Verlangen ein, grantreich ju berlaffen, nnb er 
ermittle fieß bom ©eneral ©onaparte bie Srlaubniß, ihn auf ber Sypebition 
nach Sgppten ju begleiten. Sr fomoßl »nie feine grau tonnten Slniprüdje auf 
bie Santbarfeit ©onaparte’S erheben. Sadien hatte bie erfte ©ermenbung beS 
jungen OfftjieS baburch, baß er ihn ©arröS empfahl, bewirft, unb eS beburfte 
ber bamals admddjtigen gürfprache ber ^Bürgerin Radien, bamit Ser, welcher 
halb ben ©tontet ber ©dfaren tragen fodte, in ben 6tanb gefeßt werbe, eine 
bom SBoblfahrtSauSfchuß berfügte Uniform*Serdnberung auf Aoften ber Me* 
publif bornehmen ju laffen. ©ei ihr machte ©onaparte auch bie ©etannt* 
fchaft bon 3ofephine ©eauparnaiS, unb bei feiner Stauung mit ihr waren 
©arrös unb Sadien bie Sratfjeugen. ©üblich aber hatte Sercjia ©abarruS 
(welche [ich bamals nicht mehr ©torguife bon gontenap unb noch nicht ©ürgerin 
Sadien nannte) ficb im Aerter ber gleichzeitig mit ihr eingefperrten Sofeppine 
angenommen, ihr in ber Sßat burch eine 2ift baS Sehen gerettet, mit ihr baS 
©efdngniß berlafjen unb fie an ihrer £anb in bie Seit eingeführt Sroß fol* 
eher (Erinnerungen ftanb Sadien bei ©onaparte nicht in befonberer ©unft, unb 
würbe bon ihm in Sgppten nur in feht untergeorbneten Moden berwenbet. gm 
3ahre 1801 würbe er nach grantreich jurüdgefanbt. Unterwegs würbe er 
bon brittifchen Areujem gefangen genommen, in Sonbon aber jum ©egenftanb 
bon Ooationen gemacht, SorieS unb SBßigS wetteiferten barin, ihm Mufmert* 
famteiten $u erjeigen. 

Siefe Aufnahme in Sonbon war aber auch baS leßte Scho feiner ©opula* 
rität. SllS er bon bort nach ©aris jurüdfehrte, machte er bie Srfahrung, baß 
er nicht nur bödig bergeffen fei, fonbem baß obenbrein feine gvau ein ©erhalt* 
niß mit bem ©totabor ader Sieferanten, Oubrarb, angefnüpft habe. SBar eS 
meine Scßulb, jagte fie fpdter, baß Sadien nach Sgppten ging, wdßrenb er boch 
bdtte hier bleiben müjfen? Saß eine bei weitem nicht auf ber niebrigfiten 
Stufe beS MnftanbSgefühlS ftehenbe grau eine folche Sntfchulbigung borbrin* 
gen tonnte, charatterifirt bie ©ittenjuftdnbe jener (Epoche. SS tonnte unter 
biefen Umftdnben eine Scßeibung nicht auSbleiben. Serejia bot bem bon ihr 
berlaffenen ©emahl eine ©enfion an. Sr befaß Ehrgefühl genug, bie eigen* 
thümliche Offerte abjuleßnen; aber ader Meffourcen entblößt, mußte er, ber einft 
HQmdcbtige, um ein Slmt bitten, unb ber ehemalige ©rdfibent beS SonbentS, 
derjenige, welcher MobeSpierre geftürjt, war froh, baS Sonfutat in Sllicante ju 
erhalten. 


Aurj nach ihrer Scßeibung bon Sadien ßeiratßete Serejia SabarruS ben 



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147 


©rafen non (Earaman, melier fpäter burch eine (Erbfchaft gürft non (Ehimap 
würbe. 3&r ehemaliger (Satte würbe nicht ganj non ihr-bergejfen, fonbem 
erhielt mährenb ber lebten, in tfeffter 3urüdgesogenheit ^gebrachten gahre fei* 
neS Sebenä mehrmals einen Vefttcb non ihr. Obgleich fte ihn nicht bewegen 
lonnte, ©elb non ihr an$unebmen, $wang fie ihn boch, baS #auS ju bewohnen, 
in bem fie einft, turj nach ihrer (Entlaffung aus bem ©efängnife, als feine 
©attin geglänjt. 2luS unbetannten ©rünbeu würbe nach ber Steftauration baS 
©efep, welches bie fogenannten ÄöitigSmorber oerbannte, nicht auf ihn ange* 
weitbet. (Sr ftarb am 16. Stooember 1826, in bitterfter Hrmutb, welche nur 
burch bie oerftedten Sllmofen feiner ehemaligen SebenSgefährtin gemilbert 
würbe. 

HlS gürfKn non (Ehimap muhte Xcre^ia in mancher Ziehung für ihre 
Vergangenheit hüben. (ES war ihr anfänglich HlleS barum $u thun, in bie 
flreife* ber belgifchen Slriftolratie aufgenommen ju werben; aber biefe jeigte 
fuh unerbittlich gegen Sie, welche ben tarnen Saüien’S getragen. Ser 
Äönig SBilhelm weigerte fi<h hartnädig, fte bei £ofe ju empfangen, unb eS 
muhte ihr bieS um fo tränfenber fein, als ihr (Satte ßanjler unb SJtitglieb ber 
erften Äamrner ber ©eneralftaaten war. Sie fuchte ftch währenb beS langen 
3eitraumS, welcher ihr noch blieb, non 1805 bis 1835, für bie ihr auferlegten 
(Entbehrungen unb ^Demütigungen burch ben ÄultuS ber flünfte unb bie ge* 
miffenbafte (Erfüllung ber Pflichten einer gamilienmutter gu tröften. SaS 
Schloh beS gürften non (Ehimap war ber Sammelpuntt ber auSge^eichnetften 
Schriftfteller unb Zünftler. (ES nerfehrten bort (Eherubini, Semercier, unb 
Huber, ber liebenSwürbige (Eomponift ber Stummen non ^ortici. fiepterer fagte 
non ihr: „Srat fie in ben Saal, fo würbe eS $uglei<h Sag unb Stacht — ftrab* 
lenber Sag für fte, lädiere Stacht für Hnbere, bie neben ihr nicht beachtet 
würben.* 

SaS (Enbe biefer eigentümlichen grau, welche nichts fo fehr fürchtete wie 
bie (Erinnerung ihrer Vergangenheit, war fo fanft unb ruhig, wie ber erfteSheil 
ihres SebenS bewegt gewefen. Sie ftarb am 15. 3anuar 1835, auf (Ehimap, 
umgeben non ber Siebe ber ^ftrigen, bie allen ©runb hatten, fte $u oergöttem. 
*0 mein greunb!* fagte fte $u (Ebmunb (SabarruS, ben fte an ihr Sterbebett 
hatte rufen laffeti, „welch ein fieben liegt hinter mir! 3ft eS nicht einSraum ?* 
— 2Bir aber flnben, bah Serejia (EabarruS teilten Hnfpruch barauf hat, unter 
bie ^eiligen ber Stenolution oerfept ju werben, fonbem ba| fte trop ihrer gro* 
hen unb liebenSwürbigen (Eigenftaften lebiglich eine ächte gran$öfm mit alten 
Schwächen unb gehlem einer folgen war. 


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m 


lütartt. 

Somit oon •» 

(Sortfepung.) 

Natürlich erwartete ich je&t unter heftigem $ersflopfen SWayen* ©efuch 
unb machte mich auf eine ber Scenen gefabt, bie er fo unau«ftehlich fatib, unb 
bie mir jefct unvermeiblich fchienen. 2)iefe aber erfolgte n i <h t. 9Ä«y tarn webet 
am Nachmittag noch am Stbenb su mir unb oerbrachte bie Nacht nicht ju 
ßaufe. Gbenfo mar e« am folgenbeu $age, uub mit ber ÄbentbÄmmerung 
|og eine namenlofe Slngft unb ©etlemmung in meine ©ruft» ©egen §ebn Uht 
enbficb hörte ich feinen Schritt auf ber Jreppe — hörte ihn fein 3iuuuer be* 
treten unb bajfelbe nach wenigen Minuten wicbet verlaffen; aber bieje« 9Nal 
manbte er fkb nicht ber kreppe, fonbern meinem 3immer }u. 0 wie feblug 
mein ^er) fo ftürmifch verlangenb ihm entgegen, ben ich immer noch mehr 
liebte al« mein Sehen! Qx öffnete bie $hür, unb Me« Vergeffenb, Me« ver« 
gebenb, wollte ich mich an feine ©ruft werfen — aber fein eijiger ©lid fefielte 
meine Schritte, unb bie ÜBorte, bie er nun fpvach, fielen wie ßU^apfen in 
mein aufgeregte« £er$, um bie ©futh barin ju verlöfchen. 

„Ntarie, Dm wirft mich fo lange nicht ju Dit fprechen hören, fo lange 
mich überhaupt nicht im $aufe {eben, bi« Dm deinen Gigenfmn deinem unb 
meinem grieben geopfert baft. 3$ werbe jeben Sibenb eine Stunbe in meinem 
3immec ju ftnben fein, wo 25u mich bann auffuchen rnagft.* 

Unb ohne ©ruh ging er roieber. 911« fein Schritt verhallte, fant ich wie 
vernichtet auf« Sopha nieber, unb bort verbrachte ich bie Nacht unter nufclofen 
Shräncn unb Älagen. Nber mein Gntfchlub war enblich hoch ber, nicht 
nachjugeben, um meinen Nlann burch ben Schein befjpeichgülttgleit enblich 
IM mir }urüdjuführen. Denn bah er mich bamal« nochliebte, b. b* fo liebte, 
wie ein (Sgoift wie er, wenn feine Seibenfcbaft befriebigt ift, Heben tarnt — 
baran zweifelte ich Weber $u jener noch swcifle ich batan su jefciget $t\L 

Sch lieb einen, jwei Sage vergehen, ohne meinen ßntfcblufj $u finbern. 
Nm britten Xage— ermübet vom vergeblichen hoffen unb Darren auf Ntayeu« 
Nachgiebigfeit — fing ich an su rnanfen unb pi überlegen» $o<b ich fchwantte 
immer noch, bi« mir ber äopf brannte, bie $u(fe fieberhaft flogen unb meine 
©ebanfen fuh verwirrten in biefem flampf meiner Siehe unb meiner ©runbfätje. 
Seilte ich bcrfelben unb fomit meiner Selbftacbtung verluftig werben, inbem ich 
mich in bem fünfte meinem Ntanne unterorbnete, ben ich vom Stanbpunlt 
be« Necht« au« verbantmeit muhte? Nimmermehr! 

Nimmermehr! hallte e« wie ein höhnenbe« Gcbo in meinem fersen wie« 
ber. Nimmermehr ? Nach bann nicht, wenn 2Nay fortfuhr, fich mir pi ent« 
jiehen — mich allein su lagen iu einer frtmben SBelt, bie ich nur feinetwegen 
betreten, bie mir fo falt, fo öbe etfehien? Mein mit bem franfen, au« Siebe 
ju ihm ertrantten fielen — allein mit meinem mantenben Ntutb, mit meinem 
fchwinbelnben äopfc — turs allein mit mir felbjt, allein mit meinem (Eharafter, 


>tä 




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bet ftch ohnehin nie einer unmanbelbaften gebleit batte rühmet lönnenV 0, 
biefe Seiöen, btefe Kämpfe bet erften elenben Sage meinet ©beftaitbeg, ich 
merbe fie nie bereifen! Sie maren ja nur ber Anfang einer Kette non ffiiber« 
märtigteiten unb Kränlungen, non beiten icb in meinen glüdlichen SDtöbcheu« 
jabren auch nicht einmal eine Ebnung batte. 0 ©ott! geh batte boeb ÜJtaf 
geliebt mit ber ganzen unenblichen Entgleit, beren meine Seele fähig mar, 
unb icb batte in meiner fehmärmerifeben SJerblenbung leinen gebier, leinen 
ÜDtalet an feinem ©barafter gefunben. Unb jefct mar er eg fdbft, ber mit lat« 
tem $obne ben SUtar nieberril, ben icb ihm in meinem £erjen erbaut batte — 
ber meinen ©tauben an ibn erichütterte. 

©mma! verachte mich nicht, menn icb 2>ir i«fct etmag fage, mag eben bie 
meiften unfern SJtilfchmeftern im gleichen gatte fo clenb macht mie mich. 3<h 
hörte auf, 9Jtaj ju achten; ich moltte aufbören, ibn zu lieben — aber icb tonnte 
eg nicht! @3 mar, alg Hämmere ftcb mein #erz Doppelt feit an biefe Siebe 
nach bem Untergange meineg SBertraueng jn ibm; taufenb 2M verfuehte ich 
fte, alg meiner unmürbig, mit ©emalt §u erftiden; taufenb EDiat erlag ich ihr 
m ieber. 

©laube mir, ©mma! bie meiften grauenherzen finb Don bem Unglüd, 
ohne Vernunft zu lieben, verfolgt, unb viel zu febmaeb, um rubig bie Siebe mit 
bem Vertrauen einfargen §u lör.nen; fie batten fte feft, ob fie ihnen auch 
.gjodenguat bereitet; — fie batten fie feft mie ben lebten IRettungganter vor 
voflfommener 3$er$meiflung. Sie Siebegfäbigteit unb Siebegjäbigfeit ber grau 
bitbet ibr ©lud; fmb fte grob, fo ift auch, mag immer ibr ©rbcnloog ijt, eine 
^immelgmelobie in ibr Sehen eingemoben, bie in ber größten greube mie im 
tieffien Schmerz ibre Seele barmonifcb burebbebt; — fmb fie aber Hein, nun, 
fo ift allerbingg ber größte Schmers — ber, ben ung bag gälje geftbalten an 
unfern gbealen, felbft menn fie zertrümmert ju unfern gufeen liegen, bereitet — 
erfpart; aber bag $erg ift bafür auch fo öbe unb fo arm mie eine SBüftel 
$o<b jurüd ju meiner ©rjählung. *3<b unterlag; ich verlor ben üDtutb, 
meitec zu lämpfen ber oben SBirHichleit gegenüber, geh fchämte mich meiner 
felbft, alg ich am $lbenb beg vierten Sageg meine Schritte bem Bimmer meineg 
UJtanneg zulcnlte. 3<h öffnete zögernb bie Shür. SDtay, ber mich längft er« 
märtet zu hoben febien, tarn mir freunbtich entgegen, fchlob mich in feine 2lrrae 
unb fagte fpöttifch: *2Hfo enblich, Starte!* 

Uebermältigt von ad ben ©efüblen, bie mich in biefen Sagen fo gequält 
batten, befonberg aber von Scham Über meine moratifebe Schmäche, murmelte 
ich leife: »#ab’ Erbarmen mit mir^ SKay; ich fühle mich fo elenb.* 

Sachenb, übermütbig, tänbelnb führte er mich zu einem Seffel, marf fich 
mie in früheren Sagen zu meinen gäben, fegte feinen Kopf in meinen Scboofi 
unb flüfterte mir bie fünften Siebegmorte zu; — aber Grbarmen batte er nicht 
mit meinem „tinbijehen ©igenftnn", mie er eg nannte, ©r verhöhnte mich 
megen meineg barten Kopfeg, ber ftetg im Kampfe liege mit meinem meinen 
£er;en. ' Qx fpracb fo viel von früheren febönen Stunben, von Siebe unb 


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©lüd; — er blidte mir fo treuherjig in’S Singe, inbem er »oit bem uerbafcten 
ffiefuche fprach, Den mir nun nothtoenbig am näcbften borgen bei ber ©aronin 
»on ©. $u machen batten; er uerlachte feine Heine ®ferfü<htige unb tabelte unb 
geißelte alle Schmähen ber ©., baft ich nach furjer 3*it im magren Sinne beS 
©SorteS nicht mehr muhte, ob er ober ich Unrecht hatte, 

Sobmübe unb erfeböpft, mit brennenben Äopffchnterjen, 30 g ich mich halb 
in mein 3immet §urüd, mo ich vergebens beti Schlaf fuchte. 3lm frühen ©tor* 
gen erhob ich mich mit benfelben Schmerjen unb lief hinaus in ben ©arten, in 
bie falte, frifche ©torgenluft, um meine brennenben Schläfen $u fühlen, ©S 
half 3l(leS nicht, Jobbern blieb ich hei bem ©ntfebluffe, ©tapenS ©Sunfcb 311 
erfüllen. geh Heibete mich elegant; ich »erbrachte Stunbeit »or bem Spiegel; 
ich mollte ihm beffer gefallen als jenes »erhafite ©efchbpf. flannte ich hoch 
meines ©tanncS ©telfeit; fte mar bie 3imHingSf<hmeftet feiner Siebe, unb 
burch fie allein fonnte ich Hegen. 

©tay fam unb mar fo lieb unb gut mie am ©benb oorher; er mufterte 
unb billigte meinen ©njug unb tüfcte mich, fchmeichelnb unb lobenb. 3 m 
©Sagen fiel ihm meine uitgemohnte ©täfle auf; er fprach fcherjenb barüber unb 
mar io roipig unb piquant, bap ich lächeln muhte, aber lächeln mit blutenbem 
£erjen. 3 <h fühlte mich fo febmaeb mie nie juoor; aber ich beherrfchtc mich 
mit all ber ffiilleuSfraft, bie mir geblieben mar, als mir ber ©aronin gemelbet 
mürben. 

©tabame mar in einem reijenb fein follenbcn ©egligfc, bem meber ©e* 
f<hmad noch ©ra]ie fehlte, baS aber jugleich einen ©tangel an 3artgefühl »er* 
rieth. Sie erhob fi<h lächeln», eilte auf mich ju, umarmte unb fügte mich unb 
nannte mich ein reijenbeS flinb; fie fragte ©tay, mo er bie „©eile* gefuubcn 
unb mie er fte ermorben. Ohne eine ©ntmort abjumarten, brüdte fie mich in 
einen Seffel nieber unb marf fiep mieber auf ihr ©upebett. ©fleS baS that fie 
mit einer ganj unbegreiflichen Schnetligfeit, unb mit einer ©nmuth, bie mich bei 
jeber ©nberen entjüdt haben mürbe, in biefemgall aber immer mehr erbitterte. 
S)arum maren benn auch meine Slntmorten marfirt unb meine ©emerfungen 
nicht eben fehr gutmüthig. Schien eS mir boch, als lege ©labame in höchft 
liebenSmürbiger ©Seife meinen „©rouinjibeen 11 ober meiner „Sgnoranj 11 ge* 
fährlicbe galten, um mich in ben ©ugen meines ©lanneS, ber mich trop ber 
anfeheinenben Slufnterffamfeit,. bie er einigen ©IbumS $u mibmen fehlen, fdjarf 
beobachtete, herabaufepen. (SS gelang ihr aber nicht. ©leine (Siferfucht unb 
meine ©rboptheit auf biefeS ©Seib, baS ich glühen» ba&te, fepärften meinen ©Sijj 
unb meine übrigen ©erftanbeSfräfte, unb ich erftaunte fetbft über bie Kühnheit 
unb anfeheinenbe Seicptigfeit, mit melcher ich auf ihre XpemaS einging. Dbfcpon 
fie eine oollenbete ^errfepaft über ihre 3 ö Ö e bemahrte, bemerfte ich bennoeb auS 
bem Xoit ihrer Stimme unb ber ©rt ihrer ferneren Hieben, ba& fie fich ärgerte 
unb ©layenS 3&ge fuh immer mehr erheiterten. 

Htacbbem mir uns uerabfehiebet hatten, brach meine erlogene flraft, unb 
als mich ©lay im ©Sagen mit ben ©Sorten: „©lein fü&eS flinb, ich t»ar fo ftol] 


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auf Bich, wie bk @. wüthenb fein wirb übet t^te SRiebetlage !“ in bie 
Kntte fcbloh, Würbe ich ohnmächtig. gu $aufe angelommen, muhte man mich 
hineintragen, unb ich legte mich, um erfl nach woebentanger Jlrantbeit wiebet 
aufjuftehen. 

»Unb wie benahm ficb Sein Stann, meine atme, atme Stark, in jenet 
{tagte ich, bitteren ©roll gegen benfelben im $et}en. 

»GS festen ab fdbe et fein Unrecht ein, inbem et liebenSwütbig unb bell 
bet larteften Hufmetlfamleiten gegen mich wat — bis ich genas. Bann trat 
bk frübet febon fo bittet empfunbene Ungleichheit feines Benehmens! wiebet 
ein, unb mit ibt bie etvig nerdnbetiieben Saunen. Sch muhte bie Baronin 
empfangen, oft empfangen, unb gewährte unter ben gröhten Seelenqualen, 
bah ft* mit ihrem intriguanten unb bipiomatifchen Aopf meinem SWanne eine 
biel gröbere Slnjiehung, eine bkl uerthere SefeUfcbafterin wat als ich. 

6t bisputhete unb atgumentitte mit iht übet Sachen, beten et bei mit 
nicht einmal erwähnte. Unb gefchab es einmal jufäHig, bah i<b meine Stei* 
nnng batühet abjugtben aufgeforbett würbe, fo ignorirte et fte mit fpüttifebem 
Säbeln, währenb fie miih httabiaffenb ptotegirte. GS war entfejlicb, wie feht 
mein Stolj unb mein $erj unter folget Behanblung litten. 3<b würbe bitter, 
mürrifch unb janlfücbtig. SEBat eS ein Sßunber, wenn unter folgen Umftän» 
ben meine §anblungSweife in bet golge tabelnSwerth würbe? 

Unb boeb gab eS in eben fenet Seit SCugenblide beS reinften ©lüdeS für 
mich, bie mich eigentlich iene bitteren Grfabrungen hatten oergeffen laffen 
foden. BkS ©lüd, baS einige ungetrübte ©lüd, gewährte mir mein Ainb, 
mein füheS Jftbterchen. Sein reines, ftrahlenbeS Sluge, fein halbes Sächeln 
erfüllten mich mit unauSfprecblkber greube. BaS Ainb war mein SEroft, mein 
SettungSanler not ben Bämonen beS $affeS unb ber Berjroeiflung, wenn ich 
mich erkbbpft, unfähig, länget gebulbig ju ertragen, was mir baS Serbältniji 
StajenS §u jenem SBeibe auferlegte, an bie Siege meines AinbcS flüchtete. 

3ene Zhtänen, bk wie Zhauttopfen auf beS AinbeS blonbe Soden fielen, 
waten ebenfo jahünS wie wohlthuenb — fte waren linbernb für bie brennenben 
Sunben meinet Seele. Stein inneres war in einet fo wilben Aufregung, in 
einet fo unnatürlichen Spannung, bah <<b jefct noch üicht begreife, wie ich eS 
überhaupt ertragen habe. 3$ glaube, ©ott gab mir gerabe ju jener 3eit mein 
Ainb jum petfbhnenbeu Gngel; benn ohne baffelbe wäre ich }ur Selbftmürberin 
geworben. 

Unb bennoch hatte ich eigentlich teinen befiimmten ©runb für btefen utt* 
auSfprecbliCh aufgeregten |jpftanb, weil mir alle Bemeife fehlten, bah baS Set* 
hältnih meines StanneS )ur Baronin ein finnlicbeS, unb fomit unerlaubtes 
Wat. GS wat als fänbe GinS im Änbern bie Grgänjung feines geifligen „3<b“, 
als rönne eben GinS ohne baS Stnbere nicht befriebigenb benten unb hanbeln. 
Sie tanfebten ihre ©ebanlen auS, bie oft in genauerer Uebereinftimmung wa* 
ren, oft auCb in bk fChreieitbfte Bisharmonie geriethen unb bann }um lauteften, 
oft mit abfCheuliChet $eftigleit unb wirUichet Gemeinheit geführten SEortjheit 


J 


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151 


m 


führten. Seite eraftirt, teibenfhafffih, tertthmigt,geifeei«h unb heilenb ito. 
nifh, tarn «S bei ihren Sisputationea p Auftritten, bie fie pr SRegir«, ib« 
pm SBüthericb machten. ' 

Unb hoch fchabete ba« ibtem ©«fallen an «inanbet gar nicht, fo ba| fte, 
wenn an einem Zage Auftritte oarftelen, »eiche Äenftbe« *en Shataltet fit 
ewig gefchieben bitten, fub am nichften SHotgen nnebet aufiucbten! 3<b 
imtrbe webet beachtet noch herüdfubitgt; tch festem meinem Alaune nicht* meht 
p fein, als bie Stattet feines Ambe«, baS et mit einet Sittlich teil, beten man 
ihn iaum fit fähig gehalten hätte, liebte. Stallte ich aber biefeS ©«fühl ein« 
mal p meinen ©«njten bemthen, Ihn «ei» aetnichteteS Süd, mein ftenblofeS 
Safein »«halten, bann lehrte fein büferSeninS, bet ihn am Sttttben feines 
AinbeS »etlaifen hatte, jurüd, »nb ich beten» bie «altgtnbltn Lebensarten 
bon ihm p hüten. SleShalh fchwieg kh enblich ganj, fann aber auf anbete 
SRtttel, mir, wenn nicht SRapeaS Siebt fofeteh feine Aufmettfamtetttoieter p 
«weihen. 3<h fP*a<h eben >»• bet Siebe ju meinem Amte ; fie war bei mit 
pt Seibenfdjaft geworben, aber meine Siebe p SÄa? wat gtbher, fcoghem ifie 
unbegrünbet wat, jie wat «eine ZoHhöt 3h* hätte ich mein Seben, mein SOeS 
pm Opfer gebracht, ihr gegenüber ftanb hb fdbfl nidji an, meinen fltaf anfS 
Spiel p fegen! 

SBerurtheile mich «iätt, meine ©mmal SRein $et) pulte famtbtswm 
ten ©«fahren, bene« Wb mWb auSpfegen im Segtiff ftanb; fonft hätte «S mich 
gewannt «nb ich würbe ihm Aber gefolgt fein. Steine SCttei, um p bem Siele 
ju gelangen, tem einzigen Siele, baS fftt mich ettingenSwetfh wat, SJtaj p mit 
ptüdpfühten, waten in tat Zgat.fegt unrecht; mir jeboeb, »etblenbet wie ich 
war, etfehienen fie in gang anbtrem Sichte. 3<h »etftel Mmlich auf ten ©e« 
bunten, mich betfelhen SBaften p bebientn, bie et führte. 3<b wollte ihn 
eifetfächtig machen, woOte ihn glauben taffen, ba| tt mir gar «t$ts meht f«, 
unb bann ihm nach unb nach ten Argwohn beihnngen, ich liebe einen Su« 
beten. @S fiel babei meinet pan bet einen feen 3te« gauj auSgefüüten 
Seele nicht ein, ba| man nie ungefeaft eitifo ftemlhafteS Spiel itteibt, unb 
Wb beugte ebenfo wenig batan, teil ich überhaupt «in Spielinibe; .«S etfdjieu 
mir fo «tnft «Min Unternehmen; es galt ja etwas Zgenmrera, alsmeinemSe* 
ben felbft! 

Sei meinet Anlunft in $atiS hatte maniWMh poottommwh, ja mit 
fteunblichet AuSjeicgnung in oetfehiebenen Areifen aufgenommta. 3$te> 
mertte ni<ht, ober richtiger, ich beachtete «0 nicht, ba| PeefchWtew« her mit »ot« 
gefeilten Herren heftänbig in meinet Sähe waten^ag fifejt .einige tetfelben 
mit augenfcheinlich ten $of mähten. 3b,tt«|,fe«gan|t*gig:gf»4g«n,,:Weunfe 
mit wie mein Schatten folgten, unb bähte gar nicht oteriw in ter äBeifean fe, 
ba| ich überjengt wat, fe würben biefeSeinftitigiPf$etgnüge«S halb genug muhe 
werben. 3b« Unterhaltung war fo ttipial, oft jo gpatep ftttwf, ba| ihre 
Sufmetlfamletten nicht einmal »«mochten, meinet ©tttfett p jcbwenbeln. 
Aber «s hatte mit Vergnügen gemäht, Ms «* SRenfth ganjcanteRt ©ottung. 



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ein SRamt mr (Wft, Mn $«13, Mn {Rang nnb hn gefegten SHter — einet 
jener könnet, ine ficb in jfolge ihrer ^rominenj überall Shtfcben ju Mt* 
fdwffen »i|fen — füb mit genabt batte unb non meinet Unterhaltung angejo» 

gen ju fein fehlen. US tsat bet SRintfier beS Innern, £ett Bon 6_ 3d> 

glaube, meine ©teUeit lam mit ins Spiel, benn biefec SRann, bet mich fncbte, 
mn fift »an meinen natutfrifcben, ungelimftelttn Unfcbcuwngtn jp etgniden", 
u>ie et ficb «oSbrüdte, mar bie auSetlefene 8ülf<b*ibe bet cognetten Stuanlänfe 
Bidet bet etften Santen biefer gewählten 8*ld, marin mein SRann in ffcrige 
einet bem ÜRiniftet jufällig geleiteten Sienjfol Sutritt «baten butte. Sa et 
tob feinet füitfunboierjig Qabtt fcbün unb unBecmäWt, baju geiftteicb uhb 
einet bet etften SRänner keSJlönigwicbS mat, fo mattn biefe fStobetnngSoet« 
fntbe «tldrlicb. HRit ging öS mie Bielen biefer Samen, bie nicht begreifen 
lomtten, maS benn eigentlich biefen bebeutenben SRann )u mit nnbeben* 
tenbet grtan bintog. Saf ec ficb aber in bet Xbai »obl in meinet Sähe 
fühlte, bemerlle balb auch SRa;, unb üb fcbien baburcb bebentenb in feinet 
Rcbtnng ju Reigen. SieS fiatbeite mich an, meitet in geben nnb <in mein S3e« 

nehmen gegen §e*rn Ben &-eine herecbnenbe (Sequetterie)»fegen. SRa; 

focbette müh anf, bie Sunft beS SRürifletS pt ftinem SSottheil ju benugen, um 
ihn eine fibneüe (Sortiere machen jn \ affen. Siefe ^umutbang meines SRanncS 
mat meinem (Stabftnn entfcbieben iumibtr, tmb üb «(Hätte ibra getabeju, bat 
üb nie batfibet gegen 4Jettn Bon 6..... ein Sßoat |n Betlieten gebäcbte. SRa; 
rnntbe mäibenb nnb nannte tttty «ine einfältige Sanbpflaaje, bei bet aßt Ser* 
fmbe, Re §u dBilifucea unbtht eine tübtige ffidtanfcbauung beijuhriugen, Bet« 
gebenS gemacht feien. 

3<b glaube, et batte in gemiffet SSepebuug Recht; nämlüb maS bie Sffielt« 
anfdbaunng betraf. SRit «inet leichteren ©emütbSart, mit einet mmbet ftbmec« 
fälligen ®em}b»Hung bet SRtnfcben unb SBabAäntffe Brie fie Rnb, märe ich Biel 
leicbtet nnb bequemet bntcb’S Sehen gefcbritten, nnb bäte meaiger gu leiben 
gebribt! Kbet üb tonnte nun einmal meint Bon mit fobaetnädtg feftgebaltene 
Rorrn für baS, mag fein Hub nübt fein feilte, nicht jerflöieu. 

3<b batte aifo befcbloffen, $ertn Bon S.... als Stufe tu meinem bfch* 
Ren @lüd, mit SRafens Steigung miebet ju ermethtn, ju benagen. 3<b moHte 
ihn innnet mehr feffeln nnb ihn in feinen Uufmerlfamteiteri gegen mich «mim« 
4em, um SRojfenS ©fetfucbt |U medfen. $m Slnfang fcbien mir bieS auch }U 
gelingen; SRa; fcbien aufgetegt nnb nur mich }U beachten. Sie JBatonin 
epflirte menigftenSan jenen Üttmtben, «0 mit mit $etm Bon 6 .... jufam* 
mtntvafen, nicht mehr Jk lh»>' -Seim Stachbaufefabten gab es jebeS SRat 
Sotmürfe unb RnOagenmt SRenge. 0 mie glüdlicb machten fie mich — mie 
mufte ich mich hebettfcben, um nicht SRa; um beet $ats ;u fallen unb ihm 
jubtlnb jnjurufen: „6S ift ja SlQeS, Steg nur um SeinetmiUcn; StdeS, UlieS 
nur um Seme Siebe pcrüdjurufen, SRa;l* 

Rbet-kb bWfranmüb, unb tübn gemnbt butib bkfen €tfnlg meinst Hei« 
nen 3nttigue, mofite üb noch mehr, «ocb BoUtonrnien« Regen. 






GS mar bieS grenjenloS unbebaut Bon mir, aber ich mar mie mit ©linb» 
(eit gefdjlagen; ich beamtete eS gar nicht, bah bie Seit fo laut über bie Siebe 
beS SinifterS ju mit ;u flüftem begann, bah ich felbjt eS hätte. GS mar mit 
auch, im ©emuhtfein meiner Bodlommenen Unicbulb, bie, mie ich mahnte, nie 
butch bieS ©erbältnih mirtlich leiben tonnte, oodtommen gleichgültig. 

Subem benahm ftch $ert Bon 6.... mir gegenüber fo gang unb gar 
freunbfchaftlich, baf» ich lange 3«it hinburch überjeugt fein gu lönnen glaubte, 
fein @efflhl für mich fei nichts JlnbereS, als baS einet innigen, roitllichen 
fjreunbfdiaft. 3$ glaube, ich hatte blecht barin, unb bah f><b erjt bann eine 
männere Steigung barauS entmictelte, als ich — immer lübner gemacht bur<h 
SajenS Giferfucht — meine ©erfuche, $errn Bon 6.... gu feffeln, Berbop* 
pelte. 3<b bemertte biefe Steigung, biefe Siebe, gegen bie ich eine unüberfteig» 
bare (Stenge in bem gattum erbddte, bah i<h ja »Stau“ fei — lange nicht, 
unb bann enblich fo admälig, bah ich fch<m am blanbe beS SlbgrunbeS ftanb 
als ich feine Gyifteng gu ahnen anfing. 

$ett Bon 6.... hatte, ohne irgenb melche Anregung memerfeitS, meinem 
SDtanne eine Biel Bortheilhaftece Stellung Berfchafft als bie frühere; bann hatte 
et einige literarifche Arbeiten SJJajenS protegirt unb ihm baburih mefentli^e 
SJienfte geleifiet; er ergeigte uns überhaupt täglich greunbfchaftSbienfte Bon 
Serth, unb ich bantte ihm aus marmem bergen für all biefe ©üte. 

Slber mofür ich ihm am meiften bantte, baS burfte, baS tonnte ich ni<ht 
einmal auSfprechen — eS mar für bie erneuerte Slufmettfamteit unb bie auf», 
fatlenbere Müdfichtnabme SDtapenS auf mich; eS mar für beffen allmätige 3u- 
tüdgiehung oon bem Seihe, boS ich (ahte. 

0, mie bantte iib ©ott für ade biefe Sohlthaten; mie fefi maren meine 
©orfäpe, mich jept auch bon £erm Bon S...beffen Siebe ich in i*net 3«t 
gu ahnen begann, laitgfam unb Borftchtig unb mit Stüdjuhtnabme auf feine fo 
unBorficbtig Bon mit herBorgeruftnen Gefühle loSgumachen. 

Unb bann toodte ich bie Sbfgde unferer Siebe im ©rautftanbe unb auf bet 
ßochgeitSreife jurücfrufen. D, »eich felige tränen meinte ich beim «nblid 
feines unb meines fiinbes! 1 

©töplich ertrantte baffelbe leicht, aber mein ängftlicheS SKuttergefühl 
lieh mich gittern. GineS Sorgens mähnte ich mein Xüchterchen, Bon beffen 
©ettchen ich teine Setunbe gemichen mar, träntet, unb trop ber Beruhigung 
beS SlrgteS beeilte ich mich, Saj Born ©üreau heimgutufen. 

3<h flog gum Schreibtijch, fanb in bet Gile lein Rapier unb begab mich 
beShalb in meines SDtanneS SlrbeitSgimmer. 3<h Jfinete feinen Secretät unb 
jog eine bet Saben in ber SXbfidjt heraus, ©apiet*tau8 ju nehmen. 3<h 
fanb leineS barin uot, unb .fo rih i<h benn mit ungeftümer £aft alle Saben 
auf. 3<h fanb nichts barin, unb als ich eben bie lebte mit einem Seufger ber 
Ungebutb gurfidfcpieben modte, fiel mein ©lid auf eine oerbahte ^anbfchrift, bie 
Uh nur ju mobl tonnte. 3*h begann ju gittern mie Gfpenlaub, unb ba ich bei» 
nahe Bot Schted ju ©oben gefaden märe, fo raffte ich ade ©riefe, bie im Sach 


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lagen, jufammen unb ftür^te bamit aufd ©opha hin* 34 tif* bie ©riefe auf 
— i4 überflog fLe; aber bie fcuhftaben tanken mir oor ben Slugen, ih tonnte 
nicht lefen. 34 fprang auf, lief bur4 T d 3immer, unb fu4te mi4 }u fautmeln. 
Gd gelang mir erft ita4 längerer 3eit, unb bann lad i4. Unb mad lad i4 ? 
©ere4ter ©ott! ÜBad traf mi4 aud biefen ©riefen tuie ein jerf4metternber 
SMipftrabl? 3Bad mar’d, bad mi4 fo fe^r entfette, bad meinen Körper im 
gieber f4üttelte unb mein £er§ in eifigem Jtrampf erftarrte ? 2Bad ed mar ? 
Gd mar ni4td — ald bad Gnbe meined f4bnen Srautned Pom miebergetebrteit 
©lüd, ald ber Snblid bed geöffneten ©rabed aller meiner Hoffnungen, all 
meined Stiebend; ed mar ber ©emeid, bafi i4 büpirt morben mar pon bem 
SBeibe, bad i4 am meiften halte auf Grben, unb bem SJtanne, ben i4 am 
meiften geliebt hatte. 

Set erfte biefer ©riefe, ben i4 lad, lautete: 

„Unfinn bad! äBedbalb einanber nicht fehen, menn bo4 Sein „Säub* 
den 41 fo blinb ift, bafj ed ni4t einmal bemerten tann, mie ertünfielt Seine 
Siebtofungen fmb? SDtefe ©ü|maffermenf4en fmb mir ein ©räuel; fte 
tennen leine £eibenf4aften — leinen H a l unb — lerne Siebe, ©ie leben 
unb gehen unter in einer entfefclkhen Ginförmigleit. Stuf ihrer ©tim brennt 
ni4t ber Suciferdtuf* ber ©4&Pfung; — fte tonnen meber ringen no4 ftreben 
no4 ft4 auflehnen gegen ben Sltt4 ber 9llltdgli4teit; fte fmb eben ein ©tüd 
berfelben! — ©ie lönnen au4 ni4t — fallen; — im SaHen fetbft ni4t no4 
ein ©tüd Himmel mit fi4 berabreifien unb ft4 ju eigen ma4en, mie mir! 
SBod liegt baran, ob mir mie fte jurüdfallen in emiged „9li4td"; — mir ma* 
ren ein $beil bed „(Seifted in ber Statut" — fie SJtaterie — ni4td ald 3)ta« 
tene; — na4 Saften, mie jept, ©taub gu unferen gü&eu! 34 mürbe 
Sit jagen: Schüttle ihn ab POn Sir, ben ©taub! — menn Su ni4t mit Seiltet 
erftnberif4en ©eele eben im ©egriff mdrefl, ihn umjutneten §u ber ^oxm Sei* 
ned — meined gulünftigen (Slüded. Sedhalb miU i4 märten, mill felbft 
meinen Her$f4lag entbehren — miU Sich, meine SBelt, meinen ©ott, meinen 
Sucifer, ma4iniren laffen, ohne mich — für mi4/ für und, bie mir eind 
fmb, unb ohne ©4*anten fein müffen!" 

Ser folgenbe enthielt meniger Sorte, aber mehr $ldne, unb lautete mie 
folgt." 

,2Bel4’ gloriöfer SSemeid Seined bere4nenben, nie irrenben ©erftanbed. 
Seiner (Kombination, mar ber, ben Su mir geftem in ben f4önen, geftoblenen 
©tunben gegeben. 0 biefe geftoblenen ©tunben fmb göttlub/ — i4 gmeifle, 
hätte i4 ein legittmed 9le4tfn fte, ob fie fo bämonif4 f4on für mt4 mären. 
Hätte i4 ein legitimed Sieht an Si4 — mte — mie bad „©änfebtt^en*, 
bad ft4 Sein eigen nennt — -- , 

Sad „®dnfeblüm4en!" ber löflli4e Serglckb hat mi4 bet ©4lu|folge* 
rung beraubt. Gd ift mir ein Stdtbfel, mie Su, für ben re4t eigentlich nur eine 
bade, glübenbe Seuetlilie gef4affen, mie S u an bem -„©änjeblünuben" ©e* 
fallen gefunben. 34 bente mir immer, Su hätteft ihn genoffen, bur4loftet, 

11 . 


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Wji 


bttr®mübft b;B auf bie Steige, ben 2iebe£raaf® aller 2ebenB-<jeuer*2iebe atb* 
ntenben ©Inmen, unb überfättigt non adern 2 i®t, non aller Süße, oder ©ra®t 
— marfft Su Si® ermöbet nieber in'« ©raB, um Si® non Meinet (Srf®Bpfnng 
3 « erholen, Unb als 55u geruht nnb miebet inn Si® f®auteft, fabft Su un* 
fern ein @änfeblüm®en fi® $u Stt neigen. Unb 55u erbarmteft Si® ferner 
ßiufamfeit, meil eB fo nnbebeutenb nnb eben beBhdb fo ejemj anbetB mar, dB 
ade« früher ©efebene. mar baB ganj natärH®; eben mie cö an® ganj 
imtörlitb ift, ba| Su feiner halb mübe werben mufjteft. 

*So® maB foden biefe Siebenfachen? 2Bir nergafen geftem einen not* 
treffR®en $lan, mie mir baB ®änfebfäro®en am febneßften in ben ©efty beB 
w biplomatif®en Karren" bringen ßtrnen. merbe Sieb be^balb tn feinem 
SreibbauB ermarten, fobalb Su ft®er biji, ba| er alB SBirtb trnb ©erliebter 
binlängli® bef®äftigt ift. Sie heutige Soiree bei ihm mhb imB ©efegenbeit 
bieten, ohne Kaffeben na® ^erjenBluft non wtferen $tönen für bie 3u*unft 
plaubern §u ©mten. SSM«- * 

3® butte genug gelefett, bte anberen 3eugen meineB (SlenbB mären mei¬ 
ne« jitternben £onb enffaßen. SRe lömtte t® SJtt f®ilbem, maB i® empfanb, 
maB i® Rtt! Saufenb nerf®ieben« ©efübfc jemffen mein 3unereB, nor adern 
aber «in nnfSglkbe« S®me«j übe« bie "Derä®tU®e §eu®elei unb bie Kiebet* 
trä®tigfeit beB üWanneB, bem i® na® bem ©efepe memeB ©lanbenB für emig 
angehörte. Seine empörenbe ©emeinbeit, mir neue Siebe 311 betr®eln, mo feine 
Seelt ft® nttt ben elenbeften gälten bef® 8 ftigte, mi® moralif® $n »erberben, 
ma« beinahe ju grob, um fte fofbrt ganj begre^en jn formen. 3$ malte baB 
elenbe ölatt mieber unb miebe« lefen, um mi® ja überzeugen, bab i® ni®t 
träumte, ©ott, mie efenb mar i®, dB i® enbJi® ganj begriff! (SB ift f®auer- 
li®, fo plötlt® jeben ©lattBen an baB, maB mir lieben, tmmiebetbringli® ba- 
hm f®minben ju fe®en; dkB ©betrauen, ade £®timg mit ju »erdeten! Sa 
mirb unB bie Seit jum GbaoB, in bem 2UteB bunt, mite bnr®emanbet mirbeft, 
in bem ni®tB mehr jn erfennen Ift non bem, maB unB einft Ibeuer unb anjie» 
benb ma«. ©B f®«nt nnB oen böfen ©elftem beoBKert, bie böbnenb, fpottenb 
unB umf®märnien, unB immer nähet rücfenb «nt ihrem entfe$rt®en Sadben, dB 
mußten fle unB, na®be*n fie *nB »or 6 ®re<!en imb Kngft gelähmt hüben, alB 
Opfer ihrer ©oBbcit in ben Slbgruitb ftürjen, ber unferer »erjagenben, gequäl¬ 
ten Seele Überall entgegen gähnt. 

Hbet baB meitf®lt®e ®erj tonn nid «rttagen; man f ü r®tet ooer bufft 
au® oft, eB möge tr«®en; — aber baB gef®ieht felbft unter ber f®mecften Saft 
benno® ni®t. Seit i® fo niel gelitten Ohne banMierbrüdt 9 « »erben, glat&e 
i® »®t meb* an bie 3Währ®en non *gebro®eiteti ^etje»*; nur php)li®e 
fieioen mögen ba$ biBmeilen )a Stanbe bringen. Sie gdfÜgen Selben ju 
tragen, f®nf ©oft bie 3Jfenf®eti; beBh«ft ftttb ®re JMfte benfelben gema®fen 
unb bantm nemnBgen fie an® felbft bie f®metften erbdben. 3® glaube an 
ben SBahnftott, ben fte bei tiefftthlenben 9lenf®en beftttrafe* föitnen; i® be« 
gxsife au®, bab biefe ber äu|er|cn ©evjmeiflung irMeriiigeii, fo baftfte ihm 


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167 

elenben G;iflenj feffefl eh« Gnbe feben; abet ben Job berbeiföbren, bal tonnen 
bie Seiten nicht. ©enwöcbUn fie ei — kb lä^e längft begraben. 3<b miö nicht 
bebauten, bah anbetefDlenkbennichtehenfobiel litten; aber mehr t&nncn fle 
nicht erbutbet hohen, «dl ich in jenen elenben Jagen. Joch hör«, mal mir 
no4 aufgefbart mar. 

Rachbem ich mich etwa! gefammett bähe, erinnerte ich mich meines fliu» 
bei. 3<h kbleh bie ©riefe wiebet ein wtb begab mich, mit bebenben Änieen 
nnb von falten giebetfchauem burchfchütfety, jurftd in’! ftmntenjiimnier. SDtein 
Ätnb mar eingefcblummert. 61 tag b«, ein ©ilb bei grüben* nnb ber Sein» 
heit; eilt ©üb, fo himmlifch füfj, bah fein Riädid ebfcfe&ttetnb unb (pater beru» 
higenb auf mich eint» rette. $<h fkd nnmiQKtolich auf meine Äniee nnb fing p 
beten an, p beten h**h uiib innig für meinen «einen Gngel bott in ber Siege, 
bah ihm biefe berjehtenbe Ouaf, bie jt|t meine atme ©ruft pmih, ewig fern 
Mtiben möge. jattN erhob ich mich nnb betmochte nachjubenlen, mal aul 
bem RHen merbe nnb wie hh p hccnbein bitte. Jal Refuttat meiner 9la<h» 
forfchnng mar ber ©orfafc, tro$ meinel trauten Hhtbel biefen Rbenb in jene 
©efeüf<|aft p gehen, meinen 9tann unb biefe Gfenie p täufcben, ihnen ju 
folgen, fte in ihren ©Urnen ju belaufchen nnb bann hrrborptveteu. Jann 
hatte kh (Srunb, ben ©lan aulpführen, ber {ich mir mit »nabmeillicher Roth» 
menbigteit anfbrängte — nämiith 9laj, bon bem kh jefct überpugt mar, bah 
er nie jene ßreatur aufgeben merbe, jn bertaffen unb mit meinem Ainbe p 
meiner Stutter jurüdplehren. 3<h mühte enbtich 9luhe hohen; ober ich hotte 
für meinen ©erftanb p fürchten, bal fühlte ich. 

Sill fi<h bie 3<it ber Soirfee näherte, ftemb kh am ©#Stif<h; — mein 
(Mittel fimb lag feine fünf Schritte bon mit entfernt, unb taufenb 2M unter» 
brach kh mkh, um mkh über baffeihe p beugen unb tS leibeufchaftlkh p Offen. 
Gl mar ja mein Gin«, mein ROe! in liefet 2Belt, nnb nicht!, nicht! fonft hätte 
mkh bermocht, mich auch nur eine Setunbe bon ihm p entfernen, all bie 
brennenbe, mkh ganj unb gar behenfehenbe Sehnftkbt nach R«b*, nath bem 
Gnbe liefet martern. 3<hnmal ftanb ich im ©egriff, ben elenben glittet bon 
mir p reihen nnb mit güfjen p treten; er bähte mebet p meinem gnntrn, 
noch 3 U meinem Reichern, beffen fahle ©läffe geugnih bon meinem ©emütbl* 
PÜanb ablegte. Rber kh mar mie bon gurien gebeitföt; i<h muhte unb 
muhte gehen. 

91a; hm, mich äbjuboten, unb muffelte mi$ mit imierfchAmten ©liefen. 
Rir mar eS tinmlglich, ihn anpfehen; kh hätte mkh bann nicht mehr p he« 
bertfeben bermMht. * 

Gl lochte ffecmfich in mir boc Rufregung, unb mal mich nur noch mehr 
erbitterte, mar bie grenjenlofe Unbefangenheit, bie unberfchämte ©iekbgültig« 
feit, bie er an ben Jag (egte. Gr fchmaffe bon hunbect gleichgültigen (Segen* 
hänben, ganj in betfelben bifanten, itonifchen Seife mie fonft. Gr fchieu e! 
nicht einmal betSRttbe merth p halfen, mkh im ®era«gften p beobachten. 
SReme Summbeit machte ihn fo Werl 




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158 


34 empfanb nie mehr bie eitle 9K4tig!eit gefeüf4aftli4en Treibens, als 
an biefem Abenbc. 2>ie 3Ru{it, bie 9Renf4en, bie Toiletten, bie Unterhaltung 
miberten mi4 an; — aber i<& beoba4tete f4arf. 34 ballte meine $anb 
frampfbaft jufammen unb märe beinahe baoongeftürzt, als fi4 mir baS »er« 
&4tli4e SBeib nabte unb mi4 mit ber fünften greunbli4feit anrebete. 34 
mollte mi4 beberrf4en unb ibt antmorten; — aber baS mar ju »iel. 3Jleine 
Sippen bemegten fi4 nur con»ulfimf4, unb i4 manbte ibr bgnn ben dürfen 
unb {4ritt ber anbern Seite be* Saales ju. 34 gönnte ibt nicht ferner ben 
©enub, b4 über mi4 }u beiuftigen, unb nahm beSbalb beS fi4 mir nabenben 
£erm »on S... . Arm, um mit ibm in bie Staben ber £anzenoen ju treten. 
SJtoy, ben i4 f4arf beoba4tet batte, mar f4on feit längerer &it meinen ©liden 
entf4munben, unb jefct bemerfte i4 au4, bab Stau »on 6. fi4 langfam ber 
SRi4tung, in mel4er bie Orangerie lag, jumanbte. 

34 metb nichts bon bem, maS ber SWiniftet zu mir fpra4 — i4 meib 
nur, bab i4 mi4 plöpK4 §u ibm manbte unb ibn mit ben ©orten unterbrach: 
„$err SRinifter! Sie fagten mir früher einmal gufäUtg, bab 3fc Arbeitszimmer 
mit bem Treibhaus bur4 einen geheimen ©ang in Serbinbung ftebe. 34 
be[4möre Sie, geben Sie mir nur für gehn Minuten ben 64lüffel zu jener 
^bür. 34 tann 3bnen nicht fagen, meSbalb i4 ihn haben möchte ; genug, 
i4 mub 4n haben! ©eben Sie ihn mir, unb i4 merbe 3bnen zeitlebens ba« 
für banfbat fein. 41 

34 erinnere mi4 ni4t, maS er antmortete; i4 erinnere mi4 nur, bab 
ich menige Sefunben fpäter ben 64lüffef leife in’S S4lob ber Keinen, »om 
3nncrn ber Orangerie aus bur4 Blumen »edierten 34ür ftedte, unb biefelbe 
»orfubtig, unhörbar öffnete. Sieben bem Eingänge befanb {ich in einer 3tif4e 
ein Seffel, in ben i4 mi4 geräuf4loS nieberlieb, ehe i4 SU lauf4en aber einen 
83lid bur4 ben magif4 erleuchteten SHumenjaal ju fenben magte. So »iel i4 
§uerft feben tonnte, mar ber SHaum leer. $o4 nein! Stabe an ber^bür, 
über einen InoSpenben flamelienjhau4 gebeugt, ftanb SJtay, 2Jtaj allein. S)ie 
©aronin mubte auf bem SBege jum Treibhaus aufgebalten morben jein; aber 
i4 brauchte ni4t lange zu märten, bis i4 baS leife, melobif4e Sachen berjelben 
Zu hören befam. (SS mar f4abe um biejeS bem Acuberen na4 fo »oütommene 
©eib. Alles an ibr mar »oll Anmutb, felbft ihre Stimme unb ibr Sa4en; 
f4abe barum, bab ihr 3 nn *reS fo ummöltt mar »cn Sünbe unb ©emeinbeit. 

SJlaj empfing fie rauh unb unfreunblUb, unb überhäufte fie mit SBorroür* 
fen über ihre Unoernünftigteit, hier allein mit ihm fein zu moKen, maS ©eibe 
bei bem betannten früheren ©erbältnib zu lei4t co*promittiren tönne. Sie 
lehrte b4 nicht baran unb fragte einfa4/ ab er im 3immet recognoScirt habe, 
bab Siiemanb barche. Qx oerficherte herauf, »or ihrer Antunft jeben ©inlel 
bur4fu4t zu haben. Sie fühlten b4 jept b4er, o fo fi4er, bab be Arm iu 
Arm la4enb im 3immet auf unb ab gingen unb »on bem moblbere4neten 
©lane rebeten, mi4 — benle nur, mie gräflich! — zur SRaitreffe beS SRinifterS 
zu ma4en unb bann bahin zu arbeiten, benjelben bei mir zu überraf4en. 


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159 


Slctf würbe ihm bann bie SEBahl (affen, ihn unb mich not ber ffielt ju compro« 
mittireu, inbem er eine gerichtliche Gcbeibung beantrage, ober — bie ©ebin* 
(jungen ju erfüllen, bie fie jept näher beleuchteten. 

Grla| mir, mehr bavon ju reben, Gmma! ©enug, (Wap wollte Saniere 
machen burcb bie Untreue feines SBeibeS — unb bie ©aronin wollte bann mit 
gegenüber baS (Recht erlangen, ganj frei vor meinen Slugen baS fünbhaftc (Ber« 
hdltnifs fortjufeben, 

3<h trat bergelommen mit ber Slbficbt, nacbbem icb SUIcS gehört hätte, 
heroorjutreten unb ihnen ihre Scbonbe in’S ©eficbt ju fchleubern. Slber, o 
mein (Sott! als ich ben (Wann, ben ich mit einer abgöttifchen Siebe mehr a(S 
meine (Religion unb. mein Ainb geliebt hatte, — ben (Wann, ber gefcbmoren, 
mich vor jebem Schmer) }u bewahren unb mich ju f(hüben vor feber ©efabr — 
als ich ihn (alt, betjloS, ohne auch nur einen ©ewijfenSbijj, bavon reben hörte, 
mich, fein eigenes 2Beib, bie (Wutler feines JtinbeS, ju verberhen—ba fcbmanb 
mir jebe Äraft. 3<b verlöt baS ©ewufitfein, b. h- nicht (örverlich; ich fuhr 
fort ju hören, aber bie (Sorte waren nur leerer Schall; ich fab fie auch fi<h 
entfernen, aber meine Seele war fo voütommen gelähmt, ba| ich nichts mehr 
)Ubenfen unb ju begreifen vermochte; ich fafs ba, regungslos, wie ju Stein 
geworben. Später erblidte ich vor mir ben (Winifter;. ec fprach ju mir, ich 
weil nicht was. Gr reichte mir ben Slrm, unb ich folgte ihm willenlos ben 
ffieg, ben (4 gefommen. 

3n feinem SlrbeitSjimmec angelangt, führte er mich, meine SobeSbläffe 
gewahrenb, ;u einem Seffel, befeuchtete mich mit (Sau be (Sologne, (niete Vot 
mir nieber unb pre|te unter ftürmifcben Stagen nach bem, was mir fehle, 
meine $anb ein SJtal über baS anbere an feine Sippen. 3<h hotte (eine Sil« 
(enSlraft mehr, 1« jutüdjujiehen; ich Iie| ihn gewähren, ©ereijt, gedngftigt, 
entfefct burcb mein Schweigen — ich war (eines SBorteS mächtig — flüfterten 
feine Sippen baS (Be(enntni| einer leibenfdjaftlicben Siebe, verbunben mit ben 
ftehenttichften (Bitten, ihm ja fagen, was mir fehle. Gntfefclicbl $aS fehlte 
noch! Slber eS war, als träte burcb biefen neuen 6<breden eine (Reattion in 
meinen geifiigen gähigleiten ein, als erwache in mir mieber ein neues, (räftigeS 
Sehen jum Äampf gegen Sünbe unb Unrecht. (Der 3orn brachte baS ©lut 
jurüd in meine farblofen SBangen, unb meine Slugen brannten vor Gntrüftung, 
als ich meinen ©fiel bem (Winifter juwanbte. 

Ghe ich feboch ein SBort gefprochen, lag er ju meinen gü|en unb flehte 
um ©ergebung, ba mein ©lief ihm beutlich gefagt, was er ju erwarten hatte. 
Unb trofcbem jener (Wann mich fo eben töbtlich beleibigt hatte, war fei« jefc» fo 
(bei männliches fEBort, in bem bie bitterfie (Reue ausgeprägt war, ba| er fich 
im Slugenblid ber Slngft um mich hatte hinreihen laffen, b a 8 ju geftehen, waS 
er fich felbft gefchworen hatte, ewig als ©ebeimnil ju bewahren — hinteichenb, 
meinen ©tauben an ihn, unb fomit an einen Sheil ber (Wenfchheit, wieber auf« 
Juristen. GS war eine eble Statut, bie ich ja felbft burcb mein frevelhaftes 
Spiel irre geleitet hatte. 



Goog 



34 reichte ihm {himm bie $<mb unb bat ihn barauf, meine« Sagen §» 
befteflen. 34 mar fo f4ma4 bur4 biefe (Scfßütternngen gemotben, bat kb 
miß faum bahin 311 fßleppen oermoßte. 2 )e* Siniftec tüfete meine £aub j*ua 
Slbfßieb mit einer fo jarten ©htfutßt# baß iß meine Sichtung bor ihm unb vor 
mir felbjt aurüctfebren fühlte, benn in bet eigei^n Slßtung mar ich tief, febr 
tief gef unten, ©taube mir, (Jmma, leine grau, bie ganj tabello5 ift, I?5rt je 
Sorte, mie ich fte fo eben gehört habe. Gntmeber ift ihr Seißtfum, ihre 60 « 
quetterie ober ihre ©telteit fßutb baran, bah ihr ©hatatter in jmeijelhaftem 
Siebte erfibeint; trenn eine grau ihre Sürbe nie aufg Spiet gejept hat# fei 
e$ nun aug mehr ober minber tabelngmerthen Urfacheu, fo ift biefelhe fo unan* 
taftbar, fo heilig unb ftreng, bafj Stiemanb, auch felbffc ber größte SüftUng 
nidjt, de an$ugreifen magt. 

34 tarn na4 #aufe. Sein Äinb lag im heftigften Sieber; feine Sßläfen 
pochten, feine ^Julfe Hopften hörbar. 34 fchidte $unt Slrjt unb entriß bann 
ber ffiärtcrin mein Äleinob, mein unauSfpreßliß geliebte^ fileinob. §ütc&tet* 
ließet $ohn beg S4idfal$ l Sa lief i4 im ©emanb ber greube — benn üb 
hatte ben ©allftaaf noch nicht einmal abgelegt — mit blutig jerrifienem #erjen. 

©ne ©attin, fo elenb betrogen, fo berlaffen unb berhöhnt; eine Sutfer, Ser* 
jmeijlung im ^rjen, mit ber ganzen flraft ber leibenfßaftfißften Siebe bem 
£obe fein Opfer entretfjenb l 

half Sldeg tiißt! Seine gtfihenben ©ebete, meine btennenben fyxi* 
nen, meine an ©ott unb Scnfßen berjmeifelnben Sermünfßungen — fte traten 
ade, ade umfonft. ^ 

Slm anbern Sorgen lag mein Äinb, ba* einzige, bog i4 je gehabt, meine 
einige, meine lepte ßoffnung, tobt in meinen Sinnen. 34 tau)4te gegen 
mein SattWeib ba$ 2 rauer!(eib ein, ba$ 14 nie mehr abgelegt habe. 

Üaimjt $u begreifen, ©rnrna, bafj i 4 alleg bie£ ertrug ohne {u er« 
liegen ? 

(Sßfufe folgt.) 


flartwlbingitttö fHdjtcrfetttff. 

Sott ffriebrU* gcgoi». 


I. 

9BiH man (n SDeutfßlanb einen fpecififßen Unterf 4 ieb jmifßcn Slorb unb 
Sub gelten laffen, fo mirb berfelhe befonbetg barin ju flnben fein, bah bet 
Sorbett er n ft er, per Sfiben heiterer ift, bafs im Slorben bie $enbenj, im Süben 
ber Sebenägeinujs übermiegt. &er na4 bem S&ben perfepie Slorbbeutfße mirb 
Port anfänglüh in gefedigen Greifen alg fßmerfädig erfßetnen, ber na4 bem 
Slorben perfßlagene Sübbcutfße ft4 unter ben emftern ©enoffen, big bie Sc* 
rüljrunggpuntte gefunben ftnb, unbehagli4 fühlen. Sefonberg offenhart ft4 
biefer Unterfeßieb au4 in ben Siebern, mel4e bag Sott ju ben {einigen gemaßt. 


« 


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Söttet, 3itü«3 SRofen, Slmbt, Stof 0.Sdenlenbot? unb Äebnlide finb im Slot« 
ben am meinen ix ben (Seift be« Solle« übergegangen, wdbrenb bei Sübeu bie 
reine Sprit bet Xenbefl|»Soerte »orjiebt. 3*** Staben tonn man fid nidt beim 
(Biafe Sein ober fktnfd bereinigen ohne ba| fofort ber (Seift bei Saterlanbe« 
unb bergteibeiibe« Sofft« füfyrt; bie bei fejlliden ©elegenbeiten im Stoen gefun« 
jenen Siebet fprechen mehr von SB ein nnb von Siebe. Unter Sübbeutfden fcridt 
beim 3abte«wedfel ein au«getoffenet 3ubel lo«; im Sterben fegt man {ich beim 
«wölften (Slodenfdtoge lieber unb ftngt mit Slnbadt ba« fdanerlid ernfte Sieb 
bd modern 3®bann £eintidSo|: ,2)e« 3obte« (egte Stunbe®, wobei felbft 
feem ^fünften ft<| Stoffen auf bet Stirn farameln. Ueber ba«, wo« vorju» 
lieben i£, lä|t fid nidt Breiten, ^eber wählt eben baß, naß (einem 93ebürfnip 
entferidt. SBie wenig ber Untecfdieb in bie 2ie(e gebt, «eigt bie Seidtigteit, 
mit weifet er fid bei näheret Selanntfdaft öermifdt. 6« tommt nur barauf 
an, bab man einanbet nicht mifwerftebt, ba| nidt ber beiten Gtobtutfde vom 
Sohne bt« Sfotben« für leidtfiiwtg unb oberflddlid, ber ernfte Slorbbeut(<be 
Vom Sohne be« Süben« für jdUiftoö« unb fdwerfäHig gebalten wirb. 2)er 
8 wed vodiegenber Ärbeit ift, bie engere $eünatb be« Serfaffer«, bie enblid 
feem groben Snterianbe auf immer jurüdgegebene StorbmarJ, in weither ber 
Qtnß am «uftäUigfteu bervortritt, gegen ben Sßorrourf in Sdub ju nehmen, 
weither in ben SStotfen liegt: Holsatia non cantat. 34 möchte SJeutfd* 
lanb an ba« erimiem, wa< (eine n3rblitb(ten Söhne ihm an geiftigen Sdä&en 
mit in ben nationalen £au«baU bringen, unb ba wirb e« mir benn gefiattct 
fein, lönftlid gezogene (Steigen gu ignoriren, welche wohl cutf ber Sanbtarte, 
aber nicht in (Seift nnb (SemOtb be« Solle« ju finben fwb. 

SU« ben Seferäfentanten ber (üblichen Sichtung raödte id (Sötbe, al« ben 
ber nötblUben filopftod bejeidnen. örfteter batte eine entfchicbene Abneigung 
gegen ben Sorben« 3t«Utn burchßreifte er nach allen Sidtungen, unb weil 
uw« Viel von (einen SBunbem «u erjöblen; bie herrlichen Süden« unb lannen« 
Wäiber, bie füllen Seen nnb lieblichen Suchten Sorbatbingien« bat er abet nie 
bnnen gelernt Äopftod bagegen fühlte fub übermtegenb vom Sorben an* 
gezogen, nnb brachte btt breiig lebten 3ab« feine« Sehen« bort «u. Such ift 
er bg« bervorragenbfte Sütglieb be* erften notbatoingifden Sicbtertreife«, auf 
Welchen hier bie Sufmerffamleit be« Sefer« gelentt werben foU. S)a wir eben 
(Sötbe nnb JUopfiod einanbet gegenfibergcfieOt haben, fei hier }ugleicb barauf 
bingewiefen, ba| bei ihnen, wäbrenb fte anfänglich einanbet innig verehrten, 
«niebt bie Serfcbiebenbeit be« eingefcblagentn SBege« «ur ffierfennung, jur an 
gciubfdaft grenjenbeu Sbneignng führte, unb Sielen möchte e« niht belannt 
fein, wie ber Sruch btrbeigefübrt würbe, welcher bie btiben groben Stornier 
auf immer von einanbet trennen foUte. Sie gerietben in ben gebier, vor bem 
eben mit Se«ng auf Sotb unb Süb gewarnt würbe: fie verlangten einanbet. 

JUofeftod. hörte viel «ton ber beidofen ffiirtbfdaft, weide am $ofe ju 2£eU 
mar bertfden foUte; er glaubte ba« Sdlimmfte.unb hielt e« für feine SJ5*Iidt, 
ben iungen gtennb «n warnen. ,$iet einen Sewei« meinet greunbfdaft, 


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162 


Ifebftcr (Sot^c!* fcbrieb er unterm 8 . ÜJlai 1776 aus Hamburg. w ©r wirb 
jwar ein wenig ferner, aber er mu§ gegeben werben. Saften Sie mi(b nicht 
bamit anfangen, ba& icb eS glaubmürbig weij$, benn ohne ©laubwürbigtcit 
würbe ich ja fdbweigen. Senfen Sie auch niebt, bafj i<b 3& n *n, wenn eS auf 
3b* $bun unb Saften anlommt, einreben werbe; auch baS benfen Sie nicht, 
bafj icb Sie beSwegen, weif Sie »iellcicbt in biefem ober jenem anbere ©runb* 
fäfce haben als icb, ftrenger beurteile. Slber ©runbjäbe, 3 ftre unb meine, 
beifeite, waS wirb ber unfehlbare (Erfolg fein, wenn eS fortfäbrt? Ser §er$og 
wirb, wenn er ft<b immer bis jurn Äraufwerbeft betrinft, anfiatt, wie er fagt, 
feinen flötper babureb $u ftärfen, erliegen .unb nicht lange leben. ©S haben 
ftcb wohl ftarfgeborene 3ünglinge, unb baS ift benir boeb ber $er$og gewifc 
nicht, auf biefe Seife hingeopfert. Sie Seutfdjen haben ficb bisher mit Stecht 
über ihre dürften befebwert, bafj biefe mit ihren ©eiehrten nichts ju febaffen 
haben wollen. Sie nehmen jc(o ben «gerjog oon Sehnar mit Vergnügen aus. 
Rber waS werben anbere dürften, wenn Sie in bem alten Xon fortfahren, 
nicht ju ihrer Rechtfertigung an 511 führen haben? Senn e$ nun wirb gefebeben 
fein, waS ich füllte, bat gefebeben wirb. Sie ^eqogin wirb oieüeicbt ihren 
Schmer^ jefeo noch nieberhalten tonnen, benn fie bentt fehr männlich. 3lber 
biefer Schmers wirb ©ram werben. Unb läfjt ftcb ber benn auch etwa nieber* 
halten? SouifenS ©ram, ©5the! Rein, rühmen Sie fich nur nicht, bau Sie 

lieben wie ich!-©S tomnit auf Sie an, ob Sie bem ^ers°9 biefen ©rief 

geigen wollen, ober nicht. 34 für mich habe nichts bamiber. %m ©egentheil; 
benn ba ift er gewifc noch nicht, wo man bie Sabrbeit, bie ein treuer greunb 
fagt, nicht hören mag . 41 

SDtochte ber in biefem ©rief liegenbe Sorwurf gerechtfertigt fein ober nicht, 
{ebenfalls oerrieth ber ©rief ein ebleS #erj, unb felbft ein ©ötbe tonnte wohl 
ftors fein auf folgen ©eweis ber greunbfehaft bon einem folcben Sanne. 
Seine Antwort ift auS Seimar, ben 21. Sai 1776 batirt unb lautet: „Ser* 
febonen Sie uns tünftig mit folgen ©riefen, lieber fllopftod! Sie fKlfen uns 
nichts, unb machen uns immer ein paar böfe Stunben. Sie fühlen felbft,* baß 
ich barauf nichts §u antworten habe, ©ntweber ich möbt* als ein Scbulfnabe 
ein Pater peccavi anftimmen, ober fophiftifch entfchulbigen, ober als ein 
ehrlicher flerl oertheibigen, unb tarne bielleicbt in ber Sabrbeit ein ©emifch oon 
allen Sreien heraus; unb wo$u? Älfo fein Sort mehr swifeben uns über 
bie Sache, ©lauben Sie mir, bab mir fein Hugenblid meiner ©yiftenj über* 
bliebe, wenn ich auf alle folcbe SInmabnungen antworten fodte. Sem £cr$og 
tbat'S einen Rugenblid weh, bafj eS ein fllopftod wäre, ©r liebt unb ehrt 
Sie, oon mir miften unb fühlen Sie eben baS. 2eben Sie wohl.* 

Unb nun Älopftod’S Replit ? Sie ift fürs unb bünbig. „Hamburg, ben 
29. Ruguft 1776. Sie haben ben SeweiS meiner greunbfebaft fo fehr ber* 
tannt, als er grob war, befonberS beSwegen, weil ich unaufgeforbert m : <b böcbft 
ungern in baS mifche, waS Rubere thun, unb ba Sie fogar unter alle folcbe 
©riefe nnb alle folcbe Snmahnungen (beun fo ftart brüden Sie {ich aus) ben 

1 

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163 


33rief warfen, welcher biefeit Seroeis enthielt, fo ertläre i$ 3bnen hiermit, bah 
Sie nicht wertb fmb, baB ich ihn gegeben habe.* 

§ätte bem beutfehen Sßolfe bie ffiabl jmife^en ©Ötbe unb fllopftod obgele¬ 
gen, fo fönnte baS Nefultat niebt jroeifelbaft fein. Alopltod ift faft ueifgeffen, 
®ötbe lebt in Silier Sflunbe. 20a$ aber bie bon ihnen üertretenen Nich tun- 
gen betrifft, fo bat ber glüdlichere Nachfolger AlopftodS, griebrich Schüler, 
bafür geiorgt, bah bie Senbenjs^oejte bei ber SBabl nicht }it lurj gelommen ift; 
Nichts fönnte treffenber fein, als baS Epigramm Sefftng’S: 

©er wirb nicht einen Alopfted loben ? 

SJoch wirb ihn 3*ber lefeit ? Nein! 

2Bir wollen weniger erhoben, * 

Unb fleißiger gelejen fein. 


3n feinem SReffla^ bat Alcpftod fidj auf ein Serrain begeben, auf welches 
baS Soll ihm ju feinem eigenen £eil nicht folgte, unb er beging ben groben 
Nti&grijf, §u feiner Nation in einer Sprache $u reben, bie berfelben unberbaulich 
war. IBor mir liegt eine StoSgabe ber Oben bom 3abre 1796, erfchienen bei 
©eorg Joachim ©öflten in Seip$ig. Seume bat bie Gorrettur babon gelefen. 
Stufe @eratbewobl greife ich bie erften geilen ber Obe an Gibli heraus. 
^Unerforfchter, als fonft etwas ben gorfchet täufcht, 

3ft ein ^erj, baS bie Sieb’ empfanb, 

Sie, bie wirtlicher üBerth, nicht ber bergdngliche 
UnferS bichtenben XraumeS gebar, 

3ene trunfene Suft, wenn bie erweinete, 

Saft ju felige Stunbe fommt, 

$ie bem Siebenben fagt, bah er geliebet wirb!* 

. 20er 2uft bat, fann fich baran machen, biefe Alopfiod’fche Spraye in ge# 
ntehbareS, berftdnblicheS Seutfch $u überfein. Unb wie febr bat er baburch 
gefünbigt, bah «r bie fchöne SWutterfprache in ein ftembeS, antifeS ©emanb ju 
jwdngen fuebte! 2Bie bolltommen war er anberer Saute fähig! Sah bich an 
beinern Alopftod nicht irre machen, mertber Sefer! S3erföhne bich mit ihm 
burch baS töftlich melobifche Sebiht 

2)aS Nofettbanb. 

3m grublingsfcbatten fanb ich fie. 

3>a banb ich fle mit Nofenbdnbern. 

Sie fühlt’ eS nicht, unb fchlummerte. 



3<b fab fie an; mein Sehen hing 
SRit biefem 93lid an ihrem Sehen; 

3ch fühlt' es wohl, unb muht’ es nicht. 

$och lispelt’ ich ihr fprachloS §u, 
Unb raufchte mit ben Nofenbdnbern; 
3)a wachte fie bom Schlummer auf. 


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164 

6ie fab mid) <m; ihr geben hing 
3Diit biefetn Slid an meinem geben, 

Uiib um uax3 warb’* ©ipfuuu 

ttnb bann ba* SaterlanbStieb, beffen crfte Serfe butten* 
34 bin ein beutföe* 2Wäb4en! 

«Kein Slug’ ift blau unb fanft mein Sl id. 

34 bah’ ein £erj, 

2>aS ebel ift, unb ftolj, unb gut* 

34 bin ein beutfcfee« 3Jläb4en! 

3orn Wirft mein blauet äug* auf ®en, 

Qi baftt mein £erj 

2>en, bet fein Saterlanb »ertemit. 



34 bin ein beutf4e* 9Jtäb4en1 
fttbre mit lein anber Sanb 
Sunt Saterlanb, 

Wtf mir au4 ftel bie grobe JBabU 

„£ätf i4 bunbert Stimmen, 54 feierte ©aüieng Srefljctt n?4t tote fte e3 
»erbient, fange bie ©öttlube fcbroa^!" fang fllopftoc! in einer feiner fünften 
Oben. Seftebt ein 2Biberfpru4 swtf4cn bem Sänger be$ SWejfta* unb bem 
ber greibeit ? . 2ßer ba8 behauptet, b<*t bie STOefftäbe falf4 aufgefaftt. 2lba* 
bonna ift bem Siebter bie gefallene unb getne<btete SHenfcbbeit, Slbramele4 ba3, 
wa3 pe nieberbrüdt unb feffeft, ber SWefpa« bie reinigenbe, ertöfenbe greibeit. 

2luf bem flinbbofe $u Ottenfen, bei Altona, pebt ein Saunt, beffen 2ln* 
Wirf feben Raturfreunb mit ©btf«*4t erföDen rnuft, aueb wenn er ni<bt weift, 
auf wet4* Stätte biefet Saum feinen Schatten wirft. Qi ift bie ginbe, welche 
Älopftcd im 3abw 1758 auf ba$ ©rab feiner geliebten SReta, „bie ibm fo früh 
entriften mürbe unb in beren 2lrm ibr MeugebotneS fcfeldft^, pflanjen lieft, unb 
unter ber er jefct felbft ruht. 3ft eg boeb als bitte bie Statur e& barauf «nge* 
legt, blefe ginbe gu einer ihrer 5Reifterf4*Pfttugeu $u tnatben. Stau tarnt 
butcb ba« gange weite fianb ber $i4en unb ber Sinben reifen, ohne eine 
Slättertrone gu pnben, welche an SJtajeftät biefe übertrifft JHopftod, „ber 
Oberfte ber Sarben Xeutö' 1 , ber Sänger bef Saterlanbeg unb ber greibeit, ber 
©b^enbürger ber franjöpf4en Republif, ruht nicht in einer gürftengruft. Riebt 
weit bon feinem ©rab bepnbet P4 ein anbereS, beffen Stille nicht minber 
taut $um bergen be$ SBanbererS fpriebt 3)oct, auf jener ffiiefe, febtafen 
„Säter, Rlütter, Srüber, Sachter M , breijebnbunbert an ber 3*bl/ bie non 
Saoouft in jener eipgen ÜBintemacbt au§ Hamburg vertrieben würben, beren 
p<b Sliemanb annebmen tonnte, unb bie »erhungerten unb erfroren. „SJtan 
merft be$ 3ammerg ©röfte nicht an bem tfeinen ©rab. 41 Sir aber freuen un$, 
bafj ber Soben, welcher folcbe ©räber birgt, wenigfteng nicht länger »om gluch 
unb »on ber Schanbe ber grembherrfchaft entweiht wirb. 


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165 


r • 

Sei» «an tat Sanbe »erblich von bet Gibt anbeuten will, ba| etrooi 
webt viel mertb fei, fo jagt man: ®ai gilt in SBanbibed. SEBoher biefe Sie« 
beniart ftammt, möchte fchwet ju ermitteln feiu; JEItalacbe aber ift, bafi von 
SBanbibed Singe auigegangen fmb, weiche noch je$t im ganjen Seutfdjlanb 
unb barübet hinaui gelten. 2)tit bem Samen SBanbibed ift bet bei SBanbi* 
bedet Solen unjertreuiilich vetbunben. ,Sai 93cftc, mai ich von neuern Scbrif» 
ten bet Gattung gelefen“, jagt Reibet in einem ©riefe aui bem 3abre 1771, 
„finb einige fliegenbe Siätter unb faji nur Dieiben von meinem greunbe Glau» 
biui, ohne ©elebtiamleit unb faft obne Inhalt, aber für geroiffe Silberfaiten 
bei ^etjeui, - bie fo feiten fo gerührt werten.“ üffienn ein gerbet Glaubiui 
feinen greunb nennt unb burcb ibn Saiten angeregt fübit, bie fonft nicht 
leicht 3«wanbera jugä »glich waren, fo muff bo<b toobi etwai mehr ali ©e« 
Wöb*fi<be£ int SBanbibeder Solen geftedt buben, unb biefer Meinung ift 
offenbat au<b bai beutfcbe Soll, tvelcbei feine Siebet bii auf ben heutigen 
Sag ßngL 

3nbe» mit bai ©tab Älopflodi veriajfen unb bai freunbiid&e SBanbibed 
in bet Stäbe von Hamburg befucben, veranla&t uni bie $ietät, an ben $ügel 
ju treten, nutet weichem bet Sote fein Subepläjcben gefunben bat. 6t 
ftöfet hart an bie Äircbbofimauer, unb einige vetmeltte flränje liegen barauf. 
Sai einfache Senimal trägt ben Samen bei Sicbteti unb ben Sibelfpruch: 
,SUfo bat ©ott bie SBelt geliebt, bafs er feinen eingebornen Sohn gab.* Gtmai 
enttäufcbt wenben mit uni ab. Ser, weicher uni in feinen Siebern fo unmit* 
teibar jum £erjen fpricbt, foü aui bem ©rabe nicht burcb Vermittlung einet 
mpflifcbtn Sentenj ju uni ttben. Sie 3ietbe SBanbibedi ift fein 2Baib — 
ein Ueberbteibfel bei alten Sacbfenwalbei, weicher fich mit feinen hoben 
Sichen unb Suchen ftunbenweit erftredt. 3r. einer Sichtung gewahren wir 
men »ooihewacbfeneu geliftein, in beffen glatte Seite fcbiicht unb recht bet 
Slame jBiattbiai Glaubiui gehauen ift, unb burcb ben SBalb ruft bie 
SBacbtcI ihr: Siebft bu mich'. Sa haben mit unfern Glaubiui wie mit uni 
ihn wünfcben. $ier bat «r gewanbeit, b‘« feine frifchen SEBeifen gelungen, 
hier am erften SRai füh gewäijt unb vot greube gejamhjt. 4>ier tönt uni 
fein Sieb ,3m Stabe )U fingen*: 

,2Beqn b»*t nur fahler Sobeu mär’, 

SBo jefct bie Säume ftebn, 

Sai mär’ ja hoch bei meinet Gbr’, 

3bt $etrn, nicht halb f» fcbön!* 

Set Gontraft gwifchen biefem SBalb» unb jenem Airöbbofibenlmai cbatal» 
terifirt bell SBibeefpruch, weichet leibet {wifcheu bem jungen unb bei» alten 
Glaubiui bcftebt. Set, weichet fo tinblicb froh in bie SBelt hinein lachte, bet 
verftedte Sitberfaiten in ben #etjen ju finben unb )u rühren wu|te, Vetfanf 
nach unb nach in $ietiimui, unb in ben lebten Sänben bei SBanbibeder 
Soten ertennt man ben Sichter bei Sheinweinliebei unb bei Siefen ©oiiath 
nicht wiebet. Sei ei brum; bort liegt bet $ietift begraben, hier lebt bet $oet. 



(öfterer tfl Ifingft oergcffen; Scheret ift jebem Seitlichen ein Srrunb nnb wirb 
e« bleiben. $ie 93ebeutung unfet« Glaubiu« in ber beutfeben Siteratur bat 
Berber in jenen {Borten trefflicb ge 3 eicbnet; e« wußte Achter fo wie er ben Üon 
ju treffen, welcher bie eiitfacbfteu, lieblicbften unb reinften Gmpftnbungett im 
$er 3 en wad> rief, fleiner rebete fo wie er 311 m {Belt in feiner eignen Sprache, 
in feiner eignen Sluffaffung«* unb 25enfweife, w&brenb er e« jugleicb hob, 
unb trofc be« QRangel« an ©elebrfamteit unb tiefem Inhalt felbft bem an« 
fpru<b«oollen ©elebrten wobl tbat. 

©iebt e« Wobl ein febönere« 5 tübling«lieb al« ba« „£cute will ich 
fröhlich, fröbli<b fein" ? bringt wobl irgenb ein Stinllieb mebr jum $erjen 
all ba« *2lm {Rhein, am {Rhein, ba waebfen unfre {Reben“ ? Unb lann 
wobl ber Uebcrmutb, welcher ftcb auf robe ©cwalt flößt, beißenber, toller, 
fcdec gegeißelt werben al« bureb ba« Sieb oom liefen ©oliatb, ber Anocben 
batte wie ein ©aul uitb eine freebe Stirn, unb ein erfebreettieb große« 9Raul, 
boeb nur ein Keine« $irn; ber3ebem einen {Rippenftoß gab, unb flunlerte unb 
groß praßlte ? Serfiubt e« einmal, einem SBramarba« unb Gifenfreffer, wäbrenb 
er im Pollen gluß ift, bied Sieb §u recitiren; er wirb ftcb befebämt au« bem 
Staube machen unb in Gurer ©egenwart nicht jum ^weiten 2Ral fknfern unb 
prahlen. SBer fühlt ftcb nicht eigentbflmltcb jauberbaft berührt bureb bie {Borte 
bc« abenbliebe«: 

25er SWonb ift aufgegangen, 

2 )ie golbnen Sterne prangen 
21 m $immel bell unb tlar. 

25er fflalb ift febwarj unb fdßweiget, 

Unb au« ben liefen fteiget 

25er weiße ÜRebel wunberbar. 

25ie SSaterlanbSlieber be« Sanierter {Boten ftnb nicht bie am wenigften 
gelungenen, prächtig ift ber beutfehe Jüngling, ben et filopftodK beutf<bem 
3Rdbcben an bie Seite gefteüt bat. 

3 cb bin ein beutfdjet Jüngling! 
flrau« ift mein $aar, breit meine IBruft. 

2Rein IBater war 

Gin braber SÄann. 3<b bin e« auch! 

3 <b bin ein beutfeher Jüngling. 

Seim fußen tarnen 2 taterlanb 
6 träubt ficb mein (raufe« #aar empor, 

Unb mein ©efiebt wirb feuerrotb. 

Unb bann ba« Sieb, welche« er fi<b am {Reujabr^morgen, „an einem (Sieb¬ 
baum bangen bleibenb*, bon SBraga juflüftern ließ, unb welche« beginnt: 

25er alten Farben Stoterlanb, 

2 )a« Saterlanb ber 2 reue, 

25id>, freie«, unbe 3 Wungne« Sanb, 

SBeibt IBraga hier auf« {Reue 



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Bur jfelbentugenb wieber tin, 

Bum Schube beiner Rotten. . 

SBit lieben beutfehe* grSblicbfem, 

Unb alte beutfebe Sitten. 

fflir {teilten oben ©btbe unb Älopftod einanber gegenüber. €3 müebte 
gewagt fein, auch ©ötbe unb GlaubiuS neben einanber gu nennen. Sennch 
gefebiebt bieS in einer fo betitelten 9tef(e;ion beS Seutfdjen 2ltufeum8 vom Bahre 
1777, welche wir hier einfdjaften, um no<b einmal jn geigen, wie wenig e£ bem 
SBanbäbedet IBoten, welcher übrigens lange nicht fo un gelehrt war wie er fi<h 
fteflte, unter feinen aufcrlefenften geitgenoffen an ffiertbfcbäbung unb Anet» 
tennung fehlte. 

„®ätft bu lieber bet Sonnenmann ober bet ©eweibte be$ SDtonbed ? 3» 

ewiger Urtraft flammt hoch bte Sonne unb weit jut Sbat um (ich her; bet 
Sltonb hämmert labenbe Muhe. SBerjebrenb in ber .Stäbe ift ihr geuer, bienbet 
fem ben ftarren S9lid unb bemüthigt ihn. Slber baS leife Sffiort be8 SMonbeä 
ift Sympathie; geheim ift feine aufridjtenbe Äraft, fo ein naher, ftider Sieber, 
bet grieben um fuh her verbreitet unb ©enufs in feinem ftiQen Dteiche. — Set 
3Ronb ift lieb; bie Sonne ift grob. Set SJtonb ift groß weil et lieb ift; bie 
Sonne ift lieb weil fte grob ift. — SBärft bu lieber ber Sonnenmann, ober 
bet ©eweibte be8 SWonbeä ? Söeibe ftnb bein ÜDleifterftfld, o ©ott !• 

Aber mit einem träftigen Jtlang wollen wir Abfchieb nehmen von Glau« 
bin«, unb banim mügen noch bie lebten Sßerfe von bem SBalbliebe folgen, beffen 
erfter oben angeführt würbe: 

fjoeb übt im Sopba ber SBarou, 

Ser Schwerer an bet Shür. 

Sie gürflen fißert auf bem Sbron, 

Unb Wir, wir fiben hin« 

Stuf blofset Grbe, feucht unb lalt, 

Unb wir, wir ftben hier, 

Unb freu’n un3 über biejen 9Balb, 

Unb banlen ©ott bafür. 


$a$ JFtUt öer Dfügptnaßüt. 

Son ®r.**<* 


SBenn bie Slaturwiffenföaften im Allgemeinen im Sauf unfeteb gahrhun* 
bertS wahrhaft tiefige gortfehritte gemacht haben, fo läßt feeb ein ©leicheü von 
ber eigentlichen ^eilwiffenfchaft wohl taum behaupten. Sie größten Aaturfor* 
{eher früherer Beite» würben heut }u Sage fein einfaches Schulefamen in 
ihren entfptechenben gächern |u beftehen im Stanbe fein; wenn aber ein be» 



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rfihmter SIrjt, ber feit hunbert uub mehr 3öhten begrabe« Hegt, attferitänbe, fo 
müroe er möglicherroeife in ber SQebanblung «iiveÄ flranfen ebenfo glüdli# fein, 
mie ber gelcbrtefte Slrgt ber ©egenmart. ffiir habe* in ber ci#tigen Grlenntnijj 
ber ärantyeiten unb ber Aunft, fie gu oerbitten, «ubewtbentli#e gortfc^ritte 
gemacht, — in ber, fte gu heilen, finb mir perhältuijimäfjig nur um ein 
©eringe« Porroärt« gefontmen. 

SEBa« bie legitime 2Biffenf#aft nicht gu leiften pernuxhte, ba« hat bie Empirie 
unb ba« Sfperiment gu leiften perfucfct. 3« ber erften £älftc unfern 3ahr- 
hunbert« rmb bie £eilmethoben unb £eifoerfahren mit $Uge au« ber ©rbe 
gema#fen; mer irgenb nicht« Veffere« gu thuumufcH, ber fann fi# eine 3 m 
au«, mie er ba« mahre Seben«elif tr gufammenfeben unb ber 2Jleif#heit f#on 
bieniepen gur Unjterbli#leit uerbelfen lönne. Stobti hatten aber bie jtranlbei» 
ten nach mie Por ihren Sauf unb bie ^obteugrdber mürben feme*»eg0 an&er 
Nahrung gefegt. 3)a& tiefe beiOofe glu# ber $eilfpfteme im Sauf ber lepte* 
25 3<#re nterfli# abgenommen bat, ift ba* befte Seiten, ba| mir <*bK# auf 
bemrechten SBege ftnb, eine mtrHi#e $ eil» if fenf#aftuufguhauen. 

Unter bem Pielen Unfutn, ffiiberfmn ober geringen Sinn, ben jene äXaftb* 
heit«begluder gu Sage gefj&rbert, befanbeit fi<h nun atterbing* einzelne (Selb« 
törner, bie, anfänglich noch Pon piekn Schladen umgeben, na# unb na# bo# 
gu Sage traten unb in ihrem »ollen ©er# eclannt mürben, ®te fd#ebetm#tm 
mir baiiptjäcblich bie ©affet* unb bie Ve»egung«bettmetbohe, 5Der Ämßanb, 
ba& beibe nicht oon miffenfchaftli# gehüteten 2ler$ten, fonbern rm i#(i#ten 
SWäitnern au« bem Volte erfunben mürben, bie ihren merthppttein Sunb Anfang« 
mit atterlei ungehörigem Vattaft bef#merten, mar ber Verbreitung tiefer £eil* 
fpfteme lange 3ahre binbut# hinberii#, ja felbjt heut gu tage no# fehlt e« 
ni#t an Siebten unb SRi#tärgten, bie ft# ihrer Vbrurtbeile gegen biefelben 
ni#t gang gu entf#lagen oermbgen. öuadfatber uno Ignoranten nahmen bie 
Sa#e in bie $anb unb verfielen natürfi# fofort ber ffinjeitigteit unb lieber* 
treibung al« unoermeifcli#fin golgen ber ttntennti#, unb ihr gemiffenlofe« 
Treiben trug glei#fall« oiel baju tri, bie an unb ffit ft# gute 6a#e bei 
bem bentenben Vublitum in SJ^crebit gu bringen, (Srft na# langer 3üt, man 
fann fagen erft mdhrenb ber lepten beiten 3abogfbute, nahm ft# bie ©iffen« 
f#aft ber genannten beiten 2Re#oben an, mie« bie fficrlfamteit ihrer Verfab- 
rung«meifen au« phpftologifoe ng te f c flew na#, ftettte bie Hngei#en unb farmen 
ihre« @ebrau#e« feft — mit (Sinem ©oct: fonberte ben ©eigen pon ber Spreu 
unb gab un« rationelle ©pfteme ftatt he* bfs^etfgen ^pmmentiren« unb ©e- 
fafet« in 9 « Vlaue. 

©afferheiltunft unb ^tlgpmncrflttftnb heut gu Säge fo giemli# al« legi* 
time ®wu#m ber mebijtitifcben 9Btffenf#aft anerfannt, unb etn mitfli# gcbiU 
betrr, oprurtbeildfreier »rgt fann fci#t umhin, Pon Ihnen Stetig gu nehmen, #re 
Sehren in ferner 5ßra$i« gut Änmettbmtg gu bringen. Stcrtörfi# finb beite 
SpfUme ni#t im Stanbe gemefen, mie febe* betfefben ft# aivfatrg« vermalt, 
hin gangen bt*h» gehcftu#R#en $eilappatat unb alle anteren Jftmnefhobcu in 


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bic SutnpeBammer ju werfen ; aber Re baßen bo#ba« große Wexbienjt, montbe* 
jweifelßafte SWittel burcß ein fiebere« erfeßt nnb manche bi* baßin fö?unheilbar 
gehaltene Arantbeit in bie Seihe btt heilbaren verfeßt gn haben. 3Sielltkbt Hegt 
aber ihr allergrößter Süßen barin, bie SKenfcßen gut ©mfachheit unb SBiUenS» 
traft 3urßd}uf&hren unb fomit ben Alanten nußt nur gu heilen, fonbem muß 
ihm jur Selbftfenntniß gu verhelfen, ihn ßrpcritcb unb geiftög ju twrebefn unb 
baburch jur (SrfäHung feines irbifihen Beruf« gefehlter gu machen. 

Sie 4)ci(ghmnaftit, bereu gelb mir hier etwa* näher unterfuiheu »ollen, 
güt gemöhnlidß für eine Srfinbung be« Schweben Sing. Slan thut btm -guten 
Staune bamit ju viel @hte an, ben« bie ^bee ift eigentBcß «mit wnb cßuKbette 
von Stuten vor ihm haben fich fcßon gang in berfelbtn tBeife mie er über ben 
Süßen auSgefprocßen, ben gpmnaftifcbe Uebungtn unb SluStelbeweguitgen für 
bie Teilung von Aruntheilen haben mögen. Socß bemalten Schweben gebebt 
ba« große Berbienft, bie längft betannte 3bee weiter «uSgebifoet, ein reitbe« 
neue* STOatetta! hetbeigefcßafft unb baffelbe in flherfi^tlWber ®eife georbnet gu 
haben, fo baß bie praftifcße Snwenbung nun ungleich weniger 6#wierigtehen 
verurfcnhte. 2Die tßrießniß war er ein Staun ber Sßat, em raftlofer Mgitator 
für feine 2fbee, ber fuß mitunter bi« jum ganatiömu« verflieg. Süwr gerabe 
eine fofche Statur war erforberheb, um bie Sache -enbfkb einmal in Sang $u 
bringen unb bie Schläfrigen au« ihre* bef&tulicßen Stube aufjuriMteln. 6r 
verftanb eö, ißtopaganba ju machen unb fieß Stränget }u vetfihaffen. 3« 
gefchtoffenen Solennen, wie einftmaiö bie flrenggläiihigen Sruppen ©ufta» 
Sboifö, brangen von Sorben her bie in verba magistri RhWärettbe* £efl« 
ghmnaftifer in Seutfcßlanb ein unb eroberten ftch gemattfam einen Boben, ber 
ißnen ßartnädig genug fireitig gemacht wurbeu«bßmnSheiluoth fireiliggema<ht 
Wirb. Sie Sergte hiidten mit tSrftaunen auf bie neue Sehre ; viele betämpften 
fit unb mochten, afS einer geßaMofen Senenmg, fidj nWßt mh ißt befaffen; 
attbete — unb jwar bte wchfiebtigeten — unterjogen fi$ bet SDtflh* ein« Btü* 
fung,. faßten ba« ißnen ©utbüntenbe auf unb bilbeten eö weiter aus. So 
entftanb ober entließt vielmehr eine rationelle Ainefiatrit, Me fuß ihrer weiter 
Vvrgefchrittenen Scßwefter, bet $pbtiatri!, immerhin ftßen ebenbürtig geigt. 
Sa« große Bttbfifum fteifith fteßt gn berfetben noch in feßt unfitßerer 50ejpe* 
ßung unb lann fuß auch hei ben Serjten nicht immer Sath* erholen, ba viele 
nicht« bavon miffen unb anbtre uich» baoon miffen wollen; in bent ihm 
cigentbüinlicben Siißtrauen, welche« ficß, ticmtentRch hier ju Sanbe, meift immer 
an bet Unrechten Stelle äußert, hält eS oft für Bentriföneiberei unb $Hmbiig, 
wa« boeß wiffenfchaftliche Sßatfaeßeijt. ß« ift baßer ba« Xßema btt ®eifgpm» 
naftit fußet ein folcßeS, beffen populäre Beßanbluag in einem ber öffentlichen 
Bnterhaittmg unb Belehrung gerorbmeten Organ leinet weheren Secßt« 
fettigung hebatf. 

Sagt man von einem Stenfchen, baß er gefunb fei, fo bebeutet ba« wärt« 
Hnberts, als betß biefäntmtlicßen Organe ferne« Körper« in regelmäßiger ffieffe 


fungiren, bdß ß$ in feinem gefammten Organismus uhgenb« eine Störung 


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ober Stocfitng bemetflicb macht. Stur eilt na<b aden ^Richtungen gleicbmäbig 
auSgebdbeter Körper ift oöüig gefunb; bleibt irgenb eine förperlicbe Är«ft ober 
förperlicbe Verrichtung unauägebilbet, aubet Sbätigfeit, ober wirb fie nur feiten 
in Sfnfprudj genommen, fo tritt aümälig ein letale^ Seiben cm, melcbeS im Verlauf 
ber Seit ben ganjen Körper mehr ober meniger in ÜRitlcibenfchaft ziehen mirb. 
2lm bäuftgftcn erfahren eine fol<be mangelhafte SluSbilDung bie VemegungSorgane. 
be$ Körpers, im ©egenfap ju ben Senf* unb EmpfiubimgSorganen. 2Ber bei 
bent SBorte „VeroegungSorgane" lebiglicb an bie Ortvberoegungen, bie meeba» 
nifeben Verrichtungen ber £änbe unb gübe benft, — ma3 bei ber dRcbrjabl ber 
Saien ber gall fein bfirfte — bem merben bie golgen einer folcben mangeU 
haften SluSbilbung laum als befonberS toiebtig erfebeinen, unb obfebon ficb 
toobl fo ziemlich ein geber bemüht ift, bab feine ©lieber bureb firaft, Uebuitg 
unb SluSbauer an ©efcbidlicbfeit gewinnen, fo halten bo<b bie UJtciften fol(be 
Vorzüge nicht für toiebtig genug, um 311 ihrer Erlangung in ihrem einfeitigen 
VerufS«, ErmerfcS* unb ©etrupleben toefentlicbe Slenberungen ober Vefcbrän* 
tungen eintreten §u laffen. 

Slbet fo getoib bie ermähnten Vorzüge bureb fpftematifebe SRuSfeltbätig« 
feit erlangt merben fönnen unb fo entfliehen baS Streben banach nicht bloS 
eine grage ber perfönlieben fiiebbaberei, fonbern ein Ergcbnib beS Sßflubtge* 
fübtö bei jebem dJtenfcben fein follte, fo fmb fie boeh nicht ber einige ©eminn, 
ben bie pflege be$ SBuSfeflebenS gemährt, ebenfo menig als bie VtuSfeln bloS 
in OrtSbemegung unb ^anbarbeiten ihre Aufgabe erfüllen, Es giebt oiclmebr 
gar fein Organ unb feine Verrichtung im Körper, welche auf>cr adern 3ufam* 
menhang mit ber SMuSfeltbätigfeit ftänbe. Vor 2lüem ift bie Emulation unb 
Vlutbilbung, momit ber ^Ubemprozeb in tauigem 3afammenhang ftebt, unb 
meiterhin bie Ernährung unb gunltion ber Organe, in ber grölen Slbbängig- 
feit baoon, unb eS lägt ftch fomit fchon Pornmeg annehmen, bah baS 2Ru$lel* 
leben als einer ber michtidften gactoren ber ©efunbheit beS SWenfcben fleh 
ermeifen müffe. 

Sie Erfahrung betätigt biefe Annahme oodfommen. ©I ftänbe rnobl 
um ein gutes Sbeil beffer, als e$ jept ber gad ift, um bie ©eltung unb dRadji 
ber $eilmiffenfchaft, menn mir in aden firanlbeiten fo fkber auf bie Utfacbe 
jurüdgreifen unb bureb Entfernung berfelben bie Äranfbeit heben fönnten, mie 
bie* in ben bur$ totalen unb tbeilmeifen VemegungSmangel berporgerufenen 
franthaften Verdnberungen ber gad ift. 

SRacbbem man einmal biefe Erfahrung gemacht hatte — unb fie ift im 
©runbe fchon eine peinlich alte — erfebeint eS munberbar, baft man nicht febon 
Iängft auf eine fpftematifebe Vermenbung ber 2)luSfeltbät»gfeii zum 3»*de beS 
feilen» oon Äranfheiten geführt mürbe, gredich ift eS fchon eine fehr alte 
Vrajis, bab man bei gemiffen ebronifeben flranfheiten, bie als golge einer 
fipenben SebenSmeife, eines auffadenben dRangelS an fötperlicher Uebung auf* 
treten, Spazierengehen, gubreifen, namentlich auch ©arten« unb gclbarbeit, 
£olzfpalten unb begleichen empfahl; adein man erreichte bamit gar manchmal 

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nicbt ben ermfinfebten %md, ja mußte mobl gar mitunter (eben, baß flatt einer 
Söefferung, offenbare SBericblimmerung beg ^eibeng eintrat, ober baß ftcb nun in 
golge ber ungemebnten Slnitrengung anberroeitige ©efebmerben einftedten. Sie 
lonnte bag gegeben ? Hatte man ficb in ber 2lrt unb Seife ber flranfbeit geint 
unb mar oermebrte förperlicbc 33emegung überbauet nicht am $pia|e ? Äeineg« 
megg; eg mar nur bie fpcgiclle Slrt ber Bewegung, bie gerabe für biefen SaU ni<bt 
paßte. 5ingelne SMugfeln beg leibenben Äörpertbeilg mürben ftdrter in Sin« 
fprueb genommen;^ alg eg gefebeben follte, anbererfeits aber eine 4 $roße 
Weibe non SWuglelgruppen gar nicht in dbätigfeit gefegt. SWan mag fi<b jum 
©cifpiel bie Seine mübe laufen ober burd) ©raben, $ol£baden nnb bergleieben 
bi§ gur völligen ©rfcböpfung anftrengen, ohne babureb auf bie aRugfelgruppcn 
beg Sniftfafteng, beten $bätigteit auf gemiffe Sruftleibe« non febr beilfamem 
©nfluß fein mürbe, irgenb melcbe Sirtung gu äußern., 2Ran lam niebt auf 
ben glüeilicben ©ebanlen, bie Semegung in gleicher SBeife ju fpecialiftren unb 
in Qualität unb Quantität bem oorliegenben gade anjupajfen, mie man eg feit 
unbentltehen Qtiltn bei anberen Mebfcamenten für nötbig erachtet batte. der* 
felbe Slrgt, ber mit Wecbt denjenigen für einen gefährlichen Qualfalber erllären 
müroe, ber fich beifommen liebe, bei jebem beliebigen Wetbcnleiben ohne Sei« 
tereg Opium in ftärlfter ©abe gu Perorbnen, nahm feinerfeitg piedeiebt nicht 
ben minbeften Slnftoß, einem Sruftleibenben gelbarbeit ober ermübenbeg Spa« 
)ierengeben anguratben. Seit man gur ©rlenntniß gelangt, baß bie bet allen 
anberen Heilmitteln geltenben ©runbfäße auch auf bie ©pmnaftif angemenbet 
merben muffen, infofern biefelbe gut Sefeitigung pon ßrantbeiten bienlieb 
fein fofl, bat man erft ihre überrafebenbe Heillraft lennen unb febäßen lernen. 

die rtabeaegenbfte änmenbung ber ©pmnaftil in ber Heilmiffenfebaft, 
bie ftcb benn auch in ber &bat guerft Sahn brach unb an beren 3m«dntäßigfeit' 
beut gu Sage mobl fo leicht Wicmanb mehr gmeifelt, mar bie gegen äußere 
gormperänberungen beg Äötpetg, ©lieber«SerlrÜmmungen, 
Serlürgungen, Sermacbfungen «nb mie alle bie perfebiebenen ßntftedungen 
beißen mögen, benen ber nach göttlichem (SbenbUbe gefebaffene, Pon feinem 
Seppet aber leinet oft fcbmäblicb Pernacbläffigte unb mißbanbelte menfcblicbe 
.fiörper untermorfen ift. 

$)ie äußere gorm beg SWenfcben ift in ber Hcmptfacbe baö Grgebniß ber 
Stnorbnung unb ©ntmidlung beg finoeben* unb SRuglelfpftemg, unb mirb beim 
©efunben nur einigermaßen mobificirt bunb mehr ober minber lebengträftigeö 
Stropen ber ©emebe, bureb größere ober geringere gettablagerung. Sig gu 
gemijfem ©rabe ift freilich bie ©eftaft bureb erbliche Stofage unb allerlei äußere 
SBerbättniffe bebingt« Sieb um einen guß größer ober Heiner gu machen, eine 
lurge, unterfeßte ©eftalt in eine hohe, febfante gu oermanbeln, ift ein ding ber 
Unmöglicbfeit; gleidjmobl ftnb bie ©rengen, innerhalb melcber bie inbipibueHe 
Geftaliung ihren Verlauf nehmen lann, fo meit gefiedt, baß e$ ber noch in 
Scubötbum nnb Sfagbitbung begriffene SWenfcb in ben meiften gälten Pödig in 
feiner ©emalt bat, ob Gbenmaß ber ©lieber unb adfeitige ©raucbbarleit, alfo 
Schönheit, feine ©erfon für’« £eb*n gieren fod ober niebt. 


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172 



SBelchen auberorbentKchen ©influb $hätfgteit unb Bewegung 'auf Die Qnt* 
wicfelung einzelner AörperthcUe ändern, ift aübelannt. Stan vergleiche nur 
Die £anb etneg Säjmiebg obet fonjtigen rüfttgen Arbeiters mit ber einer net« 
weicbltchten, in 2ujug unb Sicbtgtbun aufgemachfenen 2)ame. Sogar bie 
©ntmidelung ber Anoden unb ihrer Serbinbungen wirb bureb $hätigteit geför* 
betf, wie bieg bie ganj gewöhnliche Grfcheinung bemeipt, bafj bie rechte £anb 
bre'jter unb fernlger ift alg bie linfe, wag Och felbft noch am Anochenftelett leicht 
i erfcnycn lägt* 2Bie üppig ficb ba£ Stugtclfleifch Durch Uebung unb Shätigfeü 
eiumidelt unb wie babur<b bie äußeren Umriffe ber menfchlichen ©eOalt eine 
totale Seränberung erfahren, mar fdjon Den alten ©riechen jur ©enüge be* 
taunt, Denn ihren §erfule« ftatteten Oe mit einer wahrhaft rieOgen Stuglulatur 
aus, wäbrenb Oe bem in (über Suhe auf* feinem Sonnenmagen bingegofjcnen, 
nur ben febönen Äünfien obliegenben Spoüo weiche, fchmeljenbe, faft weibliche 
gönnen verliehen. 

Soch mehr old bie (Jntwidclung ber einjelnen^heite beg Änochen* unb 
■Kugtelfpftemg ift für bie Rottung unb feeOalt beg Äörperö bie Dichtung 
nta&gebenb, in welcher ficb jene Jbcite De« Slelcttg mit einanber verbinben. 
5)iefe Sichtung hängt, angeborene ober bur$ Seriebungen erlittene $cformi« 
täten abgerechnet, mefentlicb von bem 3uge ab, welchen bie an ben betreffenben 
Anodhentheilen befeftigten 3Äu3teln auSüben. 

©ine allgemeine Bewertung Drängt fith hier gundc^ft bem Beobachter mit 
grober Segflmgbigteit auf: je mehr bie blofje Ginmirfung ber Schwertraft be* 
fchräutt ift, je mehr ber Sille Durch Sermittelung ber Stugfeln feinen Ginflub 
auf bie Haltung unb bie Bewegungen geltenb macht, befto ftraffer, ficherer unb 
grajiöfer werben biefeiben fein, 2Bo bie Mittung ber Schwere weniger burch 
«bie Stugtcln in S$ran!en gehalten wirb, ba wölbt 0<h ber Süden mehr unb 
mehr, ber <§ald unb bte Schultern fchieben fr<h vor, bie Bruft wirb flacher unb 
alle lörperlichen Bewegungen nehmen jenen ©haratter ber Schlaffheit unb 
©digteit, jenen Stängel an Slaftijität an, wÄurch namentlich gerate unfere 
ameritanifebe 3ugenb in fo täglicher 3Beife entftellt wirb. ÜJtan betrachte hier 
bie jungen Se.ute im Slter von vierzehn big jmanjig fahren. Unter 3eh*t 
wirb man taum (Einen pnDen, ber eine felbftbemubte männliche Haltung $ur 
Schau trägt. Slit einwärts gebogenen, fchlottrigen Anieen fchlenbern Oe flach* 
läfftg umher; bie flache Bruft, bag Sorftehen von $a(g unb Schultern giebt 
ihnen oft fchou bann bag Snfehen Schminbfü#tiger in vorgerüeftem Stabiunt, 
wenn bie AraufhtU noch gar nicht vorhanben ift. Beim weiblichen ©efchlecht 
thut bie $iteU*it bag Sh^ge, um ihm eine beffere Haltung beijubtingen. $ie 
Solge bgvon ift eine im SUlgemtmen glüdlichere unb gefälligere törperliche ©nt« 
midelung, bie gewib noch einen weit höheren ©rab erreichte, wenn hier nicht 
mteber anbere Schäblichteiten ing Spiet täufen, welche Oe beeinträchtigen. 

Bittet 0$ jene fchlechte förderliche Haltung weiter aui, unb tommt baju 
eine votmiegenbe ScriiacbläfOgung einer Seite, fo fehen wir aflraälig bie feit« 
liehe Südgratgvertrümmunn entftehen. 

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Setm biefer fcwgticb burth Den Sewegunggappatot her* 

oorfcru enen Serfrüimrniug (muftluläreri Stoliofe) toixkn bie SWudteln 
in hoppeltet Seife ein. Serben bie Siebet bäuRg, 3 . $. b«ch gewobnbeitS* 
mäbigeit Gebrauch eine« 2 lrme$, in einer unb berjelben Achtung geltüramt, fa 
erlangen aüntälig bie Sänber unb bie 3 to*Rbtnmirbelf<beihen auf ber ronoejen 
Seite eine'gröbere SDehnbarteit unb x«eßcid?t fogar eine bcbcidenbere Sänge, 
dl« bte auf ber concaoen, werben alfo auf Jener Seite bie Siebet weniger [traft 
aneinanber haltert, unb 4 wirb fo, unter ÜÄitwirtung ber fcetreffenben, ihren 
Sntaganiften gegenüber burch bie häufigere 2hätigteil geRärlten 2Jtu$leln, bie 
häufig wicberholte Stellung ber fraglichen Sirbel ju einanber in eine bautrnbe 
übergehen. Senn audj bann noch burch bie Jlunft feine Studgleidhung herbei« 
geführt wirb, fo werben bie Sirbelfötper unb SBaubfcheiben ber concaoen Seite 
in gdge be$ bort einwirtenben ftärteren kniete« weniger ernährt werben unb 
ailmrlig an £öhe abnehmen. 3)te auf biete Seife bewirfte Sttifrgeftaltung 
wirb baburch noch bermehrt, ba& in golge befonperer mechanifcher Scrhältniffe 
bie Sirbelföflwr noch weiter feitlich au»wei<hen, alä bie an ihnen R<h hinten 
anfefcenben Sirbelbägen, ba| forait bie Sirbelfäule eine Drehung uw ihre 
2 äng$g<hfe bomimmt, welcher bie an ihr befeftigten Rippen unb bie auf btefen 
aufliegenben S<huüer,b(dtter natürlich folgen muffen. $iefe Ungleichheit ber 
Schulterblätter ift gewöhnlich ba3 juerft bemerlte Symptom ber beginneitben 
Stoliofe. 

S)er Uebergang ber }eitwetfen in eine anhattenbe 9Cu£hiegung wirb noch 
baburch bejcWeunigt, baß bte SWuäleln, welche in golge häufigerer Shätigleit 
ftärter ernährt unb umfangreicher, erffo träftiger geworben finb, nun auch bann, 
wenn hie gleichnamigen ber anberen Seite mit ihnen tu Sthätigleit gefept wer« 
beit, hoch einen Rärfcren äug au^üben unb auch in ber fyit ber SRuhe Permöge 
ber elaftifchex Spannung fortwähreub fchäblich einmirfen. 2)ie[et etnfeitig ' 
überwiegenbe 50tn«fel3ug unb bie Schwere ber auf ber Sirbelfäule ruhenben 
Hörpertheile ftnb e$, welche eine ftete Serfdjlimmening einmal beftehenber Ser* 
frümmnngen bewirten, wenn nicht Iräftig bagegen cingeföritten wirb. @3 ift 
ein oerbetblfter Sahn, bem Reh forglofe dltern fo gern überlaffcn, bajj eine 
beginnenbe SRüdgratgoerlrüramung ihrer itinber Reh au$roachfen werbe. Son 
ber 3*it iR bei btefem Uebel nicht* ju erwarten, Re wirb e$ nur berfchlimmem. 

Selche SDlittel ju ergreifen pnb, um berartige, burch SWuMeljug heroor* 
gerufene aKifehifbuwö«« ber Sirbeliäule ju befeu*gcn, lehrt un* bie Sefdjrei* 
bung ihrer <Sntftchung3weiie; man hat bie Goncaoität ber Sirbelfäulenfrüm* 
mung jn lüften, alfo bie Sirbelfäule $u ftreden unb bie oernachläfRgten unb 
fchwächer gebliebenen 2 ttu*felportionen $u üben unb }u häftigen. 2 )a$ ( 5 rfte 
allein wirb niemals jutn 3 i*U führen, ba* Untere allein langfam unb 
unooHftänbig. $>enn wenn man, wie man e$ früher in ben ortbopäbifchen 
^nftituten tbat, burch $ru & unb 3 ng bie Krümmung au#$ugleuhen fraht, fo 
wirb man aßerbingft eine Soderung ber oerffirjten ©anboerbmbungen erreichen 
unb ben Srud'auf bie in ber Goncaoität Itegenbe £älfte bet Sirbel aufheben; 



174 


5 

wdhtenb bet Stauet bet Sehanblung abet »erben SJludletn unb Schwere immer 
wieber in bet Wichtung bet SchäbllchKeit wirten unb ben etwa erreichten Stuben 
aufbeben. (Ed muffen habet biefe Urfachen befeitigt werben, S)ie Schwere 
wirb theild burch horijontale Sagerung bed Patienten in ihrer fchäblichen (Ein# 
wirtung aufgehoben, theild burch Unterftüpung bed Obertörperd in bet Wrt, 
baj$ man einen Sheil bet Saft non bet SBirbelfäuIe auf bie $&fteu überträgt, 
befchräntt, theild enblicb, wad aflerbingd in bem gewöhnlich angewanbten 
Strcdpang nur nor&bergebenb, unb für längere 3*it blöd in bet Äunbe’fcben 
©ehmafdjine möglich ift, bei hoch Pfirtem Dbertörpet felbft jut Sludglcichung 
ber firümmung nerwenbet. 

S)ie mefentlichfte Wolle bei bet Teilung bet Wüdgratdbertrümmung haben 
iitgwifchen bie Wtudteln gu fpielen, bie Uebeltbäter, bie ben ganjen Schaben 
angerichtet. S)ie in bet (Ernährung benötigten unb bähet Kräftiget unb lürger 
gefpannten Wtudteln audfchlieplich ju fdhwächen, pnb wir leibet ni$t im Stanbe; 
ed bleibr und bähet nur übrig, bie einfeitig nernachläffigten unb gurüdgeblie# 
benen WiudKeln gu ftärlen. Wbet felbft wenn wir bie ÜEBahl hat en, mühten 
wir ben lepteren 2Beg wählen, weil nur fo eine Sürgfcpaft für bie Stauer bet 
Teilung erlangt unb bem Körper gugleidp ein 3uwad}d an Seiftungd« unb 2Bi# 
berftanbdfähigfeit gebracht wirb. 

S)ie fragliche Stärtung bet fchwachen unb gu nachgiebigen SWudteln er# 
langen wir burch gpmnaftifche Uebungen, welche natürlich forgfältig audgu# 
wählen unb bem inbinibuellen galle angupaffen pnb. 2luf biefem 2Bege wirb 
man feht. halb bahin lommen, bie bidher fchwächeren, alfo gebehnteren SWud« 
fein gegen bie bertürgten in’d Uebergewicht ju fepen; hoch barf man nicht »er# 
geffen, ba& bet ffiiberftanb bet Septeren mit bet Spannung wäcbft, unb bah 
mau bähet ein genügeitbed Wefultat nur bann erlangen tann, wenn man bie 
Uebungen bet (Erfteren mit grö&ter Wudbauer fo lange fortfept, ald fleh noch ein 
(Erfolg beobachten läfct. 3)ie ©renge ber #eilbarteit wirb burch bie Änocfcen 
. flejept, welche ft<h gwar in ihrer SBerbilbung hemmen, abet nach unferet bidhe# 
rigen (Erfahrung fich aud einet einmal angenommenen abnormen gorm nicht 
wieber m bie utfptüngliche gurüdführen taffen. 3)ie ^eilaufgabe ift bähet bet 
weit oorgefchtittenen, ueralteten Sectrümmungen, wo bie Seweglichleit bereitd 
oerloien gegangen ift, lebiglich bie Verhütung einet noch immer fortfdjreitenben 
93erfchltmmerung, unb gugleich Werbejferung ber räumlichen 93erhältnij]e für bie 
inneren Organe, baburep abet Schup bet ©efunbpeit gegen bie fchäblichen goU 
gen unb Seiben, welche bad gormübet fpätet unausbleiblich nach p<h liehen 
mühte. 

Sta bei SBethätigung bet erfchlaffteu, „retafirten" SDfuSfcln gewöhnlich 
gugleich auch eine Wudgleicpung bet Krümmung unb eine Dehnung ber oer« 
türgten Söäitber erfolgt, fo Könnte man geneigt fein, bie Teilung allein burch 
gpntnaftifche Uebungen bewertftelligen gu wollen, eine 2lnp<ht, welche bet be# 
Kannte Anhänger bed fchwebifchen Spftenö, 3)t. Reumann in Berlin, eine 3eit 
lang lebhaft vertreten hat. gn bet Thal wirb man bei leichteren unb im 23e* 
ginn ber (Entwidelung ftehenbeit SJerfrümmungen auf biefem ffiege feinen 
3wed erreichen. (Ed ift eine foldje SBirtiamfeit aber nicht etwa eine fpcjipfche 
(Eigentbümlkhfeit bed fiwebifeben Spftemd, fonbetn Kommt auch ben paffenb 
gewählten unb moöipcirten beutfehen Turnübungen gu f wie in bet That g. *8. 
Scbrebet in Setpgig lange not Reumann leichte SKoliojen blöd auh biefem 2ßege 
geheilt hat. (Schlup folgt.) 



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fl 


Uctö-^orkcr CJorrcfponöcnj. 

Aem«f)orf, im Qanuar. $aS neue 3ah* beginnt mit vergebenen 
$i$hnrmonieen. Unter ben Verehrern beS „freiest Sonntags* bereit Reuten 
unb 3ähnefnirf<hen, 2Buth unb SSergroeiflung, benn baS gegen ibn gerichtete 
©efeft ift vom haften Bericht beS Staates für fonftitutümeU erttärt morben 
unb mirb in 3olge beffen bis auf ffieitereS mieber mit brafonifcher Strenge 
burchgeführt. fflir bemitleioen 3)ie, mclche an einem ber Sage in ber SBoche 
bagu vernrtheilt ftnb, ihren 2)urft an einem anbem als bem gemahnten Orte 
SU löfeben, moflen aber, ba eS an Samentationen obncbieS fchon nicht fehlt, hier 
fein Älage* unb Aalbelieb anftintmen. Auch an fonftigen 2)tjfonangen hnt eS 
nicht gefehlt. ftkfanntlicb ift bie Stabt auf ber 3)tanhattan*3nfel ein giemlicb 
anfebnlicbeS Gtabliffement. An *©r5§e unb Aeicbtbum, an Unternehmung^« 
geift unb Ausbreitung beS SetfebrS, an Fracht ber Gebäuoe unb SWannigfal« 
tigteit beS SebenSgenuffcS fteht fte menigen nach, unb mit Stolj nennt fte ftch 
bie Metropole einer SEBctU Unb nun bente man fich, mie bie neuermäblten 
Aäter unb Vermalter biefeS mobernen 33abplon, biefeS ameritanifeben $aris 
ober Sonbon, in ihrer erften SabreSfibung fich nicht etma in guten Sorfäften 
ob ber ©röfec unb SBerantmortlichfeit ihrer hohen Aufgabe überbieten, fonbern 
einanber bmbftäblich in bie $aare geratben. (Sin ebremvertbeS beutfcbeS Atit« 
glieb nennt ben Sßräfibenten beS GoHegiumS einen Schuft unb IBerrätbcr 
unb mirft ihm baS Sintenfafi an ben Äopf. $er $rä)lbent bat fich für alle 
gdlle oorgefehen, giebt einen Aevolver unb mirb am Abfcuem beffelben butfeh 
Anbere, bie ihm in bie Arme fallen, verbinbert. @3 entfteht eine allgemeine 
Seilerei, unb bie ^oligei ift fo vernünftig, fomohl ben ^räftoenten, mie ben 
£intenfa&«Scbleuberer gu verhaften unb vor ben ■äJtapor §u führen, melcher 
ihnen baS nicht gang Sßajfenbe ihres ©enebmenS Vorhalt unb fte gegen ihr 
Gbrenmort, fich lünftig mit mehr ftabtvdterlicher SBürbe gu benehmen, 
mieber entläßt Gleichseitig bebütiren neu gemäblte Vertreter beS groben, 
reichen, febönen, mächtigen Aem*?)orf als Gefepgeber in Albanp. Sie beneh* 
men ftd) fo, bah bie eignen ©arteigenoffen ftch ihrer fchdmen unb Aiemanb in 
ihrer Aäbe ft(en mag. Sie mollen ftch hervorthun, uno [teilen Anträge, melche 
eine fo voöftdnbige Unlenntnijj parlamentarifcher Aegeln, einen folchen Alangel 
au Sogit verrathen unb überbieS in fo fouberbarer Spache vorgebracht merben, 
bafj fte allgemeines Gelächter erregen. Giner von biefen Gblen beantragt, 
bab eine Abftimmung vice versa, ftatt triva voce, vorgenommen rnerbe. 
So nehmen ftch bie Grmdblten ber ameritanifchen Metropole aus, unb fo be« 
ginnen biefelben baS 3ahr 1867. 2Jtu& man fich ba nicht munbern, bab eine 
folc&e Gommüne nicht nur eyiftiren, fonbern auch emporblühen tann, bab in 
ihrem Bereich nicht Ades gu Grunoe geht unb noch irgenb 3emanb feines 
SebenS unb GigentbumS ficher ift? 2Btc brauchen nur barauf bingumeifen, 
bab einer ber Vertreter Aem«2)ortS für ben ndchften Gongreb feit feiner Gr« * 



wdblung wieberum, wie fcbon perfchiebene ©täte jittwr, eines gemeinen, zucbt« 
bauifoürbtgen Berbrecheni angetfagtift, unb nurbeShatb n?a^rfc^cinlic& ftraflc* 
auigeben wirb, weil 2)ie,bon weiten bie Geftaltung feines ScbidfalS abbängt, 
nicht beffet flnb a($ er fe&fl, um bte Behauptung §u rechtfertigen, bah nur bte 
Gemeinheit unb ftttlicfce Berwprfenheit in Bew*?)ocf Stowartfchaft auf amtliche 
(Ihren unb ©Bürben eröffnet* 9iauf* unb Xrunfenbolbe, Spieler, gdlfcber unb 
StrauchbieBe uettceten unb berroalten eine Stabt, an beren Gebeiben zwei 
SBelttheöe interejftrt finb. gent fei ei non mir, bie bon ben Befffrn ruhig 
gebulbete Böbelhecrfchaft in Schuh §u nehmen. 3)ie, ben wetten fle ausgeht, 
finb nicht mehr fthnlbig, als 5Die, welche ihr nicht entgegentreten. 2)aft bie 
Stabt nicht barunter (eibet, wirb fein Steuerzahler, wie überhaupt lein ©in# 
wohnet unb deiner, ber Bewurf befucht, behaupten, ©tan braucht nur einen 
Blid auf bie Straften §n werfen, um bie Schntug* unb 6d?anbwirtbf<haft na$ 
Gebühr ju würbtgen. Buch möge Btemanb fich etnbilben, baft ber (Erebit, ber 
Raubet unb Berlebr Bero*?)otf$ nicht baburch beeinträchtigt wirb. Xritt uni 
bennoch eine fo mannigfaltige Blütbe entgegen, fo Idftt fich biei nur burch bie 
überaus günftigen Berbältnijfe,* welche Bew*©ot! unter anbetn Umftdnben 
fcbon fegt }ur etfien Stabt ber ©Belt gemacht hdtten, unb baraui erlldren, baft 
hier }u Sanbe überhaupt fo wenig regier! wirb, baft man fo wenig baran ge« 
wohnt tft, fein $eil bei ben Bebörben $u fuchen, fonbern ei borzieht, mit ber 
hohen Obrigteit fo feiten wie möglich in Berührung §u tommen. ©ine euro* 
päiftbe Stabt würbe Unter ähnlichen ©inftüjfen Idngft ju Grunbe gegangen 
fein, wähcenb ftch’S in Bewurf immer noch gan| leiblich leben Idftt Unb Bie« 
itunb ftch fo leicht bon hier fortfebnt. Iber ei ift benn boch an ber 3*it, baft eine 
Slenberung gefchdffen wirb, benn bon 3aftr ju 3ub* bergröftert ftch bai Uebel, 
unb unmöglich tarnt ei fo fortgehen ohne baft julegt trog aller Segnungen, mit 
benen #iramel unb ©tbe Bewert überfchüttet hüben, ber allgemeine Buin ein« 
tritt. Unter ben bejferen Elementen tröffet man fuh mit ber Hoffnung, baft 
bai £eil aui SUbanp fcomme, baft bie „Bauern" fich über bie Stdbter erbar* 
men unb ihnen Regenten geben, welche nicht in öffentliche Strafanftalten ge« 
hören, ©i ift ein bemüthigenbeS Gcftdnbnift für bie gröftte Stabt ber neuen 
©Belt, baft fic nicht im Stanbe ift, fich felbft §u verwalten; abetbai Saltum 
liegt oor, unb tue Wölfe muft eben gefucht werben wo fte zu finben ift. 

SDa wir einmal bei ber Segiilatur finb, fo fei einer bort oergetommenen 
Berbanblung gebacht, aui ber erhellt, baft ei anf biefem gesegneten ©ontinent 
Orte giebt, in benen ei, obgleich fle nicht bie ©ntfchulbfgungen borjubtingen 
haben, bie eine ©Beltftabt für fich ndnthaft machen fann, noch toller hergeht atS 
hier. SBteberhrft ift barüber getlagt worben, baft bai ©anabifebe Ufer bei 
Biagara eine gar unftchere Gegenb fei. ©Ber felbft bort war, wirb beftä* 
tigen tonnen, baft man fcbmetlicb irgenbwo drger gepreßt werben tann ali 
bort. 3n ber leftten Seit ift aber häufig bie filage laut geworben, baft fich ber 
$rellerei btt Gewalttbat hötjngefellt. $er arglofe Befucher ber groften ftäHe 
wirb bon Leuten angerebet, welche fich erbieten, ihm bie fchönften fünfte un« 

? -- — -- 


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ili 


erttgeftlidb S u geigen. ®*bt er barauf ein, fo führen fie ihn etwa ht ba« 
&ebäube unmittelbar neben bem ^ufeifen-gall, Welche« fich be« großartigen 
tarnen# „Wufeum* erfreut. 9laiicber 3Riagara«ißilger wirb fi<b biefed $aufe« 
erinnern urtb au« eigner (Srfabrung wiffen, wie Ieidbt c« ift, bort hinein, wie 
ferner, ungenipft wieber herauf $u tommen. Oben Beflnbet fleh,ein 3inimcr, 
in bem man bequem fifct unb eine wunberooHe tteberfiept bat. So wie man 
fub aber entfernen will, werben eytrabagante gorbentngfen erhoben, Veruft 
man fleh auf ben flontraft, weidbet $We« gratis fein ließ, unb will roenigften« 
nur einen anftdnbigen ?rei3 gablen, fo wirb man überfallen unb bermaßen 
gemißhanbelt, baß man froh fein tann, üiit bem Seben bdOo^utomntert. 6« 
ift bie« eine fo alltägliche $ra$i§ geworben, baß in ber SegiSlafUr bie Sache 
jur Sprache gebracht unb cinftimmig befcbloffen wutbe, Schritte bagegen ju 
ergreifen. Sie (SanabiÄ müffen»Perfuchen, ciotUrirt ju werben. 

Unferer bem genianiSmu« bulbigenben irldnbifcpen Mitbürger bat fuh 
eine Äuftegung bemädjtigt, bereu ©egenftanb nicht ju beneiben ift. Vor eini« 
gen Monaten wutbe Steppen«, ber Vräfibent ber 3rifcpen Nepublil in spe, 
unfnhtbar, unb fein lepte« SSBort war eine 2Bieberboluiig be« Verbrechen«, 
baß noch in bie fern gapre, p. p< bor bem lften ganuat 1867, auf bem 
©oben ber grünen gnfel für bie greiheit be« Vaterlanbe« ba« Schwert gezogen 
Werben foHe. % Man hielt es für duSgemacbt, baß er nach Europa gegangen 
fei; halb würbe er in Sonbort, balb in V'ariS gefeben, unb ein halbe« Sußenb 
Male gemelbet, baß man ihm jeßt ganj beftimmt nerbaftet habe. äeitgfllicb 
harrten bie genier auf jtben Dampfer, welcher ihnen bie bom Telegraphen 
böswilliger Seife borenthaltene Nachricht bom SluSbrud) be*Nebolution unb 
bon ber Vertreibung ber brittijdbert Tyrannen bringen follte. Slbet'bie Nach¬ 
richt blieb au$, man hörte nur non Verhaftungen unb ©emaltmaßregeln, bon 
Notp unb 6lenb, unb begann eigentbümlidben ©ebanfen über ben Vräfibenten 
Stephens Maum $u geben. Vlöfclicp ftabet man aus, baß berfelbe gar nicht 
überS Meer gegangen, fonbem ruhig in Newport geblieben ift unb fiep hier 
verborgen gehalten hat* Seine bertrauteften greunbe wußten nichts babon, 
unb ba er nicht bie Nacpflellungen brittifchet ©äfepet $u befürchten hatte, fo lag 
ber Schluß nahe, baß er fich bor feinen 2|nbSleuten betbergen wolle. Von 
einem irifepen Stäbchen, welche« in bem $aufe biente, in bem er unter falfdhem 
Namen Ouaffier genommen, würbe er, wäprenb er im Vette lag, ertannt, unb 
ba auch fte ihr Sdperflem heigefteuert hatte, War ihre ffiutp leine geringe. 
Stephens merlte, baß feine« Vleiben« in biefem $aufe nicht länger fei, uUb 
machte fiep au« bem Staube, würbe aber bodp wieber aufgefpürt unb förmlich 
bewacht. Stuf einer Versammlung würbe befcplojfen, ihm Necpenfcpaft über 
bie ibm anoertrauten Selber — e« wirb non mehreren hunberttaufenb Tpalern 
gefprochen — abjuforbern. Sie betreffenbe Seputation fanb ihn fehr Hein* 
mütbig unb erbötig, feine erhabene Stellung innerhalb ber Crganifation mit 
einer fepr untergeorbneten ja bertaufepen, wenn man ihn nur in Nupe laffen 
woüe. Sie jurüdlehrenbe Sepirtation erllärte, um Jie Siifregung $u befcpwicpj 





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tigen,* bflfe er fein Perräther, fonbern nur ein geigling jei, fanb aber bamit 
wenig (glauben* El gelang ibm abermail, ficb unfubtbat ju machen, unb el 
wirb ihm je^t non ben Puubelgenoffen in fämmtlichen £äfen ber Norb* 
ftaaten unb Eanabal aufgepafjt, um fein Entroifcben nach Europa §u ncrbin« 
bern. * 2£irb man feiner habhaft, fo möchte e! ihm fcbtecbt ergeben. 3)a& er 
ein Schwinbler ift, wirb jefct non Niemanbem mehr bezweifelt, unb ber fcboit 
häufig (aut geworbene Perbacbt, er fei nicht! weiter all ein Irittifcber Spion, 
gewinnt febr an ©laubwürbigleit. Sinb bie gdänber auch in unferer Sie* 
pubiit bie Präger ber Korruption, fo wollen fie bocb in ihrer eigenen non ber« 
gleichen nirbtl wiffen. SDiel barf man wohl all bal Enbe einer Bewegung 
betrachten, welche feiner 3eit mit ber größten Prätention auftrat, Englanb mit 
namenlofer Slngft erfüllte unb ben grieben ber SBelt ju ftören brohte. £ätte 
man ihr hier §u fianbe nicht fo ziemlich freien SpielrAtm gelaffen, fo wäre bie 
Enthüllung nicht fo febneH erfolgt, unb ber Schwinbel hätte noch Sabre bauern 
fönnen. 2)ie, welche früher an Stephen! glaubten, wcnben ft<h je^t feinem 
Nebenbuhler SJtobertl §u. Sehr möglich ift el aber, ba& fie an biefem biefclben 
Erfahrungen machen, unb {ebenfalls ift baburch, ba& bal Pertrauen gefchroun« 
ben, einer Bewegung bie Spipe abgebrochen, welche, fo aufrichtig el auch Piele 
meinen mochten, nie cineVi oernünftigen ^intergrunb hatte. 

Iber genug Pom Schwinbel uub oon ber Korruption. Nil Uebergang 
jum Pefferen möge uni bie gabrt ber brei ameritanifchen Jachten über ben 
Sltlantifchen Ocean bienen. 2Bar auch mehr all eine SBette babei im Spiel, 
fo haben wir hoch etwa! mehr all eine gewöhnliche Wettfahrt oor uni. 2öal 
befonberl imponirt, ift bie babei entfaltete Ptäunlidjfeit unb bie an ben Sag 
gelegte ©efcbicflicbfeit. Um ein Sagnifs war el nicht ju thun; el haben fchon 
Heinere gahrzeuge bie gabrt über bal ftürmiicbe SBeltmecr gemacht. El war 
auch teilt fträflichel Peginnen, wie bal ber Nubjchaale Neb, SBhite & Plue, 
welche im grübjabr bie grobe Neife unternahm, benn alle brei waren feetüchtig. 
Ei banbeite fich um bie Schnelligleit, welche eine ^auptbebingung bei Pertebr! 
unb bamit einer ber ^aupthebel ber Kioilifation ift, fowie um bie ©ewanbtheit 
in ber £anbbabung ber Schiffe. Unb welchen gottfehritt feben wir ba oor 
uni! 2Kit ben Segeln würbe mehr geleiftet all noch oor wenigen fahren mit 
Sampf, unb felbft jefet gehört bie gdhrt eine! SJampffcbiffel, welche! feine län¬ 
gere 3eit gebraucht all jene brei Pachten, zu ben recht günftigen. El macht 
hoch einen eigentümlichen Einbrud, wenn man erfährt, bah ade brei eher 
ihren Pefümmunglort erreichten all ber erwählte Preüricbter, welcher ein fo 
frühe! Eintreffen für unmöglich gehalten hatte. Etwa! weniger all oierjehn 
Sage gebrauchte bie $enrietta, unb babei hatte fie zwei Sage füll liegen muf¬ 
fen, mäbrenb bie anberen beiben mit fchweren StSrmen zu fämpfen hatten. 
$ie Sragweite ber Seiftung barf man nicht gering anfchlagen. Sie gewinnt 
ben Hmeritanern all Seeleuten ?in gewaltige! Slnfeben unb legt ben europäi- 
feben 27täcbten bie ©efäbrlicbteit nahe, ficb mit ihnen auf einen Straus einju- 
laffen. Ueberbiel wirb fie einen ffietteifer in ber PerooUtommnung ber 




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6$ifflbaufunp wachrufen, melier bie fcfeönpen ©efultate oerfpricht. Sie 
©brenbegeugungen, »ebbe unfern Argonauten brühen §u Sh*d »erben, Rnb 
wohl oerbient; foflte aber felbft eine non ben Dachten bort in einer ffiettfahrt 
an ber äüfte ben Hütern sieben, fo »irb bocb erfl bann oon einer erfolgreichen 
Goncurreng bie Aebe fein lönnen, »enn brittifche Dachten mit ihnen bie gahrt 
nach Ametifa antreten unb Re hierin überflügeln. Sie Dacfetclubfr erfefeemen jept 
plöfclich in einem neuen Sichte. 3b* Streben ift etwal mehr all ein Spiel/ 
benn el !ann unb »irb oon ihnen eine ©eforni für bie gefammte Schifffahrt 
aulgehen. 

Unb nun gut Äunp. Sie internationale ©orpedung, ber ich in nfeinem 
hörigen ©riefe gebachte unb an bie ich einige nicht lobenbe ©emerfungen 
fnüpfte, hat einen Grfolg gehabt, ben ich nicht in AulRcfet §u fteHen »agte. 
$Da»ifon, ©ooth unb grau SWethua^Scheller haben sufammen einen Sriumph 
in ber boQRen ©ebeutung bei SBortel gefeiert. Ser Ameritaner ©ooth »ar 
ein 3ago, »elcher »ürbig bem beutfeben Othello Sawifon sur Seite ftanb, unb * 
bie beutf<h*engltf<he Ophelia erfchien all »ahre ßunplerin. ©eim erften Auf* 
treten bei Othello entftanb ein gweibeutigd ©emurmet all er anRng gu fpre- 
<hen, unb auf bielen ©eRchtern fab man ein ironifcbel Sächeln. Aber halb 
brachte bol Spiel bie Sprache oodftänbig in ©ergeffenbeit, unb ein »Uber 
Applaul, ein enthuRaftifcher #eroorruf folgte bem anbern. Sawifon »ar 
wohl nie einem fo ftürmifchen ©ublifum gegenübergepanben, unb el seugt für 
feine ©ühnengemanbtheit, baß er Reh burch bie Neuheit ber Scene nicht aufeer 
gaffung bringen, fonbent nur infpiriren liefe. All flünftler »irb er in biefer 
©orRedung ohne 3weifel bie interejfantefte erlennen, in ber er jemall mitge* 
wirft. Adel befanb Rch'in einer gehobenen Stimmung, »ie oiedeicht noch nie 
. juoor in ©ew*Dotf. ®ie 3wpulpoitdt bei amerifanifchen ©ublifuml seigte 
fleh all Sawifon in golge einel, wie er oerRchert, nicht berechneten, fonbern 
unwidfürlichen Antriebl bem mit ihm heroorgerufenen ©ooth bie #anb reichte, 
©tan erblicfte barin ein Spmbol ber ©erbrüberung, unb el brach ein unbe« 
fchreiblicher Sturm bei gubetl toi. Sie ©oiftedung würbe jweimal wieber* 
holt, unb jebelmal bei üherfüdtem $aufe. Sal erfte ©tat würben hoppelt fo 
oiele ©idetl geforbert, all aulgegeben werben, tonnten. Sawifon hat wahr« 
haft einen Sieg über bal ©orurtheil errungen, nicht nach unb nach/ fonbern 
mit einem Schlage, unb bal wid etwal fagen. Sie Ameritaner pnb §u 
polj, um bem fremben üünftler eine Ueberlegenheit über ben einhelmifchen 
jusugepehen; aber wenigftenl müffen Re betennen, bafe er biefem ebenbürtig 
ift, unb bamit ift oiel gewonnen. Unb ber ©ewinn ift ein gegenfeitiger. SBir 
bürfen nicht oergeffen, bafe auch bei uni ©orurtheile nicht fehlen. ffiir Rnb 
gewohnt, in amerifanifchen # S<haufpielern neben ben unfern nicht in ©e« 
tracht tommenbe Grpheinungen gu erblicfen, unb baoon Rnb wir einigermafeen 
gurüdgefommen, benn ber gago panb bem Othedo burchaul nicht nach. Sa« 
»ifon hat bei biefer ©elegenheit überhaupt nur freunbliche unb wohlthuenbe 
Ginbrftde empfangen. Unter ben amerifanifchen Jtunftgenoffen würbe ihm bal 






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liebenömürbigfte (fntgegenfommen J« 3 ;b<iL 3Mwt fügte fhfr feinen Hnorb« 
nungen mit 3 Üoortommenber Sereitwiüigleit felbft ba, wo fit ber Xrabitioit 
fchroff wibetjprachen, anb tarn jebetn feinet ffiünfcbe entgegen, Sootb bat ec 
wahrhaft lieb gewonnen, unb eine ebenfo warme 3 uneigung bat er bem ame* 
ritanifcben Xragöben eingeflöbt. ihres, bie Sorftelhingen waren in jebet Se* 
Siebung ein ßreignii, unb aQgemein, im $uUihtm fowobl wie in bet amcrifa* 
nif(ben treffe, wirb ber ffiunfcb auSgefprocben, bie Seiten aud} in anbem 
©halefpeare’fcbett $ramen sufammen auftreten 3 U feben. Son grau ÜJIettua* 
i ©(bellet labt fub nur fagen, bab fte bie bei weitem fcbwierigfte Aufgabe batte # 

■ unb berfelben mit untabelbafter 3Reifterf(baft gerecht würbe, wie überhaupt 
' rübmenb bertorgeboben )U werben berbient, bab tro( ber Spracbtennifcbung, 

! welche leicht su Verwirrungen hätte Slnlab geben tönneit, bgö 3 ufammcnipiel # 
' nichts gu wünfehen übrig lieb. 

2 )er Grfolg SJawifon'S foll in ben beutfdyen ilünftleetreifen einen groben 
einbrud gemacht unb Shtbere $u bem (Entjcblüb bewogen haben, gleichfalls 
einen Slbftecber nach Slmerifa su machen, um fich hier fflubnt unb ©elb, ober 
©elb unb 9tuhm, su holen. 3)em Vernehmen nach ift ber Grfte, ben wir bier 
nach 2)awifon su erwarten haben, ber Jragöbe Otto fiehfelb. S)er beutfehen 
Vreffe jenfeits beS OceanS ift in tiefer ©esiebung ein achtungS« unb tattoofler 
%on bem amerifanifchen ©ublilum gegenüber ansurathen. möchte fonft 
Slüe^ oerborbeu werben, ©cbon finb fiehfelb ©emertungen WrauSgegangen, 
Welche in amerifanifche ©lätter übergingen unb mit ebenfo febarfen Wie geredj* 
ten Kommentaren begleitet würben. Söirto bem Äünftler in biefer 3Beife oor« 
gearbeitet, fo lann er hier unmöglich (Erfolg finben, fonbern wirb nur bitteren 
(Erfahrungen begegnen. 2 Äöge man ficb btüben an bbt ©ebanfen gewöhnen, 
bab biejfeits be$ groben ffiaffer« leine ©öotier wohnen. 9)feiite« ffliffenö ift 
3)amifon hier noeb nicht befungen worben, unb baju wünfehe ich ihm ©lüd. 
3 n Seutfchlanb fcheint er mit poetifeben ^ulbigungen befto Ärger gemfbbanbelt 
SU werben. 3 b«t felbft mub es wiberlicb fein, wenn er in ber ßeipjiger Xbeater* 
Kbronit auf folgenbe SBetfe angefuitgen wirb: 

$e£ Weltmeers 2 Beöen bringen Jhmb f aff Jtunbe 
S)et alten $eimatb ju ton deinem Mubm; 

3 a, wieber macht Stein 806 bie gröbte Staube, 

Unb $eutfcbfonb nennt $icb ftols feilt ©gentbnm! 

(Bewältig greifft 2)u in ba$ oofle Seben — 

Stet 2)an!ec ftaunt — “Hitrrah for DawisoöF — 

S)och wäbrenb 3e»e tolle* (Stoib S)ir geben, 

$cbt 55kb bie Ontell’genj auf ibrett Zhroit! 

£ier nur „ooQeö ©olb*, trüben w *•. $et 6 feT, welcher bie 
Dummheit geschrieben, beif* Äbolph ton $itf$* UncaS. 








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m 


#töflkalifd)t *Uöm 



©W ^«0(11. 


New«?)orl gewährt und in oieferSaiion auf bem mußlalifeßenStMete einen 
Slnblid, ben woßl augenblidlicß leine antxre Stabt bet Seit barbieten bürfte. 
SEBir finbeu nämiieß bie biet Obern, wdeße bie mußtalifiße Sdt fennt, in einer 
Stabt bereinigt—bie beutfeße, bie itatienifiße, bie franjößfeße unb bie cnglißße. 
Senn itgenb etwas, fo ift biefe Xßatiacße geeignet, ben foämopolitifcßen Gßa* 
rafter unferer Stabt )a reflettiren. Selbft Sonbon mit feinen großartigen Si» 
»menfionen unb wirHicß feßt ßeroorragenbtn mußtaiiießen Sßeffourcen, ßaupt» 
fädjtid? bon gtemben audgeßenb, muß in biefer Begießung not 9te».?)ort 
jurüdfteßen. Gd ßat meiftenS Mod eine Oper, bie italienifeße; feiten bie eng« 
’ lifeße. 3n iJJatid ßnben wir bie italienifcße unb franjißfeße, in Scutfcßlanb 
natürlich bie beutföe unb bann unb wann bie italieniieße ober frang&ftfc^e Oper 
bertreten; aber bie biet Seßulen, wenn man fie ald folcßt gelten (affen will, 
praltifcß iduftrirt }n feßen — bad tann blöd Sßero»2)orl aufweifen, gar ben 
SRußlfcßület wie aueb für ben fiünftler ift bied bon großer Sießtigleit. 8t 
lann aud eigener Nnfeßauung in wenigen Stunben lernen, wad ißm in anbem 
. Stabten nur mit $ülfe non Bißliotßeten, unb bann aueß bei weitem nicht in fo 
lebenbiger unb antegenber Seife, geboten werben lann. Bon biefem ©tficbtd. 
punlte aud betrachtet, war unb ift bie Jßätigteit, weleße auf biefem gelbe au« 
genbiidließ in 92e»*?)ort ßenfeßt, eine ßöcßft intereffante. Sa« aueß immer in 
einzelnen gälten gegen bie Sludfüßrung getagt werben mag, bie Serie feibft 
(affen fuß bennoeß in ißten wefentbeßen Sertmalen erlenntn. greilijß ift bie 
Gntroideiung ber eigentlichen Oper in ben leßten breißig gaßren eine foleße ge» 
wefen, baß fuß bie ©renglinien gwifeßtn ben berfeßiebenen Schulen meßr unb 
meßr oermifeßt ßaben. Seit bem bureß Seperbeer eingefOßrten GSebiddmu« 
finben wir grangofen, bie bad Seutfcße mit bem ißnen Nationalen oerbinben, 
wie bei (üounob; Gnglänber, bie in öden möglichen Stylen wirtßfcßaften, wie 
Sadace in feinet Surline unb Nmßerwitcß; gtaiiener, bie ben bramatifeßen 
Sßrunl ber frangißfeßen großen Oper anneßmen, wie Bttbi; unb enotieß Stent» 
f<ße, welcße einfeßen gelernt ßaben, baß fie in Begug auf Steigerung bed Gf» 
feltd audß Met von ben gtemben lernen timten, unb bemgemäß ißre Opern 
gurießten, wie (Haff, Äbert unb Nnbete; aßet troß biefem »den iß Bedini’d 
„Somnamßüle* deßt italienifcße, Bendbiea’d "La dame blanche” dcßtfran» 
gißfeße, OHogart’d ,3außerpte* äeßt beutfeße unb ßie unb ba eine Sadabe in 
ber £anb oon SWacfarten unb Bcdfe äeßt engtifeße (Rußt. Sie 3eit iß noeß 
nicht getommen, wo biefe UnterfcßeibungSmertmale in btt Süßt wegfaden, 
eßenfo wenig wie wir ße in bem. Gßaratter unb heben bet Biller umgeßen 
(innen. Sowie cd ßeutc noeß grangofen, Seutfcße unb gtaiiener gießt, fa 
ßaßen wir ßeute noeß eine ftangißfeße, beutfeße unb italienifcße Oper. Unb int 
®runb ift bied aueß bad »teßte. dHeßerßeer ßat bureß ben Grfolg feiner aden 
Sßftemeu ßuibigenben Opern meßr für bie 3erfplitterung ber Äräfte beutfeßer 



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Gomponiften getrau, al« irgcub ein Uitberer, SBit glauben mit Seiht bebaup» 
ten ;u bürten, bajj bin ber Sib be« Äceb«jd)aben« ift, welchem mir ben Sicht» 
erfolg bet meiften neuen beutfeben Opern jujufchreiben haben, fflagner bat 
bie« auch »obl ertannt, inbem et füt feine mufitatifcheu Stamen in bie beutfdje 
Sage greift, unb mit ben ibm ]u ©ebote ftebenben SSitteln in ä<bt beut» 
fier SDeife ju bauen oerfuebt, mag man nun über ben SBertb ober Untoertb 
ber Seftteren beuten wie man mitt. 

Senben mir unb je|t fpecieß an bie oerfdjiebenen Unternehmungen, 
»eiche unb in biefer Soifon biefe SMannigfaltigfeit auf bem Opernfelbe geboten 
haben, fo müffen mir »obl juerft ber beutfeben Oper erwähnen, bie im Sb a(ia * 
Sbeater ihre Sorftetlungen giebt, unb ani<heinenb bi« je|t einigen Erfolg gehabt 
bat. Sie Sroppe beftebt )um groben Sbeil au« SNitgliebern, welche bem 
9tew»?)o:ler $u6(itum belannt fmb. Uber e« ftnb auch neue binjugefomuien, 
unb bie« giebt berfelben eine Sodftänbigteit, welche bie beutfebe Oper bi« jefct 
in bieiem fianoe nicht gehabt bat. Uufter grau $immer unb gräulein Sjiuba 
wirft noch Stile. Sabbie, eine gtantbftn, bie Seutjcb gelernt bat unb mirbe« 
ften« in betreff ber Uuäfptacbe manche ihrer beutfeben Kolleginnen befebämen 
tann. Ul« Sängerin (eibet Tie an gneorreetbeit ber Intonation unb an SDtangel 
in funftgebilbeter Xecbnit. Uber flc bat Sebbaftigteit be« UuJbtud«, Sarftel« 
luugätaleut, unb ift überbie« eine angenehme Grfebeiimng. Sie ift auf jeben gaU 
oerwenbbar. gräulein Seelig, ebenfall« eine neue Ucquifttion, ift eine oon 
ben oieleu beutfeben Sängerinnen, beten Soutine erfeßen muft, wa« ihnen an 
witilicber Schule abgebt. Obre Stimme ift febarf, eben weil fte nicht oon ber 
fiunft gefebüffen ift. grau £immet erfreut noch immer bureb ihr feböne«,- ooll« 
tönenbe« Organ. Uber bie« allein tbut’« nicht, unb oor ber $anb bat fte nicht 
niel mebr. UUe«, wo« fte fingt, »a« fte tbut unb fagt, ift edig unb plump, 
t« fehlt bie ©rajie, ber Schliff, bie Ubrunbung, mit einem Sorte bie Aunft. 
gräulein Sjiuba bat ebenfail« ein bübfebe« SWaterial; aber fte ift erft im Se* 
ginn ihrer tünfilerifcben Uubbilbung. (I« ift fchlimm, baft bie meiften beut« 
{eben Sänger unb Sängerinnen biefe Uu«bilbung erft auf ber Sühne bureb« 
machen. Sa« Sefultat ift nicht blo« füt fte felbft, fonbern auch für bie Gnt» 
»idelung ber beutfeben Oper ungünftig. 

4>err §iraraer, ber erfte Sonor, ift ein ebregwertber Aünftler. Gr weift 
mit ben ihm gebliebenen SSitteln bauSjubalten unb fingt mit ©efchmad unb 
Setflänbnift; auch ift feine Sarftedung ft'et« angemeffen unb wirtfam. $err 
©rojcbel, ber neue Senor, bat bi« jejt webet bureb feine Stimme, noch bureb 
feinen Sortrag befonber« interefflren tönnen. $err SBilbelm gorme« ift einer 
pen oen wenigen beutfdjert Saritonen, bie hier waren, welche wirtlich Stimme 
haben. G« gebt ibm bie Soblefie ber Uction ab, aber in gemiffen Sollen, wie 
j. S. af« iftjpngeno, ift er febr wirtfam. £ert Gbanbon, ber neue Safftft, 
bat (eine große Stimme; aber er weift fte in oerftänbiger ffieife ju behanbeln. 
Sein Unfafc ift etwa« näfelnber Statur. Sarftellung«talent febeint ihm oor 
ber $ano noch abjugeften 




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£>ie« finb ungefähr bie £auptträfte, mit welchen bie beutfihe Oper wirft. 
(Erfreulich ifi, baff biefe ffiirffamfeit fich bi« jefct ouf bie Sortierung bon Opern 
erfireeft bat, bie nicht blo« ba« Obr, fonbern au# ©eifi, #er$ unb ©emüth be» 
friebigen tönnen. fflir rechnen hierju Son 3uan, greifchüh, 3auberfiöte, gi- 
garo T « #o<bjeit unb Sie weifje Same. 3»at finb jwei biefer Opern, 3auber» 
flöte unb gigaro’« £>ocb$eit, bom bramatifeben Stanbpuntt nicht, wa« unfere 
3 eit mit Seit forbem tann; aber auf jeben gad gewähren fie fo mannigfache 
Momente ber Anregung unb tünftlerifchen 8efriebigung, bafs fie un« ben Rtan* 
gel an bramatifcher Steigerung fiberfehen taffen. 

Sie fran$öfif<he Oper bewegte ficb hauptfächli# auf bem ©ebiete ber Pa- 
rifer, operat comiqae. 3h* ^jauptborjug beftanb barin, bafi fie un« mit 
einigen ber neueren ©qeugniffe be« bortigen Repertoire betannt machte. Senn 
irgenbwo, hat fnh in ber opera comique ba« nationale (Element ber gran* 
jofen erhalten, greiti# ifibie 3lu«bru<!«meife eineanbere geworben, bie fchönen 
Sage 8oielbteu 7 « unb $erolb’« finb borüber; aber fo grofien Refpett wir auch 
oor bem Rtelobieenflufi biefer Herren haben, fo tönnen wir un« benn bo# nicht 
berhehten, baff Rtanche« in ben Partituren ihrer Opern heut ju Sage etwa« 
ja beraltet llingt. Selbfi #erotb’« „Sampa" macht babon leine Ru«nahme. 
2Jtag man j. 8. in 8e$ug auf gbeengehalt gegen Offenbar 7 « „Orpheu«* au# 
fehr biel einjumenben haben, bie Partitur beutet benno# in ein 3 etnen ©on* 
firultionen unb in ber 3nftrumentation auf ©ffelte, bie nur in unferer Seit ent¬ 
worfen unb au«gefübrt werben tonnten. Sie franjöftf#e ®efedf#aft brachte 
bie Oper in einer hö<hfi mangelhaften Seife bor ba« Publifum unb berbarb 
fuh fomit felbft ba« Spiel, welche« fie au« bem Ruin, in ben fie fich gefiürjt, 
hätte retten tönnen. 8urle«!en wie tomifche Opern berlangen nicht» blo« bie 
befie gnfeenirung, fonbern auch bei ber Sarfiedung wirtliche fiünftler, um eine 
einfchlagenbe Sirlung ju erzielen. 3n ber fran$öfif#en Srupper giebt e« aber 
taum einen einzigen flünfiler, fonbern nur Silettanten. 

3n ber italienifchen Oper fieht e« fchon beffer au«. Sie Sängerin Souife 
ßedogg, ber Senor SRa^oleni, ber 8ariton 8edini unb ber 8uffo Ronconi 
bilben ein flünfilerquartett, wie e« taum in irgenb einer Stabt äbertroffen wer¬ 
ben tann. Sa§u tommt noch ber 8affifi Rntonitcci, ber in rein italienifchen 
Opern, bie ni#t bie ©ntntfclefung einer grofien bramatifchen ßraft bedangen, 
bon fehr guter Sirlung ifi. £err Rtarefcet, berff#on manche« Salent aufgefpört, 
hat nun ben ©enannten auch noch ein junge« SWäb#en beutfeber Rbtunft bei« 
gefeilt. Sie heifit $aud unb ifi aderbing« eine biel berfpre#enbe ©rf#einung. 
3h*e Stimme erinnert in ber Sonfarbe etwa« an bie ber Slbeline Patti, nur 
ifi fie nicht fo umfangreich* Sie $lu«bi(bung ifi ungewöhnlich borgef#ritten, 
unb §war in einer Seife, bie mit Recht oermuthen lägt, baff hier ein unge« 
Wöhnliche« Salent borliegt. 2Jtit Ru«nahme be« Srider« fcheint fie fchon 
auf aden gelbem ber Sechnif siemli# ju $aufe ju fein; flberbie« ifi ihr Sor« 
trag bon ©eift unb Phantafie belebt. Ob biefe gn#reife §u einer wirtlichen 
Äünfilerf#aft führen wirb, ifi eine anbere grage. Sir haben manche junge 



Sängerin tm Anfänge ihrer Sarrim noch mehr Derfprechen fehett aft biefeb 
iunge beutle Rtäbien, unb fte tonale $4 btnmmh triebt in einer hebeatenbe* 
Stedung binaufßbmingen, mie §um Reifpiel Utüe. Suprej, bie Socbter beb 
einft berühmten franjöfifdjen Senorb. Rör aden Singen möchten mir Sräulein 
$audt Sinb rathen. Rtöge fte nicht ad ben Applaub unb ade bie £oheberhe* 
bangen ber treffe für baare ®iün§e nehmen, nnb möge fte nie oergeffen, baß 
bie mähre Aujiftbrfcbaft einer Rrimabonna eine ftetige Äubbifbung Pott Seift, 
fierj unb bem betriebenen mufttaliföen Salente hebtngt. 

Sie Rorftettuttgen ber itafiemfcben Oper fanbea im SBintcrgattoett flott, in 
einem Sheater, bab für derartige Unternehmungen böcbft unpopulär genannt 
merben muß. Sie fjotge baoon maren natürlich leere Käufer, unb $err Ria* 
rettet muh einen nicht unhebeutenben Rerluft erlitten b&ben. ^öffentlich mirb 
bab Refultat ein attbereb fein wenn bie neue Acabemp of Stufte owenbet fein 
mirb, jogb mit äubtffuht für dabe SJefcruar in Aubfubt gepellt ijt. 

Mwxmtn mir eutficb §u ber englifdben Open, Pit tm Ofpmpic-Sheatec tbte 
Rotpedungen giebt, fo lägt fuh |mar gegen bie truppe fethft niAt »W ein« 
menben, jumal menn man bie Rerhältniffe beriulpcbtigt; aber bab Repertoire 
tann unmöglich ein hefriebigenbeb genannt merben. gra Siaoolo, Son Rab* 
quak, felbfi Rlartba foflten ber engfifeben Oper fern bleiben, fflir pnb fchon 
gegen bit Aufnahme »an Opern mie Sampa unb ftra Siaooto in bab ttalieni« 
febe Repertoire; aber in bem engtifeben pnb pe noch mehr außer Rlap. Sie 
Gruppe fodte pch an Rlacfatren’b, Ralfe’b unb ffiadace’b Opern halten, in 
benen pe auf {eben gad mirtfamer fein mürbe, alb in ASetlen, melche bie feinfte 
Sarftedung, bie größte Sechnit beb Sefangeb unb bab abgerunbetpe Snfemble 
perlangen, fflebet Riiß Äicßingb, noch SRtß 3elta 0arrifon, noch bie Herren 
Sampbed, ßaftte unb Seguin tonnen fuh btefer Sigenpbafte* rühmen. Sie pnb 
ftimmbegabte, routinirte Sänger, aUx mit Aubnahw Pon Slip Ricbtngb mei* 
ftenb noch Anfänger auf ber Rühne. 

Ron donnerten brauchen mir Hob bie inerte 6pmphonie«Soiree beb 
£errn Sheobor Shomab $u ermähnen, bab einige Sonjert, bab einigermaßen 
ein boßeteb Snter^ffe^n Anfpruch nehmen tonnte, obgleich eb bem Programm 
nac| gar SHaitcbeb $u münfehen übrig (ieß. Sie gragmente aub SRenbelb* 
fohn’b Oratorium Raulub märest mobl nicht ganj am Rlape; auch hätte bie fo 
oft gehörte D-moli Spmphonie Schumann*# megfaden rönnen. Am interef* 
fantepen mar bie erfte Rümmer, eine Suite Pon Raff in 0, bie geißppde ßom* 
hinationen unb böcbft mirtfame gnftrumentation offenbarte. Segen bie SBie* 
berawffrifchung ber alten Suite, im pebenjehnten Qahrhunbert aubgebilbet unb 
fett bem Anfänge beb uufrigen faft gauj .in Rtrgeffenbetl gerathen, ließe ftch 
übrigen# oiel fagen. Rermuthlich ift biefe Sam POf unfern mobernen 6om* 
poniften mieber aufgenommen motben meil fte einfehen, baß auf bem alten 
Spniphoniegebiete nichtb mehr |u machen ift. Aber unfern Änftcbt nach ijt 
ber einzelne Spmphoniefaß, ober oielntehc bie fbrnphomfeße Sichtung, hoch noch 
immer bab (Sntfprtcbtnbfte für unfere 3rit 


t 


tlrifrnte ^gmttn fit tot 

Gail SBidanb. 

Sutiul @cf$> • 

1 


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O. F 1 . APAE, 

^uropoi^ö ^ßanß- unb ^cdrfcf-^efcßäfl, 
©foriß»att ; ©Wo. 

CO$SI?LAT fuor Preussen, Bayern, Württemberg, Hannover, 
Sachsen, Baden, Oldenburg, Grossherzogthum und Kur- 
fuerstenthum Hessen, Mecklenburg-Strelitz und Schwerin, 
Nassau, Sachsen-Meiningen und Alienburg und 
Frankfurt a. M. 

G. F. ADAE, Consul. 


HILLER & CO., 

«Sauf« «.^tifaffoaefcbäft, 

9 to. 3 (Ebmnbcrftr.; 9 teU)=?)orf, 

geben SBccbfel unb Crebitbriefe auf aUe groicreu (Europa’*, »crfenbcn Oelber nach |cbtm Orte 
Dcutfcbtanb* mittelfl be* beutfebett 3>ofberbanbc*, unb beforgen ben Ciniug »on (Erbfchaften unb ©«mö¬ 
gen mmitttlfi ©oflmachten auf febneüfte unb bifttgfk ffldfc. 


KST Anfragen aus btm fairtt ptibtn prompte ^radjhmg. 

Pit poröfea Pflaßer bes fr. ^Ilcock. 

Diefe ©flafter npcrbcn jeben Dag mehr unb mehr belaunt. 3ebermann, bet 
. 6d?merjen im fHücfen ober in ber ©ruft ^at, wirb na<h 
Slnroenbung eine* folgen fofort geteilt. 

(Ein $crr fam beuteln bie Offtee unb ertäblt, ba§ eT mit »iclen Schmerlen in ber ©ruf! geplagt w<u 
unb mit einem einigen S>flafter »oüfommen gebest tmijrbe. (Ein Slnberer fagte baffelbe »on Stbeumalt** 
snu# in feiner ScpuUer. Der lefttere #crr fann in 9to. 15 ©ecfmaitn Street, 9tew*älorf; obenauf, aefebr* 
»erben. ©ir befipw Beugmffe »on Daufenben ton Doftorcn, »eiche alle toll Stabe* (Infc 

Teilung einer jerquetfdhten 35 ruft. 

Den 7.Wat 1865. 

Weine |>CTren t — 3m Dezember lost würbe mein ©ruflfnocben »on einem fernerem Siegel jer. 
qnetfebt «nb fchllmm »erwunbet. 3cb würbe befinnung*fo* nach häufe aefdjafft, wo üb einige ©oeben bew 
Dobc Höbe lag. Weine Slerjte fonnten febr wenig für mi(b tbun unb itp mußte unenblicbc Schmerlen lei# 
ben. Der 9Lnt badjte, ba§ ba* 9tafenp|!afler. auf bie ©ruf! gelegt, mir helfen mürbe, ich baebte aber, bcu 
für etn* »ou Stücocf’« »oröfen fPflaftern nt »erfaßen. 3<b legte etn* auf meine ©ruf! unb Seite, unb von 
ba an fühlte ich bejTer unb war in einer ©oebe aetunb, frei »on Sdjmerjen unb fähig, mein ©efebäft wie- 
ber }u beforgen. 3ebermann fann fommen unb meine ©rufi feben, unb üb Witt ihm ein neue* ©unbet 
»on Teilung neigen. 3. Ä. ©utf, Wo. 2 Soutb ftiftb ©treet, ©iütam*burg, 9t. g)., $bo*. Ulflcocf & 
Co., 9to. 4 Unoin Sgnare. hauptofftce ©ranbretb ©utlbing, 9iew49or!. 8u »erlaufen in 9to. 4 Union 
Square bei allen hdnblern unb iebem refpeftablen Druggifl. 

tjalnunn's JHtt« nt Salbt. 

£>«* Scuguii ber Seit. Staube ©eine, alta Schwären ic. (Beföwüre in ben ©einen, welche 
aQa ärmlich« Kunfk unb ©iffenfebaft tropfen, weichen in tarier Beit biefen unfcbäpbaren heilmittefn, 
unb xwar* au* aan* natürlichen ©rünbeu, baut man mujj bebenfen, baf ffiunben unb dkf^trüre nur 
eine ffitrtana fiub, welcbb Mt befeitkt werben fann wenn man nicht ber Urfacbe auf benöirunb gebt, 
hottowa» fuebt bie ttrfa&t im ©lut, unb bie Crfabruua bat ht allen Dbcilen ber ©eit gelehrt, ba§ feine 
gnffaffung m richtige tft Die WOen reinigen ba* ©lut, bie Salbe arbeilet ihnen »on aujjen entgt- 
gm, imb ba muß ba* Hebet »eiche*# mag e* wollen ober nicht; 167 


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®<*s gvoffe 

«ui Sommer-Jlptrient* 


T-A.BRiA.lS'T’S * 

Seibenbe an franfbaftem Äopffc^mcrg # 

Seibenbe an UnwbaulicMeit, 

Seibenbe an ncmi'cm Äopffc^mer§ # 

EPPBEVESCENT 

Seibenbe an »crfauertem Klagen, 

Seibenbe an btliöfcm Äopfweb, 

Seibenbe an £artleibigfeit, 

SELTZER 

Seibenbe an Sooibrennen, 

Seibenbe an $Pile$, 

Seibcnbe an Seefranfbeit, 

APERIENT. 

Seberleibenbe. 

Seibenbe an SnbigefHonen, 

»erben burd) 

Tarrant’s Effervescent Seltzer Aperient 
«ttf flirte, «ttgettebmc unb bauernbe Keife ^ierbon fe»ic bon ähnlichen Selben geteilt »erpen. 


Allein angefertigl »on 

TARRANT & CO., 

S 78 ©teentvi$s< 2 tteet, ^(totgorf. 

J®"* 3« haben in allen ftyotbclen. 



J. B. HOEKER, 

PRACTIOAL OETICLAISJ', 

308 FULTON STEEET, 

Near Pierrepont, BROOKLYN. 


0 taten 3 danb« 

FANCY DYING ET A B L IS H E M EHT. 

Sarrett, & Co., 

718 »roabtoa*, i 

3lo. 269 $ulton*, ©fe non ^tQarp Street, JBrooftyn, 
unb 9to. 47 Jlorft 8 e Strafe, ^ftlabelphia, 

f«Venfort, ®«mem unb #tmtifleiber p färbenunb jureinigen; fetbeti«, Somit et, me rmo 
anbere *i««bcr, BRäntel, u. f. ».»erben mit Erfolg gereinigt, ohne aufgetrenttt p »erben. Cbenfo 
$errenrö<fe, $ofen, »c ffcea u. f. ». 

miütte*Qanbidwie unb Bfebern gefärbt ober gereinigt. Sange (Erfahrung tmb QJeföäfWfeimtniffe 
befähigen bie Unterjei^ncten, ifrrc Arbeiten mit ©folg p betreiben, ©aaren »erben ber Cmeg geWÖ 
nab iimufgeftyutt. * 

Starren, Steppe» ft So., 

. 6 unb 7 3o$n Street, nnb 718 ©roabtta». 9fe»*gorl 

869 ftulton-, Ccfe bon fciflarb Street, ©roofi|jL 
nnb 47 Hörig 8te Strafe, fWlabelpbia. 


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Jltntfib ~ JltittriluMiifibt JHonatslirftc 

18» 

cSHerdur, jtttnH, ^tfTenfdjaf* ttnö 
6fenfft($c5 Jeßen. 

föebfgirt von 


Se^PiQ» 


IV. jtafyrgang. I. $an&. 


1867. 




PRO FIDO. 

Von *arl SNn». 


3fr totgt, Sframtn flnb «ogtlfrtf. 

_ . . 3>Uteiu 

Site Mitarbeiter an ben „Monatsheften« nehme ich heute einen spiafe in 
3lnferu$ jut Sßertheibigung meine« Sohne«. fflcuS ich frier treibe, ift non 
mit allein ju »erantmorten; bie Stebaltion ifi in (einet ffieife babei betheiligt. 
Sie mirb burcb Slufnabme be« Stachfolgenben nut ben [Regel# bet IBidigfcit 
enifprecben. 3$ felbft erfüde, inbem ich am ®rabe be« tbenetn Sobten mache 
eine Pflicht, in bet man mich nie fäumig finben fod. 

,3<h batte e« einmal auf bet 3unge- — treibt <L S. SB e t n a b « in 
einem Sluffafc über bie Dugenbbaften in bet <politil — „einem 
bet 2fflergefinnung«tü<btigften unter ihnen ju etlläcen, bag e« eigentlich gerabe 
bie „nerbammten 3efuiten“ geroefen feien, bie ben mobetnen flßniggmorb et» 
funben hätten; ba| bet $atet Mariana in Solebo im 3abr 1599 ein gani 
»ottteffiich getriebene« unb bur«h unb butch bemolratit gebachte« — natüt» 
lt trojbem im Dienfte bet -frierarcbie »erfa&te« — «Buch berauSgegeben bete 
ben SönigOmotb empfiehlt; bafi btei anbere 3efuiten, nntet ihnen bet berühmte 
atolina, öffentlich al« SBertheibiget bet 2bat 9ia»aiaac’3 aufttaten; unb bai 
iulejt noch ein beult« Sefuit, bet spater Met, unter Stimmung be« 6hef« 
bet 3efuiten in Sßorbbeutfchlanb, be« befannten «Pater SBufäu«, Mariana’« Such 
gegen bie Hngtiffe caloiniftifcher gStebiget »ertbeibigte; — ba e« mit aber 
plöflich einfiel, welch tredtfte« Durcheinanbet ich im flopfe eine« Menten 
onftiften mürbe, füt ben bet fange Slinb ba« Mobed eine« ®efmnung«tüch» 
tigen, ®raf S5i«matdt bagegen bet Urtyp eine« Politiken 3efuiten fei, fo be» 
hiett t mein Stechen SBetebeit füt mich, ba e» ja ohnehin Seute genug giebt 
benen biefe Dbatfacben nicht fremb fmb, unb bie Demagogen unb gehänfelte 
3gnoranlen im löten fo gut mie im 19teu 3ahthunbert unter «den Goftümen 
betaitejufinben miffen.“ 


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6* ifl tag §meifelbafte £atbbunlet tiefer angeführten Sorte, mag mich 
§ur titerarifchen Klarfteßung ter tarnt berührten Stage oeranlabt. Unt ta ter 
Serfaffer in feinem 2luffa| tie eingeborenen, „praltifch" tenfenten SImerilaner 
in günftigen ©egenfafc gegen tie theoretifirenben teutf(hen Sürger ter Union 
fteßt, fo miß ich, ehe i<h |ur meiteren Erörterung fchreite, oorerft ein amerifani« 
fcheg Urtheil bi« bezeichnen, tag ton SR. D. Eonmap, tem Hbolitioniften, 
in Sejug auf tag Stecht, tie ^rannen $u tötten, gefaßt »orten. Er fchreibt: 

„Sigmare! hat ten Triumph gehabt, Europa in Krieg §u ftüqen. Uber 
feine ächte 2hat ift ganj machtlog in tiefer Seit. Der Stob, ten ter Sang« 
ling führte, mar ter Stob Deutfchlanbg; noch jefct füjfen teutfehe Saterlanbg« 
freunte f<hmer$ooß tag Silbnib teg jugenblichen gelten, mährent fic tem 
Dprannen, ter in ter ©lorie teg ftegreichen Unrechtg taher ftoljtrt, fluchen. 
Unt fpreche Keiner hier ton ter groben Sünte teg URorbeg; überlaffet tag 
tem Degpotentrug. Ob ter Krieg überhaupt ein Unrecht ift, tag fei hier nicht 
erörtert; aber ob $eere aufeinanter praßen, ober ob 3°h n Sroron mit 
einer Keinen Kämpferfchaar tie Stlaoerei angreift, ober ob ein Süngling mit 
ter Scbubroaffe einem beutfehen Dhron entgegentritt — eg ift Slßeg baffelbe; 
eg ift Krieg! Die Grannen haffen ten Dprannenmorb, meil eg tie einzige 
Ärt ift, moburch tie Schmacben ficb ten Starten gteichfteßen tönnen. Die 
©efefcegoeräcbter moßeit ton ©efeft reten! Die SWörter ton Daufenben moflen 
ten Königgmorb oerbammen! Sch bißigetie 2Retbobe in manchen Säßen nicht, 
aber ich glaube^ tab S^rtinant Stint oom etelften ©efühl infpirirt 
mar; tab eg eine Dbat ter reinften Selbftaufopferung ton Seiten eineg Man« 
neg gemefen ift, für ten tag fieben ungemöhnlichen Stei| hatte (tenn auf jeten 
Saß mar er jum Sterben entfchloffen); nnt ta| tie Dbat taher eben fo natur» 
fiäftig unt notbmenbig mar, mie tag 3ucten teg Slifceg, tag er am £orijonte 
fah, alg ter Entfcblub in feiner Seele reifte unt fein ©emüth inmitten teg 
Shmneg ruhig mart. %a, mit Sorbgmortb glaubent, tab «alle Dugenb 
Erfolg hat", merte ich ing Künftige einen gemiffen unfiebt« 
bare« © ei fl mit tem ©rafen Sigmar d ringen fehen; 
einen ©eift, tem lein $anjerhemt miterftehen lann: unt tag anfeheinente 
3XiblingeK gertinant Slinb’g mirt taher, tag hoffe ich feft, f<bti«bli<b fi<h atg 
blobe £üfle eineg höheren Erfolgeg ermeifen. Krieg unt ungeftüme Dbat fmt 
nur bann ju tulten, nur bann ton mahrhaftigem Eharafter, menn fie fo aug 
einem überjeugunggooßen ÜRenfchenherjen queflen, tag um gemöbnlicheg Trei¬ 
ben r«h nicht tümmert; bann fmt tiefe Dbaien aber auch mahre Donnerleite 
ter ©ottheit; fie oerfehlen ibreg Sieleg nimmermehr." 

(S. “The Radical”, Softoner SRonatgfchrift, Oom Stuguft 1866.) 

Die Heuberung, tab „eg eigentlich gerate tie ,oertammten 3*fniten' ge« 
mefen feien, tie ten moternen Königgmorb erfunten" haben, hält oor ter 
Siteraturgefchichte nicht Stich« Sarum „moterner" Königgmorb ? unt marum 
„erfunten" ? ta toch aug ben Serien ter ©eifter aßer 3ab*bnnterte zahlreiche 
Steßen angeführt merten lönnen, in metchen. tie Stiebermachung politifcher 


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187 


Unterbruder nicht bloS gerechtfertigt, fonbern als eine eble Xßat nerberrticht 
unb jur Stacßabmung empfohlen mirb ? 

2)tir ift wohl befannt, baß baS Stecht, Stegenten ju töbten, auch uom tßeo* 
fratifcß pfäffifeben Stanbpunfte bertbeibigt worben ift, non ©regor bem ©roßen 
an bis auf bie neueren gefuiten herab. Auch be SJtaiftre; auch ber Abfolutift 
Solar bella ÜJtargberita; auch Arcbenbolfc; auch ©enfc, bet fßrotoMfübrer bet 
^eiligen Aflianj, tonnen hier genannt werben; fie batten bei ihren AuSfüß* 
rungen atlerbingS feine wahren greibeit^mede im Auge, wenn auch ihre 
Sprache häufig fo gefaßt ift, baß fie, adgemein genommen, mit ben Anfi(bten 
ber beften greipeitsfreunbe aller gabrhuuberte jufammenjutreffen feßeint. < 

$ie religiös ©laubigen mögen fid) im britten Gapitel beS iBucbeö ber 
Stiebtet, wo Gglon, ber SJtoabiter flönig, burch Gßub, ben Sefreier, getöbtet 
mirb, ober im oierten Gapitel beffelben SucßeS, wo gcel ben Gananiter 
Häuptling Siffera erfcßlägt, ober im Suche gubitß über bie Anfcßauung bet 
alten guben StatßS erholen. $er ©efang ber Prophetin $eborab : „£örct ju, 
ihr Könige, unb merfet auf, ihr gftrften !• fei bi« befonberS empfohlen als 
eine ißrobe beS fräftigften UnabbängigfeitSfinncS. 

$o<ß genießbarer als bie SSerfe beS alten SeftamenteS, flnb bie Stellen 
aus altgriecbiicben unb römifeben Siebtem unb Scßriftftellern. $ie Slfitßen* 
lefe ift aber hier fo groß, baß bie Anführungen leicht ju einem Suche anfcßmel* 
len lönnten. GS ift befannt, baß bie Alten ben $prannenntorb nicht bloS als 
ein Stecbt, fonbern als eine bürgerliche Pflicht betrachteten, unb baß in ben 
meiften griechifchen greiftaafen ein förmliches ©efeß ober menigftenS eine all* 
gemein angenommene Ueberlieferung beftanb, jufolge toelcher jeber Sürger, 
ber einen Ufurpator töbtete, als „tu ge nbh a ft* betrachtet mürbe. $ie 
Saaten beS £armobio$ unb Ariftogetton, be$ SelopibaS unb 
unb anberer Stächet ber greibeit mürben in begeifterten ©efängen gaßrbunberte 
binburch gefeiert. GineS ber berübmteften biefer Sieber ift bie Obe beS Äalli* 
ftratoS, bie fo anbebt : 

„3<h will mein Schwert in SJtprtenjweige minben, 

S)aS Schwert, baS ben Scannen fchlug. 41 

SKan weiß, baß bie Äatliftratifche Obe häufig bei SoffSberfammtungen 
unb anberen feftlichen (Gelegenheiten mit entfprechenbem ©eberbenfpiel borge* 
tragen mürbe, unb bie ffiirfung foll eine große gewefen fein, gn Gnglanb 
fmb gereimte Ueberfefcungen bon Srofeffor SBilfon, bon Sir SBiUiam goneS 
unb bem ehemaligen Oberrichter $ennan erfchienen. Giner ber erften engtifeßen 
flenner ber beüenifchen 2)ichtfunft fpraeß fi<h folgenbermaßen über bie Obe 
aus: — „konnte man auch nur im Gntfernteften fürchten, baß ein jmeiter 
SiftftratuS abermals berfueßen mürbe, bie Stabt ju unterbrüden, menn bei 
jebem ©aftmaßl, ja fogar in ben Straßen unb in ben gemöbnlicßften Serfamm* 
lungen beS SplfeS biefe Obe täglich gefungen mürbe, bie ben Stamen b;S 
ÄaüiftratuS trägt ? Gin Autor, ber uns nur burch bieS eine Sieb befannt ift, 


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baS i{m jeboch genügenb als einen bemunberungSmürbigen 55)td6tcr unb einen 
ausgezeichneten Vürger erfcfecinen labt! #dtte, nach ben bentroürbigen 3^en 
bei Htdrj, einet bet Dprannentöbter bem 33oIlc ein folcpeS ©ebicpt mie biefeS 
borgetragen; hätte et eS auf ben Verfammlungenam gorunt mitgetheilt obet 
in ben SWunb beS Voltes gelegt, fo mdre bie £errf<haft bet Eäfaren unb ihrer 
Hnpdnget böDig bernicptet morben : mie ich benn feft überzeugt bin, bafj eine 
eingige Stande biefet einfachen ^armobiod^üTlelobie mirlfamer gemefen mdre als 
alle Vpilippifen Eiccro’S.* 

Der blobe Erfolg galt übrigens ben Sitten nicht als üHafiflab füt bie 
> Mechtmd&igteit beS DprannenmorbeS. Die Verfchmörung beS £armobloS unb 
Sriftogeiton gelang, tote man meijj, blo$ §um ^heil. Der Dprann £ippar<h 
fiel; zugleich abet fiel auch £armobioS. ^ippiaS, bet Htitregent, mürbe bann 
beS HufftanbeS Reiftet unb lieb Hriftogeiton eines graufamen DobeS ftcrben* 
Die Dprannei hielt fich auf biefe ffieife noch mehrere gahre. immerhin hatte 
bet DöbtungSberfuch bie äBirtung, ben hertfehenben Despotismus pnfterer unb 
mibtrauifcher gu machen ; unb baS Ergebnijs mar gulept hoch bet galt bet ©e- 
maltherrfchaft unb bie Einführung beS greiftaateS. 

Huch unter ben Hörnern mar es gur Sehre erhoben, bab im galt eines 
beSpotifchen HngriffS auf bie repubtilanifche Verfaffung jeher Söütger jum 
Hinter gegen ben ©efepeSübertreter berufen fei; unb biefeS Hicpicramt auS$u« 
üben ober feine HuSübung menigfteitS ju berfuepen, mar eines jeben greien 
Hecht unb Pflicht. SWan hielt auf Hechtsgefühl, abgefehen oom Erfolg. So 
hat benn bie Dpat beS 23 r ut u S unb E a f f i u S ihre begeifterten gürfpre- 
<her gefunben, menn auch — aus ©rünben, bie hier gu entmideln gu meit 
führen mürbe — bie Döbtung EäfarS nicht bie gotgen hatte, bie fie unter an- 
bereit Umftdnben gehabt haben mürbe. Hüe freiheitliebenben ScbriftfteHer jenes 
geitalterS tommen barin überein, bie Vernichtung bon Unterbrüdcrn als ein 
lobenSmertheS Unternehmen gn preifen. git einem ber Vriefe beS VrutuS 
mirb bie Heufecrung ihm in ben Htunb gelegt, bab er gum Scpupe ber greiheit 
„feinen Vater mieber töbten mürbe, menn er auf bie Erbe gurüdfehrte.* 

SBie in ber tlaffifch-roniifchen, fo ftnbet fiep in ber italienifcben Siteratur 
bei HlittelalterS bis auf bie neuefte Seit herab ein reichhaltiges SHaterial gu 
©unften ber Sehre bon ber Verechtigung beS DprannenmorbeS. HuS Vetrarca 
unb Htaccpiabell, aus bem gelehrten Hturatori, aus JHonti, Sllfieri, Ugo goS- 
colo u. f. m. tönnten Stellen citirt merben. Unter ben Deutfcpen ber Hcugeit 
feien gerbet, Seffing, Schiller, gean Sßaul unb $(aten genannt. Unter ben 
grangofen : SJtonteSquieu, Houffeau, Victor £>ugo unb Slnbere. Unter ben 
Euglduberu : SHilton, Sllgernon Sibnep, Sibmouth, Eobbett, Vpron unb 
DiSraeli, b. h* gut Seit als ber Septere noch rabital mar. Damals fang biefer, 
fpdter gum Dorp umgemanbelte SHann ein prächtiges Soblieb auf ben Dolch 
beS HönterS unb ben Vfeil beS Schweizer SanbmanneS. 3a, auf alle 3eiten 
hinaus fprach DiSraeli ben Segen über bie Dapfern, bie mit entfcploffenem 
Stob ipr Vaterlanb bon Unterbrüdern befreien: 


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189 


„Blessed be the handtliat dares towield 
The Begicidal Steel that shall redeein 
A nation’s euffering with a tyrant’s blood !” 

Seitbem Senjamin ®iiraeli oon biefer alten, tugenbhaften Slnftauung 
abgefallen, hat er fit freilich jum Stafctanjler ghrer SJtajejtät in £orb*GabU 
netten unb $um Sertheibiger aller SWijsbräute qualifijirt. 

®ie englifte Literatur ift aujjerorbentlit reich an Sleufjerungen §u ©un* 
ften ber IHettmäJjigleit bei Sprannenmorbei, ®rei Schriften 2JWton’i (Icono- 
clastes; The Defence of the People of England; unb The Tenure f 
of Kings and Magistrates) enthalten eine gunbgrube non träftigen Stel¬ 
len, 3n ber letztgenannten Schrift bemeift Litton, „bafj ei gefehlt ift unb 
in allen 3*italtern für gefegt gehalten würbe, ba& geber, ber bie SÖtachtbaju 
hat, einen Scannen ober {(hielten flönig jur IHetenftaft giehen", ja, „ihn 
oorn 2eben jum £obe bringen bürfe, wenn bie gewöhnlite 2)tagiftratur ihre 
Pflicht ju thun oerfäumt hat ober fie ju thnn fit' weigert." „®ai", fagt 
2Jtilton, „befenne ich frei ali wefentliten &heil meinei ©laubenibetenntniffei, 
bah, wenn ei irgenb einen dürften giebt, auf beffen Befehl maffenhafte 2Refce* 
leien gegen feine getreuen Untertanen auigeführt würben — mag er tföuig* 
Styann ober flaifer fein: bai Stwert ber ©erettigleit ift über ihm ; unb in 
treffen $anb genügenbe 2Jia<ht gefunben wirb, um biefe ®ergie|ung ftulblo* * 
fen ©lutei ju raten: ber hat bai IRedbt, bai Stwert ber ©erettigleit ju 
gebrauten." „®ie ©rieten unb fitömer", fährt 2ftilton fort, „wie ihre 
hauptfätlitflen Striftfteüer bezeugen, hielten ei nitt bloi für gefefcmäfjig, 
fonbcrn für eine ruhmreite unb helbenhafte Xhat, bie man öffentlit mit ©ilb* 
faulen unb ©lumengewinben belohnte, einen infamen ^rannen gu jeher 3eit, 
unb ohne Urtheil, niebergumaten (to kill an infamous tyrant at every 
tim© without trial); unb ei ift nur rett unb billig, bafi ®er, weiter aüei 
©efefc mit güfjen tritt, nitt bie ffioffithat bei ©efe(jei genießen folle. ®iei, 
fagt SJtilton, ift fo wahr, bafj Scneca, ber £rauerfpielbitter, ben £ertulei 
(in englifter Ueberfebung) mit folgenben SBorten einführt: 

„There can be elain 
Ko sacrifice to God more acceptable 
Th an an nnjust and wicked King “ 


3t gehe über gabireite ältere englifte Sleufierungen hinweg unb auf ben 
liberalen Stnftfteller SBilliam Gobbctt über, ber bei ©elegenbeit eiitei auf 
Napoleon I. gematten $5btungioerfutei golgcnbei ftrieb : — „®ie 2age 
bei Gorfen gegenüber ben grangofen gleitt berjenigen einei SRäuberi (burglar) 
gegenüber bem £errn bei $aufei, in bai er eingebroten; unb wer oon uni 
würbe nitt b$m Sturlen, ber einen Ginbrut unb einen ®iebftahl bei uni 
oerfutte, gern bai ©ehirn auiblafcn ?" Unb ferner: „derjenige würbe ein 
ebelbergiger grangofe, ein wahrer greunb feinei Sanbei fein, ber bie Grbe oon 
einem Scannen befreien würbe, auf beffen ©ewijfen eine folte gluth oon 


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190 


Blut (aßet. 41 Sn anberer Stelle führt dobbett aul, baß »bal ftanzöfifche 
Bol?, gemäß ben aflgemein angenommenen ©efefcen bei Ariegel, ein unjmeU 
felbaftel [Recht habe, Bonaparte ju töbten. 11 

3n unferen Sagen finben mir ben unlängß beworbenen SBatter Sabage 
Sanbot all einen $rebiger bei Sprannenmorbel, ben er all „gerechtfertigte 
unb preilmürbige Söbtung* bon assassination unterfdjeibet. dt erfldrte 
fogar bie Söbtung Bomba'l unb anberer fürftUcben Ungeheuer, mit Karaenl- 
nennung, a(l ein verbienftlichel SEBert, unb bot su beffen görbetung einen 
Sbeil ber nötigen ©elbmittel. 

dl märe ein Seichtel, aul ber neueren ©efchichte unb Siteratur dnglanbl 
noch eine 2J?enge Beifpiele an$ufübten, bic barauf hinmeifen, baß bie IRechtfer« 
tigung ber Sprannentöbtung bon ben gebiibetften fllaffen biefel, bem gefepli- 
eben gortfchritt bufbigenben Sanbel all ein Iobenlmertber politifcher ©runbfap 
angenommen morben iß — mal auch in einzelnen gällen heutzutage bon ben 
gührern ber öffentlichen Meinung in dnglanb gejagt merben mag. Suf ben 
englifeben Eochjchulen iß bal „gut unb 2Biber" in Bc$ug auf bie Sieberma* 
chung däfaril unb bie ßiedjtmäßigleit ber Einrichtung Garl’l bei drften ein 
ftebenbel Sbema. Unb el braucht taum gefagt $u merben, baß bei ber Sb* 
ßimmung faß immer bal „g ü x* bie 2Jtebrbeit bat. 

3u grantreich fibergebenb, mag bemertt merben, baß bie bortigeSileratur, 
Zumal feit ber SDlitte bei 17ten 3abrbunbertl, eine SRenge Snfpielungen auf* 
meift, melche bie gemaltfame Sulroltung von Unterbrüdern rechtfertigen, grau* 
jöfifepe Sichter unb Sßrofaiter metteifern in ber Snpreifung ber je$t fo vielfach 
geächteten Sehre. Selbft ein äRontclquieu nannte ben Sngriff auf bal Sehen 
ber Selpoten eine % ugenb, bie fich vergeffe, um fi<b felbß ju über* 
treffen ; unb et fragt, mie el benn möglich fei, eine Ufurpation, bie aüc 
©efepelorbnung ju Sichtl gemacht uitb außer SBirtfamteit gefept habe, anberl 
Zu (trafen, all burch eine Söbtung ? 

3n fraitjößfcben Schriftßellern ber revolutionären IRicbtnng ßnbet ß<h 
natürlich Material genug für ben vorliegenben 3roecf. Sber felbß Mattel, bie 
anertannte Sutorität im Bölterrechte, fchrieb : „SBenn ein gürft gut ©eißet 
bei Staatei mirb, fo entmürbigt er fiep felbß ; er ift bann nicht befjer, all ein 
öffentlicher geinb, gegen ben bie Nation (ich vertpeibigen barf unb f oll; unb menn 
er feine Sprannei auf ben bbcbßen ©ipfel erhoben bat, marum foüte bal Seben 
einel fo graitfamen unb treulofen geinbel ber ©efeüjchaft gefchont merben ?* 
Sn anberer Stelle bezeichnet Mattel einen Ufurpator all einen „geinb bei ©c« 
mcinmefenl unb eine $cft ber SMenßhfccit - — eine Eßeft, bie man ihrem dpa* 
ratter gemäß bchanbcln muffe, 

Soch ber Stoff mäepf t mir unter ber .ftanb, unb ich mid habet blol noch 
ermähnen, baß ffch in unferen eigenen großen Scbriftitellcrn unb Sichtern nicht 
minber zahlreiche Steden für bic Berechtigung bei Spranncnmorbcl ßnben. 
Eerber nennt in feinen „^ten gut ©ejehichte ber SDkufchhcit" ten Solch bie 
„traurige, aber nothmenbige 3 ll ßucpt aller Ungludliüjcn. 44 3ean ^aufl 





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191 


fchtoärmerifche Kilbe fchredt nicht bor ber 2ebre §urü<! ; er ergebt bie entfd>Iof- 
fene 3$at ber altrömifchen SJerfchmorenen als preiSroürbig, bc$ StacheifernS 
»ertb. Gr giebt babei eine ©rcnglinic jmiichen ben potitifcben üöbtungen, bie 
bon ber £anb eines greibeitSfreunbeS gegeben, unb benen, bie einer beSpotU 
fdjen Stbficht ihren Urfprung rerbanten. 3wf#*n ibnen, fagt er, fei „ein 
Unterfchieb tote §mifcben %ugenb unb Verbrechen.* 

34 brauche auf G4iffer nicht binjumeifen. 3)afj ber Serfu4 beS jungen 
Stapl, 2>eutf4lanb bon bem 3<>4e StapoleonS §u befreien, unb bie fpätere 
$bat Sanb’S bei bieten unferer ©elebrten ber bamatigen 3*it ^Billigung fanb, 
barf a(S befannt borauSgefept »erben. $(aten fang in feinem Unteurbifchtn 
Gbor (ißotentieber); 

Stun febtoingt bie Spangen, 

3br gurien affe; 

3erftort bem fflürger 
3)er beiten Bürger 
3tb»ebe 2uft, 

Unb fept bie flraffe 
3bm auf bie ®ruft I 

JJfor mögt ereilen 
5)aS Ungetbüm 
Kit Garen Pfeilen ; 

3b* mögt umfpannen 
3m Step ben Gber 
3)en Äettenmeber 
S)er Sclaberci! 

3br mifet, Scannen 
6inb bügelfrei. 

8um S4tu6 nur tto4 eine Stelle aus einem neueffen frang5ftfd>en Siebter. 
3« feinen „Ch&timents“ (XY Le Bord de la Mer) l&ftt Victor #ugo 
baS Schmcrt, ben Keilenftein, baS ©rab, baS babineilenbe Schiff am £orijont, 
ben ffBinb, eine Stimme in ber 2uft, baS Keer, bie Grbe, bie ©erechtigteit, bie 
greibeit, ben Gibfchmur, baS Vaterlanb, affe, affe nach ber Grmorbung beS 
Xprannen rufen. 

2)aS 35atertaub. 

ÜUein Sohn ! ich bin in Äetten. Kein Sohn, ich bin beine Kutter ♦ 

2tuS meines ÄerterS $iefe ftreef ich bie Srme nach bir ! 

h a r m o b i u 9. 

2Bie! in ber Stacht, bei ber ßeimtebr, ihn ju erbolchen? 

2Bie, unter fchwarjem £imme(, im Slngefuht enbtofer Keere? 

Vor biefem buntein, fchredtichen Ubgrunb, 

3m Schatten biefer Unenblicpfeit. 

Soll ich baS Gifen mit feinem Saute rötben ? 


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192 


3>aS©emiffen. 

Tu faitnfl biefcn SJlenfcben in Slube tobten ! 

(Tu peux tuer cet homme avcc tranquillitä !) 

$ier ftnb in Aürge bie Ticbter unb Genfer angebeutet, mit benen mein 
Sohn fi<b in Uebereinftimmung muhte, als er, ber (Singelne, es unternahm, 
ben tlngetteler eines bon ber Nation »erflucbten, bon ber Nation aber nicht 
berbinberten ArtegeS nach AriegSrecbt gu belangen. Tab über baS Siecht, bie 
Tyrannen su tobten, auch einige ber greibeitspartei nicht angeb&rige ober 
feinbiiebe Scanner gefebrieben buben — toaS fiebt baS uns an ? Slucb unfere 
2Biberfa<ber febreiben ft<b baS Recht ber Ariegfübrung unb ber gnfurrection §u, 
unb ihre Ariege unb Slufftdnbe fmb oft nichts als ungeheure Verbrechen. 2BeiI 
bem aber fo ift, toirb babureb baS Siecht eines VolteS, baS Stecht eines 
Seinen, fi<b burdb Arieg, Erhebung ober mutbige Slngriffstbat gegen bie ©eroalU 
berrfebaft su mehren, irgenbmie geminbert ? Ober barf es geftattet fein, ein 
gmeifelbafteS Siebtauf folcbe freiheitliche £anblungen gu merfen? 

3<b meinerfeitS »erbe fortfabren, auch in ber $olitil gmifeben St e cb t unb 
U n t e cb t gu unterfebeiben, unb trügen nicht alle 3ei<ben, fo ftnb bie pr aU 
tifeben Slmerifaner gerabe eben jept baran, einen jebarfen Strich gmifeben ben 
SBeiben gu sieben unb hoffentlich ein ©yempel gu ftatuiren. 2Bir in ©uropa 
gumal haben noch manchen barten Aampf gu täntpfen ; ba labt uns beim mij* 
fen, mer greunb, toer geinb ; maS bie gähne, roaS ber ©runbfap. Ohne folcbe 
Unterfcbeibung ift ber Aampf beS Opfers nicht mertb ; ohne Opfer aber leine 
SluSfubt auf Sieg ! 


3icbcnl)unt>crt ^teilen in ber £ta0t. 

(SSon Oregon nacb (Kalifornien.) 

JoUTl(liW>ct|noflWt>bif<be ©ttjje son Jfieotor Slrdj^ofT. 


I. 


G« war gegen ba« (Snbe be« 2Ronat« October 186&, al« i«b, na«b einet 
Stbwefenbeit von über jroei fahren, vom oberen Columbia wieber in ber Stabt 
gjortlanb im Staate Oregon anlangte, von wo au« i<b über Sanb mit ber 
Stage nacb San gtanciäco ju reifen gebaute. 

3mei Sabre ftnb eine lange 3*it in Slmerita. Sie Gntwidelung von 
Sänbetn unb Stdbten («breitet faft überall auf biefem (Kontinente mit folcb 
reifjenber 6<bneUigtfit voran, ba| ber Sieifeube, welcher ibm bereit« belannte 
©egenben wieber befu«bt, oft febon na«b einer lürjeren Slbwefenbeit, al« bie 
oben genannte, bie alten ©renjfteine laum wieber erlennt. 2>iefe« galt 
au«b in meinem gälte in bebeutenbem SWa&ftabe von ber Stabt ißortlanb, 
welche feit meiner jweijdbrigen Slbwefenbeit ein gro&ftäbtifdjea JMeib angesogen 
batte. Sin ben $auptftrafsen waren neue unb ftaUlicbe Steingebdube in ganzen 


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193 


Aeiben gleiifant auS bcrtt ©oben empbrgemachfen. $aS elenbe, auS fchiefen 
SBretterbobfen gebaute $olzpf(after machte fchncll einer neuen unb eleganten 
Ißflafterung aus bemfelben Material $lafj, melcbeS aus SSürfeln beftanb 
unb, bureb eine Aspbaltmaffe bießt oerlittet, in regelmäßigen giguren nie- 
bergelegt marb, — eine Art ber Sßffofterung, melche ftch in mebreren älteren 
Stabten ber Union, j. 93. in Chicago, bereits als feßr praltiich etmiefen bat. 
3)aS gefchäftSmäßige (betriebe in ben Straßen unb ber reiche SBaareninbalt 
ber gefebmadood eingerichteten Stores malten auf einen gremben einen äußerft 
nortbeilbaften dinbrud. 

23alb b^ttc ich eS mir in bem großftäbtifdjen £otel bequem gemacht, mo 
bte elegant gefleibeten Aegeraufroärter ein menig elegantes granzößfeh fpra* 
d?en, unb mir für fünf jig Dollars in ®olb ein £idet oerfeßafften. Sechs Sage 
unb fecbS Aäcbte ohne Aaft unb Aufenthalt in ber Stage ji^ubringen, bot 
aderbingS menig dinlabenbeS; aber ich toar ftcher, oicl AettcS unb gnterejfanteS 
auf biefer SHeife ju feben, toeSbalb ich biefe Aoute ber mir bereits betannten jur 
See oorjog. 

dS mar ber 25fte beS Monats October, als ich Borgens um fechS Ubr 
auf bem ßutfeßerbode ber mit oier ^ferbett befpannten Stage ^lafc nahm unb 
^ortlanb Sebemobl fagte. 93alb batten mir bie Stabt hinter uns unb luftig 
trabte unfer 93iergefpann gen Süben, baS Sbat beS SBidametteflujfeS hinauf* 
unb bem fernen golbenen Sb^e entgegeneilenb. 

Silberner Aeif, ber erfte groft beS bieSjäbrigen SBinterS, lag auf ben 
®räfem unb grünen Sträuchern nabe uns am SBege, unb ein lübter Aorbminb 
jagte bie drftlinge golbener 93lätter oon ben hoben dichen fpielenb oor uns 
auf ber fttnbftraße bin, 3« ber Sbat, eS mar recht minterlich lübl, fo baß ich 
mäbrenb ber erßen Stunbe uhfereF$abrt meine Oregon*2öodenbede febr com* , 
fortabel fanb. 93alb gemäiin^ bii fetmne bie Oberbanb über ben minterlichen 
Suftbauch, ber 2Binb legte ftch unb baS Söetter mürbe munberfeßön. 

Manchen 93lid marf ich linier #anb, feitmärtS hinter mich, too bte gemal* 
tige, fchneegelronte Jtuppe beS an 14,000 guß hoben HJtount St. £elenS rna* 
jeftätifch in ben blamn Aetber ragte unb mir ein Sebemohl bom grünHchen 
dolumbia nachjurufen feßien. 3br gegenüber, meiter nach Süben unb uns 
gerabe jur Sutten, ftanb ber alte, um mehrere taufenb guß höhere SWount £joob, 
eine blibenbe, gen £immel ragenbe disppramibe, mäbrenb ddount Aamier, 
ein Sergtoloß bon über 14,000 guß £öße, fein breites Schneebaupt ge¬ 
legentlich hinter bem fchönen ÜJlount 6t. £elenS herborftredte, als ob er uns 
neugierig nachfchaute. 

2Rit mie ganj anberen Augen betrachtete ich jene leuchtenben ®ipfel, als 
fte bor jmei gabren $um erften 9Me bor mir ftanben, auf ein mir noch unbe¬ 
kanntes, fabelhaftes Sanb hinmeifenb, baS Ultima Xbule ber dibitifation beS 
neunzehnten gaßrbunberts! Schnell babingeroflt fmb bie gabre, reich an 
®eifteSfreuben unb feltenen Abentbenern, unb bie Aamen unb ffiunber jener 
entlegenen Sänber, an beren Schmede biefe 93ergtolojfe ftehen, fmb mir |U 


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194 


etwas Slfltäglicbcm geworben. Ob ich euch je wieberbegrüßen werbe, ihr äReiftcr« 
Werfe beS ewigen Slrcbiteften ? Ser fönnte foldje grage auch nur annäßernb 
beantworten in biefet Spanne irbifeben TafeinS? Siber bergeffen werbe ich 
cucb nimmer. Seucbtenbe Teuffteine joQt ibr mir bleiben im $eiligtbume ber 
Giinnerung, unb in entlegenen 3onen will id? oft noch an ben jwifeben euren 
febneegefrönten gelfenmauern binbraufenben SHiefenftrom beS unerforfebten 
Oregon benfen, ber mir golbene ©ilbjr im Scbmude ber ^eimatß aus feinen 
grünlichen Sellen in bie Seele fpiegelte. 

Tie Sanbftraße, auf ber wir binfuhten, führte bureb eine nach amerifani« 
(eben Gegriffen wobl angebaute ©egenb, in ber ©rärie, Salb unb farmen mit 
einanber abwecbfelten. ©efonberS zahlreich waren bie Obftgärten, aus benen 
ein unerfdjöpflicber ©orratb bon grüebten, inSbefonbere bou Slepfcln, auf bie 
SMärfte bon ©ortlanb unb San Francisco gefanbt wirb. Sie ergiebig bie 
bieSjäbrige Grnte gewefen fein mußte, betbeutlicbte mir ein großer, mit löftli* 
eben rotßbadigen Slepfeln belabener ©auernwagen, ber bor einem am Sege 
gelegenen Scbweineftalle feicU unb beffen 3n^alt als gütterung in ben Schwei« 
nefoben gefcbaufelt warb« ©item mit mir reifenbeu Gtolbgräber aus bem 
Territorium Montana, wo folcbe Slcpfel §u J Dollar baS Stüd bertauf* 
werben, febien biefe ©erfebwenbung ber eblen geuebt unberantwortli^er Seicht« 
fmn ju fein« 

TaS Tßal beS SillamettefluffeS ift baS bebeutenbffe unb probuctibfte beS 
äußerften amerifanifchen 9torbweftenS, unb als folcßeS auch in ben älteren 
Staaten ber Union ziemlich befannt. Ter Sillamettefluß, mit einem Strom« 
lauf bon etwa 180 englifeben DHeilen Sänge, entfpringt in ber ©ergtutte ber 
GaScabe SRange. Sforbwärts ftrömenb, ergießt er ficb, naeßbem er ein außer# 
orbentlicb fruchtbares Thal butcbjogeit, in ben Golumbia, etwa einbunbert eng« 
lifebe ÜUeilen oberhalb beffen SWünbung, unb ift für Heinere Tatnpfer auf einer 
Strede bon bunbert Ste len febiffbar. 

TaS bom Sillamettefluß burebftrömte Thal bat# wie bereits bemerft, einen 
außerorbentlicb ergiebigen ©oben unb ift tbeilS mit herrlichen Salbungen 
bebedt, tbeilS birgt es auSgebehnte ©rärieen. Tie bebeutenbfte ber Septeren 
erftredt fidh, hier Steilen (üblich bon Oregon Gitp beginuenb, bis nach Spen« 
cer’S ©utte, 96 SWeilen in Sänge, pti einer ©reite bon 20 bis ju 70 ©teilen 
beS fruebtbarften ©obenS. Ter füblicbe Tbeil beS TßaleS befteßt meiftenS aus 
©rärie. 3wifcben bem gluß unb ber Goaft 9tonge ift fie bon 20 bis zu 40 
teilen breit, gm Often wirb baS Thal bon ber GaScabe', im Säften bon ber 
Goaft Btange begrenzt. Tie Slbßänge biefef ©erge ftnb überall mit reichem 
©aummucbS, namentlich bon liefern (fir), bebedt unb bureb zahlreiche Seiten# 
thäler leicht zugänglich. 

TaS Klima beS Siffamettetßals ift ein außerorbentlicb milbeS. Schnee 
unb Gis fleht man tm Sinter nur feiten, unb wenn ber ©oben beS Nachts ge« 
friert, fo tßaut bie Sonne ihn ficberlicb am folgenben Tage bis ©tittag wieber 
auf. Senn man bie hoho nörblicbe Sage DiefeS TßaleS betrachtet, welches 





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195 


gwifchen bem 44Pen unb 46pen (Stab nörblicher ©reite liegt, fo ift ein folched 
gemäßigte* Älima in ©ergleich gu ben unter berauben ©reitengrabe Iiegenben 
Säubern am ©tlantiphen ©teere bemertendroerth* Siefed ift jeboch mehr ober 
weniger mit allen Äüpenlänbern am nörblichen Stillen Ocean ber gafl, unb 
läßt ftcb auf folgenbe ©Seife ertlären: 

Sowohl bie Kadcabe* ©ebirge ald beren f üb liebe ©udtäufer, bie Siena 
©eoaba, babeu eine Dichtung oon ©orb nach Süb, mit einer ftarten ©ogen* 
fchwenfung nach ©Seft, bei einer £öhe oon burcbfchnittlich 8000 bid gu 10,000 
gup, bie pcb in einzelnen ©ipfeln ber Kadcabe* ©ebirge bid gn ber enormen 
$öbe oon 18,000 gup fteigert. Sie Staaten Kalifornien unb bad weftlicbe 
Oregon, fowie ein großer Sbeil beiS Territorium* ©Safpington liegen weftlich 
oon biefen £öhengügen, welcbe pch im korben, am ©ring ©Silliam Sunb, im 
60ften ©reitengrabe an ben ©ropen Ocean lebnen. Sie oon ben ©olarlänbem 
fommeubeu eifigen ©orbwinbe treffen biefe ©ebirgdgüge auf ihrem inneren, 
concaoen ©ogenabbange unb toerben in bie öftlicp gelegenen ©lateaud, groiieben 
ihnen uuo ben ihnen parallel laufenben gelfengebirgen, abgeleitet* ©Säprenb 
fo biefe ©ebirge gleicbfam einen Scbilb für bie ßüftenlänbec am Stillen ©leere 
gegen ben eifigen Sufthauch bed ©orbend bilben, leiten fie gu gleicher geit bie 
mit geueptigfeit gefebtoängerten lauen Sübweftioinbe norbwärtd an ihren w eft^ 
liehen Abhängen hin* 

Kin ber ©egetation auperorbentlicp günftiged unb feuchtooarmed filima 
ip hier bie golge biefer Suftftrömungen, wogegen bie öftlicp oon ben genannten 
©ebirgdgügen Iiegenben Sänber, ben ©orbroinben offen unb oon bem über bad 
StiUe ©leer fliepenben feuchten Suftftrome audgefchloffen, patt ber grünen 
Tpälcr unb bed üppigen ©radwuchfed ber ßüftenlänber mit nur wenigen ©ud* 
nahmen — wo gefebüßte Tpäler liegen — eine bürre, oon ©egetation ent* 
blöpte ©ergwüfte bilben, in benen troefene gieberpiße im Sommer uno pbirifepe 
Temperatur im ©Sinter bie wiberwärtigften tlinntifcben ©erhältniffe geigen, 
welche, fo weit meine Erfahrung reicht, nur irgenbwo auf Krben gu puben finb. 

©Id befoubere meteorologifcbe ©lertmürbigteit will ich hier beiläufig er* 
wähnen, bap ed weftlicb oon ben gelfengebirgen — wenigftend in Oregon — 
nie bonnert. 2)anteefpefulanten mit ©lißableitern haben bereite gu ihrem Schaben 
biefe Kutbedung gemacht unb oernteiben fortan biefe Sänber aufd Sorgfältigfte. 
©Sährenb meined gweijäbrigen ©ufenthaltd in Oregon habe ich nie ein ©e* 
Witter beobachtet* 

Sad im ©Siüamettethale herrfebenbe fllima ip bem bed mittleren ©eorgia, 
unterm 33ften ©rab, gleich* ©Sährenb ber ©Sintermonate, hi« &ie ©auptre* 
gefeit, pnb £ügel, Tbäler unb ©rärieen mit bem faftigften ©rüu betleibet* 
©intoieh unb ©ferbe laufen bad gahr über im greieu umher unb pnben hin* 
reichenben Sebendunterpalt gu jeber gahredjeit. 

Siefed fianb ift bie greube ber ©ärtner. ©üe ©rten oon ©emüfe unb 
grüchten gebeihen iu r d ©iefenhafte, ähnlich wie in Kalifornien* ©üben oon 
26 3od im Umfange, bie oon 15 bid gu 16 ©funb wiegen, fmb etwad 



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196 


©ewöbnlicbeS. Kartoffeln läßt man in bet Siegel ruhig in bet (Erbe liegen, wo 
fie gemacbfen fmb, unb gräbt fie mitten im Sinter je nach 93ebatf aus, ohne 
befurchten §u müffen, fie würben erfrieren. Kohl blüht mitten im Sinter, 
wnb 3roiebeln, Siabiefe, Spargel, Kreffe unb ähnliche ©artenfrüebte waebfen 
üppig im 2)ecember. 3m Slnbau beS SeijenS leiftet biefeS 2anb fo »iel wie 
eins in ben Bereinigten Staaten, ©erfte, $afer, (Erbfen unb Söhnen, Kür* 
biffe unb Blelonen, unb namentlich alle Wirten non Obft gebeiben auf’s 93efte. 
Unter Septgenanntem liefert bie Slepfelernte, wie bereits früher erwähnt, einen 
SJiaffenertrag, bet an’S Unglaubliche grenjt. SJiaiS bagegen gebest hier nur 
mittelmäjiig, wabrf<heinli<h in golge fallet Stacbtwinbe, welche non ben nahen 
Schneebergen berühren. 

©S regnet im SBillamettethale fehr ntel, man möchte fagen, juniel; na# 
mentlich im Sinter, ju welcher SabrcSjeit baS Sicgenmetter oft faft ununter# 
brochen monatelang anhält. 3 m Sommer bagegen finb Siegenfcbauer feltcner, 
fo bafi baS (Einbringen ber (Ernten *burch biefelbeu nicht beeinträchtigt wirb. 
S)er Siegen fcheint ben Bewohnern biefeS £balc3 3 um SebenSbebürfnifi gemor# 
ben 3 U fein« 3hren ©cficbtSsügen bat er ben Stempel ber Schwerfäiligleit 
'aufgebrüdt, bie fich auch in allen ihren Bewegungen lunb giebt* Sieben ber 
lebenbigen unb thatlräftigen Beoölferung ber nahen Biinenlänber haben bie 
Webfeet (Scbmimmfüfjlet), wie bie Bewohner beS SiHameitetbaleS »eräebt* 
lieber Seife »on ihren fenfeits ber GaScabe*Bergc wohnenben oregonifchen 
Brübern genannt werben, mehr ben Slnfcbein pflegmatifcper ßoHäuber, als 
bon Spröfclingcn berfelben angelfäcbRfcben Siace wie 3*ne. Gbaralteriftifch ift 
bie Inauferige ©enauigteit ber Webfeet in $anbel unb Sanbel, was ben le# 
benSfrohen unb freigebigen alten califomifchen©olbgräbern ein wahrer ©räuel ift. 

3hr fruchtbares £bal ift bie Kornfammer ber nörblichen SJiinenbiftrifte, 
bom öftlicben Oregon bis nach 3M?o, Sontana unb Kariboo, hin, beren Be# 
wohnet ohne ihre Webfoot=£ieferanten bor junger umtommen münten. 
gasreiche 3)ampfntüblen probuciren ein borjüglicbeS Sehl, welches in Säcfen 
bon je 50 $funb bon ben g e ^n 9 ebirgen bis nach San Francisco hin ber# 
fchifft wirb. 

SDie Biehsucbt ift bebeutenb. Bferbe unb Saulefel werben für ben SranS* 
portbebarf ber Sinen, wohin bie Saaten mciftenS auf Badthieren beförbert 
werben, 3 ahlrei<h gesogen. Siinbmeh fxeht man jebeS grübjabr in enblofen 
3ügen, ebenfalls nach ben SJiinen, baS $hal beS Golumbia hinaufwanbern. 
S)ie auSgejeidmeten Seibegrünbe am Sillametteflufie machen biefen 3n>eig 
ber Biebjuit befonberS belohnen». 2lu<h bie Scbafjucbt ift bebeutenb, unb 
SBoßenfabrilen »erarbeiten im fianbe bie gewonnene Solle in $eden unb 
Suche, welche in ben Sinen fepr gefuebt finb. 

Obgleich nun bie Bewohner biefeS gefegneten SbaleS baS 3brige |u thun 
febeinen, aus ber Korulammer OregonS guten Stupen §u sieben, fo wirb boch 
baS alte Sprichwort: w 31ur immer langfant poran!* bei ihnen in hohen (Ehren 
gehalten, woran feboch wohl nur ber unoermeibliche Siegen Scpulb hat. Unfer 


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flutfcher, ein ergrautet Schtmmmfü&ler, fchien entfliehen non bcmfelben ©runb* 
faße befeelt $u fein unb eS für Tierquälerei ju galten, fein Viergefpann felbft 
auf bem beften SBege in einen fchlanten Tab ju fefcen. Stichelnbc Vemer* 
lungen meinerfeitS batten nicht ben geringften ©rfolg, feinen ©hrgeij anjufpor* 
nen. SlfS idb ibnt er$ählte, wie bie californifdjen Stagetutfcher immer nur im 
©allopp führen, bemertte er, bajj baS 2eben bort wohl nicht Diel werth fei. 37tch* 
rere mit uns reifenbe ©olbjäger, worunter zwei au$ bem Territorium Montana, 
bie eine etwa 60 Vfunb fcpwere, mit ©olbftaub gefüllte Atolle bei fich führ*» 
ten, toutben burch unfern pflegmatifchen ßutfeher febr bitter geftimmt unb be* 
merften, bafj man in SJiotitana folcbe träge fiutfeher fehr halb lebenbig machen, 
ober, falls biefelben unoerbefferlich feien, fxe als nußlofe SKitglieber ber menfeh« 
liehen ©efeüfchaft aus bem 2anbe jagen würbe. 

3m langfameit Stritt ging’S weiter, bis wir uns am frühen Vormittage 
bem comantifch gelegenen Stäbtchen Oregon ©itp näherten. Tiefe Stabt liegt 
an ben fogenannten gällen beS SBittamettefluffeS, welche bie Schifffahrt hier 
unterbrechen. Um baS Umlaben gwifchcn ben obern unb untern Tampferli* 
nien, welche ben 2BilIametteflu& befahren, ju erleichtern, war man eifrig be* 
fchäftigt, einen ©anal burch biefe Untiefen §u fprengen. 2Bo baS SBaffcr un«* 
terhalb bet fjälle am tiefften, foßte ber ©anal burch eine üffiebre gefperrt wer* 
ben, fo bafi bie obern unb untern Tampfer ft<b bafelbft begegnen unb, nur oon 
ber SBehre getrennt unb ber eine Tampfer um mehrere gufj h%r als ber an*» 
bere liegenb, ihre gracht umlaben lönnten, inbefj ber glufi fich weiter nach linlS 
hin für feine ^auptwaffermaffe einen-ffleg über bie Untiefen fuche. TaS 
SBerl hatte für mich Diel 3ntereffe unb fchien mir eines praftifchen ©rfolgeS 
flehet ju fein. Sin ber Stelle beS projectirten GanalS würbe baS Sßaffer, um 
bie fortjufprengenben gelfen im Stoffe bloSjulegen, burch temporär erbaute 
Tämme feitwärtS abgeleitet, unb SllleS war 2eben unb Thätigleit ini unb am 
gluffe. 

Tie Umgebungen biefer Stromfchnellen, Don ben Slmeritanern höchft un* 
paffenb „bie großen gälle beS SBiUamette" genannt, ftnb fehr romantifch. £ohe 
gelsfagaben treten am rechten Stromufer ganz nahe an’S SBaffer heran, fo ba& 
man burch Sprengungen einen 2Beg für guhrwerte gewinnen mufjte. ScnfeitS 
beS wilb braufenben gluffeS liegen hohe, mit giepten unb liefern bewachi ene 
Verge. Tie Stabt Oregon ©itp lehnt ft<h Sachen ben gelfen ans rechte 
Stromufer unb giebt bem ganzen ©ernälbe einen lebenbigen Slnftrich. Tie 
hier fo leicht Derwenbbare 22affer!raft hat bereits mehrere gabrifen ins 2eben 
gerufen, unb bie 3utunft biefeS VlafceS ift ohne grage eine bebeutenbe. 

Unferer langfam fahrenben Stage ju gäbe Doraneilenb, marfchirten bie 
meiften ber Sßaffagierc luftig auf ber engen gahrftra&e hin, bie braufenben 
Stromfchnellen zur Siechten in nächfter Stahe Don einer -Stenge im SBaffer 
watenber unb beim Sprengen befchäftigter Slrbeitcr belebt. 211*3 wir aus bem 
©ngpab hcrauStratett, begegnete uns eine 93anbc Don SeiwafcheS (gnbianer) 
beiberlei ©efchlechtS, in zerlumpten Leibern, ju bem Stamme ber GallapopaS 

sS? 



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198 


gehßrenb, melcbe oom Sacblfpeeren famen unb mit mehreren, je Diesig bi! 
fünfgig Ißfunb ferneren Galmen bclabcit maren, melcbe fie nach Oregon Gitp 
auf ben Klarft brauten. 3n ben Ktonaten Ktai unb guni ift bie Sacblernte 
an ben gdlleri, mo bie Salme ficb anftdufen, gang befonberl ergiebig. 3 ,n 
$erbfte'bagegen finb el nur bie Kadftgügler ber ftromauf rüdenben Sacblarmee, 
melcbe hier gefangen merben. 3um nicht getingen Grftaunen meiner Klon* 
tanafreunbe tnüpfte ich mit ben Seimafdjel in ben eupbonifeben flldngen bei 
bon allen gasreichen Stämmen bei äufterften amerifanifeben Korbmefteitl ge* 
fproebenen fogenannten Qargon ein ©efpräcb an, unb oerabfdjiebete mich fcblieft* 
lieb oon bem Sei • i (Slnfubrer ber 93anbe) mit bem Knftanbe eine! £ibalgo. 

SIbmecbfclnb fabrenb unb marfebirenb, halb bureb febattige SBalbungen, 
halb über fonnige Sßrairiecn unb an mobl angebauten garmen, Dbftgärten unb 
freunblidjen Kieberlaffungen oorbei, ging’! bei bem fünften Sßetter munter 
Oormärtl. 3manjig Kleilen föblicb bon Oregon Gitp tarnen mir bur<b einen 
befonberl mobl lultibirten Sanbftricb, fronch prairio genannt, ber feinen 
Kamen nach ben alten frangßfifeben Slnfieblern führt, melcbe bon ber jept ein* 
gegangenen ^eljcompagnie nach Oregon gebracht mürben. Die Klebrgabt 
bcrfelben nahmen ficb Squami gu grauen, unb ihre gnbuftrie befebräntte ficb 
barauf, SBei^en für ben 53ebarf ber oerfebiebenen $often ber Sßelgcompagnie 
angubauen. Die gemixten Kacbfontmen berfelben reben noch ^eut gu Dage 
ein fcblecbtel grangßfifcbr finb gute ßatbolilen unb buben nur menig Umgang 
mit ben Kmeritanern, melcbe ihre gallifcben Kacbbarn all Ginbringlinge febcel 
anfehen. 

2Bir fugten uni auf ber Keife bie 3*it mit bem Kortragen bon 2tben* 
tbeuern aller Krt fo gut mie möglich gu betreiben. Kleine beiben Klontana* 
greunbe ergäblten gern bon ihrer Keife in Damenbegleitung unb mit ben 
©olbfäden fecblhunbert Kleilen bureb bie SBilbniffe, melcbe bon 3 n bianern 
unb road agonts (ber in ben ©olblanben übliche peettfebe Karne für Straften* 
tduber) unlieber gemacht mürben, gang allein per Klaulefel unb nur ihre guten 
£enrp*Kifle! unb Kebolber jur £anb, um ftcb bie mitunter recht läftigen gn* 
biancr bom Seihe gu galten. $n ber Stabt Sirginia, bem £auptorte bei 
Derritorium! Klontana, butten bie friebliebenben Semobner biefel ©olbhafenl 
turg bor ber Slbreife meiner neuen greunbe recht luftige 3*iten gebubt, inbem 
bal bafelbft gu ben ftebenben ©nriebtungen gebörenbe 3>igilang*(Sommittee 
einer Kduberbanbe auf bie Spur gefommen, beren ßauptmann ber Sheriff bei 
Gountpl mar. 2ln einem Sage mürben blol 42 SBanbiten aufgetnüpft, mobon 
ivb bereitl in 2be Dalle! gehört butte. Giner ber ©ebebmten, ein in tbpHi* 
f<bem Stillfein aufterbalb bei Sdrmen! ber Stabt mohnenber road agent, 
batte fub in feinem $aufe berfebangt unb mürbe bafelbft bon ben Sigüanten 
förmlich belagert. Gr bermunbete mehrere feiner Angreifer, melcbe gulefct eine 
alte Kanone berbeifebafften, feine Sefte eine 3«itlang bombarbirten unb all* 
bann ihm bal $aul über bem flopfe angünbeten. Sill er, bon ben glammen 
oerfolgt, in’l greie flüchtete, fingen fie ihn, naebbem fie ihn mit Schöffen oer* 
munbet, unb marfeit ihn fdjlieftlicb in’! geuer, mo er lebenoig oerbrannte. 



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Unter bergleiAen ben ©eift anregenben (Stählungen nebft intereffanten 
Auffcblüffen über bte neu entbedten Blackfoot-SDtinen, »erging bie 3«t 
febnett. als mir eS bauten, zeigten bie länger merbenben 6(batten an, 
bafs betrag fi# feinem (Snbe* entgegenneige, gerabe als mir baS freunbliche 
Salem, bte #auptftabt be$ jungen greiftaateS Oregon, fündig Steilen »on 
[ßortlaitb entfernt, »or uns liegen faben. 

Sie Stabt Salem, melche inmitten einer auSgebehnten Sßrairte liegt, an 
beren öftlichem [Raube ftch bie ©a$cabe*©ebirge, mit ben fchneebebedten «Berg¬ 
riefen «Dtount $oob unt> 9Rount ^efferjon gefrönt, majeftätifch binjieben, erhält 
bttrd) ihre jerftreute Bauart unb §a^lreid^cn ©arten ein freunbli<h4änbliches 
AttSfcben. Sie Strafen ftnb uon ber ÜDlutter SRatur felber mit fauberem ßieS 
gcpflaftert, unb jmei flare [Bäche riefeln lübtenb burch bie Stabt. Auher ben 
nicht itnbebeutenben [RegierungSgebäulichteiten ftnb mehrere anfebnlitbe ga* 
brifen im Ort, meJd?e bem $attbel unb üffianbel einen bebeutenben Auffcbmung 
gegeben haben. 

23alb mieber befanben mir uns auf ber Sanbftrafee, gerabe als bie Sonne 
hinter ben ©ipfeln ber ©oafi [Range fanf unb ben über ben (5aScabe*©ebirgen 
hoch in ben blauen Aetber ragenben fchneebebedten Scheitel be$ 2Rount £oob 
mit einer ©olbtrone fcbmüdte. 

Ohne Aufenthalt ging’s bei ungemütlich lalter fflitterung, moju fleh noch 
ganj unerroartet ein achter webfoot=[Regen gefeilte, bie -Rächt hinburch mei* 
tcr, fo »iel ich im «&albbunfel erlennen fonnte, bur(h eine mobl angebaute 
©egenb. OefterS paffirten mir burch anfehnliche [Rieberlaffungen unb Heinere 
Drtfchaften, unter benen ftch bie Stabt ©ornmaflis befonberS heruorthat. Siefe 
Stabt, melche ihren Flamen nach bem Spanifchen führt, “cor vallis”, ber 
SMittelpunlt beS SbafeS, liegt in bem reichten Siftrift beS AMHamettethaleS, 
auf einer hohen Sßrairie, unb hart am Ufer beS Stromes. [Reiter £anb be- 
merfte ich beutlich bie [Borberge ber ©oaft [Range, melche ftch hier auSnahmS- 
meife bis auf »ier 2Reilen gegen ben glüh in bie $rairie hinauSfchieben. Sie 
©ebirgSfette ber ©oaft [Range liegt hier jmiföen bem SBillamettethale unb bem 
Oceau. Sie erftredt ftch, hei einer [Breite »on 40 bis ju 60 englifdhen 2Reilen, 
»on ber SRünbung beS ©olumbia bis jur S3ai »on San granciSco, ungefähr 
650 ÜReilen, parallel ber flüfte. Stur ber Umpqua^glufs burcbbricht biefe 
Sergfette, mel(he fonft bem IBerfehr jmifchen ben inneren fiüngetbülern »on 
Kalifornien unb bem meftlichen Oregon unb ber Seelüfte faft unüberfteigliche 
^inbemiffe entgegenfteUt. Obgleich man anfehnliche Summen auf ben [Bau 
»on ßanbftrafcen uerfchmenbet hat, ift, aufter auf ber SerbinbungSftrahe burch 
baS Cuerthal beS Umpqua-gluffeS, ber Uebergang bis jefct bo<h nur für $ad- 
thiere ermöglicht morben. 

Sie [Bergfette ber ©oaft [Range befteht nicht aus einem ununterbrochenen 
höhenjuge, mie bie ber 6a$cabe-©ebirge, fonbern »ielmehr ans unzähligen, 
ohne jegliche Orbnung gleichfam burcheinanber gemürfellen [Bergfuppen unb 
Setgtüden, melche »on tiefen ©afionS in allen nur bentbareq [Richtungen 

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burf ff nitten fmb. $ie lofen Steinmoffen, aul beiten biefe Rerglette gebilbet 
toorben, befielen feilS aus Sanbftein, feilS aus folgen, bie ber ßiitwirlung 
bultaniff er geuer unterworfen gewefen futb, unb fmb meiftentbeilS bon einer 
auficrorbentlif fruftbaren rßthlif en Grbe bebedtt, aus ber majeftdtiff e iliefer** 
unb gif tenwdlber eraporfpriefsen. 3)ie bter waf fenben Rdume, rotbe, gelbe 
ttitb weiße liefern (fir), giften (pino), Silbercebern (white cedar), Rcf - 
tannen (sprace), unb unjdhlige Slrten non £aubböl$ern, erreif en loloffale 
2)imenftonen unb werben nur bon ben Sftammutb-Räumen auf ber Sierra 
Siebaba irgenbwo auf ©rben an ©roße fibertroffen. SJtan bat einen bom 
Sturm entwurzelten Äiefembaum gemeffen, ber 338 guß lang war unb am 
untern Stammenbe einen Umfang bon 43 guß batte. Raumtiefen, anff ei- 
nenb feber über 200 guß b»f, Wen oft fo bif t jufammengebrängt ba, baß 
man, namentlitb in ben (Safiong, mitunter SJlübe bat, fi<b jwiif en ben Stäm- 
men hinburf juzwdngen. 

©ne Siaf tfahrt in ber Stage ift eines ber unbermeiblif en Uebel für ben 
Sieifenben, ber bie Sdnber beS fernen SBeftcnS bon Storbamerifa burf ftreift, 
wo baS eiferne Stoß nof eine gäbet ift. greuen lann man ftcb, wenn 
baS gitncre beS SBagenS, baS auf brei Ouerfifcen für fef S unb im StothfaÜ für 
neun ff mäf tige Raffagicre beregnet ift, nif t nof einen 3uwaf S bon einem 
paar 3weihunbertpffinbern erbdlt, in welchem galle eS in ber 2fat erftaunlicb 
ift, wie bie ffmdf tigeren Raffagiere faft in berlorperte Schatten jufamnten- 
februmpfen. 3f batte mir, als bie Staf t bereinbracb, ftatt beS SifceS auf bem 
flutff erbod einen Stfidfifc im 3nnern beS SEBagenS geuomnen, ben i<b mit 
einem alten Refamtten aus ©anpon ©itp tbeilte. 3f wußte aus ©r- 
fabrung, baß auf einem Stüdfty ein 3uwaf S an Sieifenben wenig ju befürf- 
ten ift, inbem berfelbe wegen ber an ftürmifebe Seefahrt unb bie bamit ber- 
bunbenen Uebeln erinnemben fcbaufelnben Rewegung, bon ben meiften Raffa- 
gieren betmicben wirb. 3f war baber §u ber Hoffnung berechtigt, bort 
wenigftenS ab unb zu ein Rierteiftünbcben fcblummern §u fönnen. 

©S wdbrte auch nic^t lange, als ber ßutff er, bereits lange bor SJtittcr- 
nacht, bie ffiagenthür öffnete unb ben Raffagieren lurjweg anbeutete, Rlap für 
brei tarnen ju maf en. SDa wir bereits fieben unb eine halbe Rerfon — ein 
junger Spontaner als halbe ©röße gerechnet — gefaben hatten, fo proteftirten 
wir juerft einftimmig unb auf's geierlichfte gegen einen folchen 3uwaf S uitferer 
gamilie, unb behafteten mit feinblif en Rüden burf ben noch immer heftig 
ftrömenben Stegen bie brei, mit einer Sftenge bon riefigen £utff af teln unb 
unnennbaren Rünbeln auSgerüftcten, bon Stegen tropfelnben, maffib anju- 
ff auenben, belrinolinten unb bewafferfaüten Softer (fba’S. Herren aber 
haben, wie betannt, tarnen gegenüber leine Siechte in Slmerifa, am aller- 
wenrgften in einer Stage. SJteine beiben SJtontana-greunbe, weife pf'S, 
nebft ber halben ©röße, im gonb bequem gemaf t hatten unb eben aus einem 
behagüf en €f lummerf en erwaf ten, würben bou ben brei Steuantömmlingen, 
bie, wie bertappte Stiyen, woblbehaglif, ohne Sf irme, im heftigen Stegen bor 


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201 



ims ftanben* fc&r beftimmt aufgeforbert, ihnen $1aß §u machen, ba fic nid^t 
rüdroärts fahren fönnten. 

2)Jit fehlerem £ergen gaben bie aus fußem Scannte fo unceremontös Gr- 
wedten ihre Päße auf, u?elcbe bie brei SBajferbamen fofort in Sefcßlag nahmen, 
ohne unfere bieberen ©olbgräbec auch nur eines Staates $n mürbigen. S)ie 
halbe ©röße nahmen meiu greunb aus Ganpon Ghp unb meine ©entgleit ln 
ihre SMitte, ba ber unbequeme SÖtittelfiß bereits non brei ©eßmimmfüßtern 
befeßt mar. 

Sa es ein abfoluteS Sing ber Unmöglichfeit mar, unter fo bemanbten 
Umftänben im Snnern beS SBagenS $laß |u finben, fo lletterten bie beiben 
Montaner mit ihrer ferneren Gomtena oben auf bie Stage, mo unter bent 
falten Stegen an Schlaf gar nicht gu benten mar. Slußerbem waren bie bort 
Gantpirenben gezwungen, ein fcharfeS Sluge auf bie gelegentlich gegen baS 
Sach ber Stage anfehfagenben Saumjmeige gu haben. 

3bren Schob ließen fie nie aus ben Slitgen. 2lucß gu ben 2Jlaßfgeiten nahmen 
fte ihre Gomtena regelmäßig mit fuß, Wobei fie biefelbe bor fuß unter ben Sifdj 
legten unb 3eber bie güße barauf ftellte. Solche SSorficßt ift in biefem Sanbe 
burchauS nicht überflüffig, ba eS teineSmegS gu ben Seltenheiten gehört, baß 
einem fo mit ©olb befchmerten Steifenben mitunter auf unertlärliche SBeife un¬ 
terwegs bie Saft beS Metalls erleichtert wirb. Saß jeber fteifenbe, um fuß 
gegen offene ©emalttßätigfeiten in biefen, baS GigenthumSrecht nur oberflächlich 
tefpeftirenben Säubern gu feßüßen, menigftenS einen ßteoober fchußfertig im 
©ürtel fteefen hot, berfteßt fich bon felbft. Unfere beiben 2Jlontana-greunbe 
führten außerbem noch 3*ber einen mit ©olb reich eingelegten £enrb*SHifle mit 
ftch, eine fehredtieße ©affe, aus ber man ein Sußenb Spißfugeln, ohne gu 
laben, fcßnell nach einanber abfeuern fann. Sie Gypreßboten bon ©eUS 
gargo & Go.’S Gjpreß*Gompagnie, welche ben größten $ßeil ber ©olbfcßäße 
bon ben SJtinen nach San granciSco geleiten, firb faft Sille mit folcßen Söucßfen 
bewaffnet, um fuß bie road agents bamit bom Seibe gu halten. 

UnenbUcß froh waren wir, als ber junge Sag bureß Die mit menfcßlicßem 
Sunfte berfcßleierten genfter in’S 3nnere ber Stage blidte, wo bie berfcßlafenen 
Slugen unb bie wäßrenb ber ÜRacßt in unpoetifeße Unorbnung geratenen 2Eaf- 
fetfäüe ber brei ©ragien einen feßr melancßolifcßen Ginbrud machten. ©en 
unter fo bemanbten Umftänben ©ott Slmor mit feinen ScßmergenSpfeilen ber- 
txmnben fann, Sen bebauere ich aufrichtig. Siebe unb eine Steife in ber Stage 
fnb gwei Singe, bie fteß unmöglich bereinbaren laßen. 3 n unferem gatte 
waren wir feelenfrob, als uns bie garten ©efeßöpfe mit ihren £utfcßacßteln unb 
unnennbaren SBünbeln, ihren Grinolinen unb ©ajferfätten, bereits beim näcß* 
fielt Stagewecßfel wieoer berließen. 

Sa uniere 2)lontana«greunbe ihren alten Paß wieber einnaßmen, um. bie 
betlorene JRacßtruße bureß ein Stünbcßen SWorgenfcßfaf wieber eingußolen, fo 
beftußte ich bie ©elegenßeit, ba auch ber Siegen aufgeßört, meinen Paß bon 
XagS guoor beim äutfeßer wieber einguntßmen, nm eine freie unb ungeßinbecte 
Slusfußt 4n’$ greie gu genießen. 


3 


14 


202 


Sie ©egenb, burch melche mit hinfuhren, mat ber vom vorigen Sage 
giemlich ähnlich: Sraitieen unb ^olguitgen, \j\t unb ba mit garnien unb Ob|U 
gärten untermifcht. Stuf ben ©aicabe*©ebirgen ftanb SMouitt $oob mit feinem 
Silberfcheitel immer noch mie ein ricfigcr .^immeliträger majeftätifch ba, hatte 
fleh aber bereit« giemlicb meit nach tüdivärti gezogen, ©in anberer fd&neebe* 
becfter Sergriefe, ben mir bereit« Xagi guvot von Salem aui bemertt, SJtount 
Sefferfon, ftanb uni Unter $anb gerabe gegenüber, unb meiter gegenüber ge« 
mährte ich gelegentlich bie leuchtenben fluppen ber “Three Sisters”, bie, 
nahe an einanber gebrängt, gleichfant neugierig mit einanber pLubernb, über 
bie niebrigeren Serge ber ©oaft IRange in bai blaue SJleer hinauigufchauen 
fchienen. 

3ntereffant mären bie Slnnoncen, melche ich öfter« am SBege bemertte, 
cntmeber auf Safeln an bie Säume genagelt, an bie Sengen gemalt ober fonft* 
mo angebracht, je nach ber ©rftnbungigabe ber Sinniger unb mo fie fi<h bem 
Singe bei Sorbeipaffirenben am teicbteften bemertbar machten. $iet lefe ich 
g. S. an einer himmetanftrebcnben fliefer it| groben, meinen Suchftaben auf 
einer fchmargen Safel: 

„Ber guter Seintleiber bebarf unb ft<b nicht von principienlofen $änblern 
befchroinbetn laffen miü, foQte fnh unfehlbar an bie Herren Sufenberg, SJiofei 
unb Sllepanber in Sortlanb menben. Sßarifer ©tegang unb lächerlich billige 
greife finb unfere ©mpfehtungitarte. - 

Weiterhin hat 3emanb in groben rotben Suchftaben an bie Seng gemalt: 

„Red Jacket Bitters, Univerfalmittel gegen ben SoblU — &\i haben 
bei Sirnei, Stofei\haum & ©o. in Salem. - 

Siefe Slrt bei Slngeigeit«, eine Sanfce*©rfinbung, mürbe in früheren 
3abren in auigebehntem 2Jia&e auch in ben älteren Staaten ber Union ali 
Sporn für bai tauf« unb fchauluftige $ublitum angemenbet, bi« ei bort bamit 
fo arg mürbe, bab bie Sefifcer von ©ehäuben, Sengen, Ställen, Schmeinetoben, 
Säumen ic. fnh über bie Serhungungen ihre« ©igentbumi ernftbaft beüagten 
unb bie ^ßoligei gegen ben Unfug einfehritt. 3n ben SRinenlänbern am Stillen 
SDteere fleht biefe Slrt bei Slngeigeni gegenmärtig in hüchfter Slüthe. 

3n ben Sergmüften von SBafhoe fmb bie Slngeigetafeln, mie SHeilcngeiget 
an Stäben befeftigt, am {laubigen üBege hingepflangt, unb ber vor Surft faft 
umtommenbe mübe SBanberer mit munben Jüben tann fich hier fchon an ben 
Silbern ber Butunft erfreuen, benn ei fteht gefchrieben, bab £err Silberberg 
in Sirginia ©itp ein grobei Slffortiment von „Sufcn - |u Spottpreifen 
fchiägt, — bab ebenbafelbft, beim Slaron, bie beflen ©odtaili in ber ffielt, $u 
50 ©enti in Silber, gemacht merben, — unb bab neben Staroni, im 
Sarbter*Salon, bei bem^errn ©ato, Sturgbäber, gu einem SoQar in Silber 
obet ©otb, bi<h erquiden merben. SBer nur ©reenbadi hat, tann biefe an 
allen brei genannten $(äpen gu fünfzig ©enti am SoHar jebergeit auigeben.* 
Cben auf bem breiten ©ebirgiguge ber Sierra Slevaba finbet man biefe 
Srt von Stngeigen gang befonberi häufig; im büftcren Urmalb an grneU hü 



203 


breihunbert Sȧ hoch aufragenbe Stiefenpchten ober an ttadfte Seifen gemalt. 3n 
ber Stäbe be« See« ffligler zog eine pittore«fe Selfenwanb meine Aufinerlfam* 
feit bureb ihre befonber« febreße nnb fcbrotnbelnbe $5be auf ß<b. Al« unfet 
Sechfergefpann bonnemb an berfelhen porbeijagte imb icb in poetifeber ©e* 
geißerung ba« SJentmal be« ewigen ©aumeifter« betrachtete, ba« pcb fteil unb 
gewaltig hart am fiSege über un« emportbürmte, gewahrte ich plöplich ju mei^ 
nem Schreien ganj oben an ber getemanb in weiß flammenber Schrift bie 
©orte: 

„©eläpigen bich bie Hühneraugen, mein S*eunb, f 0 wenbe bich nur an 
ben weltberühmten Operateur unb ©rofeßor STOonpeur be la Sroij in Sacra* 
mento, unb e« fofl bir geholfen werben! - 

SReine poetifche ©egeifterung würbe etflärlicher ©etfe fofort Pon hunbert 
®rab Hifce bi« tief unter 3ero abgefüblt. Unbegreiflich war unb blieb e« mir, 
wie SRonfleitr be la Ktoiy e« möglich gemacht, feine Schrift bort oben anju* 
bringen. ©ermutbKch hielt Semanb ben ©rofeßor, an einem Strid baumelnb, 
über bem Abhänge, al« er bie Schrift malte. 

Sn einer romantif<b*büftern Schlucht am $oob Stiper in Oregon hatte fuh 
eine SRabame ©roferpina au« ©ari« fogar ben Herren ©olbtouriflen al« ©abr* 
fagerin in San Srancilco empfohlen. —„Autograpbifcbe 3eugni[fe ihrer 
Jlunft pon faft aßen gefronten Häuptern (Europa« müffen felbft ben Ungtäu* 
bigften überzeugen, baß er e« in biefem Säße nicht mit einem Kbarlatan §u 
thun hat. - 

(Sine Äleiberprma in San Sranct«co, Heupon, Höfling« & Ko., hat ihre 
Annoncentafeln Pon St. ®iego bi« nach Olpmpia hinauf bureb’« ganze £anb, 
§u beiben Seiten fowobl ber Sierra Stepaba al« ber Ka«cabe*©ebirge, an aßen 
hetPorragenben ©läpen angebracht. SJtan mag fommen wohin man wiß, in 
Kalifornien, ©afboe, Oregon, Sbaho unb SJtontana, fogar in ben fernen ©e* 
ppungen ber “most gracious” Königin ©ictoria, — überaß an ben Haupt* 
Proben unb frequentirteften ©läßen pnbet man bie Anzeigetafeln ber Sinna, 
immer biefelben ©orte, bie man §ulept unwißfürlich au«wenbig lernt. Sn 
San SranciSco befucht mancher Steifenbet |uerP au« bloßer Steugierbe biefe« 
©efebäft, Pon bem er fo oft gelefen, unb tauft, ehe er ben Saben perläßt, bort 
feinen äleibetbebarf. $)te Jlauflufligen in’« Hau« $ u ifchofy giebt einem guten 
Serläufer fchon halb gewonnene« Spiel. 

$o<h genug Pon biefem neueften Snbupriezweige be« erpnbung«rei<hen 
neunzehnten Sahrhunbert«! 

$ort fehe ich einen Stifter fommen, ber (Einen unwißfürlich in ba« Beit« 
alter be« Daniel ©oone zurüdoerfefct. (Sr hat einen Anzug au« (Slfleber an, 
wozu er ba« SJtaterial felber gefeboßen, gegerbt, au«gefchnitten, genäht unb 
ornamentirt hat. 2)ie ©eintteiber, welche reichlich eng gerothen, ftnb an ben 
Seiten mit Seberfranjen geziert; bei b.c ffiefle hat er bie Haare, bie er nach 
außen trägt, abwe<h«lung«halber beim ©erben am Seße pfcen (aßen, ©am 
Stod tp leiber nicht Piel §u fehen, ba er feinen faumlofen ÜJtantel barüber ge* 


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£04 


hängt hat. ©iefet befielt einfach au$ einer roth imb weil breitgefirecTten 
©Menbede, in beren SHitte er einen geraben, etwa breimertel gub langen 
Schnitt gemalt hat, tooburch er ben Äopf geftedt, fo bafs bie SWantelbede ihm 
graziös über bie Schultern fällt. Sluf bem Raupte fijt eine fchirmlofe SÄütK, 
aus 2Baf4bär*ge[len verfertigt, bie einet ©afchtircnmüpe in meines ©aterS 
SPcltertammer, ein GrinneruHgsftüd an ben Wuffcnlrieg vom 3ahre 1812/ auf« I 
faßenb ähnlich ficht. 

Qi fipt in einem mit halbgegerbtem flebet überlegenen böljemen Sattel, 
mit haben Römern hinten unb vorne, ein für ben Leiter feht bequemer Si|, 
in bem man auf noch fo lange ©eife gar nicht ermübet, gan| unähnlich ben 
»eich gepolfterten ?)antee«Sätteln, bie meiftenS nur für’d Sluge berechnet fmb. ; 
©ie Steigbügel, gleichfalls au$ £ 0 ( 3 , fehen entfcfclich loloffal aus, finb aber, ! 

wie ber Sattel, äuperft prattifch. ©iefelben haben bie ©eftalt eines umgeteh* | 

ten Omega unb ftnb roh jugefcbnifrt. ©er gub ruht fo feft barin, als ob er j 

auf bem ©oben ftänbe, unb ein Stüd ftavten SebcrS, baS vor bem Steigbügel > 

angebracht ift, verhinbert baS ^inburchfchlüpfen beS gu&eS, fo ba| c$ ein j 
Sing ber Unmöglichteit ift, bei vortommenbem Unfall im Steigbügel hängen j 
ju bleiben. 

Unfer Witter hat einen Strid au$ Seberftriemen um ben £alS beS ©fev* • 
be$ gebunben unb jufammcngerolU am Sattellnopfe hängen, ber fowobl als 
£afjo bient, als ben 3^ed hat, ba£ ©ferb WachtS baran grafen ju (affen. Sin 
ben güfeen trägt er ricfige nteyilanifche Sporen, an beneit bie Stacheln anbert* j 
halb 3 oll lang finb. Äleine ©lödleiu baran geigen, ba| er ein mufifalifch aus* 
gebilbeteS Ohr hat. Wtit einem fpanifchen Stangengebib, baS eine furcbtbate 
^ebellraft bat, vermag er ben Uebermuth feines WoffeS mit Seuhtigleit gu ; 
jähmen, unb tann ihm näthtgenfadS mit einem fräftigen 3uge baS Wiaul ganj 
entjroei reiben. grobe Wevolver, bie in $ebecfutterulen vom ©ürtel auf ; 
bie lüften hängen, unb ein grober, uralter bäumivcllener Schirm, ben er 
aufgefpannt hält, bilben ben Sleft ber Staffage unfcreS WitterS — ein Weiter* 
bilb, baS jugleich naturmüßfig unb ©on O«i|otte*artig auSfieht. 

Sein Stob/ eia heimtüdifdher Aai«uhb*$anp, eine Wbati ber mepifanijcben 
SJluftangS, thnt nichts lieber, als nach iebern ©orbeigebenben unb guweilen 
auch nach feines Herrn ©einen gu beifkn, unb [teilt mitunter erftaunliche 6 a« 
priolen auf ben Hinterbeinen an. 

(SS wirb bem Sefer vielleicht nicht unintereffant fein, ju erfahren, wie 
biefe halbtvilben SWuftangS jugeritten werben — gebrochen, wie es hier ja 
fianbe in her ©ferbejüchterfpracbe heibt. 

Stachbem ber unbänbige Sohn ber ©ratrieen mit bem fiajfo cingtfange» 
ift, fchnürt man ihm juerft bie flehle halb ju, wirft Um niebet unb verbinbet 
ihm bie Singen, ©aun läfrt man ihn wieber auffteheu unb fchnürt ihm ben 
Sattel mit ftarlen Seberriemen möglich^ feft auf ben Würfen. ©er Weiter, 
meifienS ein Halberwacbfcner, ber fid> fchon im ©orauS auf ben ©pan beS 
wilbeit Wittes freut, nimmt feinen Si| uubtäbt fuh gleichfalls mitfieberriemen. 


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20 $ 


unb gmar über bie Scjenlef, auf ben Sattel feRfcbnaflen, worauf man bem 
$ferbe baS freie Ätbmen wieber geftattet, ihm bie ©inbe Don ben klugen g u 
nommen wirb unb ber [Ritt beginnt. ®er erboste ®au( fpringt, fobalb er 
wieber frei atbmen unb fehen.tann, um bie ungewohnte Saft abgufchütteln, 
guerft hoch in bie Suft unb tommt mit aden ©ieren auf einmal mit ftcifen 
Änieen wieber gur Grbe; bann bäumt er ft$ lebhaft, bümmt ben [Rüden unb 
ftedt ben flopf gwifchen bie ©orbetbeine, wobei er oiedeicht ein bufcenb 2M turj 
nach einanber mit ben Hinterbeinen auSfchlägt, nach beS [Reiters güben beibt 
unb bie unglaublichen fiunftreiterübungen anftedt, währenb beffen ber [Reiter 
ihm mit ben anberthalb ßott langen Gifenjtacheln feiner Sporen bie Seichen 
blutig reibt unb ihn unbarmherzig mit bem Gnbe feines Saffo prügelt. 3ulept 
rennt ber dRuftang, ber gur Uebergeugung gelangt ift, bab biefe gpmnaftifchen 
Uebungen ihren 3»ed, ben [Reiter abgufchutteln, gänglidh oerfehlen, auf’s 2öü* 
thenbfte querfelbein, wobei bie Schläge Oom 2affo unaufhörlich auf ihn faden, 
5DieftS flunftrennen wirb fo lange fortgefept, bis ber ©aul tobmübe unb gänj« 
lieh gahm geworben ift, worauf ben Weiter ihn nochmals tüchtig bur<hprüge(t 
unb einfperrt. 3>er SRuftang wirb gebt für gugeritten erttärt unb oergibt 3eit 
feines SebenS bie erften ©rüget nicht. Gin heimtüdifcher Gharafter aber ift 
ihm geblieben, ber fi<h mitunter trop ader Grgiehung tunbgiebt. 

®egen Slbenb erreichten wir ben ®ebirgSgug ber Gadapopa=Serge, Welcher 
bie fflafferfcheibe gwifchen ben Tälern beS SBidamette* unb Umpqua*gluffeS 
bilbet. Sefcterer nimmt feinen Sauf weftlidh gum Süden 2Reer, burch ein btei* 
teS Xhal, welches ben öftlich gelegenen Gountie* einen guten ©erbinbungSroeg 
mit ber Seelüfte giebt; wie bereit* früher bemerft, bie eingige fahrbare Strabe, 
Welche bie Goaft [Range burchbricht. 


jfübtelteber. 

©on XorfcO. 

Was präubft im buf>? 

SBaS fträubft bu buh, wenn meine Hanb 
®ir grucht unb ©lütbe bietet, 

3u nehmen meiner Neigung ©fanb, 

S)aS fte nur feftec nietet ? 

©lüh’n ©(unten nicht auf ieber glur 
©or Slugen unS unb güben, 

SUS wodte gütig bie [Ratur 
SRii ihrem 5Duft uns grüben? 

SEBaS tannft bn ©robeS barin feh’n, 

S)ab ich bir foldje [treue ? 
fiab fte oerweiten unb oergeb’n, 

S)er SRorgeit bringt uns neue. 


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$06 


Unb menn bei Semtnerä ©lutben nun 
Un«.tüble grüßte fpriefjen, 

Sa« lann bei Seife Sefl’re« tbun, 

Sil« felig ju genießen ? 

3ß nicbt bie faftgeffiüte (Jrutbtj 
©efdjaffen jurn ©enuffe ? 

©eliebt von Sillen unb gefucbt, 

Sie Säbcben« Sunb jum fluffe ? 

Sie gru<bt iß mie ein Quell, bei dar 
(Intfprang aus tüblem ©ebnete, — 

Su abet, teicb’ bie Sippen bat, 

Sen Quell, »onaty icb fdbmacbte I 


Sie J5tnnt. 

Sein flinb, bu flageft bie Sinne an. 

Hl« finnlicb auch meine Siebe, — 

Sa« buben bie Sinne bit benn getban. 

Sie ebeljten unfetei Stiebe ? 

Senn i<b in unetildtbatem Srang 
Sein 3nn’re« )u eigen bii gebe, 

Sit meinen Simen, mit meinem ©efang 
Sieb ganj }u befi&en fttebe: 

Sa« mailteft bu ba ? ma« jäbffi bu mit Mt, 

Sie oiei bu mit barfft gemähten ? 

Säbit benn bet SJrQbling ben Slumenflor, 

Set Sommer bie golbenen Siebten ? 

Senn i<b in jauebjenbem Sicbe«glü(t 
Sin’« £erj mich bit füble gejogen, 

Sa« birgft bu oot meinem befeligten Slid 
Se« Sufen« fdjneetge Sogeu ? 

Scbtägt nicbt bein $erj<bcn—ba« niibt von Stein— 

Samt unter bet lieblichen gafle? 

Unb menn bie Schläge be« '#crjcben« mein, 

3ft’8 meniget beffen £üQe V 

Unb menn iib bicb feiere im ©ebiebt, 

Sieb pteife bureb meine Siebet, 

Sann mein’ icb allein bie Seele nicbt, 

34 mein’ aueb ben Seib unb bie ©liebet. 






8 



207 


34 meine vereinigt Seele unb Seib, 

34 meine ben Sern unb bie 64a(e. 

34 feire ba8 ganje Iebenbige ffieib, 

Den Stellar im golbnen Sßotale. 

34 bin lein 3*4«, ber unbeba4t 
SluS irbenen Srügen trinlet. 

34 liebe ben üßein, bo4 bab’ i4 au4 84*/ 

Slub »el4em Srpftall er mir biintet. 

aSerjebrt bir bie Sippen mein brennenb« &l|, 
Go ftnb’S ni4t bie Sippen alleine. 

34 lüfte in ihnen bir $anb unb gu|, 

Dein ©anjeb ift’b, »ab i4 meine. 

* 34 habe bi4 nur bur4 bie Sinne erlannt, 

2Bie anberb bätt’ i4 tb tonnen ? 

Klein Slug’ rubt feft an beineb gebannt, 

SBarum mir bab Sluge mißgönnen ? 

34 böte felig, i4 bbre entjüdt 
Der Stimme gtüftern unb Sofen. 

34 febe unb fühle fo b»4 beglüdt 
Der fflangen Siiien unb Stofen. 

Unb brängt mi4 bann »eitet ber Siebebmuth, 
Da| nübtb mebt ju »ünf4en mit bliebt, — 
Uu4 ftnnli4e ©lutb ift heilige ©lut| 

Stuf bem SUtare ber Siebe. 

tot mir biß. 

„2Sab bin i4 bir ? »ab lann i4 fein, 
Da| bu mi4 liebft?“ fo fragft bu mi4. 
Klein Sinb, bu bift ber Sonnenf4ein, 
Der in ben f4att’gen SB alb ft4 f4U4« 

Du bift bet Kegen, bift b« Xbau, 

D« auf verueilte ©turnen fiel. 

Dal fte auf« Steu' jum ^immelbbiau 
(Sntftnben ihrer Düfte Spiel. 

Du bift ber {weite gtübling mir. 

Der grübiing, ber jur ßerbftebjeit 
StocbmalS ben ©ei(4en ma4t Ouartier, 
Sla4bem eb gioden f4on gef4neit. 


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Su biß bie ©Ittfe, bfc jttm fllatig 
Sie toß’gen Saiten- rniebet ßimmt, 

Saß gottbegeißert mein ©efaitg 
Sen glug nach Oben toiebet nimmt 

Unb auch bet Setbeer biß bu mir, 
3la<b bem ba$ $etj be3 Sängers ringt, 
Ser Sorbeer, befien golbne %kt 
Sieb iüipl um ^ei^e Schläfe f<blingt # 

Su Kß mir jene beif ge gruebt 
STm 93aum beS 2eben$, Siebße meiit, 
Sie ju erßreben i$ gefugt, 

Um allen ®öttern gleich |it fein. 

Su biß bet golbne Siegespreis, 
3$om SiebeSgott an’* &kl geßeflt. — 
3<b ringe, acb ! toie ring’ icb beiß. 

Saß et mit in bie Sfrmc fällt! 


$Hc 3ünöcn btr 5ftcrrdd)ifd)cit Ittilitänicrfaflung. 

Hon 4£tmtmb Sari greife. 


I 


Antritt £btlffU»ng. 

I. 

SBie gliebert ficb bie 9rmee, unb weltbeS i|t bet OTobuS 
ibret tbeoretiftben, prattifdben unb motaliftben 
£et«nbilbung? 

3ut Grbaltung bet Scblagfertigteit einet Sltmee gehört in ccfter gnftanj 
eine logifcß fcurdjgefübrte Organisation im grieben. Sine eine foldje !ann es 
ermöglichen, baji bie Slrntee im AriegSfalle ein verläßliches gnftrument in bec 
ßanb beS gelbbertn ifi. 

2Ba3 nun bie Otganifation bet BßerreidhiTdheit Ärmee im ©anjen betrifft, 
fo ifi wohl nicht in Slbtebe ju fidlen, baff biefe jum geibjuge 1859 al» nolienbS 
Iogifch butebgefübrt angefeben werben mußte, ©ei bet 1860 eingetietenen 
Sieorganifirung fanb eS ein boägelabtiet Aopf aus GrfpaTung3tüdii<bten jeboib 
angemeffen, ben fDinifionSnetbanb aufjubeben, meb&e SMaßregel, obwohl bet 
gefbjug non 1864 gegen $dnemarl ftc als bödjft unprattiftb quaiifteirt batte, 
ju jenem non 1866 bennoib aufrecht erhalten würbe. Napoleon I. unb ade 
anbeten Slrmeeorganifatoten bet neueren Seit buben ben ÜJinifionSnerbanb als 
SafiS eines logifiben SpftemS beibebalten, weit eS bei 3tuSbrud> eines AriegcS 
leiebtet ift, bie im Stieben auSgebilbeten, mit ihren gubrern bereits nettrauten 


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Slrmeebioifionen In SfrmeecorpS ju formircn, als foMhe auS zufammengemür* 
feiten, mit ber nächften Oberleitung gan§ unb gar unoertrauten Angaben zu* 
fammen zu {toppein. Ser ganze Körper muh bureb feine erft in elfter Stunbe 
bemerffielligte ©eburt jebroeber fetteren BafiS entbehren. 50er gelbjug non 
1866 mar mieber ber fcblageitbfte BemeiS, bah jener ©enerat, ber für feine 
tapferen Shaten auf bem jßnpier mit einem hohen Orben becorirt unb fogar in 
ben greiherrenftanb erhoben morben mar, eine anfehnliche Brefdje in bie logi* 
fche ©lieberung ber Strmee gefchoffen hatte. ©S mar ein total oerfehlte« ©j* 
periment, ba gerabe bei jungen Gruppen, au« melcben bie Armeen jumeift 
befteben, bie gute gührung zur ^auptfacbe gehört gührer alfo in genügenber 
3 ahl nie fehlen bürfen unb febon im grieben herangebiloet unb mit ben Sirup* 
pen oertraut fein foQen. $reu£en hatte ben Sioiftonsoerbanb in feiner Slrmee 
beibehalten, tonnte baher auch leister unb fkherer operiren, unb hatte feinen 
Mangel an gefcbulten, mit ben Gruppen oertrauten ©eneralen. Sie £erftel< 
lung be§ SioifionSoerbanbeS in Deftcrreicb mar nach ben neueften üftachrichten 
ber erfte Schritt zur SHeorganifation ber Slrmee, ein BemeiS, bah ben gegen* 
mdrtig an bie Spifce berfelben geftellten Offizieren bie Slugen aufgegangen finb. 

Sie (Saoattcrie als eigene« ©orpS für ben grieben ju formiren, fönnte 
unterbleiben, ba eS auSreicbenb unb nur in Ungarn möglich ift, fte, in Sioi* 
ftonen formirt, fomohl in abminiftratioer als taftifcher Beziehung bei ben Sir* 
meecorps ju beiaffen, jumal biefe ©aoaüeriebioifionen im Kriegsfälle, mie eS 
1869 unb 1866 gefaben ift, entmeber als felbftffänbige Sioifionen bei ben 
IReferoccorpS aufzutreten beftimmt fmb, ober auch als 9teferoe*©aoaHeriecorpS 
aus ben Sioifionen im BebarfSfaüe formirt merben tönnen. S3ci ben anberen 
Slrmeecorps mürben, ben beftebenben SiSlocationSoerhältniffen gemäh, bloS 
leichte ©aoalleriebrigaben, mie eS ber gall ift, einzutheilen fein, meil bie leicht« 
©aoaöerie, bei ben Slrmeecorps im gelbe in Heinere Slhtheilungen formirt, 
3 itmeift nur berufen ift, in jerftreuter ©efechtSorbnung §u mitten. Siefe ©in* 
theilung befteht fomoht in abminiftratioer als taftifcher Beziehung in Breufcen, 
unb mar tropbem, bah ntan oor Beginn beS Krieges aus ben Sioifionen ber 
oerfchtebenen ©orps erft bie Slrmeecorps formirte, bie abminiftratioe ©ntheilung 
nicht beirrt, gn granfreich hat man bagegen nach Beenbigung beS gelbzugeS 
1859 erft bie Marfchallate gefchaffen, babei aber ben SioifionSotibanb als 
. BafiS ber tattifeben ©ntheilung beibehalten. 

Um meitereS für bie Schlagfertigfeit mit Aufgebot ber geringjten Mittel zu 
emichen, mühte bie Slrmee für ben grieben in eine mobile unb ftabile einge* 
theilt merben. Sie mobile märe berufen, bei SluSbiuch eines Krieges fogfeich 
in’S gelb zu rüden, baher bie unbebingte Schlagfertigfeit bei biefer oor Slüem 
geföroert merben mühte; bie ftabile hingegen mürbe zur Bilbung ber ffteferoc* 
Slrmee bienen unb Die Scpot*©abre3 enthalten, melche ben Slbgang bei ber 
mobilen zu beden unb bie SluSbitoung unb Slbfenbung ber Stacbichübe 311 be* 
forgeu hätte. Siefer Borfchlag ift niebt neu. Seiber hat er bis zur Stunbe 
fein ©ehör gefunbeu; oielleicht bah bie gufunft ihn unS in oerförperter ©eftalt 
cnbtich oor bie Slugeu führt. 



210 


i A. Organifation bet gufcttttppen. 

3nfanterie unb Säger. 

drfabrung$gemä& wirb baS richtige SBerbältnifj be$ griebenS« §um Kriegs* 
Ranbe bei ben gufitruppen $u jwei drittel beS Sefcteren angenommen unb biefe 
{Regel als $aRS bei allen Armeen feftgebalten. 3 n Ocfterreicb beftebt nabe§u 
baS umgetebete SerhäUnifi. % 

3“ Stanfreicb jäblt ber Staub ber dompagnieen für ben Krieg 100 
9Rann, wovon bei ber 3nfanterie 60, bei ben 3ägern 70 im grieben präfent 
bleiben; in $reufjen, welches butcb bie feit fünfzig Sauren eingeführte allge* 
meine SehrpRicht (Gelegenheit gehabt bat, viele drfabrungen in biefer Sbejte* 
bung |u machen, mürbe jur drbaltung ber Scblagfertigfeit ber Blrmee eine 
breijährige $räfenz 3 eit als unerläßlich ertannt unb baS SBerhältnife beS gricbenS* 
jum KriegSftanbe per dompagnie bei ben gu&truppen mit 130 2Rann im 
grieben bei 180 im Kriege beftimmt. 2)iefeS SBerbältnifc ift noch günftiger als 
baS ju zwei drittel, unb gewinnt noch ntebr für Reh wenn man bebentt, ba& 
bie SBoltSbilbung auf einer höheren Stufe ftebt unb bie einheitliche beutfdhe 
Sprache mit geringer Ausnahme bie vorberrfebenbe ift. Oefterreicb beziffert 
feinen KriegSftanb per dompagnie mit 130 ©emeinen unb 16 ©efreiten, alfo 
146 3Rann in {Reih’ unb ©lieb, unb hat ben 2ftinimat*grieben$ftaub auf 54 
©emeine unb 6 (Gefreite feftgeftellt, monacb baS iBerbältnij) unter bie 
Hälfte beS KriegSftanbeS {erahfinlt. 

So fofl ba, bei einer Sßrafen^eCt von jtvei ein brittel gabren unb unter 
ben erfchwerenben Umftänben ber {Rationalverfcbiebenbeiten unb 2$olfSintelli* 
geu|, eine ben gefteigerten Slnforberungen ber {Reu^eit entfprechenbe militärifcbe 
SluSbilbung berfommen? Sie fod bie tattifche ©elenügfeit im ÜRanöveriren unb 
ber fo notbroenbige rafebe Ueberblid ber dommanbanten in ben verfchiebenen 
Situationen er^elt tverben ? Senn baS Bataillon jur numerijeben Schwäche 
einer dompagnie berabgefept wirb, wie follen bie Uutercommanbanten bie rieb* 
tigen, in ber ©efecbtslage begrünbeten 3)iepoRtionen bei gelbübungVn ertennen, 
beurtheilen unb auSfübren lernen ? Sa« ber minber entwicfelte SBerÜftanb nicht 
Rebt, begreift er fchwerer, unb wenn man bie Unteroff jiere gewohnt, ber 
tybantafie mehr Spielraum ju laffen als bem nüchternen ffierftanbe, fo mifijen Re 
im enticbeibenoen 2Roment auch feiten {Rath unb gewöhnen Reh an eirtf im 
böchRen ©rabe verbammenSwertbe KurjRcbtigleit. 3)aS Uebel pflanjt Reh #on 
Stufe ju Stufe weiter. 3 n fester Snftanj bat felbft ber Jörigabier feine ©** 
legenbeit, Reh beS groben Körpers völlig bemeiftern ju lernen, unb febeiterfy 
wenn er mit ihm irgenb etwas unternehmen foll, an feiner eigenen Unwiffenbeit 4 
im 2Ranövetiren. S)er betlagenswertbe 3«ftanb ber ginanjen läßt eine längere 
$räfeu 33 eit im grieben aflerbingS nicht ju; inbeffen giebt es Sege unb 9Rittcl 
genug, baS angeftrebte 3^1 auch ebne Rnantfelle Ueberbürbung beS Staates zu ' 
erreichen. 2Ran prüfe nur bie zahlreichen ffiorfchläge, bie von intelligenten 
©liebem ber Sitmee in biefer $ejiebung gemacht worben Rnb, uitb überwinbe 

t4Tl 1 


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211 


ben blöben Gebonlen, bafs für Deflerreicb alle# ®ute erfl Pom Ruilanbe tom* 
men müffe. Giebt ei benn mirflich leine anberen SBege jur Grlenntnifj, ali 
jene, bte nach Solferino unb Äönigigrä| geführt haben ?; 9Ru& bie öfterreicbifche 
tlrrnee benn immer unb immer ber Sünbenbodt fein, an melcbem ficb bie Reue* 
rungen im Ariegimefen fremter Staaten erproben füllen ? SBenn man bai 
Spftem ber mobilen unb* ftabilen $eere£eintbeitung aboptiren modte, mürbe 
man mirflich fo piel babei riitiren, toie einjelne Aanjleimürmer im Äriegimini* 
fterium gebeimnifsPed flüflem V 

„prüfet Rdei, unb bai Vefte bemaltet!" fagte $dnip, ber befanntlich 
lein Oefterreicher mar. SBohlan benn! bie* ift gute Gelegenheit, ber alten 
53epife treu ju bleiben, golgt ber Stimme bei fremben Vrophetea; auf bie 
Ginheimifchen motU ihr ja bo<h nid^t b&ren. golgt ibr, ei lann mabrbaftig 
nicht febaben* 

$ie nach bem gelbjuge Pon 1859 burebgeführte numeriföe Rbfcbmädjung 
ber Vataidone in ben Regimentern, unb bie Vermehrung biefer Se&teren non 
62 auf 80, fomie bie gleicbjeitige Vermehrung ber gägerbataidone auf 38, 
maren jeitgemdfse, menn auch blutig abgerungene Reformen. Sie haben nicht 
nur in abminiftratiuer, fonbem auch in taltifcher Vejiehung grobe Grleichterun* 
gen gebracht. 

€3 beträgt bie Sinien*3nfanterie Defterreichi auf Pollern Ariegifufj: 80 
^nfanterieregimenter, bai Regiment 4 Vataidone, bai Vataidon 6 Gompag* 
nieen, alfo 385,324 2Jtann ober 1020 Gompagnieen. Von biefen Pier Va* 
taidonen rüden,ber Veftimmung nach brei in’$ gelb, mährenb bai pierte, bai 
im grieben nur aui Gabrei befteht, ali 2)epotbataidon jurüdbleibt. <53 fuib 
alfo in runber 3ahl 388,000 Rtann Sinien^gnfanterie für ben Ruimarfd) p 
oermenben; ferner 14 Grenj*3nfanterieregimenter unb bai freier gäger» 
Regiment, lepterei p 8 Vataiüonen, beibe jufammen auf Poder Aciegiftärle 
53,200 Rtann. 2Bie piele Pon ben Grenj^nfanterieregimentern mobil gemacht 
merben lonnen, ift nicht porher beftimmt. Rimmt man 25,000 Riann, alfo 
etma bie $äifte, an, fo mirb bte# bai Rtajimum fein, ba bie lange Grenje ber 
übrigen $älfte p ihrem Schule nothmenbig bebarf. Rn Sägern 38 Vataidone, 
bai Vataidon p 6 Gompaguieen, alfo 228 für ben Ruimarfch beftimmte unb 
38 2>epoUGompagnieen, in Poder Ariegiftäcfe jufammen 48,800 SRann, ba* 
Pon circa 40,000 für ben Ruimarfch* Gi giebt alfo in Oefterreid) an ge* 
fqmmter gnfanierte 486,780 Rtonn, einfcbUefclich ber Offtjiete. 2)iei hin* 
ficbtlich ber üuanta. gn Vetreff ber Drganifation muh ferner ermähnt merben, 
bafj feit ben Qahren 1848 unb 1849 ben hifiorijehen unb nationalen gntereffen 
ber Rrmee nicht nur gar feine Rechnung getragen (morben ift, fonbem benfel* 
ben—obmohl fte Ptelmiegenbe galtoren— Pon ben pebantifchen Spftematitern 
mit Riigaebtung begegnet unb fte mit Vorbehalt hintangefe&t mürben. 2Bir 
mollcn hier nur j. V. auf bai Perfehlte Gpperiment mit ber Vennifchung ber 
terfchiebenen Rationalitäten in ben Regimentern hinmeifeit; melcfe gatalitäten 
babei p Sage getreten finb! Sa belam ein Regiment aui Siebenbürgen 




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212 


(Momenten) im 3ahre 1852 j« Berona 600 ®tann Refeuten aus Kroatien ju» 
gewiefen, Don welchen Ntcmanb biefe Sprache oerftanb. gant ®lüdt lag ein 
IroatifcbeS Regiment in SMantua, Don welchem man fleh bie Margen jur 30t» 
riebtung ber freatifeben Reimten borgen fomtte. Gin anbereS lehrreiches Bei* 
fpiel liefert bie Berfefcung alter Nationalregimenter in neue Grg5njung3bejirfe 
anberer Nationalitäten, wie jene beS altfchleftfchen Regimentes No. 29 in ben 
GtgänjungSbejirf ®tofjltfinba im Banate. 

2Bie oft ift baS tieffte Bebauern über biefe Betwechfelung auSgebrücft 
unb barauf bingetoiefen worben, welchen gmpulS bie Grinnemng an ibren 
berühmten Staber, ben gelbmarfchaU Soubon, bei ben brauen Schleftem bei 
entfielt @elegenbeiten hcroorgebracht, unb welche bortceffliche ©irlung biefe 
Änrtgung zur golge gehabt batte! 

greilich ift ber Name Soubon' in Schleften trabitioneU unb in jeber Äinber- 
ftebc noib befannt. ©aS weiß aber ber Serbe unb Banate Don Soubon §u 
erjäblen ? 5>cr Nubm ber Bäter foRte ftch au4 auf bie flinber uererben; ba* 
bur(b mürbe baS biftorifche Sntereffe genährt unb ber gute ®eift gehoben. 3)aS 
böbmifche Infanterieregiment flönig Don Hannooer No. 42 fdjlägt wegen be- 
fottberer MuSjeidmung hi ber Schlacht Don ffiagram ben ®eneralmarfch ber 
®renabicte, unb ber RegimentSlommanbant tann mit Stolg ju ben Solbaten 
fagen: 2)iefe SluSzeicbnung haben ftch Otere Bäter bureb ihren SNuth erlämpft; 
feib ihrer würbig! Bei SNebole 1859 haben biefe ©orte wie ein Bli$ ge* 
jünbet. 2)aS Regiment hat ftch über alles Sob erhaben gefcblagen. ©ie wäre 
eS aber geroefen, wenn cS ein ungarifcheS geworben wäre ? 2Uan hatte bei 
ber gotmirung ber Infanterie 1860 bie (Gelegenheit^ biefen SWißgriff, ber 1859 
fo fchledjte grüchte getragen, wieber gut $u machen; aber man bachte nicht 
baran. ffloju auch ? 3>ie Beseitigung beS SnftituteS ber ®renabiere bei ber 
Drganifation im gahre 1860 war gleicßfafls ein hiftortfeher NHßgriff. $ie 
gelben Don Stocfach, NSpern, ©agram unb 3naim hätten wohl biefe Beach* 
tung Derbient, weil man ftch baburch nach ber Ordre de bataille Don 1809 
wie ber große Grjherjog Garl eine Referbe gefchaffen hätte, bie im SNomente 
be# BebarfeS trop aller 3ünbnabelgewehre bie Gntfcheibung mit ber nachbrüd* 
liehen ©ucht beS BaponnettangriffeS hetbeizuffthten im Stanbe gewefen wäre* 
3m gelb$uge Don 1859 beftanben jwar noch bie ®renabiere; aber ftatt fte als 
wuchtige Referoe ju formiren, um im richtigen Momente bie Gntfcheibung her« 
beijuführen, hat man fte in Dorberfter Sinie als JtraillettrS fechten laffen. SaS 
war gewiß leine geniale Berwenbung berfclben. Hatte man benn ganz unb 
gar Dergejfen, woburch weilanb Schwarzenberg bie Gntfcheibung bei Seipzig 
herbeiführte? ©etß man nicht mehr, was bie ®renabiere in ben genügen 
unter Bnn§ Gugen unb im ftebenjährigen Kriege unter Soubon geleiftet haben? 
derlei Srabitionen füllte# nicht fo leicht aufgegeben werben; ihnen Recbnnng 
5 « tragen, wirb eine nicht unwefentlicbe Aufgabe für bte gegenwärtige Heeres¬ 
leitung fein* 

©as bie tattifeße ÄuSbilbung bet Mentet betrifft, fo Öntten bie größeren 


’S 




ITC* 


Uebungen, fo aujjerorbentlich münfchenimertb unb notbtoenbig ei auch ift, bet 
prüften Soften wegen nicht ade Sabre bureb Eoncentrirung ganger 2lrmeecorp$ 
ober Ziehung von Stanblagern iu’$ Sehen treten. $lber ohne grofte Soften 
gu oeranlaffen, tonnte bie ©rigabe* unb $ioifiou£*Eoncentrirung im Bereiche 
ber Generalconimanben fteU angeorbnet toerben. Man tonnte bie Gruppen 
gur (Eoncentrirung hin unb gurüd gu guft marfchiren laffen, rooburch bem 
Manne wähtenb feiner ohnehin turjen 2)ienftgeit bie Gelegenheit geboten 
würbe, fi<h auf grö&eren Märfchen behelfen gu lernen. S)iefe Maßregel mir* 
auch in ^reuften eingehalten unb hat, tote alle Mett weife, leine fcblecbten 
grüßte getragen. 

Huf biefe Seife mürbe bie Slrmee bie tatlifche tlulbilbung gur Erhaltung 
ber Schlagfertigfeit jebenfadi förbern tönnen. 95ehufd theoretifeber HuibiU 
bung ber Offnere, um fte mit ber höheren Kriegitunft unb ben gortfehritten 
in berfelben unb in ben anberen Saffen auf ber Höbe ber Seit gu halten, fofl* 
ten mdhrenb ber Sinterraonate hortetungen über Krieg unb Kriegführung ab* 
gehalten toerben. Sebenfadg wäre biei nützlicher alä ein trodenei SBorlefen 
oon {Reglement* unb bai 2lu$arbeiten oon £hema$, ba$ gumeift irgenb ein 
guter gteunb au* Gefädigleii übernimmt. 5)affelbe fodte auch bei ben 3)epot* 
lörpern gefchehen, wo bie meiften Offiziere in ber Sieget bem füfeen {Ricbtithuti 
fich hingeben unb an lörperlichen $imenfionen gewinnen, wa$ fie an geiftiger 
grifche unb Glafticität oerlieren. 2)ie trdge bahin fchleichenbe 3«tt in ben 
langweiligen Garnifonen würbe baburch fehr nüfclich auigefüflt, nicht gu geben« 
len ber oortheilhaften miffenfchaftlichen Anregung, bie entftehen unb fortteimen 
müftte. 2)ie militairifchen gachbldtter liefern ein «uireicbenbei Material, 
welche* auf liefe Seife trefflich »ermertbet »erben Hunte. 3* 
taidon ober jeber 2>ioifion fodte wenigfteni ein Gjemplar biefer 3®ttf(hriften 
toorhanben fein. Seiber aber giebt eö nicht nur oiele Offenere, fonbern fogar 
gange 5lb bedungen, bie oon ber Gpifteng biefer gachbldtter laum Kenntnis 
haben. So fod ba bie gortbilbung unb ber gortjehritt herlommen ? 3)ie 
Setreffenben woden ftcherlich einften* Generäle »erben, befaffen fiefe aber, um 
ficb baju herangubilben, bei grünblichften Stubium* ber {Rangilifte unb bei 
Mi(itair«S<hematiimui, in welchem fte aderbingi 2lufeerorbentli<he* gu Xage 
förbern unb fleh bei jeber Gelegenheit geberben, ati wenn ihren SBerbienften 
nicht gebührenb {Rechnung getragen würbe, tiefer 2toancement«$eiftbungcr, 
ber jebem Kameraben fo ball wie möglich ben blauen 93ogen gugebacht wiffen 
Will, ift ber 6arg ber Achten Saffeubrübexfchaft unb ein fehr bebeitlüchei 
Spmptom. 

3u ben berührten Borlefungen ober $orirdgen gehört aufter ben gach* 
blättern auch eine ©ibliothel, benn Siffenfchaft ift — wie Herr oon Schmerling 
treffenb fagte — Macht, unb im Kriege wirb wenig prattijeh. erprobt, waö nicht 
in ber £beorie oorbereitet wirb. S)er geftungötrieg, ber heut gu Sage eine 
grofte {Rode gu fpielen berufen fcheint, fodte jebem 3nfanterie*Offigier, ber babei 
iebergeit eine ber Hauptaufgaben gu löjen berufen war unb fein wirb, mrnbe* 


8 



214 


PenS tbeoretifß gelehrt »erben, ohne baß man pß babei in abßratte ©rüb* 
leien über Spfteme, bie gar nicht auSgefüßrt »erbanben fmb, ober 5)ep(ementS 
einjulaffcn brauchte. 2)aS 2)ürre uon Sinien unb SBinfeln tönnte, um baS 
Sntereffe rege ju erhalten, gleichfalls vermieten »erben. 95>ie nothioenbig bie 
flenntniß ber ©efeßigungStunft unb beS SeftungStriegeS für jeben Cfpjtet im 
Allgemeinen, fpecied aber für ben Infanterie* Offijier, ifl, hatte man bei ber 
fflelagerung bon ©talghera unb ©enebig 1849 jur ©enuge erfahren tonnen, 
©aßbem einige fehr fatale Anorbnungen bei ber Ausführung ber £ranßeen, 
»ie auch bei ben erften feinblichen Ausfällen, borgetommen »aren, fahen bie 
Ingenieur Offijiere ein, baß biefe Art ber ßriegSführung ben 3nfanterie'Ofp* 
Sieten sum größten Xheile neu unb böHfg unbefannt »ar, unb fanben ftcb ber* 
anlaßt, ben AbtbeilungStommanbanten in ben 3*uggäcten bor bem (Eintritte 
jum £ranßeenbienße förmliche ©orlefungen über bie Aufteilung unb baS 
©erhalten ber fiaufgtabenwaße unb Arbeiter mit einem ©rouiüon ber Arbeit 
unb Stellung abjuhalten, bamit baS richtige ©erftänbniß ber Aufgabe cr^elt 
unb ben Störungen borgebeugt »erbe. 2ßie es ber Grfolg gezeigt, hat biefer 
©organg fleh be»ährt. 

3)a nun jeber Offliier bon Ambition bie Stufe beS ©eneralS ju erreichen 
fwh borfeft, fo refultirt, baß für jeben General bie Jfenntniß unb baS richtige 
©erftänbniß be§ fortifitatorifchen XhcilcS beS Krieges unerläßlich fei, baher ber 
©ortheil foteßer ©orlefungen einleußtenb ift. 2)ie ju folßen ©orlefungen 
erforberlichen ffierte pnb aderbingS fo foftfpielig, baß pe bon bem Gitt$elnen 
nicht fo leiert angefchafft unb übcrbieS bet ber ©tobilität ber Armee nicht mit* 
geführt werben tönnen; »ir finb aber ber An ficht, baß biefem Ucbel burß 
Gteirung bon ©arnifonsbibliothelen — einem »iebetßolt öffentlich auSgefpro* 
ßcnen ©ebürfniß — abgeholfen »erben tönnte. 2BaS nü|jen bie mitunter 
fehr guten unb reißhaltigen ©egimentsbibliotheten, wenn fie ben größten £beil 
beS SaßreS, oftmals auß jahrelang, in ben drgänjungSbejirtSftationen berpadt 
liegen ? Gin einjiger Aufruf be$ ÄriegSminiftcriumS, unb alle Dtegimcnter 
würben, bom äßt folbatifßen unb patriotifßen ©emeingeift erfüllt, burß frei* 
willige Abtretung ihrer ©ibfioßefen baS fßöne 3W erreißen helfen, ohne um 
bie ©littet ba$u erp jahrelang unb bann erft noß .erfolglos petitioniren ju 
müffen. 2)ie Anregung muß immer bon Oben fornmen. $aS ©tinifteriuni 
unb baS Armee*Cberlommanbo fmb bie Gentralbehörben, benen eS obliegt, für 
©ilbung, Auftlärung unb gortfßritt in ber Armee su forgen. 2ßue Seber 
feine ©Pißt, bann fmb Mahnungen aderbingS überflüfpg. $ie fcientipfße 
AuSbilbung ber Gbargen unbSolbaten, fowie jene ber OfpjierStanoibuten, leibet 
in bemfetben ©taße »ie jene ber Dfpjiere. $er Solbat bringt — ebenfalls 
ir. golge ber übermäßigen StanbeStebucirung im ^rieben — ben größten 
Xbeil feiner ®ienftjahre im Sßilbwaßftehen unb in flafernfefatur?n, fo wie im 
gebantentofen ffiriden auf ber fogenannten gtegehoiefe $u. $ie fiefe*, Sßrcib« 
unb ©eßcnfßulen, fowie ade übrigen ©ebürfniffe geiftiger Auftlärung, fmb 
im bößfan ©rabe ungenügenb unb faft überad ohne befonbereS Aefultat. 







Goog 




Sarum ? 3)et ©olbat, Pont Sahbienft, Gyercteren unb ^arabiren abgebe ßt, 
fefmt fich nach Stube, gebt nur mit Siberwillen §ur ©hule 1 unb fucbt ftch ber* 
falben auf aüe nur mögliche Seife $u entziehen. ©ein flriegettbum ift eben 
fein freiwillige!, feine Gjiftcnz nicht fein erwählter Beruf, unb fein 2ool wie 
betannt nicht eben ein glänzenbel. Gl giebt ferner Unteroffizier!* unb gelb* 
webellfhulen, bie hin unb wieber wohl fehr erfreuliche Stefultate geliefert ha* 
ben, in ber Siegel aber ben Slnforberungen nicht entfprechen unb fehr ober* 
flächücb gehalten werben. 2)ie 2uft }um gortbienen über bie gefebliche fylt 
unb ber mit ihr oermanbte Xrieb nach geiftiger Slufflärung fmb eben auch hei 
ben Unteroffizieren in fehr geringem Säße oorhanben, weil auch fie — wenn* 
gleich ihr 2oo! boch immer noch erträglicher ift all bal ber ©olbaten — feiten 
eine 3utunft ju erwarten haben. 3)er ©runb bierooit liegt wieber in ber Sta* 
tionalitätloerfchiebenheit. 2>ie 25ienftfprache ift beutfh, bie töenntniß ber 
beutfehen Sprache alfo für geben, ber im Silitairftanbe fein Unterfommen ftnben 
will, unerläßlich. So foll fie ber Ungar, ber $ole, ber ©erbe, Kroate, Böhme 
ic. ic. hernehmen, wenn fie nicht eben im 2anbe herrfchenb ift ? 

San erlaffe ein ©efefc, baß ber braoe Unteroffizier auch bann zum Offizier 
beförbert werben fann, wenn er nicht in ber beutfehen, fonbern nur in feiner 
Sutter* ober Slegimentlfprache aulgebilbet ift, unb man wirb halb bie Grfab* 
rung machen, welch fchlummernbel Glement in ber Slrmee fteeft. 3)ie Siefer* • 
»irung.bon nur einem Viertel ber Offizierlftellen für Chargen müßte biefel 
Element weefen unb ber Slrmee eine Äraft geben, bie fie unüberwinblich macht. 
Sie Diele Italiener, granjofen :c. ftnb aoancirt, unb wie niete ftehen noch heute 
in ber Sitte bei großen £eerel, bie ber heutigen Sprache nicht mächtig waren 
unb el noch immer nicht fmb ? £aben biefe Slullänber gortfehritte in ber 
beutfehen Singuiftil machen tonnen, warum fotlten el bie Ungarn, ©lauen ic. 
nicht auch oetmögen, befonberl bann, wenn man wie in grantreich unb 
$teußen gemeinfhaftUche Offizierltafeln zur Pflicht macht ? 

$ie Behauptung, baß bie Gntlaffung zahlreicher Offiziere nach bemflriege 
3eugniß uon ber Unzulänglichfeit bei öjierreichifcben Offizier! * Stetruti* 
runglipfteml ablegt, zeugt nur bon wilftürlicber Sluffaffung unb Berbrebung 
ber Shatfachen, bie fich ein ©ebilbeter niemall zu ©chulben tommen (affen foü. 
Sir wollen uni Sühe geben, biefel feinfollenbe Kriterium geiftlofer ©chwäper 
näher zu beleuchten. 

2)a! Prinzip/ nur folche gnbioibuen zu Offizieren zu beförbern, bie beut* 
fhe Bilbung befifcen, lodtte unb loctt noch immer eine Senge ©ubjette oom 
Sabentifch, bem £örfaal tc. k. zum Gintritt in bal £eer, unb namentlich in 
folche Slegimenter, bie außerbeutfehen gJrooinzen angehören. Sit ber 2luf* 
ftcllung ber ©renabier* unb $epot*Bataidone erfchöpfte fich bal alte Gabetten* 
unb Hnftalten^Ojfizierlcontingent, unb bie Beförberungltour tarn fo an gene, 
bie oermöge ihre; Bräcebentien am wenigften hierzu geeignet waren. ©er 
geiebe räumte auf, unb bie Seiften (ehrten wieber bortbin zurücf, woher fie ge* 
tommen waren — jum Seibwefen einer Sltmee, beten Ghre fletl mateüol war. 



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2)fe Buben, welche ©eutfcb fptedjen imb bie Sollmetfcher bet Offiziere bilben, 
fmb meiftenS chargirt. Unter 3*hn ftitb es gewijj Acht, unb nicht etwa wegen 
ihrer 3nteüigenj ober ausgezeichneten SBetwenbung, fonbern Iebiglich — auS 
Sprachrfidftchten. SBebet Blagen noch bie Ausrichten auf Cioilanftellungen 
finb geeignet, bie Unteroffiziere an bie gähnen zu feffeln. gut fubjectioe 
©rfinbe fubftituire man feine cbjectioe, wenn man fuh nicht tdufcheu taffen 
will. Aicht baS ©elb — ber dhrgeij ift baS Xriebtab fotbatifcher ©telfeit. 

ds giebt feinen Arbeiter, ber fleh nicht täglich einen ©ulben oerbient, unb 
fo oiet fann fein Staat bem Unteroffizier geben* ©n SBerheiratheter benft 
hbchftenS auf eine Aufteilung, oon ber ihn noch einige Bahre trennen; ber 
gröfete Xbeil benft aber nur oon beute auf morgen. 2)ie Regierung giebt unb 
oerfpricht bem 6olbaten AUeS, unb bennoch jeigt ftch nirgenbS eine Suff )um 
gortbienen. Saniere, Aoancement, Bnfunft finb bie #auptmotocen beS SBteis 
benS unb ©ebenS; fepe man biefe in Bewegung, unb man wirb Unglaubliches 
weichen. Stimmt man bie Bahre 1848,1849, 1859 unb 1866 als 2)iaf?flab 
mtlitäriicher Seiftungen, fo fiitbet man, bafj ber OffizierSerfap nicht fo fchwer ju 
bewerffteüigen ift, wie es im Allgemeinen fcheint. S)ie Bahre 1859 unb 
1866 waren eine Ausnahme unb feine Siegel, äein Staat ber SBelt oermag 
eine Armee oon 8 ober 900,000 Solbaten mit einem burchgängig intelligenten 
OffoierScorpS zu botiren. 3*» Uebrigen fmb auch bie eigentlichen Offiziers« 
Canbibaten — bie Gabetten — nicht oiet beffer baran als bie Unteroffiziere* 
Sie müffen bie 2)ienfte oerrichten, welche bie oon ihnen belleibete Charge foroert, 
bqtehen feine gröbere ©ebühr als jeber anbere Unteroffizier, unb müffen ben 
Söinter über ihre Beit in ben fogenannten Aegiment£*Cabettenfchulen gubrin« 
gen, woielbft zwar oieleS gelehrt, aber wenig gelernt wirb, unb fchon bcShalb 
fein geijtiger Settfampf ftch eutwidelt, weil bie ^roteftion einzelner immer 
mächtiger ift als baS SBerbienft Vieler, unb bei ©efepung ber OjfizierSfteUen 
nicht etwa bie Aefultate ber Schule unb beS XienfteS, fonbern gemeiniglich bie 
perfönliche Anficht beS AegimentScommanbanten ober ber ©nflub hoher ©önner 
* entfepeiben. 2)a£ öuantum ber aus ben üAilitärbilbungSanftalten treteuben 
3öglinge wiegt ben löebarf an Offizieren, zumal bei Ausbruch eines Krieges, 
nie auf, unb bie Urfacben, warum bie Armee anberwdrts feinen genügenben 
AachmuchS hat, fmb fehr in bie Augen fpringenb. * 

SCBir nennen barunter in erfter 3»ftanz zu grobe Aebuttion ber Chargen* 
CabreS im grieben, — z u umfangreiche (Errichtung neuer Srnppentheile im 
üciege, — mangelhafte ^eranhilbung ber Cabetten hei ber Gruppe, — unge* 
nitgenbe pecuniäre unb zu wenig peroorragenbe gefcüfcpaftliche Stellung ber 
Offiziere, weshalb ftch intelligente OffizierScanbibaten nicht in genügenber 
2He»ge ftnben, — ungünftige AoancementSauSficpten, — unzurcicbcnbe Aer* 
forgung — unb eine ibehanblungSweife oon Seiten oiclct IBorgefcpten, bie 
{ehr häufig mit bem ffiefen ber OfftjierScharge im SBiberfpruche ftebt. 

2Bir tommen nun zu einem ber widjtigften fünfte, zue Acgclung bet 
AoancementS>®erhältniffe ber 3«fanterie, bem AcgimeutS«BnhaherSwe)cu unb 
bem pecuniäre» Sntgelb bet oerjehiebenen 2)ienfteSftufen. 


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217 


diefe ©egenfldnbe würben bereit! |u wieberholten Rialen öffentlich be* 
fprohen, Tie würben in Vrohüren unb-Fahblättern eingehenb bebanbelt unb 
es würbe bargetßan, auf weihe SBeife fie erlebigt werben lönnten. Sille! 
»ergeblih« Obwohl ba! Unzwcdmäßige be! eingehaltenen VeförbetungSwe* 
fen! nach ber Slnciennität einer eingehenben Slnalpfe unterzogen unb, bur<h 
dbatfacfeen belegt, nahgewiefen worben ift, obwohl man aller Orten weiß, baß 
ber ©rabmeffer militairifcher dücßtigfeit Weber in ber 3ahl ber 5Dienft» noch 
ber Saht ber SebenSjahre ju ftuben ift, halt man bo<h immer noch an ber fo* 
genannten öfelSleiter feft unb fheut fi<h, ber SuteQigen} jenen Vorzug einzu* 
räumen, ber ihr gebührt. daß man ein fehr tüchtiger £auptmann, aber ein 
fehr ungenügenber Stabsoffizier fein tann, ift betannt; baß man ein brillanter 
GorpSfüßrer unb ein hochft mittelmäßiger Slrmeecommanbant werben lann, ift 
gleichfalls ermiefen; warum alfo zögert man, ber Slrmee zu geben, um wa! fie 
fo lange fchon bittet unb wa! ihr fcßließlih trofc aller Oppofition boch wirb 
werben muffen: ein liberale!, gerechte!, zeitgemäße! Roancementgefefc V SU! 
ber mdhrifche £anbtag!abgcorbnete dr. Slene feiner 3eit im SBieuer Reih!* 
rathe btefe Frage ftellte, erwiberte ber ÄriegSminifter ©raf degenfelb, baß 
fragen innerer, rein organifatorifcher Ratur außer bem Bereiche ber 2Bir%m* 
feit be! Reichstage! lägen unb ft<h bcSßalb bon felbft fchon jebweber parteilei* 
benfdjaftücben diScuffton entzögen. die Slrmeeberwaltung lenne ihre Pflichten . 
unb werbe ihnen ju genügen wiffcn. Sie fei in biefen fragen Seiner Ria* 
ftät allein Rehenfhaft fcßulbig, unb man müffe jih auf ihre 6in[icht unb ihren 
Patriotismus »erlaffen. damit war bie Sache erlebigt. Rian hat feither. lein 
ffiort mehr bon Säuberungen im Sloancementgefefc gefprochen, unb e! blieb, 
Wie immer, beim Riten. ffiarum ? 2ßeil diejenigen, bie an ber Spifce ber 
Verwaltung ftehen ober bie haften Stellen in ber Slrmee betleiben, einen 
großen dßeil ihrer Riacht berlieren würben, wenn ihnen in ihrer gewöhnlichen 
©genfdjaft al! Regimentsinhaber ba! Recht, Dfpstcrc bi! zum £auptmann 
ad libitum in ihren Regimentern zu ernennen, entzogen unb in bie $dnbe 
ber (Sentralbehdrbe gelegt werben würbe, da! RegimentSinhaberwefen ift 
ein SBeSpenneft, in ba! man ohne ©efahr, zu dobe geftochen zu werben, nicht 
greifen barf. die 3ahl feiner Anhänger ift fehr gering, jene feiner ®egner 
fiegion. Rian fpricht in gemiffen Streifen, wo man, wie wir bereit! erwähnt, 
ba! £iftorifhe unb drabitionetle mit Fußtritten behanbelt hat, wenn bon bem 
3nhabermefcn bie Rebe ift, mit einer entfeplichen öhrfurcht bon biefer alten, 
aber auch fehr alterSfchwachen Snftitution. £ier ift ba! drabiiioneHe heilig, 
weil e! zum Veutel fpricht; bort ift e! jebweben ®(anze! baar, weil es nun 
eben fo unb nicht anber! in ben Jtram hineinpaßt. Ruf eiu büchen Fncoufe* 
quenz lomrnt e! ja babei niht an. da! RegimentSinhaberwefen ift eine ber 
bielen ©genthümlicßleiten, an benen bie faiferlihe Rcmee reih ift. Urfprüng* 
Iih würbe beftimmt, baß einzelne Regimenter zur befonbern RuSzeihnung unb 
^Belohnung ber Verbienfte heroorragenber ®eneräle bereu Ramen führen 
foQten; (päter würbe biefen ®enerä(en auh ha! Reht zuertannt, bie in ihren 

15 


8 



Regimentern erlebigten Offlsler^fteden geeigneten 3nbiolbuen §u »erleiden unb 
mürbe ihnen auch ba* Oofle Straf- unb Regnabigung*re<ht über ade jurn Re* 
giment*ocrbanbe jdblenben $erfonen eingerdumt. 3)er ©eneral, meld?er 
jum Inhaber eine« Regtmeitte* ernannt mirb, bat ba* Recht, bi« $um ©rabe 
eine* £auptmanne* Offiziere §u ernennen; er bat ©elegenbeit, ade feine nach- 
ften Rermanbten unb greunbe in fein Regiment einfcbmuggeln $u lönnen, unb 
al* b^rrf(bt jtotfeben ben Inhabern ber oerfebiebenen Regimenter bie ©emobnbeit, 
ficb- in ®e$ug auf fogenannte ©infcbieblinge gegenfeitig auf ba* Refte §u un- 
terftüfcen. 60 macht jurn Reifpiel ber ©eneral A ben Retter be* ©eneral* B, 
ber al* Oberlieutenant in irgenb einem Regimente bient, beute §um $aupt- 
mann in bem {einigen, unb ©eneral B morgen, ober bei fub ergebenber ndcbfter 
©elegenbeit, ben 6 obn be* ©eneral* A, ber al* Sieatenant irgenbmo bient, 
§um Oberlieutenant im eigenen Regiment, u. f. m. Ruch ift e*, unb jmar bejon* 
ber* mdbrenb be* gelbjuge* oon 1859, oorgefommen, bafc gegen einen febr be¬ 
fanden ©eneral bie Refchulbigung erhoben mürbe, er bube mit ben in feinem 
Regimente erlebigten OffaierSfteden förmlich £anbel getrieben unb babei bie 
Rechte unb Rnfprüdje feine* eigenen Offtjiet*corp* auf ba* Unoerfchdmtefte 
Oerie®. SBie oem auch fein mag, etma* SBabre* ift baran fidberlid) gemefen, 
benn jener ©eneral mürbe feiner 3 nbaberred)te oerluftig unb ba* Regiment 
mürbe einem ruffiföen Rrinjen oerlieben, beffen Ramen e* noch beute führt. 
Go inooloirt ba* gnbabermefen für einzelne Regimenter ©lücf, für einige Rrä- 
ponberanj, aber bringt, obmobl bnreh feine Stauer legitimirt, ber Rrmee im 
allgemeinen meit mehr Racbtbeil al* Rortbeil. S)ie in ben öffentlichen Rldt- 
tem geführte Rolemit bemeif’t bie* jur ©enüge. 


jßtx 3terncnl)tmmcl. 


Äu« einem bflnifchen ©ortrag .§. 6 . Oerfteb ’8 übertragen oon 

KHctor ernft. 


Suchen mit un« juerft bie (Sinbtüde Har ju machen, weKbe bei ber Se» 
traebtung be« Haren, unbewüllten Sternenhimmels allen IDtenfcben, auf welcher 
©Übung«» unb ©ntmidlungSftufe fte f«<b auch hejtnben mögen, gemeinfam fmb. 
Set (Sinbrud be« ©rohartigen ift fo unmittelbar, bafs et fleh bei Gebern juerft 
geltenb matbt. Selbft Sem, welcher am meijien auf ber Stufe Hoher Sinn» 
liebteit ftebt unb bei bem bie innemobneube ©emunft ihre heimlichen SBinle 
noch am menigften in bie finnlicbe Sluffaffung mifcht, muh ber Sternenhimmel 
al« ba« ©röhte erfcheinen, ma« er lennt; aber ber gewaltige 9 taum würbe 
6 be unb leer fein, wenn er nicht butch bte jabüofen Sterne belebt würbe. Sa« 
Sicht, weiche« he vom $immel ftrabten, wirb un« hoppelt bebeutnngsooü bureb 
ba« Sunfel ber 6 rbe. SBeil wir nicht« von allen ben ©egenftfinben fehen, 
welche un« an bie engen Serb&Uniffe be« HQtagSlehen erinnern, behnt bie 

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219 


Seele fteh aul, unb bie Unfichtbarleit bei Bergdngliehen feharft bie Sinne für 
tal Siebt aul einer höheren, größeren, minoet bern SBedbfel unterworfenen ffieft. 
Sie ^errlieblett bei Siebtel tritt auf eigentümliche ffieife an uni heran. Seine 
belebenbe, wobltbuenbe ffiirlung bat el ftetl gum febönften S3ilbe bei Sebenl 
unb bei ©Uten gemadjt; unter betn Karen, rnilben, nie blenbenben Sternen* 
liebt, welebel anbere ©egenftdnbe nur in faff unnterKicbem ©rabc erhellt uub 
bei bem fo gu fagen nur bal Sieht felbfl ft<h geigt, fiberfehleieht uni ein ©efübl 
all wdre bort in ber Sem nur Siebt, Seben unb ©lüe!, hier nur Sunfel, Sob 
unb Sehreelen gu finben. ©I liegt nahe, bajj eine gewiffe einteilige ©eban* 
lenriehtung biefer Sluffaffung eine gang falfcbe Deutung unterlegen lönnte; 
aber bamit hat bal ©efübl, welehel bie Hnfehauung bem unbefangenen Sinn 
aufbrdnnt, nicbtl gu thun. Sagu tommt bie tiefe, geroiffennajjen fühlbare 
Stille ber 9ta<ht, in Solge beren mir burdj bal Ohr ebenfo wenig wie bur<b 
bal 2luge an bal ßrbenbafein erinnert werben. Äurg, el ift nidjt ein gufdl* 
ligel Spiel ber ©inbilbungllraft bei 2flenf<ben, welehel ihn unter bem ndebt* 
lieben Sternenhimmel gur Slnbaeht meät, fonbern ein tief in ber SRatur ber 
Sache begrünbetel ©efübl. # 

SBie berfehieben ift hierbon bie Sttonbnaeht! Sie fanftleuchtenbe Seheibe 
nötbigt uni nicht,, wie bie Sonne, bal 2(uge niebergufehlagen, fonbern giebt el 
gu fieh unb bamit gum £immel empor. 3«gleieh überftrahlt fte fo biel bom 
Sieht ber Sterne, bah biefe unfere Slufmerlfamleit weniger feffeln unb tbeilmeife 
gar nicht gefehen werben, wogegen fie genug bon ber ©rbe geigt, um el uni 
unmöglich gu machen, fte gu bergeffen. So fehweben Sinne unb ©ebanfen 
gttrifeben Fimmel unb ©rbe, mit unbeftimmter SRiehtung, aber boH wohlthuen* 
ber Sehwdrmerei. 

betrachten wir jefct bie ©eftalten, welche biefe HQen gemeinfamen ©runb* 
einbrüefe auf ben berfdjiebenen Stanbpunlten bei SJtenfchen annehmen. Sie 
2lrt unb SBeife, wie ber gqng ungebilbete 2Jtenf<h bie ©röjje bei Sternenhim* 
mell emppnbet, lönnen wir uni leieht bergegenwdrtigen. Sie hob* SBölbung 
breitet fuh über SUlel, Wal er auf ber ©rbe lennt; fie ragt über alle üEdlber 
unb Serge empor. Sein 2Rafjftab ift allerbingl nur ein befcbranltet, aber 
ber $immel ift ihm bo<h bal ©roßte, Wal er fteh oorfteüen tann. Sie Sterne 
futb ihm nur leuebtenbe $ün!tchen; aber bie Klarheit unb Feinheit ihres Sichtei 
wirb bennoeh auf ihn wirlen. 3nglei(h ftnb ber Unterfchieb gwifeben ber bellen 
$immet!wötbung uno ber bunfeln ©rbe, bie Stille unb bie bamit berbunbene 
Seelenruhe fo fehr im Sinnenwefen begrünbet, baß auch biefe ©inbrüele ihm 
nidht fremb bleiben lönnen. 

Stellen wir uni jefct einen SUlenfehen bor, in bem bal ÜRaehbenfen unb 
ber Seobaehtungltrieb fehon gu einiger ©ntwieflung gelangt ftnb, fo wirb bei 
ihm ber SWaßflab fehon ein größerer fein. (Sr bat ftd? berfeßiebene Sterne 
borguglweife gemerlt, unb namentlich werben einige befonberl herbortretenbe, 
welche einanber nahe fteben, feine Slufmerlfamleit erregt haben, 6r fah fte 
ftber fernen Berggipfeln, glaubte ihnen naher gü fommen, fanb aber ihren 21b* 


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fianb unberänbert. 3ftre (Entfernung mußte bentnach fo groß fein, baß ber 
bon ißm 3 urüc!gelegte 2Beg baneben gar nicht in Betracht tarn. (Sr bat ge* 
merft, baß allel irbifefee Siebt bei bergrößerter (Sntfermmg immer febmädjer unb 
feßmädber mirb unb febon bei mäßigem Slbftanb gan 3 berfchminbet; aber bie 
«jpimmelllicbter, bon benen er meiß, baß fte ibm unenblicß bicl ferner ftnb all 
bie fernften Berge, ftraßlen aller Orten in unberänbertem ©lan 3 , muffen alfo 
einer anbern Orbnung angeboren, Solche Schlüffe haben ftcb ibm 3 mar nur 
in Slugenblicfen ber Beobachtung unb bei Bacbbenfenl aufgebrängt; aber fie 
folgen ibm auch in bie Stunben, mo er ftch rußig ben großen ©inbrüefen ber 
Statur ßingiebt. 

3ft nun bem SKenfcben febon ein fcßmacber Begriff bon ber Hftronomie, 
mie er 3 . B. bei ben ©ßalbäern borbanben mar, aufgegangen, fo geminnt für 
ibn bie $immel!betracbtung eine neue ©röße unb gülle. (St meiß, baß el unter 
ben Keinen £immclllicbtern SBanbelfterne giebt, melcbe ihre borgcfcbricbene 
Bahn um bie feftftebenbcn berfolgen. ©r meiß, baß bie (Entfernungen ber* 
febiebener Sterne gemejfen unb baß fte feßr ungleich ftnb. 2)et SIbftanb bei 
Bionbel ift ißm unenblidh groß im Bergleicß mit allen (Entfernungen auf ber 
(Erbe,*unb boeb geringfügig gegen bie Strede, melcbe anbere üörper bon uni 
trennt, Seber füblt, mie biel bebeutunglboller hier ber ©ebante an bie ©röße 
bei ^irnmell gemorben ift; aber baju tritt noch ba! Bemußtfein einer auch für 
bie ©rbe maßgebenben, mcbltbätigcn unb leitenben Orbnung. 2luf einem 
früheren Stanbpunlt füllte bie ©inbilbunglfraft ben bom befcßränlten SEßiffen leer 
gelaffenen Baum aul; fte ließ ben Sonnengott ben geuermagen bei $agel 
über ben $immel faßten unb ftcb bei Bacbt im Sdßooße bei Btcerel aulrußen, 
unb auch ber SJtonb erhielt feine leitenbe ©ottbeit. $iefe Borftellung tritt auf 
bem Stanbpuntt, mo bie erfte aftronomifebe ßenntniß liegt, bereit! in ben £in* • 
tergrunb, aber ganj feßminbet fte noch ni<bt. 2)er unermeßliche (Einfluß, ben 
bie Sonne auf bie (Erbe übt, unb bie nicht geringe Bcbeutung bei SJtoube! für 
bie (Erbe läßt leicht ben ©ebanten auffonnnen, baß attb bie anbereu £immcll* 
lichter nicht ebne (Einfluß auf bal ffioßlcrgeben ber üDtenfcben fein möchten, 
unb biel liegt um fo näher, all man noch leine Beranlajfung bat, beut .jpimmel 
eine bon ber (Erbe unabhängige Beftimmung ju geben. So tritt bon felbft bie 
Sternbeuterei in ben Borbcrgrunb. $ie fcbe’mbar größten £immel!lötpcr, 
Sonne unb Btonb, haben ißre Bebeutung für alle Btenfcßen; nicht! lonnte 
näher liegen, all ben Keinen Siebtem einen beftinunenben (Einfluß auf ba! 
Scßidial e i n 3 e I n e r Bemoßner ber (Erbe 3 U 3 U)(breiben. 

Bom ^immellbau mußte man auf biefem Stanbpunlte’ ficb glcichfall! 
noch eine feßr befcßränlte Borftellung machen. 3uerft glaubte man, bie ganje 
§immel!mölbung breße fuß um bie (Erbe, unb bie manbernben Sichter hätten 
ihre Bahn an betreiben; barauf, ftd? ba! ©emölbe anber! all feft oo^uftellen, 
lonnte man nicht berfaflcn. ©I mar bie «jpimmelloefte, bal girmanient, mel* 
<ßel auf ftarlcn Säulen, 3 um Beifpiel auf ben böcßften Bergen, rußte. Slber 
fpäter erlannte man, baß jebel manbelnbe Sicht feine Baßn in emem anbern 


8 




Hör 


Sbftanb oon ber Grbe habe; man mufjte jebem fein eigenes Sirmament, eine 
burebfiebtige ÄriftaHmölbung, geben, unb über allen biefen ein ©emölbe für bie 
feftftebenben £immelslichter, ben reinen geuerbimmel, als fc« ^oc^ftcn 
Unoeränberlicbleit, annebmen. 2We biefe ©emölbe mußten fich um eine ge* 
meinfame 2lje breben, unb fo be!am man fieben £immel für bie Sanbelfterne, 
neben einem achten als Sifi beS emigen Siebtes. Sinb mir auch meit über 
biefen Stanbpunlt binausgelommen, fo muffen mir hoch $ugefteben, bafj et 
unenblicb über ben oorbergebenben erhaben mar unb ber $immelsbetra<btung 
neue, mächtige Meise oerlieb. 

Berfepen mir unS jept, ftatt alle bie berf^iebenen GntmidlungSftufen 
§u oerfolgen, auf unfern eigenen Stanbpuntt, fo ftnben mir, ba& bie Rimmels* 
betraebtung einen ganj neuen Gparafter angenommen bat. Sie feften ©e* 
rnölbe fmb oerfchmunben; bie Grbe ift nicht mehr ber Mittelpunft oon 2l(Iem, 
fonbern eine fdjmebenbe ßiigel unter unseligen anbern. Sie Grbe felbft ift 
in ben £immet aufgenommen. Sir haben jef^t Meffungen unb barauf be* 
grünbete Berechnungen, melcbe uns Gntfernungen jeigen, gegen bie Millionen 
bon Meilen oerfebminbenbe ©röfjen fmb. GS giebt geiftbolle Männer, melcbe 
mit eingebilbeter Ueberlegenbeit Serer fpotten, bie Vergnügen an ber Betrach* 
tung jener 3 ablengröf 3 en finben. ©rofj unb Älein # fagen fie, fmb midlürliche 
unb lebiglich int Berbältnifj begrünbete Begriffe, ©egen eine ^anbbreite ift 
bie Güe unenblicb grob, gegen eine Meile Hein; maS ift eine Meile gegen ben 
UmfreiS ber Grbe, unb fo giebt es für jebc ©röfje eine anbere, gegen bie fie 
oerfebminbet. 3ft es ba nicht linbifcb, über bie gemaltigen 3ablenreiben 
ber SIftronomie ju ftaunen ? Siefer Ginmurf mürbe begrüfibet fein, menn eS 
pch lebiglich um abftralte 3abfen banbeite; aber baS ift leineSmegS Der gatl* 
Bei unfern Meffungen geben mir ftctS bon befthnmten ftnnlichen ©röfjen, 
unb jmar junäcbft non ^heilen beS menfchlichcn flörperS, auS: bem Saumen, 
ber ^anbbreite, ber Slrmlänge, ben auSgeftredien 2lrmen, bem Schritt ober gufj. 
Sie Meile ober irgenb eine anbere Ginbeit ift nur eine Bcroielfältigung biefer 
Mafcftäbe, ber UmlreiS ober Surchmcffer ber Grbe ift mieber eine Beroielfälti- 
gung ber Meile, unb fo führt ftetS bie Berechnung auf uns felbft jurüd. $a* 
ben mir ben Surchmejfer ber Grbe nach bem oon unferm eigenen flörper ge* 
nommenen Ma&ftab berechnet, fo beftimmen mir mieberum bie 3lbftänbe im 
Sonnenfpftem nach Grbburchmeffern, bie Gntfernungen ber^iyfterne nach Son* 
nenfernen, fo bajj ein greifbarer, fo $u fagen oon uns felbft auSgebenber, Seit* 
faben fich burch alle Majjbeftimmungen ber Siffenfcbaft jiebt. Sie Ginbil* 
bungSfraft gebt, Das Slllernäcbfte ju ©runbe legenb, noch meitcr, um fich nach 
biefer Seife bie Maboerbältniffe eigen ju machen. 3b* $ b« ®^batt gegen' 
bas Sonnenfpftem mie ber Sanbtorn gegen ben Berg, ober mieberum baS 
ganje Sonnenfpftem gegen baS Spftem oon Sonnen, melcbeS baS Sternge* 
mimmel ber Milchftrabe uns offenbart, mie ein Sropfen gegen baS Meer, unb 
felbft bieS gigantifebe Spftem oon Sonnen ift oietleicbt gegen noch gröbere, mie 
baS im Sonnenföein jitternbe Staublörnchen gegen ben ganjen Grbball. 






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222 


Unb ju bet (Einbilbungifraft gefeilt fih bie (Erinnerung an bie Unterfuhun* 
gen, welche beweifen, bafj alle biefe ©röben eine jufammenbängenbe Steibe in« 
einanbergreifenber 2>afeiniglieber bilben, »oDon fteti bai eine bai anbere 
bebingt, unb worin alle burdj biefelbe ©anjbeit bebingt »erben. Soblan, 
liefert biefe (Einbilbungilraft nicht einen unfäglih gröberen SJlabftab für bie 
Shäfcung bei Sternenhimmels, als man auf einer früheren (Entwidlungifitufe 
ber SJtenfhbeit jur Verfügung batte ? 

Sie mit ben SJtab-, fo ift ei mit ben ßeitbeftimmungen. Unter ben 
Dielen Beränberungen in ben Bewegungen ber Seltlörper, weihe innerhalb 
eines gewiffen Beitraumi Dodenbet »erben, um bann »ieber non Dorn 51 t be« 
ginnen, finb uni Derfhiebene belannt, beren Bcroibe fth über $aufenbe non 
Bahren erftredt. Unter ben ner»idelten Sanbelungen, weihe mit ber Neigung 
ber (Elliptit norgeben, befinbet fid) eine Beriobe non 40,350, eine anbere non 
92,930 Bahren. Sloh niel langer mag bie 3*it fein, »el<be unfer Sonnen» 
fpftem ju feinem Sauf um bai gröbere Spftern gebraust, bem ei aunähft an* 
gehört. Siefe Beit ift uni freili<b noeb nicht belannt; aber mit Döfliger Sieber* 
beit lönnen »ir fagen, ba& Babrtaufenbe barin nur Keine ©röfjen bilben. 
Stimmt hier bie (Einbilbungitraft »ieberum ihren irbifeben SRa&ftab ju £ülfe, 
fo geigt ficb ihr eine 3)auer in ber Statur, »onon bie befcbrdnfte Sluffaffung bei 
Sldtagilebeni leine Borftedung giebt, ba fie fih ent»eber trdg an bai Bot* 
banbene ali etwas SCobtei ober Stillftcbenbei Kammert, ober über bie 33 er* 
gängli(bteit bei (Enblihen, »orin bai Beftänbige ihrem Blid entgeht, Derlei* 
feit. Stur ber ©ebanle unb bie non »iffenfhaftlihem Renten befruchtete 
(Einbilbungilraft ficht burh bai Sternenlicht bie (E»igleit fhimmern. 

Stein, bie Siffenfhaft bleibt nicht bei ben abftralten ©röjjen fteben; »ir 
nermeilten nur einige Slugenblide bei ihnen, um ihre ^Berechtigung felbft ber 
(Einbilbungilraft gegenüber ju geigen unb alibann befto ungeftörter ben Blid 
auf bai ©anje binwenben ju lönnen. Sille Slufgellärten »iffen jefct, bajj jeber 
planet gleich bem unfrigen eine ßugel ift. Slber ei ift nicht genug, ju »iffen, 
bah bie übrigen Planeten Slebnlihteit mit unferer (Erbe haben, unb bajj manche 
oon ihnen Diel gröber fmb; man mub fi<h auch «mit biefem ©ebanlen befchdftigt 
unb fuh ihn Derarbeitet haben. SaS fmb bie gröbten Seitbegebenheiten 2)em, 
welcher nur einmal Don ihnen hörte unb beffen ©ebanle nie gu ihnen jurüd* 
lehrte, fte fub nie auijumalen fühle ? 3)affelbe labt fuh auf bie itenntnifj 
Dom Seltgebdube anwenben. Ser bie Betrachtung bei Sternenbünmeli recht 
genieben »iH, mub mit bem, »ai uni barüber belannt ift, innig Dertraut fein, 
©r mub bie Berge bei SRonbeS gefeben unb ficb ber untrüglichen Äunft ge¬ 
freut haben, »eiche nah ib*em ©hatten ober ber Steibenfolge, in ber bie ©ipfel 
beleuchtet werben, ihre ©röbß mibt. Bon bort mub er feinen Blid nah ben 
Planeten gewenbet unb fuh überzeugt haben, bab ihre Oberfläche ebenfo wenig 
glatt fein tann, fonbern, wie (Erbe unb Sftonb, Berge unb Sudler haben mub. 
(Er wirb oerfuht haben, ph in ©ebanlen auf frembe Planeten j U Derfefcen; er 
wirb jum Beifpiel Dom Jupiter aui bie (Erbe ali Keinen Planeten gefeben. 



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burch oergtf bette Snfhumente ihren SJtonb gefugt unb gefunben haben; er 
»irb ben Bortigen, nur jebn Stnnben betragenben SBechfel non Sag unb Stacht 
uno baneben ben langfamen ©ang ber 3abreS§eiten, welcher fub bort über elf 
©rbjabre erftreeft, gefeben, unb »irb bon bort aus bte Sonne als 25 SJtal fo 
Heine Scheibe tote bei uns erblidt, aber auch im »echfelnben Siebt ber oiet 
SDtonbe gewanbelt unb gewünfeht buben, bon bort auS, auf ber unenblicb biel 
längeren UmlaufSbabn, einen umfaffenbem Süd in ben SBeltenraum §u »er« 
fen* SBer ficb mit folgen, hier nur im flüchtigen Umrib angebeuteten ©e* 
bauten bertraut gemalt bat, 2)em »erben biefelben auch unter ben nächtlichen 
£immel folgen unb ihm ben ©inbrudt reich unb lebenbig machen. 

Unb wem brängt ficb nicht bei ber Betrachtung beS Sternenhimmels ber 
©ebante an bie bernunftbegabten SBefen auf, »eiche alle biefe SBeltlörper be* 
»ebnen mögen ? 2Bie tönnten »ir uns ihre Btcnge, »ie bie SWannigfaltigfeit 
ihrer Begabung borfteden ? 3)it SBiffenfcbaft tann 2)ie, »eiche behaupten, 
bab es nur auf ber ©rbe felbftbewubte SBefen gebe, nicht beS ©egentbeilS 
überführen; »obl aber tann fie baS Slbfurbe einer feichen Annahme nach»eifen. 
SBir brauchen hier nur an ©inigeS $u erinnern, welches* bagegen fpricht, bab 
ber Sftenfch bie böcbfte Stufe im SBeltad einnebme ober gar baS einige ber* 
nunftbegabte SBefen fei« SBerfen »ir einen Blidt auf bie ©ntmidlungsgefchichte 
ber ©rbe, fo erfennen »ir eine Beibe bon Baturaltern, bon benen jebeS foU 
genbe neuere unb podtommnere Schöpfungen herborbrachte als baS tforberge« 
beube, unb erft nach ber lefeten Umwälzung ober Umbilbung tarn baS 2tten* 
fchengefchlecht jum Borfchein, beffen ©goiSmuS ftch »obl burch bie Bermutbung 
berlept fühlen »ürbe, bab eS einft einem «och bollfommneren ©efchlecht »erbe 
$1 ap machen müjfcn. SBir »ollen beSbalb bon biefer ÜNöglicbteit abfeben unb 
lieber baran benten, bab unfer ganjeS Sonnenfpftem, gerabe fo »ie bie ©rbe, 
feine GntWidlungSftufen burchjumachen bat, mit ben Btobiftfationen, »eiche bie 
natürliche Stellung eines {eben ©liebes bebingt. SBäre es nun nicht eine fon* 
berbare Annahme, bah »eher bie bon ber Sonne »eiter entfernten Bfoneten, 
noch bie näheren, einen fo hoben ©rab ber ©titwicHung erreicht haben füllten 
»ie bie ©rbe? 2lber geben »ir noch »eiter. Unfer Sonnenfpftem ift nur ein 
Heines ©lieb eines biel gröberen SpftemS, mit welchem eS fub ohne Smeifel 
nach benfeiben ©runbgefepen entwidelt bat; unb hoch feilte nur auf unferer 
Keinen ©rbe bie Bernunft $um Selbftbewubtfein erwacht fein ? Unb greifen 
»ir noch »eiter, geben »ir über ju gröberen unb gröberen Spftemen, fo tritt 
uns bie Ungebeuerlicbteit beS ©ebantenS, bab nur unfer Heiner SBinlelplanet 
SBejen tragen fode, »eiche fleh beS Schönen freuen lönnen, auf fo grelle SBcife 
entgegen, bqb »ir uns fchämen, länger bei ihm §u ber»eilen. 

SlHeS in ber SBelt richtet fuh nach Bernunftgefepen. Sflan benfe fuh, 
»ie Giner, beffen gorfdjung ihm bie ebenfo einfachen »ie notb»enbigen ©efepe 
gezeigt bat, »onacb ficb bie Bewegungen ber ©rbe richten, biefelben ©efepe 
im groben $immetSraum »ieberfinbet. Ide SBelttörper ftnb bureb biefelben 
Aräfte ju Äugeln gebilbet, ade*»eichen aus bemfelben ©runbe non ber Äuget* 



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225 


jurüd. Unb bennoh taufte ich (Sott bafür; benn btefc unnatürliche Stube war 
unaulfprehlih nieberbrüdenb gewefen, unb ich hatte jeben Slugenblid erftiden 
ju rnüßen gemeint. Unter $b r änen ich ein unb ermatte erft am fol* 
genben Slbenb. 

0 , bie$ ©machen war fhredlihl 

Sajj mich barüber binweggeben unb 3)ir nur fagen, baß mit ihm auch ber 
©ntfhlufj, meinet Cannes £auS §u neriaffen, flar unb beutlich jurüdtebrte. 
2>aS lefcte ®anb, baS mich an ihn gefeffelt hielt, war jerrißen; nichts, nichts 
lonnte mich mehr jurüdbalten. Slber wohin foßte ich flehen ? 3urüd in baS 
£auS me : ner SJtutter? ÜJtie, nie fonnte ich mit meinem franlen, unbeil* 
bar franlen £erjen nach jenem Ort jurüdfebren, wo ich weine heitere, frohe, 
ungetrübte 3“flenb »erlebt hatte, wo mir guerft baS hoffte ©lüd erblüht war 
in meiner einigen, brennenben, unfeligen Siebe, ron bem ich gefhieben war 
im rollen Stolj einer eben getrauten ©attin, bie ror fich baS Seben wie einen 
im roßen 23lütbenfhmud prangenben ©arten liegen ju (eben gewdbnt hatte! 
Stein, nein, borthin nie! 

Slber wohin benn ? 2)aS war mir gleich; nur fort, fo weit wie möglich 
fort ron <J$ariS. 3h nahm eine 3eitung jur #anb, um ju fehen, ob nicht 
irgenbwo eine ©efeüfchafterin ober ©ourernante gefucht werbe. 3h entbedte 
benn auch eine berartige Annonce, worin eine englifhe gamilie, bie im begriff 
war, nah Italien ju reifen, eine ©rjieberin für jwei halberwahfene SJtdbhen 
fuhte. Näheres für jwei Sage ju erfahren in Sto. 29 #otel be Sour re. 

6 obalb ih biefelbe gelefen, fhidtc ih mein ßummermdthen ju 93ette, 
padte meine einfahftrtt Kleiber jufammen unb fhob bann rorfthtig ben Koffer 
in einen SBanbfhranf, beßen Shiüßel ih abjog. Sann rerbrahte ih bie 
Stacht theilS fhreibenb an meinen SJtann, ben ih feit meinem ©machen fhon 
jwei SJtal hatte abraeifen laßen, theilS taufenb unb abertaufenb SJtal 2lb- 
fhieb nehmenb ron ben teuren ©egenftdnbcn, bie meinem ßinbe gehört hatten 
— ben cinjigen, mit benen ßh in riefen Stauern eine 3&ee beS ©lüdeS rer* 
bunben hatte. 

2lm ndhften SJtorgen beflieg ih einen giacre unb fuhr bem $otel be 
Sourre ju. Ucberlegt hatte ih biefen 6hritt gang unb gar nicht; ih hatte 
nicht einmal an bie SJtenjhen gebäht, benen ih mich rorjufteflen im ©egriß 
flanb; ih war'überhaupt ju aufgeregt, um an etwas SlnbereS als-an mein Un* 
glüd ju beuten. ©S war als tbdte ih 2lfleS roßlommen mehanifh. 

3m £otel augefommen, lie& ih mih unter bem Stauten einer SJtabemoifeße 
S3eaulieu melbeu unb würbe halb barauf in ein 3immer geführt, wo mih ein 
grofjer, hagerer Sttaitn mit hartiit 3ßflen unb eine Same, bereu ©eftht jiern« 
Iih ricl ©infdltigfeit, aber auh eine grobe ©utmüthigfeit auSfprah/ empfingen. 
Stah ftunbenlanger Unterhaltung, bie ih/ alle meine ©eifteSfrdfte aufbietenb, 
um nicht obnmdhtig nieberjufmfen, aufreht hielt, würbe ih acceptirt unb be*» 
orbert, am felben Slbenb nebft ©cpdd ju erfheinen, ba man in ber grübe beS 
ndhften SJtorgeuS abjureifen gemente. 


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226 


m 


34 lehrte jurud, fcfi entf4loffen, ÜRay ni4t mieber gu fehen; aber au4 
biefc Prüfung mar mir niefet erfpart — er ermattete mi4 in meinem 3inimer. 

Qv f^ien aufrichtig gu leiben unb, bieUei4t erf4üttert bur4 ben Job beS fiin* 
beS, SReue über ft4 felbft gu empfiuben. Sei bem mie ihm »olle — teine 
einzige Stimme meines «jpergenS fpracb mehr für ihn, ich mißtraute unb rer» 
achtete ihn in jeber Siebung. 2Reine Siebe mar tobt, ebenfo unmieberbring* 
lieh geftorben mie mein ßinb; aber fie eingufargen, mar mir fchmercr gemorben 
unb hatte mehr Spänen getoftet als ber 2ob beS Ueinen GngelS. Um biefeS 
©rab fchmebten bie ©enien ungetrübter ^Reinheit unb beS emigen griebenS, um 
baS ©rab meiner einftigen Siebe bie 2)ämone beS Betrugs, beS Ghebru43 
unb bieler anberer Sünben, bie mein Ehrgefühl berhinberten, ihnen au4 nur 
eine 34räne mehr ju meihen. 

34 freute mi4, als 2Ray gegangen mar; mußte i4 bo4 no4 an meine 
gute alte 2Rutter f4reiben, um fic ju beruhigen. GS buntelte f4on, als i4 
bamit gu Gnbe mar. 34 hatte mir einen ©agen bis fünf Uhr beftedt, unb 
na4bem er gefommen, f4ieb i4/ i4 mö4te fagen, mit erlei4tertem £erjen 
aus biefen SRäumen. 

3m hellen 2Ronbf4ein lag bie Stätte ber lobten, ber Jtir4hof Pere la 
Chaise, ba, als mein ©agen bor feiner Pforte hielt. 34 mußte eS-fehen, 
baS Heine ©rab, baS Alles umf4loß, maS mir in meinem ßben Seben £roft 
hätte bringen tönnen; i4 mußte ihm für biefe ©eit Sebemohl fagen unb ber* 
fu4en, ob i4 bort mieber beten lernen tßune. 34 hatte eS in ber lebten Seit 
ber 64mcrgen berlernt — uh tonnte nur no4 meinem S4öpfer grollen. 

GS tarn mir fo frieblühftille, fo mohlthueitb ruhig bor auf biefer Stätte 
beS SmbeS. 5)ie tleinli4en Geforgitiffe, bie erbärmli4e Angft beS gcmößnli* 

4cn SebenS, menn man allein bem flir4bof naht, hcfonberS 9ta4tS, berührten 
mi4 ni4t; i4 ba4te ui4t einmal an fte, i4 hatter f4on größeren S4reden ins 
Auge gefehen. 

2)a, ba lag fie bor mir, meines ßinbeS lepte SRußeftätte. AIS i4 fic fah, 
faßte bie Gergroeiflung bon feuern mit ihren milben ilrallen mein £erg; i4 
hä.te baS ©rab mit meinen $änben aufmühlen mögen, um meinen beriorenen 
,64ap mieber gu geminnen. 25o4 aHmälig legte fi4 bie milbe ©luth, unb 
Grgebung jog in meine Gruft. 34 tniete nieber unb fonnte beten. 2)ann 
lüßte t4 bie -gemeihte Grbe gu meinen Süßen unb berließ, getpfteter als i4 
gelommen mar, ben Ort ber JRuße, mo uns bie 3ti4tigteit beS turgen Geben* 
bafeinS fo tlar bor Augen geftedt mirb. 

liefen Gegebenheiten, meine Gmma, folgten 3ahre, bie fo ruhig unb 
einförmig bergingen, mie bie borhergehenben ftünnif4 unb me4fclboU maren. 

34 berbra4te fte in eben jener englif4en Samilie, bei ber i4 mi4 als Jräu* 
lein Geaulieu eingeführt hatte, unb bie auS fo berf4iebenen Glementen beftanb, 
baß mir mährenb meines Aufenthaltes in ihrem töreije menigftenS bie 3*it nie 
lang mürbe. 3uerft toftete eS mir große Anftrengung, mein inneres, ftill 
bergrabeneS Seib gu berbergen unb ni4t ber bergmeifeltften SKuthlofigteit, bie 

I€l 7 Hm 



227 


gh meiner fo leiht in ben Stunben, bie mir gehörten, bemächtigte, gänjlih 
nahsugeben. 5)och ber Menfh !ann »iel wenn er uur mirtlih tuill, unb 
fo gelang e! mir benn auch/ eine ruhige gaffung juerft ju erheucheln, 
nachher fie aber mir mirflih amueignen. (E! lag freilich »iel in ben SSerbält* 
nijfen meiner Stellung, mir ba! SSergeffeit meine! inbtoibueüen Shmerje! )u 
erlebtem; benn ich batte ja bie (Erhebung jmeier junger Samen $u leiten, 
ih/ bie icb felbft fo unbefhteiblih menig bon meiner einftigen (Erhebung 
profitirt batte. $er Mangel pofiti»er fienntnijfe machte ficb mit febon bei ber 
erften Unteniht!ftunbe fo fühlbar, bag icb beftänbig fürchtete, mir meinen fä* 
bigen, für ibr 2llter meit »orangefhrittenen Schülerinnen gegenüber flöhen ju 
geben. Natürlich batte biefe (Entbedung benn bie golge, bag icb mit einem 
(Eifer ju ftubiien anfing, ben icb mit früher al! rein unmöglich gebucht batte« 
Slber Semen mirb fhmer, menn man einmal feit fahren nicht mehr gelernt 
bat, unb fo mug ich 2 )ir benn gegeben, bag ich in ben Unterrihtägegenftänben, 
bie bon mir berlangt mürben, gemobnlih nur mit einer einigen Section meinen 
Schülerinnen »oran! mar. 6 ! mar biefe Uumiffenbeit mitllih ein Segen für 
mich, benn meine 3 eit mürbe baburh fo bollfommen in Slnfprucb genommen, 
bag e! mir faltifcb unmöglich mürbe, meinen (Erinnerungen nahjubängen* 
3h fan! am 2lbenb tobmübe auf mein S3ctt, unb ber Schlaf Tarn freunblich tu 
quidenb, ehe ich »om Seinen erfchöpft mar, mie in ber legten 3eit meiner trau* 
tigen (Ehe. SDie anber! mar e! jegt al! früher! $ier lebte ich nur meiner 
Pflicht, mdbrenb ich früher nur bem ©lüd unb bem Vergnügen leben moHte unb 
e! hoch nie gefunben batte, £ier fuchte ich nicht! al! eine erträgliche Stiftung 
meiner (Efiftenj, unb fanb ba! grogte ©lüd, ba! einer ©attin ohne ©atten, 
einer Mutter ohne flinb, einem Seibe mit jerftßrten £eben!boffnungen merben 
Tonnte — ben grieben. 3h forberte nicht! mehr »om Seben, ih Tonnte nicht! 
mehr »om Seben ermarten, unb ohne groge ©emütb!erfhütterungen, ohne 
greube, ohne Shmerj »erlebte ih jebn ruhige 3abre, in benen ih nicht un* 
glüdlih gemefen mar mie früher unb fpäter. 

Meiner Mutter batte ih, ehe ih $arü »erlieg, »on bem unmiberruflihen 
SBorfage gefhrieben, mih »on meinem Manne ju trennen. 3$ batte fie bei 
ihrer Siebe 3 U mir befhmoren, nie »erlauten $u laffen, ob unb mie unb mo ich 
lebe. Um fie hierzu $u »eranlaffen, raugte ih jurn erften Mai al! 3eugin 
gegen meinen Manu auftreten, unb bie Jlenntnig meine! unglüdlihen Seben! 
in fßari! batte fie mit tiefer (Erbitterung gegen Mo; erfüllt. (Er Tarn halb nah 
meinem SBerfhminben nah meinem ©eburt!ort, um Slahforfhungen nah mir 
anjufteden, unb ba er glaubte, ih holte mih heimlicher Seife bei meiner 
Mutter auf, fo erzürnte ihn ber Mutter fingirte! Siiht!mif}en. S)a biefelbe 
nur au! gamilienrüdfihten in ihrem begegnen mit Mag eine gemiffe MägU 
gung jur Shau getragen, fo »erlieg fie auh halb biefe falte Stube. Sie for* 
berte »on May ihr frohe!, forgenfteie! Äinb jurüd, hr einjige!, leibenfhaftlih 
geliebte! fiinb, ba! er gequält, tprannifirt, migbanbelt, ba! er fo meit gebracht 
habe, bag e! ohne Mittel, ohne Shug binau!getriebeu fei auf! Meer be! £e* 


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benS. Gr würbe roh, wie baS in feiner Art lag, unb meine SJtultcr, bor 3orn 
bebenb, berbot 3)em, ibre Schwelle wiebet $u betreten, ben fie bor wenigen 
3abren eben bort mit ihrem Segen empfangen batte. Sie fchrieb mir baS 
Alles unb noch mehr* üföan batte nämlich aus meinem Serfchwinbcn fo giem- 
Ii(b richtige Schlüffe gezogen; man batte ©ermutbungen über unfer eheliches 
2eben auSgefprochen, bie $u allerlei ©erüebten ©eranlaffung gaben. ÜDtay batten 
biefelben febmäbli(b geärgert, unb war es nun bierbon bie golge ober tbat er es 
©ott wei& auS welken ©rünben — genug, er forfebte aufs Gifrigfte na(b mir, 
jeboch bergebenS. 34 batte alle ©erbinbungen meines früheren 2ebenS ab* 
gcfchnitten, unb felbjt ber ©riefwechfel mit meiner 2Jlutter ging bureb britte 
$anb. Grft fchrieb mir bte ©lütter öfter bon bem, waS bie SBelt über ©iay 
f«b e^äblte; aber fpclter febwieg fie ga^ bon ihm, unb t<b fragte au(b nicht 
mehr — er füllte ja für mi<b su epftiren aufböreu. 

34 fagte febon, bafi ich in meiner Stellung jufrieben war. ©lan er* 
fannte meine Anftrengungen, eS Allen redbt $u machen, wenigftenS an, unb 
baS Grftere war teineSwegS leicht. 2abp 2. War ein oberfläcblihcS, ftoljes, 
aber gutmütiges SBeib, baS bon mir beclangte, ihren Töchtern eine folche Gr* 
jiebung ju geben, baj? fie in ber ©efeöfebaft glängen fönnten; tabcüofe Xournüre, 
IiebenSwürbige ©ebewenbungen unb begleichen äufjere SSorgüge genügten ihren 
©egriffen bon einer 2)ame commo il faufc. 2orb 2., ein talter, bergtofer 
Ggoift, beffen eminente gäbigteiten unb wirtlich fabelhafte ßewttniffe ben leb* 
baftejten Gontraft gu ber bornehmen 3gnoran§ feiner ©attin bilbeten, wollte, 
bab feine Töchter tiefe, auf ©rünblicbfeit bafirte Stubien burebmaebten unb 
bab fie benfelben ©efebmad abgewinnen füllten. Gr felbft überwachte häufig, 
mit feinen falten, fteebenben ©liefen mi<b beobaebtenb, meinen Unterricht 
unb bereitete mir bureb feine arrogante ©üdficbtSlopgleit, wenn er baS 
©lüef batte irgenb eine unlogifcbe Seblubfolgerung ober irgenb weleben 
tbum gu entbeefen, bie unangenebmften Momente meines Aufenthalts bort. 
SBenn er mit feiner beleibigenben, beibenben ^öftiebteit, bie er nie bei Seite 
fefcte, mich gu öerbeffern begann, ba bäumte fieb oft mein einft fo fiolgeS $etj, 
unb i<b hätte gern bem $errn ©rafen, ber in feinem $o<bmutb beS A5iffenS unb 
beS Abels mich wie einen gefübüofen ©leubelgegenftanb, ben man bebanbcln 
lann wie 2u)t unb 2aune eS cingeben, betrachtete, begreiflich gemacht, bab 
meine Stellung in ber ©efellfcbaft fo lange mit ber feinen auf gleichem ©ibeau 
ftanb, bis ich aus freien Stüden mich berabliefi, bie Grgieberin feiner tfinbet 
Su werben. 3)o<b i4 bezwang mich; was wollte ich benn auch mit meinem 
Stolje biw, Wo ich nun einmal boeb in abhängigen ©egiebungen ftanb ? ©ur 
einmal, unb gwar im Anfänge meines Aufenthaltes bei ben 2... .’S, empörte 
ficb mein Selbftgefübl entfehieben gegen üornebme ©eringfcbäjjung ber ©ouber* 
nante in mir, als man mich beim Gintritt in baS ©efedfcbaftSgimmer bem 
bort befinblicben ©efueb nicht allein nicht borfteüte, fonbern auch nicht einmal ben 
Sact befah, mich überhaupt $u ignoriren, fonbern mich SHebe unb Antwort fteben 
hieb wie einen $ienftboten. 34 empfahl mich hierauf mit einer, ich fühlte e3. 



229 


hö4ft flogen Perbeugung, *bie eigentl,i4 wohl bet gefeierten greunbiu De« PU* 
nifter« Don (L in beffen ariftofratif4*n Peunion«, nicht aber einer armen 
©ouoernante jufam. Slber i<b war empört, unb i4 berad)te!e in jenem SD^o** 
ment bie atmen, fleinlidjen Seelen, unter benen i4 lebte, Don ^erjcn. 3$ 
lief, mich am näcbften Ptorgen bei ber Sabp 2. melben, al« fie, wie i4 wufjte, 
mit ihrem ©alten ba« grühftüc! einnabm, bie einzige 3«it,, bie berfelbe ibt 
wibmete. 34 bat fie bann in febr beftimmter PSeife in wenigen SBorten, mi4 
uä4ften« ihren (Säften borjuftellen, wibrig nfall« meine Selbfta4tung mich 
zwinge, ihr £au« ju Derlaffcn. 3# mufjte wohl ber guten, bornirten 2)ame 
imponiren, benn fie würbe ungemein ^öfti4, entfcbulbigte fi4 unb Derfpracb 
unter ben fcbmeicbethafteften 2lu«brücfen, bafj eine berartige „SBergeblicbleit" 
ihre gute Peaulieu, beren aulgejeidjnete Sournüre ihren Söcbtern al« Peifpiel 
bur4au« nothwenbig fei, nicht wieber Detlefen foüe. Selbft ber £err ©raf 
fdhien fehr unangenehm berührt Don meiner ©rflärung; er bergab einmal feine 
falte, Derlefcenbe ^öflichleit unb lieb P4 h«ab, meine ©rjiehung^methobe §u 
loben. 2)ie« unfreiwillig geleiftete fiob, ba« ber Slugenblid ihm abjmang, 
befimichtigte meinen Slergcr über bie erbärmlich lleinlicbe Peufjerung feiner 
bie wirtlich rebliche Bemühung, meine Pflegebefohlenen ju eblen, gebilbeten 
Pteufchen ju etlichen, gar nicht einmal bea4tenben ©attin. 

2)o4 i4 will über jene ruhige 3*it hinwegeilen unb 2)ir nur fagen, bab 
mein Pemufitfein, ©ute« ju wirten, mir jenen grieben brachte, Don bem i4 
fpra4. 34 h<4e biefe« ©ute bewirtt, wenigften« jeigten bie Pefultate meiner 
Slnftrengung nur ©ute«. Pteine beiben wahrhaft Don mir geliebten unb mich lie* 
benben S4ülerinnen fmb jwei eble grauen geworben, beren Slnhänglichfeit an 
mi4 no4 jefct ju ben wenigen Sonnenblidfen gehört, bie ba« S4ict|*al meinem 
Sehen fpenbete. 

Dbf4onbie3amilie Sorb 2/« fehr jurüefgesogen lebte unb feine Saifon in 
Sonbon jubra4te, fo fehlte e« benno4 bei ihrer betannten ©aftfreunbfehaft 
ni4t an häufigen Pefuchen. 34 war eine« Sage«, meiner träumerischen 
Stimmung folgenb, ftunbenlang im Pari, unb jmar in feinen melantholifchften, 
büfterften Sheilen, umhergemanbelt; mir war ba« £erj fo {4wer, unb bie Pilber 
meine« früheren Sehen« wollten, trofc aller Perfuche, fie §u bannen, nicht rnei* 
nem geiftigen Sluge entfehwinben. SGBar e« 3ufall, ober wirtte bie gebeimnifj* 
Dolle, unevtlärliche Pta4t, bie ber Ptenf4 2lhnung nennt, auf mein ©emüth — 
genug, i4 bachte au meine einftige Siebe, an ba« Heine ©rab in frember 
Gebe, an bie ganje Pergangenheit, unb bann au4 baran, wo unb wem Pta; 
jefct lebe. 2)a mar mir 7 « al« hörte i4 nicht weit Don mir in ber SUIee, bie mit 
Derjenigen, in mel4er i4 eben promenirte, parallel lief, reben; ich ftrengte mein 
Singe an, Don einem unbegreifli4en Streife erfafjt, Durch ba« biebte Saub 
hinburch $u fehen, wer Denn eigentlich ba« rauhe, ftürmifche Ofioberwetter 
ni4t f4eute unb jefct bei einbredjenber Dämmerung noch im Parte weilte. Piit 
Ptübe gelang e« mir enblich, für einen Slngenblicf bie ©eftalt zweier Herren ju 
gewahren, unb — o £imme(, wo« war ba« ? war e« eine optifche Säufchung, 



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230 


ober war eS baS 3crrbilb meiner erregten ^bantaFte ? — Die gigur beS Gincn 
berfelben, fetbft ber ©ang, fepien mir beiten meinet 9JtanneS ähnlich ju fein. 
Doch fobalb fte meinen 93ticfen entfcpwunben waren, oerlacpte ich felbft meine 
franfbafte GinbilbungSfraft, mir einrebenb, baf, ja 2Jtay, ber in gar feiner 23e- 4 
giebung ju ber Familie beS $aufeS ftanb, unmöglich hier im nörblicpflen Dbeüe 
GnglanbS fein lonnte. Dann freilich flüfterte mir eine aitbere Stimme meines 
^erjenS oon ber aftöglichfeit, bah 2Jtay oielleicht mit bem franjofifchen ©efanb- 
ten, ber bei 2. längft erwartet würbe, angefommen fei. Slber baS war ja Iln- 
ftnn. 9)tay war im ginanjburcau angefftllt; wie fonnte er alfo im ©efolge 
eines Diplomaten fein? Unb wenn er bennoch im £aufe wate! 2BaS füllte ich 
tpun, wie hobeln ? Unb wieber unterbrüefte ich ntit ©ewalt biefe unftnni* 
gen fragen, wieber rebete ich mit ein, baf* jenes ©eftebt/ in bem ich meinen 
9Wann erfannt haben wollte, nichts als bie SluSgeburt meiner wilben GinbiU 
bungSlraft gewefen fei — wieber fuchte i4 biefelbe mit ©ewalt $u unterbrüefen. 
Sch lenfte meine Schritte bem $aufe in, unb ba eS bie bbcbfte 3*it mar, fich 
jum Diner umjuRciben, fo würben meine ©ebanfen balb ganj oon anberen 
Dingen in Slnfpruch genommen. 34 trat in ben Speifefaal als fchon bie 
©efellfchaft bort oerfammelt war, unb unwUllürtich fchweifte mein 93licf über 
bie ganje S3erfammlung bin. Doch/ ©ott fei Danf, baS, waS ich bort ju fehen 
fürchtete, war nicht ba. 34 begann freier ju atbmen, unb war im Staube, mit 
Slufmerffamfeit ber Gonoerfation ju folgen, bie in meiner 9täbe oon bem heute 
wirfltch angefommenen fran$öFtf4en ©efanbten unb bem geiftreichen Verlobten 
meiner älteften Schülerin geführt würbe, $lö&li4 unterbrach P4 ber Gcftere, 
unb rief einem neuen Stnfömmling, ber foebeninberDhür erfchien, welcher ich ben 
Sftüden wanbte, ju: „SIber, 2auer, wo waren Sie benn eigentlich wdhrenb ber 
lebten Stunben ? — Sch bube Sie gefucht wie eilten oerlorenen Diamanten, um 
hier bem 2orb 2. bie Schilberung unfcreS dinfaHS in SRufilanb ju geben, wie 
Sie baS fo meifterbaft oerfteben !" 

O ©ott! Gin eleftrifcber Schlag burch^udtte mich oom Scheitel bis $ur 
Sohle — ich wufjte nicht wo ich mich befanb unb wie mir gefchab —,2UleS 
brehte fich im Greife mit mir, unb ich glaubte, ber Schreden werbe mich tö&ten. 
SIber ich würbe nicht einmal ohnmächtig; ich erholte mich nach wenigen Sefun* 
ben, unb ein ©ebanfe erfaßte mich mit Uiiefenfraft unb rifj mich empor aus 
meiner Seftürjung — ber eine ©ebanfe, mich ben 93licfen SDtayenS ju entheben. 
Slber war eS benn möglich, mich anbertbalb Stunben lang unbemerft leine 
jebn Schritte entfernt oon Demjenigen, ber mir einft ber 9tächfte auf Geben 
war, aufjubalten ohne bap ich mi4 oerrietb ober bä& er mich erfannte ? 3# 
wollte aufftebeit, plöpliche» Unwoblfein oorf4ü$en unb mich entfernen; aber 
baS war ja unmöglich, ohne eine gemiffe Slufmerffamfeit auf mich ju jiehen; 
i4 wollte — hoch ich wu&te gar nicht mehr was ich eigentlich wollte. 34 
wollte geben unb hoch bleiben, ich wollte nicht gefeben werben unb bo<h feben; 
ich mar wie bejaubert, magnetiFtrt; ich mar wie oom SBlicf beS 2kFtliSten ge¬ 
bannt. 34 laufchte ben SBorten beS Spre4enben — meines ©atten — 



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tote er in bem befannten leisten EonberfationSton allerlei erzählte uttb bie 
ganje Sif4gefeüf4aft lachen machte. 34 weib nicht was er erzählte, ich 
horchte nur ben Sötten, bie einft mit ihrem Silbertlang bie Siebe in meinem 
jungen £er$en toach geläutet hatten; i4 Iauf4te ihnen, bie erft ganj Ieife unb 
bann immer lauter unb mächtiger in meinem $er$en bie melooifchen ©loden ber 
Erinnerung anfchlngen; ith lauste ihnen, no4 einmal bom füben 3aubet beS 
SBergeffenS umfangen, mit ber toonnigen Empfinbung eines liehenben £erjenS. 
34 lauf4te bis biefer unnatürli4e unb bo4 fo berauf4enb felige 3auber ft4 
plö$li4 Ißf'te unb eine anbere, unfelige Erinnerung mir all* mein Elenb, alP 
meine Seiben sitrüdführte. 34 hätte mein £aupt auf ben Sif4 legen unb 
meinen mögen toie ein fiinb, meinen ohne Slufhören. 34 fühlte mi4 jum 
Sterben elenb. 

Unb benno4 beherrf4te i4 nti4 unb antwortete — ber Fimmel freili4 
mag miffen wie jerftreut — auf alle an mi4 gerötete gragen. 34 mollte 
ben f4meren ßampf bur4tämpfen, um unbemerlt ju bleiben. 2Bahrf4einli4 
mürbe mir SefctereS erleichtert bur4 bie Seränberung, mel4e bie 3eit unb bie 
©emüthSerf4ütterungen in meinen 3ügen he^orgebra4t hatten; bab fie grob 
mar, jeigte mir tägli4 mein Spiegel, unb heute befonberS ein flüchtiger ©lief 
meines ©atten, ber, an mir borüberf4toeifenb, ber gangen ©efellf4aft galt. 
2Bäre biefe Seränberung minber grob gewefen, fo mürbe er mi4 alSbalb er- 
tannt haben. 34 bewegte mi4 taum, i4 fpra4 Ieife, unb f4on fühlte i4 mi4 
beruhigt in Sejug beS ErtennenS, als Sabp 2., bie am anberen Snbe beS Si- 
f4eS fab, plöbU4 eine grage an mi4 ri4tete. 34 antwortete mit bebenber 
Stimme, i4 fühlte unter anberen au4 SDtayenS Slugen auf mi4 gerichtet; i4 
fah ihn plöbli4 etblei4en, bie ©abel frnten laffen unb mi4 anftarren, als fähe 
er in mir eine Erf4einung auS ber anbern SBelt. S4on für4tete i4, ihn 
aufipringen unb ju mir eilen ju fehen; als ihn aber fein ÜRa4bar fragte, was 
ihm benn eigentlich fehle, behielt ber SBettmann in ihm bie Oberhanb, unb ge- 
fabt wie es eben nur ein 2)tann feines EharafterS in fo lurjer 3*it fein tarnt, 
begann er wieber feine unterbro4ene Unterhaltung aufjunehmen. 

Er fah nun oft ju mir herüber, i4 aber bermieb feine Slide; bo4 alsp4 
benno4 einmal unfere Elugen begegneten, lag in ben feinigen — eS f4ien mir 
menigftenS fo — eine unenbli4e Sef45mung unb bie Sitte um Serjeihung. 
SBel4e dual, ruhig im 3n>ang conbentionellet gormen ausharren ju müffen, 
wenn baS £erj erf4üttert ift wie mir bamals! 34 fpta4 unb hanbelte wie 
im Sraum, unb weib taum, mi ei4 na4 Aufhebung ber Safel eS mögli4 ma4te, 
mi4 foglet4 gurüdgugiehen. 

34 mar taum eine halbe Stunbe in meinem 3intmer, unb fafi nicht mehr 
im Stanbe, mi4 ju beherrf4en, als ber w $err SegationSrath Sauer" fi4 rncl« 
ben unb um einige Slugenblide ©ehör bitten lieb. 

Et trat ein, f4lob borfi4tig bie Sbür unb f4ob ben Siegel bor, unb bann 
wanbte er ft4gumir. 34 hatte mir borgenommen, ihn mit ber äuberften Mte $u 
empfangen; aber meine Aufregung mar gu grob gciuefen, umftegänjli4 hinter 


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bcr ÜDlaSfe bet 9luße »erbetgen gu fbnneu« 34 glaube, er bemerlte bieg mit 
bem erften ©lief unb froßlodte innerlich barüber. de marf ficb ju meinen gu* 
ßcn, preßte meine pänbe in biefeinigen unb febaute mich fo burebbringenb an, baß 
i4 meine Slugen gu ißm erbeben mußte, obfcßon icb mir borgenommen batte, 
bieg gu »ermeiben. 34 tonnte ja gu gut biefen magnetif(ben 33lid, um ibn 
•-nicht furchten gu muffen. Sann erft, alg er bieg erreicht batte, flüfterte er: 
„fDtarie, SJtarie! mie elenb baft Su mid? gemadbt in ben lebten gehn 3abren!" 

dr fab eben nicht elenb aug, fonbern moßler unb blü^enber alg je gu»or, 
unb biefe SQJorte erbitterten mich aufg £ochfte. SBdren feine erften SBorte ftatt 
berer beg 33ormurfg, bittenbe SBorte um SSergeißung gemefen, hätte er mir nur 
bie ©cnugtßuung gegeben, fein Unrecht fofort anjuerfennen — meid? mie ich 
eben geftimmt mar, ich hätte mich ber bittern, fchneibenben SBormürfe enthalten, 
bie jetjt über meine Sippen flößen« 34 riß mich log, ftüfcte mich auf bie Sehne 
meineg Seffelg, um nicht bor 3orn gitternb, mie ich mar, umguftnfen, unb ließ 
meiner dutrüftuug, meinem Scbmerg unb meiner Söitterleit, bie gehn lange 
3abre unterbrüdt unb eingebämmt maren, freien Sauf« 34 marf ihm mit 
größter Seibenfchaftlicbleit feine Gchlechtigleit bor, ich Hagte ißn all beg Unrcchtg 
an, bag er gegen mich begangen unb morüber mir gu teiner drtlärung getont* 
men maren. dr feßmieg beftänbig; er entf4ulbigte P4 nicht einmal, unb fab 
mi4 nur bermirrt unb bittenb an; ich mürbe immer gereifter unb berlor immer 
mehr bie ^errfeßaft über mi4, je mehr i4 ihn bie feine behaupten faß. $i£ 
§um Uebermaß erbittert burch bie Ueberma4t, bie er baburch über mi4 ge* 
mann, forberte ich ib» auf, auf ber Stelle gu geben, ober ich mürbe bie Siener* 
febaft rufen, um ihn gu entfernen« dr manbte pcß, gog ben Schlüffel aug ber 
Sßür, ftedte ihn gu fich unb fagte f4arf: „Su mirft bag nicht tbun, 2Jtarie! 
34 tüerbe bieg 3i»wmer nur an Seiner Seite »erlaßen, um Sich ber gamilit 
»on S. alg meine ©attin »orgufteflen! 11 

„Stie unb nimmermehr!" 

„Still! Sumeißt ni4t, mag Su fagft; i4 merbe Sich rellamiren« ÜBiüft 
Su n\ir nun gutmillig folgen ober nicht? Sag (Scfcft giebt mir bag 9te4t bagu, 
merle Sir’g." Stach biefen Porten nahm er meinen Sinti unb führte mich gum 
Sofa, brüdte mich barauf nieber unb fefete fich neben mich. 34 mollte auf* 
fpringen, aber fein Slrm legte fteß »nie mit eifernem ©riß um meine Saiüe unb 
er lehnte mein $aupt an feine 33ruß. lieber moflte ich mich ftrduben, aber 
»ergebeng« dr bulbete eg nicht, fonbern fprach in gang anberem Son alg »or* 
her: „Sei rußig, 2)tarie, ich muß mit Sir reben; menn ich fertig bin, laffe ich 
Sich frei, menn Su frei fein millft!" 

Unb nun mußte i4 hären, mag er gu fagen hatte, dr erfannte fein 
Unrecht, er befeßonigte eg leinegmegg; er Itagte fich felbft an, unb bann bat er 
mich unt SSergeißung. dr habe genug gebulbet, genug »on ben SWartern ber 
Sleue gelitten, genug gemünfeht, mieber gut gu machen, mag er meßr aug Seicht* 
fmn alg aug S9ere4nung getßan. dr fagte mir, baß ©emiffengbiffe ißn fo 
feßr gequält, baß er nicht allein gebe Begießung gur Saroneße »ou S« abgebro* 

'i . i 


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$cn, fonbent au4 alle ihm gu ©ebote ftehenben Btittel angemanbt habe, mi4 
aufynftnben, um, wenn auch nicht bie alte Siebe, fo boch meine SBergeibung gu 
gewinnen, ßr habe feinen Slugenbtid bte greube ober Stube gefannt fei* 
meinem SSerfcbminben; fein ©ewiffen habe bal nicht jugegeben. 

Unb all ich auf alle tiefe 93erft<berungen nicht antwortete, fuhr er mit 
jittember Stimme fort: „Sarie! SJtarie! 34 »erlange nicht, ba| $u an alle« 
bal glaubft, trofcbem ich el 2)ir fchwöre bei SUlem, mal mir heilig ift; ich habe 
®ich gu oft getäufcbt. 34 »erlange nicht, bafj SDu mich mieber lieben follft, 
weil ich bal felbft für unmöglich halte, nach bem, mal ich 3)i4 ertragen lieb; 
aber ich befchmöre 3)icb beim SInbenten an unfer tobtel flinb, bal ich inniger 
geliebt habe all $u el »ieüeicbt für möglich hältft. ©ieb mir bal Stecht, an 
SDix Jobber gut gu machen, mal ich Befehlt habe! ©ieb mir bamit bie Stube $u* 
rüd, bie mich emig fliehen miro, menn S5u nicht gu mir gurüdfebrft!* 

„Seht tbue mal 3)u miHft; ich laffe $i<h frei! 11 Unb bem SBorte bie $bat 
htnjufügenb, lieb er mich lol unb »erbüßte fein ©eficht mit beiben £änben. 
34 ftanb auf, ging gum genfter unb bticfte htnaul in bie fternenheHe Stacht. 
34 wollte mich fammeln ehe ich antwortete, ich f4manlte fchon nicht mehr. 
Schmach wie ein Stobr ift bal grauenberg, feine eingige flraft liegt in feiner 
SBeichheit; mit unb burd) biefelhe allein fann el ben Stürmen bei Sebenl 
Sroh bietenl ßben noch »erfchmor ich mich ho4 unb heilig/ nie unb nimmer 
mieber in bie alten Segnungen gu Sa; gu treten, unb nach wenigen ernften 
Sorten fchon ftanb ber ßntfcblufj in mir feft, noch einmal gu »erfuchen, ob bie 
früheren ßreigniffe unb meine SSergeibung nicht bal £erj meinel Sanne! er* 
weicht hatten. Sill ich fo an Sayenl ©ruft lag, überlam mich eine unenblidje 
Sübigfeit, weiter allein im Sehen gu fämpfen; ich wollte ruhen, ich wollte nicht 
mehr felbftftänbig, fonbern mieber abhängig fein; el überfam mich beinahe ein 
Surifch, abhängig gu fein »on ben Saunen einel Sannel! 34 mochte nicht 
mehr allein ftehen, ich fehnte mich/ mich angufchmiegen an eine ftärfere Statur/ 
mich felbft »on berfelben quälen unb nieberbrüden gu Iaffen, nur um an ihr 
eine Stöbe gu haben. 34 füllte bie ßinfamfeit, gu ber ich mich felbft frei* 
willig »erbammt, bie ich mit ihrem ftillen grieben geliebt hatte, plöfclich gu fcbmer 
auf mir laften, um Re länger ertragen gu lönnen. ßl überfam mich beinahe et* 
mal wie Heimweh nach meinen alten Seiben. ßl that mir wohl, wieber ber ©e* 
genftanb bei Sntercffel für 3«manben gu f&t, nachbem feit 3abten 3«ber falt 
an mir »orübergegangen war. Äurg — el mag täthfelhaft unb unnatürlich 
fcheinen — ohne bafj auch nur ein gunfen »on Siebe gu Sa; wieber angefacht 
war, mar ich bereit, mich mieber in jene geffeln eingufchmieben, benen gu ent¬ 
rinnen einft mein heiftefter SBunfch gewefeti war. ßl mochte bal fchmacb fein, 
ich geftehe el; aber el ift auch fo fcbmer, burch’l Sehen gu gehen ohne burch 
engere ©anbe mit anberen Senfehen »erbunben gu fein. 


Saft mich htnmegeilen über meine unter ©ebingungen gegebene ßinmiHi« 
gung, Sa; gu begleiten, über feinen Triumph unb feine Schwüre binftchtlicb 
einer freunblichen 3ufunft, über bal ßrftaunen unb bie ©eftürgung im Sorb 



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B’fcpen gamilienfreife, als SRabemoifeHe Beaulieu fiep plöblicp in Stau Sega« 
tionSratp Sauet oerroanbelt patte. Genug, ich begleitete 2Jtay, um ihn nicht 
mehr }u oerlaffen! 

„Unb hielt er benn bieSmal feine Scpmüre unb feine Besprechungen, 
HRarte ?* 

Gr hielt fie, tote überhaupt eine leidbtflntilge Statut mie bie feinige berat« 
tige Berficherungen heilig halten lann. (Sr hat fchmerlicp mit taltem Blut unb 
faltet Berechnung meine Gefühle ju berieten gefucpt; aber fein bobenlofer 
Seichtfmn hat mit taufenb Qualen, taufenb Berlegenpeiten unb riefen Jammer 
bereitet. Jcp habe rief gelitten, meine (Smma, unb bie einigen Aufregungen, 
bie beftänbigen etfolglofen Berfucpe, ben Seichtfmn unb bie motalifcpe 6<hmä«he 
biefeS gu ben bijarrften (Syceffen geneigten GharalterS gu betämpfen, haben mich 
geiftig unb förperlich aufgerieben. Jcp bin biefem Jtompf nicht mehr gemach« 
fen, ich habe ihn enblich als noüfommen nuptoS auf gegeben, aber ju fpät! (Sc 
hat mir mein ©lud gefoftet, unb mirb auch mein Seben toften. Jcp fühle mich 
erfebfofft, elenb unb lebenSmübe. SWich reigt unb gerflreut BicbtS mehr; ich 
hoffe unb erfepne nichts mehr als ben £ob. (SS hat mein in feinen peiligften 
Begebungen gefcheiterteS £erg eine SWifjftimmung ergriffen, bie'icp nicht mehr 
gu befeiftgen bermag, unb ich glaube, ich metbe ihr halb erliegen. 

Unb fo gefchah eS; nach menigen Btonaten hatte bieS arme, gequälte $ei) 
ausgelitten unb jene Buhe gefunben, nach melcher es fich fo fehr gefeint hatte. 
SBieber einmal mar ein liebemarmeS, entpufiaftifcheS, ebleS grauenhetj an 
bem (SgoiSmuS Anbeter gu Grunbe gegangen; triebet einmal maren alle bie 
eblen Abfichten unb bie eble Aufopferung eines liebenben SBeibeS gntücJgefto&en, 
mifjfannt unb mit Unbaut bergolten, — baS SooS fo Bieter! 

3>er SegationSrath Sauer fchien anfänglich, nachbem er Btarie unmieber« 
bringlich berloren, ben SBerth ihrer Siebe gu begreifen. 2Bar eS ber Scpmerg 
ber Siebe ober ber Beue, ber ihn mit feinem eifernen Griff gefaxt hielt — er 
fchien berftimmt, melancpolifch unb gebeugt. Aber baS bauerte nicht gar lange; 
feine elaftifche, leibet nur gu elaftifcpe Batur lieb ihn auch biefe (Sricpütterung 
leichter überminben, als eS Anberen möglich gemefen märe. Unb jept, faum 
ein Jahr nach bem Sobe ÜBarienS, ift er berfelbe intereffante, glängenbe Btit* 
telpunft jeber Gefeüfcpaft, mo er erfcheint, mie früher. 9)tan finbet ihn originell, 
intereffant unb liebenSmürbig. ttnb obfehon er ber Jugenb Abe gefagt, fo 
finbet er bennoch bei ihr bie meifte Anerlennung, feit er ben Borgug befipt, 
feine grau begraben gu haben. 




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fjcrr #crnai)8 


ttnb baS 5Deutfd^t^um in Slmerila. 

Sou $?iebri<$ ficjo». 


Obgleich bie Webaltion ber Monatshefte eS nicht für notbwenbig hielt, 
bie fünfte bwvotjubeben, in benen ihre SInficbten über ben Seruf ber 2)eut- 
feben in Slmerila non benen bei §errn SeruapS abweicben, möchte fie bo<b 
nichts bawiber haben, .wenn ein Mitarbeiter, welcher ben ©egenftanb in btefen 
$eften bereits non einer anbern Seite bebanbelt bat, eS unternimmt, feinen 
Stanrpunlt gegen ben beS genannten $errn ju vertbeibigen. 2)er „Seitrag 
jur ©efebiebte ber Metamorpbofe ber eingeroanberten $>cutfcben in Slmerifanet“ 
lieft fich, wie alle Arbeiten bei SerfafferS, gar febön; ilübnbeit ber Sebaup- 
tungen unb eine glänjenbe 2)iction machen eS bem 2efer fogleicb !lar, ba& et 
leine gewöhnliche ©rfebeinung nor ft<b bat. ©ern überrebet man ficb, bajj 
hier ©abrbeiten fedflicb auSgefprocben finb, bie man fi<b felbft laum ju gefteben, 
gefdjwcige benn ihnen SBorte ju geben wagte. Wber nabe liegt aueb bie ©e- 
fabr, ficb bureb jene flübnbeit unb jenen ©lanj befteeben ju laffen, unb bem 
Setfaffer felbft febeint bieS bisweilen ju paffiten. So ift eS mir j. S. unbe¬ 
greiflich, wie 3emanb in etwas „nebelhaft Unerreichbares“, alfo in 
baS, waS ihm nicht erreichbar ift, bermafcen verfangen fein lann, bafi 
er „Slrnf unb Jüfse, flopf unb #aar barauS nicht mehr ju befreien ver¬ 
möchte 1 ' ! 

5Ba3 $err SernapS vom 2)eutfcben in Slmerila vor allen gingen ver¬ 
langt, ift, bafi er aufböre, ein 2)eutf<ber ju fein, unb je wiHenlofer berfelbe ficb 
btefem Verlangen beugt, je weniger et ficb bagegen fträubt, je weniger er ba- 
bei empfinbet, je weniger ficb fein Stolj bagegen empört, mit je weniger Se- 
wufctjein er eS tbut, befto mehr wirb er von #errn Sernaps gefcbäpt, ober 
wenigftens protegirt, benn von wirflicber Sichtung lann folcben „Mittelfcblücb* 
tigen“ gegenüber boch wopl nicht bje Webe fein. 

„Stfe #unberttaufenbe von mittelfcbläcbtigen $eutf<ben, benen ber 
Ocean, über ben fie lommen, fchon ihr gröbfteS 5D e u t f cb t b u m 
abgewafeben, unb bie er mit ber frifeben Suft beS SBeltvertebrS ange¬ 
webt, amerilanifiren ficb unenblicb leichter, als jene wenigen treten- 
t i 5 f e n, bie ihre Slmerilanifitung als eine $bat' in ihrem S e w u 61- 
f e i n vollbringen wollen.“ 

©röbfte* 2>eutf<btbum! 3)er Snbegriff beS Seutfcben ift alfo baS ©rohe, 
Ungefcblacbte. 3ft ber Serfaffcr geneigt, bie flonfequenjen bieieS SluSbrudtS 
ju vertreten, ober bat berfelbe fi<b ihm nur aus oer Jever geftoblen ? SBir 
ntüffen ©rftereS annebmen; wir müffen glauben, bafi baS fpecipicb S)eutf<be 
bei ihm in febr geringer Sichtung ftebt, benn an einer anbern Stelle fagt er 
Von ben Quälern JßennfplvanienS: 

,3br {labiler, tleinlicher ©baralter war an ficb viel ju 

beutfeb.. als bafi fie baS beutfehe ffiefen aus ben $eutf<ben 

hätten auStreiben tönuen.“ 







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©rob, pabil, lleinlicb. Da haben mir fchon ein hübfcheS Drio fhmeichet- 
hafter Slbfeftioe^ bon einem Deutfchen auf baS Deutfhtbum angemenbet, unb 
mir lönnen uns nicht mehr barüber munbern, menn ber SBerfaffer auf Die, melche 
fich ihr beutpheS SBefen nicht fhleunigp bom Slmerifanerthum a u S t r e i- 
b e n (affen moden, nicht gut ju fprechen ift. 

3n ber Dhat macht er biefen bie gröfjten SBormürfe, unb läfct es ihnen 
gegenüber meber an fcharfeni Sabel, noch an bitterem #obn fehlen* DaS 33e* 
ftreben, beutfeh zu bleiben, b. h. baS geiftig unb pttlih ©ute, maS mir bon 
Deutfhlanb mit hrrübergebracht, ju behalten unb weiter ju eittmideln, ift' 
ihm ein „Serpemern 41 unb „SSerroften". 

*3ugegeben, bafe bie beutfehen Menpheninfeln im Sepen, namentlich 
in Sincinnati unb 6t. £ouiS, in einem hohem Stabium ber Metamor- 
phofe berfteinern merben, als fi<h bie pcnnfploaniphen Deutfchen ber- 
Jteinerten—fo ift hoch Der ein arger Starr, ber, weil er mit Sortheil 
unb 23ehagen unter ißetrefalten feinet ©leihen athmet, fie noch immer 
fo fehr geiftig mit bem Deutphthum berbunben hält, ba{$ fie auch hi« 
noch mit ber SBemegung beS beutfehen ©eifteS jufammenhängen unb 
mit ihr fortfhreiten tönnen. 41 

S$ mar mir fremb, bafj^etrefaltenathmen tönnen. 3>m Uebri* 
gen fheint eS mir als hieb« eS bem Stberfpruh in gar ju abfprechenber Seife 
borgreifen, menn man SnberSbenlenbe bon bornherein als arge Starren 
bezeichnet. 

„Sogar in Stem«?)ort fcheint ph eine gemiffe Kategorie beS Deutfh- 
ihumS penniploanifiren ju moden. 41 

DaS ift mir nicht betannt. ©S giebt in Stem*?)ort (eine Kategorie bon 
Deutfhen, melche fich bon adern geiftigen Sehen abjchlie&t, bie berechtigten 
©inPüffe be$ SlmerilanerthumS bon fich pö&t unb ph ctmaS bgrauf zu gute 
thut, gar leine ßulturfprahe zu reben. Sohl aber lebt hier eine grobe Anzahl 
bon Deutfhen, melche ph ihres DeutfhthnntS nicht fchämen, melche feft ent* 
fhloffen finb, eS nicht abzulegen, melche bie geiftigen Schafte unb bie einem ho¬ 
hen Üulturzuftanb entfprungenen Sitten, bie fie mit über ben Dcean gebracht, 
nicht bon ph meifen, fonbern als heiliget Äleinob erhalten moden, unb pch bie 
Jtraft Zutrauen, mit ben geipigen fjortfdjritten ber alten #eimath gleichen 
Schritt hatten zu tönnen, mährenb pe zugleich nichts bon bem Srefflichen, mel« 
heS Die neue ßeimath ihnen bietet, bon pch abmehren* 3n (eftterer $inp<ht 
amerilanipren pe pch, in erPerer bleiben pe beutich* Sie fhlie&en pch nicht 
ab, aber pe fchliepen pch zur görterung gemeinfamer, bon ihnen als ebel er- 
tanntcr Qwede aneinanber, unb habet glauben pe Sichtung unb Slnertennung, 
nicht ©eringphfiftung unb $obn zu berbienen. 

Jtur bie „Mittelfhtöhtigen" haben nah ber Meinung beS $errn 93er- 
naps .für Slmerita eine fegenoofle SBebeutung, nur baS ^^r^aufte unb ytu 
quetppte Material", nur, Die, melche, 

„Zerbrüdt bon Despotismus aller 2lrt, gebemüthigt burh jegliche Sloth 


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SS 


itttb Bebrfingnifi, mi&hanbeltunb mifiacbtei Pon jebem offtclclfcn Staub« 
punlt, eingepfercht burcb UebetPölterung in bie engften ©rennen, por 
äflem auf Raum, freie Bewegung unb Nahrung für ihren 2eib aud« 
gehend 

SMit anbem SBorten — nur Die, »eiche ben SMaterialidmud ohne jegliche 
Betmifibung geifligen Strebend repräfentiren. 

„Die beutfehen Dur<bf<bnittdmenf<ben, ich toieberhole ed, »eil cd 
grünbüch Perftanben werben foflte, fmb ein ©apitaletement bed amerita« 
trifchen Bolted. Sie bringen einen ftonb bon phpfifeber unb moralifcber 
©efunbheit hierher, ohne ben bie amerifanifebe ©efcQfcbaft fehr halb 
berlottem würbe. Sie bringen, unb ich behaupte bied bem Umftanbe 
§um Drohe, baj$ in Politiken Dingen fi<b bie Deutfcben fo gern bet 
Partei ber abfolut Unjufriebenen anfcbliefsen, gerabe bie ©(emente ber 
Rudbauer, bed 3ufammenfaffend, ber begrenjten Begierbe nach ©rwerb 
unb ©igenthum, ber 3ufammengehörigteit bed SRenfcben mit feinem 
SBohnpIafce mit hierher, bie bem angelfficbfifcben 2lmerifauer Polltom« 
men fremb fmb unb bie ben wahren fl tt grober, julunftreicber Göltet 
bilben. ©egen bie maffenhafte, unbewußte Dbätigteit all ber 
^unberttaufenbe, bie namentlich nach ben neueren Staaten ein« 
»anbem, oerfchwinben wie plafcenbe Seifenblafen bie mit preten« 
tiöfem Bewufitfein Pon ©injelnen oerfuebten Berbeutfcbungd« 
arbeiten bed Rmerifanertbumd. 11 

. Septem Rudbruc! fott wohl hebeuten: Arbeiten (ober Bemühungen) jur 
Berbeutfchung bed Rmeritanertbumd. So wie er fteht, foflte man glauben, 
bad Slmerifanerthum gebe fich Berbeutfcbungdarbeiten hin* £err Bernapd 
macht hiermit Denen einen Borwurf, welche ber Meinung fmb, bafi auch Pom 
g e ift i g en Deutfchthum ein Dheil auf bad Slmerifanerthum übergehen müffe. 
©r habt am Deutfcben in Rmerita jebed Be »ub tf ein unb betrachtet ed 
ald 21 nmabun g. Ruj bad Unbewubte, Unwifltürlicbe hat iit feinen 2lugen 
Berechtigung, nur bad „robefte Rohmaterial, aud bem bad beutfehe Bolt fich 
fchafft unb erneut", unb ihm felbft fcheint gegenwärtig ju fein, wie wenig 2lch« 
hing eine folcbe Huffaffung ben Rmeritanern por ben beutfehen Stufömmlingen 
einftöfien tann, benn er bemerlt: 

„©d fept einen ungewöhnlichen ©rab Pon Scbarfficbt Poraud, Pamit 
ein 2lmeri!aner filtern Datumd, ber bie beutfehen Blittelftofen nicht 
tennt, ed begreift, wie aud biefem gergauj’ten unb jerquet)chten 2Jto* 
terial SJtenfcben pon ber böebfien flulturbebcutung jemald heroorgehen 
tonnten." 

SBad unter ben hiefigen Deutfcben an Selbftbewubtfein, wad unter ihnen 
an geiftiger firaft unb geiftigem Streben porhanben ifi, bad mH& erfi unterge« 
hen, um aldbann wieoer in Perfinbecter, ametifanifeber ©eftalt juin Borfchcln 
|u tommen. 

„Der Deutfche mu& total untergeben, unb feine Racbtommen müffen 


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fleh vorher total amerilaniftren, bamit fic erfl toteber butch ben Slme- 
tilaniemu« nicht nur mit bem, wa« man ettoa ameritaniföe SPbHofopbic 
nennen fann, fonbern bamit Tie auch toieber mit b e u t f cb * r ißhilofo- 

phie fcelannt werben tömten."-„Slucb tat biefe« vorgangige Ue- 

bergehen in #meritani«mu« bursbau« nicht« ©efcbdmen**« für bai 
eingewanberte (Element. 6« liegt im ©egentheil fo voülommen in ber 
Statur ber Sache, unb ift eine fo erllärliche ©uitumothwenbigfeit, ba6 
bie Äategorieeu be« ©efcbamenben ober be« beleibigten Stationalftolje« 

al« eitel fentimentale Schwdhen erscheinen."-„Slu4 wehr« 

ten wir un« gerabe fo vergeblich gegen unferen nationalen aU gegen 
unferen phpfii<hen 2ob. Um ben einen nicht fterben ju muffen, buiften 
Wir nicht geboren werben; umbemanbem au«juwei<ben, muhten wir 
nicht auÄwanbern." 

Ueber bie „flategorieen be« Söefchämenben ober be« beleibigten Stational- 
ftolje«“ ld|t fleh eigentlich nicht ftreiten. 2Ber eine folcbe Schani unb einen 
folchen Stolj nicht empftnbet, bem fehlen fie eben. 6« ift aber hoch eine 
fonberbare 3umutbung, ba«, wa« wir befijen, aufpgeben, um e« al«bann in 
vcrdnberter ©eftalt wieber |u belommen. 2Ba« unfer ift, ba« rniffen unb füh« 
len wir; ob wir, nacbbem wir e« fortgeworfen, etwa« wieber belommen,ift noch 
immer fraglich, ©infacher unb ficberer ift e« jebcnfaH«, ba«, wa« wir haben, 
wa« leben«frif<h in un« lebt, p behalten. 3)a« Sterben hat ftet« etwa« Sa¬ 
ftige« unb Unheimliche«. $dtte man un« vorher gefragt, ob wir geboren wer¬ 
ben wollten um p fterben, fo würben wir un« wabrfcheiuüch bafür bebanlt ha¬ 
ben. $ie 2lu«roanberung war für un« eine $anbfung freier iBahl, unb wir 
entfchloffen un« fichetlich nicht bap um total unterpgehen. 

$ent g e i ft i g e n 2>eutf<hthum fpricht £err $ernap« jebe« ©inwirlen 
auf« ämerilanerthum ab. 

„So ift j. 3J. bie praltifche Atolle, welche bie fogenanntenSlchtunbvier- 
jiger hier fpielen, weiter nicht« al« eine Atolle,im ci«atlantifchen Stach« 
fpiel ber europdifchen Revolution. 3bre SBirlfamteit ift ba« 
©nbe ihrer europdifchen SBirlfamleit. 3br 9)laterial ift nicht ba« ame- 
ritanifche $olf, fonbern e« fmb bie beutfchen noch unamerifanifirten 
SDtaffenber erften hier eingewanberten ©eneration. Sticht ber lei- 
* fefte #au<h ihre r ffiirff amleit wirb bie amerila- 
nifehe ffiolUfeele befchlagen." 

3)a« ift boch wohl eine ftarle ^Behauptung. SDarin, bafi bie ffiirlfamleit 
ber Hchtunbviergiger hier nicht« al« eine gortfefcung ihrer europdifchen 2Birt* 
famfeit ift, liegt für fie gewiö lein Vorwurf. ©« geigt einfach, bafs ba« poli- 
tifche 2)ti6gefchicf fic nicht gelnidt hat, fonbern bajj fie ber alten gähne treu ge¬ 
blieben fmb. $a& aber biefe SBirlfamteit über ben flrei« ihrer Stamme«ge- 
nofien hinau«rei<ht, fann boch wohl leiu Unbefangener leugnen. 2)tehr.ül« 
ein leifer #auch berfelben hat bie amerüanifhe 95olf«feele befchlagen. Sie 
brachten pra SBeifpicl bie tiefe Ueberjeugung mit fi<h hierher, ba£ aüe SMenfchen 


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289 


mit gleichen Siechten geboren feien — b i e Uebergeugung, welche bie beutfche 
Station oor ber amerifanifchen ooraui batte« 3« ihnen lebte bell unb glän- 
|enb ber bei ben Hmeritanern bebeutenb oerblapte Geip ber Unabbängigteiti* 
erflärung. 3)ap fie in bem groben Gntwidlungitampf bei lebten 2)ecenniumi 
eine burcbaui bebeutungilofe SioUe gefrielt, bab Pe gar leinen ©«Pup auf bie 
politifcbe Varteibilbung geäupert, bab pe bie fßhalany ber Sreibeit unb C^leidp« 
beit nicht oerpärft, bab pe nicht bai 3htige jum groben Siege ber Gepttung 
beigetragen, unb bab pe jefct bei ber ^Rechnung berjenigen Slmerifaner, toelcbe 
ben guten Äampf bii gut lebten jtonfeguen) burebfübren toolien, nicht in Söe* 
traebt tommen, foHte hoch am wenigpen ein SJtifiourier behaupten. 2)ie Slüd* 
toirtung, toelcbe bie europäifebe Sleoolution auf Slmerifa äuperte, tourbe bureb 
bie beutfebe 3lcbtunboiergiger*dinwanberung vermittelt» 2)ai ift eine biftorifche 
Xbatfacbe, an ber pcb nicht rütteln läpt« $ie Hcptunboiergiger beanfprueben 
bafür, bab Pe auch in Hmerita ihre ^ßflidht erfüllen, feine befonbere Anetten« 
nung unb teinen 3)anl; aber pe toolien pcb wenigpeni nicht infultiren laffen. 

Voüftäubig ameritanipren foll pcb bai 2)eutf<htbum in Hmerita; ei fott 
pcb total auf geben, foU gang unb gar untergeben — bai mittel jcbldcbtige fo* 
toobl tote bai felbpbetoubte. 2£et bürgt £errn ©ernapi bafür, bab felbp bie 
SWittelfcpläcptigen ben ©eruf, ben er ibnen guweift, unter biefer ©ebingung 
erfüllen tonnen, bab bie guten digenfepaften, toelcbe er ihnen gugeftebt, bei bem 
©erroefungiprogep nicht mit Pergehen ? di möchte febtoer halten, bei einem 
folcbeu Ißrogeb am rechten ©unlt ftehen gu bleiben, unb gerabe bai gu retten, 
toai gerettet toerben foll. SBir toiffen polltommen bai Glüd ber in amerifani* 
febe Sabiei Perwanbelten „fcbtoerfdUigen, plumpen trampeln aui unferen füb* 
beutfefcen ©auernbörfern unb ber Schweig 11 gu toürbigen, toelcbe in ber dbe ber 
flinber genug betommen, 

„ba bie flmeritaniprung in ber e r ft e n Generation pcb unmöglich bii 

gum Gräuel ber Vertilgung ber Seibeijrucpt, ber in bem anieritanifchen 

UJtittelftanbe fo gebräuchlich ift, Perpeigen fann.* 

Stur fürchten toir, bap, toenn bie Slnteritoniprung fo grünblich wie £err 
©ernapi ei toünfcbt, Pon patten gebt, bie g to e i t e Generation ei auch febon 
bii gu b i e f e r Verfettion gebracht haben toirb, toäbrenb Pieüeicbt etroai mehr 
donferoirung beutjehen „Vorurtbeili* biei oerhinbert haben würbe« 

3*t feinem abfpreebenben Urtbeil über ben propaganbiftifeben dinflnp bei 
geiftigen $eutf<btbumi auf bai Slmeritonertbum geht £err ©ernapi fo weit, 
bap er biefen fogar ben beutfepen Tupfern abfpriebt, waprenb boeb fein Slme« 
ritaner in Slbrebe pellen wirb, bap allei höhere Streben, aller JJortfcpritt, alle 
dntwidlung bei Gefchmacfi auf biefem Gebiet hier lebiglicb Pon ben $eutfcben 
auigeht. SBenn Pon einer hebern ÜBeibe ber flunft, ober Pon einem propa« 
ganbiftifeben ©eftreben ber Sluibreitung beutfeher SJlupf, nicht bei einem unter 
taufenb SJlupflebrern bie Siebe ift, fo möchte pcb &*efe drfebeinung auch in 
S^eutfcblanb felbp wieberbolen, benn bie Sluierwdhlten gdhlt man eben nicht 
bei Solventen. Slber wir haben ein noblei Kontingent pon Solchen aufgu* 


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»eifen, »eiche ftch t^red ptopaganbiftifchen Berufs gar »ogl bewußt futb unb 
beiten bie SWufit etwa« SlnbereS ift als £ a n b n> e rt. 

©S giebt wohl leinen vernünftigen 55eutfch*2lmerifaner, welcher geneigt 
iß, bem Slmeritanerthum bie Borjügc abjufpredjen, bie cS wirtlich beftpt unb 
bie von $emt BernapS in fo »armer, anfprechenbet SBeife btrvorgeboben »er« 
ben. 2Jtit »abrem Vergnügen taffen »ir und ben ©ntpuppungSprojeß vor« 
führen, »eichet mit ben betlagenSwerthen „SltbeiiSbrohnen“ vorgeht, bie hi» 
p einem menfchenmürbigen S)afein gelangen, Sichtung vor ftch felbft betont* 
men unb in neuem ©ewanbe, bem 3n n *m unb Sleu&eren nach umge* 
»anbeit, laum noch p ertennen fmb. #cil bem Sanbe, £eil bem Bolte, $eil 
ben Berbältnijfcn, »eiche folcbeS SBunber ait ben armen $ulberinnen voübracb« 
ten. ffiie follten fte nicht bantbar fein, »ie füllten fte fich nicht ihrer herrlichen 
Kuferftehung freuen ? SBer foCUe nicht ben Berhdltniffen jürnen, »eiche es ihnen 
unmöglich machten, ftch früher auf folche SBeife p entwickln ? Bon ben Blüthen 
beS beutfchen (Seifte# haben fte »enig ober nicht» mit herübergebracht, unb tön« 
nen beShalb auch »enig ober nichts bavon opfern. 3hnen »ollen »ir temen 
Borwurf machen, »enn fie am alten Baterlanbc bet bet gölte beS Segens, »et« 
(he über fie beveinftrömt, felbft baS ©ute veitennen, unb nur »ünfchen, bau 
ber ©influß biefcS ©Uten ftch in ben Gegriffen von 9K<ht unb Unrecht bei ih« 
nen erhalte unb auch auf ihre Stochtommen vererbe. 9Wit freubiger Slnerfen« 
nung unb innigem SDant empfangen »ir SllleS, »aS ftch und hier an ©utem 
unb ©rogem barbietet* fflir »iffen, baß ber Blicf hier offener unb freier »irb, 
bag manches angeerbte Borurtheil f<h»inbet, baß ber ©eift an ©lafticitdt ge« 
»innt, bah SBiQe ß<h ftdrtt, bah bie $hatlraft ftch ßdhlt. SBir »iffen, baß 
in mancher $inficht mit uns Sillen eine vorteilhafte Beränbetung Vorgeht, unb 
»ir ftnb nicht unempfinblich bafür. Slbeu für baS, »aS Sintertta uns giebt, 
möchten »ir ihm auch etwas »iebergehen, unb »ir tragen baS tiefe Bewußt* 
fein in uns, bah »ir ben Pflichten gegen unfere neue £eimath nur gerecht 
»erben tonnen inbem »ir baS behalten unb mit Siebe pflegen, »aS bie alte 
uns verliehen« 

$aß £err BernapS mit ben Seiftnngen ber $eutf<h*2lme:ifaner auf gei« 
ftigem ©ebiet nicht pfrieben ift, will ich ihm wahrlich nicht Verbenten. 2)a3 
materielle Streben fteht bei ihnen mehr als eS p »ünfchen wäre, im Korber« 
grunb. 3b** Bereinigungen haben mehr bie Beförberung bes duhern Sohl* 
ergehenS uttb beS BergnügenS, als etwas SlnbereS pm Bmecf. Sie haben 
bie beutfehe Siteratur nur mit wenigen über baS Slliergewöbnlicbfte bmauSra* 
genben Schöpfungen bereichert, ße verwenben nicht bie nötige Sorgfalt auf 
bie ©onfervirung ber Feinheit ihrer Sprache, unb eine geroiffe ©ngberjigteit 
ift ihnen nicht immer fremb. ©S laßen ftch für bieS SlUeS ©ntfchulbiguugen 
anführen; aber biefe »ollen »ir hier nicht in Slnfchlag bringen, unb fmb $ent 
bantbar, welcher mit febarfer, fchonungSloier Äcitit auf bie vorhanbenen Uebel« 
ß&nbe hinwetf’t. fflaS ich aber meinem ©egner jum Borwurf mache, i)t, baß 
er bie 2>eutf<hen nicht tabelt »eil ße als folche p wenig, fonbern »eil fte 





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241 


nad? feiner SJfeinung ju viel geihan laben* (Sr fabelt ffe nichtwe#fte mit 
ben gortfdjritten ber alten £etmath nicht ftetd gleichen Stritt batten, fonbem 
weit fie ftch Sübe geben, bied in t|un. (Sr grollt ihnen nicht wegen ber §u 
niebrig gehaltenen Xenbenj ihrer Vereine, fonbem weit fte fiel überhaupt jur 
görberung beftimmter, auf beutfehe 3 ntettigcn§ unb Sitte begrünbeter Swede 
oerbünben. (Sr geibett nicht bie flmertfamdmen in ihrer Sprache, fonbem er 
wirft ihnen oor, bab fte bie beutfehe Sprache überhaupt noch beibehatten unb auch 
ferner beibebalten wollen. $er Statb, ben er ihnen giebt, bie Sorberung, bie et 
an fie fteüt, lautet:' „ßört auf, als SDeutfche 3 U ejiftiren. Gebt (Such felbft auf! 4 * 
Senn fte ihm barin nicht folgen, fonbem bie 3umuthung beteibigenb finben, fo 
barf er fiel barüber nicht wunbem. (Sd giebt auf ber werten (Srbe tein SBolf, 
beffen Söhne fich begleichen -ruhig bieten lieben; unb warum foüen Seutfche 
oerpflichtet fein, weniger Selbft« unb (Ehrgefühl befipen aldgranjofen, dng« 
länber ober Slmeritanet ? 

Untergeben follen wir in Slmerifa, ben nationalen $ob foUen wir erleid 
ben. (Sd wirb und fogar bad Utecht abgefprochen, und baburch unangenehm 
berührt ju fühlen, benn warum Tmo wir audgewanbert ? SDcr Urtheildfpruch 
bed $errn IBernapd hat in ber £|at etwad Ungeheuerliched. (Sd ftirbt fiel gar 
febrner, national nicht minber ald phpfifchr unb hoch follen wir und freiwillig 
bem Xobe weihen. Sticht einmal bie SSefriebigung wirb und in Hudficht ge« 
{teilt, fetbft bie grüchte «nfered Opferd ju genießen. (Sd Idjit fuh nicht be« 
haupten, bah £err 33emapd und beftechen will, benn er gefleht, bah ber Um« 
Wanblungdprojeji oon ber erften Generation faft nie grünblich burebgemaebt 
wirb. golgen wir ihm, fo hören wir auf, beutfehe §u fein, unb werben nicht 
einmal dchte Slmeritaner, ftnb alfo in Sabrbei* gar nich td. 33on ber einen 
Station werben wir lodgerijfen, ohne ba»ür einer anbern anjugehören. 3n jeber 
33ejiehung werben wir begrabirt; wir ftehen unter bem 2)eutf<hen fowohl wie 
unter bem Slmerifanet; unb bafür foüen wir und mit bem Gehanten tröften, 
bah bie jweite Generation aud debten 5Boüb(ut*3lmerifanern befielen wirb! (Sine 
feböne Slnweifung, ein feböner (Sc)ap.Unb wie hübfeh wirb ft<h bad gamilien« 
leben machen! 3m Slmerifanifirungdprojefj pnb bie flinber ben (Sltern ooraud, 
ftehen alfo nach ber Schonung bed $erm Sfcrnapd über biefen. *$ie flinber 
fprechen leibliche«, bie eitern rabbreeben fchlechted (Snglifcb. S)er Sohn lacht 
bem SBaler, bie Tochter ber Sttutter in# Gefleht. 35ie fttnber betrachten bie eitern 
ald untergeorbnete Sefen; ed liegt nahe, ba& fie ftch berfelben fchdmen. Sich 
ja, £err löemapd, J>ad SBilb ift aud bem Seben gegriffen; fokhe Serhdltnijfe 
Tommen wirtlich unter $enen oor, welche fuh nicht fchneü genug amerilanift« 
ren, weihe taum ben Stugenblid erwarten tonnen, wo man fie nicht mehr ald 
$eutfhe ertennen wirb, unb ihr 3 M bennoch nie erreichen. 35ie gäüe 
fommen oor, aber glüdlicherweife feltner ald früher, benn bie Ächtunboierjiger 
haben bad „SBorurtbeil 4 * mit nach Slmerita gebracht, bah ed eined 2 )eutf<hen 
unwürbig fei, bei lebenbigem Geifte ju oerfaufen. 

SDtein Gegner hat Stecht, bie $eutfchen finb hier biefelhen wie in allen 


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242 


anbern Säubern. Sie lönnen ben elementaren unb foctalen ©nmirlungen bet 
neuen Sage nicht entgehen, aber fie fträuben fich gegen ben Untergang ihrer 
©igeutbümlichteiten. Unb bieS Sträuben rechnen fie fich nicht als Schwäche, 
fonbern als Borgug an; fte halten etwas auf fich felb^t unb auf baS herrliche 
Sol!, bem fie entflammen. Sie »ijfen, ba 6 fte nicht bolltommen fmb, unb 
»eigern fleh nicht, in ben neuen Berhältniffen baS anfjunehmen, »aS ihnen 
fehlt unb fie 3 U freiem, gu befferen Dlenfchen macht. SXber Deutfchlanb ift ihnen 
eine Sonne, »eiche ihre Strahlen*über bie gange Seit auSfenbet, unb fie ton¬ 
nen fich nicht mit bem ©ebanfen bertraut machen, bafi es biefen Strahlen hier 
in Slmerifa nicht geftattet fein foll, Sicht unb Särme §u berbreiten. 

„Die höchfte Botifommenheit ber Seit hat ber Deutfche i n fich, 
ber Slmerifaner u nt fich. ©efefct eS wäre möglich, beibe Dichtungen 
in einem Bolte gu oerfchmelgen — bie Seit beS DmeritanerS gu 
burchgeiftigen, unb bie Seit beS Deutfchen gu oermirtlichen — »eiche 
Seit mürbe bieS erft fein ! 11 

Schöne, »ahre, golbene Sorte! Dbcr auf bem bon $errn BernapS angebeu¬ 
teten Sege, baburdh, bafi »ic hier einen nationalen Selbftmorb begehen, läfit 
fich bieS 3*el nicht erreichen, bieie Seit nicht berioirtlichen. Dlit Vergnügen, 
aus freubiger Saht, gehen mir auf in ben ©efammtbegriff beS ameritanifchen 
Dolles; aber biefer Begriff ift uns ein umfaffeuberer als £errn Berna^S. Die 
Depublit ift grob genug, um auch bem beutfehen ©eifte baS Bürgerrecht 
gu gewähren; fie bebarf beffelbett, »enn ber Äern beS BolfsftaateS— 
bie Freiheit unb Humanität — in ihr gur Sahrhcit »erben foll, uno »tr 
»ollen ihn erhalten, »ir »ollen ihn hegen unb entwickln, »ir »ollen bie 
Seit, »eiche »ir i n uns tragen, in treuer Brüberfchaft mit ben angelfächfi* 
fchen Simerifanern ins Deich ber Sirtlicbteit gu üerjefcen fuchen. 


gtertmn’fl Sljcorif. 

©OR Ct. ®U)ü(fin9. 


Dom Xhiere betnen Urfprung abguleiten, 
Geehrter £err, »er »iU eS bir beftreiten! 

Dian finbet gar gu häufig Dlenfchen, beren Dafett 
Den gifchen ähneln ober £afen, 

Unb »ieber anbre, beren Stirn 
Bcrräth ein Söwen- ober Ochfenhim, 

Unb mancher trägt, »ir leugnen’S nicht, bie Beugest 
DeS höbern ©fels, unb bergleichen. 

Unb boch, unb boch, mufi mehr bahinter fieden, 
Dian lann nicht ohne ©er Böget heden. 

Unb Ȋren alle Dlenfchen auch nur Daben, 

®n ©cift mufi fie gefchaffen haben. 


’S 



243 


SBo^I taft bu SHec&t — fleht man ein fremb ©eftcht, 
©raucht man §umeifl ben fl a n t jum ©eiftanb nicht« 

Wan fragt, mit ©echt, nicht nach beg $erm ©ernunft', 
Wan fragt, guwel<her©arren Schlag unb 3#nft 
Unb welchem Shiertppug bet Wenfd? gehöre, 

Wag für ein Sparren S i e f e $ Senttraft ftöre« 

Mein, allein, 

6g mu| boch mehr bahinter fein; 

Wan fragt boch auch, weh „©eifteg ßinb 11 er fei # 

Unb hält ihn für felbftftänbig, frei« 

Sag Xhier, bag heutzutage fuh entfaltet, 

War Jdjon §u Slbam’g 3**ten fo geftaltet, 

. Unb ©iemanb hat gefehen, bah ein Shrift 
2lu3 einem ©aoian geworben i[t« 

Seg Wenfchen Urbilb muh hoch höher fein« 

“Schaut man in einen ©runnen tief hinein, 

©rblidt man in ber Siefe fleh gu 3mein; 

Wag bringt ung biefeg ©ilb bort ju ©eficht? 

©on oben ift’g ba§ Sicht — bag Sicht I 
So fchau bu beiner Seele auf ben ©runb, 

Unb halte, Spötter, beirten Wunb — 

Sann benfe, fühle, lern’ bich felbft ertennenl 
Sarfjt bu Sen einen S b i e r g e i ft nennen, 

Ser alle X h i e r e ficb |it gühen ftredt, 

Unb aug ber drbe fich ein ©arabieg erwedt? 

Wit mehr alg Söwenherj unb Slblerauge, 

Wit einem ©lide, ber ein geuer flammt. 

Sag nicht ben biefem Shiere ftamrnt, 

Sag alle Kreatur burchjudt, bernichtet, 

Unb felbft bag Shter im Wenfchen fchredlid) richtet: 
Wit einer Roheit, feiner Stirne eingebrannt 
©om reinften Siamant an ©otteg $anb —*) 

3ft bag ooin Sbier ? 

Seg Schönen Schnfucht, bie ung felig fpricht, 

Seg ©echten Äenntnih unb ber ©flicht, 

Seg ©Uten 6u(tug unb beg ©einen, 

Ser greube Sachein unb beg ©ranieg Weinen, 

Seg Weibcg Slnmuth unb beg Wamteg firaft, 

Ser Sieg ber Sugenb über Seibenfchaft, 

Sie ©ragien, bie Wufen, bie ung meibn. 

Sie Siebe, bie ung tüfjt ing Sehen ein. 


) Wit ©ejiebwig auf bie frage eine« ftinbet: *9Ba6 ift bie Sotttte> ©ater— if| baf 
3 ©ing ? 


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244 


Unb noch an unferm (Stabe wacht, 

Senn mir bienteben treu ihr Ser! üollbracbt — 

$e« Sro&en SKonumente, bie fi<h ring« ergeben, 

25er Änbacbt 25ome, bie $um $immel ftreben! 

D gebe, SKenfch, unb lerne bich erlennen: — 

2)arfft bu ba« einen Sbiergeift nennen ? 

2)ie flunft, bie Siffenfcbaft, bie $oefie, 

Sar ba« bom Sbier ? 0 nein, o nie! — 

S5om reinen Seift erzeugt, in reiner Siebe $ulb, 

3ft alle« 2bier am SÄenfchen nur — bie 6<hulbl 

0(ttniu. 

©Ott ttlfrebttteiftnev. 


Sir fteben im (Bereich her fetten, grünen Sriften, über bie Stürze grabt* 
iätifcb f(breiten, im (Bereif ber glädjc, wo bie Sinbmüblen raftlo« ibre böl$et* 
ncn ärme gefpenftig bewegen. 2Rit roütbenber (Eile fauft ber (Eyprebjug, nach* 
bem er einige Minuten in (Brügge berroeüt, wicber weiter. 2)a« ift ein anbe* 
re« fahren al« bei un« im immer gemächlichen 2)eutfcblanb. (föan muh ton 
3eit ju 3^it feine äugen au«ruben laffen ton biefer 3agb bon (Einbrüden. 2)a 
erblidt man, wenn man ben ßopf wieber jum Sagcnfenfter wenbet, neben ben 
Sinbmüblen unb jwifchen ben ffeinen Saumgruppen, fcheinbar mitten auf 
Siefen, wo (ßferbe unb flübe burcheinanber grafen, Segel unb SWaften. Sie 
geboren groben Schiffen, bie auf einem ober bem anbern ber fech« Kanäle, bie 
bon (Brügge au«geben, ihren Seg binjicben. 2)ann fommen Sälle unb Srä* 
ben, eine Stabt jeigt ftch, ber 3“0 fährt fcheinbar mitten in Schiffe unb Safet* 
wer! hinein, ba mäjsigt fich ber tolle Sauf, ein (ßfiff — her (Reifenbe ift in 
Oftenbe. 

(Einmal ba, tann ich e« faurn erwarten, bon ber £öbe ber Sigue ba« äJteer 
wieberjufeben. (Eiligfl raffe ich mich auf, renne burch bie Stabt, unb al« ich 
f<bon bei ber (Brüde bin unb über ben geftung«wall ben gebämpften 2)onner 
ber Sogen höre, fängt mein $er$ bor greube (aut ju fcblaaen an. (Run, ba 
liegt e« fchon bor mir au«gebrcitet, ba« rubelofe (Element, grau unter einem 
bebedten $iinmel. 3m mächtigen Safte tommen bie Sogen heran, bie ganje 
Sranbung«linie ift weiß, fprifcenber Schnee einer flüifigen Sawine. 

6« ift Sorgen« jwifchen $ebn unb jwölf, alfo eben (Babejeit. $ier tont* 
men fchon grauen unb gräulein $urüd, ba« gelöste, noch bon Seefalj feuchte 
$aar über ben (Rüden gelämmt, wie Opembelbinnen im fünften Siete. Slnbere 
eilen erft bin. (Rafcb an ben (PaoiUon« oorüber unb $u ben (Babepläfeen! 8uf 
ber wie eine Senne glatten 2)üne fteben bie (Babelarren $u $unberten, alle weift 
angeftrichen, numerirt, Heine Käufer auf (Räbern, eine Sagenburg. Salb 

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245 


hier, halb bort mirb ein $ferb borgefpannt, bie ftämmigen Stoffe treten in» 
SGBaffer hinein, jefct batten fte ftitl. 2)ort, im Schaum ber Sranbung, tummetn 
fnb bereit» £unberte babenber ©cftalten, SDtännlein unb SBeibieiu bureßein* 
anber. 

©» märe feßmer, in ber ©egenb bon Oftenbe lanbfdjaftliche Schönheit ju 
finben; fte ift ja, fo meit ba» Sluge reicht, nicht» at» eine unermeßliche glädje, 
bie fub nur burch ungeheure 2)ämme, ertbtofe $eftung»n>ert»(inien, flache 
billon» unb einen Seucßtthurm charafteriftrt. Unb bennoeb feffett ba» ©an$e. 
2)a» Singe, fonft gemohnt, entfehiebene Farben ju fehen, blidt erftaunt auf bie» 
gan$ in ©rau gehaltene ©olorit. 5)a giebt e» nicht» ©rütte», Stothe», Sdjroar* 
je» ober Sraune»; Stile» ift bteigrau ober fabt, ober btaßgrünlicß ober blaßröth* 
lieh. Ser SWater, ber ba» matte, müßte SBeiß in alle Söne mifchen. 931idt 
man auf» 2Neer: eine mit bem grauen ^orijout berfchmimmcnbe enbtofe, blaß* 
graue Stäche, nur bann unb mann bon einem bunfeln ober hellen Sßunft — 
einem fern ßinjiehenben Samvfer ober einem Segel — unterbrochen« Slidt 
man bom üJteer jurüd: juerft ein ungeheurer, bei ber ©bbe bloßgelegter meiß* 
fahler Sünengürtel, in metchen bie SBogenbrecßer au» grauen üuaberfteinen 
hineintaufen unb ihn abtheilen, babinter ein fchmater, btaßgrüner Streif non 
©ra» unb ©infter, noch weiter jurüd bie fahlen Sinien völlig baumtofen ©e* 
ftabe». Sa» ©anje hat eine munbcrliche, faft gefpenftige Sarblojlgleit. 

Saju al» Sroß ber ungeheuren Sabefarrcnburg bie Saigneui» unb Saig* 
neufe», bie Sabemänner unb Sabemeiber, metche bieSurcßtfamen unb Oranten in 
bie Sranbung fuhren, ©fetjungen mit ganjen Rubeln non ©fein jum Slitt burch 
bie Sünen, mit Scßaffellbedcn gefältelt, enblich Sabcfarrenfutfdjcr neben ihren 
tieftgen Serben — bie» bie Staffage. 

3n ber Sta'bt felbft ift faum etma» §u fehen, e» mären benn bie Säume 
merfmürbig, bie im tleinen 3arbin Seopolb ein fümmerlicbe» £eben friften. 
Sonft mächft auf ÜJleitenmeite fein Saum. Ser Sanbboben unb ber SBinb 
taffen e» nicht ju. 

Sorüberhufchenbe grauengeftalten in fnappen fchmarjen SJtänteln, beren 
feßroarje Äapu$e über ben flopf gezogen, hielt ich Slufang» für eine beionber» 
mettberaeßtenbe Slonnengattung. Slber ba» ift nur altflaubrifche Fracht, bie fuß 
hivr bi» in bie Sürgertiajfen hinein erhalten, ©ine ernftere, mehr a»cetifche 
fiieibung ift nicht ju benten. $ebe Stonne mit meißem Schleier fieht baneben 
fotett au». ©» ift bie Fracht für eine 5be, faßte, bem Sturm au»gefeßte flüfte. 

3n Oftenbe hat bie blämiicße Steinlicßteit»liebe, bie fpricßmörtlicß gemor* 
bene pröpret» flamande, ihren ßöcßften Slu»bvud gemonuen« ©ine löbliche 
©emohnheit hat hier feßon bie Simeußonen be» ganati»mu». ©» mirb ba fo 
biel gemafchen unb gefcheuert, baß man faum begreift, mie bie Seute noch 3<?it 
für anbere Sßatigfeit flnben. ©eht man au ben Käufern borbet, fo muß man 
fkb bor ben ^anbfprifcen in Sicht nehmen, mit melden bie #au»fraueu ihre 
Käufer bon unten bi» oben begießen. Socß man meieße borficßtig au»! Sort 
fteßt mieber irgenb ein $au»bater bor ber Sßür, einen Siegel mit Oelfarbe unb 


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einen 95infel in bet £anb, unb fmnt nach/ melcbeS #ol§ ober ©fen et miebet 
bureb ^erlichen Hnftridb oerfebönern !önne. 34 habe SBeiber gefeben, mel4e 
baS bur4 ben SRegdn unb bie S4ube bet SBorübergebenben bef4mupte Drottoir 
bor ihrem £aufe forgfdltig mit £anbtü4ern abmuf4m unb abtroefneten. 

HbenbS mieber binan jut Digue, unb über bie enblofen jiegelgemauerten 
Ddmme gemanbert. £ier brängt ftcb bie SBaberoelt ptfammen. 93om Cercle 
du bain, einer groben, glaSbebecften $alle, bis jum Pavillon royal circu* 
Iiren unb ftaniren bie ©dfte. 3m erftgenannten 6rt fpieit bie MilitdrmufiL 
Das fflaben bat aufgebört, bie allenthalben aufgeftellten gernröbre, mel4e früb 
frönen Hajaben na4fpdbten, oerfolgen jefct nur no<b bieS unb jenes Segel in 
ber gerne, pie$ beranfontmenbe, jenes auSfabrenbe S4iff- 

Do4 laffen mir baS Söabepublifum unb feine bunte MaSferabe unb man» 
bern mir ein mentg, »on 2Bogenbre4er ju SBogenbredjer tlimmenb, im Sanb 
Der Dag mar grau, neblig, molfenbebedt; nun bur(bleucbtet bie niebergebenbe 
Sonne ba$ öilb, baS Söleigrau beS Meeres oermanbelt ftcb allmdlig in beflburcb- 
leucbteteS ©rün, ber S4neef4aum ber Sranbung befommt einen roftgen 2In* 
baueb. Diefe ÜSBogen, bie fo enbloS in gemejfenen 3etoäumen beranrollen, 
unb ibr unbeftimmter Bonner, mie ernft ftimmen fte baS©entütb! 55er Dünen» 
fanbgurtel fo »oll flciner, jerriebener Muf4elüberrefte! SBelcbe güdeuon Seben 
in biefem ©ement, unb meldet 5Berbrau4, mel4e Hbnufcung non SBcfcu! Da$ 
27leer ift ein Spmbol beS SebeitS, ein 93ilb ber Unenblicbfeit ber Hatur. 2Ba$ 
ift fRaum ? fflaS ift 3*tt ? SBte biefeS Meer Mifliarben 2Men binauSfanbte 
unb mieber jerfebetten liefe, fo bie SRatur auf biefer Keinen Gebe Millionen ©e* 
nerationen* Schon Millionen DafcinSformen fmb untergegangen, anbern 
Millionen mirb es ebenfo ergeben. 2BaS fmb gabrbuhberte ? 2öellenf4Idge, 
SMenpaufen. 2BaS ift ein ©efcblecbt ? ©ite 2BeQe. Unb bie Keiitfie ber 
Slafen, bie im Scbaum einen Moment ba ift unb mieber vergebt, nein, nicht 
mehr ift ber Menfcb. 

34 toar an bie SRorbfeite beS MecrbammS geratben. Da ift bie ©nfafert 
in ben £afen bureb. eine meit ins Meer bineinragenbe Doppelreihe eingeramm* 
ter ^fdble; 93oblen fmb barüber gelegt unb hüben gleicbfam eine unenblicb 
lange SBrüde, bie dftacabe. 

Die Sonne mar eben im Sinlen, als icb, bie Serpfdblung binabmanbernb, 
»on einem Manne im blauen SBamS aufgeforbert mürbe, mit ibm eine gabrt 
im ßabne )u machen. Sein mettergebrdunteS ©eficht non eigentümlich febmer» 
mütbigem HuSbrud jog mich an; ich trug ihm auf, mit an ben SeucfeUburm 
unb jum Hufternparl §u führen, ffiir ftiegen eine glatte, tangbebeefte Dreppe 
hinab, unb halb ft Je ich jmifeben ÜRepen unb Jifcbfübeln im Sahne, melcben ber 
gif4er, mir auffallenb genug, bureb ben biofeen ©ebraueb beS Steuers in bie 
buntte gldche binauSlenlt. 

Hebt Uhr ! ßben lommt ber Dampfer beS SBegeS, ber bei DageSanbrucb 
in Dooer ift, unb ich meife nt4t, marum er mir in biefem Hugenbiiet mie ein 
gtofeet englifcher Weufunbldnber oortarn, ber feinem §ernt jufchmimmt. Der 

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©clfenfcblag fyebt unfere Keine SRit&fcbale, bann beruhigt ftcb bie ©oge wieber, 
unendliche Ginfamleit, unendliche Stille tritt ein. ©ir fteigen aus, eine anbete 
Steppe hinan, unb nun gebt eS enbloS in ©infein bie geftungSrocrte entlang. 
£iet Hub mächtige BaffinS mit Sdjleufentboren, in melden fub ba$ 3Baffer 
wäbrenb bet glutb anftaut, um fpätet baS gabrroaffer §u vertiefen. Gnblicb 
{lebt man bot bem Seucbttburm. Ü)tan ift woi4 brittbalbbunbert Stufen geftie* 
gen, bis man in bie Satcrne gelangt. * 9io<b ift bie grobe, oierboebtige Sampe, 
welche baS mit $utfe platinittet tJleflectoren bectaufenbfacbte Siebt fünfzehn 
Stunben (beit auSfcbidt, nicht angejunbet. Bon bet $öbe noeb einen lepten 
Blid ins Sanb, auf bie Stabt mit ben gtautotben 3iegelbä<betn, ben geftungS* 
werten, Sämmen, Kanälen, Schiffen; 2UleS flach, wie auf einer Sanbtarte ge* 
jeiebnet. Sott in bet gerne bligt etwas; eS ift eine 4>om lepten Hbenbftrabl 
befebienene genfterreibe — Sünfircben. 

2US ich wieber unten bin, ben Samm weiter wanbete unb jurüdfebaue, 
glänjt febon oben baS geuet im Seucbttburm, bet ©inb bläj’t heftig unb biegt 
ben ©infter, eS wirb eine ftürmifebe Bacbt geben. 

„©ooon lebt 3br ?* fragte ich meinen gübrer, bet mebr als anbete Bla* 
men im Seutfcben ju £aufe war. „Selb 3b* SJtatrofe?* 

„Beiu, SWpnbeet, ich flfcbe Seeipinnen 41 (crevettes). ' 

„©aS oerbient 3br bamit ?* 

*©an tann, wenn eS gut gebt, am Sag auf brei bis hier grancS tommen, 
aber im ©inter — bet ©intet ift lang, SJlpnbeer !* 

„©aS macht 3b* ba?" 

„Schiffe auslaben, ©pnbeer . 11 

©ir fteben to&einem unfebeinbatem £anfe, niebtig, nur ein Grbgefcbofj 
mit grellrotbem 3iegetoa<b* Gin flöter bellt, wir geben über eine Keine Brüde. 
SlUeS ift einfam, bet ©inb webt febarf, bie buntle JRotbe bcS Sonnenuuter* 
gangS liegt auf allen Singen. Ser 5lufternparfroäcbter lebnt an bet Sbür, 
fagt aber nicht guten Hbenb, regt ficb nicht, febweigfam geworben wie feine 2 lu* 
ftetn. Sa übernimmt mein gübtet bie Bolle beS GcflärerS. 

3uerft führt et mich ju einem groben, bieredigen, mit Quabern auSge* 
mauerten Behälter, 511 welchem baS SUeetwaffer Sutritt bat. Gr brebt eine 
©inbe, unb em ungeheurer tforb, mehrere Glien im Geniert, taucht aus ber 
Siefe. SaS Kabbelt unb ftredt bie Scbeeten plump unb febwer burebeinanber 
— es finb $ummem, bie 3ulc^ ganin einft bie Garbinäle beS BteereS nannte. 
Weil et meinte, bah fie bereits im SWeere bie feböne Purpurfarbe haben — ein 
ganzes GarbinalScollegium. 

„Siefe groben £ummern fommen aus ber Bretagne, ja, anpnbeer, 1 ' fagt 
mein gübrer. „Unb biefe" — er winoet einen Äotb empor, worin Keine Hum¬ 
mern Irabbeln — „biefe fmb aus Botwegen . 11 

„Sllfo in Oftenbe felbft fängt man feine? Biber Huflernbänfe finb boebin 
ber Bäbe?" 

„Sie Huftem fommen aus Gnglanb, aus $arwicb ober Golcbefter, ja, 
HRpnbeet; feine gelfen, feine Sluftern !" 




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„2Ilfo ba$ SBört hnilres de Ostende, ba» man an ben genftern fo . 
pieler (HeftaurantS lieft, bat feine 9ii<htigfeit ?* 

„fftein, SDlpnbeer. £öcbften& fönnten fie hier en pension gem:fen 

fein." 

Gin jmetter SBafferbebdlter beherbergt bie Sluftem.. SJton bebt bie Jförbe 
eben aus ber Siefe. Äalfftein unb Sehen barin — mie feltfam ! 3<b gebe 
bent ftummen Slufternparfmdcbter ein Stinfgelb unb mir geben meücr. 

„#ier legen bie Schiffe an mit ben Sluftern unb £ummern, ja, (Dtpnbeer,* 
fagt mein gubrer, als mit mieber ju einem auSgemauerten unb maffergefüllten 
flanal fommen. „Unb fcbnell mu& man fie binübertragen, fonft geben fie 
caput.* 

„Sie Hummern mögen mobl tüchtig jmiden fönnen ?* 

„Sen ginger ab, gleich, üJlpnbeer! üDtan fdngt fie auch nicht mit Sieben# 
fonbern mit Gifen, mie bie güchfe, ja, ©tpnbeer l 9Jlan tbut hinein ein gut 
Stüd notmegifcbeu Stodfijcb, recht ftinfig; ber Rümmer gebt hinein, mid ftei- 
fen, fann nicht heraus, ja, iIJIpnberr !* 

„Unb 3br,,mart 3br jemals in Stormcgen ?* 

„Siebenmal in 9forroegen, 9flpnbcer, ftebenmal. Gin hart 2anb, im 
SBinter bös anjuieben. Schnee, piel Schnee, unb fcblecbteS SDieer* ja, 2ttpn- 
beer! GS haben SBiele pon uns bort gelaffen ihr Sehen megen ber Hummern.* 
„(Seht 3br je mieber bin ?* 

„9tein, 2Jtpnbeer. 3u bös §u lanben. 3n hart. Steimal bort fnapp 
bem Sobe entgangen, baS ift genug. 3^ habe Söeib unb Äinb, ja, SWpnbeet ! 11 

Scr 3)tann Perftuinmte. ©ern gab ich ein boppelteS Srinfgelb, benn^um 
erften 9 )tal bachte ich nun, melche ©efabr fich an biefe rotben (Sefeüen fmipft, 
bie man fo gern auf bem Sifcb oor fich bat. 2 Ber fragt lange nach hem Sßober 
ber Singe ? 

9tocbt3 fab ich bann mübe in ber flrone, einet guten, acht oldmifcbcn 
Schentftube. SaS »uffet, rüdmdrtS mit Spiegeln belegt, gldnjt mie ein 
Sdjmudfaftchen, unb ba fielen Gognac unb ©enePre unb jebn aubere „fterfe 
Sranten", ade in plattirten flübeln unb frifebem Söaffer. Ueber bem SJuffet 
permabrt ein Schranl bie meifjen Sbonpfeifen ber Stammgdfte. Ser gufibo* 
ben ift mit mei&em (DteereSfanb b:ftreut, auf jebem Sifch ftebt ein plattirteS 
©efdb mit glübenber fioblenafcbe gum Slnjünben ber pfeifen, unter jebem Stfch 
ein Spudnapf. SBebe Sem, meiner feitmdrts fpuden, bie Gigatre roegmerfen 
ober bie pfeife auSflopjen mollte. Gc betdme Pon fDtejuffer (2HabemoifeUc) 
gar unfreunbl'che JÖlicfe ! 

3mei glafchen pon Sllfop’S $ale-2Ue, bem beften löiere, ba$ ich tenne, 
fmb getarnten, ein paar Gigarren ba$u geraucht. Soch mie (türmt eS brau- 
ben! SBie beult ber 2öinb I 9fod) einmal treibt es mich jur Süne. * 

Oiacbt, SRadjt, 9lwbt! Set £immel ift bebedt, tein 2ftonbücbt, fein Stern 
am Fimmel. Nichts ift 3 U hören als ber bumpfe Sdrm ber »ranbuug, nicht» 
ju (eben als ber pboSpborijcbc Schimmer, mit melchem bann unb mann bie 
SBoge aufleuchtet. 


8 



249 



Da tommt ein gredrotbe« Sicht baber, batb hoch oben, halb tief unten; 
e« ift ein flabn mit einer aufgejledten gadel, gifeber lehren vom giffbfang 
beim.* firme Seute! 

34 blieb faft eine Stoche in Oftenbe. SMorgen« ein Sab in ber Sratt* 
bung, bann ein Dtner mit Seefifchen, Sbenb« ein Spajiergang im Sanb ber 
Dünen ober eine gabrt im Sahn—fo tiergingen bie Sage, ohne ba£ ich 9)ten* 
f 4 en fuebte obet nötbig batte, tote im Draum. 

3 n$»if<hen fchmüdt ftch bie Stabt. Sötan bat bie eine halbe Stunbc lange 
$auptftra 6 e mit einer Doppelreihe fchmuder Siebten bepflanjt, tion beren Step* 
fein Sahnen unb Slumenguirlanben berabtoaden; ein ganjer 3 ungtoalb bat 
baju faden muffen, unb tote lange bat ba« hier gebauert, bi« er auftouch«! 
©ne, gtoei Driumpbpforten »erben erbaut, tion ihrer £öbe fotoobl toie au« 
aden S en ftern flattern Sanner, bie alten Sachen tion Srabant, rotb, gelb, 
febtoarj, {entrecht übereinanber gefegt. Suf bem SSittefpuntt ber Digue toirb 
ein Elitär errietet. Stoju bie« Hde« ? borgen ftnbet, toie adjäbrlich, eine 
folenne geier, bie b 6 n£diction de la mer, bie ©nfegnung be« Steere«, 
ftatt, bie«mal befonber« fplenbib, »eil fie tiom neuen Sifdtof tion Srügge tior- 
genommen toirb* 

Die ©infegnung be« Steere«, bamit ber gifchfang ftcb lohne, ba« Sab 
beilfam »erbe, ber Sturm »eniger Stenfchenleben forbere! Stobl eine gan) 
eigentümliche geier. Die Äitcbe ift fiberad, fle beberrfebt ba« ganje SJten* 
fcbenleben. Sie nimmt ba« faum geborene fiinb in bie firme, läfet e« Salj* 
tojten unb bie Sterte be« Deufel« abfcb»ören; fie fegnet ben Sunb ber Sieben* 
ben, fie bettet ben SJtenfcben in« ©rab, ja fie fegnet ©loden, Srüden, Soco* 
motioen. Da« flüe« entfpriebt »iedeiebt menfcbli<ben Sorftedungen. flber 
Steib»affer in ben Ocean fprengen, bamit er in biefem 3abre feinen 3»rn 
bänbige, ihm ba« Äreuj jeigen, bamit er ben 2Wenfcben gebulbig auf bem Süden 
trage, biefe Segnung unb Sefcb»örung eine« ©lement«, einer groben, unbdn« 
bigen Saturmacbt, »ar eine mir neue Stanifeftation tleritalen $ocbmuth«. Sie 
mag im Sinne ber Schrift fein, mir erfebien fle »iberlicb unb untierftämt. 

Der Sifcbof ift angelangt, bie $rocefftonen naben tion aden Seiten* 3$ 
tierlaffe Oftenbe* 

- .. 

#U> btx Uriloptnaßik. 

Con * * * 


3 n bebenderen gätlen lommt man mit ber Setwenbnng ber SWuSleln 
allein ni<bt au 8 , »eil ihre Sirfung ju f<btoad> unb nor&bergebenb ift im Ser« 
bältni| 3 U bwi feften Serbinbungen ber ÜBirbel unb }u ben fortbauernben, 
fdjdblieben (Sinmittungen bet 6 <fc»ere. Se(tere tommen um fo mebr in Se» 
tra<bt, je weiter bie SBirbel f«b feitti# von ber SdfrwerpuntWlinie entfernen 


17 


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260 


unb je mehr ftatt bet feften ßnochcnunterlagen imr bie nachgiebigen SBanbap* 
parate berti weiteren 3 ufammenfinten be« Rumpfe« ficb entgcgcnftemmen. $iet 
ftnben benn alle jene mecbanifiben Mittel Hnroenbung, beten mit oben Gr* 
todimung tbaten. 2>r. Scbteber in Scip^ig bat ficb um bie, Ortbopäbie ein 
große« Söerbienft erworben, inbent er juerft in feinet 2 lnftatt bie gpmnaftifcbe unb 
ntecbanijcbe Sebanblung im nötigen ©erbältniffe mit einanber oetbanb, unb 
e« bat ficb fein Spftem bisher fo trefflich bewährt, baß er trop aller neu auf* 
taucbenben 2>oltrinen teine SBetanlaffung gefunben bat, e« wefentlicb su oet* 
änbern. Such bie Slnpänget be« Sing’icben Spftem«, welche anfänglich oon 
mecbanifcben Mitteln gat nicht« wißen wollten, ftnb aümälig batauf juröcfge* 
tommen unb unterlaffen beten Slnwenbung bei (einer weitet oorgefchrittenen 
SBerfrümmung. Senn ihre gpmnaftifchen Uejbungen in bet gorm wefeutlicb 
oon bet Scbrebet’fcben abweicben, fo ift prinzipiell’nidjt« bagegen 31 t jagen, 
benn fie lönnen auf ipre Seife ebenfall« ba« gewünfcbte %id erreichen, wenn 
wir auch bie beutfcbe STtetbobe für einfacher, fchueller witlenb unb bem Aktien* 
ten angenehmer batten. 3)ie ^auptfacbe ift bie genaue Grforfchung bet in 
biefer ober jener Dichtung ftattgefunbenen SSerdnberungen, bie entfprecbenbe 
forgfdltige Sapl bet Uebungen unb ihre richtige JBerbinbung mit mecbanijchen 
Mitteln. $ 03 u ßnb nur mißen jchaftlich unb gpmnaftifch gebilbete VJ erste 
befähigt, au« welchem Gtunbe fowobl bie Xbcitnabme bet Stoliotifcheu an 
ben gewöhnlichen Turnübungen ber Gefunben, a(« auch bie ©ebaublung foU 
eher Uebet burch SRichtärste, bie fich immer nur eine oberflächiiche unb meeba* 
nifche Jlenntniß oon ber Sache 311 erwerben Permögen, burebau« oermerflub* 

Ginfeitiger 3Hu«feljug ift injwijchen boch nicht bie einjige Urjacbe ber 
9tüdtgrat«pe^rümmungen. G« giebt auch fotche, bie burch Gu artung ber 
Knochen peranlaßt werben. 2)iefe leptere Urfache liegt injwifcben ben Stolio* 
fen ober feitlicben 33 erlrümniungen nur feiten, babingegen ben ßpphofen ober 
nach hinten gerichteten s ilu«biegungen fajt immer ju Grunbe» 60 lange ein 
folcbe« Änochenleioen in ber ©Übung begriffen ift, würbe jeoe 9)iu«telbewegung 
nur fchdDlich wirten; ba« $auptmittei bleibt ruhige Lagerung auf bem SJiücfen» 
wobureb ber itrantbeitöprojef» wenigften« abgeturjt unb gemilbert werben fann. 
Grft wenn ba« urfdchliche SJtoment aufgehört ju wirten, ift e« an ber 3*U, $ur 
©etämpfung be« trantbaften 3uftaube« bie Gpmnaftif ju $ülfe §u rufen. 311» 
lerbing« wirb fie in folchen gälten feiten im Stanbe fein, bie frühere gorm 
auch nur anndhernb wieberberjuftellcn: allein fie wirb jebeufatl« ba.ju beitra* 
gen, fonftige fchdblicbe Ginßüße auf ba« Gefammtbefinben be« Patienten fern 
§u halten unb ihn ;u befähigen, feinen gewöhnlichen ©efebäfttgungen nach* 
jugehen» 

3 m gewöhnlichen Sehen pflegt man einer fflüdgratöoertrüikmung oft nur 
geringe 2 lufmertfamfeit 311 febenfen, weil ße eben für einen bloßen Schönheit«* 
fehler gilt. 2)a« ift fie jeboch nur in ihren niebem Graben. Schreitet ba« 
Uebel weiter oor, fo müfjen notbwenbig Knochen unb 2Jtu«feln in ihrem ©erufe 
at« Stüp» unb Semcgung«apparate be« Aörper« gans wefeutlicb leiben unb ju* 


8 



251 


leßt »erben fie auch ihre Aufgabe al* S<hit$ unb $ülle anberer, ebterer Organe 
nur noch mangelhaft erfüllen tönnen, rooburch biefe nothwenbig in ÜJtitleiben* 
fcfcaft gezogen »erben« SBci ben Stfidenwirbeln freilich »irb e* ziemlich lange 
bauern, ehe eine folcbe SBirtung eintritt; fie tönnen fefeon einen böhetn ©rab 
non $i*fecation pertragen, ohne baß ba* ©efammtbefinben banmter leibet. 
Slnber* oerbält e* fich mit ben Stippen unb ben fie oetbinbenben 3Jtu*teln. $ie 
Stippen finb non böcbfter ©ebeutung für bie ©eftaltung ber ©ruftböble* fie bil* 
ben ba« fcbüfcenbe, tragenbe unb unterftüfcenbe ©erüft für bie ©rufteingeroeibe. 
©ine abnorme Sticbtung ober mangelhafte ©eweglicbteit ber Stippen übt baher 
fofort auf Sungen unb £er$ eine Stüdroirtung au*, ftört fofort bie Junttionen 
ber SUhmung uitb be« ©lutumlauf*. 

Soll ber $ltbmung*pro$eß regelmäßig nor fich gehen, fo bebürfen bie Sun« 
gen eine* gemiffen Staunt*, innerhalb beffen fie fich frei bewegen tönnen; »irb 
ihnen biefer Staunt nertümmert, fo tönnen fie ihrer gunttion nicht mehr in nor« 
malet SBBeife norftehen. 3e mehr fich bie Stellung ber Stippen einer borijow* 
taten nähert, je beweglicher fte ftnb, um fo geräumiger »irb ber ©rufttaften, 
bie Sungen tönnen fich frei heben unb fenten unb ein möglichft große* Solu« 
men oon fiuft ein« unb au*ftrömen laffen, »oburch ein lebhafter, ba* SBoßlbe» 
finben be* ©efamnttorgani*mu* beforbernber ©lutumlauf unterhalten »irb. 
dagegen »erben SUbmung unb ©lutftrömung um fo mangelhafter bor ft<h ge« 
hen, je geneigter bie Stellung ber Stippenbögen ift unb je weniger fie beim 
Slthmen [ich heben. 3« befchränttem Umfang tann eine foldje ©infentung ber 
Stippen golge bon ßungentrantbeiten fein« 3)ann »irb e* junädrft barauf an« 
tommen, biefe }u heilen, unb foüte bie* gelingen, hat man natürlich ber 2Bie* 
betberftellimg ber normalen ©eftalt be* ©rufttaften* feine Slufmertfamfeit §u* 
|u»enben, ba ohne biefe hoch feine gehörige gunttion berfiungen möglich »äre. 
©pmnaftiiehe Uehungen ftnb auch in folgern galt ba* einjige rationelle $eit« 
mittel, obwohl e* gar oft feine f>ülfe berfagen mag. 

Ungleich mehr tann bie #eilgpmnaftil thun »enn allgemeine 9Wu*fel« 
fchwäche bie Urfadje einer ©erengerung be* ©rufttaften* ift. burch Schwere 
unb fiuftbrud für bie ©inathmung*mu*leln ein biel größerer flraftaufnxmb beim 
Stimmen bebingt ift, al* ihn bie 2lu*athmnng*mu*teln gewöhnlich nöthig haben, 
fo »irb, wenn auch beibe ©ruppen in gleichem ©rabe geschwächt wären, boch 
ba* Stefultat ein ähnliche* fein, al* wenn jene nur allein an Schwäche litten, 
b. h- bie Stippen werben tief nach unten hängen unb ber ©ruftraum wirb fehr 
enge fein. SJtögen bie Urfachcn biefer 2Jtu*felfämäcbe noch fo berfchieben fein, 
al* golge wirb immer mangelhafte ©lutbereitung Auftreten. 3)iefe aber ift eine 
ber unerfcböpflicbften ßrantbeit*guellfn unb beeinträchtigt unter allen Umftän» 
ben bie ©efiinbheit unb £eben*f&higfeit im aflerbebenthehften SÄaße. 

$aß bie2 ungenfch»inbfu<ht meift bei ©erfonen mit fchmalem 
©mfttaften Auftritt unb baßer mit mangelhaftem Sltbmen in einem gewiffen 
Sufammenhange ftehen mag, ift eine uralte ©eobachtung. Steuerbing* bat 
$r. gtcunb in Sre*lau bic tbatfä$li<ben ©eweife bafür beigebracht. Stach fei« 

4i 



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nen febr jablreicben ©eobacbtungen finbet ficb bei tuberfulöfer dntartung bet 
fiungenfpijen, bie fd}liej$li<b gur eigentlichen Shwinbiucbt gu fuhren pflegt, febr 
häufig eine ©ertnöcberung bei evften unb gumeilen auch bei gweiten Kippen* 
fnorpeli, unb mau barf wobt um fo eber auf einen 3uiammenbang gwijcben 
tiefen beiben anomalen 3uftänben ftblieben, ba bie Kippenlnorpeloertnöcberung 
unb bie Ablagerung in ber £unge immer an ber eutfprecbenben Seite ftait* 
fanben, Sefctere aber wieber gur Teilung gelangte, fobalb burcb Keubilbung 
einei ©elenli in bem oerfnöcberttn Knorpel, wie fie biiweilen not ficb gebt, bie 
©emeglicbfeit ber Spifce bei ©ruftforbi wieber bergeftellt mar. dieie fünft* 
liebe (Selentbilbung ift aber nur burcb fräftigen 3«9 ber SKuileln, fpegiell bei 
flopfnieferi, ber&orgurufen. dbeitfo.fgnn bei ber ben fogenannten *tubertulö* 
fen ^abitui* bilbenben ©ruftenge, welche auf anberweitigen Urfacben beruht, 
bie ©Weiterung ber ©ruft nur burcb Uebung gemiffer SKuiteln erreicht »erben, 
diefe ©Weiterung ber ©ruft aber ift gewöhnlich bai eingige Drittel, ber 
Scbwinbfucht oorgubeugen. gür alle diejenigen alfo, bei »eichen »egen erb* 
lieber Anlage ober inbiuibueller ©erbältnijfe ©efabr Porbanben ift, bafj fie ber 
6 cb»inbfucbt fpater anheim fallen möchten, gejtaltet ficb eine fpftematifebe unb 
bai gange 3ugenbalter binbureb fortgefefcte ©pmnaftif gewiffermafien gur £e» 
benifrage. 

din entgegengefefctei ©erbältnifj flnbet beim d m p b P f e m ftatt, einem 
patbologifcben 3uftanb, »elcber febr häufig bie Urfacbe bei »obl betannten 
A ft b nt a i ift unb in ben höheren ©raben ben ©ruftlorb mitunter förmlich 
{abartig erweitert. 3bt ffiefen beftebt barin, bafj bie fiungengeüen bie gäbig* 
feit Pertoren haben, burcb 3ufammengiebung bie barin befinblicbe, gum Atbmetr 
unbrauchbar geworbene Suft auigutreiben unb fo ©lab für fr»fcbe, neu einftrö« 
menbe gu Waffen. SKögen nun bie 2ungengeüen felbft burcb übermäbige An* 
ftrengung, g, ©. beim £uftcn, ©lafen Pou Ktufitmftrumeuten, erfeböpfenben 
törperlicben dbatigfeiten u. f. ». bie flraft ficb gufammengugicben eingebüfet ha* 
ben ober burcb eine gleichfalls Pon dr. greunb aufgejunbene Entartung ber 
mittleren Kippentnorpel unb bie babureb bewirtte geftbaltung ber Kippen itt 
dinatbmungiftellung am 3ufammenfaßen Perhinbert »erben, ei ift {ebenfalls 
nur eine ©erftärfung ber Ktuitellraft beim Auiatbmen, welche bie ntangelnbe 
dontrattionifraft ber Sungengellen erfepen ober ben SEBiberftanb ber perlänger* 
ten unb fteif geworbenen flnorpel überwinben fann, wie bie Erfahrung mehr« 
fach gegeigt bat. 

daj* bie Kiuifetübung ben mädjtigftcn Ginflufc auf bie dntwidelung bei 
Atbmeni äufeert, labt fleh am beutlicbften burcb ©erfuche mit bem-Spirometer 
naebweifen. di ift biei ein ^nftrument, welcbei bai ©olumen ber ein* unb 
auigeatbmeten £uft angiebt. die SKenge ber nach einet möglicbft tiefen 
Snfpiration auigeatbmeten 2uft beträgt bei einem gefunben SDIaitue in ben 
mittleren fahren ungefähr 22—24 ilubilcentimeter auf einen Zentimeter flör* 
perlänge, ©ei fleißigen Surnem ober bei Solchen, bie ihre Atbemmuiteln 
fpegiell geübt bnben, fteigt fie aber gumeilen bü auf 28—29. 2Bo eine jo 


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253 


fräftige DInfüllung bcr Sungen pattpnbet, tat ed toohl mit bem Auftreten ber 
Sungenfcbminbfucht (eine ©efabr mehr. 

©ei Kraßheitenbet Unterleibdorgane möchteman mohl auf benelften 
©lid geneigt fein, bet ©pmnaftif jebe £eilmirfuug ab$ufprechen, ba ein gropet 
Steil ber biefe Organe bemegenten Studfeln ju ben bem SEiHen nicht unter* 
toorfenen gehört, fo bap alfo von einet bunt Hebung bemerffteüigten Kräfti» 
gung berfelben nicht bie Diebe fein faitn. Unb boct märe biefe Schlupf olgetung 
eine voreilige. 3»« beruht bie bäupgfte Urfacte jener Seiben, bie ©lutftodung 
im Unterleibe, hauptfächlich auf (Erfchlaffung folcfrer StuStelfafern bet ©cfdfe- 
unb Satmmanbungen, auf mclche unjet SBille feinen bireften ©nftufs tut; ge« 
ten mir aber in bet ßrforfchung ihrer Urfacten etmad meiter jurüd, fo pnben 
mit nicht nur bie miüfürlichen DJtueleln ber ©auchbede ernftlich babei betheiligt, 
beten Shätigfeit im Diormaljuftanbe eine bebeutenbe Anregung jur Stitbeme* 
gung für bie DJluSfelhaut bcS Sarmfanald ift unb beren ©ernachläffigung batet 
auch (Srfdjlaffung biefer nach pch Sitten rnup, fonbern mir ertennen als lebten 
©nmb bed Seihend in ben meiften gällen Unthätigfeit bcS gefammten millfür* 
Beten StudtelfppemS. 

(ES mürbe ju meit führen, moHten mir und hier auf eine genaue miffen* 
fdjaftliche ©emeidführung einlaffen; mit begnügen und baber, an bie aübetannte 
(Erfahrung bed täglichen Sehend ju erinnern, bap jmedmäpige unb hmreichenbe 
Körperbemegung, befonberd menn pe mit bem ©enup freier Suft verbunben 
ift, fomotl bad pcherfte ©orbeugungdmittel gegen Unterleibdftodungen ift, ald 
auch, menn folche in golge pfcenber ober üppiger Sebendmeife entftanben pnb, 
biefelben am grünblichften miebet ju befeitigen vermag. 2Bad bie (Erfah* 
rung feit Stlterd gelehrt, tut man neuerbingd auf bem SBege bed Sleffend, 
SEägend unb 3ählend feftjufteOen vermocht. Stan fanb, bap anftrengenbe 
©emegung nicht blop für ihre Sauer, fonbern auf längere 3eit tinaud bie 3a t 
bet ^erjfchläge unb 2Uhem$üge fteigert unb, mie ed pch hiernach ermatten läpt, 
bie Körpertemperatur erhöht. Sluch bie Stenge ber unt|r verfchiebenen ©er* 
tältniffen von einem DJtenfchen in gemifjer 3eit verbrauchten Suft hat man ge* 
meffen unb bei langfamem ©eben (3 englifebe Steilen in ber Stunbe) eine 
Sunahme gegen ben ©erbrauch im Siegen auf bad dreifache, bei Saufen (6 
Steilen in ber Stunbe) auf baS Siebenfache beobachtet. Unter folchen Umftän« 
ben mup ber Stoffmechfel im Körper nothmenbig erhöht merben; je lebhafter 
aber berfelbe mirb, um fo reget bie # 9teubiltung, um fo ftärter bie SBiberftanbd* 
traft bed Körpers gegen fchäblichc (Einpüjfe. 

Sie ©emegung förbert aber auch ferner bie Dludfcheibungen. SBährenb 
ber Körper in ©emegung mar, mürben burch bie Dtieren bebeutenb mehr feftc 
Siofje abgefonbert, bie Suugen* unb £autaudbünftung (teiger:e pch um 3 ©fb. 
täglich« $em entfprechenb mar auch ber Körpergemichtdverluft ein bebeutenber 
unb erreichte unter Umftänben, bie in ber Dlube eine 3unahme bemirlten, bei 
anhaltenbet Sludfelanftrenguug ein ©ierjigftel bed Körpergemichtd. (Ed ip 
baburch nachgemiefen, bap nicht nur ber Umfafc ber Stoffe, fonbern auch ber 



Goog 



»eitere 3«fa8 berfelben, tote er fte gum SCu^trüt aus bem Äörper gefthldt 
macht, burch Bewegung unterftüjjt »irb — eine b&<bft toirbti^e Xbatfacbc bä 
ber Stenge unb #dufigtcit ber Ärantbeiten, »eiche aus gurücfgebaltenen unb 
mit bem 23lute weiter circulirenben 3rr|e(jung5probuItett entfteben. 

Slber — fo möchte man unS h»« eimoenben — bie SDtuSfelübung übt 
ja bemnach einen f<b»dcbenben Ginflufe auf ben Körper aus, fie bringt ihn her« 
unter* Wichts »eiliger als ba$; er wirb ftdrter unb trdftiger »erben, benn bie 
ßrfahrung (ehrt ferner, bah ber gefteigerte SBerbraucb an Drganbejlanbtbeilen 
auch bie SReubilbung berfelben beförbert. 3)aS gefteigerte StobrungSbebürfnifc 
nach törperlidjeu Änftrengungcn hat fich einem geben fchon fühlbar gemacht, 
unb bie am meiften benutzten -©lieber ftnb erfabrungSgemdfj bie ftdrtften unb 
träftigften. 9lur baS in golge mangelhaften Gtofjoerbraudjö im Uebemtafr 
abgelagerte gett »irb oerloren gehen; biefer (Berlujt aber ift für 2 )eujemgen, 
ber ihn erleibet, in Wahrheit ein grober ©e»inn. 

GS tommen i^tmfcheii noch einige »eitere fünfte in ^Betracht, »eiche bie 
$eif»irfuug ber ©pmnaftil auf chronifche Unterleiböleiben »efenfclicb Perftdrtcn, 
jeboch auch eine forgfdltige 2luö»abl non Hebungen nötbig machen: jundchfl 
bie 2)üt»irtung ber Jöaucbmuöleln bei ber ^Bewegung bei ©efdfc* unb 2)arm* 
gnbalteö, unb ber ßinflufs beS SltbmcnS auf Verbauung unb fcluiumlauf. 
Jöei ftfeenber Sebenöweife ift es nicht nur ber anbattenbe $rud auf bie Baud?« 
unb $3vufteinge»eibe, fo»ie ber Mangel an Körperbewegung in frifcher £uft, 
»eichet bie Stodung unb alle ihre golgen herbeiführt, fonbern auch bie burch 
mangelnbe Uebung eintretenbe ßrfchlaffung ber ©aucbmuStcln. 5Die aus 2e(« 
teren unb bem 3»erchfell gebilbete fogeuannte SBaucbpreffe bat eine bebeutenbe 
IBeihülfe ju leiften bei ber Ausleerung beS 5)arminbaltS, bei ber Diüdleitung 
bei JöluteS aus bem Unterleibe nach bem ^icqen unb »abrfcbeinlidb auch b;i 
ber gortführung ber 2)rüfenfecrete unb beS GbpluS. Gin UnterleibStranter, 
bem es burch Uebung gelungen ift, feine SaucbmuSfeln ju trdftigen, bat baher 
fchon oiel gewonnen unb barf fich Hoffnung machen, feines UebelS nach unb 
nach $err gu »erben. 

S)arf man bemnach mit Specht bie ©pmnaftif als ba$ oernünftigfte unb rabi« 
lalfte SMittel gegen ba$ ^eer ber Unterleiböftodungen bejeichnen, fo ift fie nicht 
minber »irtfam gegen bie fchlimmften golgejpmptome jenes SeibenS: Gonge« 
ftionen unb ueroöfe SJerftimmung. $a »ir »iffen, bah jeber.ÜRuSfel »äbrenb 
feiner Sbätigleit einen ftdrteren SBlutjuflufc grbdlt, als in ber 3*it ber SRube, fo 
brauchen »ir nur confeguent bie Pusteln ber Gytremitdten in ifölirte ober por« 
»altenbe Xhdtigteit ju fe(en, um baS SBlut nach ihnen hin unb Pon ben Gen« 
t£cn abguleiiea. 

SDie Aerpenpetftijnmung, bie heim UnterleibSfranfen »ohl hauptfdehlich bon 
mangelhafter Grndhrung oeS AerPenipftemS, »ie fie hei bem Pctborbeneu ffllute 
»ohl nicht anberS möglich ift, herrührt, »irb natürlich mit ber ®etbejferung ber 
©luimtfcbung »eichen* S)arum liegt in ben förperlichen Hebungen auch ein 
bebeutenbed phpfiicheS Moment, welches für ben ^ppochonber fo leicht nicht 3 a 


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255 


unterfcbä&en »ft. @$ ifl betannt, mie bartnädig unb auSbauernb ftcb ber $p* 
pocbonber in feinen ©ebanten mit feinem Körperlichen Scftnben befdjäftigt unb . 
mit melcfc'er tiefen Sorge, jugleieb aber auch einfeitigen Uebertreibung er fein 
fieiben betrachtet. 3ft barum jebe Seßbäftigung, bie’ibn oöüig in Aufprucb 
nimmt, al* ein menigften« palliatioe« Mittel bagegen ju betrachten, fo muß 
gerabc ba$ Surnen, abgefeben oon feinem pbpfiologiicben Einfluß, eine hoppelt 
befriebigenbe $bätigleit für ibn fein — einmal meil es überhaupt eine erbeU 
ternbe SBirtung auf ben ©eift auSübt, bann aber meil ber traute babei.baS 
befriebigenbe Scmnßtfein bat, baß er für feine ©efunbbeit ficb anftrengt. 5Bif* 

Jen mir boeb, mie febr eS bem «gppoebonber Sebürfniß ift, gegen fein Seiben 
etwa* jii tbun, fo febr# baß er bei jebem neu confultirten Arjte, bei jebem neuen 
SKittel unb jeber neu eingeleiteten Äur regelmäßig in ber erften 3cit Sefferung 
ocrfpürt. 3e mehr ibn aber eine folcbe mit ihm cingefcblagene flur in An* 
fprueb nimmt, je-größere Anftrengungen, ja fogar Entbehrungen fte ihm aufer* 
legt, befto große: ift fein Vertrauen in fie unb ben Aqt, ber fi* oerorbnet. 
S)arura oertbeibigt ber £ppo<honber, lange ehe er eine SBirfung oon ihr Oer* 
fpürt, rat Selb unb Sebeit bie ftrapasiöfe, angreifenbe, ihn au« feinem ganzen 
gemobnten Greife be$ 2)afein$ unb bc« SGBirfeu« aufrüttelnbe SBaffertur; barum 
lernen mir in ihm ben eifrigften unb auSbarrenbften Sefudjer ber beÜgpmna* j 
ftiieben Jturfäle lennen; barum eublicb ift er oor Allem ein Anhänger ber 
fcbmebiftben $ei(gpninaftif, inbent ihn nicht nur ba« SBipftifcbe anlodt, mo*- 
mit manche Slnbänger bitfer Wichtung ihr SBirfeu umgeben, fonberu auch bie 
fortmäbrenbe Xbätigleit be« Arjte« unb feine!: ©pinnaften um ihn, mie Tie bei 
Ausführung ber buplicirten unb paffioen Uebungen erforberlich ift. 

©ne noch miebtigere Wolle al« in ben bi$b« genannten Seiben fpiclen bie 
ffiaudjbccfen bei ben UnterleibSbrücben, beren Entftebung immer eine 
Erjcblaffung ber SWuSfulatur ber Saucbroanb oorauSfeßt. Sur Wabitalbeilung 
biefe* Uebcl« ift baber SWuSlelübung ber einzig oernünftige 2Beg. 2Ba« oft bie 
fünftlicbfteu Operationen oergeblich anftreben, tann burch fte bemirft merben. 
freilich haben nur nicht }u alte unb nicht übermäßig entmicfelte gälte AuSjicbt ' 
auf oöllige Teilung burch gpmnaftifcbe Uebungen; in febr fchmierigen unb 
complicirten fällen, fomie bei alten 3nbioibuen, muß ja mobl überhaupt oon 
ber Wtöglichteit einer Wabtfalbeiliyig abgefeben merben. 

3>aß gembe bei biefem Seiben bie SDßabl unb Ausführung ber beilgpmna* 
ftifeben Uebungen große Umficbt unb Sachfenntniß erforbert, bebarf mohl feiner 
befonberen $eroorbebung. SDenn aber bie febmebifeben ^cilgpmnaften be* 
haupten, baß nur ihre SWethobe babei anmenbbar fei unb jurn 3*de führe, fo 
ift ba« blo« eine ber gemöhnlicben Gelbftüberfcbä&ungen. 5)r. Streber in 
Scipjig hat burch beutfehe grei* unb ©eräthübttngen folcbe Teilungen erhielt; 
ehe man uod) in 2>eutf<blanb überhaupt etraa« oon febmebifeber ßeilgpmnaftil 
mußte. 

Sei ben eigentlichen fiäßmungen, melche im Wücfenmart ihren Ur« 
fprung haben, fann bie ©pmnafti! feiten etraa« an$ri<btcn, meil e« in ber Wegei 


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nicht gelingt, ben eigentlichen Aran!heit«proje& jum StiHpanb gu bringen. 3n 
ben wenigen gäUen, wo leptere« bennoch ber galt ip, wirb Dtu«telübung we* 
nigften« ben Stuben haben, bap bet JReft ber etwa noch Porhanbenen Seweg* 
lichtcit nicht gleichfall« Perloren geht. Sei btod örtlichen Sähmungen ber Sirme 
tmb Seine wirb bie Sewegung«beitmethobe häufig Pon Stuben fein. Statürlich 
äupert fte leinen (Sinflub auf bie Urfa<be ber flranfheit, bie bureb anbere Drittel 
belämpft werben muh; auch ip ihre Slnwenbrntg ftreng ju Permeiben, fo lange 
noch ein berartiger itranlheit«projep in ber Silbung begriffen ift. (Erft nach 
Pölligem Ablauf beffelben unb wenn e$ ficb barum banbeit, bie berlorene Se* 
weglicbleit, möge fte nun auf Slffectionen ber actiben unb pafftPen Bewegung«* 
Organe, b. h« ber Dtu«tcln, Sehnen, Anochen unb Sänber, ober ber (Erreger 
ber Bewegung, ber Sterben, bc« Stüdenmart« unb be« ©ehirn«, beruhen, erft 
bann ift e« an ber 3rit, bie ^eilgpinnaftil in Stcquiption §u sieben. So leiftet 
biefelbe §. S. bei halbfeitigen Sahmungen, wie fte nach Schlagflüifen jurüd* 
bleiben, bortreffliche 2)ienpe, fobalb nur bie 2Jtu«teln überhaupt noch auf ben 
2Sillen«einpup reagiren. Sei PoUftänbigen Sahmungen labt fi<b biefe heil* 
tnethobe freilich nur tu befchränltem SJtape anwenben, b. h« e« bleiben nur bie 
pafftben Uebungen übrig. 25ann ift e« an ber 3eit, al« (Erregung«miitel ber 
^nnerbation unb (Ernährung bie (Electricität ju ^ulfe ju rufen. 

Serntag bie ^eilgpmnaftif bei Sahmungen nur in befcheibenerem SJtape ju 
nüpen, fo pnbet fie ein ungleich banfbarere« gelb in ben Störungen ber ©e* 
brauch«fähigteit, welche in ben ^fiebern fowohl nach febtoeren SUlgemeintranU 
heiten, al« Iranlhaften Slffeltionen ber bctrcffeitben ©liebet felbft, wie Anocben* 
brüchen, Serrentungen, ©elentlranlheiten jurüdbleibcn, unb e« ift auch hier $u 
bebauern, bah man bisher noch nicht in allgemeinerem SJtape berftanbeu hat, 
pch ber Segnungen berfelben tbeilpaftig §u machen. Sie manche« unnü&e 
unb perfümmerte 25afein lönnte in ein frohe« unb nützliche« umgewanbelt wer* 
ben, wie mancher arme Arüppel lönnte ben Pollen ©ebrauch feiner ©lieber 
wieber erlangen, wenn e« nicht noch immer fo piele Seute gäbe, bie ftch bequem 
im hergebrachten wiegen unb alle wiffenfchaftlichen Steuerungen, fall« e« nicht 
gerabe phpftologifche, pathologifche, anatomifche, chemifche ober pharmalologifche 
ftnb, für eitel Ainberfpiel erllären. 

35a« glänjenbpe gelb ber heilgpmnafrit ift unpreitig ba« ber ©lieber« 
Scrunftaltungen, bie au« geftörtem 3Jtu«lel*Slntagoni«mu« berporgegangen 
unb.pon benen bie gormen be« fogenannten Alump*, fßlatt« ober Spip* 
fit6es bie belannteften ftnb. Selbft bem Ungläubigften müffen hier ihre 
Sirlungen offenbar werben; gleichwohl ift e« noch gar nicht lange her, bap 
man in berartigen gälten ba« einzige heil in ber Sehnenburcbfcbneibung er* 
blidte. Slflerbing« gehen bie heilgpmnapen ju weit, bie ftch ber ebirurgifeben 
unb mechanifchen Sehaublung gänzlich entfdhlagen wollen. 25er rationelle 
heillünftler wirb bie eine SJlethobe mit ber anbern §u Perhinben wiffen unb 
gern eingepepen, bap bei ber Sieberherftellung ber gorm unb ©ebrauch«fähig« 
feit ber ©lieber ber ©pmnaftil immer bie miebtigfte Stolle gufäüt. 


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257 



©anj auf benfeföcn ©rnnbberhältniffen, tote biefc ©Iieber«Gntftedungen, 
beruht böcbft wabrfchetnlich bad Schielen, unb ed ift baßer ganj folgerichtig, 
wenn ©räfe fdjon bor 3abren berfueßte, bureb pridmatifeße 23ridett bie 2lnta« 
gouiften ber ÜJtudteln, auf bereu abnormen Gontractionen bie falfiße Steilung 
bed Huged beruht, }u ftdrferer 3ufammenjiebung §u bewegen unb in biefer 
$ßätigfeit ju üben. 

Gd bleibt und fdjließlich nur noch übrig, ben ffiertb ber $eilgbmnaftif in 
ben fogenannten lllgemeinleiben, beiten nämlich, welche auf Störun« 
gen bed SB!ut* unb Sterbenlebend beruhen, mit wenigen SBorten $tt 
würbigen. 

SBenn irgenb ein Kranfßeitdjuftanb unferer Seit eigentümlich ift, fo ift. 
ed bie 231 u t a r m u t b unb bie aud ihr entfpringenben Seiben. Unfer ber« 
feiiterted unb überfeinerte^ Kulturleben mit feinen raffinirten ©$nüffen, feiner 
auf lorperlicbed SBoßlbeftnben feine Stucffuht nebmenben Gtifette unb ben tau« 
fenbfältigen Slernachläffigungen ber erften Siegeln ber ©efunbbeitdpflege, bor 
Slflcni aber feinem gänzlichen Mangel an rationeller SJtudfelbewegung, begün« 
ftigt in hohem ©rabe bie Gntfteßung ber aud mangelhafter 23(utbilbung her« 
borgehenben Kranfßeiten. 8m meiften unterliegt ihnen bad weibliche ©efchlecht 
unb bad jugeitbliche Elfter, bad, um ben Slnforberungen ber Steubilbung ju ge« . , 
nügen, einer fehr ftarlen 3ufußr bon Stabrungdftoffen bebarf, $u beren 23e* 
wäitigung unb SIffimilirung jeboch bie Alraft gebricht, fadd nicht burch entfpre« 
eßenbe förperliche 23ewegung ein fräf«iger Stoffwechfel unterhalten wirb. S)ad« 
felbe ift bei Scannern ber gad, bie ftarf unb gut effen, jeboeß nicht gleichzeitig 
bureb gehörige SKudfelübung bafür forgen, baß ber Organidmud auch bie Kraft 
hat, fich bie ihm jugefüßrten Stabrungdftoffe anjucignen. 3uweilen (eiben 
wohl auch bie Sterben in erfter Steiße, unb bied ift bann nicht blöd golge bed 
23lutmange(d, foitbern häufig auch ihrer übermäßigen Steijung burch SBormatten 
bed ©eifted«, ©emüthd« unb Sßbantafielebend, welched ber woßltbätigen Slblei« 
tung unb Slnfrifcßung burch förperliche Äraftäußetung entbehrt. 

So mannigfachbie23efchwerben ftnb, bie aud23lutarmutb entftehen, fo ein« 
fach iffbie aud ben Urfachen fleh ergebenbe23ebanblung. 3n erfter Steiße unter ben 
Slitteln fteßt bie fpftematifeße SJtudfelübung. SDiefelbe beförbert bie Sleubilbung • 
unb fteigert bad Slaßrungdbcbürfniß; boch ift bad Stefultat nicht etwa eine 23er« 
fcßlimmerung jened 3uftanbed, nein, ed geht aud biefenurbermehtten Stoffwech« 
fei fchließiich nur eine wefentliche Kräftigung bed Körperd-hemor. Gine ganj 
ähnliche SEBirfung äußert bad falte SEaffer, äußerlich, wie innerlich mäßig ange« 
wanbt, wedhalb ed oft fehr ^wertmäßig ift, ben ©ebrauch beleihen mit ber * 
©pmnaflif zu berbinben. $er burch biefe beiben Slgentien ju erjielenbe Gvfolg 
wirb aderbingd befchleunigt werben, wenn man bem iölute ben Staßrungdbe« 
ftanbtbeil, ber ihm bo i aUen anbereit fehlt, noch befonberd juiührt: bad Gifen, 
unb ei wirb beffen ©ebrauch ein biel fdmeüered 23orgehen in ber gpmnaftifchen 
unb SEafferfur erlauben, fann aber bicfelbe feinedwegd entbehrlich machen, ba 
ed nur bie golgen ber Sölutberarmung befeitigt, nicht aber bie SBebingungea bon 
beren Gutftehen. 

m --* 


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258 


die aus SBlutarmutb heworgebenben Nervenleiben fmb |ebo$ nicht bie 
cinjigcn^ gegen melcbe bie ^eilgpmnaftif fchon oft £ülfe gebraut, fonbern fie 
tbut bieS arnb gegen bie meifteit anberen Nervenfranfbeiten, befonberS 
bie, melcbe fo bduga bie golge von SuSfchreitungen im ©efcblecbtSleben ftnb* 
3mar giebt e$ hier auch daufenbe von £eiltrdnfen, SebenSelijiren unb Staubet» 
mebiginen, baruntet manche febr foftfpielige; bocb deines biefer Mittel bermag 
bem Hörpet gu eriepen, mal et einmal betioten bat. dahingegen teilen falte 
Söafchungen unb gpmnaftifche Uebungen gar nichts als einige Muhe unb NuS» 
bauet, haben aber fo manchen gemitteten Äörper mieber mit flraft unb Sehens* 
ftifche erfüllt unb lönnten gar biele jener Unglüdlichen biefeS Segens tbetlbaf* 
tig machen, wenn bie Menfchen erft begreifen modten, baß nicht baS ©eheim» 
nifjvode, ©etünftelte unb dheute bie mähte SebenSpanacee ift, fonbern baS 
©infache unb, Natürliche, ^harmageutifije Mittel mögen mohl gut Unterftüpung 
unb öefötberung gebraucht merben, niemals aber bemirten ge biefelbc für ftch 
allein. Nur aus ber Nahrung gieht ber flörper bie ihm fehlenbe firaft; ba et 
aber in feinem gefchmächten 3uftaube hitrgu nicht im Stanbe ift, mufs feine Sf* 
gmilationSfraft, b. h* bie gdpigteit, eingenommene Nahrung in normale Or» 
ganbeftanbtheile umgumanbeln, erft mieber gehoben merben, maS vorgugSmeife 
nur bureb bie SöemeguiigSbeilmetbobe unb ben ©ebrauch beS falten SBafferS ge» 
fchehen tann. ©benfo ift im durnen baS ftc^erfte Scpupmittel gegen frühzeitige 
gefchlechtliche Serirrungen ber Sugenb gu fuchen, mährenb bie ©item, melcbe 
ihre flinber unter Sernachläjfigung ber förperlichen ©ntmicfelung gu Stuben» 
boefern ober ©enugmenfeben ergiehen, fich nur barauf gefaxt machen föitnen, fie 
febneü altern unb nach einem frdnfliihen, ftechen Sehen Por ber &it ins ©rab 
fmfen gu febett. 

Sollten einem Nervenleiben örtliche franfbafte Serdnberungen gu ©runbe 
liegen, mie eS g. 8. bei $pfterie oft ber gad ift, fo müffen natürlich biefe 
ben erften HngriffSpunft beS ärztlichen §anbe(nS bilben; eine febnede 8efeiti» 
gung ihrer folgen aber, bie bem Patienten baS Sehen gumeilen recht verbittern, 
unb eine Silberung gegen Nüdfdde mirb fich burch fein anbereS Mittel fo vott* 
ftdnbig ergielen lagen, als burch Snmenbung ber ^eilgpmnaftif. 

©ine anbe\e Neroenfranfbeit, beten eigentliches SBefen noch menig et» 
forfcht ift, fod gleichfaUS burch biefe Methobe mit ©rfolg befdmpft merben —■ 
ber fogenannte NeitStan j. Natürlich muh bicSehanblungfchonfrühgeitigbe» 
ginnen; veraltete gdde .bürften mohl immer unheilbar bleiben. 

Sßenn mir bie vorftehenben Angaben überbliden, muh eS uns am meiften 
auganen, bah eS gerabe bie verbreiteten Jtranfbeiten unfereS 3*itaiterS, bie 
folgen ber mit unferer äultur maebfenben Naturmibrigfeiten ftnb, gegen 
melcbe geh bie $eilgpmnaftif bemdhrt bat, unb mir gnben eS auch hier begütigt, 
bafe im ©rogen unb ©angen jebe Nbmeicbuug vom regelrechten Sauf ber, dinge 
atiih gugleich bie Mittet gu ihrer eigenen 8efdmpfung ins Sehen ruft. $u bie» 
fern Sinne ift bie $ei(gpmuaftit, mie bie Stagerbeillunbe, burchauS ein ßinb 
ber 3eit. Sßenn ben ©runbfdpen einer vernünftigen SebenSmeife, bie fte auf» 


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269 


fteflt, allgemeine Altung unb Befolgung §u 3^eil würbe, mödite Tw Reh auf 
biefcm 2Bege felbR allmälig fiberRüffig machen. Sa$u aber ift für« ©Re feine 
Kußficht, benn baß neue golbene Zeitalter, in welkem SBahrbeit unb Vernunft 
}ur £errfcbaft gefangen, ift noch nicht angebrochen. SDlöge Re bähet ihr ebleß 
Sief fräftig verfolgen, ihm ohne aüe $arfeilcibenf<haft unb Scbwinbelei, nur 
bie roifjenfcbaRlitbe Jtorfcbung alß ihr Sanier erhebenb, naebftreben. Sann 
witb Re mar nicht, von bem $oRannab ber SWenge umjubelt, auf allen Straßen 
uitb SMärtten alß bie gegen $ieb unb Stich einzig erprobte Sßanacee gepriefen 
werben, boch Re wirb baffir um fo Rcherer in ber ©nRcht ber Sanünftigen ben 
IBoben Rnben, auf bem allein Reh etn bauernbeß, von ben Pfeilern ber Sifien* 
f<hatt getragene^ ©ebäube aufführen lägt. 


^itfpradjc cittfö Peutfdjcn an öas „^abbatljö-CEomitc“. 

©on G. «oe**. 


SDfeine Herren! 

3 n einem mit ber Kummer XXXIII bejeidhneten Socumcnt, baß 3^re 
MnterfcbriRen trägt, haben Sie bie Seutjchen wegen ber Sonntagß-Glaafel im 
Slcdfe*©efe6 von 1866 angefprochen. Saß in einer ©rofehüre von 16 Seiten 
$u thuu, unbr noch gar in 14 getrennt aufgeRedten, punttirten S&fcen, ift ein 
gewagtem Unternehmen. So fange bie $ropaganba ju fünften einer nicht |U 
rechtfertigenben SJhßtegel in einem unüberfehbaren SBuR burch, quer unb über« 
einanber pofternben Hieben, Söefchlüjfe, $rebigten, Slnefboten, 3ah(en*$luf[teU 
hingen unb Srattätchen baß Huge verwirrt unb baß Ohr betäubt, erfept bie 
SDlaffe ben 2)tongel an Stichhdltigteit, unb ber Gifer bie fehlenbe ©nRcht. 2Ber 
Reh aber herbeiläßt, biefen Stoff jufammenjubrängen, §u orbnen unb auch nur 
anuähemb ju erschöpfen, ber räumt bie äußerlichen £iitbernijfe §ur SEBiberle* 
guitg beß ©efagten hinweg unb lentt bie Sfufmertfamfeit beß 2eferß auf bie 
innere Unhaltbarfett feiner öemeißführung. 

Sie von 3 tuen |u fünften bei Sonntagßgefepeß geltenb gemachten 
©rünbe Rnb folgenbe: 

1 . Sie HhchteinhaTtung bei amerifanifchen Sabbathß iR ein offenbarer 
Uebelftanb unb gefährbet bie öffentliche Hiuhe, Sicherheit unb SBobliahrt- 

2 . Ser ttnmäßigfeit muß ©«halt gethan werben. 

3. Set $anbe( mit geiftigen Getränten am Sonntag thut ber Srunlenheit 
©orfchub. 

4. Saß ©efep verbietet nicht ton Gebrauch, fonbem erfchwert nur ben 

* ® e t f a u f beraufchenber ©etränfe. 

6 . Saß ©efep verbietet nichtß, alß öffentliche Störungen beß bürgerlichen 
ftibetagß. 

6 . Saß ©efep $ feine Neuerung. 


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7. Dcrburitanifcbe Sabbath ift amerilanifche Jlationalptte. 

8 . Die 2Rebr{abl ber Deutfchen freut pch beS ©efe|ei, 

9. Die greniben, bie in baS Saitb fontmen, tnüffen pch nach ben ©ebtdu* 
eben beS SanbeS rieten, 

10 . DaS ©efefc bringt (Selb ein, gicbt ruhige Sonntage unb verminbert bie 
anjahl ber Verhaftungen für Verbrechen an Sonntagen. 

11. Unfere SanbSleute trinten ju nie! Vier unb haben vor ben Schn alfi* 
trinlern leine Vorrechte ju beanforuchen. 

. 12. Der beutfche Sonntag ift eine beutfcbe Unptte. 

13. Die (Erholung'unb Unterhaltung, bie bem armen unb bem arbeitet 
burch baS ©efefc genommen toirb, hat feinen fflerth. 

14. Das ©efefc fteht im ©nllang mit ber SanbeSverfaffung. 

DaS ift SUleS, toaS Sie $u ©uripen biefer Verorbnung $u fagen toiffen ! 

Vcjwingeu Sie bie erfte ©itrüftung über bie böswillige (Entftellung, bie 
ich an ghren 14 Dhefen begangen, unb feben Sie nach, ob meine Vetapitulation 
nicht o o 11 ft d n b i g ben gnhalt wiebergiebt, ob pe mehr hinwegftreicht, als 
bie SBortbelleibung, mit ber bie üJtagerleit biefeS gnhalts verbccft werben follte. 
2 Ran fann eben Drugfchlüffe nicht grimmiger verhöhnen, als wenn man pe 
fcharf formulirt. 

(ES fann nur aus Vetfeben bie Vermehrung ber Stabteinnahmen bet 
SonntagScIaufel jugefcbrieben werben, ba bie Slccife ja nicht non bem 
Verlauf am Sonntag erhoben wirb, unb wenn pe baS würbe, burch Verbot beS 
SonntagSvertaufS nicht gefteigert werben fönnte. 

aus welchen Verfeben aber 3bre fünfte Voptfon er.tpanben, ip un* 
begreiflich. (ES wirb ghnen bie ÜRittheilung wohlthun, bafs bie Volijei 
ben in bcrfelben liegenben grrthum burchauS nicht theilt. £err £ hat ein £auS 
mit meublirten 3i>nmern unb einer SReftauration. 2Rit ganj getrenntem ©n* 
gang bepnbet pch in bemfelben ©ebänbe eine Schcnfftubc, bie, nebft ben @e* 
trdufen, $war £ gehört, jebocb an einen anbern vermiet&et ift, ber am Sonntag 
abfchlie&t unb baS Sofal gar nicht betritt. Die ©dfte beS £errn £ trinten fein 
Vier; fein Äoch erfuchte ihn aber am vergangenen Sonntag um ein ©las biefet 
verhängnibvollen glüffigleit. (Er tritt auS feinem $auSgang in baS Sehen!jim* 
mer, lehrt mit bem vollen Jtrug in ben £auSgattg jurüd unb wirb hier von 
einem ^ßot^iften, ber burch baS Scblüficllbch ber £au$ibür feine $pi<ht gethan 
haben muh, verhaftet, über üRacbt im Verlieh ber DombS aufbewahrt, am fol« 
genben Dag vor ben dichter in gefferfon SRarlet geführt, von biefem belehrt, 
er bürfe pch leinen floch halten, ber Vier trinle, unb weil bie von ihm gepeilten 
Vürgen leine ©runbbep(er pnb, trofc angebotener ©aution von $500 in 
baarem ©ehe, jum {Weiten 2Ral eingeterlert. #err £ gehört anerlannterma* 
peu ben befferen Deutfchen an unb reprdfentirt beten SMitleibenfchaft mit bem 
groben Raufen ber anoeren Deutfchen, von venen Sie ohne (Erfcbütterung mehr 
als einmal vernommen haben rnüjfen, wie beren jwei ober auch jroanjig, rnög* 
lichft heimlich im ^interjimmer beim gdjicben Vier pfcenb, von einem vielleicht 


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über ben Jla^&arjaim gelegenen ober oertleibet eingefchlichenen ^otijiflcn 
überrafcht mürbe unb, $u ben greuben beS BofyciflcrichtS abgeführt, Unterme:* 
fung in ber SonntagSclaufel erhielten. 

SBanbten fich nun bie 2)eutfcheu Oberen unb nieberen Schlages nacßträg- 
Heb an ihre SiecßtSbciftänbe, fo tonnten ihnen biefe feinen Stoft gemäßren. 
Nunmehr mirb ihnen biefer Xroft fchmarj auf meiß über ber Uuterfchrift ber 
$err<n Storman 2Bßite, Nathan Bifßop, SBilliam 31. Bootß, Robert Eafter, 
XhomaS 2)oremuS, gno Eüiot, greberief ©. gofter, gobn E. $aoemeper, 
SDabib £orblep, 3obn E. $arfon£, Daniel 2. Stoß, ©uftao Scßmab, 3Bm. 31. 
€mitb/ gonatßan SturgeS, 2). Sman, SBilUam SBalfer, g. 6. SBinfton, O E. 
SBoob, 3ameS SB. Beefman, Bßilip Schaff unb 2). 2)i. SJlorrifon, in ber SDleU 
bung, baß bie SonntagSHaufel fich nicht in baS Betragen $u £aufe ober außer bem 
£aufe einmifeße, unb nicht oerbiete, in Heiner ober großer 3ln$ahl jufammenju- 
fommen mo eS ben Bürgern gefalle. 

3ft biefe Behauptung richtig, fo ift alles Uebrige in 3ßret Brofcßüre oom 
Ueberfluß; benn nur megen biefer SiecßtSoerlepungen mirb baS SountagSgefep 
angefeiubet, unb eS muß 3ßnen peinlich fein, baß ein unfcßulbigeS, oon 3h«en 
befürmorteteS ©efep §um Borroanb für folcbe Uebergriffe mißbraucht mirb* 2Bo- 
§u ift aber bann ein berartigeS ©efep überhaupt nothmenbig ? 2)enn mer oer¬ 
bietet bie geier beS puritanifchen SabbatßS ? 2Ber beanfprucht baS Siecht, 3ln* 
bere im ©enuß eines füllen SlußetagS |u ftoren ? 

SBenn ein ©efep oon 1647, trop neunmaliger Erneuerung, im gahre 
1858 außer Uebung tritt, fo gefeßiebt baS aus jureießenber Urfache unb auS 
gemichtigen, innern ©lünben, unb feine ^erftedung im^aßre 1866 ift oor bem 
Slichterftußl ber SBaßrßeit nicht minber eine Steuerung, als menn bie alten Se¬ 
lche niemals erlaffen, ober auSbrüdlicß miberrufen morben mären. Bon mel* 
$em Belang ift eS aber, ob ein ©efep alt ober neu, in Baltimore gültig ober 
ungültig, ber SJlehrjahl bec2>eui|cßen lieb ober unlieb fei, menn es fehlest, unb 
menn bie Oppofition gegen ein fchlechteS ©efep noch unoerboten ift ? 

SDie Berfaffung beftimmt, baß bie freie 3luSübuug unb ber freie ©enuß 
beS SleligionSbefenntniffeS unb beS ©otteSbienfteS ohne Unterfchieb unb Be* 
oorjugung ber ganjen SJienfcßbeit in biefem Staat geftattet fei; tropbem oer¬ 
bietet baS SonniagSgefep jeber Berfon, am Sonntag geiftige ©etränte |u hal¬ 
ten ober $u oerjapfen, unb nicßtSbeftomeniger haben bie Slicßter oieler ametifa- 
nifcher ©erüttsßäfe entfehieben, baß baS ©efep ju Siecht befiehl, unb bie heu¬ 
tige ©eneration oon StUßtern mirb niemals anberS entfebeiben. Bor bem nun¬ 
mehr beenbigten Bürgertriege mar ber Einmanb ber BerfaffungSmibrigteit ge¬ 
gen ©efepeSoorfcßlägc bermaßen in Scßmung, baß man fiich oerfucht fanb, 
eine Berfaffung als neue Einrichtung jut Berßinberung jeber erfprießlichen 
©efepgeburfg ju befiniren* 2)aS ift anberS gemorben; allein auch bamalS 
mürbe ber BemeiS hoch nicht ju führen oerfucht, ein ©efep bürfe beSßalh nicht 
abgefchafft me^ben, meil eS ber Eonftitution nicht jumiberlaufe. 

Sticht nur tann hei feßminbenber Saßt ber Berßaftungen bie gaßl ber be- 

; 


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262 


gangenen Verbrechen zunehmen, fonbern öucß bei finlenber 3*f?« her fonftatir* 
ten Verzechen bie Sittlicbleit abnehmen. dad SBort Verbrechen bat eine febr 
Weite iLcoeutung; Slüed Wad und unangenehm ift, n>trb oft bineingejwängt, 
nur nicht polizeiliche Wenfcbenquälerei. Qumal bie Verbrechen, bie an bem* 
feiben lärmigen Sonntag begangen unb mit Verhaftung geabnbet werben, ge* 
langen feiten jut fleuntnißnabme ber ©ranb 3urp, unb fallen moralifcß gegen 
bie geräufcßlofen Sünben, bie ein ruhiger Sonntag nicht hinbert unb ein er* 
iwungcner Vußetag nicht feiten peranlaßt, wenig in betracht. Gine ©efefcge* 
bung, bie Pon folgen tleußerlicßfeiten, wie bie 3aßl ber Verhaftungen, audgeßt, 
barf fid) am atlerwenigften rühmen, auf bie Iefcten Urfacben bed Verbrechend 
einzugeben unb bad Uebel mit ber Wurzel audzurottcn. dergleichen überhaupt 
pon einem ©efefc behaupten 3 n wollen, bad auf bie äußerliche polizeiliche Stille 
eined daged aud fteben ©ewicßt legt, heißt gerabeju bie Worte ©tünblidjleit 
unb Oberflächlichleit mit einanber bcrroechfeln. Vocß augenfcheinlicher tritt bad 
jit Sage, wenn man im Grnfie ald Apologie für bad ©efeß anführt, baß ed 
nicht ben ©enuß, fonbern ben Verlauf geiftiger ©etränfe »erbiete, die $ßat* 
fache ift nicht ju beftreiten. Gd trinlt Waneber jeßt in feinem Kämmerlein ein 
balbed gäßcßen, ber jupor im Viergarten feine brei ©läfer trau!. 3ft nun ber 
Verlauf Veraulaffung jum ©enuß, ober ber ©enuß Veranlaffung zum Verfaui ? 
Wenn ber Vertauf unrecht ift, fo fann bad nur ber gaH fein weil ber ©enuß 
Verbrechen ift. Warum alfo nicht lieber ben ©enuß peibieten ? Unb warum 
bem Verbrechen mäßrenb fedjd Wochentagen freien Sauf (affen ? 

die Veßauptung, baß ber drunt Urfache bed Verbrechend fei, gehört $u 
benjenigen, beren Vicßtigleit gebermann bereits zugegeben bat unb baßer nid)* 
mehr $u unterfuchen geneigt ift. Unb hoch — wad ift bamit gefagt ? Wenn 
ein Spifcbube fein Opfer betrunlen macht, um ed andznplünbern, fo ift ber 
Schnapd Wittel unb nicht Urfache bed Verbrechend. Wenn ich im drunf ei* 
neu unoerfchämten Kerl prügele, fo hat bad „ Verbrechen 11 weniger zu bebeuten, 
ald wenn ich nüchtern ben ©roll im Vufen nähre, ©iftmifeberei, diebftahl, 
Ginbruch, Worbbrennerei unb Straßenraub werben feltener im drunl ald bei 
nüchternem Wagen begangen; häufig wirb ein beabfießtigted Verbrechen über 
ben drun! pergeffen, ober gar bie böfe Seibenfcßaft in gute Saune perwanbelt. 
Gd bleibt Pon ber ganjen dßeorie nichts übrig ald ber platte Saß, baß bie la* 
fterßafte drunf fudjt ein Uebel ift, unb wie jeoed anbere Safler, zu Vevbre* 
eben führen lann. die drunlfucbt ift aber wieber nicht Wirlung, fonbern Ur* 
fache bed drinlend, unb tann burch bad Verbot bed drinlend nicht Perminbert, 
fonbern haftend gefteigert werben. 

3lm aüerwenigften wirb ber drunlfucßt burch Unterbrfidung bed beutföen 
unb Hufbrätfgung bed puritanifchen Sonntagd gefteuert. Wit allem Vecht 
bemerfen Sie, baß Unmäßigleit ganz befonberd ein gltteb biefed Saubed, bad 
beißt bed Sanbed puritanifeßer Sabbathdheiligleit, ift. 9licht minber ift fie gan§ 
befonberd ein gluch Gnglanbd unb Scßottianbd, ber eiwjigen anberen Sänber, 
beren Sonntagdfeier }• V. Perbietet, na4ß Sonnabenb -Mitternacht eine Scale 


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ab$ulefen, unb wobudb einfl bie Beobachtung eines magnetifchen Ungewitter* 
in feinem ©ang um bie (Erbe, trofe mebrmonatlicber Vorbereitungen, unlerbro* 
eben mürbe, meil ba* Vhänomen in Van Ziemend fianb auf einen Sonntag 
fiel unb bafeibft nur cnglifche ^aturforfeber aufjutreiben waren. 2Hit grobem 
Unrecht behaupten Sie bagegen, ba& febr viele SDeulfcbe ber leibenfchaftiichen 
Xruntfucbt ergeben ftnb. Saoor behütet fu ber beutfehe Sonntag. 

flennen Sie ben beutfdben Sonntag, meine $erreh ? 3Äan tarnt ihn 
auch ohne Vier feiern, allenfalls auch ohne 2Birth*bäufer. Septere* allerdings 
nicht ganj (eicht, meil bie ©efedigfett für bie mciften SWenfcben $u feinem ffiefen 
gehört, unb meil bie ©efedigfeit für arme St&bter menigften* ber Vermittelung 
ber SirthSbäufer unb SBirthfcbaftSgärten nicht entbehren tann* SBer ben 
beutfehen Sonntag oerabjebeut, ber forbert für bie Strbeiterbeoöiferung, ja auch 
für ben dftittelftanb, ober boeb bie (ebigen dJtänner be* VtittelftanbeS, ben ein* 
famen Sabbatb — mobloerftanben, jum frommen ber Sittiicbteit. 

2Jtit biefer ©efeCigteit unb biefen SirthSbäufern bangen auch V. mu* 
ptalifdje unb Singübungen, Sbeaterbeiuche ic. jufammen, unb gebeiben nicht 
ohne ihren Scbup. gut bie Wenigen, benen bie geiedige Neigung abgebV 
weif* ber beutfebe Sonntag ebenfad* Vath }u fchaffen. ©in Venfum, ein Vach, 
eine Segnung, ein fllabierftücf, ein botauifirenber Spajiergang, befreit von 
ber (Einfeitigteit, bie ber mertibätigen HrbeitStbeilung autlebt, giebt beut 
galten aitenficn feinen Sag. Seutfcblanb* flüuftlcr, Schriftfteder unb ©e* 
lehrte entwickln fuh an ben beutfehen Sonntagen. Sa* Sefentucbc daran ift 
nichts HubcreS, als bie zeitweilige ^Befreiung von ber Saft ber Arbeit, bem 
gwaug be* ©efepeS, bem Srucf ber 2ttode, ber Dual ber SleuberlichleUen. 

Slber ben ameritanii<hen Sabbatb müffen Sie tennen, unb mie tonnen 
Sie ba febreiben: *©tebt eS benn feine reineren unb ebleren Vergnügungen }u 
$auS, im gamilientre»*, im Scfen guter Vücber, in ber freien Suft u. f. m. ? 
Vebrnt in biefer Vejiebung bie ameritanifche Sitte an." Ser amttitanifebe 
Sabbatb wirb burch bie freie Suft, bureb ba* Seien guter Vücber, burch j ebe 
Vergnügung im #au* (wenn man ein £au* hat), unb im gamüienfrei* 
(menn mau ficb barin rühren tann), nicht minber entweiht al* burch ba* freie 
Vier, ben freien San* unb ba* freie Spiel. Ser Swang ift fein Vtertraal. Ser 
amerifaniiebe Sabbatb macht morttarg, ungefedig, hinterhältig, in ber Uuterpal* 
tung unbeholfen, ftumpft gegen Me* ab, ma* ft# nicht auf ba* ©efebäft unp 
bie Votitif jurüdfübren lä&t, macht unvermögend, jmifeben @euu|} unb Orgie §u 
unterfebeiben, im 3lcu&er(i<ben befangen, unempfänglich für ben felbftftändigen 
SEBertb be* geiftigen Seben*. Siefe Mängel werben Sie, wenn e* gbnen ge* 
lingt, ben Sabbath bem glüh ber (Entwicklung oder menfchluhen Singe ju 
entheben, ben grembltngen einimpfen, bie ohne biefelben ba* Sand betreten. 

Seil e* nun aber ameritanifche SanbeSfitte ift, müffen fich bie (Einman* 
berer bieie Vergewaltigung gefallen laffen! gin 2Retropolitan*Siftritt 9fcw* 
Dort, für ben ba* ©efep gemacht würbe, war ber puritauifäe, Sabbath gerade 
n i cb t SanbeSfitte, nnb eben weil er nicht SanbeSfitte war, ift ba* ©efep ge* 


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m 


264 


macht worben. SBaS fett ober mit biefer Slpotheofe bet £anbe«fitte getagt 
werben? 3)et ©ehorfam be3 SürgetS gebüprt bem ©efefc, unb ihm allein. 
3)ie Sitte, infofern Tic nicht §um ©efep geworben, ift Sache ber SBiUtür, gleich* 
Diel oh SBitttdr ber Sielen ober ber SBenigen. 3)er ameritanifche Sürger ift 
aber auch ©efefcgeber, unb ald folget dichter über ba$ ©efep; um wie Diel 
mehr bann Sinter über bie Sitte, bie bem ©efefc unterworfen ift! 2)ie Sitte 
ift ba$ $robult be8 SeifpielS aller Eingelnen. SBer bem ©efep gehorcht, hat 
bad [Recht, mit feinem Seifpiel |ur Silbung unb gortbilbung ber Sitten beizu* 
tragen. Stellt man aber bie Sitte über ba3 ©efefc, fo {teilt man bie SBiUtür 
über ba8 [Recht 

2)a« thun, gerabe in biefem Stücf, bie Smeritaner. Eben auf biefe Se- 
grünbung ftüpen bie Sentenben unter ihnen bie erzwungene Slufrechtbaltung 
eine« ©ebrauch«, ber, wie fte felbft nur leife beftreiten, mit bem Sewu&tfein 
ber 3eit im SBiberfpruch fleht. — „Ohne 3weifel," bemertt Oberrichter Sororie 
bon Sennfplbanien in feinem Ertenntnifj in Sachen be$ Staates gegen [ReSbit 
(34 ißennfploania State [Reports, Seite 405), „würben wir weit auSeinanbct 
gehen, wenn wir eg besuchten, ben 3med unb bie Sebeutung beS SabbathS 
als einer bürgerlichen Einrichtung zu begrünben. 3)ic Btenfchen forbern 3n* 
ftitutionen, bie ihren Sebürfniffen entsprechen, ob fie bafütphilofo» 
fophifche ©rünbe anfühten tonnen ober nicht. Unb fo 
lange fie [Religion, Sittlichleit unb [Recht nicht mit 
ätarbeit‘zu unterfcheiben im Staube finb, fann eg nicht 
anberi fein, als bafi ihre bürgerlichen Einrichtungen tbeoretijche unb religiöfe 
gdrbung annehmen. fieineSlnjahl bernünftiger ©runbfdpe, 
in ©runbrechtsformeln auf gezeichnet, tonnen bies ber» 
h i n b e tu. 2)ie Orbnung ber [Ratur ift burch folche 2)dmme nicht in$ Stoden 
ju bringen. 

• überfehen nicht, bab baS pennfpfoaniiehe ©efefcbuch bon Erfldrungen 
ZU ©unften ber ©ewiffenSfreibeit wimmelt, unb bab biefe Ertldrungen bon 
mancher Seite als mit SonntagSgeiefcen unbereinbar betrachtet werben. 3)och 
ergiebt baS SRachbenten, bab fie biel mehr ben moratifdjen Inbegriff auSbriiden, 
bem ficb jebe [Regierung nach SRöglichteit nähern foH, als i r g en b ein p o» 
fitibeS Sßtingip ber ©efebgebung. SRan barf nicht bergeffen, 
bab biefe Ertldrungen bon einem <hri)tlichen Solt auSgingen unb eine praftifche 
Sluglegung erfahren müffen. 

„Sie hatten gar nicht bie Slbficht, baS $eibenthum 
ZU bu Iben. 

„[Rieht heä>nifche Aufzüge, fatprifche £dnze, obfebne ©efdnge, entblö&te 
Silbfdulen ober lüflewe ©emälbe faßten unter bem Sorwanbe ber [Religion, 
ober be* SergnügenS, ober beS ©ewiffenS, bie gugenb unb bie Unwiffenben 
in torinthif^e Erniebrigung hinabzerren, ba$ fittliche ©efuhl eine« chriftlicben 
SolteS beleidigen, ober chriftliche Schamhaftigfeit gu ber [Radtheit polpnefifcber 
ober fpartanifcher SBeiher gefeiten« Ein chrifUicheS Sott tönnte bergleichen 



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nimmermehr jugeben. Kein gefchtiebene« ®efet, ba« auf 
'olcbem platten unb f<hmäbli$en SationaliSmu« be* 
ruhte, ofrntöcbte bem ©cfubl unb bet Zbat eine« an» 
bet« bentenben Solle« ba« gttingfte $inbetni£ ent* 
gegenjnfeben. 

,3ebet e&rift ift übetjeugt, bat e« feine Seligion ift, bie jene beibnifcben 
®ebräucbe untetbrßdt bat, unb et b&t ftcb oerfiibert, ba| bet 6abbatb 
unb feine Obfemanjen bie betoorragettben Kittel pt biefent gortfebritt gerne ftn 
unb )um fernem ©Inhalten beffeiben unentbehrlich fhtb. 

„2Bte tann bemnach ein <bri|tlicbe« SoR anbet«, a« einen folgen Zag 
unb feine Dbferoanjen befehlen ? ffier benfelben al« abergldubifcb entgegen« 
tritt, mufe fte boch ai« »»(entliehe S3efianbtbeiie bei SoRlleben« achten, bie 
unmöglich nach Seliebeu angelegt »erben linnen. — 
SSBenn gtemblinge biefe gnftitutionen veruxtbeilen, fo mögen fw un« einen 
bemfinftigen Sefpelt unb unfern ®cbräu<ben einige Sacbgiebigleit ju Zbeil 
»erben taffen, unb batb »erben fte ftcb mit beiben au«fbbnen unbanbere 
Uebelftänbe ftnben, bie ibret Seformtufi in höherem 3Ra|e bebfirftig ftnb. 

„Sutcb untere 6onntag«gefefce beabfiebtigen »it nicht, bie Seligion ju 
erjtoingen. SBir beabfiebtigen blöd, unfete Gebräuche ju fcbüfcen, ob fte nun 
an« unferer Seligion beroorgegangen ftnb ober nicht; bettn fte ftnb toefentlicbe 
Seftanbthede unfere« gefedfcbaftlicben Sehen«. 3nft inftmäfjig befcbüfcen 
»it fte. @» ift nicht« al« gefedfcbaftlicbe Selbftoertbeibigung, unb gat 
nicht ©a$e be« freien Gntfcbluffe«.* 

SUfo sio volo sio jabeo. SEBcil »ir in biefer $inft<bt einmal nicht Dom 
3nfKntt an bie Semunft appediren, poifchen Seligion, ©ittlicbleit unb Secbt 
unterfbeiben, unfere bon un« felbft anfgejeichneten ®runbfäje befolgen »öden, 
müfet ihr euem SationaliSmu« einjteden unb unfer Unrecht bot Secht ergeben 
taffen. 

G« ift biefelbe Seweiäfübrung, au« bet ein Siebtet bon bet Sifitici 
Goud oon fßbilabelpbia ba« ÄuSftolen bet «farbigen au« ben Gifenbabnuagen 
gefebeben lieb. *Ser Sichtet bat nicht }u entfeheiben, »a« Seihten« fein fodte, 
fonbern »a« Seihten« ift. Gr ift gebunoen an @efe|e, an Gntfcheibungen 
unb an SoRöoorurtbeile. - Za« (»eifie) Soll bat nun einmal ba« Sorurtbeil, 
bajj e« mit gatbigen nicht jufamntenfiben »id; folglich muh e« feinen SQiden 
haben." — SBiedeicbt nicht unpaffenb für einen Sichter, aber fuhetlicb ungebö« 
tig für einen fchlichteu Surger, bet leinen Serftanb jum SBegmafen übrig bat. 

Sie Sßiberlegnng ber @abbatbgefeh«Zbeotie ift ju »obifeil, al« bah fte 
fruchtbare ®ebanlen ju erjeugen oetmöcbte; b&hften« tönnten ba« einige ©orte 
übet ben Urfprung unb bie mögliche Sragneite biefer Semeguttg. 

Su« Schiller« .ffielchetlei Seligion ich belenne ? Heine oon aden, bie 
bu mit nennft. Unb uarurn leine ? Slu« Seligion l" feböpfe ich bie SSebeu* 
tung be« le|ten ÜBorte«, in ber ich oetftanben »erben »id, unb bemetle, bah 
bie Italiener au« ihrem Hatbolk&mu« bietfunft, bie Seutfcben au« ihrem 

f 18 



• Sutherthum bie SBiffenfdaft, bte Slmertlanet mlgtidermeife au* intern SaloU 
m*mu* bie SRepublil entmideli haben, bab aber jebenfatt* bie Religion an unb 
für ftd, ba* leibt bie Sefdäftigung be* Seifte* unb Semütb* mit ben |o<|ften 
unb (e$ten Problemen be* $afein*> aufgehört hat, für bie Slmerifancr gu eyi« 
ftiren. ghre ungähligen Aird« fmb hülfen, bie hödften* einen IrpptopolitU 
fden, fic|erli<| leinen religiöfen Aern laben. SU* Staffelet au* alter 3*it 
umftelt nod bet Sabbat! i|v neue* f au*. Sie mürben i|n entfernen, menn 

ba* o|ne (Eingehen auf religiöfe gragen gu bemerlftettigen märe; benn über bie 
Unlaltbarleit i|rer poiitifden Debuttionen gu beffen (Sunftcn fmb fte, mie oben 
nadgemiefen, nidt im UnUaren. Sittein über bie SReligion motten fie ein» für 
attemal nidt nadbenlen; jomit bleibt ber Sonntag befielen. Unb mie ben 
alten Stömem ihre Sötter in ben 3«ten ber SRepublit nur poliiifde SRafdtnen 
maren, mit benen bie Parteien i|ren Programmen Slulorität gu uerfdaffen 
fudten, fo mirb im neuen Stom ber trabitionette Sabbat! aud |eroorge|olt 
menn politifde 3mede gu evreiden fmb. 

3)iefe gmede begie|en ftd bie*mal, unb be*|alb begie|t fid aud bie neuefte 
Slu*gabe be* Sabbat!, au*fdlie|lid auf bie Gountie* Siem*?)orl, Aing* unb 
SRidmonb. £ter bilbet ber Sonntag eine turge Alaufel in einem langen 
Sdenfpoligeigefep, unb biefe* Sefep ein Kapitel in einem meitfdmeifigen po* 
litifden Arieg*plan. Unfere bemolratifden 6taat*einridtungen unb ber Sang 
ber SBeltentmidelung führen bie pieb* ber alten SBelt an unfern Stranb, unb 
in 3tem*?)orl, al* bem eingigen ©nmanberung*|afen, läuft ftd btefer 3umad* 
am maffen|afteften an. Gr |at bereit* feit gahren auf biefen gnfeln bie 
Ueberga|l unb bie #errfdaft gewonnen, unb beutet biefe ticrrfdaft in ber i|m 
eigenen SBeife au*, einer SBeife, an ber e* beutlid gu erfennen ift, bab er ftd 
nidt auftfdliebiid au* ben geingebilbeten ber alten SBelt retrutirt. d* foll 
btefer SBirtlfdaft |ier in feiner Slrt ba* SBort gerebet, e* fott nidt einmal bar« 
auf lingemiefen werben, bab trop berfelben 3iew»$)orf nod imitter ber angc« 
nelmfte Slufent|alt*ort in ber Union ift, bab nod immer in 9tem»f)or(, mie 
fonft ttirgenb*, ber gleib ftd lohnt unb ba* gelb ber Sdätigteit ftd »etter unb 
meiteV äu*breitet. 3)a* jebod ift gu betonen, bab bie 2)oftrin ber Gelbftregie* 
rung be* Polle* ntemal* al* eine $oltrin ber 3»edmäbigleit, fonbem al* eine 
Sottrin be* abfoluten SRedt* proflamirt mürbe, unb alfo burd bie Gntbedung, 
bab f» nidt immer unb überatt gut gröbtmogliden SBohlfahrt führt, nidt um« 
guftoben ift, bab bie (Erfahrungen be* heutigen 9tero*?)ort, mögen fte nod fo 
grell fein, nidt hinreiden, bte Sehren eine* geffecfon unb eine* Paine Bügen 
gu jtrafen unb bie Stüdfehr ber borbemolratifden Urmelt al* eine Perheflerung 
ber augenblidliden Suftänbe erfdeinen gu laffen. 

Slidt*beftomeniger hat ftd bie Slnftdt, bab mit bem allgemeinen Stimm« 
redt in SRero^orf «ufguräumen fei, thatfädlid gur Parteianftdt erhoben. 
SRan lann ftd nidt gur IReftgnatton in ben untiebfamen Polf*mitten bequemen, 
man mag nidt au*manbem, man bergmeifelt baran, bie ÜRehrheit eine* Pef« 
fcren gu übergeugen. SRan reagirfatfo gegen bie IRepublil, man läbt ftd non 




267 


Sfußen her mit Machtbefugniffen belleiben, für beten Ausübung man 5)enen, 
für bie man Tie ausübt, JBecbenfcbaft porenthält.' Um bie öffentliche Meinung 
ber nichtbetheiligten $iftrilte beS Staates ja fünften biefeS Verfahrens §u 
ftimmen, um fich innerhalb ber Stabt einen mögluhft tompalten Anhang §u 
fiebern, wirb bie religiöfe Mafcbinerie beS Sonntags als S^wungrab einem 
©efefc eingefügt, welches bem SBirthShauSleben ber SJemotraten, in bem man 
gan$ richtig ben totalen ©oben ihrer Organifation ertennt, $u Seibe gehen foQ. 
Möglich, baß biefe ganatiTmmg ber Oligarchenpartei §utn enbltchcn Sieg Aber 
bie gewiß fehr Perroahrlopte 3)emotratie perhelfen wirb. 3n bem <JaU hätte 
man niedrigere Steuern unb eine ftrengere $Poli$eibanbhabung §u erwarten, 
fomie eine tnauferigere, leineSwegS aber eine ehrlichere Verwaltung. Mein 
bie Redereien ber#$uritaner wirten auch fanatifirenb auf bie ©egner. $)er 
Gingeroanberte fühlt fich als Märtyrer feines Sonntags; er wirb bie gefölof* 
fenen Äneipen burch anbere VerfammlungSlotale ju erfefcen Wtffen. Seine 
immer fefter werbenbe Organifation bürfte enblich in ber XpranniS gipfeln unb 
unter biefer Rührung bie juriftifchen Spinngewebe jerreißen, mit benen er jefct 
umgarnt wirb. $te gretyeit beS $rioatlebenS würbe atöbann auf Soften ber 
Politiken Selbftbeftimmung gerettet werben, welche in ber PerantwortungS* 
lofen Macht eines einzigen aufginge. 


Si)ltrltbtn. 

Cffi#* ton $r. XfKobor Koder. 

Sie ^ßoefie ift nie jarter unb tieffinniger, nie buftenber unb in herrlichen, 
glühenben färben braugenber, alä nenn He ihre Silber unb ®leicbniffe bem 
ftiflen, unf<bulb8»oßen $flan$enleben entnimmt; ba ift leine Seibenfchaft, lein 
roiiöeä ©rängen unb Streben, — tS waltet aßüberaQ nur ein tiefftiße« ffllüd, 
benn: 

bem ®tüd be« $flanjenteben« 

®ränt bi« Schaft an Schaft. — 

$olbe8 Sitb be« $5ber|treben« 

Ohne Seibenfchaft t —• 
fingt ber Sichter in warmer Qmpfin&ung. 

2Bie anberä erfdjeint bagegen bie S^iertoeft, Welche uns nicht ba« Selb 
jener befeligenben, ftiQen Snnerlichleit geigt, fonbem ben lauten Äampf um 
ba« Safein, ber fleh ftet« wieber erneuert, unb beenbet wirb um wiebet ju be» 
ginnen. Unb biefer Aampf um bie (Stiften} ift auch bie öuefle jener eigen* 
tbümlichen (Sntartungen, welche man Seibenfchaften nennt. 

G« ift ein alte8*®efefc, ba« von Uebergängen unb Serbinbungen fpricht; 
aber e« ift auch ein ewig wahre« SBort. SBohin ba« Huge in bet Statut blidt, 
bienbet e« nhtgenb« ber greße garbenfehein, weichet ba« Serfchiebene non bet 




’S 



Solie abbeben foQ; überall bat bie ernige flünjtlerin milbe, oerföhnenbe unb oet- 
mittelnbe Uebergangtone in fanften Jarben eingefegt, unb es freut ficb ber fot- 
fchenbe Vlid, menn et bie emporflrebenben Sproffen bcr riefigeit Seiler fo Har 
unb beutlicb mabrnimmt unb fie^t, mie ba feine Süde ftört unb mie bie tieffle 
Sproffe in fo innigem Verbanbe mit ber haften ftebt. 

Unb au(b bag Vflanjenleben, anfebeinenb feferoff bem 3$iere gegenübet 
geflellt, bat (eine oermittelnfcen Uebergdnge; ja bag fefbft liefert jene 
SWittelglieber, melcbe beibe oerbinben. Sem mdreij bie Sßflanjenforallen, bie 
Scbmdmme, bie fo einfach organifirten Snfuforien u. f. m. unbelannt? 

3nt Wanken* unb Sbierteben finb bie atlgemeinfien Umriffe unb ©rfebei- 
nungen immer biefelben. £ier mie bort ift eg eine ©ntmidelung aus Keinen 
Anfängen, eine gortbilbung bureb 3ufubt bilbenber unb erfefcenber Stoffe oon 
aufjen, eine immer mebr nach Verboüfommnung ftrebenbe Seiterbilbung unb 
enblicb eine halb langfamere, halb rafdjere 3)egorganifation, melcbe bag ©ebilbe 
auftöft unb bie Vrobutte feiner Vernichtung toieber alg eine öuelle beg Se- 
beng für neue ßörper oerroertbet, mobur<b, tote Sie big fo treffenb fagt, „ber 
2ob, bie oöllige Auflöfung einer untergegangenen ©eneration, bie Quelle beg 
Sebeng für eine neue mirb." — 

2)ag ^erleben fleht ung am ndcbften; immer unb überall finb mir um¬ 
geben oon ben belebten Sefen, melcbe beg £ageg Saft unb 2JWbe fo reblicb 
mit ung tbeilen, ung ernähren, fleiben unb bie Stunben erheitern, 3m 
^erleben finben mir bie ftärtften ©egenfäfce; mäbrenb mir bei ben einen bie 
Iiebengmürbigfte Sorge für ihre Spröfjlinge gemabren, fehen mir hingegen bei 
ben anberen, mie fie ihre eigene Vrut auffreffen unb oerniebten; unb mdbrenb 
mir beim einen ^^iere eine feltene Vegabung erlernten, fc^leppt bag anbere in 
trdgem Stumpffinne fein anfebeinenb jmedlofei $afein bahin. Unb fo tönnten 
mir bie ©egenfäße meiter führen; aber menben mir ung oom Allgemeinen 
jum Vefonbern. — 

©ine ganj befonbere Gigentbümlicblett finben mir bei allen, unb am ent- 
fdjiebenften, meil am leiebteften erfennbar, auggefproeben bei ben höher unb 
oollfommener organifirten X^ieren, melcbe barin befiehl, ba| bag $bie*augc 
ben febarfen unb forfebenben Vlid beg 2Jtenf<ben nicht ju ertragen bermag, 
uttb menn bag Auge beg j^errn ber Schöpfung* in bag beg $biereg anbal* 
tenb blidt, bag £biet unruhig unb bedngftigt mirb. Von biefer intereffanten 
©rfebeinung, melcbe ihren ©runb mohl gumeift in ber ©nergie beg Vlideg, 
melcbe ja auch ben 2Jtenf<ben jumeilen in Verlegenheit bringt, ju haben febeint, 
fagt Verth. Auerbach in feinem „Varfüfjle" ganj treffenb: „flein Xbier fuebt 
unb oertrdgt ben anhaltenben 2Jtenf<benbficf; nur bem £unbe febeint bag ge¬ 
geben, aber auch fein Auge judt halb unb er blinjelt gern aug ber gerne." 

5)ie geiftige $errf<baft beg Vtenfcben über bag $bier, melcbe ficb beutlicb 
genug im Spiegel feiner Seele, im Auge, offenbart unb aug feinem 3nnem 
heraugtritt, imponirt bem Xhiere unb macht eg febeu unb furebtfam. 

Unb boeb fpri$t bgg. Sbierauge, nicht minber alg bag beg Vlenfcben, 


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T 



269 


feine Vegabung, feine gähigleiten aus. SBen ^dtte noch ni$t bic ©fah* 
tung gelehrt, baß jtoet in ihrem Habitus oft ganz gleite Hunbe höchft berfchie* 
ben in bet Slrt unb ffieife ihrer Untertreibungen, ihrer Suffaffungen, ihrer 
Verrichtungen finb ? Unb toer hätte nicht fhon baS in ihren ?PhPfiognomieen 
wahrgenommen, nach beffen Verfdjiebenheit man # bumme* unb „gefheite" 
Spiere im gewöhnlichen Sehen unterfheibet ? $aS SBort w 3nftinft J> , mit 
welchem man thatfdcbHc^e Sleußerungen Der boUlommeneren Spiere bezeichnet, 
bie entweber in unmittelbarer Beziehung ju ihrer SebenSerhaltung ober in 
toohlbebachter SBechfelwirfung mit anberen unb höheren 3^eden flehen, erTlärt 
an unb für ft<b nichts, benn eS bezeichnet nur ein£ innere Anregung, einen 
rätselhaften 3mpulS, welcher b«S 3:t?icr zur Verrichtung ober Unterlaffung 
gewiffer $inge antreibt. 

$iefe innere Anregung, biefer $rieb ift, infofern er auf bie Erhaltung 
bei XhierinbioibuumS abzielt, allen gieren gemein, ber höhere £rieb, ber 
flunfttrieb, aber berhältnißmäßig nur einer geringen Slnjahl, jeboch meift in fo 
Wunberbarer SBcife, baß wir immer wieber ftaunenb nach jenem eigentbümlu« 
<hen 3mpul[e jurüdfehauen muffen. 

2>iefe flunfttriebe finb eS, welche uns ben lehtreicbflen unb intereffanteften 
©nblid in baS ^erleben werfen laffen unb uns bie ^hiere, welche in fo un« 
enblich bielfachen ^Beziehungen ju unferem Sehen flehen, noch näher flellen. 

Äber auf allen Söegen begegnen wir zahlreichen Kämpfen, unb felbfl baS 
Üeinfte unb anfebeinenb ruhigfle gamtlienlebcn wirb bielfach burchflürmt bon 
ben rohen StuSbrüdjen ber Seibenfchaft. 

$ie Vienen bilben in ihren Stöden einen eigenen Staat. 3ahlrei<be 
Müßiggänger, bie Drohnen (800—1000), nähren ft<h bon bem gleiße unb 
ber rührigen £hätigleit gefchäfttger Slrbeitsbienen (15,000—30,000), welche* 
bte lleinften bon allen.finb unb beren Hinterbeine an ben Scßienbeinchen nach 
außen ber Sänge nach auSgehöhlt unb mit langen Haaren betleibet finb, wo« 
burch mit ber Höhung baS fogenannte „fiörbchen" entfteht, währenb baS erfte 
©lieb ber Hinterfüße fehr berlängert unb an feiner inneren Seite mit mehreren 
Ouerreißen bon Haaren befept ifl unb fo bie „Vfirfte 11 bilbet. Mit biefer 
fheifen fie ben Viüthenftaub bon ben Staubbeuteln ber Vlütßen ab unb tragen 
ihn in ihrem Äörbcßen nach Haufe, wo er bann entweber als Habrung fogleith 
berzehrt ober für fpäteihin aufbewahrt wirb. 

$en fionigfaft faugen bie fleißigen Arbeiter aus ben Vlütßen berfeßiebe* 
ster ©ewäcbfe ein, berarbeiten ihn bann in ihrem Vormagen zu H°nig Unb 
ffiachS, unb geben ben (Srfteren burch Erbrechen wieber bon fich, währenb ba$ 
Sejjtere in lleinen Täfelchen zwifeßen ben Hingen beS Hinterleibes auSfcßwifct. 

Hber bie Müßiggänger freuen fleh nicht lange ihres behäbigen 2)afeinS. 
3m Hrrbfle werben fie, bie SJroßnen, in einem großen flampfe, in ber 25roh« 
nenfchlacht, bon ben fleißigen Arbeitern getöbtet unb aus bem Stode geworfen, 
unb auch bie H cr rf<haft ber Königin, auch SBeifel genannt, neigt (ich jurn 6nbe, 
Wenn ihre Hioalinnen im Slnzuge [mb. Hoch $ße neue Äönißinnen im Stode 





Goog 



270 


Auftreten, berldpt ble alte Königin ihre Bepbenj, unb ba aut fic unter ihrem 
^olfe Pt Spmpathieen erworben, ftliepen pt ihr, bei ihrem Hb|uge, 
treue Untertanen an* 2>ie neuen, jungen Königinnen aber geraten unter 
{ich felbft in £errftaft*fheitigfeiten; e* entftebt im Stode eine lebhafte Bewe¬ 
gung, weite pt aut ben übrigen Bienen mittheilt, unb bie al* Gnbrefultat 
immer ben Slbjug einzelner mit einem Anhänge jur geige hat. S)ie Sie» 
nenjütter erfennen biefe SRenolution fton lange borher an bem lauten Sum« 
men im Stode, «futen bann, ba fit hierbei bie dienen meiften* auf nahe ge« 
(egenen Räumen nieberlaffen, fte }u bewegen, fit in bereit gehaltene neue 
Bienentörbe ju begebet^ unb erhalten fo bon einem Stode jdhrlit brei bi* 
hier Stwärme. 

©ne weit frieblitere Bereinigung befiehl unter ben Stmeifen, weite eben« 
fall* gefeUig in hohlen Bäumen, unter Steinen, ober aut in eigenen Bauen, 
ben fogenannten Slmeifenhaufen, leben, bie bon ihren tätigen Arbeitern au* 
$oljfplittern, Sittennabeln, £arjftüdten unb ©be gebaut unb bon benen au* 
eigen* gebahnte SBege angelegt werben. 2ttan tann, wenn man fit borfittig 
ben Wohnungen ber ftmeifen ndhert unb ihre Bertehr*ftrapen beobattet, ihre 
eilige ©eftäftigleit wahmehmen unb fieht bann, wie fie, wenn in ihre Bahnen 
frembe Köiper hineingefallen pnb, pt abmühen, oiefelben $u entfernen unb bie 
Baffage wieber frei *u maten. 3)er Saft, ben pe in 3eiten ber ©efahr, bei 
frember Berührung u. f. w. au*ipripen, ift bie befannte Umeifenfäure, weite 
auf ber £aut ein borübergehenbe* Süden erregt, unb in ber STOebijin in ber 
gorm einer weingeiftigen Söfung äuperlite Slnwenbung pnbet* 2)iefelbe 
Hmeifenfäure hat bie SBiffenftaft aut in ben gittennabeln unb in*befonbere 
aut in ben Brennneffeln gefunben, weite Sefctere baher bei ber Berührung, 
Woburt ber fpipe unb patelige Stlup eine* Keinen Kanal* abgebroten 
wirb, bie bekannte ftmerjhafte ©nppnbung burt bie Slbfteibung biefer 
Säure berurfaten. SBa* man fälftlit im gewöhnliteu Sehen Slmeifeneier 
nennt, pnb bie Buppen, weite täglit Pon ben Slrbeitern an bie Sonne unb 
Wieber *urüd in ben Bau getragen werben, wie man ba* gar bäupg beobatten 
fann. Ohne e* oerbürgen *u lönnen, fügen wir not bei, bap man Pt bon 
förmliten ©ftürmungen einjelner Slmeifenburgen burt anbere crjählt, wo 
bann ber Sieger pt ber barin bepnbiiten Saroen unb Buppen bemättigt unb 
biefelben in ben eigenen Bau al* Beute fortftleppt. Belanntlit pnb bie fo« 
genannten Hmeifeneier, weite alfo bie Bnppen pnb, ein beliebte* gutter für 
infettenfreffenbe Singoögel, befonber* für Stottigallen. 

Hehnlite überraftenbe Kunfttriebe, wie wir pe eben erjählten, pnben 
Wir not bei mehreren anberen Stieren, unb wir erinnern hier nur beifpiel*« 
weife au ben 2Bohnung*bau ber Biber, weiter au* Stangen, Beiferwerl, 
Stüfr mit Stlamm unb ©be berbunben, errübtet wirb unb in ber SMehrjabl 
ber gdüe bie ©eftalt eine* Badofen* bepfct; an bie fünfKiten Hefter ber 2Be*« 
pen, weite oft ©epalt unb ©röpc eine* Kürbi* erreiten, nat aupen bon meb* 
reren concentriften Sagen grauliter Blätter umgeben pnb, innen aber jehn 


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271 


big fünf$ehn, wie Stodwerfe übev einanber fiegenbe Waben enthalten, welche 
aug mehreren giifammenhängenben fechgedigen Kammern ober 3eßen befteheu 
unb ju Wohnungen für bie SBrut bienen; ben löfcbpapierähnlicben Stoff hierju 
bereiten fte bureb bag 3«rfauen feiner #otjfplitter unb Stermifchung ber* 
feiben mit einem fiebrigen, bon ihnen auggefonberten Saft; enblich erinnern 
wir no<b an bie gewöhnlichen Stefter unfern IBögel, für bie im Allgemeinen 
bie Stegei gilt, bajj fte um fo tunftboüer gebaut, je Heiner bie. beflügelten SBau» 
leute ftitb, unb bafi bie munteren £biercben fi<b gang wohlbewanbert in 
unferen Lehrbüchern ber $hhPf zeigen, ba fte genau gwifeben guten unb fcblech» 
ten Wärmeleitern unterfebeiben. 93ei bem ®au ihrer Heftchen nämlich/ wo 
eg oorgüglicb barauf anfommt, bie Wärme für bie jungen $bier<ben gufammen» 
guhalten, wählen fte gebern, ©rag, Stoog unb berglehhen ©egenftänbe, Welche, 
wie wir aug ber SßhPftt wiffen, bie fcblccbteften Wärmeleiter, mithin am beften 
geeignet ftnb, warm gu halten. 

Stiebt minber intereffant unb mertwürbig alg bie genannte ift eine ©ruppe 
bon gieren, welche alg $arafiten ober Schmaropertbiere befannt ftnb unb eine 
Oueüe ber mannigfaltigen unb tiefften Leiben hüben, benn eg giebt wohl 
faum ein Shier, bag nicht bon biefen böfen geinben heimgejucht würbe, unb 
eg ift auch faft fein Äörpertheil, ben ftch bie Argen nicht gur Wohnung aug« 
Wählen. 

Unter bie bartbebrängteften Spiere gehört unfheitig bag ftiüe, gebulbige 
Schaf, gn feiner Luftröhre ftnbet ftch oft Humpenweife ber fogenannte Schaf» 
wurm, welcher bei ihm ben befannten Schafhuften erzeugt. 3n bem ©ehirn 
ber Schafe fchmaropt ferner nicht feiten ber 5)rebwum, welcher bie töotliche 
®rehfranfheit berfelben berurfacht, wobei ftch bag arme Xhier immer nach ber 
ber örtlichen Lage beg 3)rehwurmeg entgegengefepten Seite hin breht. Auch 
ber Lebereget erzeugt ftch befonberg in ber Leber ber Schafe, wenn fte auf 
feuchten Triften gemeibet werben, unb führt bureb bag 3erfreffen biefeg Organeg 
ben qualoollen £ob beg Xhiereg herbei. Auch bon ber 3ede ober bem £olg* 
bode, welcher in ©ebüfehen lebt unb ftch auf borübergehenbe Xhiere herabfaüen 
lägt unb ber, inbem er ftch feft in bie $aut einfaugt, oft hunbert Stal bider 
wirb, alg er urfprünglich war, wirb bag Schaf arg gequält. 

Sticht minber hart wirb bon ben $araftten bag ohnehin nicht beneibeng* 
mertbe Loog beg $ferbeg geftaltet, benn bie befannte $ferbebreme legt ihre 
@ier burch eine röhrenförmige IBorrichtung — bie fogenannte* Legeröhre — 
welche in eine Angel augläuft, gwifeben bie ©eine berfelben, wo fte bann bon 
ben ©f erben, welche ftch, wenn fte geflogen ftnb, abguleden pflegen, abgeledt 
unb fo in bie Stunbhöhle gebracht werben. $te Wärme unb geuebtigteit in 
ber Lefcteren hübet ein günftigeg Moment für bqg Auotriechen ber Laroen aug 
bem ©, unb biefe wanbert bann mit bem gutter in ben Stagen ober arbeitet 
ftch felbft bahin. S)ort angetangt, heftet fte. ftch mit ihren gmei Stunbhätcben 
an bie innere Stagenhaut an, beren Abfonberung ihr nun gur Stahrung bient. 
Später werben fte mit ben ©ytremen beg Xhteteg entleert, gelangen fo in bie 


8 



drbe, wo fie fuh berpuppen, unb and ber ©uppe tommt na$ furjet 3 «t bie 
©«me hetbor. 

(Sin ©leiche« gilt bon bet Däfenbreme unb bet S<hafbreme, welche ihre 
©et in bie Bafenlöcber bet Strafe legt, unb bie au«fcblüpfenben Sarben triecben 
bon frier in bie Stirnhöhle. £ier foden fie bann gleichfall«, wie wir beim 
Srebwurm bereite angeführt haben, bie Srebfranlheit erjeugen; aber fie toirb 
wohl wett öfter burch Sefcteren herootgerufen. 

Huch bie Sbiere, welche beftänbig im SBaffet leben, fmb nicht frei bon 
quäfenben ©arafiten, unb hier finb e$ meiften« bie Aiemen, welche ben Schma* 
rohem ju Hngriff«punttcn bieuen. 3m HUgemeinen fmb e« bi« Säufe, 
welche, mit Saugwerfjeugen au«gerüßet, al« ©arafiien auftreten unb burch bie 
Slutentjiehung in bielen gäüen be« Shieteö Sob hetbeifühten. 

Hber felbß ber SBenfcb ift nicht frei bpn parafttifchen Eingriffen. Sie 
ftereotpp geworbenen Schmarofcer, welche bor$ug«wetfe ba« §aupt ald ffiohnung 
ftcb etloren, tönnen wir wohl bi** unetwäbnt lajfen; fie fmb htnreichenb be* 
tonnt. Huch ben ©anbwurm unb feine ©ttßebung«art bürfen wir at£ betannt 
borauöfeben. 

Sie Ärdbmilbe ift bie Urfache ber Arä|e. Siefe« mifro«!opifcbe Sbierdjen, 
flbilbtrötenförmig, feft, mit einem beweglichen, bortretenben Aopfe, mit turjen, 
röthlichm ©einen, bohrt ftch bei Sftenfcbeit in bie gureben ber Oberhaut ein 
unb grdbt ß<b barunter haarfeine Äauäle, welche in eine Aräfcblafe enbigen. 
Sehr febarfe Hugen fmb im Stanbe, biefe Silben auch ohne ©ergtöperung«* 
gla« in ihren feinen ©ängen wabrjunebmen. 

©n arge« Sbie*# «ne furchtbare ©läge ber SBenfchen, ift ber SMebina* 
wurm, welcher ftch in ben Sropenlänbern unter ber £aut bei SBenfchen bot* 
ßnbet, namentlich an ben ©einen, wo er bann oft 10—30 gu& lang wirb 
unb bie Side einer Sarmfaite erlangt. (Sr wirb auf bie SBeife entfernt, bah 
er langfam au« ber $aut h^toorge^ogen unb behutfam auf ein Stäbchen 
gewunben wirb, um fein Hbrei&en $u uerhüten. 

Huber biefen Sbieren, welche 3 U ben ©ttojoen ober ©ngemeibewürment 
gehören, erwähnen wir noch be« Hugenfabenmurrae«, welcher bie Sinfentopfet 
be« menfcblichen Huge« bewohnt unb böllige (Srblinbung h«theiführt; be« ©eit* 
fchenwurme«, welcher im Sietbarme ber SBenfchen lebt, mit langem, baarför« 
tnigem ©orbertheile; unb enblieb ber Spulwürmer, welche fleh int Sünnbarme 
ber SBenfchen, ganj befonber« bei Ainbem, borfinben unb leicht bur$ eine 
Reibe bon äBurmmitteln abgetrieben werben tönnen. 

Sonberhar! Ser Aampf, ben ba« Sbier um feine Stiften) ununterbrochen 
führt, ift unbebingt nöthig jur Erhaltung be« ©anjen. $ier ift ber geinb, — 
unb bort rüften fleh taufenb Streiter, ihn }u hetdmpfen. Sem ©ergehen iß 
aber fein ©erluft, fein ©erfchwinben in Sticht«, beim ber Sab iß bie OueKt 
be« Sehen« für neue ffiefen. 


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278 


Ucro-lJoTkcr (Eorrcfpoiibntj. 

Wem»2)ott, im gebntar. ©in SRot^ruf, ber mich fo tief ergriffen 
hat, bah ich, um ben ©efühlen meines £erjenS Suft §u machen, ihn an bie 
©pi&e biefer Gorrefponbenj ftede, bringt über ^hüabelphia aus bem ©üben beS 
beutf^en VaterlanbeS 311 uns, unb jwar bureb Vermittlung eines ber häuften 
3Wenf<benfreunbe, beS SoltorS Siebemann. SheoborSWogtingiftwahn* 
finnig! (Sr befinbet ft<b im grrenhauS! 2Bie mag er »ahnfinnig geworben 
fein ? SEelcbe SHäcbte mögen biefen febönen ©eift 3 errüttet haben ? 3<b »eih 
eS nicht, boeb ahne i(h eS, unb meine Ahnung ftujjt ftd? auf bie »eiteren Üttit* 
Teilungen beS Siebemann’fcben ©entfcbreibenS an bie Seutf<b*3ltüerifaner # 
Sie grau beS Unglüdli^en hat ft<b an bie politifchen greunbf WtöglingS ge* 
»enbet; fte haben 2MeS Perfprocben, aber Wichts gethan. ©eebshunbert ©ul* 
ben jdhrli(h fmb 311 feinem Unterhalt in ber £ei(anftalt, welche ihm allein 
©enefung bringen fann, erforberlid?. 5tber biefe feebshunbert ©ulben ftnb im 
groben beutf<ben Vaterlanbe nicht aufjubringen. ©r hat als braoer gamilien* 
Pater fein Sehen jurn Vetrag bon 10,000 granfen berfichert, eS müffen bafür 
115 granfen oierteljährlicb gega^It »erben, unb au(b an biefem ©elbe fehlt eS. 
©ein Meines ©ehöft hat oertauft »erben müffen, »eil baS barauf ruhenbe 
Kapital gefünbigt »urbe. ©eine grau befifct mit ihrem fltnbe nur nod? etwas 
SDetfjeug unb einige ÜJlobilien; alles Uebrige ift fort. SaS flinb, ein piel* 
Perfprechenber Sohn, muh er 3 ogen »erben; eS fehlen bie Mittel ba$u. können 
Wir nicht bert Slbgrunb ahnen, her hinter allen biefen nadten Shatfadjen liegt? 
©in SKann, ber bem Vaterlanbe WlleS gegeben, »aS er ihm geben fonnte, ein 
SWann, beffen Warnen felbft feine.geinbe nie anberS als mit hhet Sichtung 
nennen, fann in Unglüd unb ©lenb pertommen, ohne bah Sie, für »eiche er 
gekritten unb gelitten, nur eine £anb 3 U feiner Weitung auSftreden. üffiohl 
ergeht an fte eine ernfte SDtahnung; fie Perfprechen, aber fie halten nicht. SEBaS 
SWögling je$t — San! ber Wacht, bie, hoffentlich nur porübergehenb, feinen 
©eift umhüÄ — nicht emppnben tann, baS hat er ohne S^rifel empfunben 
als biefer ©eift noch im Sichte lebte. Wicht nur 3*rttümmerung ber Sbeale, fon» 
bem auch ein Volt, welches biefe 3beale Perleugnet unb ben neuen ©öfcen 
nachrennt, ein Volf, »elcheS auf ben fchönften Sheil feiner ©efchi<hte mit Van» 
gen, »enn nicht mit Scham 3 urüdblidt — mit Vangen bei bem ©ebanten, bah 
baS, »öS einmal ber ©eift ber SEBelt erfdjuf, er nochmals erfchaffen fann, mit 
Scham, nicht »eil bamals baS gbeal nicht erreicht »urbe, fonbern »eit man 
ibm'nachftrebte; ein Volt, welches fich nidjt bureb einen alten Veteranen baran 
erinnern laffen »iH, bah es einft für bie greibeit gefämpft hat unb ihr jefct un* 
treu geworben ift. SaS WUeS hat SWögling gefehen unb empfunben, unb ba 
tonnen wir uns nicht »unbem, »enn er »ahnftnnig geworben, ©eine grau 
hat jefct an £errn Siebemann gefebrieben; biefer that unoerjüjEcb »aS in 
feinen flräften ftanb, unb forbert bie Seutf(b*2lmeri!aner auf, baS Uebrige 3 U 
thun. $ülfe muh f 0 f 0 r t gefchaffen, bie grau muh in ben ©tanb gefefct 



274 


»erben, ben Unterst ib»eS Sotten im grtenbaufe gn befreiten, bie Bebens« 
BerftcberungSpolice in Äraft gu halten unb ihr Äinb fo ergieben gu (affen, wie 
e3 im Blanc beS BaterS lag. Sßer etwas für ben übrig hat, fenbe eS 
an ben Softor Lebemann in Sßbilabelpbia, welcher es weiter beförbern unb 
öffentlich Dtecbenfchaft barüber oblegen wirb* Slu&erbem aber muh ftch ein 
2Jtögling*Berein organifiren, welcher fürbauernbe Slbhülfe forgt. 9)t 5 g * 
(ings Sohn muh von ben Seutfcb*2lmeritaiiern aboptirt 
»erben. ^SBenn unfer greunb — fchreibt Siebemann — bann einen lichten 
Slugenblid hat unb man tbeilt ihm mit, bab feine gteunbe in Slmerita für fein 
Ainb forgen wollen, wäre baS nicht eine greube, bie wir bem alten gelben, ber 
auS ber (laffifcfcften SRömergeit gu uns übergegangen fcheint, bereiten foHten?* 
Sarf ich ber Schönheit biefcS ©cbanlenS etwas hingufügen, fo fei eS bie 
Slnbeutung, t&b möglichermcife folche Sbat ber Seutfcb»Slmeritaner ben 
Seift wieber heilen fönnte, welcher burdj entgegengefe&tc Erfahrungen trau! 
geworben, üBir fuib £>errn Siebemann San! bafür fdjulbig, bab er fich ver* 
trauenSooÜ an uns, bie Seutfcben in SImerifa, gewenbet hat. ES liegt uns 
ab, gu geigen, bab bpS beutfche £erg in 2Imerifa wärmer fchlägt, bab bie beutfche 
Siebe hier inniger glüht, bab bie beutfche Sreue hier weniger eine alle, abgelebte 
Sage ift, bab bie Seutfcben hier weniger entartet fmb, als in Seutfdjlanb 
felbft. Sen tiefften Schmerg, ben lebhafteren Unwillen müffen wir aber bar« 
über empfinben, bab ein folcher $ülferuf notbroenbig gefunben würbe, bgb bie 
grau eines ber ebelften beutfchen ÜJtänner «fpülfe jenfeitS beS OceanS fuchen 
mubte, »eil ÜRiemanb brüben ber heiligen Pflicht eingebent war. gn Selb* 
fachen barf wohl bie Semütblicbleü, aber benn boch wahrhaftig nicht bie Ehre 
unb Wechtfchaffenheit aufhören, unb ehrlos, gemein ift eS, Zögling in einem 
SBahnfmn bertommen gu laffen, ben man felbft perfchulbet. 

Unb fe&t, nachbem ich mich beffen entlebigt, was mir am meiften baS £erg 
bebrüdte, gu meinem 9tew«?)orter (Referat, welches auch leine befouberS rofige 
gärbung tragen wirb, geh tann mich beS SebanlenS nicht entfchlagen, bab im 
Srunbe genommen mehr monarchiicheS als republitanifcheS (BUir burch bie 
Slbem biefer Metropole rollt. Sie Ungezogenheiten unb glegeleien ber Freiheit 
ftnb h^r im oollften SJtabe entwicfelt, nicht aber ihre Sugeuben. Ser febmuftige 
Schaum ift im Ueberflub oorhanben; ben eblen, burch ben Sährungsprogeb 
geläuterten 2Bein gu entbeden, ift aber nicht leicht. Sie Seit, welche feit ber 
Slbfaffung meines lebten Briefes oerfloffen, wirb jebem Bürger 9iew*?)ortS uub 
ber Umgegenb in Erinnerung bleiben. Sem, welcher nie hier war, einen Be« 
griff oon ben 3Hühfelig!eiten unb Seiben, mit welchen wir gu tämpfeu hatten, 
beibringen gu wollen, möchte oergeblicb fein, benn begleichen mub mau erlebt 
haben, um eS würbigen gu tönnen. Slber ehenfo wenig liebe ftch bie ftumpfe 
IRefignation fchilbern, mit welcher bie Beoollerung felbft baS Ungeheuerftc er* 
trägt. SieJpgablt ihr fchwereS Selb für bie Sttabenreinigung, watet aber in 
bem tröfteuben Bewubtfein, bab eS ftch eben nicht änbern läßt, burch einen 
ftotb, in bem man bis ans Änie oerfintt unb ber eS grauen wochenlang pofitin 


m. 






] 


unmöglich macht, ftch au« bem #aufe su tragen. Sltlerbing« würbe gebrummt; 
aber bie« innerliche ©aifonniren läjjt fiep burep Argumente befepwiebtigen wie 
fie nur bem befepränfteften Untertpanenoerftanbe geboten werben fönnen. So 
(agt derjenige, welcher gegenwärtig bie Pflicht bat, bie Straben gu reinigen: 
„34 fann unmögli4 etwa« tbun, benn ber Gontraft, ben icb übernommen, ift 
ein Grgeugnib ber Gorruption unb läbt ftch non einem eprli4en Spanne in fol* 
4er gotm nicht gur 3lu«fübrung bringen." $er gute ©tann besieht regcl* 
mäjjig fein Gelb auf Grunb biefe« Gontratte«; aber bie Slrbeii bafür gu leifteit, 
ba« verbietet ihm fein begriff non Gpre unb bürgertiefeer Sugeno. Slbcr ein 
no4 triftigere« Argument ftebt ihm gur Verfügung. Gr bat ben ©ertrag oon 
einem Slnbem fäuflidh erftanben für eine Summe bon 250,000 £balern, unb 
ba man bon einem bernünftigen Slmerifaner bo4 nicht erwarten tann, bafj er 
ein fd?!e4te« Gef4äft mache, fo ift c« feine moralifebe Pflicht , 1 * ben flaufprei« 
baburch wieber eingubringen, bab er ft<b für eine entfprechcnbe 3eit jeglicher 
fieiftung enthält. ©un bente man Sie ftch aber, wie eine ber reiebften Gommünen 
ber SBelt nicht im Stanbe ift, einer folgen Schurferei gu begegnen, wie e« 
feine ©epörte giebt, welche folgen ©etrug unb Siebftapl abnbet, unb wie ba« 
©olf in bem ©ewubtfeiu, bab eine folcbe nicht borhanben, ftch bem Sitten ruhig 
fügt! 2)er Ginflub folcher 3uftänbe auf bie öffentliche SRoral läbt fich fehr 
leicht nachweifen. $er eine 64mufc bringt ben anbern herbor. G« werben 
fi4erli<h ba weniger ©erbre4en unb Gemeinheiten begangen, wo SllTe« hübfeh 
fauber ift. SBober foUte e« fonft gum ©eifpiel tommen, bab im Gentralparf ftch 
felbft ber ©opefte anftänbig benimmt ? 3)ic faubere Umgebung forbert ihn 
einfach fiitlfchweigenb bagu auf, appellirt gewaltfam an ba« fittliche Gefühl, 
welche« überall borhanben ift unb nur gemedt gu werben braucht. Unter 
ber gangen ©eoölferung läbt ftch bie burch bie ©erwahrlofung ber Straben unb 
anbere ©tibbräuche perüorgebra4te S)emoralifation beutlich berfolgen. G« 
fommt ihr nach unb nach ber ©tabftab be« Sehnlichen unb Grlaubten ootU 
jtänbig abhanben. 2Ba« anber«wo Gntfefeen erregt, ba« macht hier feinen 
Ginbrucf, unb faft tbut man ftch etwa« barauf gugute. gür ba«, wa« biefem 
©olfe geboten werben fann, brauche i4 nur .noch e i n ©eifpiel angufübren. 2)ie 
2egi«latur in Sllbanp fepiette eine Gommiffton hierher, um bie ©erwaltung ber 
gäpren, welche ebenfo wohl wie ber 3«ftanb ber Straben jeber ©efdjreibung 
fpottet, $u unterfuchen. ©er biefer Gommiffion erfebeint ber Gigenthümer ber 
SBeepamten-gäbre unb antwortet auf ba« ©orbalten, bab er Schafe in bie 
Äajüte ber ©affagtere habe treiben laffen: ba« fei afleroing« ber gaH, aber 
bie 3* u 9* n hätten oergeffen, pingugufügen, bab «ach immer ©aurn genug für bie 
©affagiere übrig geblieben, unb ihm fepeiue e« praftifeper, ben ©aum für bie 
©eförberung non ©icp gu Pensen, a \$ j ccr j U t Q |jen. Gine folcpe Slnma* 
buitg, welche bem &erl ben augenblidli4en ©erluft ber Gonceffton patte foften 
follen, erregte fo wenig fittliche Gntrüftung, bab bie 3*itungen fte pflieptfebul* 
bigft mittpeilten opne auch nur ein SBort be« Gommentar« baran gu fnüpfen. 
Unb wie tann man fich über folcbe Unoerfchämtpcit wunbern, wenn bie Gom« 
f v 1 


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miffion ftt in Broollpn mehrere Sage aufhielt, ohne baB ftt ton bcn £unbert* 
taufenben, melte unter bem SftiBbraut be« 5ähr*3Ronopol« gelitten, ein 
Geiger $ur ßlage einftetlte, fo baB nur bie auSfagen ber SDlonopoliften unb 
ihrer Slngefteflten $u SPcototoCl genommen mürben! könnte man ftt mohl 
belfere Untertanen beulen ? 

G« fehlt in 5ftem*2)orf überhaupt nitt an Glementen, au« melden fit 
trefflit eine SDlufler*3Jlonar^ic nat preuBiftem ober franjöftftem Stnitt bil* 
ben liege. Gine« ber £auptbeftanbtheile berfelben, bie brutale Polizei, ift fton 
in optima forma borhanben, unb ba« haben mir namentlich erfahren feit 
ba« fogenannte Gycifes®efcfc für fonftitutioneU erllärt morben ift. S)ie poli$ei 
gefällt ftt förmlich barin, bie« ©efep ju lleinliten Getanen §u tniBbraudjen, 
mie folte taui| in Sonbon, Pari« ober 6t. Petersburg geftattet fein mürben* 
Bürger, melte ba« ©efe& nitt einmal berieft, merben auf bie Befcpulbigung, 
bie« getban ju haben, beim fragen genommen, unb mie man fte eben finbet, 
im 6«hlafro(f, in $embSärmeln ober Pantoffeln, am hellen 2age burt bie 
6traBen gefchleppt, in ©efellftaft bon gemeinen Spi&buben über Statt gefan« 
gen gehalten, bom Poli$eiritter pöbelhaft gerüffelt unb alSbann gegen Bürg* 
ftaft entlaffen ober mieber in« ©efdngnig jurüefgeführt. G« tann Ginem leib 
thun, biefelte Pofyei, melte in Jenen ftredenSboüen Sulitagen burch ihren 
$elbenntijth 9tem*2)orl gerettet, jeft bon biefer Seite tennen ju lernen; aber 
" 3nbolenj auf ber einen gebiert Brutalität auf ber anbern Seite, unb e« lögt 
fit ftmer abfehen, ma« barau« merben fofl. 

i Jlber it habe bie Sefer mohl fton $u lange bon ber Serfunfenheit Stern* 
Dort« unterhalten, unb e« ift an ber Seit, auf anbere ©egenftänbe überjugehen. 
auf bem ©ebiete ber fiunft begegnen mir juerft einer betrübenben, bann einer 
erfreulichen Grfteinung. am 2baiia*2beater hing eine« Sage« ber bebeu* 
tung«boüe 3ettel: To let. Sie Bühne ber gebifbeten 2>eutften par ex- 
cellence ift ju ©runbe gegangen, meil fte bon ber fogenannten Sntelligenj, 
melche bie Safte boH ©elb, aber teineSmeg« ©eift unb #erj am retten ftled 
hat, nitt hinreitenb unterftüft mürbe. Statbem bie lange borau«gefehene 
flataftrophe erfolgt mar, ftämte man fit unb mollte alle« mieber gut maten. 
$errn £ärting unb feiner Sruppe mürbe ju berftehen gegeben, baB man ihrer 
burtau« bebürfe, unb e« mürbe eine SubffriptionSlifte in Umlauf gefeft, 
melte ben gortbeftanb unb ba« SBieberaufleben be« Unternehmen« fitem füllte. 
SRante ber erften beutften flaufleute jeitneten gar hübftc Beträge, unb e« 
ftanben SDtänner an ber Spife, bereu flunft* unb ©emeinfmn nitt in Jrage 
gejtetlt merben !ann. aber e« mar ju fpät; leitter ift e«, ein Unternehmen 
ruiniren, al« e« mieber emporblühen ju laffen, unb nitt leitt mirb fit 
3emanb mieber auf bie Berfpretungen ber beutften 3nteHigen$ Stem-fjorf« 
ucrlaffen. 

2)a« erfreulite Spmptom, auf melte« it obenhinmie«, ift jmar negativer 
art, aber barum nitt minber beattenSmerth. Ser bisherige Siebling ber 
ameritaner, Gbmin Boöth, genügt ihnen nitt mehr. GS geht bie« au« allen 


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277 


6 


Äritilen bet anglo*amerifanifcben treffe über feine Seifhmg als Sfeplod her« 
bor. SJton finbei, bafe et übertreibt, bafe er nicht recht in ben ©ei|t ber SRoHe 
eingebrungen ift, bafe er Sbafejpeare’S Sntentionen nicht oerftefet, bafe er nicht 
genug ftubirt. 2Bie tann man fi$ bieS ertldren ? Stur baburcb, bah bie SIme« 
ritaner 93effere& gefefeen, bah ihre Slnfprütbe fich gefteigert, ba& ihr ©efdjmad 
fleh entwidelt bat. SJtan gewahrt barin ben ©influfe 33ogumil 2) a w i* 
f o n 3 unb lommt gu ber Uebergeugung, ba& biefer nicht nur etwa« aus Slme* 
rifa mit fuh fortnebmen, fonbem auch etwas nicht minber StbäpbareS barin 
gucüdlaflen wirb, bafe er in ber £bat einen tiefen ©inbrud gemacht unb einer 
bejfern ©efcfemadSricfetung bie 93abn gebrochen bat. 

Stowifow wirb Jetjt wieber im Stabttfeeater auftreten unb bort, unter ben 
Arbeitern, ftcberltcb bie Pollen $dufer finben, welche ihm bei ben *©ebilbcten il 
fehlten. 3* fcfedfce ben Zünftler gu febr unb ftette ihn gu bo<h, als bafe ich 
fürchten tonnte, eS fei ben Söaltimorern gelungen, ihn gu Perberben, obgleich 
man ftch bort alle m5glid?e 3Jtübe gab, bieS gu tbun. üDian lonnte nicht genug 
bie hohe ©b t e berpoebeben, welche er ^Baltimore burch feinen 23efucb er* 
wies, unb geigte er ftch wie ein gewbbnlicber Sterblicher, fo war man entgüdt 
über feine ^erablaffung. 3« einer bei feinem ©mpfang gehaltenen 
Siebe btö eS: w 3bt Stuf als grd fit er SDtime, als b*t»ort age nb* 
ft er 23übnen!ünftler auf beiben ^emtfpbüren ift 3bnen 
Idngft borangegangen. Unb obgleich wir beute baS grobe Vergnügen 
haben, Sie PonSlngeficbt § u ä n g e f i <b t gu feben, (o fmb wir ein« 
anber nicht gdnglich fremb. 3bw erftaunlicben Seiftungen als ©baraf* 
terbarfteller auf ben ^Brettern, welche bie 2Belt bebeuten, haben einen beilfamen 
©influfe auf bie lulturbiftorifeben Serbältniffe ber« 
jenigen 55511er geübt, welche ©elegenbeit batten, 3bw SÄeifter« 
f <haf t gu bewunbern. ütttoge baber 3bte Slnwefenbeit hier in 33al* 
timore in ^Betreff unferer Theater« unb flulturberbdltniffe als ein 2R e i l e n* 
ft e i n betrachtet werben. 44 Unb ein SBericbterftatter über ben ©mpfang ergebt 
ftch in ben SBorten: „Ohne jebe Uebertreibung barf man fagen, bab ficb Storni« 
fon bie bergen ber 23altimorer im Sturm eroberte. Sitte 2)ie, welche 
in ibm ben pornebmen £etrn Permutbet batten, würben eben beSbalb 
burch fein ädjtPoltStbümlicfeeSunb bennoch beS $obenpriefterS ber Äunft 
fo würbigeS SBcfen, mit bem ex (ich in bie freien Umgangsformen ber Stepu« 
blitgu finben weife, bovpelt für ihn entbu f iaSmirt. 44 Stun, fo leicht 
lalfen Tub bie bergen ber 9tew*?)orter nicht im Sturm erobern, unb \ib werbe 
ben 33altimorern wohl nicht gu nabe treten, wenn ich behaupte, bab bieS ein 
etwas reichlich ftarfer Seibraucb ift. Slucb an gereimten Ungereimtheiten bat eS 
nicht gefehlt. SBeglüdwünfcbte idb Sawifon in meinem porigen ^Briefe weil er 
in Slmerita noch nicht augefungen worben, fo mu& kb ihm jefct gu folgenbem 
fiergenSergut eines 33altimorer ©utbufiaften tonboliren: 

SBegaubert ftebt bie Söelt Pot deinem Spiele, 

Unb oott 33ewunb’rung (au)cbt beS £örer3 Ohr« 

S)u baft erreicht, was beife erftreben Siele; 

2>ein ©eniuS trdgl fiegreicb 2)icb empor 




278 


hinauf ju Sternen, bem erbab’ncn 3ide, 

S)u felbft ein gldn^enber in ihrem Chor. 

$u trägft auf SDeiner Stirn ben ©ötterftempel, 

SBeil 3)eine #ülle ift — ein SJtufentempel! 

SBobl fpielft $u nur auf biefer SBelt non SBrettcrn; 

2)och wirb SDein Spiel $u einer SBabrbeit ganj, 

SBenn baS ©efübl $ich übermannt, ju wettern 
mt biefer Stimme, b t e f e m AugeSglanj, 

S)a füblt man ein gewaltig Stieberfchmettern 
5)eS alltäglichen leeren Sirlefan^; 

CS $iebt ein beiiig ©rauen burdh ben 93ufcn, 
gaft flodt baS £erj nor f oIchem Sohn ber SJtufen. 

Unb toieber bann, wie grüblingSlüfte-SBeben, 

£önt $eine Stimme fü& wie 3aubertlang; . 

SBie feelen&oll bie Augen um fuh fehen, 

SBenn S)u bie Siebe fchilberft, wonnig, bangl — 

SB er zweifelt, ba& ein SBunber ift gefchehen 
SJtit deinem SBeltgrub für ein ÖAenlang?— 

Stimm bieS als 2)ant für all* bie hehren Stunben, 

AIS SBiberhad für 2)aS, was mir empfunoen! 

Saft podt ba$ #er§ not f o l ch e m Sohn ber SJtufen. 

Chicago rühmt fleh, ber Stiftori an einem Abenb bie grö&te (Einnahme 
nerfchafft $u haben, welche fte jemals gehabt. Srootlpn gab ihr 3,900, Stern- 
2)ort 3,912, JBofton 2,002, SJtoStau 3,600, Chicago aber 4,690 Shnfer. 
SBahrenb ihres fünfmaligen bo.rtigen Auftretens betrugen bie (Einnahmen 
20,700 Dollars, Wobon ihr 12,420 $utamen. 3m ©anjen foU fte bis jefct in 
Amerifa baS bübfebe Sümmchen bon 148,000, ihr „SJtanager*, ©rau, burch 
fte 96,000 Dollars als SReiftgeminn eintaffirt haben. $ören bie HünfUer unb 
flünftlerinnen in (Europa bieS, fo wirb eine gewaltige Sehnfucht ftch ihres $et* 
jenS bemächtigen. 

3)er Arion entmidelt, wie gewöhnlich, an feinen Starrenabenben einen 
tödlichen $umor, wenn auch mancher Unftnn, in bem wenig Sinn ftedt, mit 
unterläuft. 2)er Sieberlranj feierte baS geft feines jmanjigjährigen SJeftehenS. 
SBenn nur bie Stinalität jwifchen biefen beiben trefflichen Vereinen ftch auf 
baS berechtigte ©ebiet ber SangeSleiftung befchränlen unb nicht fo oft in 
ßleinliehteiten auSarten wollte. SBie ich höre, will ber Sieberlranj bieSmal ben 
$reis eines CiUetS für feinen ÜJtaSlenbad auf 25 Xbater fehen. ift er 
wenigftenS ftcher, ba& nur Seute gu ihm tommen, bie ©elb haben, unb ift mit 
bem ©elbe zugleich bie 3ntettipenj oerbunben, fo bleibt ihm ja nichts ju mün* 
fchen übrig. S)er Arion hat befcblofjen, bei ben jehn Shalern beS hörigen 
3ahreS ftehen }u bleiben, unb baS ift {ebenfalls fchon mehr als genug. 

_ UncaS. 

Mrifeube Agenten für «tric «ßtanatshcftr: 

Carl SBielanb. 

SuliuS ©ofeh. 




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C. F. ADAE, 
cSuropäifdjes 'g&anß* ittib ^S$<d}feC-(|>ef<fjcifI, 
^toricuaü, ®fcUr. 

CONSTJLAT fuer Preussen, Bayern, Württemberg, Sachsen, 
Baden, Oldenburg, Hessen, Meeklenburg-Strelitz und 
Schwerin, Sachsen-Meiningen und Altenburg, 
Schaumburg-Lippe *und Anhalt-Dessau. 

C. F. ADAE, Con8ül. 


HILLER & OO., 

9fo. 3 (Ehmnberjir,, 9feü)=9)orl, 

geben ffiechfel unb Grebltbriefe auf alle gTb&crtn SJtäte (Europa, »nrfcnben (Selber nach lebe« Orte 
Denifchlanb* mtttelfi bc$ beutfchen 9oitoerbanbeO, unb bcforgtn ben Siniug Pon Srbfchaften unb Sermö- 
§« nermittelft Soßma4>ftn auf ftbneUjle unb bittigfte SDeife. 


IST Anfragen »10 Item Jattbe finbnt prompte jifadjtung. "Ol 


Wehle & Hoftmann, 
IWtat-JlgtBtea, 

421 SfpaNNtp, t»a&e (Sanat^treet. 

Sl ifl ber 3»e<! ber obigen ßftrnta, für Srftnber ben ®d&ufc für ihre Srflnbungen burdh 9a« 
tCU t e unb (iaoeate (proviiionalprotection) 

prompt traft auf wdglkftft biUfge Seife 

perlangen. £)ieIb^tiaTeitbergirmabcfchrdnftflehicbtxfcnicht auf baa Sbfen von «mertTani- 
fiten nnb (Europaffcbtn latenten; mu ber ©Übung benclben »urbe ftielmehr bie (Errich¬ 
tung einet Bureau* beabflthtigt, ©o Srftnber, 8efi|er pon latenten unb Srffnbungen, Schütter, 
fÄiUfflrr, (Se©erbetreibenbc unb bal geehrte 9ublitum überhaupt jegliche auf jpatente, (Erfln- 
bunaen unb Serbefferungen, auf (Errichtung unb Äonftruftion oon «fafchU 
nenieberfcrtunbaufberarttae Unternehmungen bezügliche fcuf fölüffe unb ftathfchtfge $ 
fotnie bie forgfältigftc ffo#fü|«wg jämmtitcher in biefe* ga4 fallenbett ©c|chöfte erhalten fönnen. 

Reifte & Jioffmanit, 

9 a tent-Slgent en. 

4SI Scoafcwap, nahe CassaUCtmt» 

S e h 1e, «bPofat; $ o f m a n n, Srchltcft 4 3ngenieur* 


loilanig’s $Hllca aah Salbe. 

SU gröftte (Plage. Siele leiben an «fdngelit, bereu Statur fle Hiemanbem mittheUen fomtett 
ftan hflt fle für unheilbar, nnb hoch ift fo leicht $ülfe ja fchaffen, wenn man nur bat rechte Mittel 
CB»tnbct $oHo»ctft»* StebUinen gehen ber ©acht auf ben ®runb, triftigen bie Organe nnb gehen 
tanftCbenbai bie Sefunbheit |urüd. «facht einen ©erfnch, nnb Such »irb geholfen fein. 

108 . 


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flrofcc 

/rilÜBtis- nnö Smuincv-^pftitnL 

T ae eIan t ’ s 

Seibenbe an Franfbafteftt flopffcbmerj, 
tfcibetibe an Unocrbaulubfcit, 

Eeibenbc an neroöfem flopfjebmerj, 

EFFEETESÖENT 

fietbcnbe an perfauertcm üflagcn, 
üeibcnbc an btliöfem Äopfac^, 

Cetbenbe an -ßartletbigTeit, 

SELTZER 

£eibcnbe an ©eotbrrwnen, 

Setbenbe an jjpile«, 

Ectbenbc an ©ccFranf$eit, 

APEBIENT. 

Ecberleibenbe. 
üeibenbc an Snbigeßionen, 

. n>crbcn hircb 

Tarrant’s Effervescent Seltzer Aperient 
üf f#nc # unb baiurnbe SBcifc bterpon fonne von a^nli^cn ßrfben gefeilt töerbau 

SUIfin angefertigt pon 

TARRANT £ CO., 

978 ( 9 rccm»id>: 2 trcct, 9 tttt< 8 ott. 

3u ^ben in allen s 2tyot&e!em 



__ . J. R. HOEKER, 

PEACTIOAL OETICIAJST, 

308 FULTON STREET, 

' BROOKLYN. 


Neu Piorrepont, 


Stofen 3 «lonh 

FANCY D VI K G ETABUSHEMENT. 

Sonett, 9 tepljett) & So., 

3?o. 5 unb 7 3o!jn Street, > - * . 

718 ©roabtoap, J 3u*'V*& 

Slo. 269 galton*, @de turn SMarp Street, ©rooffyn, 
unb 9to. 47 ftortf 8 e Strafe, ©filabelp&iä, 
fahren fort, ftamen« aub ^ctrettfleiber ju färben unb ju reinigen: feibette, Sammet« flRerfita imb 

un^^g.fltfArbt ob« gereinigt. Bange ®rf«tnmg nnb ®eHtöf»fowtniiTt 
W^nSltg^Ä rit ^ ttttCB ' **” m trfpI 8»“ *“»*&«• «fettni »erben wr «Ärt| g^pU 

Barutt, Ktplftm « Co* 

* “I* ®?“ t < »»*> 718 »rpabtta«, 9ta»8ttl 

808 ftaltoit*, (Eile non Hflarp ©trteL ©rosKsu. 

»nb « Stprtp ut ©trape, SWÜ&elrtia. 


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W4 

|lentf4) -Jlmtrikanifftie «Monatshefte 

Ht 

cSüerafitr, Jtimft £Sifrenfd}aft miß 
' öffentfidji* oScßctt. 

gicMßtr! -tow 

9lußo(hß £e$ott>« 

IV. gat)rg»wg. I. ffanb. 1867. ftptiMjffl . 

$Umfit (Emtorn. 

. 8enctiam[<be ©fiyc na$ V«nl Bluffet. 

I. 

, Sn einem September*2Jtorgen be$ gahreS 1847 traten eine junge unb 
eine ältliche $ame, tvelcbe ficb erft feit htrjer 3*it in SBenebig aufhielten, aus 
bem St. 2JtarcuS*$lab hervor unb vertieften ftch in ein Sabprinth enger (Säg* 
eben, in meinem fte vollfommen ^eimffd^ ju fein febienen. 9tacbbem fie ben 
großen Kanal überfebritten, tarnen fie in eine minber belebte ©egenb, rao fie, 
um ihren 2Beg ju finben, mehrmals naebfragerrmugten. Sie brüllten ftch in 
burcbauS correttem gtalienifcb au ^J jebod) mar 3}hen bet englifebe SIccent febr 
mogl anjumerlen. ßnblicb erreichten fie auf bem gUa&e dei Carmini baS 
Siel ihrer 2Banberung, baS fogeuannte £>auS Dtheüo's. gnbem fie bie ga^abe 
beffelbcn betrachteten, trat, mit bem £ut in ber £anb, ein junger Hflann auf 
fie ju nnb geigte ihnen bie in einem SEBinfel jtvifeben bem $la|je unb bem lleinen 
Kanal bepnblicbe Statue beS 2Jtohren von Sßenebig. $cr Unbefannte fragte 
juerft in bem ben Senetianern eigenen verbinblicben $one, tote es ben $amen 
in feinem SBaterlanbe gefalle, ob fte mit ihrem 2ogiS im §otel SJanieli jufrieben 
feien unb ob ihre 3immer in ber erften ©tage bcffelben lägen. SBährenb bie 
Sleltere bereittoilligft SluShmft ertheilte, marf bie 3üngere einen irtnifcb neu*» 
gierigen Slid auf $en, melier fi<b fo fehr für fie ju intereffuen febien unb febon 
ihr 2ogi3 in Erfahrung gebracht hatte. Sie fah einen febönen, etroa 26jährigen 
OTenfcben not pch, mit lebhafter, aber fanfter unb fpmpathiicbet SPhPftognomie, 
bie Stirn Von einem SBalb febmarjer £aare umfebattet, mit groben, feurigen 
Slugen, toohlgepflegtem $art, augergeroohnlicb Heilten £änben unb fein be* 
f^uhten guben. Gntmeber trat bie junge (fnglänberin febmer ju befriebigen 
ober fte gab nichts auf Sleugerlicbfeiten, beim fie tuenbete ficb mit einer gering* 
febäfenben 93cmegung ab unb hanbhabte ihren Sonnenfcbirm fo, bag er bem 
gremben ihr ©efidjt verhüllte. SDiefer lieg ficb inbeffen babureb nicht auger 
gajfung bringen, fonbern fuhr fort: *$ie ^errfebaften befueben biefen 
ohne Steifet um bem Anbeuten ghreS berühmten 2anbSmanne* Shatefpeare 
ben 3oll ber Verehrung ju entrichten. 11 



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„SBit fmb 3rl5nbet|nnen,* ermiberte bie junge Same tur|» 

„2llfo gute flatholiftonen; baS freut mich. Slter Sie miffcn mohl nkbt, 
toa$ an ber Scgenbe bon Othello ffiabre* unb galfcheS ift.* 

„2Bir miffen nur,* fugte bie ältere, Same, „bah ein gtaliener im 16ten 
Sahrhunberi eine Lobelie über ben 2Jtobrcn non Sßcnebig gefchtieben bat, »eiche 
Iängft bergcjfen fein mürbe, metm ni$S>€b«fefpeare auS ibr ben Stoff gu fei* 
nem herrlichen Srama geköpft hätte.* 

„Getroffen,* ertoiberte ber Senetianer. „Slbet Giralbo Gintio' ift nicht 
bei ber SBabrbeit ftehen gebKeben. 9^ie .frat bie [HepublifiBenebig einen afrifa* 
nifdben Aapitdn in ihren teuften gehabt Set angebliche Otbeöo mar einfach 
ein Senetianifcher Sbmiral, SiamenS Ghriftophew 2Jioro, »eicher aüerbingS ba£ 
Gefchmaber bei Gppern toramanbirte. Gr oerlor nach einanber »iet grauen, 
oon benen bie lepte, bie Suchtet eine* teichen CenetianerS, allgemein ber »eihe 
Särnon genannt mürbe. Safür, bah er fle umgebracht, ift gar feine Gemi&beit 
oorbanben. Jlber ber biermalige SobeSfaH muhte Slufmertfamleit erregen, 
bie Sichtung • bemächtigte fuh te£ GegenftaubeS, au$ DJloro mürbe ber 9Robr, 
aus bem demonio bianco SeSbemona, unb »a$ noch fehlte, tbat ber fce* 
rühmte dritte hingu.* 

GS fehlen bem SSenetianer gro&e$ JBergnügcn gu machen, ben gremben 
biefe Sluffchlüffe gu geben; aber {ebenfalls »ar e§ ihm nicht barum gu thun, 
ihren San! bafüt gu emte^ $lipli<h fab er befturgt auf feine Uhr, ent* 
fchulbigte ftch, bah er bie Sapen berlaffen müjfe, berbeugte ftch ehrfurchtsvoll 
unb rannte babon. 

„Schon »ieber ein Original!* fagte bie junge Gnglänberin. 

„Siefer ift aber hoch »enigftenS manierlich,", ermiberte ihre Gefährtin. „Gr 
naht fleh unS aßetbingS auf etmaS efcentrifche Slrt; aber jebeS Sanb hat feine 
eigenen Sitten. Sie miffen, 2Jtih SDtartha, »ie »enig ich auf ßieifebetannt* 
fünften gebe unb mie fehr ich int 2UIgemeinen 3hre fluge 3urüc!haltung billige; 
aber ich traue mir einige äftenfcbentenntnib ju, unb lieber fähe ich bieten jungen 
Senetianer als ben ungarifeben Kapitän, melcher, allen hübfehen Samen ben 
$of madty in Shrer Umgebung.* 

„Sticht hoch,* ermiberte SJtih SWartha. „2Ber gegen alle Samen ber 
Galante ift, mirb feiner gefährlich. Ser Kapitän ^ilornip berfteht bie flunft, 
mir bie Sangemeile gu betreiben, ift überall in ber Stabt befannt unb mürbe 
uns übcrbieS bon einer untabelhaften Autorität borgeftellt. 3BaS tonnen Sie 
mehr bedangen ?* 

„Gr hat nicht bie feinen Planieren eines ächten Gentleman,* ermiberte 
bie ältere Same. 

„beruhigen Sie fuh nur* liebe SWiftreh $obbe$. 3<h bespreche Sbncn, 
bah $iiomip uns nie läftig fallen foQ, unb menn ghr Original fi<h un$ noch 
einmal mit berfelben gamiliarität naht, »erbe ich, 3hnen gu Siebe, ihm nicht 
bie Shür geigtn.* 

Ser Sejer mirb ervathen haben, bah SMiftreh $obbeS bie offtgielle 




©efeüfthafterin xroit 3Äib Wartha war. Sit belben Samen, mefihe flceng 
nach ifttfiemfchet Sitte lebten, lehrten ju ihrem bübfcben ßogis im #otel Sa« 
nieli jurud, um wäptenb bet ^ei^en Sageljeit bei bicht gefchtoflenen 3a* 
loufteen auSjutuhen. Äaum waten fie bort angelangt, als ihnen bereits bal 
Such eines (SngldnberS gebracht würbe, Welches bie piftorifche SBabrbeit Aber 
bie Segcnbe oon Othello enthielt. Sem Such war eine flarte beigegeben, 
welche ten tarnen bcS SlbfenberS, Slfoife Scntoni, unb baruntet bie flbteffe, 
Eiva del Carbon, trug. Wib Wartha Warf einen jerftreuten Slid auf baS 
Such, gab es bann bet ©oubemante unb erllätte wieberholt, bet Bbfenber fei 
ein Original, mährenb ÜJtiftreb $obbeS babei blieb, bab bieS Original ein 
junget, gebilbelet Wann fei, beffen Selanntfcbaft ju machen fuh gar wohl bet 
Stühe lohne« 

3lm ndchften Worgen befuchten bie gtemben ben Sogen»Salafh 3m 
Saale beS groben PtathS ftanben fie not bem abfcheulichen ©entälbe ftitt, wel* 
(heS non feinem ÜTlaler mit bem Xitel „SaS SarabteS* beehrt worben ift. 
3nbem Wib Wartha übet bie ©rö&e beS ftebengig gu| im Ouabrat faffenben 
SilbeS ftaunte, fchob Signor Slfoife ßentom — mit biden Suchern, welche et 
eben bet Sibliothet entlehnt hatte, befchwett — aus einet Xbüc heroot unb 
fagte: „Sliden Sie hoher, meine Samen; halten Sie ftch nicht bei bet elenben 
Subelei auf. 11 

Sann rannte et, jurn groben fieibwefen bet ©efettfehafterin, baoon. 
Seinem Slath folgenb, blidten bie beiben Samen jur Sede beS Saales empor. 
Wo baS Xriumphirenbe Senebig bon $aul Seronefe fich bepnbet, unb eS feffelte 
pe bet dnubet biefeS göttlichen SilbeS* 

„Sie wiffen, liebe Wartha," fagte Wiftreb $obbe$, „wie empfinblicb bie 
Italiener gegen jegliche ücitil finb. SCBid man ihnen nicht mi&fallen, fo ntu& 
man in ihrem Sanbe jebeS Wonument ober ßunftwert, mag eS nun gut ober 
fehlest fein, bewunbern. Sefto hoher muffen wir es bem jungen Wanne an* 
rechnen, bab er uns biefen luechtifchen Xribut erfpart." 

„(Sin neuer Semeis bafür," antwortete Wijj Wartha, „bab Signor Sen# 
toni ein Original ift." 

3n ihr $otel jurüdgelehtf, fanben bie Samen bort ein ©ouoert mit jroei 
SittetS für eine Sipung im Sttpendum oor, unb bie Slbreffe jeigte wieberum bie 
Schriftjüge beS SenetianerS. Sie befdjloffen, bie Sorlefung mit ihrer ©egen* 
wart unb ihren neuen $uten ju beehren. Signor Plfoife felbft nahm ihnen an 
ber Xhür bie SiQetS ab. ©r oertrat ben foujt bamit Seauftragten, welcher 
burch Ünwohlfein abgehalten würbe. Sen (Sinen wies et Sdnle, Slnbern 
Sejfel an, unb machte ftch überhaupt in jeber SBeife nü&lich. Um ju ihrem 
Slap ju gelangen, mubten bie greunbinnen, eSfortirt non ihrem aufmetlfamen 
ftcetone, burch ben ganjen Saal gehen, benn es waren ihnen ©hccnfipe in ber 
erften Pleihe referoirt. Wan lorgnettirte oon allen Seiten, unb einige junge 
ßeute grünten; aber fftiemanb fprach mit ihnen, auber bem äapitdit Silowip* 
Unb hoch war Wi& Wartha wahrhaft fchfot ju nennen. Sie mochte oier unb 


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§wanjtg 3a$re alt fetn, batte einen Jeint n>tc SRtTdb unb ©lut, fcbwargeS §aox, 
3äbne wie ©erlenreiben. 2Ran ^dtte fte für eine Staltenerin halten Ernten, 
wenn nicht ber halb träumerifcbe, halb mutbwillig fpottenbe SluSbrud ihrer 
blauen Slugen, ihre majeftätifcbe Haltung unb eine gewijfe, übet ibte ganje 
©rfcbemnng auSgegoffene poetifdje SInmutb einen auffaüenben Äontraft §u bem 
mehr fmnlicben SluSbrud ber Töchter beS SübenS geboten bitten, 2Bo fie ftdb 
bilden lieb, enegte fte allgemeine Bufmerff amleit, ohne §ut Slnndberung aufju* 
forbern. 3bre 3«tüdböltung legte man ibr als ©eringfcbäpung aus, unb ba 
fte nichts tbat um biefen ©inbrud $u wiberlegen, lieb man fte nngeftört mit 
ihrer ©ouoernante Gnglifcb Klaubern unb madjte ©loffen über bie ffleoor$ugung, 
welche fte bem ungarif<ben Dffaiet ju Jbeil toerben lieb. 3*w Saufe beS ©e* 
fpräcbs fragte 9Rifj SRartba $i(otm$, ber fi(b au(b je$t $u ibr gefeilt batte, ob 
er ben Signor Sllbife ©entoni lenne. 

„©emifj," erwiberte ©ilomip. „SBit fmb bie beften greunbe, aber i(b taitn 
mir barauf nichts jugute ibun, toeil ber gute 3unge gar ju ©iele mit feiner 
greunbfchaft beehrt, ©laubem Sie nur eine ©iertelftunbe mit ihm, unb Sie 
baben einen fßlap in feinem ^erjen erobert." 

„ÜRacben Sie ibm einen ©orwttrf aus feiner ©efdUigleit?" fragte 3Jtiftreb 
$obbeS. 

„©ewifj picht. SXber welchen Sßertb fod ich ber ©unft eines folcben 
8llerfceltv*greunbeS beilegen? ©om frühen SRorgen bis gum fpäten 2lbenb 
ift er gefdjdftig; aber bie geringfugigften Jinge bebanbelt er mit einer 2Ei<b* 
tigfeit als wären eS StaatSgefchdfte. Stets plaubert er, aber eS lontmt ni(bt 
biel babei heraus. 3« Mem lann man ibn gebrauchen, oorauSgefept ba| 
eS nur ©agatelleu ftttb. 3$ lernte ibn oorigcS 3 a $ r kirnen, als icb mit ibm 
jufantmett eine Heine Steife im griaul machte, fco er ficb im Saufe bon $ebn 
Jagen ein Jufcenb intimer greunbe anfchafjie. 3uer?t gewann er ftch ba* 
$er$ beS GonbulteurS ber JHigence, aisbann baS einer alten ffiitibin, melier 
er ein SRecept in einem neuen fiiqueur gab, barauf baS eines JorffdmeiberS, 
bei bem er ein $aar SeinKeiber beftellte, unb ba er fab, baji ber 2Ramt arm 
fei, fte fofort bezahlte, ohne bie ffiaare abguforbern. genter befönitt er meb* 
reren ©auern bie ©einreben nad? einer neuen SRetbobe, unb fo »urbe unferc 
©ergnügungStour halb ooHflänbig bureb bie SiebeSbienfte, ©atbfcbWge unb 
$ülfeleiftungen abforbirt, welche biefer fenberbare üRenfch auf jebet Station 
auStbeilte. 3# fönnte 3b«en nodb mancherlei erjd&len, was ein eigentümliche* 
Sicht auf bie ©eifteSfräfte biefer originellen ©rfdheinung wirft. 11 

„Ja haben jMt’s!" fagte 2Rip SRartha. „ÜJlerlte ich ihm nicht fofort 
ben ©arten an?* 

„ JaS lommt benn boeb barauf an," ermiberte 3Jliftre& $obbeS. 

SRittlerwetle batten ftdb bie »Räume beS SUben&umS gefüllt, unb bie Si^ung 
Würbe eröffnet. Jie ©orlefung orebte ftcb um ein gelehrtes Jb*ma, welches 
anfanglidb wenig 3ntercffe enegte. 211S aber gegen baS ©nbe bie ©ebe auf 
ben SluSiprudb SRacbiaoelS tarn, ba& 3lalien non ber grembberrfebaft befreit 


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283 


»erben muffe, crfeob fich plobtich ein Sftann mit gebantenoollem, entftem Hntlift 
unb gab baS 3ei$en S um SlppfouS, worauf eine breimalige Saloe, mit einem 
lange anbaltcnben, bonnernben ©ooiea, oon einer ©ruppe junger Seute auS* 
ging. Unter b'ern übrigen Sbeil ber ©erfammlung jeigte fuh eine Bewegung, 
an welker bie gurcht mehr Shell 31 t baten festen als ber ©nthuftaSmuS, unb 
bie letten SBorte bei DRebnerS oerloren fup in einem berworrenen ©eräufdj* 
Ser Urbeber tiefer im ©orauS oerabrebeten SJlanifeftation hieb Saniel 
SUtanin. äflift 2)tartha fragte ben Kapitän, ob fein greunb nicht ein arger 
©erfebwörer fei, ein ©ebante, welcher bem Ungar ein lautes ©elfter enttoefte. 
©r rief Signor ©entoni 31 t ftd? unb begann ein Verbot, welches ihn bon jebeni 
SÖcrbacht einer Sheilnahme am ©omplott reinigte. Glicht nur hatte er fich bei 
SlpplaubirenS enthalten, fonbern er tabelte auch entfehieben bie politifchen Um# 
triebe, welche nur bie gotge haben tonnten, bog bie Sifcungea bei $ltheitäumS 
polizeilich unterbrüdt würben. 


Ser SSunfch ber ©oubernante, ben Signor ©entoni naher fennen $u ler* 
nen, feilte balo erfüllt werben. ©ineS SageS hatten bie beiben greunbinnen, 
bon ber ©allcrie SDlanfrin jurüdfehrenb, ftch im ©affenlabprinth beS ©ana* 
reggio berirrt unb waren fchon nahe baran, ben 3Jhtth ju berlieren, als fie 
Slluife bor ber Kirche ber Sevbi antrafen. Sofort brachte er fie auf ben rechten 
2 Beg, unb fie wollten ihn mit einem freunblichenSantentlafjen; aber fte hatten 
unterwegs oou ©infdufen, bie fte ju machen hatten, gejprochen, unb er bat um 
bie Grlaubnijj, fie im itampf gegen bie Habgier ber fiaufleute ju unterftüfcen. 
3 m erften Saben, ben fie befachten, tonnte SDtife Hartha fich eines ironifchen 
Sächelna nicht enthalten, als fie fab, ba& ihr gührer bie ©igenthümerin beffelben 
mit ©omplimenten überhäufte. Sie war überjeugt, bah ihre 3ntereffen an 
ihm einen fchlechten ©ertheibiger haben würben, unb freute fich fchon bar* 
auf, baS ^Repertoire beS Kapitäns ©ilowty mit einem neuen ©efchichtchen ju 
bereitem, als bie grau ju ihnen tarn unb ertlärte, ber caro signor ©entoni 
unb feine greunbinnen hatten Hufpruch auf bie b iS tr ete ft e n greife. Sie 
Samen machten fehr oortheilhafte ©infdufe unb hatten allen ©runb, mit ber 
Sa 3 wifchcntunft ©entoni’S aufrieben $u fein. Siefer lieb eS ft# nicht nehmen, 
ihnen bie ©aquete 11 a# bem £otel 3 U tragen, wo er ju einem „Sun # 0 einge* 
laben würbe. 3 nbcm fie ihren ©ünftliug mit Kaffee bebiente, richtete 3Pliftrefe 
£obbe3 eine SDtenge bon gragen an ihn unb fdjtieb fi# bie Antworten in ihr 
©oti^buch. Uni ihn ju gingen, wieber ju tommen, gab fte ihm oerfchiebene 
Aufträge, unb fclbft SJti& Hartha oertraute ihm einen ©rief jur ©eforgnng an. 

SBähreub beS ©cfprddjS, welches fich um taufenb äleinigteiteu brehte, be* 
obachtete 2 Jti& 9)tartha nachbentücb bie glänjenben Slugen unb bie bewegliche 
©hpftognomie ©entoni’S, Sie fragte ftch, W0311 biefer junge 2)knn, welcher feine 
3 eit mit lauter Sappalien ocrtänbele, feinem unglüdlid>en ©aterlanbe nüfce, 
unb unwilltürlich ftieg ihr baS graufame 2Bort auf bie Sippen, mit welchem ba* 
mats bie Siplomatie ihr ©ewiffen |u übertäuben fuchte: „Sie 3taliener »er# 



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A 



284 


bienen ißr 800 «!" Uber bennodj tonnte fie nicht umhin, mit Staunen gu 
bemerten, baß Gentoni, wenn man ibn nicht bagu gwang, nie bon fuh fetbft 
fpracb, unb fchon gewann fie feinen ©efpräcben ein gewiffe« ^treffe ab. 

G« ift m einer Stabt wie ©enebig für eine junge $aine entfebieben un* 
gwedmäßig, nur einen greunb gu haben. 2>ie Aufmerffamteiten be« Kapitän« 
Sßiloroip gaben fchon gu bielen HJtißbeutungen Anlaß, unb ber nähere Umgang 
Gentam'« lonnte baher nur witttommen fein. HJtiß Dftartha nahm ihm ba« 
©crfprechen ab, fii bei ben Goncerten auf bem 9Warcu«piape neben fie gu Jepen, 
unb er fam biefem ©erfprecheu getreulich nach. 3 n ©enebig muß ein hübfebe« 
grauengiramer, um eine« gewijfen Slnfehe*« gu genießen, ein Heine« ©efolge 
haben. Gentoni erhielt bie Grlaubniß, 2ftiß ÜJlartha jwei feiner greunbe bor* 
guftellen, unb et wählte ben Gommunbeur giorelli, einen originellen, ©reis, 
beffen Rafften ba« Sammeln bon gnfetten war, unb ben Hbb« ©herbini, einen 
burebau« toleranten unb fehr leben«luftigen ©rieftet, wie e« bereu unter bet 
italienjfhen ©eifilichteit fo biele giebt. 3n folcber Umgebung war 2ttiß DHartba 
hintekbenb bor ber ©erleumbuug gefchüpt, um> ronter wollte fie ben Krei« ihrer 
©etannten nicht au«bepuen. Um bie Sitten ihre« ©atevlanbe« mit benen ©e* 
nebig« gu oerbinben, (ub fie ihren Keinen'^offtaat ein, aüabenblich währenb 
ber groeiten Serie, b. b. bon 10 Uhr bi« SWitternacbt, ben £bee bei ihr eingu« 
nehmen. Signor Albife fehlte nie in btefer ©efellfcbaft. ©tiftreß $obbe« über» 
häufte ihn mit Aufträgen, welche ber junge ©tarnt al« ©unftbe\eugungen auf* 
faßte unb beten et fi<h mit untabelhafter ©ünftlkbfeit entlebigte. gur ©tiß 
ÜJtartha war et no# immer nur bem -Hamen nach ein greunb; bie ©oubernante 
aber ließ ihn in bollen 3 ü 9 *n einer reinen, aufrichtigen greunbfehaft genießen, 
©ange Abenbe füllte fie mit ber Schilberung ihrer traurigen Grlebniffe au«, 
uub ba tonnte e« nicht fehlen, baß gttweileu auch auf ©tiß ©tartba bie Hiebe 
tarn. Gentoni war neugierig, aber ohne 3nbringlichleit. 3ebc« Hiätbfel mußte 
für ihn ein Söfung haben, unb er tannte gern bie ©ebeimuiffe Anberer um 
ihnen beffer nüplicb fein gu tBnnen. 9tie wäre er im Staube qewefen, mit bem 
Slnucrtrauten ober ben Hlefultaten feiner ^Beobachtung ©tißbraueb gu treiben. 
ÜFcacpbcm bie berblümten Slnbeutungen ber ©efellicbafterin ihn auf bie gährtc 
gebracht, wibmete er Hfliß ©tartba eine groß.re Aufmerfiamteit. Gr gewahrte, 
baß ba« feböne Stäbchen guweilen Unfälle tiefer Träumerei habe, gleich' al« 
bäcbte fie an einen Vornan, ber in einem ©arten ber grünen 3 nfel begonnen 
unb noch ber Gntwidiung harre. 3& r Aufenthalt in 3tulien war ohne 3weifel 
nur ber 3roifcbenatt eine« jentimentalen $rama«. SBenn Slloife gum ©alaft 
©rirnani ging, um bie ©riefe feiner greunbinnen gu holen, prüfte er bie Treffen 
unb ©tarlen unb rebete fleh babei ein, e« gefchchc nur ber Hlicbtigteit wegen. 
Ginige ©riefe tarnen au« £annober, uno tiefe würben mit befonberer greube 
empfangen. So tarn Hüoife nach unb nach bnreh gefehlte Gombinatiouen bem 
SRoman ber febönen 3^nberin auf bie Spur. 

SDtiß 3?tartba £obel war bic natürliche Tochter einer hohen ©erfönlicbtelt 
»m bereinigten Königreich. 3>er Htame 8 ooel war ber ihrer Butter, bie fie nie 



gefannt. 3fr Vater, meld&et gelungen mar, fie oon frtb fern $u b&licfo, tbat 
Tie in ein Softer, mo fie eine ttef}li$e ©rjiebung empßng. 3ui Sitter non 
smanjig 3abten oetließ fie baffelbe, um in einer Keinen Statt Oer ©raffdjaft 
fiimerid bei brauen Leuten §u mobnen, benen ein Stabliner Vanquiet regelmäßig 
eine reichliche Sßenfioii überjanote. 3n ber SJäbe mobnte eine englifche gamilie; 
ber alterte Sohn be! Stacbbar! batte ba! ©lud, Miß fiopel ju gefallen, unb 
moHte fie beiratben; aber er mar ein Vroteftant, unb bei tReUgion!unterfcbieb 
bot ben Siebenben unübejrminbliche Schwierigteitfii. ©in Vrief be! Subliner 
Vanquier! tünbigte Miß Martha an, baß ba! »gcbfte öuartal!gelb ibr in 
Surin, unb jebe! folgenbe in irgenb einer italienijcben Stabt,, bie fie uot|ieben 
mochte, auSbejabU merben foUe. Unmittelbar bacauf fteflte ßih eine ©efeQfchaft!* 
bame ein, unb man mußte reifen. 25er junge Machbar toollte jejt auch ni4t 
mehr in 3?tanb fein unb fucbte fein ©lud in $annooer, mo er Vermanbte 
batte. 3tnifcben ber trauernben Miß Sooel unb ihrer ©oubernante emftanb 
fdmell eine innige greunbfcbaft unb Vertrauliebte it, unb Veiben gefiel e! am 
beften in Venebig. ©entoui genoß be! Umgang! ber greunbinnen ohne barait 
ju benten, baß bie! ©lud bocb auch einmal ein ©nbe haben muffe, al! ein SBort 
ber ©ouoernante ihm bie Augen öffnete. „Sieb/ fagte eine! Slbcnb! Miftreß. 
$obbe!, w mer meiß, mie lange mir noch fo glüdlicb beifamnten fmb! 2)er 2orb 
tann nicht lange mehr leben, ©ine Ärantbeit, bie er ftch in 3nbien gügegogen 
bat, lann ihn in jebenj Slugenblide binmegraffea. Dtatflrlicb bat er feine Sir« 
rangement! fo getroffen, baß bie 3utunft feiner Socbfcer gefiebert ift, unb eine! 
fchonen Sage! mirb Martha al! hoppelte*ober breifache Millionärin ermaßen.* 

*34 oerftehe/ fagte ©entoni. „Ser erfte ©ebrauch, ben fie oon ihrer 
Freiheit macht, mirb barin begehen, baß fie nach bem falten 2anbe giebt, mei* 
<be! ich nie feben merbe." 

„ffiarum foütcn mir Sie nicht einmal in Sonbon begrüßen ?" fragte 
Miftreß £obbe!. 

©entoni fentte ba! $aupt unb fdbmieg. SH! er an biefem Slbenb ba! 
#otel Sanieli oerließ, !am ihm gum erften Mal fein liebe!, meernmfloffene! 
Venebig mie ein ©efängniß oor. Vilomiß, ber ihn begleitete, glaubte gu be* 
merfen, baß ber junge Mann, über ben er fuh ftet! aufhielt, mehr bon ben 
Verbältnijfen unb ber Vergangenheit ber Miß 2ooeH miffe al! er, unb über* 
geugt, baß ©entoni fich leiebt merbe au!forfchen Iaffen, jog er ißn nach bem 
©afe glorian, mo er fofort ba! Verbor begann. 

„ffiie mag nur unfere greunbin bagu fomnten," fagte er, „ben beften 
Sheil ihre! ßeben! hi« in Venebig gugubringen, ftatt ihren föeicbtbum unb ihre 
Schönheit in einer ber £auptftabte ihre! Vaterlanbe! glängen gu laffeu ? ©ine 
Abentheurerirt ift fie benn boch nicht, unb auf bie Männcrjagb geht fie auch 
nicht au!. $at fie feine Vermanbte, unb überhaupt Memanben, bem fie 
SRecbenfcbaft fiulbig ift? Soll etma ihr Aufenthalt in 3tolien eine blutenbe 
SBunbe heilen?" 

„Saran hob 1 ich noch nie gebubt," ermittele Sttbife. *6! muß aller* 
bing! ein ©ebeimniß bahinter fteden." 


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286 


„Unfere greunbin »artet auf etwa*.* 

„$a* glaub* ich auch." 

„2lber »orauf maß pe »arten ?* 

„3a, »er ba* »übte!* 

„©ei ber ©efeflfchafterm haben Sie einen großen Stein im ©reit. £at 
pe Sbnen nie etwa* mitgetbeilt?* 

• „Mancherlei, »a* Sie interejpren »irt.* ' 

„5)ann beraub baimt!" fagte ©ilo»ip. 

„Miftreb^obbe^ ip, »ie Sie »iffen, ein febr brabe* grauengimmer; aber 
ba* Scbidfal bat ibr arg mttgefpielt." 

• „3P■€$• 3b«en recht," unterbrach ihn ber Äapitän, „fo oertagen »ir bie 
8eben*gejchi<hte ber ©ouoernante bis auf morgen. 3lm meiften interefpri mich 
ba* ©ebeimnifj oon Mip Martha." 

„3a, »enn man bem auf bie Spur tommen tonnte!* rief ber ©enetianer. 

Signor ©cntoni »ar fonp nicht febr äiirüd^altenb; aber merlte er, bab 
man ihn au$forfd>en »oUe, fo ftanb ihm bie Schlauheit feiner SanbSleute im 
oollften Ma|e gu ©ebote, unb ber Kapitän merfte febr bato, bab mit ihm nicht* 
angufangen fei. 

3)ie greuntinnen pflegten bäuflg gmifchen ben ©ttben auf ber ©rüde be* 
©ialto umberjuftreifen, in »eichen bie erften 3u»eliere ber Stabt ihre ©aaren 
feil bieten, ©ine* Sage* »oUte Mi6 Martha hinter biefen ©üben binburch 
geben, um bie prachtooücn gagaben ber ©aläfle gu betrachten, »eiche fleh au 
ben Ufern be* groben ©anal* bepnben, al* Miftrep £obbe* oon ber ©rüde 
au* bie SluffchtiR: “Kiva del Carbon" erfpöbte. „#iet »obnt Signor 
©entoni," fagte pe. „©ie »äre e* »enn »ir bei ihm antlopftcn ? 3$ bin 
überzeugt, bab unfer ©efuch ihm eine grobe greube bereiten »ürbe." . 

Mip Sooel, »eiche eben in guter Saune »ar, batte nicht* bagegen eiitjiu 
»enben. ©* mubte intereflant fein, ba* 3™*™ ber ©obnung eine* fo mevf* 
»örbigen ©haraltei* gu fehen. $a pe unerwartet tarnen, tonnten pe fleh 
barauf oerlaflen, ben £errn be* £aufe* gerabe bei ber ©efchäftigung angu* 
treffen, ber er oblag »enn er Reh unbeachtet »übte, ©in ©onbolier bejeidjnete 
ihnen ba* #au* be* Signor Gentom unb bie bon ihm bewohnte ©tage. ©* 
»ar ein altertbümliche*, ä<bt benetianifche* ©ebäube. S)ie ©ifitenfarte $Uoi|Y* 
»ar an bie Shür geheftet. Sie tlingelten, unb brinnen rief e*: „Serefa!" »or* 
auf bie Antwort: Vegno, vegnol erfolgte. Sber ba Serefa nicht fcbuell 
genug tarn, öffnete ihr $err felbft bie £hür. Miprep $obbe* batte Reh nicht 
geint, ©entoni Rieb einen lauten greubenruf au*, al* er pe erblidte, unb 
brüdte ihnen mit »armer ^erjlichteit bie £anb. 2>a* fei ein feböner Sag in 
feinem Sehen, fagte er, unb bie ©tinnetung baran »erbe bi* gurn lebten 
SUbemjug feinem bergen eingegraben fein. Stachbem er ben greuitbinnen bie 
heften SeRel bingerüdt, lief er fort, um (Eonfett unb Trauben gu brlen. „Äopen 
S»e biefe grüchte/ fagte er. „Sie »urben mir au* bem Sanbe gugefanbt, unb 
eine beffere ©enoenbung tonnten fte nicht flnben." 


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287 


SBähtenb ajlijj goöcl Trauben nafchte, blidte flc neugierig um fich. $aS 
mit altertümlichen SJtobilien auSgeftattete ©cmach war behaglich unb äufserft 
fauber gehalten. 2Xuf bem SlrbeitSpufte bemertte fie eine beträchtliche Slnjahl 
Keiner fpmmetrifch georbneter Rädchen, unb fragte, waSbie 51 t bebeuten batten. 

i£aben Sie noch nie ben armen 3Jlenf<^en gefehen," antwortete Slfoife, 
„welcher auf ber fflrüde ber gttferi bont borgen bis §um Slbenb 3ahnftochcr 
fchnifct ? Seini ©ewanotheit in biefem ©efchäft oerbient wirt( : <h ©ewunberung. 
^eute borgen blieb icb bei feinem Sifchcben fteben nnb brachte ibn jum $lau* 
bern. 2Jtit bem Grtrag feiner S<hni$erei muh er eine jablreicbe gantilie er« 
uäbren. Gr intereffirte mich/ ich kaufte ihm feinen ganzen SBorrath ab, unb ba 
habe ich benn nun Sabwftocher iw $üHe unb Sülle." 

„Unb obenbrein einen neuen greunb," bemerfte 97li& Sooel lachenb. 
„$>er 3<ibnfto<ber*3abrifant fehlte gerabe noch auf 3hrer Sifte." 

„Sachen Sie nur, Signorina," erwiberte Slloife gutmütbig. „93erfpottcn 
fte mich immerbin; ich belichte auf jebe SSertheibigung, weil baS Heine niali* 
tiofe 23linjeln 3bren fchönen Singen gar $u nieblich ftebt. Urlauben Sie mir, 
3 bnen jum 3)anl ein Sßaquetchen bon meinen 3ahnftochern anjubieten. fReh ö 
men Sie auch eins, SJtiftreft £obbeS; Sie muffen mir hoch jum Slbfab für 
meine äßaare berbelfen." 

SBäbrenb Gentom feine 3ahnftochct bertheilte, würbe wieberum getüngelt. 
2(u3 bem 33or$immer hörte man ein ©eflüfter bon weiblichen Stimmen, bie 
£bür würbe tafdb geöffnet, unb über bie Schwelle trat eine bochgewad)* 
fene, fcböite Tochter beS SBolfcS, mit blofjem ßopf, nadten SIrmen, einen gädjer 
bon grünem Rapier in ber Rechten. „$u bift eS, Stifanne?" fagte SKoife. 
„SBatf hoch ein wenig, mein äinb; $u ftehft ja, ba& ich 23efu<h habe.“ 

Slber mit einer freunblichen Sitte um Gntfhulbigung ging Safanne an 
ben tarnen borbei unb braute mit benetianifcher3ungengeläufigteit bor was fie 
auf bem .®er$en batte. „34 habe," fagte fie mit weicher, melobifcher Stimme, 
„auf ber weiten SBelt Stiemanben, an ben i6 mich wenben fönnte, als Sie, lie¬ 
ber Signor Sltoife, unb ein Unglüd ift hoch eine bringeitbe Slngelegenheit, nid?t 
wahr? Sich ja, ich wufcte wohl, bafi bie SBeiferöcfe nicht SSBort halten wür¬ 
ben. SllS fie meinen Sruber DÄatteo fortholten, um ihn wiber feinen SBillen 
$um Solbaten ju machen, fügten fie jur ÜJlutter, ihr Sohn werbe nicht baS 2anb 
berlaffen, fonbern einem Regiment in Sicenja ober höchftenS SöreScia jugetheilt 
werben. £eute erhielt nun mein Sruber feinen 2 )tarfch 3 ettel, unb barauf fteht, 
ba& er nach illagenfurt foH. 3i* baS £reu’ unb IHeblichteit ? Unb nun feilen 
wir, bie 2ßuttet unb ich, acht 3 a hre lang uns abängftigen, ohne ju wijfen, ob 
er fich in Solen ober in ber Büffet fchlägt, ob er «geimroeh ober baS Sieber hat, 
ob er Stedprügel auf ben Siüden ober eine ßugel burch ben Seib belomnit. 
Unb babei ift er erft swanjig 3 a hre alt unb einer ber föönfien SWänner S3e- 
uebigs." 

„Söeruhige 2)i<b," fagte Signor Gentoni. 

„Stein, ich beruhige mich nich t, unb mein 23ruber auch wicht. Gr will 



m 



288 



nicht fort, ffiahrfcheinluh ftür^tet er in bie ©erge unb läbt fuh nieberfcbieben 
feie einen $unb, menn nicht ba* ©eracht mahr ift, melcbe* unter ben Arbeitern 
umläuft." 

„Sa* erjähli man fich unter ben Arbeitern V* 

„$ab $iu* ber Neunte bie Scibröde ejcommuniciren unb ber ©efeneiber 
Soffoli bie IRepublit ber $ogcn mieber aufriebten mirb." 

„$ie 2)ummtöpfe!" rief Gentoni ärgerlich. „3>em Schneibet märe §u 
rathen, bab er bei feiner Stabet bliebe, unb 3)u, Sufanne, mirft roob( baran 
thun, Sich bon ber Sßoliü! fern ju halten; fie fchlägt nicht in Sein gach. 3<h 
fenne unter ben Seibröden brape SWänner unb eble §erjen. 3» ih*w gehört 
ber ©eneral 3 i<hb* Gr fommanbirt feit mehr at* jmanjig 3 abwn in ©enebig 
unb mill un* Sillen moW; ich merbe mit ihm reben. ©or allen Singeu fag’ 
deinem ©ruber, er möge nicht bejertiren. geh forge bafür, bah er nach ©i* 
cen 5 a ober ©erona tommt unb 3 h* ihn smei* ober breimal im fehen 
tonnt." 

„ 0 ," rief Sufanne freubig, „menn © i e fich für ihn intertffiren, bin ich 
polltoiumen ruhig unb müi nicht mehr meinen. Sann barf ich tommen um 
3 hucn $u banten ?" 

„borgen merbe ich $ir bie Slntmort mittheilen lönnen, 3 C W g*b\ 
Sufanne; fei uemünftig unb lab Xeiner 3nnge nicht bie 3ügel {(hieben . 11 

„Stein, nein; ftatt auf bie Regierung ju fchinipfen, merbe ich ben Signor 
Gentom fegnen; unb moüen Sie miffen, mo ein #erj fchlägt, mel<he*Sie liebt, 
fo (ag* ich: *£ier ichlägt e*!" 

Samit fchlug fie mit bem gächer an ihre ©ruft, machte jmei grajiöfe 
©erheugungen unb bat beim £inau*gehen bie beiben tarnen um ©erjeihung, 
bab fie geftört habe. Äaum mar fie hinauf, at* fchon ber ßopf ber Wienerin 
Xercfa burch bie Shüröffnung gefteeft mürbe. 

„Sa* millft Su ?" fagte Gentoni, „Su fiehft ja, ich bin befchäftigt." 

„Sie ©iccina münfeht mit 3 hnen $u fprechen." 

„$a* ift gut," ermiberte Signor Sllpife. „geh habe an fie gebacht, 
©feb ihr biefe*; fie mitb barin finben, ma* fie münfiht." 

„Sie mirb e* nicht annehmen," matf Xerefa ein, 

„Sie fo ?" 

„Seit fie, obgleich ein Jtrüppel, ftolj ift mie eine Königin. 3 -i häßlicher 
Schale ftedt bei ihr eine fchöne klinge. 3fc ©ater maf Kapitän einer groben 
©arte unb ift auf bem hohen Seere ertrunlen. Sie tann mir nicht bie $anb 
tüjfen, nimmt aber nicht* au* einer £anb, bie fie nicht buffen tann." 

„Slun mofel, bann mag fie märten. Sag 1 ihr, ich hätte oomehme Sßcr« 
fönen bei mir." 

Sie tarnen baten Gentoni, bie Slubieni ihretmegen nicht htnauSjufchieben. 
Gr mertte, bab e* fie intereffire, biefe Sieihe ooltethümlicbet ©eftalten an fub 
borüberjiehcn ju laffen, unb gab ihren ©itten nach. Bluf ein 3 «i<hen ihre* 
$ertn ging Serefa hinau* unb lieb bie 2 hür offen. 3Wau hörte einen febroe* 





289 


ren, unregelmdbigen £ritt im ©orjintmer, unb alöbamt trat «ine ber oerlrüp* 
pe(ten, clenbcn Geftalten in8 3i*nnier, an bencn Iciber 3lalien fo rcid) ift. 
G8 war etit fehS$ebnjäbrige$ SWäbhen, weihet feine gehn Sabre alt ju fein 
fdften, faum brei J?uft boh, mit enger S3ruft^ binfenb, burh unb burh r>cr-» 
roaebfen. 3hre frönen gnge batten einen eigentümlichen HuSbrud non flraft 
unb SMancholie. Sie au8 $o^v batte bie Jktur ihrem Stieffinbe ben böh* 
ften Sibmud ber SBeiblicbfeit oerlieben — eine guüe langen, feinen, blonben 
£aar$, befjen wirre SJtaffen ihrem blaffen Hntlip einen erhöhten, nicht gu be* 
fhteibenben ©ei§ verliehen. 

„Äomm, ©etta, lab Dich in ber Hübe feben," fagte Gentont. Du fiebft 
ja heute fo munter au$, aU bätteft Du eine Grbfhaft gemacht." 

„GtrnaS ©effereS al8 eine Grbfhaft," antwortete ©etta. „3# habe feine 
Shmergen mehr, unb ich tann gehen!" 

„Du fchwanfft wie eine Gonbel, bie nur Oon einem Huber getrieben 
wirb. Unb baft Du bie Sobbäber genommen ?" 

„3a, Signor, aber ber fünftlihe Safe ift bie $auptfahe. 3<b tann 
gcrabeauS gehen, bie kreppen auf ünb nieber fteigen, über bie ©rüden hinweg 
febreiten al£ wäre ich in meinem Stromer." 

„Da$ nuip ja ein Hteifterftüd fein. Sah boh einmal feben!" 

Gin Schauber burchriefelte ben äörper ÜMih 2Wartha T 8, als ©etta ftolj baS 
orthopäbtfche fiunftftüd probierte. 

„6$ ift wirflich febön gemäht," fagte Gentoni. „SoH ich Dir ein Gn« 
gagement al$ ©aüettänjerin auf bem Sheater be la genice oerfhaffen ?" 

„Hein," erwioerte ©ella, fth ftolj emporrichtenb. „Hber ich bin bereit/ 
mit meinem älumpfuft jeben 3Beg für Sie ju gehen unb HllcS für Sie gu thun, 
als wäre ich 3bre Sfianin. Sage ich nicht ba8 roaS ich benfe unb fühle, fo 
möge morgen ber DobeSnahen mich aufnehmen 1" 

' „Hur nicht fo bi$ig, flleine!" antwortete Hlüife. „5)u weiht ja, bah ich 
e3 gut mit Dir meine. #iet finb gwölf ©iüet$ für bie ©über Don San Sa* 
muel, unb ift Dein Bauberiuh abgeiiupr, fo beforg’ ich Dir einen neuen." 

©etta hemähtigte fth ber $anb, welche ihm bie ©ÜletS reihte, unb brüdte 
einen beipen £uh barauf. i)iih Hartha fragte auf gcangöfijh/ oh fte e8 wagen 
bürfc, ihr ein Gelbftüd anjubieteu. 

„©erfuhen Sie’8," antwortete Gentoni. 

©etta errietb bie ^Ibflcbt ber fremben Dame, unb ihre groben Hugen nah* 
men einen ©lid an, in bem fih Stolg unb ©orwurf mifhten. „Gomtcffme," 
fagte fte, „id? hin 3hnen niht böfe. Gs ift bübfh oon 3buen, bah 3>bre Ge* 
banfen fth mit mir befhäftigt haben." 

„Hun, bann muht Du auh ein fleineS Gefhenf annehmen, niht a($ 
fflohlthat, fonbern a!$ 3eihen ber Sreunbfhaft." 

©efla würbe einigermahen frappirt, all fte fa&, wie bie Gomteffine ein 
Golbftüd au8 ihrer ©Örfe heroorjog. Sie ftredte gögernb bie #anb aus 
unb lüftte ben HapoteonD’or, ba fte e$ nicht wagte, bie $anb ber oornel;men 
Dame mit ben Sippen g* berühren. 


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imflft 3)u bamit machen ? ä fragte Sttoife. 

„34 null e§ auföeben jum -Unbenten an biefe Staube.* 

„SHecht fo, mein $inb. 3 e 6* geh 7 mit ©o!t, unb möge^ baS heilcnbe 
SBaffer S)ub non allen Seiben erlöfen." « 

Üftadjbem ber ßrüppel ficb entfernt batte, nabmen auch bie tarnen Slbföieb 
non Gentont unb erinnerten ihn an fein ©erfprechen, ftd) bet bem SRilitärgouner* 
neut Dafür $u üenoenben, ba& SufannenS ©ruber nicht nach Älagenfurt gefanbt 
toetbe. 

3X($ jte tnieber auf ber ©rüde ftanben, treuste $obbe§ mit feierlicher 
aWienebie Slrme unb fagte: „9hm, SWartba? ginben Sie noch immer, fcafc 
unfer greunb ftcb nur mit nicbWnuJigen Singen befebäftigt?* 

SffU| Kartba f^mieg. 


(gilt jfarbccrjwrig auf ein frifdjes <£rab. 

Sob Wlartt Btftlanb. 

great Jagt ein altts 2Bort: „Sem iebenben gebührt baS 9ted>t!" benn 
auf bem fiircbbof ift Still ftanb, Samtigen unb unburcbbringlicheS SunM; 
ber Hotte »erharrt regungslos in finfterer 3iad)t, er ift loSgelöf't »om nienjd?« 
ließen Scrbanbe. Set Sebeitbe nur ift ein flcßtbarer, mirlfantet Sting in ber 
großen flette, et manbelt im Siebt, fein Sltbem ift Semegung, Seroegung ift 
Schaffen, unb Schaffen ift Slnftoß ju ewigem gortfeßritt. Slllein ein anbereS 
fcßöneS Sffiort: „Gßte bem Gßre gebührt* legt uns juweilen bie Pflicht auf, bei 
Seite )u treten aus ben bunten, rührigen Steißen beS Sehens, um ber SBelt 
einen früh gefdjloffenen Sarg ju {eigen, in bem ein großer Sobter ruht. Unb 
bann, ihr rüftigen Streitet im Kampfe beS SebenS, ißt fleißigen Arbeiter am 
Sempelbau ber G'oilifation, haltet einen Slugenblid inne mit eurem lauten, 
lärmenben Steißen, jießt ben §ut ab unb werft einen Slid auf baS berblicßene 
Slngeficßt, baS feßon baS Set^entucß bebedt hatte. Giner aus eurer Sllitte, ber 
baS ©lüd hatte, baS Serbienft beS lobten ju ertennen, nid ein paar ÜBorte ju 
Guch fagen — ßört fie mit ©ebulb an! — Sann wirb eS Gucß tlar loetben, 
baß, wie »erborgen fein SBirten auch mar unb mie jung er abgerufen mürbe, 
fein Safein boch tein »ergeblicßeS mar, — unb et wirb fortleben in Guren 
£erjen. 

SBir reben »on3oßn2lpImerSorgan,bem jungen Poeten aus ber 
Stabt ber Sruberliebe, ber am lften Januar biefeS SaßreS, erft breißig 3aßre 
alt, feine Singen für immer gefcßloffen ßat. 9)lit feinem Sooe ift ein bebeu» 
tenbeS Sicbtertalent, ein fledenloS reiner, freier ©eniuS unfern JBliden für aUe 
gulunft entjogen worben, unb barum eben feßeint es uns eine heilige Sflicßt, 
auch unfere beutfeßen SJlitbrüber auf bie Serbienfte beS Serftorbenen aufmerl* 
fam ju machen. GS ift gewiß eine fchöne Slufgabe, bie Sichter unb flüitfilet 



291 


bcc Mitwelt, gleichviel welcher Station fw angeboren, au« bet Verborgenheit, 
welche jcoe neubegonnene Saufbahn umhüllt, an*« Sicht ber SBelt ju sieben, 
unb Sinteren, bie in ber Unruhe eine« gefchaftigen Seben« folche ©rfcheinungen 
nicht bemerten, ein “Ecce homo!” jujurufen. Unb wenn wir juerft auf 
ihn gewiefen unb ber groben Vruberfdjaft ben Sicbtf^ein gezeigt haben, ber um 
bie Stirn be« ( Center« gewoben ift, bann fagt e« 3eber bem Sintern, unb halb 
famntelt ftch eine ganje Schaar, welche ben fremben Mann tennt unb ehrt* 
Siefe fRtnge werben allmälig gröber, fie bebnen ftch wie bie Greife be« burch 
einen Steinwurf bewegten SBaffer«, unb halb fchwimmt bie unfeheinbare ©arte 
bc« $oeten auf bem bochgefchweUten Strom ber Volf«guuft. ©t wirb burch 
ihren 3uruf ermüthigt, er wirb ein immer fübnerer Segler unb erobert entlieh 
eine neue Sßelt. 

Vielleicht ift e« für bie Scfer ber SDeutfcben Monatshefte von einigem 3n» 
tereffe, bab eine beutfehe §anb unter ben ©rften war, welche auf ben neuen 
Stern ber Voefie beuten, ber Ieiber fo balb febon untergegangen, boch — hoffen 
wir — menigften« nicht in ba« Meer ber Vergeffenheit verfunten ift. Sobalb 
ba« befchcibcne Vänbchen Sorgan’fcber ©ebichte unter bem Stamen „Stubien 11 
(Studies) erfchienen war, au« welchem wir guerft bie fchöne „^bmne an bie 
Stacht" in einem euglifeben Vlatt abgebrudt fanben, fanbte eine beutfehe $anb 
aufgewühlte Ueberf,$ungen hinüber an ba« fenfeitige Ufer, bon benen einige 
(ieiber nur gu wenige) in ber bamal« bei (Samte in Hamburg erfWeinenben 
MonatSichrift Orion abgebrudt waren.*) Scheint e« boch, als» ob bei aller 
borauSgefefcten Schönheit ber Jorm unb ©ebiegenheit be« 3nhalt«, immer noch 
ein un« befonbet« fpinpathifcher ©eift in literarifchen Äunftmerfen enthalten 
fein müffe, um un« ju voller Vegeifterung hinjureiben. Ob ba« ©efen tiefe« 
fpmpathifchen ©elfte« auch häufig fihwer in befiniren ift, fo erfldrt e« fi<h boch 
hier butch bie borwiegenb phtlofophifdje Dichtung ber Sorgan’fchen (ßoefie, bah 
fte gerate beutfehe £er$en ju ftch hinjog. 

Seboch blieben wir mit tiefer Slnertennung lange 3eft vereinzelt, f) wnb 
erft einige Monate bor bem $obe be« Slutor«, al« eine brüte Auflage ber ©e* 
bichte erfchienen war, fing man an, fbinen Stauten in ben gelefenften englifchen 
(Blättern auSjubreiten unb gebührenb gu greifen; bon feinem Slblcben haben 
faft alle leitenben 3ournale in ehrenboUer ffieife Statij genommen. — Srom- 
melwirbel unb flanonenbonner haben in allen 3*üen bie filänge ber bichteri* 
fdjen Seiet übertönt, unb fo erflärt auch ^tcr ber Umftanb, bab ba« erfte ©r* 
fcheinen -ber “Studies” gerate in ben Slnfang unfere« groben Kriege« fiel, 
boflfommen bie ©leichgültigfeit, mit welcher ba« Vublifum ba« Sargebotene 
hinnahm, fowie bie verdatete Slnerfennung. 3u neuefter 3**t haben auch 
einige ber bebeutenbften Sachter Sllt*©nglaub3 bie Velanntfchaft ihre« trau«- 


*) Slu<h ber Vcobahtcr am #nbfon brachte einige gelungene Ucbcrtragungcn Sorganfhcr 
Sieber. 


t) £err Äafpar Vu& hat in ben früher ron ihm rebtgirten 3Konat«hefteit be« fungen 
Siebter« rühmlich Erwähnung gethan. 



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atlaiitifcben (Eollegen gemalt, unb btt freunblichfte ßutbigung war ihm itt bet 
[yorm ebrenber Anträge von boct sugegungen. Um fo mehr freut e« tm«, 
unter ben ^ovberften gewefen ju fein, welche ba« auftauebenbe Siebt bemertten 
unb ihm einen befdjeibenen ßotl ber SJerebnutg entgegentrugen. $n einem 
Vor etwa brei fahren in ber Evening Post erfebienenen ©cbicht an ben SBet* 
faffer wirb bcrfelbe einem ßolumbu« verglichen, welcher auf ba« von ibm ent« 
bedte (Eilanb brrabfinft unb über ba« buntle Slätbfel naebbentt, ob Sorbeer ober 
fletten fein Sohn fein werben; e« ift bie« barum cbaratteriftifd) für ben Siebter, 
toeii ein beifce« Surften nach bem guftimmenben ©ruft verwanbter Seelen, ja 
nach ber $alme be« [Ruhme«, alle feine Sieber burchglübt. §u einem attbern 
ibm bebicirtcn ©ebiebt (“Clairvoyant”) bei&t e«: 

„(!« wirb ein Jag einft fein, 

3 <h weif* e«, fo wirb’« gefdjeb’n: 

Sa im btüen Sonnenfcbein 
Seine Söüfte b<xb tnirb fteb’nl 
ffiitb fteb^n auf bem SRartie frei, 

Sirb fteb’n im goibtnen Saal; 

So ber Schönheit Gultu« fei, 

Sort tennt man Sich einmall* 

Unb wenn bie« hier aud? nur wiebergegeben ift ab ein 3*ugm| für bie 
flkgeifterung, welche ber tobte $oet mit$utbeilen oerftanb, fo ift e« boeh mehr 
al« wabtfcbeinJicb# ba£ btefe SBerfc wirtlicb bie 3afunft fpiegeltt; benn gewijj ift 
bie Qt\t nicht fern, wo man ben ÜRatnen unjered Siebter« einreiben wirb in bie 
3abl ber erprobten Farben 93rpaitt, Songfellom, Sbittier u. 8t. Obgleich e« 
nach bem votberrfebenb trüben ©eift, welcher bie Sorgan’fcheu [ßoefieen burch* 
jiebt, f^eineu fönnte, al« fei er nie au« bem inneren ßampf mit fiep birauäge* 
fommen, welchen febe Äünftlernatur ju befteben bat, ober al« ob Sehen unb 
Sichten bei ibm fetten gewaltigen unb unheilvollen Qonflitt beroorgerufen hätten, 
ber fchon fo mannen ©eniu« gebrochen unb feine Seben«bauec getürjt bat, — 
fo tonnen wir hoch verfichern, bah 3* 51* Morgan nicht ein mit ft<h jerfallener, 
träntlich-weltfchmer^licher $oet, fonbern tin ganzer SJtann war, herein 
gefunbe«, tüchtige« £erj im Söufcn trug unb an achtem, unbeweglichem [Re« 
publitautöniu« von ben tlaffijcben Patrioten ber alten Seit nicht hätte über« 
troffen werben tonnen. — 3>on väterlicher Seite irijeber 2ibftammung, war 
Sorgan in eugen, Heilten Umgebungen unb wohl nicht ohne Sorgen grob ge« 
logen worben, unb wie in vielen anberen gällett, fo mag wohl auch hier bie 
ihm angeborene Sehnfucht nach bem Schönen in bem Gontraft ber SBerbältniffe 
reiche Stabrung gefüllten haben. Huch für bie beutjebe Sprache batte Sorgan 
ein hob** Sntereffe, unb ftubirte fte flei&ig, mit gutem ©rfolg. 3n feinem pro« 
feffioneQen JBeruf al« Conveyancer of deeds („benn von bem Sorte, ba« 
au« ©otte« SJlunbe tomrnt, laitn man hoch fein 33rob baden 41 , wie er utt« ein« 
mal lächelttb fagte) foH er fub burch ©ef<bäft«lenntnifs unb einen fuhern 35Iid 
ebeufo febr wie burch Humanität ausgezeichnet haben. Sie er al« Sohn unb 




293 


©ruber lieheooll unb aufopferttb war, fp machte er Reh burch gefunbe Menfchen* 
fenntniR unb 2 oleran 3 auch in weiteren Greifen beliebt unb melfach nüfclich. 
©r felbft »crfic^crte uns in ber einfad)ften Seife, ba& er oft im Stanbe gewefen 
fei, bie wiberftrebenbften Parteien ju oerföhnen, unb 2eut^ bie na(b ber 2luS- 
fage Slnberer non Kiemaubeni unter einen $ut gebraut werben tonnten, leicht 
ju jähnten unb feinet SlnRcht geneigt ju machen. Man tönnte ihn in biefer 
Vinficht mit bem ^bilofopben ©oncotb, bem GinRebler $horeau (Salben) 
oergleichcn, über ben wir fpäter einmal $u berichten gebenten unb oon bem man 
erzählt, bajj er gifebe unb ©ögel, bie oor anberen Menfdhen febeu entflohen, 
leicht mit ber $anb fangen tonnte; nur bab Morgan, ber fi<h nicht egoiftiieh 
abfonberte, Reh baS noblere Siel erwählte, MenfchenRfcher ju fein. 

3n biefem ganzen ©änbehen “Studies”, baS au$ über jweibunbert 
Oftaofeiten befteht, finbet fich nicht ein einiges unbebeutenbeä ober gar roetth* 
lofeS ©ebicht. ©3 fcheint und, bafc bieS allein fchon ein grober unb feltener 
SBorjua ift, jumal bie in SRebe ftehenben ©oefieen in gehn fahren gefamntelt 
würben unb’ber 3lutor bei ber Verausgabe erft 27 3ahre alt war. Sir erin¬ 
nern uns bei 3)urd?lefung ber Sammlung oieüeicbt an SheUep ober ßeatS, wir* 
beuten auch wohl an ben gefrönten ©arben Sennpfon; hoch aber ift nichts Un¬ 
fertiges noch auch etwas SRachgeahntfeS in ben ©ebichten, Re finb oielmeht 
alle burchauS originell unb tiefinnig empfunben. $Die Ueberjeugung uub ber 
©rnft beS ©efuhlS Rnb barin bäuRg bis 311 religiofer Jeierlichfeit gefteigert, unb 
hoch überfchreitet baS ©athoS nie bie fünftlerifchen ©renjett, uno wir werben 
Oon ber Sahrbeit ber ©mppnbung mit hingeriffen. 

©he wir ben Schleier rnieber über baS tlntlip beS lobten jurüdfaflen 
lajfen, möge eS uns geftattet fein, hier noch einige Heine ©robeft feiner Sieber 
folgen 311 laffen, bamit bie Sefer ber Monatshefte wenigftenS nicht fagen ton¬ 
nen, es fei ihnen ein ©oet octropirt worben, oon bem Re gar nichts wüßten, 
man habe ihnen ©erehntng aboerlangt für ein wei&cS ©latt. ©S oerfteht Reh, 
fcafj ben nachfolgenben Ueberfepungen manche Schwäche jugut gehalten werben 
mub, welche bem Original fremb ift; eS ift bie alte ©efehiebte Oon bem fchitlern- 
ben Schmetterling, ben man nicht behutfam genug angreifen tann, unb bem 
man immer mit rauhen §ingem ein wenig oon feinem ©lüthenftaub abftreift.* 
j0ftt JUärtprem brr 

Ob auf bem Schlachtfeld hingemäht. 

Ob wo ber Rtichtftatt SRobe träpt, 

0 Freiheit, Seiner lobten Schaar, 

S)ir 3 ugetheilt, ftirbt nimmerbar. 

©S ftebt ihr Sam* am VimmelSjelt, 

©on allen 3 nngen in ber Seit 
Üönt jener Silben beifger Älang 
3 n alle ©migteit entlang. 

*) ©$ fagte Semanb, ba§ jebe Ueberfe&ung ein Jobtfd&lag fd, unb als er gefragt würbe, 
warum eT lieber auS feiner SKtmcrforcube tn eine frembe überfepe, als umgefehrt, antwortete 
er folgerichtig: „Seil man lieber feinen Setter tobtfcplägt als feine eigene äRuttcr. 


nm 




GSefpenfler. 

Huf unb ab an bem oben Stranb, 

Huf unb ab wogt ba« 5be 9Jleer; 

G« gittert burh be« Hebels Schein 
Uralter Sterne ©eifterbeer. 
gormlo« unb fchwarg liegt bugelab 
3 n Krümmern Tempel unb gürftengruft, 
©efpenfiige« gluftem lommt unb gebt 
Sei« rafcbelnb In gefpenft’ger Suft. 

©eit ©otter flob’n unb ^riefter auch 
Hu« jenen Stempeln — welche 3eit 
Serfhich! — wie lang’, feit im hoben 
Su Stein bermudj« bie Schroeigfamteitl 
Huf blid 7 idb but(b bie büftre Stacht: — 

3br Hätbfel meinen (Seift befällt; 

Gr mellt, ba er gewahrt, baf* mir 
3tur Schatten einer Shattenwelt! 

j0ie J5pl)9«r- 

3n Sieben ift bie Spbpny; geh’ nid&t babin, 

Stenn ihre Schönheit feffett be inen Sinn, 

Unb ihre« Säcbeln« Zauberhaft oerfübrt 
■ $en ©eift, ba& er nach ihren Siätbfeln fpürt. 

0 mebe Stern, ber fie nicht löfen tonn, 

Unb web’ auch 3 enem / ber ben Sieg gewann! 
Stenn menn bu feblft, bie Sabrbeit gu oerfteb’n, 
So mirft bu ihrer JRache Schreden feb’n. 

$o<h menn ihr Stätbfel bu erratben baft, 

So minft nicht miitber bir be« Xobe« SJlaft; 

Stenn fie oerfmtt in !Uad?t. .♦.9)lit Seufjerbauch/ 
Um bie ©erfunPnc tlagenb, ftirbft bu auch. 

Pie £ a tu i n t. 

Sie fern auf hohem ©erge«lamm, 

©eräufchlo« unterm Sollenbamm, 

Ster Schnee ftch glod 7 auf glode legt, 

©i« einft ein SBinbhauch ihn bemegt — 

So fammeln auch tief*innerlich 
3m SJichterbergen fchmeigenb ftch 
©ebanlen unb Sorte übeneich.... 

SDoch macbtlo«, unbemegt uub bleich — 



295 


m 


Big, wenn bic rechte Gtunbc {erlägt, 

Gin «£>aucb beS Siebs Sawine trägt, 

Unb bonnernb manch 3ahrhunbert lang 
55aS G<ho tvteber^aCIt ben Gang. 

55er Befcfcränfung beS Raumes wegen tonnen wir leiber nkßt mehrere ber 
Ueberfefcungen wiebergeben; hoch machen wir bie Sefer auf ba$ fchöne Sieb 
* 2 ln bie Gterne" (Y© swiffc and proud), ben ^Sriumpb 11 , bie „©abrbeit", 
ben „^oeten", ben „Gdjaufpieler", bie „Gtatue" unb viete anbere fchöne 
Hummern ber Gammlung aufinerffam. 

Gönnen wir nun bem jungen Siebter ,bie Wube beS Boctb*, mit welcher 
feine fchöne Gammlung abfchließt. Gin jweiter Banb, ben er hinterlaffen unb 
ber vielleicht noch im Saufe biefeS SahreS erfcheinen wirb, mag beffer Reifen, als 
unfere G%e e§ im Gtanbe ift, ben Wubm beS würbigen Sobten gu verbreiten. 
5>ie Siebe, bie ihm nachfolgt unb bie nur ein umgewanoeltgr tluSfluß feiner 
eigenen ift, wirb ihn unfterblicb machen. 

Unb nun, naebbem wir auf ben $üge( beS Unvergeßlichen einen Sorbeet* 
jweig niebergelegt haben, (aßt uns auf feine ©ebenltafel fchreiben: 

„ 3 n alle 3 utunft bleibt er febimmemb fteheit, 

<§in heller Gtern am girmament ber ©eit, 

Ob auch bie SBinbe feine gotm verwehen, 

Ob auch bie 5)enlerftitn ju Gtaub gerfätü.". •., 


Siebenhundert ^teilen in ber 3 tage. 

(Bon Oregon nach Galifornien.) 
Xntri(tifch*ethno 0 rabhif(he -GfUje ron $b<obor Jttrdftoff. 


n. 


3)aS Sbal beS Umpqua ift wiebaS beS ©iüamcttefluffeS außerorbentlich 
fruchtbar unb erfreut baS Sluge burch gabireiche unb mohlbeftedte garmen. 
55er Uebergang über bie Gallapopaberge bot (eine bebeutenben Gchwierigleiten, 
ba fic fehr allmäblig emporfteigen. Gie ftnb bicht bemalbet # unb nadfte gelfen 
treten nur feiten aus ihnen gu Sage. Srofcbem unb obgleich es feit bem Slbenb 
wieber heftig gu regnen angefangen, würben bie Baffagiere aufgeforbert, aus* 
gufteigen unb ben Uebergang gu guß gu machen, um bie Bferbe nicht allgu fehr 
gu ftrapajiren. 5)a biefeS für uns bie gweite fcßlaflofe Wacht war feit wir 
Bortlaub verlaffen hatten, fo tann man fleh benten, baß biefet Befehl eben 
nicht mit GnthufiaSmuS entgegengenommen würbe. Wber ba half fein Brotefti* 
renl Gchlaftrunlen wanltett wir geplagten 6 tage<Weifenbeci burch bie Bf^n 
unb unter ftrömenben Wegenfchauern über bie Gallapopa-Betge, alle Webfoot- 
Autfcher aus tiefftenr ©ruube unferer Seele verbammenb. 

©aS wir am folgenben Sage, als fuh baS ©etter ®ottlob wieber auf« 




20 



296 

Harte, non bem 3^ale bed Umpquaflajfed $u fehen befamen, nahm ftch 
redjt romantifch aud. 3>ad breite $hai war mit üppiger Vegetation bebedt, 
birr 2Balb, bort Prärie. Slud 2efcteret erhoben fub bi« unb ba regulär ge* 
formte Vergfegel, bie theild mit ©rad, theild mit ©alb bebedt waren, unb bie, 
mitunter bid *u acbtbunbert gufj bo<b aud ber ©bene auffteigenb, bem 2luge 
eine angenehme Slbwedjdlung barboten. 

lieber eine niebrige £ügelreibe gelangten wir aud bem £halebed Umpqua 
in bad bed Sdjurtenfluffed (rogue river), ein äu&erft jweibeutiger 9tame. 
$och finb in ben SDtineulänbern am Stillen Steere bergleicben Äraftnamen febr 
beliebt unb hier feinedwegd auffalleub. $iefelbeu fteben meiftentheild in ge* 
nauer Vejiehung $u ben Jugenben ber Vewobner folget 2)iftrifte. Oft hört 
man kanten »on Drtfchaften, 2Jtinen ober bergleicben, bei beren Nennung eine 
wohlerwogene 2)ame errötben müfjte. ättan ftede ficb fr V. Flamen nor wie bie 
folgenben, welche feinedwegd ju ben fcblimmeren gehören: “Hangtown”, 
“Rascars hoHow’*, “Murderer’s hole”» “Cat tail diggings”, “Hell 
gate”, “Stinking water’’ &c., unb man wirb bem Verfaffer Dtecbt geben, 
wenn er bie ^Behauptung aufftellt, bafc folcbe Manien bem 2anbe, »o fte nor* 
tommen, einen äufcerft jweibeutigen ©baralter geben. 

Schon an bem Vamen biefed £bokd ertannte ich, ba& biefed ein Seinen* 
biftritt fein muffe. S)ie Speichen bterfär würben noch beutlicber je mehr wir 
und ber Stabt ^adfonmtle, bem ©entrunt bed üUlinenbiftriftd bom {üblichen 
Oregon, näherten. 

S)er Scburtenflujj burchbricht, wie ber Umpquaflufj, bie ©oaft SKange, 
aber in einem fo engen unb felfigen $balbette, bah ed unmöglich gewefen, an 
feinem Ufer hin eine Verbinbungdftrabe jmifcben bem Vinnenlanbe unb ber 
SHeeredtüfte her^uftellen. Sin ihm, fowie an feinen Vebenflüffen, bem ©bidlep* 
flub, 2)laulefelbach, $iftolenflu&, unb wie fonft bie (haratteriftifchen Vamen 
biejet ffiafferläufe alle beifeen mögen, finbet mau törnigcd ©olb in bebeutenben 
Ouantitäten. $ie Vtinen fmb jebocb meiftend audgearbeitet unb je^t jum grcfe* 
ten Xheile im Veftfce von ©btnefen. SDiefe laffen fuh bie ÜDtübe nicht oerbrie* 
ben, biefelben nochmald burchjuarbeiten, unb begnügen fi<h mit bem geringeren 
©rtrage, ber ben alten californifcben ©olbgtäbern, bie.jefct meiftend nach 3babo 
gewanbert fmb, nicht mehr genügte. £in unb rnieber begegneten wir langen 
Sügen folcher bejopfter 3&bnd, nach 2lrt ber ^nbianer immer ©iner hinter bem 
2 lnbem in einer langen 9teibe marfchirenb, unb mit trummen ßnieen elaftifch 
audfchreitenb, wobei %tUx non ihnen eine Schaufel mit jwei, je non einem 
©nbe berfelben hängenben Vünbeln auf ber Scbiilter bafancirte. 

S)ie ©hinein fmb bei weitem bie arbeitfamfte 9ftenf<henftaffe an biefer 
jtüfte; aber ihre focialen unb moralifcben Safter überwiegen biefe einjige ihnen 
augeborne Xygenb fo weit, ba| man fte trofebem dicht widtommen beifit, fon* 
bern eben nur bulbet. 


$ad Ueberarbeiten ber ©olbmmen burch bie ©hinefen bringt betH Sanbe 
unb ber ©efeßfchaft hier nur wenig Stufen, ©inet biefer Söhne bed äimmeld 





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flieht auf unferee amerifanifdjen ©rbe fo gut wie flat nicht« non feinem erwor¬ 
benen SReicbtbum au«, webet ju feinem eigenen Komfort, noch gum allgemeinen 
SBeften« ©r benft nur baran, möplichP fdmefl möglicbft mel (Selb gufammen* 
guphanen, um al« rooblbabenber ßJtann balb nach feinem geliebten bimmlifeben 
SBaterlanbe gurüdfebren ju tönnen, unb (acht tm Stillen bie gutmütbigen 
iBatbaten au«, welche ibm erlauben, ba« ©olb au« ihrem Sanbe fortjubolcn.' 
©nglifch lernen pe nur notbbürftig unb weil fte e« müffen, um pcb mit ben 
^Barbaren, bie ihre flafpfcbe Sprache nicht erlernen tönnen, nerpänblicb gu ma« 
eben; unb erreicht ©inen bon ibpen ber 2ob im fremben Sanbe, fo wirb er oon 
feinen 33rübern aU Setcbe nach ©bina jurücfgefanbt, ba pe e« für eine ©nt* 
toeibung ballen, im SBarbarenlanbe gu ©rabe bepattet gu werben. 

’3U« mir gegen Slbenb nur noch etwa acbtgebn englifebe ÜReilen non 3 ad- 
fonniüe entfernt waren, wo, wie e« biep, bie Stage Pier Stunben petweilen 
feilte, um ben ermübeten IReifenben ©elegenbeit gu geben, etwa« erfripbeitben 
Schlummer gu erbafeben, wa« febr notbwenbig war, ba auf ber Sßeiterreife bi« 
nach äJtarp«pille bin nirgenb« mebr länger, al« 3 eit gum ©ffen gu geben, un¬ 
gehalten würbe, — machte unfere Stage plßpfich mit einem ominßfen ©etracb 
eine feltfam febiefe ^Bewegung nach hinten, in ^olge welcher fämmtlicbe $affa- 
giere über* unb burdjeinanber in bie bmterfte linfe SEBagenecfe rollten, ©ottlob 
blieben bie Sßferbe fofort fteben, fo bap auper einigen gerfebunbenen ©epebtern 
unb penenlten ©elenfen weiter fein Unglüd gefdjab. 

811« wir un« au« ber gufammengebroebenen Stage betPorgearbeitet batten, 
bemerlten wir gu unferm nicht geringen Berger, bap eine« ber £interräber, 
woran ber ©ifenring fehlte^ ber wäbrenb ber gabrt abgelaufen fein mupte, gcr* 
fcbellt fei. 3e(t war guter ftatb tbeuer. Um noch geitig genug für ben 8 I 11 - 
feblup an bie ©alifornia-Stage nach 3 a<ffonoiHe gu tommen, mupten wir per- 
fueben, womöglich ein neue« gubrmert aufgutreiben. 

S)en fiitticber bei ber jefct nuplofen Stage unb bem ©epäd gurüdlaffenb, 
wanberten fämmtlicbe 8 £ ^affagiere auf ber Sanbftrafce etwa gwei ©teilen por- 
wärt«, um £ülfe gu fueben, bie Spontaner ihre fecb«gig Sßfunb febwere toftbare 
©antena mit pcb fcbleppenb, al« ptögfiä gu tmferer greube bie fröhlichen 
JUänge einer ©eige an unfer Ohr feblugen. S)iefb Vmt tarnen au« einem au 
ber Sanbftrape gelegenen 2öirtb«baufe, ba« wir balb erreichten, wo bie IBewob- 
ner ber Umgegenb pcb gum 2 ^nge berfammelt batten. $n ber JBorbaße, 
welche al« Sangfaal biente, fap ein ©egetmupfant hoch auf einem Sifcbe unb 
firtcb ohrgerreipenbe ©telobieen Pon feiner gibel herunter, gu welchen bie 3nng 3 
gefeüfcbaft pcb in oerfcbnörfelten ©otillon«, bei benen bie giguren wie auf ber 
SBacbtparabe laut tommanbirt würben, mit unnennbaren $a«.peif bin unb her 
bewegten. 

9iur mit groper ©tübe, mit Bnwenbnng groper ©ebetunp, bie einem 
SBebfter ober Galhoun gur ©bre gereicht, unb mehr faplicher blautet Uebergeuger 
in ©efjtalt oon bereinigten Staaten ©olbmüngen, gelang e« un«, einen alten 
3)auernwagen aufgutreiben, beffen menfcbenfrennblicher ©igentbümer pcb erbot. 


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und für-bie ÄCcmigfett ton §man§ig 3)o8ar$ tn ©olb fofort ncbft ©epäd nach 
Sadfontifle ju fchaffen. ©S teegingen jebcch mebtertStunben, ehe untere ©y* 
trapoft marfchfertig mor, nnb $ebn Uhr mar längft totbei, ehe bet Sagen mit 
bem ©epäd ton bet Stage §urüdfam unb bet gubrmann, ber etft noch einen 
©irginia-Steel mHgeiattgt, uns erfuchte, eingufteigen. 

2)iefeS »ar leistet gefagt als getban, ba auf bem leineSmegS geräumigen 
febetlofen Sagen leine Si&e angebracht mären. SDutd? Sneinanberfcblagen 
unferet ©eine, unb baS ©epäd, fo gut eS fid? machen lieb, als Seffel benufeenb, 
gelang eS uns jeboch gulefct, jämmtlicb in unferet Äaroffe ein Unterlommen ju 
finben. ©üblich ging'S, bei Suna’S blaffem Schimmer, auf bet nichts meniget 
als einet beutfdjen ©hauffee ähnlichen Sanbftraße meitet nach Sadfontiße, mo 
mit um brei Uhr borgend, halb getäbert ton ben Stöben beS febetlofen Sa* 
genS, glüdlidh anlangten. ©I mährte jeboeb geraume Seit, ehe ich in meinen 
©einen, bie ich megen ihrer bebeutenben Sänge auf ber Steife mie ein türlifcher 
3)ermif<h — um uidbt baS unpoetifche ©leicbnifj eines SchneiberS ja benufcen— 
unter mich geftedt, mieber beS pridelnben ©efühls eines neu ermachenben ©lut* 
Umlaufs mich erfreute unb mich getraute, feft auf bie ÜDtuttererbe ju treten. 
3)a bie ©alifomia-Stage bereits in einet furzen Stunbe meiteefahren tollte, fo 
mat fclbftterftänblicher Seife an Schlafen gar nicht gu benlen; eine graufame 
©nttäufchung für uns atmen in bet Stage reifonben ©olbtouriften. 

Sadfontille, ber bebcutenbfte Ort beS füblichen Oregon, liegt etma 130 
cnglifcbc Steilen ton ber Seelüfte unb 297 ton ©ortlanb entfernt. 2)ie 
Stabt, an bet Sübgrenge .eines fruchtbaren ShaleS gelegen, ift baS ©entrum 
eines auSgebehnten SinenbiftriltS. $ier beginnt bie natürliche ©renge bet 
©olblaget beS nörbKchen ©alifornieu, ehebem bie ergiebigften an biefet ßüfte. 

Kbet ba alte ©lanj biefet Sinenbiftrilte ift längft bahnt. £ie an ber 
Oberfläche liegenben ©ololager futb auSgemafcbcn, unb mo fonft bet untemeh* 
menbe SJtiner mit Schaufel «nb ©olbmäfcherpfanne ungejählte Steichtbümer mit 
Seichtigleit einerntete, bort forbert eS jeftt ben ftftematifchen ©etricb grober 
Äompagnieen unb bie älnmenbung loftfpieliger 2)tafcbinerieen, um bie tiefer 
liegenben Schäle ju beben unb ben Sergbau nüfclich gu machen, unb Inauferige 
©hinefen, gobnS, mie fie hier gu Sanbe lurjmeg genannt merben, haben jum 
grö&ten 2heil ben ©lafe ber freigebigen alten californifchen ©ofbgväber genom¬ 
men. «ganbel unb Sanbel aller 2lrt, melche ehebem an biefen flotten ©urfchen 
bie heften flunben in ber Seit hatten, liegen jefct hoffnungslos banieber, ba 
ton ben langgejopfte« Xartaren ein Kaufmann laum baS gum Sehen nötige 
Sal§ terbienen fann, unb bie groben fiompagnieen ihren ©ebarf meiftenS en 
gros ton San .granciSco begieben. Käufer unb ©runbftüde, bie ehebem fa¬ 
belhafte ©reife brachten, ftnb jefct faft foertbloS. 

So peht eS mehr ober meniget beut gu Sage in faft affen SJIinenbiftrilten 
©alifornienS aus. ©iele ©egenben biefeS herrlichen SanbeS gleichen eher be¬ 
wert einer teralteten fübeuttpäifchen Stonarchie, als folchen beS meltberübmten 
jungen ©olbftaateS an ben Ufern beS Stillen StteereS. SlßerbingS finbet 


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man in Kalifornien noß immer Steißtbümer in großen Waf